Arbeitersiedlung Eisenheim 1
1 Einleitung
Im Rahmen des Hauptstufenseminars „Einführung in die Siedlungs- soziologie“ im Sommersemester 1999 habe ich mich mit dem Text von ROLAND GÜNTER (1977) „Eisenheim - das ist eine Art mitein- ander zu leben“ auseinandergesetzt.
„Der Siedlungsbau im Ruhrgebiet muß immer im engem Zu- sammenhang mit der industriellen Entwicklung gesehen werden“ (CLAAßEN 1988). „Die Bauform jedes Altbaus überliefert historisch soziale Möglichkeiten“ (GÜNTER, R. 1977:294). In jeder Arbeitersied- lung lassen sich konkrete und detaillierte Erfahrungen für eine alter- native soziale Planung gewinnen (vgl. GÜNTER, R. 1977:295). Daher bilden Entstehung, Architektur, Entwicklung und Leben dieser Berg- bausiedlung den Schwerpunkt meiner Arbeit. Vorher gehe ich auf die Entstehungsgeschichte der Gutehoffnungshütte ein, denn nur durch ihren wirtschaftlichen Aufstieg wurde es nötig für die große Zahl zu- gewanderter Arbeitskräfte Wohnungen zu schaffen.
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2 Die historische Entwicklung der Gutehoffnungs-
hütte bis zum Bau der Arbeitersiedlung Eisenheim
Durch das natürliche Vorkommen von Sumpf- und Raseneisenerz entstanden zwischen 1758 und 1791 im heutigen Gebiet von Ober- hausen nacheinander drei Eisenhüttenunternehmen. Aufgrund der damaligen politischen Situation in Deutschland lagen diese drei Hüt- ten auf drei verschiedenen Herrschaftsgebieten.
Die 1758 entstandene Hütte „St. Antony“ in Osterfeld lag auf dem Gebiet des kurkölnischem Vest Recklinghausen. 1782 entstand die „Gutehoffnungshütte“ im Dorf Sterkrade, welches zum preußi- schen Herzogtum Cleve gehörte. Die Eisenhütte „Neu Essen“ an der Emscher bei Schloß Oberhausen lag auf dem Gebiet des Stifts Es- sen. (vgl. GUTEHOFFNUNGSHÜTTE STERKRADE AG 1958:10) Ihre Standorte am Unterlauf der Emscher wurden wegen der heimi- schen Erzvorkommen gewählt, ihre Gründung aber verdanken sie vorwiegend ihren Landesherren, die aus Gründen des staatlichen Wettbewerbs eine eigene Hütte auf ihrem Hoheitsgebiet wünschten. Die wirtschaftliche Grundlage der drei Hütten war aufgrund der hohen Dichte auf dem engen Raum sehr gering. Ebenso wurden die Entwicklungsmöglichkeiten der Hütten durch den „Flickenteppich Deutschland“ mit seinen vielen Grenzen und Zollhoheiten gehemmt sowie auch durch die Folgen der Französischen Revolution. Die Hüt- ten gerieten in wirtschaftliche Schwierigkeiten und wechselten mehr- fach Pächter und Eigentümer. Dadurch wurden die drei Hütten schließlich zusammengeführt, denn der ehemalige Hütteninspektor Gottlob Jacobi erwarb mit seinen Schwägern Gerhard und Franz Ha- niel 1805 die Hütten „St. Antony“ und „Neu Essen“. Die dritte Hütte, die Hütte „Gute Hoffnung“, wurde 1808 von der Witwe Krupp an Hein- rich Huyssen verkauft und damit auch an die mit ihm verschwägerten Besitzer der Hütten „St. Antony“ und „Neu Essen“.(vgl. GUTEHOF- FUNGSHÜTTE STERKRADE AG 1958:17)
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„Vom 20. September 1808 datiert der „Societaets-Contract“, in dem die drei Hütten zu einem Unternehmen zusammengefaßt wurden, der Firma „Hüttengewerkschaft und Handlung Jacobi, Haniel & Huys- sen““ (GUTEHOFFUNGSHÜTTE STERKRADE AG 1958:17). Nach Beendigung der Befreiungskriege im Jahre 1815 folgte nach dem Zusammenschluß der Hütten auch die territoriale Vereini- gung, die Landschaft zwischen Lippe, Ruhr und Rhein wurde dem Königreich Preußen eingegliedert und damit auch einem größeren und einheitlichen Zoll- und Wirtschaftsgebiet. Zwar wurde dadurch eine günstigere wirtschaftliche Voraussetzung für die Hütten g e- schaffen, aber eine ausreichende Versorgung der Hütten mit Roh- stoffen für die Eisenerzeugung war noch nicht gewährleistet. Mit dem seit dem Mittelalter üblichen Verfahren der Verhüttung von Erzen mit Wasserkraft und Holzkohle konnte man den Wettbewerb mit dem britischen Roheisen nicht mehr begegnen. So wurde i mmer mehr Roheisen aus England bezogen.
Erst Anfang der 19. Jahrhundert, als Franz Haniel das Durch- stoßen der Mergeldecke, „eines direkt über der Kohle l agernden, stark wasserführenden Gesteins aus Ton und Kalk von sehr harter Konsistenz“ (Reif 1986) gelang, wurde man konkurrenzfähig gegen- über dem englischen Roheisen. Für die weitere Entwicklung der Gu- tehoffnungshütte war die Überwindung der Mergeldecke von beson- derer Bedeutung, da nun die auf industrieller Grundlage geförderte Steinkohle zur Roheisenherstellung genutzt werden konnte.
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Durch das Wachsen der Eisen- und Stahlindustrie wurde der Arbeiterbedarf ständig gesteigert. Arbeitskräfte wurden zunächst aus den umliegenden bäuerlichen Regionen Westfalens und des Rhein- landes (Nahwanderung), dann in zunehmenden Maße aus Ost- deutschland und polnischen Gebieten (Fernwanderung) angeworben (vgl. GÜNTER, J. 1980:16). Diese Arbeiter b evorzugen ihre her- kömmliche ländliche Siedlungsform. Um die Bedürfnisse der Arbeiter im Bereich Wohnen zu befriedigen, wurden Siedlungen gegründet. Die Gutehoffnungshütte schuf in vorausschauender sozialer Planung im Jahre 1846 die erste Arbeitersiedlung im Ruhrgebiet, die „Kolonie Eisenheim“ in Osterfeld (vgl. GUTEHOFFUNGSHÜTTE STERKRA- DE AG 1958:22).
3 Die Arbeitersiedlung „Kolonie Eisenheim“ –
ein Beispiel für ein intaktes Sozialgefüge
Die Arbeitersiedlung Eisenheim gehört zum Stadtteil Osterfeld, der im nördlichen Teil der heutigen Stadt Oberhausen liegt. Die Siedlung ist insgesamt 6,93 ha groß, ihre Breite beträgt rund 350 m und ihre Länge rund 400 m. Das Gelände, auf dem die Siedlung gebaut wur- de, war ein ehemaliger Acker des Bauern Wesselkamp.
1844 begann die Gutehoffnungshütte mit dem Bau der Sied- lung Eisenheim. Schöpfer dieses frühesten industriellen Sozialwerks an der Ruhr war Wilhelm Lueg, Nachfolger von Gottlob Jacobi. „In der Form von Zwei- und Vierfamilienhäusern mit getrennten Eingängen für jeden Mieter sollten diese ersten Werkswohnungen ein Heim für den Arbeiter sein und ihn vor dem Wohnungselend in Mietskasernen ebenso schützen wie vor Wuchermieten der Bauspekulanten“ (GU- TEHOFFNUNGSHÜTTE STERKRADE 1958:22).
ROLAND GÜNTER (1977:296) stellt in seinem Text „Eisenheim -das ist eine Art miteinander zuleben“ die These auf: „Die Arbeiter haben spezifische Arbeitsformen. Sie entwickeln spezifische Lebensformen.
Arbeit zitieren:
Gisela Prey, 1999, Arbeitersiedlung Eisenheim, München, GRIN Verlag GmbH
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