Einleitung 4
A) Freuds Bild vom Menschen 5
B) Das Phänomen der Angst 7
I. Der Begriff der Angst 7
II. Das Wesen der Angst 8
)C Das Verhältnis von Angst und Sexualität 11
I. Symptome und Ätiologie der Angstneurose 11
II. Angst aus verdrängter Libido 13
III. Verdrängung der Libido aus Angst 18
IV. Die kindliche Angst 20
D) Neurotische Angst - Realangst 24
I. Die neurotische Angst 24
II. Realangst 25
III. Verbindung von Realangst und neurotischer Angst 27
IV. Angst und Schuld 30
E) Angst und Gefahrsituationen 35
I. Die Gefahrsituation in den einzelnen Entwicklungsstadien 35
II. Trennungsangst 36
III. Die Bedeutung der Gefahrsituation für die Angst 38
F) Die Geburtsangst 43
G) Schluß 50
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Einleitung
Eines der größten Probleme, mit dem Sigmund Freud während seiner gesamten Forschungstätigkeit konfrontiert wurde, war das der Angst.
Immer wieder stellte er sich dieser Problematik, und schon deshalb erweist es sich als schwierig, all die Spuren, die sie in seinen Werken hinterlassen hat, mit ihren vielen Verästelungen und gelegentlichen scharfen Kehren aufzuzeigen.
Eine weitere Schwierigkeit liegt in der Art und Weise, wie Freud sich um die Klärung des Wesens der Angst bemühte. Da er versuchte, sich von den verschiedenen Seiten in immer neuen oder korrigierten Ansätzen dem Angstproblem zu nähern, fällt es schwer eine systematische Darstellung seiner Gedankengänge zu geben.
So taucht ein Gedankengang, der abgeschlossen scheint, an anderer Stelle erneut wieder auf, um nun, eventuell in abgewandelter Form, einen anderen Verlauf zu nehmen. Oder er bestreitet in einem Absatz eine These, die er im nächsten Satz wieder aufnimmt, als hätte er sie nie verworfen.
Ein Grund für diese Haltung dürfte wohl die Tatsache sein, daß er sich über die Probleme klar werden wollte. Wegen dieser Eigenart Freuds sah ich mich berechtigt, kritische Anmerkungen an Ort und Stelle einzufügen. Ich bin mir bewußt, daß der Ablauf dadurch manchmal gehemmt wird, dies erscheint mir jedoch weniger gravierend als eine am Ende angefügte, nicht mehr im direkten Zusammenhang stehende Kritik. Um den Umfang der vorliegenden Arbeit einzugrenzen, wird bewußt auf die Darstellung der Freudschen Abhandlungen über die hysterischen und phobischen Ängste verzichtet. Jedoch werden die Erkenntnisse, die er aus diesen Studien gewonnen hat, soweit erforderlich, berücksichtigt. Aus demselben Grunde werden auch die psychoanalytischen Grundbegriffe wie „Es“, „Ich“, „Über-Ich“, „Verdrängung“ u.a. als bekannt vorausgesetzt und im Hinblick auf ihre Aussagen im Zusammenhang mit dem Begriff der Angst abgegrenzt.
So kann die vorliegende Arbeit nur ein Versuch sein, „die Angst bei Freud“ umfassend
darzustellen und zu würdigen.
Unter Berücksichtigung der systematischen Zusammenhänge wurde versucht, in chronologischer Folge, die einzelnen Stationen, Ansätze und Einflüsse Freuds, auf dem Wege, eine einheitliche Angsttheorie zu gewinnen, aufzuzeigen.
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A) Freuds Bild vom Menschen
Die Psychoanalyse beruft sich auf naturwissenschaftliche Prämissen. Erst nachdem sich etwas im Lebenskampf bewährt hat und funktionell wichtig geworden ist, wird es den psychischen Zielen dienstbar gemacht. 1)
„Auf diese Weise sieht Freud den Menschen biologisch oder wissenschaftlich determiniert. Und auch die Angst, die für die menschliche Reifung von so immenser Bedeutung ist, ist nach seinen Worten in der biologischen Natur des Menschen begründet.“ 2) Nach Freuds Auffassung sind also die Erfahrungsweisen und die seelische Struktur des Menschen durch seine Natur festgelegt. Dieses Menschenbild entspricht seiner biologischen Anthropologie. Auf Grund dieser Vorentscheidung stellt er auch nie die Frage, wieso dieser Mensch sich überhaupt ängstigen kann. Dagegen beantwortet er mit einleuchtenden Erklärungen eine ungestellte Frage, nach der Art der Beschaffenheit des Menschen, aus der seine Ängste und deren Entstehung zu erklären seien. Seine Orientierungspunkte, unter welchen er „die psychische Entwicklung des Menschen und seinen Energiehaushalt beschreibt“ 3) , liegen im Bereich des naturwissenschaftlichen und biologischen. 4)
Sein Interesse für das Phänomen der Angst gliedert sich in eine psychologische und eine physiologische Betrachtungsweise auf, und ebenso zweigleisig verfährt er bei seiner Arbeitsweise. 5)
Die Natur des Menschen wird für ihn in den Artcharakteristika Bewußtsein und Affektivität faßbar. „Die Angst selbst ist ihm ererbte Konstante, im seelischen Strukturverhältnis.“ 6) Sie ist „Ausdruck einer generellen, zur Erbschaft gewordenen Hysterie.“ 7) Obwohl der Mensch für Freud letztlich generisch bestimmt ist, wehrt er sich dagegen, als Norm gültige Grenzen anzugeben.
„Wir haben erkannt, daß die Abgrenzung der psychischen Norm von der Abnormalität wissenschaftlich nicht durchführbar ist, so daß diese Unterscheidung trotz ihrer praktischen Wichtigkeit nur ein konventioneller Wert zukommt.“ 8)
1) Vgl. Freud, Sigmund: Gesammelte Werke Band XIV, Reprint 1955 by Imago Publishing CO., Ltd., London, S. 379 In allen folgenden Literaturangaben werden Freuds Gesammelte Werke abgekürzt: z.B.: G.W. I, S. 10; dabei beziehen sich die römischen Ziffern auf die Bandzahl, die arabischen auf die Seitenzahl. (genaue Bezeichnung siehe Literaturverzeichnis)
2) Adler-Vonessen, Hildegard: Angst in der Sicht von S.Kierkegaard, S.Freud und M.Heidegger, in: Psyche, XXV.Jg.
1971, Heft9, Ernst Klett Verlag, Stuttgart, S. 708
3) ebenda, S. 709
4) vgl. G.W. XI, S. 420
5) vgl. GW. XIV, S. 186
6) Adler-Vonessen, a.a.O., S. 710
7) G.W. XI, S. 411
8) G.W. XVII, S.125
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Als seine Aufgabe sieht er es an, Gesetzmäßigkeiten, die Auskunft über das Typische geben, aus den Störungen des Natürlichen abzuleiten. Denn als Arzt kommt er ohne die Vorstellung von dem, was als gesund und damit als normal zu gelten hat, nicht aus. Damit erkennt er als Wesenszug des Menschen von dem, was als gesund und damit als normal zu gelten hat, nicht aus. Damit erkennt er als Wesenszug des Menschen die Abweichung vom Normalen, die Möglichkeit zur Krankheit an. 9) Aus seiner Erkenntnis heraus, daß der Mensch nicht durch meßbare Normen festlegbar ist, beurteilt er ihn zwar nicht nach vorgegebenen traditionellen oder wissenschaftlichen Maßstäben, dennoch beansprucht er das „Apparate“-Bild, um das Seelenleben des Menschen zu erklären. 10)
Seinen widersprüchlichen Aussagen betreffen auch sein Bild vom Menschen. So sieht er ihn einerseits als zusammengesetzt „wie ein Fernrohr, eine Mikroskop u. dgl.“ 11) , „andererseits arbeitet er auf das Ziel der Bewußtseinserweiterung hin, der Überführung von Es-Anteilen in die Ichorganisation, was nur möglich ist, wenn der Mensch eine substantielle Einheit bildet.“ 12),13)
Der Ausgangspunkt zum Verständnis des Phänomens der Angst im menschlichen Dasein muß das Erleben der Angst sein, und dieses bleibt identisch, selbst wenn die unterschiedlichsten Vorgänge zur Auslösung der Angst führen. Der Mensch leidet - so Freud„unter den Drohungen von dreierlei Gefahren, von der Außenwelt her, von der Libido des Es und von der Strenge des Über-Ichs. Dreierlei Arten von Angst entsprechen diesen drei Gefahren, denn Angst ist der Ausdruck eines Rückzugs vor der Gefahr.“ 14) Erstaunlicherweise gibt Freud hier anstatt der Unterschiede die Gemeinsamkeiten der Angstarten an.
Als wesentliches Moment stellt er heraus, daß der Mensch etwas als beängstigend erfährt.
Das eigentlich anthropologisch Bedeutsame ist, daß er sich selbst und die Dinge seiner Umwelt als Angst erregend erfahren kann.
9) vgl. Adler-Vonessen, a.a.O., S. 710
10) vgl. G.W. XVII, S. 67
11) G.W. XVII, S. 67
12) Adler-Vonessen, a.a.O., S. 711
13) vgl. G.W. XIV, S. 124
14) G.W. XIII, S. 286
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B) Das Phänomen der Angst
I. Der Begriff der Angst
Das Wort „Angst“ wird von dem Lateinischen „angustiae“ abgeleitet, das soviel wie Enge, Mangel, Not und Schwierigkeiten bedeutet.
Angst, so sagt uns die Sprache, ist Angst „vor etwas“ aber auch „um etwas“, und es können als Beispiele angeführt werden: vor einer Gefahr, vor dem Bösen, vor der Rache, vor dem Zorn, und Angst um einen Menschen, um das Gute, um die Liebe usw. 15) Unter ausdrücklichem Verzicht, was im Sprachgebrauch unter Angst verstanden wird, ob Angst „Furcht, Schreck das Nämliche oder deutlich Verschiedenes“ 16) bezeichnet, nennt Freud die einzige Unterscheidung im wissenschaftlichen Gebrauch des Wortes: „angst bezieht sich auf den Zustand und sieht vom Objekt ab, während Furcht die Aufmerksamkeit gerade auf das Objekt richtet.“ 17)
Um es vorwegzunehmen, Freud sieht die Verschiedenheit der beiden Tatbestände Angst und Furcht zwar deutlich 18) , aber er hält diese terminologische Differenzierung in seinen Arbeiten nicht konsequent durch, denn sie wird für seine Untersuchungen unerheblich. Er setzt vielmehr zunächst den Begriff der neurotischen Angst, die aus den Triebansprüchen erwächst, dem der Realangst gegenüber, die für all diejenigen psychischen Tatbestände steht, die mit den Gefühlen Furcht, Schrecken, Entsetzen u.ä. einhergehen, und im Rahmen der Psychoanalyse ist es legitim, „die bei der Untersuchung der beobachteten Tatbestände angewandten Begriffe nicht von vornherein minutiös zu definieren, sondern zunächst deren Bedeutung und Umgrenzung im Sinne des allgemeinen Sprachgebrauches zu verstehen.“ 19) So spricht Freud, wo man besser das Wort Furcht benutzen sollte, z.B. von Kastrationsangst, Vergeltungsangst, Angst vor Liebesverlust. Kastration, Vergeltung und Liebesverlust sind aber Dinge, die auch gefürchtet werden können. 20)
An dieser Stelle sei schon vermerkt, daß Freud die Komplexität und die Schwierigkeiten des Angstproblems klar gesehen hat, denn er schreibt in seiner 25.Vorlesung zur Einführung in die Psychoanalyse:
15) vgl. Wandruszka, Mario: Was weiß die Sprache von der Angst?, in: Angst und Schuld in theologischer und psychotherapeutischer Sicht, Hrsg. Bitter, Wilhelm, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1962, S. 20
16) G.W. XI, S. 410, ähnlich G.W. XIV, S. 197f.
17) ebenda, S. 410
18) vgl. G.W. XIII, S. 10
19) Loch, Wolfgang: Begriff und Funktion der Angst in der Psychoanalyse, in: Psyche, XIII. Jg. 1959, Heft 8, Ernst Klett Verlag, Stuttgart, S. 801
20) vgl. Westerman Holstijn, A.J.: Verschiedene Definitionen und Auffassungen von „Angst“, in: Fortschritte der Psychoanalyse, Hrsg. Salzman, Leon, u.a., Bd. II, Verlag für Psychologie, Dr. C.J. Hogrefe, Göttingen, S. 173
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„Wie immer das sein mag, es steht fest, daß das Angstproblem ein Knotenpunkt ist, an welchem die verschiedensten und wichtigsten Fragen zusammentreffen, ein Rätsel, dessen Lösung eine Fülle von Licht über unser ganzes Seelenleben ergießen müßte. Ich werde nicht behaupten, daß ich Ihnen diese volle Lösung geben kann“. 21)
Zu der Art seiner Ergebnisse und den Schwierigkeiten ihrer Erarbeitung erklärte er: „Manche einfache Formel, die uns anfangs zu entsprechen schien, hat sich später als unzureichend herausgestellt. Wir werden nicht müde, abzuändern und zu verbessern. ...hier, wo wir von der Angst handeln, sehen Sie alles in Fluß und Wandlung begriffen. Diese neuen Dinge sind auch noch nicht gründlich durchgearbeitet worden, vielleicht macht ihre Darstellung auch darum Schwierigkeiten.“ 22)
Und nachdem er das Thema Angst abgeschlossen hat, wird er nicht behaupten, „daß es dann zu unserer Befriedigung erledigt sein wird. Hoffentlich sind wir doch um ein Stückchen weitergekommen.“ 23)
Doch muß man sagen, daß Freud mit seinen Arbeiten auf dem Gebiet der Angst die Fundamente des psychoanalytischen Erklärungsansatzes gelegt hat. Zur Erklärung des Begriffes Angst in tiefenpsychologischer Sicht ergeben sich zwei Fragenkomplexe:
„Woraus besteht die Angst, d.h., welche Triebkräfte sind in ihr verborgen? Zweitens, in Korrelation zu den jeweiligen Entwicklungsstadien, wovor besteht die Angst und welche Abwandlungen erfährt sie im Verlaufe der biopsychologischen Entwicklung?“ 24)
II. Das Wesen der Angst
Eine tiefenpsychologische Einsicht zu gewinnen, „die uns das Wesen der Angst erschließt“ ist nach Freuds Ansicht schwer, denn „die Angst ist nicht einfach zu erfassen.“ 25) Das Phänomen „Angst“ beobachtete und beschrieb Freud erstmalig bei einer Reihe neurasthenischer Patienten, die sich in „konstant lauernder Ängstlichkeit“ befanden. Bei ihnen trat die Angst entweder „frei flottierend“ oder in der Form des geballten und dramatisch zugespitzten „Angstanfalles“ auf. Zudem fand er sie vielfach in somatischen (körperlichen) Begleiterscheinungen versteckt, die sich als Störungen des sexuel- 21)G.W. XI, S. 408
22) G.W. XV, S. 99
23) ebenda
24) Loch, a,a,O., S. 802
25) G.W. XIV, S. 162
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len Erregungsablaufes manifestierten. 26) Daraus zog er den Schluß, daß die angehäufte Erregung in Angst umgewandelt werde, d.h. die Libido sich in Angst verwandle. Damit war Freud ein erster großer Wurf gelungen, zwischen dem psychischen Phänomen Angst und den körperlichen Begleiterscheinungen einen qualitativen Bezug, eine Äquivalenzrelation, zu sehen. 27)
Diese mit der phänomenologischen Methode gewonnenen Erkenntnisse erfuhren mit der Entwicklung metapsychologischer Betrachtungsweisen ihre Differenzierung. Die Frage, wie aus der „Libido die Angst entsteht“ 28) , versuchte er in mehreren Ansätzen zu lösen.
Weder der Ansatz „neurotische Angst“ in Analogie zur „Realangst“ zu interpretieren, noch die Vermutung, daß die bei Kindern als Realangst imponierenden Erscheinungen, den mit der neurotischen Angst gemeinsamen Ursprungs aus unverwendbarer Libido haben, konnten die Lücke in seiner Auffassung schließen. 29)
Das im Verlauf einer neuerlichen Analyse der Phobienentstehung erbrachte Resultat war überraschenderweise sogar das genaue Gegenteil, nämlich, daß die Libido von der Angst verdrängt wird. 30)
Erst als Freud die Bedeutung der Gefahr für das „Ich“ erkannte - „Das Ich schützt sich durch die Angstentwicklung vor dem, was es als übermächtige
Gefahr wertet“ 31) - und zur Auffassung kam, daß das Ich die eigentliche Angststätte sei
32) , deutete sich ein weiterer Schritt zur Überwindung des Problems an. Eine sehr wichtige Erweiterung seiner Theorie hat Freud über „die Strenge des Über-Ichs“ 33) vorgenommen. Er erkannte, daß diese die eigene Aggressivität widerspiegelt, die ihrerseits wieder in Abhängigkeit zur Größe der eigenen Triebansprüche steht. 34) Die Auffassung, daß der Tod unmittelbare Angstursache sein könne, lehnte Freud entschieden ab, denn er nahm an, „daß die Todesangst als Analogon der Kastrationsangst aufzufassen ist“, freilich schreibt er weiter, daß das, worauf das Ich reagiere, „das Verlassensein vom schützenden Über-Ich - den Schicksalsmächten - ist, womit die Sicherung gegen alle Gefahren ein Ende hat.“ 35)
26) G.W. I, S. 318f
27) vgl. G.W. I, S. 319
28) G.W. XI, S. 418
29) vgl. Loch, a.a.O. S. 803
30) vgl. G.W. XIV, S. 137
31) G.W. XII, S. 147
32) vgl. G.W. XIII, S. 287
33) G.W. XIV, S. 489
34) vg. Ebenda, S. 482f
35) ebenda, S. 160
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Anknüpfend an seine Affektlehre, stellte er fest: „die Angst wird ... als Affektzustand nach einem vorhandenen Erinnerungsbild reproduziert.“ 36) Damit folgte er - mit Einschränkungen - einer Idee von O. Rank, der die Angst auf die Gefahrensituation des Geburtsaktes zurückführt. Die Erkenntnis, daß es eine äußere reale Gefahr ist, die die Angstentwicklung induziert, steht aber in Widerspruch zu den beobachteten allerersten Angsterlebnissen von Säuglingen. Denn hier stellte Freud fest, daß die Angst Ausdruck „des Anwachsens der Bedürfnisspannung“ 37) sei. Damit näherte er sich aber wieder seiner Theorie, Angst ist das Umwandlungsprodukt der Libido.
Um diesen Widerspruch auszuräumen, unterschied Freud zwei Arten von Angst: Angst als „automatisches Phänomen“ und Angst „als rettendes Signal“. 38) Es war der versuch, zwei Angsttypen auf Grund ihrer Entstehungsbedingungen vonein-ander zu trennen.
Freud hat mit seinen Ansätzen und Theorien zwar Vieles und Wesentliches zum Problem der Angst aufgedeckt, zu einer theoretisch eindeutigen Formulierung des Angstproblems vermochte er aber leider nicht zu gelangen. 39)
36) G.W. XI, S. 120
37) G.W. XIV, S. 168
38) vgl. G.W. XIV, S. 168f
39) vgl. Andreae, Stefan: Zur Funktion der Angst, in: Jahrbuch für Psychologie und Psychotherapie und medizinische Anthropologie, 17.Jg., 1969, Heft 3 / 4, München, S.236
10
C) Das Verhältnis von Angst und Sexualität
I. Symptome und Ätiologie der Angstneurose
In dem Artikel „Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten Symptomenkomplex als „Angstneurose“ abzutrennen“ 40) , der im Dezember 1894 erschien, findet sich Freuds erste ausführliche Behandlung des Angstproblems, Er nennt „Angstneurose“ einen Symptomenkomplex, „dessen sämtliche Bestandteile sich um das Hauptsymptom der Angst gruppieren lassen, weil jeder einzelne von ihnen eine bestimmte Beziehung zur Angst besitzt,“ 41)
Die Angstneurose vom Sammelbegriff der Neurasthenie abzutrennen, wurde einerseits durch Freuds Einsicht möglich, daß sich Angst und Körpersymptome gegenseitig vertreten können 42) , andererseits durch die Kenntnis „der Verschiedenheit der ätiologischen Bedingungen“ 43) der Angstsymptome.
Die Angstneurose tritt zwar oft nur in „rudimentärer Ausbildung“ und in Kombination mit anderen Neurosen auf, jedoch sind es die „isolierten“ Fälle mit „vollständiger“ Ausbildung, die in Freud den Eindruck verstärken, „daß die Angstneurose klinische Selbständigkeit besitze“. 44)
Ihr klinisches Bild zeigt folgende Symptome:
• die allgemeine Reizbarkeit
• die ängstliche Erwartung
• den Angstanfall
• die larvierten Angstzustände
• nächtliches Aufschrecken
• Schwindelanfälle
• Phobien:
1. Angst vor Schlangen, Gewitter, Ungeziefer u.dgl.
2. die Agoraphobie
• Störungen der Verdauungstätigkeit
• die Parästhensien. 45)
Um eine exakte Darstellung der ätiologischen Bedingungen er „erworbenen“
40) G.W. I, S. 313 - 342
41) ebenda, S. 316
42) vgl. ebenda, S. 319
43) ebenda, S. 316
44) ebenda, S. 317
45) vgl. G.W. I, S. 317ff., ähnlich ebenda, S. 497
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Arbeit zitieren:
Bernd Kagerhuber, 1974, Die Angst bei Freud, München, GRIN Verlag GmbH
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