2
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG. 4
2. THEORETISCHE GRUNDLAGEN 6
2.1 Etymologie. 6
2.2 Geschichte 7
2.3 Definitionen. 15
2.4 Die aktuelle Situation 20
2.5 Auswirkung der Natur auf die Entwicklung eines Kindes. 23
2.5.1 Psychomotorische Entwicklung 25
2.5.2 Herausforderung der Sinne. 27
2.6 Methodik 30
2.6.1 12 Punkte nach Tordsson 30
2.6.2 Dimensionen nach Arnold. 35
3. AUSGEWÄHLTE KONZEPTE UND MODELLE 37
3.1 Kindergarten. 37
3.1.1 Curriculum Kindergarten 37
3.1.2 „Villvettene friluftsbarnehage“ 38
Beobachtungen 41
3.2 Schule. 42
3.2.1 Curriculum Schule. 42
3.2.2 Umsetzmöglichkeiten in der Schule. 43
3.2.2.1 „Nature as a playground“ - Die Natur als ein Spielplatz. 44
3.2.2.1.1 Wald und Wiese 44
3.2.2.1.2 Am Wasser 48
3
3.2.3 Beispiel „Langeland skule“ 50
3.2.4 Umfang und Wahl der Umgebung 50
3.3 Hochschule 52
3.3.1 „Fjords and Glaciers Course“ 52
4. KRITISCHE ANMERKUNG 56
5. ZUSAMMENFASSENDE THESEN 58
6. LITERATURVERZEICHNIS 60
Theoretische Grundlagen - Einleitung 4
1. Einleitung
Gegenstand der vorliegenden Hausarbeit ist eine norwegische Art der Outdoor-Pädagogik, die friluftsliv (frie-lüfts-lief gesprochen) genannt wird. Ins Deutsche übersetzt heißt es Freiluftleben.
Der Ursprung von „friluftsliv“ liegt nicht wie bei der Erlebnispädagogik oder sonstigen Outdoor-pädagogischen Richtungen in der Reformpädagogik. Seit jeher nutzen die Norweger ihre Landschaft zum Leben in und mit der Natur. Mitte des 19. Jahrhunderts erwähnte Henrik Ibsen zum ersten Mal diesen Begriff und beschrieb damit diese bestimmte Art der Freizeitbeschäftigung. Mit dem Beginn der Industrialisierung und dem Eingriff des Menschen in die Natur entwickelten die Norweger einen Schutzinstinkt für den Erhalt der Natur, welche somit auch Bestandteil von „friluftsliv“ wurde.
Meine Motivation diese Hausarbeit zu verfassen entstand während meines Aus-landssemesters im Sommersemester 2004 in der Högskolen Stord/Haugesund in Leirvik auf der Insel Stord, die ca. 1,5 Autostunden südlich von Bergen an der Westküste Norwegens liegt. Während dieser Zeit nahm ich an einem 4monatigen Kurs teil, in dem wir uns aktiv mit dem Leben in und mit der Natur auseinandergesetzt haben: Wir haben friluftsliv praktiziert. Hierbei habe ich die Vielzahl an Möglichkeiten der Umsetzung und die großen Chancen für die Entwicklung bei Kindern entdeckt.
In meinen folgenden Ausführungen wird aus Gründen der Übersichtlichkeit und des besseren Leseflusses der Bezeichnung Schüler, Erzieher und Lehrer verwendet, wobei, Schülerinnen, Erzieherinnen und Lehrerinnen damit ebenso eingeschlossen sind. Meine verwendete Literatur ist größtenteils norwegisch und englisch, so dass ich die Zitate zur besseren Lesbarkeit direkt im Anschluss an das Zitat ins Deutsche übersetzt habe. Ich habe bewusst in dieser Examensarbeit die Verwendung des norwegischen Begriffes „friluftsliv“ gewählt, da er meiner Meinung nach das besser wiederspiegelt, wofür friluftsliv wirklich für die Norweger steht, als der in das Deutsche übersetzte Begriff „Freiluftleben“.
Theoretische Grundlagen - Einleitung 5
Die theoretischen Grundlagen von „friluftsliv“ werden im ersten Teil dieser Examensarbeit erläutert. Anhand der Geschichte und Definitionen soll verdeutlicht werden, welchen Stellenwert „friluftsliv“ für die norwegische Bevölkerung hat. Im weiteren Verlauf werden die Auswirkungen des Spielens und Lernens in der Natur dargestellt und die Chancen für eine gute motorische, kognitive und soziale Entwicklung eines Kindes aufgezeigt.
Der zweite Teil wird sich mit Umsetzungsmöglichkeiten in den verschiedenen Bildungszweigen auseinandersetzen. Ein kurzer Überblick über das norwegische Curriculum für Kindergärten und Schulen zeigt die Möglichkeiten auf, die der Lehrplan den Lehrern gibt. Praktische Beispiele schließen sich hier an und zeigen konkret, wie man friluftsliv im Kindergarten, in der Schule und in der Hochschule in Norwegen umsetzt.
Im letzten Teil werde ich Stellung zur Thematik nehmen und versuchen unter kritischen Gesichtspunkten die Umsetzung auf Deutschland zu projizieren.
Theoretische Grundlagen - Etymologie 6
2. Theoretische Grundlagen
2.1 Etymologie
Das Wort „friluftsliv“ kommt heutzutage in der dänischen, schwedischen und norwegischen Sprache vor. Jedoch gibt es kaum etymologische Beschreibungen für diesen skandinavischen Begriff.
Das schwedische Wörterbuch „Ordbok över svenska språket“ aus dem Jahre 1929 erwähnt den Dichter Carl Gustaf Verner von Heidenstam (1859 - 1940), welcher das Wort „friluftsliv“ in seinem Werk „End“ von 1889 benutzte. Im Jahr 1924 ist der Begriff noch nicht in das dänische Wörterbuch „Ordbok over det Danske Sprog“ aufgenommen, jedoch kann man Wörter wie „friluft“ oder „friluftsnydelse“ finden, welche auf eine Herkunft Mitte des 19. Jahrhunderts schließen lassen.
Das „Norsk Riksmålsordbok“, das norwegische Wörterbuch, aus dem Jahr 1937 erwähnt „friluftsliv“ nur als ein Wort ohne weitere Beschreibung. Es wird auf den Wortstamm „fri“ verwiesen:
„Fri: åpen og vid: uten tengende skrankes for utsynet“ (frei: offen und weit: ohne einschränkende Schranke für den Ausblick/Fernblick) Weitere Beispiele sind „fri utsikt“ (freie Aussicht) und „i Guds frie natur“ (in Gottes freier Natur).
Die Erwähnung von „i Guds frie natur“ und der Hinweis in dem dänischen Wörterbuch auf das 19. Jahrhundert lassen darauf schließen, dass der Ursprung von „friluftsliv“ in der romantischen Periode Skandinaviens liegt. Zum aller ersten Mal tauchte das Wort „friluftsliv“ in Henrik Ibsens Gedicht „På Vidderne“ („Auf der Hochebene“) 1859 auf, was die norwegische Herkunft des Wortes erklärt. 1
1 Wilson, J.; The history and traditions of friluftsliv; 2. Auflage; 1989; S. 2
Theoretische Grundlagen - Geschichte 7
2.2 Geschichte
Friluftsliv hat seinen Ursprung in der romantischen Zeit Norwegens. Verschiedene Faktoren haben zu der Entstehung und Entwicklung von friluftsliv beigetragen, die im Folgenden näher dargestellt werden.
Im 18. Jahrhundert herrschte in Deutschland keine politische Einheit, da es viele kleine Staaten ohne gemeinsame politische Regierung gab. Die Freiheit und die Natur wurden in den Mittelpunkt des Lebens gestellt. Einer dieser Vertreter war Jean-Jacques Rousseau (1712 - 1778), der als erster diese Meinung öffentlich in seinem autobiographischen Buch „Émile“ äußerte. Auf seinen Reisen erfuhr er, dass es einen „great contrast between the civilised town life and life in the natural environment” 2 (großen Unterschied zwischen dem zivilisierten Stadtleben und dem Leben in einer natürlichen Umgebung) gibt. Er erwähnte mehrmals in seinem Buch die wichtige Rolle der Natur: „Fra naturen av er alle mennesker like“ 3 (Von Natur aus sind alle Menschen gleich)
Für ihn war außerdem die unberührte Natur das wahre Zuhause für alle Menschen, und er sah in ihr die Möglichkeit zur Erholung vom gestressten Leben des Zeitalters der Aufklärung.
Zum Beginn des 19. Jahrhunderts bekam die Natur von den Dichtern und Malern, vor allem von denen aus Deutschland, mehr Aufmerksamkeit. Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling (1775 - 1854) entwickelte seine eigene, von Spinoza und Kant beeinflusste, Philosophie von Natur: „Die Natur als den sichtbaren Geist, den Geist als die unsichtbare Natur“ 4
Die Natur wurde poetisiert und wurde zum Mittelpunkt der Romantik. Besonders die freie und unberührte Natur spielte dabei eine entscheidende Rolle. “Poeti-
2 Wilson,J.; S. 4
3 ebd. S. 4
4 ebd. S. 5
Theoretische Grundlagen - Geschichte 8
zation of nature became central to all Romanticism, free-nature especially playing a fundamental role.” 5
Es galt, dass die Natur und der Geist die einzigen reellen Dinge sind, und dass sich der Mensch nur in dieser Realität natürlich entwickeln und seine wahre Identität finden kann.
Johann Christian Claussens Dahl (1778 - 1856), ein Maler aus Ber-gen/Norwegen, zog 1820 nach Dresden und malte von dort viele Werke, welche die Natur Norwegens zeigten. Dahl kann man heute als einen der wichtigsten Personen bezeichnen, die Norwegen in das Bewusstsein der anderen europäischen Staaten gebracht haben. Nachdem das erste Werk Dahls Europa inspiriert hatte, besuchten viele Europäer, besonders die reichen Deutschen, Norwegen, um die unberührte Landschaft mit ihren naturverbundenen Bauern und all das zu erleben, von dem sie durch die Werke der Maler begeistert wurden. Dahl folgten viele norwegische Künstler, die von Deutschland aus ihre Heimat malten und den anderen Teilen Europas interessant machten. In Norwegen bestand die Gesellschaft im 19. Jahrhundert zu ca. 10% aus gebildeten Menschen der Oberschicht, die meist in den Städten wie Bergen und Christiania (heute Oslo) lebten und politische, soziale und Handelsaufgaben nachgingen. Ca. 90% waren ländlichen Bauern, die auf ihrem eigenen Land arbeiteten. Diese ländliche Bevölkerung geriet in den Fokus der Touristen, die das Leben dieser naturverbundenen Menschen mit all ihren lokalunterschiedlichen Lebensstilen und Sprachen erleben und nachvollziehen wollten. Diese Menschen symbolisieren die Wurzeln der norwegischen Bevölkerung, deren große Vorfahren die Wikinger sind.
Die unglaubliche Begeisterung der Europäer und speziell der Deutschen nach Norwegen zu reisen um die unberührte Natur und die Lebensweise der ländlichen Bauern zu erfahren, brachte der vornehmen Oberschicht etwas Frustrierendes mit sich. Je mehr sich die Romantik in Norwegen etabliert hat und somit auch die wachsende Realisierung, dass Norwegens Natur kulturell allgemein
5 ebd. S. 5
Theoretische Grundlagen - Geschichte 9
als sehr wertvoll geschätzt und zudem auch noch selten in Europa ist, wurden Reisen ins Gebirge zuerst akzeptiert; später wurden sie äußerst beliebt in der norwegischen Oberschicht.
„Stirred by the romantic spirit and offended by the foreigner’s dismissal of them as not being ´real´ Norwegians, they duly ventured forth to physically explore and experience what it was to be in contact with nature and thereby at home: in short, what is was to be Norwegian. It is this phenomenon, as Ibsen’s poem illustrates, which was friluftsliv.” 6
(Angetrieben von dem romantischen Geist einerseits, beleidigt worden von den Abweisungen der Touristen andererseits, keine „richtigen“ Norweger zu sein, wagten sie sich, es selbst zu erkunden und zu erfahren, was es heißt in Kontakt mit der Natur zu stehen und dadurch zu Hause zu sein: kurzum, was es heißt, norwegisch zu sein. Es ist das phänomenale, wie es Ibsens Gedicht beschreibt, was friluftsliv war.)
Henrik Ibsen (1828 - 1906) trug dazu bei, dass der Geist der Romantik in Norwegen in Form von Gedichten verbreitet wurde. In seinem Gedicht „På Vidderne“ (Auf der Hochebene) taucht zum ersten Mal das Wort „friluftsliv“ auf, was neben ´naturbegeistring´ die neue Identität Norwegens beschreibt. Das Gedicht beschreibt den Unterschied zwischen dem zivilisierten Leben im Tal und dem Leben auf der Hochebene (På Vidderne). Dabei spielen die Gedanken und der Geist für Ibsen eine große Rolle. Genau wie Schelling sieht er „nature as visible spirit“ und „spirit as invisible nature“ (Natur als sichtbaren Geist und den Geist als die unsichtbare Natur). Friluftsliv impliziert „fri-natur-liv“ oder „freies Natur-Leben“.
Im letzten Abschnitt vergleicht er das Leben in den Bergen mit dem in der Tiefebene. Ibsen beschreibt das Leben in der Hochebene als freier und näher zu Gott. Er folgert daraus, dass „free-nature is the liberating homeland for all people“ (…die freie Natur das Zuhause für alle Menschen ist.) 7
6 Wilson, J.; S. 14
7 ebd. S. 14
Theoretische Grundlagen - Geschichte 10
Auszug aus “På Vidderne“ von Henrik Ibsen (1859):
8 Wilson, J.; S. 2
9 ebd. S. 14
Theoretische Grundlagen - Geschichte 11
Neben Henrik Ibsen war Bjørnsterne Bjørnson (1832 - 1910) eine der einflussreichsten Autoren des späten 19. Jahrhunderts. Die Natur und das ländliche Leben lösten Begeisterung bei Björnson aus und inspirierten ihn zugleich in den meisten seiner Werke. Aus dieser Inspiration entstand auch das Gedicht, das noch heute die norwegische Nationalhymne ist. In dem Gedicht wird die starke Liebe zur Natur und zum ländlichen Lebensstil der Norweger beschrieben. Das Gedicht spiegelt die damalige romantische Stimmung wieder, die von „naturbegeistring“ 10 geprägt war. 11
Ab den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts entdeckten auch die „normalen“, die städtischen Menschen, nicht die soziale Oberschicht, „to take friluftsliv in a search for a way ‚home’“ 12 (um friluftsliv für die Suche nach „Hause“ zu benutzen). Zu dieser Zeit gab es in Norwegen zwei Arten von europäischen Touristen.
Es kamen viele, vor allem britische, Touristen nach Norwegen, deren Einstellungen und Motive ihrer Reisen sich änderten und nicht mit denen der Romantiker vereinbar waren. So wurde die Jagd auf Rentiere besonders beliebt. Viele Touristen der sozialen britischen Oberschicht nutzten Norwegen so als Spielplatz und rotteten ganze Rentierherden in Rondane und in der Hardangervidda aus. An Stelle von Naturliebe stand hier der Herausforderungs- und der Erlebnischarakter.
Die andere Gruppe von Touristen waren Menschen aus der sozialen Oberschicht, die es sich erlauben konnten in andere Länder zu reisen. Dies erfolgte immer mit einem bestimmten Luxus. Jedoch gab es zu oft Probleme und die Reisenden mussten auf ihren Luxus verzichten, indem sie, wenn auch nur kurze Distanzen, zu Fuß weiterliefen, auf komfortable Unterkünfte verzichteten, etc..
Diese Probleme und die große Begeisterung der Norweger führte 1868 zur Gründung des norwegischen Touristenvereins, dem sogenannten „Den norske
10 Wilson, J.; S. 16
11 vgl. Anhang, die norwegische Nationalhymne
12 Wilson, J.; S. 15
Theoretische Grundlagen - Geschichte 12
Turistforening“. Dieser baute viele Hütten auf den beliebten Wanderwegen und Reisestrecken und löste so mit der Zeit die das Problem fehlender Unterkünfte. Auch heute noch werden Hütten in den Bergen gebaut, um den Wanderern eine entgeldliche Unterkunft und Nahrung auf dessen Wanderung zu bieten.
Fridtjof Nansen (1861 - 1930) wurde zum Nationalhelden in Norwegen, nachdem er 1888 als erster Mensch Grönland auf Skiern überquerte und wenige Jahre später eine Expedition zum Nordpol unternahm. Seine Leistungen fanden auch international Zuspruch, was dem Ansehen Norwegens sehr gut tat. Seine Popularität und seine Persönlichkeit an sich, halfen ihm 1905 den Willen Norwegens durchzusetzen und ein eigenes Konsulat zu führen. Entgegen vieler öffentlicher Forderungen „to take the helm“ 13 (den Helm zu tragen), wurde er zum diplomatischen Repräsentanten Norwegens und erreichte die Unabhängigkeit von Schweden.
Durch seine Erfolge in der Politik und auf den Expeditionen repräsentierte Nansen „the popular European view of a typical Norwegian“ 14 (das beliebte europäische Ansehen eines typischen Norwegers). Nansen wurde regelrecht zum Inbegriff von friluftsliv und verhalf friluftsliv zu einer noch größeren Beliebtheit. Friluftsliv wurde zu einer nationalen Bewegung, auf die die Norweger stolz waren. Es wurde als ein Ausdruck norwegischer Identität und als ein wichtiger Aspekt norwegischer Kultur angesehen. „Friluftsliv ... epitomized now more than ever before what it was to be Norwegian.” 15 (Friluftsliv ... verkörperte jetzt mehr denn je zuvor, was es hieß, ein Norweger zu sein.)
Anfang des 20. Jahrhunderts erfuhr auch Norwegen eine immense industrielle Entwicklung, in der auch die Ressourcen der Natur zum Zwecke der Kommerzialisierung entdeckt wurden. Wasserfälle wurden so für Wasserkraftwerke genutzt, Wälder für den Holzexport und die aus Bergen wurde Erz aus Minen gewonnen. Besonders die Umwandlung von Wasserfällen, die große Attraktionen für die Touristen darstellten, lösten große Proteste aus.
13 Wilson, J.; S. 20
14 ebd. S. 20
15 ebd. S. 21
Theoretische Grundlagen - Geschichte 13
Unter der Besatzung während des zweiten Weltkrieges wurde die Praktizierung von friluftsliv für einen immer größeren Anteil der norwegischen Bevölkerung immer wichtiger. „Nature was regarded as a therapy for downtrodden Norwegians“ 16 (Die unterdrückten Norweger betrachteten die Natur als Therapie für sich). Ein Beleg dafür mag die hohe Anzahl an neu erschienenen Büchern über das Bergwandern oder die heimischen Landschaft gewesen sein. Nach den Weltkriegen existierte zwar immer noch die traditionelle Liebe jedes Norwegers für seine Landschaft, jedoch legte man nun den Fokus auf die industrielle und technische Entwicklung in Norwegen. So wurden sämtliche Täler mit Wasser geflutet, um es für die Stromgewinnung in Wasserkraftwerken zu nutzen.
Die technische Entwicklung nahm auch Einfluss auf die „friluftsliv“-Aktivitäten. So wurde Equipment produziert, das Wandern, Ski-fahren, etc. einfacher und günstiger machte. Rucksäcke wurden immer funktioneller und einige Marken bekämpften sich hart auf dem norwegischen Markt. Der poetische Hintergedanke, von friluftsliv, wie ihn Nansen, Ibsen und andere prägten, rückte somit in den Hintergrund. Spannung, Herausforderung und Spaß nahmen seinen Platz ein.
Viele Revolutionäre der 60er und 70er Jahre waren große friluftsliv-Enthusiasten, die sich gegen die industrielle Ausweitung und der damit zusammenhängenden Zerstörung der Natur einsetzten. Arne Næss und Sigmund Kvaløy Sætereng setzten sich stark dafür ein und widmeten ihr Leben friluftsliv. 1960 gründete Nils Faarlund, ein Kollege von ihnen, die „Norges Høgfjellsskole“, in der bis heute friluftsliv unterrichtet wird. Die dort ausgebildeten Lehrer geben dann ihr Wissen in Hochschulseminaren an Stundenten weiter. Das norwegische Umweltministerium entwickelte eine „friluftslivpolitikk“, die die wesentlichen Werte von friluftsliv versucht zu beschützen und diese stets weiter zu entwickeln.
16 Wilson, J.; S. 25
Theoretische Grundlagen - Geschichte 14
„Friluftsliv is now beginning to enjoy the first warm rays of Spring which not only reflects a change in society towards ecological awareness, but also the very durability of friluftsliv itself.” 17
(Friluftsliv fängt nun an die ersten warmen Strahlen des Frühlings zu genießen, welche nicht nur einen Wechsel des ökologischen Bewusstseins herbeigeführt hat, aber die Dauerhaftigkeit von friluftsliv an sich.)
17 Wilson, J.; 26
Theoretische Grundlagen - Definitionen 15
2.3 Definitionen
Friluftsliv ist ein Begriff, von dem es keine allgemeingültige Definition gibt. Jedoch gibt es viele verschiedene Begriffsklärungen und -umschreibungen, die sich sehr ähneln und den Hauptgedanken wiedergeben. Im Folgenden werden einige unterschiedliche Definitionen dargestellt.
Eine der allgemeinsten Definitionen formuliert Nils Faarlund (????): „Friluftsliv is excess life in and with free nature“. (Friluftsliv ist exzessives Leben in und mit der freien Natur). Darüber hinaus bietet diese norwegische Tradition „seeking the joy of identification with free nature“ (die Suche nach der Freude der Identifikation mit der freien Natur).
Daran schließt sich Haugen (1989) an: „Med friluftsliv forstår vi enkelt, aktivt og overskuddspreget liv i levende natur. Sentralt i friluftsliv er opplevelser, utfordringer og selve samværet med mennesker og natur.” 18 (Unter friluftsliv verstehen wir einfaches, aktives und überschüssiges Leben in der lebenden Natur. Im Mittelpunkt steht hierbei das Erlebnis, die Herausforderung und das Beisammensein mit Menschen und der Natur.)
Das Umweltministerium Norwegens bezeichnet friluftsliv als „... stay and physical activity in fresh air in the spare time with a goal to … experience nature. The goal is … harmony with nature.” 19 (… Aufenthalt und körperliche Aktivitäten im Freien in der Freizeit mit dem Ziel ... Natur zu erfahren. Das Ziel ist ... Harmonie mit der Natur.).
Tordson versteht unter friluftsliv das Reisen und Leben in engem Kontakt zur freien Natur, um Erfahrungen und Abenteuer zu erleben. 20 Matthias Weinholz sieht friluftsliv als „ein gelegentliches, einfaches und uneigennütziges Leben im Zusammenspiel mit der freien Natur, das zu einer Freundschaft und Verantwortung gegenüber der Natur und der Schöpfung füh-
18 Vingdal,I. & Hollekim, I.; Barn I naturen; Gyldendal Norsk Forlag AS; Oslo 2001; . 20
19 Norwegisches Umweltministerium 2000 - 2001; 11
20 Tordson; 1993; S. 32
Arbeit zitieren:
Martin Melzer, 2005, Friluftsliv in Norwegen - Theoretische Grundlagen - Ausgewählte Modelle und Konzepte - Kritische Anmerkungen, München, GRIN Verlag GmbH
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