Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Entstehung von “Schwarze Spiegel 3
2.1 Umstände der Entstehung von “Schwarze Spiegel 3
2.2 “Schwarze Spiegel im Kontext von “Nobodaddy s Kinder 4
3. Unterschiedliche Typologisierungsansätze von “Schwarze Spiegel in der
Schmidt - Forschung 5
3.1 “Schwarze Spiegel als Idylle 6
3.2 “Schwarze Spiegel“ als Weltuntergangsvorstellung 10
3.3 Robinsonade oder utopische Prosa 11
4. Umwelt des Ich-Erzählers im Text 13
4.1 Natur als Menschenersatz 13
4.2 Darstellung der „menschlichen“ Umwelt in der Erzählung 14
4.3 Argumente für Solipsismus 16
5. Formanalyse von “Schwarze Spiegel“ 17
5.1 Formale Segmentierung der Erzählung 17
5.2 Erzählform des Textes 18
5.3 Erzählebenen im Text 20
5.3.1 Funktion des Autors innerhalb der Erzählung 20
5.3.2 Erzählsituation und Erzählperspektive 22
5.3.3 Zeitverlauf von erzählter Zeit und Zeit des Erzählens 23
6. Funktionen von Textreferenz in “Schwarze Spiegel 24
6.1 Inhaltliche Klassen von Referenztexten 25
6.2 Semantische Funktion von Textreferenz 26
6.2.1 Raumorganisation in “Schwarze Spiegel 26
6.2.2 Reduktion des Raumes 28
6.3 Thematisierung des Ende der Menschheit 31
7. Schlussteil S.32
Anhang :
Literaturverzeichnis S. 35
2
1. Einleitung
Die hier vorliegende Hausarbeit sucht eine monographische Auseinandersetzung mit Arno Schmidts Erzählung “Schwarze Spiegel”. Unter dieser Vorraussetzung werden sowohl Versuche der Typologisierung als auch formelle, stilistische, interpretatorische und literaturtheoretische Überlegungen zu machen sein. In diesem Zusammenhang muss auch der Entstehungszeitraum der Erzählung bzw. der ganzen Trilogie “Nobodaddy`s Kinder” mitberücksichtigt werden, da die politische Situation und die noch eindrücklichen Erinnerungen an den 2.Weltkrieg Schmidt wahrscheinlich zum Imaginieren der solipsistischen Existenz bewegt haben.
2. Entstehung von “Schwarze Spiegel”
2.1 Umstände der Entstehung von “Schwarze Spiegel”
Arno Schmidts Erzählung “Schwarze Spiegel” entstand im Mai 1951 und wurde im selben Jahr erstmals zusammen mit der Erzählung “Brands Haide” in einem Band unter gleichnamigen Titel veröffentlicht.
“Schwarze Spiegel” entstand noch zu einer Zeit, bevor Schmidt selbst aus der Stadt in die Lüneburger Heide gezogen ist. Somit hat Schmidt die ersehnte Abgeschiedenheit auf literarischer Ebene eher verwirklicht als in der Realität. Dieser Wunsch nach Abgeschiedenheit wird in seinen frühen Erzählungen häufig thematisiert, zumeist durch einen Ich - Erzähler, einen intellektuellen Solipsisten, der in der geistesfeindlichen Welt Separation sucht (vgl. z.B. “Gadir”). Dieses intellektuelle “Ich” ist im Gesamtwerk stets präsent und weist starke Verwandtschaft mit seinem Autor auf, wirkt zuweilen sogar identisch.
Schmidts “Schwarze Spiegel” ist unter anderem geprägt durch die politische Nachkriegssituation in Deutschland, der Wiederbewaffnung und einem möglichen deutschen Verteidigungsbeitrag im Koreakrieg. Die Erzählung zeugt von Enttäuschung und Resignation angesichts der augenscheinlich menschlichen Unvernunft, die Schmidt
3
zwangsläufig in einen dritten Weltkrieg gipfeln sah. 1
2.2 “Schwarze Spiegel” im Kontext von “Nobodaddy`s Kinder”
Schmidt selbst machte durch diese Werksausgabe die Beziehung von “Schwarze Spiegel” zu den anderen Titeln der Trilogie “Nobodaddy`s Kinder” deutlich. Sie wurde 1963 veröffentlicht und enthielt neben den beiden Titeln aus “Brands Haide” die “Faun”-Erzählung. Bei allen drei Texten fehlen in dieser Ausgabe die Widmungen zu Beginn, so in “Schwarze Spiegel” die Widmung an Schmidts gefallenen Schwager Werner Murawski. Diese Form der Auslassung unterstreicht die Geschlossenheit der Trilogie und die Gleichwertigkeit ihrer drei Teile. Formal werden die drei Texte als Erzählungen oder Kurzromane eingeordnet.
In semantischer Hinsicht ist der Raum Heide als Zufluchtsort ein Bindeglied zwischen den Texten, denn alle Protagonisten flüchten, ziehen sich zurück oder werden vertrieben in solch einen jeweils sehr abgelegenen ,Heideort an dem sie hoffen, ihr Leben retten zu können. Im Fall von “Schwarze Spiegel” handelt es sich beim Ich-Erzähler um einen der letzten Überlebenden des dritten Weltkrieges, der sich in die Heide zurückzieht, um dort sesshaft zu werden. Weiter zeichnen sich die drei Ich-Erzähler durch ihre Distanz zur Wirklichkeit aus,
„deren Un-Sinn und Geistlosigkeit sie beständig aufdecken und demonstrieren. Das flüchtende, sich zurückziehende, vertriebene Ich einer vom Krieg beschädigten und zerstörten Welt erfährt in den einsamen Heide-, Moor- und Waldlandschaften sein ihm gemäßes, “natürliches” Leben”. 2
Innerhalb der Trilogie zeichnet sich “Schwarze Spiegel” dadurch aus, dass dieser menschenleere, natürliche Raum im radikalsten Ausmaß dargestellt wird. Weiter hebt sich “Schwarze Spiegel” innerhalb der drei Erzählungen aus “Nobodaddy`s Kinder” hervor durch
„die Unterscheidung zwischen objektiver und subjektiver Realitätsebene und das Verhältnis dieser zueinander, wie sie im Begriff des LGs expliziert werden, [denn erst sie gewährleisten], dass die fiktive Realität des Textes als eine nach subjektiver Maßgabe
1 vgl. Vollmer, Hartmut: Glückseligkeiten letzter Menschen: Arno Schmidts “Schwarze Spiegel” In: Schardt, Michael Matthias (Hg.): Arno Schmidt. Das Frühwerk II. Romane, Aachen 1988, S. 55f (zit.: Vollmer: “Schwarze Spiegel”)
2 ders.: aaO., S.56f
4
ins Subjektive transformierte Darstellung der objektiven Realität erkannt wird.” 3 Thematisch ist der Text den anderen beiden untergeordnet, ihren Anteilen nach jedoch nebengeordnet. Zu Beginn steht eine genaue Datierung ,,1.5.1960” (201) 4 , die beim Erscheinen der Erzählung in der Zukunft liegt, was als Verweis für den Leser zu deuten ist, dass es sich um eine andere Realitätsbeschreibung handelt als in “Faun” oder “Brands Haide”, die in der Vergangenheit angesiedelt sind. Dementsprechend stellen die Datierungen zu Beginn der Texte Bezug zwischen ihnen her. Weiter weisen die Texte Übereinstimmungen bezüglich der Räumlichkeiten und der in ihnen agierenden Figuren auf, denn es handelt sich bei ihnen nicht um historisch relevante Orte oder Personen, sondern immer um ländliche Heiderandbezirke mit den in ihnen enthaltenen Ich-Erzählern. Die Realität wird durch dieses “Ich” mitgeteilt, es bestimmt die Umstände der Realitätsvermittlung. 5
3. Unterschiedliche Typologisierungsansätze von “Schwarze Spiegel” in der
Schmidt-Forschung
“Schwarze Spiegel” wird häufig als Robinsonade, Warnutopie, negative Utopie, Wunschphantasie oder Idylle eingeordnet. Diese Gattungstypen erfassen jedoch nur Einzelaspekte der Erzählung und lassen Fragen offen, da eine ambivalente Deutbarkeit des Textes nicht von der Hand zu weisen ist. So ist bei verschiedenen Interpreten sowohl die Rede von einem Warnmodell, etwa vor einem ABC-Krieg, oder von einer Wunschphantasie, die als Naturidylle realisiert wird. Fraglich ist in diesem Zusammenhang das Verhältnis der Utopien zueinander: widersprechen sie sich oder besteht eine Verknüpfung zwischen ihnen?
3 Hinrichs, Boy: Utopische Prosa als Längeres Gedankenspiel. Untersuchungen zu Arno Schmidts Theorie der Modernen Literatur und ihrer Konkretisierung in „Schwarze Spiegel“, „Die Gelehrtenrepublik und „Kaff auch Mare Crisium“, Tübingen 1986, S. 197 (zit.: Hinrichs: Utopische Prosa)
4 In Klammern gesetzte Zahlen beziehen sich auf die Seitenzahlen der Bargfelder Ausgabe (Werkgruppe I, Bd.I), Zürich 1987
5 vgl. Hinrichs: Utopische Prosa, S. 195ff
5
3.1 “Schwarze Spiegel” als Idylle
Bei der Erzählung handelt es sich um eine Zeitutopie, da der Text in der Zukunft angesiedelt ist. Die genauen Daten zu Beginn der beiden Teile innerhalb der Erzählung sind also elementar. Gerade deshalb sticht der zum Ende wahrzunehmende Drang nach Aufhebung der Datierungen hervor: ,,alle Uhren gehen aus; ein Geist müsste man sein: schwebend über Herbstwiesen, so sähe mein trauriges Paradies aus.”(257) Zu Beginn versucht der Ich-Erzähler noch die Zeit mit Genauigkeit festzustellen, indem er anhand der nächst folgenden Mondfinsternis überprüft, ob er seinen Kalender noch korrekt führt.(vgl.218) Im Kontrast zu den anderen beiden Texten der Trilogie beginnt “Schwarze Spiegel” an der Stelle, an der die Katastrophe schon geschehen ist und man sie nur noch an ihren Rudimenten erkennen kann. Es scheint ein zeitlich unbegrenzter elysischer Zustand zu herrschen. Für eine Idylle wäre ein Zustand, in dem Zeit keinen Faktor darstellt, Vorraussetzung, jedoch kann durch die Erhöhung hin zur Zeitlosigkeit diese Vorstellung, so Axel Dunker, relativiert werden.
Schmidt selbst weist implizit bezüglich der Einordnung seiner Erzählung auf die Gattung der Robinsonade hin, wenn er schreibt: ,,Ich ging am Waldrand so für mich hin, buchstäblich : ganz ohne Vorsatz. Wie Robinson mit 2 Flinten” (238). An dieser Stelle des Textes trifft der Ich-Erzähler auf seinen ,,weibliche[n] Freitag, der ihm allerdings in Differenz zu Defoe gleich ein paar Gewehrkugeln um die Ohren knallt” 6 . In diesem Augenblick, an dem Lisas Auftritt eingeleitet wird, verwendet Schmidt ein Zitat (vgl. ebd.) aus dem Goethe-Gedicht “Gefunden” 7 (Strophe 1-3):
6 Dunker, Axel: Im Wacholderring oder >>Der nächste Fußpfad in Richtung Arkadien<<. Arno Schmidts Erzählung >>Schwarze Spiegel<< als Idylle
in: Weninger, Robert(Hrsg.): Wiederholte Spiegelungen. Elf Aufsätze zum Werk Arno Schmidts, Bargfeld 2003, S. 100 (zit.: Dunker: Idylle)
7 Goethe, Johann Wolfgang: Gefunden
in: Nationale Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur (Hrsg.): Goethes Werke.
In zwölf Bänden, Bd. I, Gedichte I, Berlin und Weimar 1981, S. 374
6
Das literarische “Ich” erschießt, trotz der Möglichkeit, seine Bedroherin nicht, noch vergewaltigt er sie, obwohl er auf ihre Frage gestehen muss, darüber nachgedacht zu haben. In diesem Zusammenhang sieht Dunker Goethes Bild vom Brechen der Blume, das er in Verbindung mit Johann Gottfried Herders Version vom Volkslied “Heideröslein” stellt 8 , in dem es heißt: ,,Röslein wehrte sich und stach / Aber es vergaß danach / Beim Genuß das Leiden“ 9 . Diese hergestellte Verbindung zwischen den beiden Gedichten kann (im Bezug auf “Schwarze Spiegel“) als Vergewaltigungsphantasie gesehen werden. 10 Neben der möglichen Typologisierung als Robinsonade ist eine Einordnung zwischen Warnutopie und Idylle denkbar, es existiert eine scheinbare Korrespondenz zwischen diesen beiden Gattungstypen. Es handelt sich hierbei um eine Form von einer gesellschaftskritischen Idylle, die auch als utopisch gewertet werden kann. Die Vorstellung der Idylle entstammt der Arkadiendichtung aus Griechenland. Auszeichnend für eine Idylle ist der “locus amoenus“ (lat. lieblicher Ort), der sich etwa durch grüne Wiesen, sprudelnde Bäche und ähnliches beschreiben lässt und den Rahmen für die Arkadiendichtung bildet, aber nicht sofort wahrnehmbar sein muss. In “Schwarze Spiegel“ wird der “locus amoenus“ durch die Umgebung dargestellt, in der sich der Ich-Erzähler sein Haus baut, in der norddeutschen Heidenatur mit Wacholderbüschen statt Bäumen und Wiesen:
„Wacholder bildeten zwei feine Halbkreise : das mußten sehr alte Pflanzen sein, der Größe nach zu urteilen (werden 800 bis 1000 Jahre alt; ich nicht). Auch war der Boden so fest
8 Axel Dunker stellt genau genommen die Verbindung zu Goethes Gedicht her, da er in seinem Aufsatz davon ausgeht, dass die von ihm zitierten Zeilen aus Goethes Gedicht “Heidenröslein“ stammen, es handelt sich jedoch dabei um eine ähnliche, aber differente Version Herders
9 http://cazoo.org/folksongs/heidenroslein.htm
10 vgl. Dunker: Idylle, S. 100f
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Rahel Missal, 2005, Arno Schmidts Schwarze Spiegel - eine Analyse, München, GRIN Verlag GmbH
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