Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort Einleitung 3
2. Was ist Moral 4
2.1. Moralische Prinzipien 4
2.2. Moralische Prinzipien und deren Achtung 6
2.3. Moral Eine Sammlung 8
3. Moralische Entwicklung Handlung und Erziehung 9
3.1. Stufen des moralischen Urteilens als Verlauf einer moralischen Entwicklung 10
3.2. Der Ansatz für die Pädagogik 11
3.3. Werteorientierung als Auftrag in der Schule 12
3.3.1. Moralische Handlungsfähigkeit als Lernprozess 12
3.3.2. Moralische Entwicklungsförderung in der Schule 14
4. Kurzer Zwischenstand 16
5. Moral und Literatur 17
5.1. Perspektivenübernahme und Empathie 18
5.2. Probleme von Kohlbergs Stufentheorie beim Einsatz im Literaturunterricht 19
6. Die Wahl des Textes 20
6.1. Moralische Argumentation im Vergleich zur Stufentheorie 21
6.2. Die Wahl einer Kurzgeschichte 21
6.3. Die Kurzgeschichte zum Anstoß moralischen Denkens am Beispiel 23
6.3.1. „Die Henker“ von Henry Jaeger (WILLENBERG S 128 ff ) 25
6.3.2. Moralische Aspekte in „Die Henker“ 28
6.3.3. Gedanken Fragen und Analogien zu moralischen Prinzipien 29
6.3.4. „Die Henker“ und Kohlbergs Stufentheorie 30
6.4. „Die Henker“ im Unterricht 31
7. Schlussbemerkung 31
8. Literatur 32
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1. Vorwort / Einleitung
Ein Mensch durchlebt von Beginn seiner Geburt viele Entwicklungen, die für sein Leben von immenser Bedeutung sind . Sehr zentral ist die Entwicklung der moralischen Reflexions- und Handlungsfähigkeit, die sich gerade im Kindesalter von Jahr zu Jahr erheblich ändert. Moralisches Handeln ist für jeden Mensch elementar, um sich in unsere Gesellschaft einzufügen. Die moralische Entwicklung wird von vielen Reizen beeinflusst und gesteuert. Nicht nur das Elternhaus, sondern auch die Schule versucht dem Kind wichtige Sozialkompetenzen zu vermitteln oder ihn dabei zu unterstützen selbst diese Kompetenzen entwickeln zu können.
Mein Ziel dieser Arbeit war es, wie man den Literaturunterricht für diese verant-wortungsvolle Aufgabe nutzen kann. Wie kann man mit Hilfe von Literatur, spe-ziell mit kurzen Geschichten und Kurzgeschichten den Schüler in seiner morali-schen Lernentwicklung unterstützen?
Um auf diese Frage eine Antwort zu finden, muss aber zuvor ein stabiles Fun-dament gelegt werden. Aus diesem Grund war es mir wichtig zu Beginn auf den Begriff ‚Moral’ speziell einzugehen. Denn erst wenn man diesen Begriff umfas-send versteht, kann man mit ihm auch arbeiten. Hierzu zog ich philosophische und psychologische Ansätze verschiedener Wissenschaftler hinzu, um den Begriff sinnvoll einzuengen.
Weiterhin muss die ‚moralische Entwicklung’ als Lernprozess verstanden wer-den, der gerade für die Schule von großer Bedeutung ist. Welcher entwick-lungspsychologische Ansatz steht hinter der moralischen Entwicklung? Wie sieht der moralische Lernprozess eines Menschen aus? Welche Bedeutung hat dies für den Auftrag der Schule? All diese psychologischen und pädagogischen Ansichten bilden die Basis für die anschließend folgende Spezialisierung im Literaturunterricht.
Hier werde ich zunächst die allgemeine Bedeutung der Literatur in Bezug zu moralischen Entwicklung setzen. Darauf folgt dann anhand eines Beispiels der Transfer zur Kurzgeschichte. Ich versuche dieses Beispiel wiederum in Bezug zum Vorangegangenen zu setzen.
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2. Was ist Moral?
Der Begriff Moral hat im alltäglichen Sprachgebrauch eine vielleicht nicht ein-deutige Bedeutung, zumindest wird er einigermaßen vielseitig behandelt: „Dei-ne Arbeitsmoral ist schlecht“, „…und die Moral von der Geschicht’…“, „Ich kann das moralisch nicht verantworten“, „Ich halte es für meine moralische Pflicht“. Nur ein paar Beispiele für die Verwendung des Wortes Moral. Auch wenn man denkt, es sei klar, was diese oder ähnlichen Aussagen bedeuten, bemerkt man bei genauerem Betrachten zu diskutierende Unterschiede. Ein Konversationsle-xikon umschreibt Moral wie folgt:
„Moral [zu lat. Mos »Sitte«, »Brauch«] die, 1) die der gesellschaftl. Praxis zugrun-de liegenden und als verbindlich akzeptierten ethisch-sittl. Normen(systeme) des Handelns; 2) die sittliche Haltung eines Einzelnen oder einer Gruppe; 3) lehrreiche Nutzanwendung, sittl. Gehalt (M. einer Geschichte); 4) Solidarität einer Gruppe, Bereitschaft, sich einzusetzen“ (BROCKAHUS, Bd.9, S.378).
Dieses Lexikon erklärt den Terminus Moral unter Verwendung einiger Kernbe-griffe, wie ‚gesellschaftlich’, ‚ethisch’, ‚sittlich’ oder auch ‚Normen’. Somit tritt der soziologische Gehalt des Wortes Moral in den Mittelpunkt. Die aber wohl beste Möglichkeit, sich dem Begriff Moral zu nähern, liegt wohl darin, die Erschlie-ßung dieses vielleicht schwammigen Wortes anhand philosophischer und all-gemeingültiger Gedanken von der Antike bis in die Moderne zu verdeutlichen. Ich werde folgend lediglich einen Überblick geben, damit das Wort ‚Moral’ weni-ger abstrakt erscheint. Ein tiefes philosophisches Eintauchen in der Bedeu-tungsdiskussion wäre sowohl zu umfangreich, als auch für diese Arbeit nicht unbedingt notwendig.
2.1. Moralische Prinzipien
„Bei Fragen der Moral geht es um gut und böse“ (HERZOG, S.151). Diese lapi-dare Unterscheidung zeigt einen komplexen Sachverhalt, vor allem im Umgang mit eben dem ‚Guten’ oder dem ‚Bösen’. Der amerikanische Psychologe und Verhaltensforscher Burrhus Frederic Skinner (1904-1990) erklärt den Menschen für automatisch gut, damit sie das Böse meiden. Notwendig für diese Unter-4
scheidung ist aber die Fähigkeit, die Frage erörtern zu können, was ‚gut’ oder ‚schlecht’ ist. Für diese Erörterung ist die Ethik die Diskussionsplattform. Der britische Philosoph George Edward Moore (1873-1958) unterscheidet hier nochmals explizit zwischen ‚schlecht’ und ‚böse’, denn das Böse ist eine Eigen-schaft, die lediglich dem Menschen zugeschrieben werden kann. Schlecht da-gegen könne n auch Dinge, Ereignisse oder auch Zustände sein. Somit kommen wir zu der Frage, was böse eigentlich ist. Eine interessante Ansicht vertritt der deutsche Philosoph Walter Schulz (1912-2000), der meint „böse sei die Unord-nung“, genauer: „Der Umsturz der Ordnung in mir selbst und der Ordnung in Bezug zu anderen“ (HERZOG, S.152). Herzog stellt hier die Frage, ob das Bö-se in der Zerstörung und das Gute in der Wahrung der Ordnung liege. Eine po-sitive Antwort auf jene Frage führt zum Schluss, die Ordnung verkörpere das ‚Gute’. Berechtigte Zweifel gibt es von Herzog: Zum Beispiel Diktaturen, die auch eine Art politische Ordnung verkörpern, seien mit dem Guten nicht gleich-zusetzen. Um Ordnung mit dem ethischen und moralischen Bezug zum Gute n gleichsetzen zu können, muss hier ein Transfer hergestellt werden: Die Ord-nung darf nicht als fester äußerer Umstand gesehen werden, dem wir ohn-mächtig gegenüberstehen.
„Die Antwort liegt in unserem Selbstverständnis. Ordnung ist etwas, das wir uns – wenigstens zum Teil – selbst zuschreiben. […] Der moderne Mensch ist der schaf-fende Mensch, der sich die Ordnungen seines Seins selbst gibt – in der Technik gegenüber der Natur, in der Politik, gegenüber der Gesellschaft und in der Erzie-hung gegenüber sich selbst. Er steht in der Situation desjenigen, der Ordnung selbst entwerfen, machen und durchhalten muss“ (HERZOG, S.152 f.).
Also nicht das, was ist, ist ‚gut oder böse’, sondern das, was wir tun ist ‚gut o-der böse’. Zusammenfassend wird die Moral, also die Frage ‚gut oder böse’ zu Attributen von Handlungen. Das ‚moralische’ wird subjektiviert. (HERZOG, S.150 ff.)
Diese Subjektivierung hat sich in den Ansichten seit der Antike bis heute erheb-lich gewandelt. In der Antike steht das ‚Gute’ und das ‚Wahre’ dicht zusammen. Sokrates sieht in der Tugend das Wissen selbst. Böses wird aus Unkenntnis getan, denn „wer um die Wahrheit weiss, der ist auch erfüllt vom Guten“ (HERZOG, S.153). Die Ansicht hat sich im Christentum geändert. Während in
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der Antike noch die Wahrheit und das Wissen als individueller Zugang zum Gu-ten gesehen wurden, tat der Mensch im Christentum Böses nicht aus mangeln-dem Wissen, sondern aus mangelndem oder gar fehlendem Glauben. Die Er-kenntnis selbst tritt bei den Christen stark in den Hintergrund. Der Mensch soll auf Gott vertrauen, er soll ihm gehorchen, sonst gibt er sich der Sünde hin. „A-dam und Eva wurden sündig, weil sie nicht gehorchten“ (HERZOG, S.154). Die Weisheit im Christentum wird aber nicht völlig außer Acht gelassen, sie wird nur anders interpretiert: Die Weisheit wird nicht individuell durch Wissen angeeig-net, sondern eben durch die Furcht vor Gott:
„Doch zum Menschen sprach er [der Tod]: »Seht, Furcht des Herrn, das ist Weis-heit, und Meiden des Bösen ist Einsicht“ (DIE HEILIGE SCHIRFT, Hi 28, 28).
Die Moderne kehrt wieder zu einer individuelleren, selbst handelnden Ansicht zurück. „Der moderne Mensch misstraut dem Wort und ‚glaubt’ nur, was er selbst erkannt hat“ (HERZOG, S.154). Der Mensch steht also nicht mehr unbe-dingt in Beziehung zu einem höheren Wesen, er steht in Beziehung zu sich selbst. Die ‚Vernunft’ tritt in den Kontext der Diskussion. Das Gute sei eine Leis-tung des Menschen. Der Mensch ist gut, wenn er durch Vernunft gut sein will. (HERZOG, S.153 ff.)
2.2. Moralische Prinzipien und deren Achtung
Moralisches Verhalten entfaltet sich dann, wenn die Prinzipien, die eine Moral ausmachen, geachtet und eingehalten werden. Der Begriff Moral und das Ver-ständnis kann durch eine genaue Betrachtung der Prinzipien besser verstanden werden.
Erinnern wir uns nochmal an die Verbindung von Moral und dem Verständnis von ‚gut und böse’ (siehe Abschnitt 2.1.). Genau dieses polarisierte Denken schließt einen wichtigen Gedanken aus, der vor allem in der Antike eine wichti-ge Bedeutung hatte:
„Mit der Verinnerlichung von gut und böse geht etwas verloren, was in der griechi-schen Antike eine wichtige Rolle spielte und dem Bereich der Moral zugerechnet wurde: Das gute Leben“ (HERZOG, S.156 f.).
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Aristoteles war der Ansicht, dass das oberste aller Güter die Glückseligkeit sei. Gutes Leben und gutes Handeln werden mit dem ‚Glücklichsein’ gleichgesetzt. „Wer Gutes tut, dessen Leben steht unter dem Zeichen des Gelingens“ (HERZOG, S.157). Für uns, den modernen Menschen, ist diese Ansicht etwas Befremdliches. Wir erachten die Moral als Hindernis des Glückl ichseins. Morali-sche Fragen sind individuell zu beantworten, aber von öffentlichem Interesse. Die Moral als Instanz des kulturellen Zusammenlebens kann bei deren Nicht-einhaltung zu Schuldgefühlen führen, das heißt ein „Kulturfortschritt [wird] in der Glückseinbuße durch die Erhöhung des Schuldgefühls bezahlt“ (HERZOG, S.157). Auch wenn das eben erwähnte Glücksgefühl im Mittelpunkt antiken Denkens steht, versucht auch der moderne Mensch das Ziel zum Glück zu er-reichen. Die Wege zum Glück benötigen aber eine „übergeordnete Instanz, die das individuelle Glücksstreben öffentlich ausbalanciert. Diese I nstanz ist die Moral“ (HERZOG, S.157).
Kommen wir nun zu den Prinzipen der Moral im Leben des modernen Men-schen. Weitestgehend regelt die Moral zwischenmenschliche Beziehungen, die Fragen der Gerechtigkeit thematisiert. Die ‚Gerechtigkeit’ fordert die ‚Rücksicht-nahme’ auf Ansprüche anderer. Geht man einen Schritt weiter, beobachtet man, dass Menschen aufeina nder bezogen sind, sie Sorgen füreinander. Somit werden ‚Fürsorge’ und ‚Wohlwollen’ zu zentralen Prinzipien der Moral, im christ-lichen Denken „steigt die Liebe zum höchsten Prinzip des moralischen Ha n-delns“ (HERZOG, S.158):
„»Meister, welches ist das größte Gebot im Gesetz?« Er antwortete ihm: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und deinem ganzen Denken. Dies ist das größte und erste Gebot. Das zweite ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten«“ (DIE HEILIGE SCHRIFT, Mt 22, 36-40)
Eine Unterscheidung ist bei der Erschließung moralischer Prinzipien besonders hervorzuheben: Die Moral wird von zwei Prinzipien erschlossen, die sich in ih-rem Gehalt grundlegend unterscheiden. Auf der einen Seite steht die Gerech-tigkeit. Sie wird dem Bereich der Vernunft zugeschrieben. Auf der anderen Sei-te steht das Wohlwollen. Es erscheint als Prinzip der Erfahrung, „die sich ein-stellt, wenn der Mensch mit seinem Handeln auf Widerstand stößt“ (HERZOG,
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S.158). Beide Prinzipien vereinen sich zu einem übergreifenden Prinzip, und zwar das der gegenseitigen Anerkennung. Ohne Anerkennung des anderen ist nämlich weder gerechtes noch wohlwollendes Ha ndeln zu erwarten. (HERZOG, S.156 ff.)
2.3. Moral – Eine Sammlung
Folgend trage ich die wichtigen Kernbegriffe zusammen, die im Kontext der o-ben erläuterten Ausführung eng mit dem Begriff Moral in Beziehung stehen. Die Stichwortsammlung könnte auch als Vorlage für den Unterricht dienlich sein, und zwar nicht nur aufgrund des Themas dieser Arbeit für den Literaturunter-richt, sondern für jeden Unterricht, der eine Auseinandersetzung mit dem The-ma Moral zum Ziel hat. Die Stichwortsammlung ist nicht wirr zusammengestellt; die Worte zur rechten könnten einer positiven Moral zugeschrieben werden, die zur linken einer negativen. Begriffe in der Mitte sind nicht zwingend wertend.
böse, das Böse, schlecht zwischenmenschlich gut, das Gute Unordnung Handlungen Ordnung Unkenntnis Wissen, Weisheit ungläubig gläubig Schuldgefühl gehorchen
Auffallend ist die relativ große Menge positiv genannter Begriffe. Man könnte jetzt zum Schluss kommen, dass die Moral ein positiv konnotierter Begriff ist, und nicht unbedingt neutral.
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Christoph Mahlberg, 2004, Literatur als Schlüssel zur moralischen Entwicklung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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