Inhaltsverzeichnis
INHALTSVERZEICHNIS S e i t e
1. EINLEITUNG 1
2. DER KRIEGSFILM 3
2.1 Das Genre Kriegsfilm 3
2.2 Die Geschichte des US-amerikanischen Kriegsfilms 7
3. DIE ZUSAMMENARBEIT VON PENTAGON UND HOLLYWOOD. 15
3.1 Die Entstehung und Funktionsweise der Zusammenarbeit. 15
3.2 Das Resultat der Zusammenarbeit 17
3.3 Das Beispiel BLACK HAWK DOWN. 19
3.4 Die Unterstützung einer Produktion durch das Pentagon 21
3.5 The „Institute for Creative Technologies“ in Los Angeles. 25
4. DER 11. SEPTEMBER UND SEINE MEDIALEN AUSWIRKUNGEN 28
4.1 Die Bildsprache des Terrors. 28
4.2 Die Reaktion Hollywoods: Die TV-Serie „PROFILES FROM THE FRONT
LINE “ (USA, 2003) 31
5. ANALYSE DER KRIEGSFILME 35
5.1 SAVING PRIVATE RYAN 35
5.1.1 Allgemeines. 35
5.1.2 Die scheinbare Authentizität 36
5.1.3 Die Analyse der Eingangssequenz 38
5.1.4 SAVING PRIVATE RYAN: Ein Kriegs- oder Antikriegsfilm? 44
5.2 THE THIN RED LINE 48
5.2.1 Allgemeines. 48
5.2.2 Die Natur, der Mensch und der Krieg. 49
5.2.3 Philosophie auf dem Schlachtfeld. 52
5.2.4 Vernunft und Wahnsinn 56
5.3 BLACK HAWK DOWN 60
5.3.1 Allgemeines. 60
5.3.2 Der Bezug zur Realität 60
5.3.3 Die Rechtfertigung des Somalia-Einsatzes 63
5.3.4 Täuschende Routine 66
5.3.5 Der Plot 70
5.3.6 Die Schlusssequenz. 72
5.4 WE WERE SOLDIERS 75
5.4.1 Allgemeines. 75
5.4.2 Der amerikanische Held. 75
5.4.3 Die Verbesserung des Images durch Beschönigung der Geschichte 79
5.4.4 Verfälschung der Ereignisse 80
6. VERGLEICH UNTER BEZUGNAHME AUF DIE ZUSAMMENARBEIT
ZWISCHEN PENTAGON UND HOLLYWOOD. 83
7. SCHLUSSBETRACHTUNG 90
8. LITERATURVERZEICHNIS 93
9. FILMOGRAFIE 98
1. EINLEITUNG
Am 11. September 2001 ereignen sich Terroranschläge, die in ihrem Ausmaß bisher historisch einzigartig sind. Die vereinigten Staaten von Amerika führen danach unter ihrem aktuellen Präsidenten George W. Bush zwei Kriege in Afghanistan und im Irak.
Außerdem ist seit 1998 ein Anstieg der Kriegsfilmproduktionen zu verzeichnen. Lassen sich diese Phänomene miteinander verknüpfen?
Ob zur reinen Unterhaltung, als Propaganda-Instrument oder Therapeut posttraumatischer Kriegs-Traumata - der Kriegsfilm erfüllt mehrere Funktionen in einer ungeheuren Vielzahl von Beispielen. Ferner gibt es das Subgenre Antikriegsfilm, das für sich den Anspruch erhebt, dem Rezipienten eine pazifistische Nachricht zu vermitteln, die sich generell gegen Krieg richtet und diesen ablehnt. Das Medium Film trägt einen entscheidenden Teil zur politischen Kriegsführung bei. Dies ist keine neue Erkenntnis, da der Film seit seiner Erfindung in militärische Auseinandersetzung zwischen Staaten eingebunden ist. Die USA arbeiten seit dem Zweiten Weltkrieg intensiv mit der Filmschmiede Hollywood zusammen.
Der 11. September ruft eine neue weltpolitische Situation hervor, und man kann daher annehmen, dass ein derartiges Ereignis auch die Medien, im speziellen die Produktion von Kinofilmen beziehungsweise Kriegsfilmen tangiert.
Deshalb gehe ich der Frage nach, inwiefern sich die immer aufwendiger werdenden Kriegsfilmproduktionen der späten 90er Jahre gestalten und wie der 11. September zukünftige Hollywood-Kriegsfilme beeinflussen kann. Daran knüpft sich außerdem die Frage an, ob das Medium Film seitens der amerikanischen Regierung stärker als bisher instrumentalisiert wird, um zur aktiven Verfolgung politischer Ziele beizutragen. Um die generellen Funktionen von zeitgenössischen Kriegs- und Antikriegsfilmen darzulegen, werde ich exemplarisch die Filme SAVING PRIVATE RYAN (USA, 1998), THE THIN RED LINE (USA, 1998), BLACK HAWK DOWN (USA, 2001) und WE WERE SOLDIERS (USA, 2001) analysieren. Diese vier Filme decken ein breites Spektrum des modernen Kriegsfilmgenres ab.
Des Weiteren gehe ich auf die Zusammenarbeit zwischen Pentagon und Hollywood im Allgemeinen ein und lege etwaige Auswirkungen des 11. September auf das Medium Film dar.
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Ferner soll die Analyse die Möglichkeiten der Wahrnehmung von Kriegsfilmen erweitern und eine differenziertere Erfassung ihrer Plots ermöglichen. Gerade durch die Existenz einer intensiven Zusammenarbeit zwischen der amerikanischen Regierung und Hollywood sind gesellschaftspolitische Ereignisse maßgeblich relevant für die Aussagen von Kriegsfilmen.
Folglich werde ich moderne US-amerikanische Kriegsfilmproduktionen unter Bezugnahme der Zusammenarbeit zwischen der amerikanischen Regierung und Hollywood darstellen sowie den 11. September 2001 als richtungweisendes Ereignis, das von Millionen von Menschen visuell erfasst wurde, berücksichtigen.
Damit ein theoretischer Hintergrund gegeben ist, werde ich mich in Kapitel 2 zunächst mit dem Kriegsfilm im Allgemeinen befassen. Dies beinhaltet eine Definition des Genres sowie einen historischen Überblick der Entstehung des amerikanischen Kriegsfilms und seiner Entwicklung bis heute.
Es folgt in Kapitel 3 eine Darlegung der Zusammenarbeit zwischen Pentagon und Hollywood und in Kapitel 4 bespreche ich die medialen Auswirkungen des 11. September 2001.
Die in Kapitel 5 anschließende Analyse der vier exemplarischen Kriegsfilme dient dazu, die Verknüpfung von Hollywood-Kriegsfilmproduktionen und der amerikanischen Politik darzulegen. Dabei wähle ich jeweils zwei Produktionen aus dem Jahre 1998 und aus dem Jahre 2001. SAVING PRIVATE RYAN und THE THIN RED LINE entstehen bereits 1998 und sind somit nicht unmittelbar mit den Terroranschlägen des 11. September in Verbindung zu setzen. Sie dienen jedoch als Spektrumserweiterung für den Gesamtzusammenhang. BLACK HAWK DOWN und WE WERE SOLDIERS sind im Jahre 2001 entstanden und sind beide zwar vor dem 11. September produziert worden, stehen aber durch ihre späteren Uraufführungen in ihrer Wirkungsweise unter den bildlichen Eindrücken der Terrorkatastrophe.
An dieser Stelle möchte ich deshalb ausdrücklich betonen, dass weder BLACK HAWK DOWN noch WE WERE SOLDIERS aufgrund der Terroranschläge vom 11. September 2001 nachträglich verändert wurden. Im Falle von BLACK HAWK DOWN ist lediglich die Filmpremiere in den USA vorgezogen worden, während man den Filmstart in Deutschland immer wieder verschoben hat.
In einem abschließenden Vergleich (Kapitel 6) erörtere ich die Zusammenarbeit zwischen dem Pentagon und Hollywood anhand der vier Filme noch einmal zusammenfassend.
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2. DER KRIEGSFILM
2.1 Das Genre Kriegsfilm
Die digitale Enzyklopädie Microsoft Encarta Enzyklopädie Professional 2004 gibt eine einfache Definition, wenn man nach dem Schlagwort Kriegsfilm sucht: „Kriegsfilm, Filmgenre, das sich mit kriegerischen Auseinandersetzungen befasst.“ 1 Diese wirklich grobe Umschreibung des eigenständigen Filmgenres Kriegsfilm trifft nur sehr oberflächlich den tatsächlichen Umfang dieses komplexen Phänomens der Filmgeschichte. Die wörtliche Analyse des Ausdrucks Kriegsfilm ergibt, dass es sich hier um Filme handeln kann, die den Krieg darstellen oder ihn in Bildern zeigen. Vielleicht sind aber auch Filme gemeint, die über den Krieg berichten oder gar Filme, die selbst als Waffe fungieren, sozusagen als Teil militärischen Equipments. 2 Kurzum, der Kriegsfilm ist all dies auf einmal. Er ist Produkt dieser Definitionen. Im Kern geht es tatsächlich immer in irgendeiner Art und Weise um die Darstellung des Kampfes zwischen Menschen un-tereinander. Dieses Faszinosum beschäftigt die Menschheit schon sehr lange, verdeutlicht man sich einmal, dass die bildende Kunst schon in der Zeit der Höhlenmalerei den Kampf unter Menschen darstellte. 3
Der Kriegsfilm befasst sich vorwiegend mit den kriegerischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts. Hauptsächlich sind hier die beiden Weltkriege zu nennen sowie der Korea- und Vietnamkrieg. In jüngeren Produktionen werden auch der zweite Golfkrieg in 1991 4 und der Kosovo-Krieg in 1999 als thematische Vorlage verwendet. Was sind nun die typischen Kriterien, die einen Film zum Kriegsfilm machen? Es geht um das Zeigen eines Vorgangs, eines Krieges mit Hilfe der bewegten Fotographie. Die Kamera macht es auf eine Art und Weise möglich, Bilder eines Schlachtfeldes auch hinter den Fronten zu übermitteln und zwar in eine meist sichere Zone. Der Zuschauer muss im Gegensatz zum kämpfenden Soldaten keine Sorge um sein körperliches Wohlergehen haben und doch ist er dank des Kriegsfilms in der Lage, imaginär in die Rolle eines Soldaten zu schlüpfen. Denn er sieht das, was eigentlich nur dem Soldaten vorbehalten bleibt: den direkten Kampf.
1 Iafrate, Virgilio: Kriegsfilm. In: Microsoft Encarta Enzyklopädie Professional 2004.
2 Anm.: gemeint ist die propagandistische Nutzung des Mediums „Film“.
3 Vgl. Baier, Eberhard: Der Kriegsfilm. Aachen 1984. S. 7.
4 Anm.: Als erster Golfkrieg wird der Krieg zwischen Iran und Irak von 1980-88 definiert. Mit „zweiter
Golfkrieg“ ist in der gesamten Magisterarbeit der Krieg zwischen den USA und dem Irak in 1991 ge-
meint.
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Dabei ist der Grad des Realismus ein wichtiger Aspekt. Gerade neuere Produktionen bedienen sich vieler technischer Mittel, um ein möglichst wirklichkeitsnahes Abbild der Realität vom Kampfort zu ermöglichen. Dies scheint bei vielen Produktionen, vor allem der Neueren, eines der wichtigsten Kriterien zu sein. Der Zuschauer soll vergessen, dass er sich in einem Kinosaal befindet. Er soll regelrecht in Kampfhandlungen involviert werden, so dass der Kinobesuch zum direkten Kriegserlebnis mutiert. Doch hier sind Grenzen vorhanden, die selbst der beste Spezialeffekt-Experte, der erfahrenste Regisseur oder der talentierteste Kameramann nicht zu durchbrechen vermögen. Am Ende bleibt jeder Film - auch ein Kriegsfilm - eine Fiktion. Selbst der neueste Superlativ der filmischen Kriegserfahrung, die überlieferten Bilder so genannter „eingebetteter“ Journalisten 5 , die sich tatsächlich an der Kriegsfront befinden und „echte“, nicht im Studio rekonstruierte Bilder liefern, zeigt letztendlich nur ein gefiltertes, ein durch die Kamera wahrgenommenes Bild. Somit bleibt der Zuschauer ein Zuschauer, er bleibt ein passiver Betrachter, der das Agens neugierig fokussiert.
Was macht nun dieses Genre Kriegsfilm interessant? Warum ist der Mensch so darauf erpicht, den Krieg, eine der grausamsten Erscheinungen, die er (der Mensch) selbst erschaffen hat, immer wieder Revue passieren zu lassen? Der Erfolg von Filmen beziehungsweise von Filmgenres hängt von verschiedenen Faktoren ab. Michael Strübel analysiert dies wie folgt:
„Im Zusammenwirken des Ganzen, í Ton und Musik, Licht und Bild, Schnitt und Montage,
Schauspielführung und Starsystem, Architektur und Interieurs sowie der Postproduction,
der Nachbereitung des Materials, der Werbung, des Verleih- und Vertriebsystems - errei-
chen Filme ein Millionenpublikum, das mit dem Kauf einer Kinokarte bereit ist, sich ratio-nal und emotional auf ein Thema einzulassen. Krieg als elementare Erfahrung, vor allem in
Verknüpfung mit anderen existenzprägenden Ereignissen wie Liebe und Tod, stößt beim
Kinopublikum auf einen hohen Identifikationswert und befriedigt in besonderer Weise den
einmaligen Vorteil des Mediums Film: Entfernt und doch mittendrin zu sein, weit weg und
doch so nah.“ 6
Der Mensch ist offensichtlich hungrig nach so genannten „existenzprägenden Ereignissen“. Das Individuum möchte das, was in seinem eigenen Dasein die höchste Relevanz genießt, bewusst erfahren. Strübels Beispiele „Liebe und Tod“ sind im Grunde als „höchstes Glücksgefühl und Urangst“ zu definieren. Sie sind die entscheidenden
5 Anm.: Der Begriff „eingebettete“ Journalisten wurde im Zusammenhang mit der Berichterstattung über
den Irakkrieg geprägt. Journalisten und Kamerateams befanden sich unter den angreifenden amerikani-
schen Bodentruppen und filmten die Kampfhandlungen für Nachrichtensendungen.
6 Strübel, Michael: Vorwort. In: Strübel, Michael (Hg.): Film und Krieg. Die Inszenierung von Politik
zwischen Apologetik und Apokalypse. Opladen 2002. S. 8.
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Ereignisse für die meisten Menschen im Verlauf ihres Lebens und somit von höchstem Interesse.
Doch es kommen weitere Aspekte hinzu, die den Kriegsfilm immer wieder wie einen Magneten in den Kinosälen wirken lässt, der Millionen von Menschen zu sich zieht. Inhaltlich widmen sich Kriegsfilme verschiedenen Thematiken. Neben der Aufarbeitung und Darstellung geschichtlicher Ereignisse in Form von kriegerischen Auseinandersetzungen vertreten sie direkt oder indirekt politische Meinungen. Gerade letzteres lässt uns sofort an das Subgenre Antikriegsfilm denken. Der Antikriegsfilm ist ein weites Feld und veranlasste schon viele Kritiker und Zuschauer sich auf heftigste Diskussionen einzulassen. Zum einen ist es definitiv sehr schwer zu beurteilen, ob es sich bei einem Kriegsfilm um eben einen solchen Antikriegsfilm handelt, zum anderen stellt es sich oftmals als problematisch dar, überhaupt eine Trennung dieser beiden Genres vorzunehmen. Denn je nach Sichtpunkt und Interpretation kann ein und derselbe Film sowohl als Kriegsfilm, als auch als Antikriegsfilm ausgelegt werden. Die Grenzen sind hierbei oft fließend und gehen geradezu nahtlos ineinander über. Tatsache ist jedoch, dass es eindeutige Kriegsfilme gibt, die keinen Zweifel daran lassen, den Krieg an sich als legitime, notwendige oder gängige Handlung beziehungsweise Lösung vorzuschlagen. Ungleich schwieriger stellt sich unter der Flut der Kriegsfilme die Identifikation von Antikriegsfilmen dar, die genau die gegenteilige Botschaft verkünden wollen. Eberhard Baier definiert den Antikriegsfilm folgendermaßen:
„Anti-Kriegsfilme wären dann alle Filme, in denen das Leiden der Menschen durch den
Krieg, die Forderung nach Abschaffung des Krieges als Mittel der Politik und die Darstel-
lung der wahren Ursachen des Krieges sowie der Sinnlosigkeit kriegerischer Auseinander-
setzungen gezeigt wird […]“ 7
Lassen sich solche Kriterien in einem Kriegsfilm feststellen, so ist es sicherlich angebracht, ihn zumindest nicht als kriegsverherrlichendes Werk zu bezeichnen. Dass es ihn aber zu einem reinen Antikriegsfilm macht, ist zu bezweifeln. Betrachtet man Kriegsfilme, die den kriegerischen Akt positiv kennzeichnen, lässt sich folgendes feststellen:
Zum einen gibt es Propagandafilme, die dazu eingesetzt werden, einen Krieg zu rechtfertigen, ihn zu beschönigen und für ihn zu werben. Diese Filme dienen Regierungen dazu, eine Stimmung in der Gesellschaft zu generieren beziehungsweise zu manipulieren. Anhebung der Moral bei den eigenen Soldaten, eine Bevölkerung, die hinter den
7 Baier (Anm. 3). S. 38.
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Entscheidungen ihrer Regierung steht und eine Grundüberzeugung „pro Krieg“ auszulösen, sind Ziele der Propagandafilme. Sie seien gekennzeichnet durch ein deutlich ausgeprägtes Schwarz-Weiß-Denken, und Kriegshelden gebe es nur bei den eigenen, nicht bei den gegnerischen Einheiten, konstatiert Michael Strübel. 8 Ferner hätten die eigenen Truppen „soldatische“ Tugenden wie Disziplin, Patriotismus, Kampfesmut und Tapferkeit. Das Feindbild sei bis zur Karikatur mit negativen Eigenschaften belegt, und es gebe rassistische Konnotationen. Weiterhin, so Strübel, werde die Demokratie propa-gandistisch suspendiert und Mitspracherecht, das demokratische Partizipation bedeutet, werde durch eine Befehlshierarchie aufgehoben. General Eisenhower, Oberkommandierender der alliierten Streitkräfte im zweiten Weltkrieg sagte deutlich: „Was unsere Jungs außer Waffen und Munition brauchen, sind Filme, und noch mehr Filme.“ 9 Zweifellos dieser Form zuordnen lassen sich natürlich entsprechende Werke, die zum Beispiel während des zweiten Weltkrieges auf deutscher Seite in Form der WOCHENSCHAUEN entstanden. Schwieriger wird es zum Beispiel bei den von mir analysierten aktuellen Hollywood-Produktionen. Auch hier unterstellen einige Kritiker eine kriegsbeführwortende oder kriegsverherrlichende Intention, die dann durchaus pro-pagandistische Wirkung erreichen kann oder soll. Gerade im Hinblick auf die Terroranschläge des 11. September und die daraufhin von den USA geführten Kriege in Afghanistan und gegen den Irak, ist eine Untersuchung der jüngsten Hollywood Produktionen in Bezug auf ihre Aussagen und Inhalte daher nahe liegend. Doch dazu später mehr. Auch Kriegsfilme bedienen sich, wie jedes Filmgenre, immer wiederkehrender Klischees, um eine Identifizierung für den Zuschauer zu erleichtern. 10 Reinold E. Thiel stellt dazu acht Punkte auf, durch die sich diese Klischees definieren lassen. Er geht davon aus, dass die meisten Filme den Krieg akzeptieren:
„ - Es ist schön Soldat zu sein
- Die bösen Nazis und die guten Soldaten
- Die Diffamierung des Widerstands
- Der Krieg als sportlicher Wettkampf
- Die Armee als Schule der Nation
- Die Diffamierung des Gegners
- Krieg als Schicksal
- Die vorgetäuschte Kritik“ 11
8 Vgl. Strübel, Michael: Kriegsfilm und Antikriegsfilm. Ein filmgeschichtlicher Abriss aus der Sicht der
internationalen Politik. In: Strübel, Michael (Hg.): Film und Krieg. Die Inszenierung von Politik zwi-
schen Apologetik und Apokalypse. Opladen 2002. S. 44.
9 Vgl. Schäfli, Roland: Hollywood führt Krieg. So verfilmt Hollywood den Zweiten Weltkrieg. Eine An-
thologie der Kriegsfilme, ihrer Starsund Regisseure. Gau- Heppenheim 2003. S. 7.
10 Vgl. Baier (Anm. 3). S. 46.
11 Vgl. Strübel (Anm. 8). S. 47.
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Nicht in jedem Kriegsfilm lässt sich freilich jeder der einzelnen Punkte wieder finden. Aber man muss diesen von Thiel schon 1961 aufgestellten Thesen bis heute eine eindeutige Relevanz zuschreiben, denn sie wiederholen sich im Einzelnen doch recht auffällig.
Weitere stilistische Merkmale von Kriegsfilmen sind die standardisierten Geschichten, die standardisierten Schauplätze, die standardisierten Charaktere usw. 12 Eberhard Baier verdeutlicht die Details und Gründe für diese Standardisierungen. So sei es charakteristisch für die Mehrzahl der Kriegsfilme, dass typische Einzelaktionen den Handlungsstrang der Filme ausmachen. Somit seien die Produktionskosten geringer, da sich diese Einzelaktionen immer einfacher darstellen ließen, als eine Schlacht zwischen tausenden Soldaten oder Panzern. Außerdem werde die Identifikation des Zuschauers mit den Helden erleichtert, da die Anzahl der Beteiligten auf ein Minimum beschränkt sei. 13 Die standardisierten Schauplätze zeichnen sich laut Baier oftmals dadurch aus, dass vorwiegend kriegsentscheidende Schlachten oder besonders spektakuläre Schlachten und Gefechte Grundlage von Kriegsfilmen seien. Die Nennung des Ortes beziehungsweise des Schauplatzes bewirke eine bestimmte Erwartungshaltung beim Zuschauer. 14 Des Weiteren gibt es Standardcharaktere wie zum Beispiel den „ungebrochenen Helden“, den „Draufgänger“, den „Versager“ oder den „Feigling“. 15 All diese Annahmen Baiers sind Beobachtungen bei vielen Kriegsfilmen. Sie stellen jedoch keine Regel oder eine Maxime dar, die ein Kriegsfilm erfüllen muss. Abweichungen und genau den Standards entgegen gesetzte Abläufe sind durchaus möglich.
2.2 Die Geschichte des US-amerikanischen Kriegsfilms
Die Entstehung des US-amerikanischen Kriegsfilms stellt ein 90 Sekunden kurzer Film namens TEARING DOWN THE SPANISH FLAG (USA, 1898) dar. Anlass dieser Produktion ist der amerikanisch-spanische Krieg, der im Jahr 1898 zwischen den USA und Spanien ausgetragen wird und letztendlich zur Unabhängigkeit Kubas und Puerto Ricos führt. Nur Stunden nach der amerikanischen Kriegserklärung gegen Spanien produziert die Vitograph Company unter der Regie J. Stuart Blacktons diesen Film, der eine
12 Vgl. Baier (Anm. 3). S. 46-68.
13 Vgl. Ebd. S. 46.
14 Vgl. Ebd. S. 59.
15 Vgl. Ebd. S. 63-77.
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Reproduktion der tatsächlichen Ereignisse darstellen soll. 16 Gezeigt wird das Einholen der spanischen Flagge in der kubanischen Hauptstadt Havanna durch die amerikanischen Soldaten, die daraufhin ihre eigene Flagge hissen. 17 Obwohl dieses erste propa-gandistische Stück Kriegsfilm noch nicht repräsentativ für das zukünftige Filmgenre Kriegsfilm ist, läutet es dennoch genau dieses ein.
Die beeinflussende Wirkung des Mediums Film wird schnell erkannt. Präsident Theo-dore Roosevelt überzeugt zwei Jahre vor dem Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg J. Stuart Blackton, den Regisseur von TEARING DOWN THE SPANISH FLAG (USA, 1898), einen Film zu drehen, der eine bestärkende Wirkung auf die Amerikaner bezüglich ihrer Kriegsbeteiligung im Kampf gegen Deutschland haben soll. 18 So entsteht THE BATTLE CRY OF PEACE (USA, 1915). Dieser Film wird trotz scharfer Kritiken von vielen Pazifisten zu einem Erfolg und gibt Anstoß zur Produktion weiterer ähnlicher Filme. Doch viele Produzenten nehmen zunächst Abstand zu Kriegsfilmproduktionen aufgrund der hohen Kosten, die selbige verursachen. Erst nach dem Erfolg von BIRTH OF A NATION (USA, 1915) von D. W. Griffith und des Kriegseintritts der USA in den ersten Weltkrieg im April 1917, beginnt der Erfolgszug des
BIRTH OF A NATION (USA, 1915) schildert die Auswirkungen des Krieges auf zwei Familien während des amerikanischen Bürgerkriegs. Neben solchen Spielfilmproduktionen gibt es offizielle Propagandafilme, die für den Eintritt in die Armee, der Arbeit in Rüstungsfabriken oder für die Zeichnung von Kriegsanleihen werben. 19
D. W. Griffith produziert einen weiteren Film namens HEARTS OF THE WORLD (USA, 1918), der zu den besten Filmen zählt, die während des ersten Weltkrieges produziert werden. Die Filmindustrie wird nun maßgeblich vom Kriegsalltag bestimmt. Zahlreiche Produktionen haben das Thema „Krieg“ als Grundlage und es entstehen Filme wie THE KAISER-BEAST OF BERLIN (USA, 1918), THE LITTLE AMERICAN (USA, 1917) und SHOULDER ARMS (USA, 1918), um nur einige zu nennen. Dies ändert sich jedoch nach Ende des ersten Weltkrieges schlagartig. Plötzlich will das Publikum keine Kriegsfilme mehr sehen, und nicht nur in den USA bestimmen
16 Vgl. Garland, Brock: War Movies. New York 1987. S. 2.
17 Vgl. Dirks, Tim: War And Anti-War Films. Auf: http://www.filmsite.org/warfilms.html - Stand:
15.07.2004.
18 Vgl. Garland (Anm. 16). S. 2.
19 Vgl. Baier (Anm. 3). S.82.
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nahezu ausschließlich alternative Genres den Kinoalltag. Hierzu zählen hauptsächlich Hollywoods Western und Gangsterfilme, während in Europa Komödien, Abenteuerfilme und Revuefilme entstehen. So verwundert es nicht, dass auch einer der ersten erfolgreichen Antikriegsfilme mit THE FOUR HORSEMEN OF THE APOCALYPSE (USA, 1921) über die Leinwände flimmert.
1925 vollzieht sich schließlich ein Wandel. Erstmals nach dem ersten Weltkrieg werden wieder vermehrt Kriegsfilme produziert. Hollywood wendet sich von seiner eher romantischen Darstellung des Krieges ab und zeigt den Krieg nüchterner und realistischer. 20 Stellvertretend dafür sind unter anderem die beiden Filme THE BIG PARADE (USA, 1925) von King Vidor und WHAT PRICE GLORY (USA, 1926) von Raoul Walsh. Ein weiterer wichtiger Film entsteht 1928. WINGS (USA, 1927) heißt der Antikriegsfilm der so genannten „silent era“ 21 . Regisseur William Wellmann, der selbst ein erfahrener Kampfpilot ist, zeigt erstmals beeindruckende Bilder von „dogfights“ (Luftkämpfen) zwischen Kampfflugzeugen. Der Film gewinnt den Oscar für das beste Bild und entwickelt sich zu einem vollen Erfolg. Garland Brock vergleicht diesen 1928 ent-standenen Film sogar mit TOP GUN (USA, 1986):
Selbst George Lucas orientiert sich für seine Raumschiffkämpfe in STAR WARS (USA, 1977) an der Vorlage WINGS.
Die Beliebtheit der Luftkampffilme führt zu zwei weiteren Produktionen im Jahr 1930. Howard Hughes’ HELLS ANGELS (USA, 1930) und Howard Hawks’ THE DAWN PATROL (USA, 1930) werden bereits als Tonfilme produziert. Der erste wirklich
20 Vgl. Garland (Anm.16). S. 3.
21 Vgl. Ebd.
22 Ebd. S. 3.
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erfolgreiche Ton-Antikriegsfilm ist Lewis Milestones ALL QUIET ON THE WESTERN FRONT (USA, 1930). Nach einer Buchvorlage schildert der Regisseur sehr elementar den „wahren Horror“ 23 des Krieges und wird dafür mit zwei Oskars (beste Regie und bestes Bild) belohnt.
Obwohl in diesem historischen Überblick nur auf die US-amerikanischen Kriegsfilmproduktionen Rücksicht genommen werden soll, muss eine Produktion des französischen Filmemachers Jean Renoir angesprochen werden. Während in den 30er Jahren
Erstaunlich deutlich werden der Weitblick und die Besonnenheit dieses berühmten Künstlers, wenn man diesen simplen Worten unter Berücksichtigung des historischen Kontextes seine Aufmerksamkeit schenkt.
Mit dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges beginnt 1939 eine neue Ära des Kriegsfilms. Neben propagandistischer Wirkung sollen die Hollywoodproduktionen vor allem über die Nazis und ihren Führer Adolf Hitler aufklären. Das amerikanische Volk soll kurz vor Kriegseintritt der USA wissen, um welchen Feind es sich handelt. Eine „große ideologische Aufrüstung“ 26 nennt Eberhard Baier in seiner Dokumentation die wachsende Anzahl amerikanischer Dokumentarfilme, die das Volk und die Soldaten auf den Krieg einstimmen sollen. Allen voran steht hier die Serienproduktion WHY WE FIGHT (USA, 1943-1945) 27 Frank Capras. Wie der Name unschwer verrät handelt es sich eindeutig um Legitimationen für die Kriegsbeteiligung der Amerikaner. „‚Why We Fight‘
23 Vgl. Garland (Anm. 16). S. 4.
24 http://archives.arte-tv.com/special/dixans/dtext/illusion.htm - Stand: 18.07.2004.
25 Ebd.
26 Baier (Anm. 3). S. 85, 86.
27 Anm. Die WHY WE FIGHT SERIE beinhaltet sieben Folgen: 1. PRELUDE OF WAR, 2. THE NAZI
STRIKE, 3. DIVIDE AND CONQUER, 4. THE BATTLE OF BRITAIN, 5. THE BATTLE OF RUSSIA,
6. THE BATTLE OF CHINA, 7. WAR COMES TO AMERICA.
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zu sehen gehörte zu der obligatorischen Vorbereitung jedes Soldaten, der in Übersee zum Einsatz kam.“ 28
Neben Filmen wie SERGEANT YORK (USA, 1941) von Howard Hawks, CONFESSIONS OF A NAZI SPY (USA, 1939) von Anatole Litvak, FOUR SONS (USA, 1940) von Archie Mayo, THE GREAT DICTATOR (USA, 1940) von Charles Chaplin oder A YANK IN THE RAF (USA, 1941) von Henry King, der zum ersten Mal Amerikaner im Kampf gegen Deutsche zeigt, werden im Zuge der amerikanischen Kriegsvorbereitungen weitere „Rekrutierungsfilme“ produziert. I WANTED WINGS (USA, 1941) und DIVE BOMBER (USA, 1941) sind Hollywoods filmische Vorbereitungen auf den Krieg 29 , da sie eklatant für die Armee werben.
Nach der Bombardierung Pearl Harbors im Dezember 1941 vollzieht sich ein Wandel in Hollywood. Durch die Involvierung der USA in den zweiten Weltkrieg produziert Hollywood eine wahre Flut von Kriegsfilmen, die den Krieg für Amerika als eine „noble Angelegenheit“ 30 erscheinen lassen und patriotisch-propagandistisch auf die Bevölkerung Einfluss nehmen.
Die politisch angeordnete Filmpropaganda wird weiter verstärkt, als Präsident Roosevelt eine direkte Zusammenarbeit zwischen der Filmproduktion und dem schon existierenden „Motion Picture Committee Cooperative for National Defense“ (MPCCND) befiehlt. Lowell Mellet, der Executive Director of National Emergency Council, gründet schließlich das „War Activities Committee“, das der Regierung letztendlich die Kontrolle über zukünftige Filminhalte ermöglicht. Diese Zusammenarbeit zwischen Regierung und Hollywood ist in ihrer elementaren Form bis heute vorhanden und beeinflusst maßgeblich die Produktion von Kriegsfilmen. An späterer Stelle wird die aktuelle Zusammenarbeit von Pentagon und Hollywood ausführlich analysiert.
28 Baier (Anm. 3). S. 87.
29 Vgl. Garland (Anm. 16). S. 4.
30 Dirks (Anm. 17).
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Hollywood ist also Teil des amerikanischen Kriegsapparates.
Im ersten Kriegsjahr 31 erscheint CASABLANCA (USA, 1942). Humphrey Bogart repräsentiert in diesem berühmten Film den amerikanischen Idealisten 32 in Form des Barbesitzers Rick, der zwar unabhängig aber auch bereit ist, alles für seine Überzeugung zu opfern: Er verzichtet auf seine große Liebe. Diese tragische Konsequenz müssen viele Männer im Krieg tragen. Humphrey Bogart offenbart ihnen, dass sie kein Einzelfall sind, und dass die Enthaltung nicht umsonst ist.
Im ersten Kriegsjahr zeigen nur wenige Filme den amerikanischen Soldaten im Kampf. Stattdessen entstehen Filme wie WAKE ISLAND (USA, 1942), der unter anderem den „Super-Marine“-Charakter erschafft, welcher allein in der Lage ist, eine ganze Armee aufzuhalten. 33 In AIR FORCE (USA, 1943) kann ein B-17 Bomber japanische Schiffe versenken, was in der Realität noch nicht gelungen ist. Als Amerika im Pazifik die Oberhand gewinnt, passen sich die Filme entsprechend an. Actionstreifen, die auf wahren Einsätzen beruhen wie GUADALCANAL DIARY (USA, 1943) und THIRTY SECONDS OVER TOKYO (USA, 1944) werden in Serie produziert. Ferner widmen sich die Filmemacher den U-Boot-Kämpfen in ACTION IN THE NORTH ATLANTIC (USA, 1943) sowie erneut der propagandistischen Aufklärung über den Feind mit HITLER’S CHILDREN (USA, 1943) und THE HITLER GANG (USA, 1944).
Mit Ende des zweiten Weltkriegs in 1945 produziert Hollywood eine bis heute unerreichte Anzahl von Kriegsfilmen. Überraschend ist, dass kein plötzliches Ende der Kriegsfilmproduktionen mit der Einkehr des Friedens in Sicht ist. Stattdessen entwirft Hollywood eine neue Kategorie des Kriegsfilms: Nun sind nicht mehr die aktiven Soldaten, sondern Kriegsveteranen, die in ihre Heimat zurückkehren, Gegenstand der Dramaturgie. Die Problematiken der Wiederaufnahme des zivilen Lebens und der Reintegration in eine Gesellschaft, der sie mitunter Jahre entfremdet waren, ist Thema vieler neuer Produktionen. Eine der bekanntesten ist THE BEST YEARS OF OUR LIVES (USA, 1946). Noch bevor das Thema „Krieg“ für Hollywood uninteressant und unlukrativ wird, liefert der Korea-Konflikt neue „Munition“ für die Filmschmiede. Der erste Kriegsfilm, der sich thematisch mit dem Korea-Krieg als Grundlage befasst, ist Sam Fuller’s THE STEEL HELMET (USA, 1951). Dieser in nur zwölf Tagen in einem Park
31 Anm.: Bezieht sich auf das erste Kriegsjahr mit Beteiligung der USA.
32 Vgl. Garland (Anm. 16). S. 5.
33 Ebd.
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in Los Angeles produzierte Low-Budget Film gilt als einer der besten Korea-Kriegsfilme.
Der nächste Krieg, den die Filmemacher als Quelle für neue Filmproduktionen haben, ist der Vietnamkrieg. Jedoch entstehen erstaunlicherweise kaum Kriegsfilme, die die Vietnamthematik aufgreifen. Stattdessen konzentriert man sich erneut auf den zweiten Weltkrieg und erstellt dokumentarische Rekonstruktionen von militärischen Einsätzen. Beispiele hierfür sind THE LONGEST DAY (USA, 1963) und A BRIDGE TOO FAR (USA, 1977). Der einzige Film, der in Vietnam spielt und auch während dieses Krieges gedreht wird ist THE GREEN BERETS (USA, 1968) mit John Wayne. Erst viel später verarbeitet Hollywood die Vietnam-Ereignisse. Hauptsächlich ist wiederum der heimkehrende Veteran 34 Gegenstand der erzählten Geschichten. COMING HOME (USA, 1978), FIRST BLOOD (USA, 1982) und TAXI DRIVER (USA, 1976) sind repräsentativ hierfür.
Die ersten Filme, die nach THE GREEN BERETS tatsächlich den Kampf in Vietnam schildern, sind THE BOYS IN COMPANY C (USA, 1978) und GO TELL THE SPARTANS (USA, 1978). Hervorzuheben sind weiterhin THE DEER HUNTER (USA, 1978) von Michael Cimino und natürlich Francis Ford Coppolas APOCALYPSE NOW (USA, 1979). In den frühen 80er Jahren bemüht sich Hollywood aus der amerikanischen Niederlage in Vietnam wenigstens auf der Leinwand einen Sieg zu zeigen. Typisch sind pro-militärische Geschichten von versprengten Soldaten, die sich heldenhaft nahezu allein durch das Feindesland Vietnam kämpfen. Chuck Norris in den MISSING IN ACTION (USA, 1984 und 1985) Filmen und Sylvester Stallone in RAMBO: FIRST BLOOD, PART II (USA, 1985) sind entsprechende Beispiele.
Doch es bleibt nicht bei dieser trivialen Unterhaltung. Realistischer und im Anspruch wesentlich höher angesiedelt sind Oliver Stones PLATOON (USA, 1986) und Stanley Kubricks FULL METAL JACKET (USA, 1987), die sich kritisch mit dem Vietnamkrieg auseinandersetzten und vor allem im Falle von PLATOON öffentliche Diskussionen hervorrufen. Ergänzend hierzu möchte ich anmerken, das PLATOON einer der wenigen Kriegsfilme ist, die nicht durch das Pentagon unterstützt worden sind, da sich Stone weigert, entsprechende Änderungswünsche des Pentagons umzusetzen. Daraus resultiert, dass er zwölf Jahre benötigt, um die Kosten für die Produktion aufzutreiben. Ganz anders verhält sich wiederum TOP GUN, der durch seine extrem positiv verherrlichende Darstellung der US-Airforce einen regelrechten Rekrutierungssturm in den
34 Vgl. Garland (Anm. 16). S. 7.
13
USA auslöst und über 40 Jahre nach dem Höhepunkt der amerikanischen Kriegsfilm-propaganda den Einfluss des Mediums Film auf die Gesellschaft unterstreicht. Anfang der 90er Jahre werden wenig reine 35 Kriegsfilme produziert. Zu nennen sind hier Steven Spielbergs SCHINDLER’S LIST (USA, 1993) und das über den amerikanischen Bürgerkrieg verfilmte Epos GETTYSBURG (USA, 1993) von Ronald F. Maxwell. Erst Ende der 90er Jahre entstehen plötzlich wieder zahlreiche Kriegsfilmproduktionen in Hollywood. Die Aufnahme des zweiten Golfkriegs in das Repertoire der möglichen Szenarien manifestiert sich erstmals 1996 in COURAGE UNDER FIRE (USA, 1996). Drei Jahre später bekommt das Kinopublikum THREE KINGS (USA, 1999) zu sehen, dem ebenfalls die Thematik des zweiten Golfkriegs zu Grunde liegt. Auch der Kosovokrieg in 1999 findet seine filmische Umsetzung mit BEHIND ENEMY LINES (USA, 2001).
Die beiden zuletzt genannten Filme sind Teil des in der Einleitung erwähnten Anstiegs der Kriegsfilmproduktionen seit dem Jahr 1998. Den Auftakt macht in jenem Jahr Steven Spielberg mit SAVING PRIVATE RYAN. Thematischer Hintergrund ist der zweite Weltkrieg. In diesem Film versucht Spielberg einen bisher noch nie da gewesenen Realismus zu erzeugen, indem er mit viel Aufwand und hohen Produktionskosten die kompletten Möglichkeiten der modernen Technik ausnutzt. Ebenfalls im Jahre 1998 entsteht der Antikriegsfilm THE THIN RED LINE von Terrence Malick, der einen selten anspruchsvollen und kritischen Film erschafft. Eine genaue Analyse der beiden zuletzt genannten Filme ist an späterer Stelle zu lesen.
Hollywood produziert nun wieder Kriegsfilme am laufenden Band. Circa 20 Kriegsfilmproduktionen sind seit 1998 erschienen, darunter U-571 (USA, 2000), PEARL HARBOR (USA, 2001), ENEMY AT THE GATES (USA, 2001), PATH TO WAR (USA, 2002), BLACK HAWK DOWN, WE WERE SOLDIERS, WINDTALKERS (USA, 2002) und HART’S WAR (USA, 2002). Daneben werden auch neue Formen des Kriegsfilms mit der Serie PROFILES FROM THE FRONT LINE (USA, 2003) kreiert. Kameramänner befinden sich hier nicht mehr im Studio, sondern begleiten die aktiv kämpfenden Soldaten im Afghanistan Krieg 2001 und filmen den realen Einsatz. Eine ausführliche Darstellung dieser neuen Formen befindet sich in Kapitel 3.5.
35 Anm.: In vielen Produktionen spielt der Krieg nur eine untergeordnete Rolle neben der Haupthandlung.
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3. DIE ZUSAMMENARBEIT VON PENTAGON UND HOLLYWOOD
3.1 Die Entstehung und Funktionsweise der Zusammenarbeit
Seit dem zweiten Weltkrieg gibt es eine intensive Zusammenarbeit zwischen der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika und der Filmschmiede Hollywood. Der Ursprung dieser Interaktion der beiden Instanzen beginnt mit der Gründung des House Committee on Un-American Activities (HUAC) in 1938. Eine kurze Definition:
„Als vorübergehende Einrichtung 1938 geschaffen, um die Aktivitäten ausländischer Agen-
ten zu überwachen, wurde das HUAC 1945 zu einem ständigen Ausschuss des US-Senats.
Während des 2. Weltkrieges konzentrierte das HUAC seine Untersuchungen in erster Linie
auf profaschistische Gruppen, danach auf Kommunisten (bzw. diejenigen, die es dafür
hielt). 1947 untersuchte das HUAC unter dem Vorsitz von J. Parnell Thomas die angebliche
kommunistische Unterwanderung der Filmindustrie; das Resultat war die Inhaftierung eini-
ger Schauspieler und Drehbuchautoren, der so genannten Hollywood Ten.“ 36
Der Inhaftierung der Hollywood Ten folgten Entlassungen von Schauspielern und Angestellten. Filmstudios führten eine „Schwarze Liste“. Jeder Verdächtige, der mit dem Kommunismus sympathisierte, wurde dort eingetragen und somit automatisch von der Zusammenarbeit ausgeschlossen.
Eine Inhaftierung aufgrund eventueller kommunistischer Inhalte seines Drehbuchs, muss ein Autor desselben heute nicht mehr fürchten. Stattdessen findet eine indirekte Zensur statt. Die Filmemacher müssen, wenn sie die Hilfe des Pentagons in Anspruch nehmen wollen, einen Kompromiss eingehen und die Inhalte des betreffenden Werks, wenn es vom Pentagon gefordert wird, ändern und den Regierungswünschen entsprechend anpassen. Ist ein Regisseur nicht bereit diesen Kompromiss einzugehen, sagt das Pentagon seine Hilfe ab, und der Regisseur kann sein Filmprojekt entweder gar nicht oder nur mit sehr hohem Aufwand realisieren. Neben erheblichen Mehrkosten für die Produktion sind zum Beispiel bestimmte Formen des Kriegsfilms nicht möglich. Im Gegensatz zu einem Panzer und ein paar Uniformen mit dazugehörigen Gewehren, lässt sich ein Flugzeugträger mit Besatzung und startenden Kampfjets nicht ohne weiteres organisieren. Ergebnis ist also, dass es ohne die Unterstützung des Pentagons keine Szene mit einem Flugzeugträger geben wird.
36 Un-American Activities, House Committee on. In: Microsoft Encarta Enzyklopädie Professional 2004.
15
Doch die Probleme, einen Kriegsfilm ohne die Hilfe des Pentagons zu drehen sind weitaus größer, als allein die Beschaffung des militärischen Equipments. In der ARD TV-Reportage „Marschbefehl für Hollywood“ 37 wird die heutige Zusammenarbeit zwischen Pentagon und Hollywood ausführlich erläutert. Anhand dessen möchte ich im Folgenden den Ablauf sowie den Zweck dieser Kooperation darlegen und die Konsequenzen für die Filmproduktion diskutieren.
An einer Filmproduktion, die in irgendeiner Weise das amerikanische Militär involviert, befindet sich üblicherweise seit dem zweiten Weltkrieg ein offizieller Militär am Drehort. Regisseure sind dankbar für diese Hilfe und besorgen sich freiwillig diese Personen, um über eine kompetente Beratung in allen das Militär betreffenden Fragen zu verfügen. Dies ist gerade deswegen wünschenswert, da die Filmemacher keine falschen Informationen oder nicht den Tatsachen entsprechende Fakten über das US-Militär mit ihren Kinobildern verbreiten wollen. Im Einzelnen kann dies zum Beispiel die Darstellung militärischer Ausrüstung sein oder auch die korrekte Anwendung dieser Teile. Man stelle sich eine Filmszene vor, in der ein amerikanischer Elitesoldat mit einer Waffe schießt, die in Wirklichkeit nur Hobby-Jäger benutzen und zu allem Übel hält der Soldat diese Waffe auch noch völlig schief, was einen Treffer unmöglich macht. Diese von mir etwas überspitzte Situation ist vielleicht zu unrealistisch, aber sie spiegelt sinnbildlich die Probleme wider, mit denen Hollywood beziehungsweise ein Regisseur zu kämpfen hat, wenn er sich speziellen Thematiken wie der des Militärs widmet. Nun ist es aber keinesfalls so, dass aus irgendeiner Kaserne ein Unteroffizier abgezogen und zu einem Dreh nach Hollywood geschickt wird. Ganz im Gegenteil. Das US-Verteidigungsministerium unterhält in Hollywood ein eigenes Büro, in dem Mitarbeiter jeglicher militärischer Gattungen (Marine, Heer, Luftwaffe) beschäftigt sind. Erhält das Büro ein Drehbuch mit der Anfrage auf Unterstützung, werden zunächst Genauigkeit und Richtigkeit der militärischen Details überprüft. Bei dieser Überprüfung werden alle „Fehler“ bis ins kleinste Detail korrigiert. Ziel ist es, ein möglichst exaktes Bild amerikanischer Soldaten, deren Arbeit, und Umfeld wiederzugeben. „Offiziers-Messe“ wird so zum Beispiel in „Offiziers-Club“ umgeändert. Es ist also eine ungemeine Genauigkeit und Exaktheit der Mitarbeiter dieses Büros festzustellen, da sie selbst die kleinsten Fehler aufspüren und berichtigen.
Etwaige Änderungswünsche des Pentagons werden danach dem Regisseur mitgeteilt, woraufhin dieser gemäße Modifikationen vornehmen kann. Das Verbindungsbüro in
37 „Marschbefehl für Hollywood“. Eine Dokumentation von Maria Pia Mascaros. Produktion: René Pech.
Norddeutscher Rundfunk 2004.
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Hollywood steht in ständiger Absprache mit einer eigens eingerichteten Abteilung im Verteidigungsministerium in Washington. Diese gibt letztendlich die Billigung für eine Produktionsunterstützung oder nicht. Dass es tatsächlich zu einer Zusammenarbeit kommt, ist für beide Seiten, für Filmemacher und Regierung, von Interesse. Vor allem für die Regierung ist eine Mitgestaltung der Filme wünschenswert: „Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass es von Vorteil ist, wenn wir uns beteiligen.“ 38 , sagt Philip Strub, der Oberst A.D. und Filmbeauftragte des Pentagons. Eine recht nüchterne Erklärung für das große Engagement der amerikanischen Regierung. Denn nahezu kein Wunsch der Filmemacher wird verweigert. Das Pentagon verleiht alles, was das amerikanische Militär zu bieten hat: Flugzeugträger, Panzer, Waffen, Uniformen, Piloten für Kampflugzeuge etc. Es erteilt Schießunterricht und bildet Schauspieler in Crashkursen zu Amateursoldaten aus. Außerdem fordert der Realismusaspekt Originalteile. Der heutige Kinobesucher kann mittlerweile ein echtes Nachtsichtgerät von einer Attrappe unterscheiden und möchte letztere nur ungern sehen. Formal wird die Gemeinschaftsarbeit durch einen Vertrag besiegelt. Im nächsten Kapitel wird auf den Inhalt dieses Vertrages näher eingegangen.
3.2 Das Resultat der Zusammenarbeit
Ob der Vorteil einer Beteiligung an Filmproduktionen für die US-Regierung wissenschaftlich bewiesen ist oder nicht - Tatsache ist, dass sie die Inhalte und die Aussage von Hollywood-Produktionen mitgestalten und mitbestimmen will. Dabei geht es nicht nur um die korrekte Verwendung von militärischen Bezeichnungen. Man möchte unter allen Umständen vermeiden, dass das Ansehen der US-Armee und natürlich somit auch das der US-Regierung durch einen Film verschlechtert wird. Wenn möglich, soll genau das Gegenteil erreicht werden, nämlich eine Förderung des Images. Und nicht nur eine Verbesserung des äußeren Erscheinungsbildes der US-Armee vermag ein Spielfilm zu beeinflussen. Sogar die Wirkung eines Rekrutierungsvideos kann in einzelnen Fällen unterstellt werden, vergegenwärtigt man sich noch einmal den Effekt TOP GUNS: Eine regelrechte Flut neuer junger kriegswilliger Männer rollte auf die amerikanischen Kasernen zu. Inspiriert und überzeugt vom positiven Erscheinungsbild der Luftwaffe möchten viele dem Hauptakteur Tom Cruise nacheifern und ebenfalls zu Helden
38 Strub, Philip. Filmbeauftragter des Pentagons. In: (Anm. 37).
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werden. Dies erscheint naiv und als sei es für die Anwerbung neuer Soldaten noch nicht unrealistisch genug, den Alltag eines Kampfjetpiloten als freudiges Ereignis mit Spielspaß-Garantie darzustellen, ist genau das die Absicht der Regierung:
„Wenn Filmemacher uns um Unterstützung bei der Produktion eines Films über die Armee
bitten, dann sehen wir das als eine großartige Gelegenheit, der amerikanischen Öffentlich-keit etwas über uns zu erzählen. Das hilft uns bei der Rekrutierung beispielsweise. Umfra-gen belegen, dass die breite Masse der Amerikaner ihren ersten Eindruck vom US-Militär
aus Kinofilmen und Fernsehshows erhält.“ 39
Dies stellt einen Widerspruch dar. Argumentiert man konsequent, so müssten Filme wie TOP GUN ebenfalls entsprechend geändert werden, denn sie zeigen auch ein unrealistisches, letztendlich falsches Bild des US-Militärs. Aber solange der Zuschauer das nicht erkennt und die Regierung einen Nutzen daraus ziehen kann, stört es niemanden. Und dieser Nutzen ist vertraglich festgehalten. Damit das Pentagon aus seinem unterstützenden Engagement, das teilweise mit enormem Aufwand verbunden ist, einen Vorteil zieht, wird wie schon erwähnt vor jeder Zusammenarbeit ein Vertrag mit den Filmproduzenten abgeschlossen. Philip Strub beschreibt den Inhalt dieses Vertrages folgendermaßen:
„Wir geben dir dies und jenes, bestimmte Geräte an bestimmten Tagen, je nach Drehbuch.
Und du zeigst uns dafür den Rohschnitt, damit wir sehen können, ob das mit dem überein-
stimmt, was wir ausgemacht haben. Der Vertrag besagt aber auch, dass wir nicht vor Ge-
richt klagen werden, um den Film eventuell zu verhindern. Das fiele uns im Traum nicht
ein, das würden wir auch nie wollen.“ 40
Betrachtet man sich die tatsächlichen Zeilen des Vertrages, so stellt sich heraus, dass er doch durch einige erhebliche Einschränkungen gekennzeichnet ist. Eindeutig ist folgendes formuliert:
„Die Produktion sollte Rekrutierungsprogrammen der Streitkräfte helfen […] Die Produkti-onsgesellschaft erklärt sich bereit, in jeder Phase der Produktion, die das Militär betrifft o-der darstellt, sich mit dem Verbindungsbüro des Verteidigungsministeriums zu beraten.“ 41
Im Klartext heißt das, dass die gestalterische Kontrolle bezüglich des gesamten Inhalts einer Filmproduktion, letzten Endes in der Hand des Pentagons liegt. Denn alle Filmemacher, die diesen Vertrag unterschreiben, erklären sich bereit, die Vorgaben des Militärs zu erfüllen.
39 Strub (Anm. 38).
40 Ebd.
41 Zitiert nach: (Anm. 37).
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Boris Böhles, 2004, US-amerikanische Kriegsfilme der späten neunziger Jahre, die neueren Produktionen und die Rolle des 11. September 2001, München, GRIN Verlag GmbH
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