Ludwig – Maximilians – Universität München
Institut für Deutsche Philologie
Hauptseminar: Joseph Roth, Romane
Carl Joseph von Trotta in Joseph Roths
"Radetzkymarsch" - eine späte Heldenfigur?
von: Andreas Lehmann
Inhaltsverzeichnis
I. Wie stirbt ein Held 3
II. Carl Joseph zwischen Familie, persönlichem Umfeld und Historie 4
1. Die k. u. k. Monarchie 4
2. Die sozialen Kontakte Carl Josephs 6
3. Der Drang zur Scholle – Carl Josephs Wurzeln 7
III. Wiederkehrende Motive 8
IV. Die Haltung des Autors 10
V. Der Tod am Bahndamm 12
Bibliographie 15
I. Wie stirbt ein Held?
Am besten starb man für ihn bei Militärmusik, am leichtesten beim Radetzkymarsch. Die flinken Kugeln pfiffen im Takt um den Kopf Carl Josephs, sein blanker Säbel blitzte, und Herz und Hirn erfüllt von der holden Hurtigkeit des Marsches, sank er hin in den trommelnden Rausch der Musik, und sein Blut sickerte in einem dunkelroten und schmalen Streifen auf das gleißende Gold der Trompeten, das tiefe Schwarz der Pauken und das siegreiche Silber der Tschinellen. 1 So imaginiert der fünfzehnjährige Carl Joseph von Trotta in Joseph Roths Roman Radetzkymarsch den idealtypischen Heldentod für seinen Kaiser, den er früher oder später zu erleiden überzeugt ist; tatsächlich auch kommt der Hauptakteur am Ende des Romans als junger Leutnant auf einem Schlachtfeld des gerade ausgebrochenen Ersten Weltkriegs um. Jedoch stirbt er „nicht mit der Waffe, sondern mit zwei Wassereimern in der Hand.“2 Stirbt so ein Held? In der umfangreichen Literatur zum Werk Joseph Roths finden sich, wie sich noch ze igen wird, die gegenläufigsten Meinungen, was die Interpretation des Todes von Carl Joseph von Trotta anlangt. Scheible 3 hat darauf hingewiesen, dass dieser Tod nicht isoliert, sondern nur im Kontext der ganzen Lebensumstände und des Werdegangs des Leutnants gedeutet werden kann. Dem ist zuzustimmen, wenn man unterstellt, dass in Roths Hauptwerk4, das dessen „seelische Obsession“5 – nämlich den Untergang seiner geliebten Heimat, der alten Habsburger-Monarchie – zum Thema hat, der schon ziemlich zu Anfang des Romans angedeutete Tod des maßgeblichen Protagonisten nicht irgendeine Episode darstellen kann, sondern in einem übergeordneten Zusammenhang innerhalb des Werks konstituiert sein muss.
Es wird also im Rahmen dieser Arbeit unter anderem zu klären sein, welche Bedeutung die k. u. k. Monarchie für die Familiengeschichte derer von Trotta hat, inwieweit Carl Joseph dadurch geprägt ist bzw. welche anderen Determinanten für seine Persönlichkeit noch vorliegen und inwiefern das in seinem Denken, Fühlen und Handeln Niederschlag findet. In einem zweiten Schritt sollen die im Roman wiederkehrenden Motive auf ihre Funktion hin untersucht werden, um in einem dritten Abschnitt zu prüfen, ob und inwieweit eigene Ansichten Roths, sowohl persönlicher als auch politischer Art, im Roman auszumachen sind. Schließlich soll vor dem Hintergrund der widerstreitenden Forschungsmeinungen der Tod des Leutnant Carl Joseph von Trotta diskutiert werden.
II. Carl Joseph zwischen Familie, persönlichem Umfeld und Historie
1. Die k. u. k. Monarchie
Nachdem der Großvater von Carl Joseph 1859 dem Kaiser Franz Joseph I. bei der Schlacht von Solferino (welche im übrigen eine militärische Niederlage für die k. u. k. Armee markiert) das Leben gerettet hat, wird er in den Adelsstand erhoben. Für die aus einfachen Verhältnissen aus Slowenien stammende Familie bedeutet das eine Zäsur. Sie wird gleichermaßen aus der Peripherie der Kronländer des Reiches herausgelöst („losgelöst war der Hauptmann Trotta von dem langen Zug seiner bäuerlichen slawischen Vorfahren“6) und innerhalb des Gefüges der Donaumonarchie in Richtung des Zentrums und somit auch hierarchisch weiter nach oben gerückt.7
Carl Josephs Vater (ein Bezirkshauptmann) schon ist vollständig assimiliert8, während sich der Großvater wieder in die Bäuerlichkeit und Einfachheit seiner Vorfahren zurückzieht. Der Vater ist im Grunde zur Gänze „längst entprivatisiert und ausschließlich zum Träger seines Amts im System geworden“9, in dem er dem Kaiser dient so wie ihm sein Diener dient10. Sogar äußerlich gleicht er sich immer mehr dem Kaiser an, der Be- zirkshauptmann und der Kaiser verschmelzen gewissermaßen zu einer indifferenten Vaterfigur11 für den jungen Carl Joseph. Die Tat des Großvaters und die durch den Vater vermittelte strikte Welt des Dienens bestimmen somit das Erbe, das Carl Joseph anzutreten hat, wobei er des Großvaters Heldentat als höchste „Erfüllung einer Vasallenexistenz“ 12 deutet, was wiederum dazu führt, dass er sich selbst einem Anspruch ausliefert, dem er nicht gerecht werden kann („Ich hab’ keine Gelegenheit, ihm das Leben zu retten; leider!“13) und an dem er verzweifeln muss. Der Großvater wird somit zu einem „Über-Ich“14, in dessen Schatten er von Beginn an steht 15.
[...]
1 Joseph Roth: Radetzkymarsch, Kiepenheuer& Witsch, Köln 1999, S. 28.
2 Roth, Radetzkymarsch, S. 313.
3 Hartmut Scheible: Joseph Roth. Mit einem Essay über Gustave Flaubert. Stuttgart et al. 1971 (= Studien zur Poetik und Geschichte der Literatur; Bd. 16), S. 125.
4 So Hartmut Scheible: Joseph Roths Flucht aus der Geschichte. – In: Joseph Roth. Text und Kritik; Sonderband (hrsg. v. Heinz Ludwig Arnold). München 1982, S. 56.
5 Helmuth Nürnberger: Joseph Roth in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg 1981 (= romo; 301), S. 88.
6 Roth, Radetzkymarsch, S. 12.
7 Gar von einer „Germanisierung“ der Familie spricht Roman S. Struc: Die slawische Welt im Werke Joseph Roths. – In: Joseph Roth und die Tradition. Aufsatz- und Materialiensammlung (hrsg. v. David Bronsen). Darmstadt 1975 (= Schriftenreihe Agora; Bd. 27), S. 327.
8 „Assimilierungssüchtig“ nennt ihn Klaus Zelewitz: Beim Lesen von Roths Romanen Radetzkymarsch und Die Kapuzinergruft. Warum sind die Trottas Slowenen? – In: Zagreber Germanistische Beiträge 2 (1993), S. 101.
9 Zelewitz, Beim Lesen, S. 100. Vgl. auch Adolf D. Klarmann: Das Österreichbild im „Radetzkymarsch“. – In: Joseph Roth und die Tradition. Aufsatz- und Materialiensammlung (hrsg. v. David Bronsen). Darmstadt 1975 (= Schriftenreihe Agora; Bd. 27), S. 157.
10 Als „typbildend hinter allen hierarchisch und psychologisch auf ihn hingeordneten Figuren“ sieht Friedrich Abendroth: Reichs- und Bundesvolk – Das zweifache Zeugnis des Joseph Roth. – In: Joseph Roth und die Tradition. Aufsatz- und Materialiensammlung (hrsg. v. David Bronsen). Darmstadt 1975 (= Schriftenreihe Agora; Bd. 27), S. 92, den Kaiser Franz Joseph.
11 Krzysztof Lipinski: Seine Apostolische Majestät. Zum Bild des Kaisers bei Joseph Roth. – In: Die Schwere des Glücks und die Größe der Wunder. Joseph Roth und seine Welt. Beiträge bei einer Tagung der evangelischen Akademie Baden vom 4. – 6. Februar 1994 in Bad Herrenalb (hrsg. v. Evangelische Akademie Baden). Karlsruhe 1994 (= Herrenalber Forum; Bd. 10), S. 101.
12 Thomas Düllo: Zufall und Melancholie. Untersuchungen zur Kontingenzsemantik in Texten von Joseph Roth. Münster und Hamburg 1994 (= Zeit und Text; 5) (zgl. Diss. Phil. Münster 1991), S. 255.
13 Roth, Radetzkymarsch, S. 77.
14 Vgl. dazu Düllo, Zufall und Melancholie, S. 245; Maud Curling: Joseph Roths ‚Radetzkymarsch’. Eine psycho- soziologische Interpretation. Frankfurt am Main und Bern 1981 (= Literatur & Psychologie; Bd. 5 und = Europäische Hochschulschriften; Reihe 1, Bd. 381), S. 40; David Bronsen: Joseph Roth. Eine Biographie. Köln 1974, S. 402.
15 Petra Klass-Meenken: Die Figur des schwachen Helden in den Romanen Joseph Roths. Aachen 2000 (zgl. Diss. Phil. Trier 1999), S. 79.
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Andreas Lehmann, 2005, Carl Joseph von Trotta in Joseph Roths "Radetzkymarsch" - eine späte Heldenfigur?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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