Förster 2005 Nationalismus und Kapitalismus
In dem vorliegenden Essay soll anhand einer Arbeit von Robert Miles nachgewiesen werden, dass zwischen Kapitalismus und Nationalismus ein enger Zusammenhang besteht. Dabei liegt ein Schwerpunkt der Analyse auf der Kausalität: Ging der Kapitalismus aus dem Nationalismus hervor oder verlief der Prozess genau andersrum? Als dritte Möglichkeit kann auch ein Wechselspiel der beiden Faktoren zu unserer derzeitigen Nation Form geführt haben.
Andere Elemente, die in dem Prozess von Bedeutung sind, können im Rahmen dieser Arbeit nicht ausführlich ausgearbeitet werden.
Zunächst soll dabei anhand von Miles ein kurzer Einblick in das Problem von Kapitalismus und Nationalismus gegeben werden. Im folgenden wird die Entwicklung des Kapitalismus im 19. Jahrhundert erläutert. Anschließend werde ich auf zentrale Aspekte des Nationalismus eingehen, um letztendlich das konkrete Zusammenspiel der beiden Formen darzustellen.
Miles argumentiert in seiner Arbeit dahingehend, dass „Rassenkonstruktion und Rassismus unter bestimmten historischen Bedingungen für zwei Dimensionen der Reproduktion der kapitalistischen Produktionsweise zu zentralen Momenten geworden sind.“ Die erste Dimension betreffe den Staat, der bei der Aufrechterhaltung der Bedingungen für die Reproduktion eine wichtige Rolle spiele. Dabei gehe es vor allem um das Gefühl einer „fiktiven Gemeinsamkeit“. Die zweite Dimension betreffe die Situierung der Menschen in Klassenverhältnissen. 1
Miles stellt fest, dass sich kapitalistische Produktionsweisen und Nationalstaaten in Europa synchron zueinander entwickelt haben. Dies erklärt er folgendermaßen: „Tatsächlich bildete die räumliche Aufteilung der Welt und die Formierung einer bestimmten Art zentralisierter politischer Autorität, die die Regierungsgewalt in einer gegebenen räumlichen Einheit beanspruchte, den Kontext für die Entstehung der kapitalistischen Produktionsweise und nicht ihr Produkt.“ 2 Demnach ist eine räumliche
Einteilung – zum Beispiel die Entstehung von Nationalstaaten – Voraussetzung für den Kapitalismus, da nur so eine zentrale Gewalt die nötigen Prozesse organisieren kann.
Der Kapitalismus beruhte auf dem Vorgang der materiellen Enteignung und gleichzeitiger Konzentration von Kapital. So entstanden zwei entscheidende Gruppen:
1
vgl. Miles, Robert (1991) „Kapitalismus, Reproduktion und Nationalismus”. In: „Rassismus: Einführung in die Geschichte und Theorie eines Begriffs“, Hamburg. S. 146.
2 Miles (1991), S. 147.
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Einerseits die Arbeitgeber, die Produktionsmittel und Kapital besaßen; andererseits die Arbeitnehmer, die ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellten. Alte Hierarchien – wie etwa die Vormachtstellung von Klerus und Adel – wurden revolutioniert. Als neue Elite versuchte sich eine Bourgeoisie zu etablieren. 3 Eine zentrale Rolle bei diesem Prozess
spielte dabei der Staat. Schließlich seien „Enteignung und Konzentration der Produktionsmittel“ normalerweise durch eine „Kombination von gesetzlichen Verfahrensweisen und physischer Gewalt“ durchgesetzt worden. 4 Die Bourgeoisie
musste sich also der Macht des Staates bedienen, um alte Herrschaftsformen umzustoßen. Ziel sei dabei die „Sicherung der politischen Kontrolle über ein Territorium“ gewesen, um „eine Kapitalakkumulation zu garantieren“. 5
In diesen Prozess spielte immer wieder der Nationalismus hinein. Wie konnte die Bourgeoisie mithilfe der Arbeiterklasse zunächst alte Feudal-Herrschaftsformen umstoßen, nur um wenig später eben jene Arbeiterklasse, die ihnen helfend zur Seite gestanden hatte, einer „politischen und ökonomischen Herrschaft“ 6 zu unterwerfen?
An dieser Stelle gewinnt der Mythos des Nationalismus eine entscheidende Bedeutung: „...dies ging nur dadurch, dass sie [die Mitglieder der Bourgeoisie] das Gefühl einer fiktiven Gemeinschaft und gemeinsamer Interessen als die kollektiven Interessen der Nation darstellen...“ 7 Inneren Spannungsverhältnisse und Klassenkämpfe
waren auch im neuen System nicht beseitigt. Einer größeren politischen Freiheit der Arbeiterklasse stand deren ökonomische Ausbeutung gegenüber. Zudem mussten kulturell unterschiedliche Gruppen in einer Nation zusammen gebracht werden. Und so entstanden zwei auf der „Rasse“ beruhende Illusionen. Die eine erhob den Nationalstaat „zum höchsten politischen Wert...,der gegen verschiedene Kräfte, die ihn aufzulösen und korrumpieren wollten, verteidigt werden musste“.
Die zweite Illusion der „Rasse“ versuchte die bereits angesprochenen unterschiedlichen kulturellen Mitglieder eines Nationalstaats mithilfe des Gefühls „einer fiktiven Gemeinschaftlichkeit“ zusammenzuführen. So sollte „das Bewusstsein für die Rolle der herrschenden Klasse, die ja den Nationalstaat vom Zerfall bewahren wollte,
4 Miles (1991), S. 147.
5 Miles (1991), S. 150f.
6 Miles (1991), S. 151.
7 Miles (1991), S. 151.
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gestärkt werden“. 8 An dieser Stelle scheint es angebracht, etwas genauer zu erklären,
wie das Gefühl einer „fiktiven Gemeinschaftlichkeit“ zustande kommt.
Erster entscheidender Aspekt bei diesem Prozess ist die „Sprache“, die zugleich „Medium und Botschaft“ gewesen sei. 9 Einerseits sei eine Gemeinschaft von
„Sprechern und Lesern“ erzeugt worden, anderseits entstanden aber auch Differenzen zu anderen Sprachgemeinschaften. Miles beruft sich auf Benedict Anderson, der festhält: „...that the convergence of capitalism and print technology on the fatal diversity of human language created the possibility of a new form of imagined community, which in its basic morphology set the stage for the modern nation.“ 10
Zudem wurde mithilfe des Medium „Sprache“ ein rassischer Diskurs geführt. Die „Rasse“ ist damit der zweite zentrale Aspekt, auf dem die „fiktive Gemeinschaft“ aufbaut. Ein wissenschaftlicher Rassismus fixierte „die natürlichen Unterschiede zwischen ‚Nationen’ biologisch“ und versah damit die für die „nationalistische Doktrin so entscheidende Idee einer historischen Unvermeidlichkeit mit der vielleicht stärksten Verteidigung“. 11 Somit sind die beiden zentralen Elemente „Sprache“ und „Rasse“ von
großer Bedeutung bei der Nationen-Bildung. Mit ihnen konnte differenziert werden zwischen dem „Selbst“ und den „Anderen“, wobei man dem „Selbst“ zumeist positiv und den „Anderen“ negative Eigenschaften zuordnete. 12
Nachdem allerdings die europäischen Nationalstaaten im 19. Jahrhundert entstanden waren, verfolgte der Nationalismus ein anderes Ziel. Von nun an ging es um eine ständige Reproduktion des Gefühls einer fiktiven Gemeinschaft. 13
Fasst man die Ergebnisse der bisherigen Analyse in Bezug zur anfänglichen Fragestellung zusammen, so kann man festhalten, dass zwischen Kapitalismus und Nationalismus aus historischer Perspektive durchaus ein Zusammenhang festgestellt werden konnte.
9 Miles (1991), S. 148.
10 Anderson, Benedict (revised Version 1991/first published 1983) „Imagined Communities“, London/New York. S. 47.
11 Miles (1991), S. 149.
12 Die Entwicklung des Nationalismus ist in dieser Arbeit lediglich grob dargestellt. Schließlich ist es nicht Ziel, die Struktur des Nationalismus zu analysieren. An dieser Stelle konnte nur ein Überblick gegeben werden, der die zentralen Elemente aufgreift, die zum Verständnis der Problematik – nämlich dem Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Nationalismus – notwendig sind. 13 vgl. Miles (1991), S. 152f.
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Arbeit zitieren:
Moritz Förster, 2005, Rassismus und Kapitalismus, München, GRIN Verlag GmbH
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