Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2.1 Überlieferung von Nibelungenlied und Kudrun. 4
2.2 Zur Einordnung der Kudrun in die Heldenepik. 5
2.3 Formaler Aufbau von NL und Kudrun im Vergleich. 5
3.1 Personenkonstellationen von NL und Kudrun im Vergleich. 9
3.2 Ein anderer Zugang zur Kudrun - der mittelalterliche Diskurs über die
ideale Ehefrau. 11
4. Fazit. 14
5. Bibliographie 15
1.1 Einleitung
»Überall ist Mittelalter« - diese, von Horst Fuhrmann geprägte Erkenntnis schlägt sich auch im Sprachgebrauch tagesaktueller Politik nieder. So zuletzt am 01.07.2005 in der Rede Franz Müntefehrings in der Debatte zur Vertrauensfrage im Deutschen Bundestag. Dort kritisiert er die unproduktive und schädliche politische Blockadehaltung der CDU-Fraktion im Bundesrat, die er wörtlich als »Nibelungentreue« bezeichnet und die maßgeblich dafür verantwortlich sei, dass der Politikprozess in Deutschland scheitere.
Zwar fällt zwar das Wort triuwe im Niebelungenlied (im weiteren Verlauf mit dem Sigle NL bezeichnet) öfter, nie aber ›Nibelungentreue‹. Sie wird erst im 20. Jahr-hundert als Schlagwort für bedingungslose, selbstlose Gefolgschaftstreue gegenüber einem politischen Verbündeten oder Führer geprägt. Dies ist nur ein Beispiel für den immensen Einfluß den dieses Epos bis heute hinterlassen hat. Ob dieser Einfluss unter zeitgenössischen Rezipienten ebenfalls so groß war, dass ein unbekannter Autor inspiriert davon eine Antwort schreibt und dem ganzen den Namen Kudrun gibt, ist schwer zu beantworten.
Der plakative Titel dieser Hausarbeit allerdings spiegelt grob die Ergebnisse verschiedener Etappen der Forschung zum Kudrun-Epos im Zusammenhang mit dem NL wider. In den unterschiedlichen Einschätzungen der Kudrun und der möglichen Motivation des Kudrun-Autors kommen immer auch verschiedene Fragestellungen im jeweiligen historischen Kontext zum Vorschein.
Die Frage nach Gegenentwurf oder Abklatsch‹ des Werkes lässt sich nicht generell mit »Ja« oder »Nein« beantworten, da die Frage immer eingegrenzt werden muss auf einen bestimmten Aspekt des Werkes. Es geht also um die Prämissen die man an die Fragestellung knüpft. Geht man von formalen Aspekten aus, oder von intertextuellen Bezügen, von Figurenkonstellation oder vom Inhalt und Intention eines Werkes aus? Um bei der Beantwortung der Frage ob und inwiefern die Kudrun als Antitypus oder ›epigonaler Abklatsch‹ oder sogar als eigenständiges Werk einzuschätzen ist, soll der Zugang zu dem Thema von Aussen - also über Aufbau und Struktur, nach Innen - zum Inhalt, wie Personenkonstellationen und sozialer Rollenverteilungen führen, um zu einer Einschätzung hinsichtlich der Fragestellung zu gelangen.
2.1 Überlieferung von Nibelungenlied und Kudrun
Hier soll kurz die Überlieferungsgeschichte beider Werke vorgestellt werden, um die grundsätzlichen Schwierigkeiten mit denen man beim Vergleich beider Werke konfrontiert wird, zu verdeutlichen.
Das Nibelungenlied ist in insgesamt 35 »handschriftlichen Zeugnissen« überliefert, die im Zeitraum von ca. 300 Jahren (13. - 16. Jhd.) entstanden. Davon sind elf weitgehend vollständige Handschriften (HS) und 24 beinhalten unvollständige Fragmente des Texts. 1 Dem von Karl Lachmann nach dem Leithandschriftenprinzip entwickelten Stemma zufolge repräsentieren 3 HS aus dem 13. Jhd. die wichtigsten - da zeitlich näher an einem vermuteten, archetypischen Original-Text - Redaktionen des NLs, denen er die Siglen A, B, und C zuweist, welche in »Wortlaut und Umfang differieren«. 2 Die Anzahl überlieferter Handschriften und Fragmente kann als Indiz für eine große Popularität des Werkes gewertet werden. Dem gegenüber steht das Kudrun-Epos mit nur einer einzigen handschriftlichen Überlieferung in einer Sammelhandschrift, dem sog. ›Ambraser Heldenbuch‹. Hierbei handelt es sich um eine Auftragsarbeit, die Kaiser Maximilian I. (1459 - 1519) zwischen 1504 - 515/16 von seinem Kanzleischreiber Hans Ried anfertigen ließ. Dieser Sammelband enthält 25 mittelhochdeutsche Dichtungen, wobei 14 - darunter auch Kudrun - unikal überliefert sind. Ebenfalls darin enthalten ist das NL, gefolgt von Die Klage und Kudrun. 3
Als Entstehungszeitraum der Kudrun nimmt man aufgrund »historische[r] Reminiszenzen und intertextuelle[r] Zusammenhänge mit der Literatur des späten 12. und frühen 13. Jhds.« 4 ca. die Mitte des 13. Jhds. an. Die zeitlich um knapp 300 Jahre verzögerte schriftliche Fixierung des Stoffes wirft Probleme auf, die sich in der Niederschrift Rieds in »überlieferungsbedingten Textverderbnisse[n]« wie bspw. Unordnung in der Strophenreihenfolge, Metrum und Abweichung in der Sprache vom Mittelhochdeutschen widerspiegeln. Aufgrund fehlender Vergleichstexte kann eine ursprünglichere Textfassung also nicht objektiv und bedenkenlos rekonstruiert und Normalisiert werden, zumal »[...] der von Ried niedergeschriebene Text in einem ziemlich desolaten Zustand ist«. 5
Wesentlich für die Untersuchung der Ausgangsfrage ist jedoch, dass Kudrun weniger bekannt und verbreitet gewesen zu sein scheint, wenn man die Anzahl der
Vgl. Schulze (2001) S. 33 1, 2
Vgl. Stackmann (2000) S. X, XII, XIV 3, 4, 5
4
Textzeugen von NL und Kudrun als Kriterium für den Verbreitungs- und Bekanntheitsgrad heranzieht. Ausgehend von Kuhns These, dass die Kudrun»[...] als eine bewußte Entgegensetztung, als Antityp« 6 zum NL einzuschätzen ist, fragt man sich allerdings, warum dieses Werk so unbekannt bzw. unverbreitet geblieben ist, was aber hier nicht zum Gegenstand der Untersuchungen gemacht werden kann. Im folgenden soll nun auf die formalen Eigenschaften beider Werke, ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede eingegangen werden, um einen Teilaspekte der Fragestellung zu beantworten.
2.2 Zur Einordnung der Kudrun in die Heldenepik
Im Gegensatz zum NL, welches allgemein der Gattung der Heldendichtung zuge-ordnet wird, fällt eben diese Zuordnung beim Kudrun-Epos schwerer, da es von einer »[...] eigenartige[n] Vermischung und Übereinanderblendung verschiedener Gattungsperspektiven - die der Heldendichtung, der Spielmannsdichtung und des höfischen Romans [...]« 7 geprägt ist, die Hoffmann bereits in einer früheren Untersuchung thematisiert. 8
Anders als Hoffman sieht Nolte den Grund für die gattungstechnisch unscharfe Trennung allerdings nicht im kompositionellen Versuch des Autors, »[...] die heroisch-tragisch-pessimistische Sicht des ›Nibelungeliedes‹ [...] abzulösen [...]« 9 , sondern als Unternehmen des Verfassers, an einen männlich dominierten Diskurs, »[...] an eine Diskussion um das Bild der idealen Ehefrau [...] die von Klerikern in Traktaten und Legenden aber auch von volkssprachlichen Literaten [...] geführt wurde« 10 , anzuknüpfen.
Im Kontext eines Gegenentwurfs zum NL könne man nach Hoffmann die Kudrun aber durchaus der Heldendichtung zuweisen. 11
2.3 Formaler Aufbau von NL und Kudrun im Vergleich
In der älteren Forschung zur Kudrun wird u. a. die Meinung vertreten, der Kudrun- Autorhabe sich beim Verfassen bzw. bei der Konzeption des Werkes vorwiegend am NL orientiert, wie Kettner Anhand eines direkten Strophenvergleichs nachzuweisen versucht und dabei u.a. zu dem Zwischenergebnis gelangt, dass:
Kuhn (1969) S. 505 6 Nolte (1998) S. 224 7, 10 vgl. Hoffmann (1976) S. 612 8, 9 5 ebd. S.613 11
Arbeit zitieren:
Thorsten Klasen, 2005, Kudrun - bewusster "Antitypus" zum Nibelungenlied, "epigonaler Abklatsch" oder eigenständiges Epos?, München, GRIN Verlag GmbH
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