Inhalt:
Einleitung 3
1 ) Madonna und die Grenze zwischen Männern und Frauen 6
2 ) Madonna und die Grenze zwischen Schwarzen und Weißen 14
3 ) Madonna und die Grenze zwischen Homosexualität und
Heterosexualität 20
4 ) Konklusion 24
Literaturverzeichnis 26
Film- und Videoverzeichnis 26
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Einleitung:
Man hätte Schwierigkeiten, wenn man dazu aufgefordert werden würde, sämtliche Images von Madonna zu rekapitulieren. Madonnas Markenzeichen ist, das man ihr eigentlich keines aufdrücken kann, weil sie sich ständig im Wechsel befindet. Die Frau die als 80er Jahre-Popgöre ihre Karriere begann, ist heute Mutter einer Tochter, wird ihren derzeitigen Freund, den englischen Regisseur Guy Ritchie ehelichen und erwartet von ihm ihr zweites Kind. In der diesjährigen Aprilausgabe der Musikzeitschrift „Musikexpress Sounds“ wird sie als „e rwachsene Künstlerin mit mütterlicher Erotik“ bezeichnet. Es wirkt so, als wäre Madonna „zur Ruhe gekommen“ und würde beginnen ein „anständiges“ Leben zu führen. Wenn man sich jedoch bewusst macht, wie oft Madonna ein scheinbar gefestigtes Bild von sich wieder über den Haufen warf, stellt man fest, dass sich diese Vermutung als Trugschluss herausstellen wird. Madonna beschreibt sich und ihre Sprunghaftigkeit in Bezug auf ihr Image mit folgenden Worten: „ Mein ganzer Wille war immer darauf gerichtet, ein grässliches Gefühl der Unzulänglichkeit zu überwinden. Ich kämpfe ständig mit dieser Angst, mittelmäßig zu sein. Und das treibt mich vorwärts, ständig. Obwohl ich jemand geworden bin, muss ich mir immer noch beweisen, dass ich jemand bin. Meine Auseinandersetzung mit mir selbst hat nie aufgehört und wird wahrscheinlich auch nie aufhören.“ (Madonna zit. n. Penth / Wörner 1993, S. 47). a Der hier beschriebene Ehrgeiz, die Persönlichkeit ständig zu erweitern um sich ihrer selbst bewusst zu sein bewirkt, dass Madonna ein großes Interesse durch die Öffentlichkeit entgegengebracht wird. Madonna ist zu einem Phänomen geworden. Ihre Identitätswechsel drängen ihre Tätigkeit als Sängerin oft in den Hintergrund. Ihre provokante Bühnenshow oder ihr neustes Outfit interessiert meist mehr. Madonna spielt damit, verschiedene Persönlichkeiten auszuprobieren ohne sich zu sehr von ihnen vereinnahmen zu lassen. So bleibt sie in Bezug auf ihre Rollen flexibel, wirkt aber in ihrer Denkweise nie ungefestigt oder unfähig zur Selbstkontrolle. „ Madonna is „in control of her image, not trapped by it“, the proof is her ironic and chameleon - like approach to the construction of her identity, her ability to „slip in and out of character at will“, to defy definition, to keep them guessing. “ (Bordo 1991, S. 126). b Die Fähigkeit zum ständigen Wechsel ist es auch, was Madonna von Opfern eines Images, wie Marilyn Monroe, mit der sie oft verglichen wird, unterscheidet. Es ist bewundernswert,
wie leicht es Madonna fällt, bestimmte Seiten ihrer schwer ergründbaren Persönlichkeit in den Hintergrund zu rücken, um andere dafür zu betonen und damit als ein vollkommen neuer
a Penth, Boris / Wörner, Natalia: Das elfte Gebot: Madonna Ciccone. In: Diederichsen, Dietrich / Dormagen,
Christel /Penth, Boris & Wörner, Natalia: Das Madonna Phänomen. Hamburg 1993. S. 26- 89.
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Mensch zu erscheinen. Man sollte übrigens nicht darauf hoffen, Madonnas „wahres Wesen“ aus der Ferne ergründen zu wollen. Selbst in dem Film „In bed with Madonna“ in der vorgibt, Madonna in all‘ ihren Facetten zu zeigen, bleibt unklar, wer diese Frau nun eigentlich ist. Camille Paglia sagt über Madonna: „Sie, die praktisch jeden Monat ihre Haartracht und ihren Kleidungsstil ändert, verkörpert die ewigen werte der Schönheit und der Lust. Der Feminismus verkündet: “Keine Masken mehr“. Madonna sagt, wir sind nichts als Masken. Durch ihren weltweiten enormen Einfluss auf junge Frauen verkörpert Madonna die Zukunft des Feminismus.“ (Paglia 1993, S. 17). c So positiv wie Camille Paglia sehen viele Menschen Madonnas Einfluss nicht. Unter anderem wird Madonna vorgeworfen, dass Frauenbild einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft zu verstärken. Auch ihr freizügiger Umgang mit der eigenen Sexualität ist Anlass der Kritik.
Madonnas Imagewechsel hängen oft mit der Überschreitung bestimmter, in der Gesellschaft existenter, Grenzen zusammen. Sie bedient sich aus der Subkultur der Homosexuellen und aus der schwarzen Kultur um das Bild ihrer Persönlichkeit zu erweitern. Eines ihrer Hauptthemen, besonders in Bezug auf Sexualität, ist die Grenze zwischen den Geschlechtern, die sie teilweise überschreitet um sich voll ausleben zu können. Auch Rassengrenzen und die Grenze zwischen Homosexualität und Heterosexualität werden gelegentlich von ihr überschritten. Madonna kann oft als ein Mischwesen aus den jeweiligen Gegenpolen bezeichnet werden.
In dieser Hausarbeit versuche ich darauf einzugehen, inwiefern es der „Grenzgängerin Madonna“ gelingt, sche inbare Gegensätze in sich zu vereinen, um zur männlichen Frau, zur schwarzen Weißen oder zur Bisexuellen zu werden. Dabei beziehe ich mich auf eine Auswahl ihrer Videoclips sowie auf Auftritte im Rahmen ihrer „Blonde Ambition- Tour“. Mein Schwerpunkt liegt hierbei auf der Beschreibung des Phänomens Madonna, nicht auf der der Musikerin Madonna. Ich nehme kaum Bezug auf Songtexte und musikalische Gestaltung von Madonnas Songs. Für mich steht die Inszenierung der einzelnen Stücke und die damit verbundene Selbstinszenierung Madonnas in Videos und auf der Bühne im Vordergrund.
Im 1. Punkt werde ich mich mit der Beziehung von Madonna zu der Grenze zwischen Mann und Frau beschäftigen, damit, wie sie feste Rollenbilder dekonstruiert. Auch die Sexualität Madonnas spielt in diesem Punkt eine wichtige Rolle.
b Bordo, Susan: Material Girl: The Effacements of Postmodern Culture. In: Goldstein, Laurence (Hrsg.): The
Female Body: Figures, Styles, Speculations. Michigan 1991. S. 106-130.
c Paglia, Camille: Madonna I- Animalisch und raffiniert. In: Paglia, Camille: Der Krieg der Geschlechter- Sex,
Kunst und Medienkultur. München 1993. S. 14 - 17.
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Der zweite Punkt beschäftigt sich mit Madonna und der Grenze zwischen Schwarzen und Weißen. Das Hauptaugenmerk liegt hierbei auf dem Video „Like a Prayer“, in dem Madonna Mitglied der schwarzen Gemeinde wird.
Der dritte Punkt, der mit dem Titel „ Madonna und die Grenze zwischen Homosexualität und Heterosexualität“ versehen ist, beschäftigt sich mit Madonnas Anleihen aus der Schwulenkultur, mit der Frage warum sie zur Ikone von Homosexuellen wurde und mit der Ana lyse ihres Grenzgangs zwischen Homo- und Heterosexualität, der vor allem in dem Skandalclip „Justify my Love“ inszeniert wurde.
Im vierten und letzten Punkt werde ich versuchen, eine Konklusion über das behandelte Thema zu bilden.
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1. Madonna und die Grenze zwischen Männern und Frauen: Wie kein anderer Popstar entfachte Madonna Diskussionen darüber, ob sie das vom Patriarchat geprägte Frauenbild verstärkt oder nicht. Hilft sie dabei, typisch weibliche Rollenbilder zu festigen oder dekonstruiert sie dieselben?
Diese Frage kann nicht eindeutig beantwortet werden, war die Weiblichkeit die Madonna ausstrahlte doch von Beginn ihrer Karriere an ambivalent. Das Video zu dem Song „Like a Virgin“, welches in die Anfangsphase von Madonnas Karriere einzugliedern ist, erhitzte die Gemüter dadurch, dass Madonna gleichzeitig die unschuldige Jungfrau und das kokette Luder spielt. „ Die gegensätzlichen Madonnafiguren des Flittchens und der unschuldigen Braut verkörpern Ableitungen der kontrastierenden Dichotomisierung der Frau in Hure und Heilige. Die Polarisierung wird jedoch lächerlich gemacht, indem der flittchenhaften Madonna Symbole des Glaubens an das Heilige zugewiesen werden, wohingegen die Darstellung der keuschen Braut im Video auf den zweiten Blick Zweifel aufkommen läßt, ob diese nicht doch vom Baum der Versuchung gekostet hat.“ (Grigat 1995, S. 10 f.) 1
In dem Clip „Open Your Heart“ scheint die Rolle von Madonna zunächst klar festgelegt zu sein: Sie tanzt in einem Peepshow-Geschäft leichtbekleidet vor den Augen verschiedener, teils skurriler Zuschauer. Die Zuschauer sitzen in Kabinen hinter einer Glasscheibe, der Blick durch diese Scheibe in den Raum wo Madonna tanzt wird teilweise durch das Heruntersinken einer Fensterklappe verwehrt. Madonna trägt zunächst eine schwarze Perücke, ein schwarzes Korsett, schwarze Netzstrumpfhosen und dunkle, schulterlange Handschuhe. Die Zuschauer folgen dem Tanz von Madonna sehr aufmerksam, ein Mann macht sich eilig Notizen, ein anderer muss Tabletten schlucken vor Schreck. Im Laufe der „Peepshow“ entledigt sich Madonna ihrer schwarzen Perücke, unter der ihre platinblonden Haare zum Vorschein kommen.
Während Madonnas Show hat sich im Vorraum des Etablissements ein kleiner Junge einge funden. Er trägt einen Hut und einen grauen Herrenanzug und betrachtet neugierig die Pin-Up- Fotos, die in Vitrinen ausgestellt sind. Dem Jungen wurde der Eintritt zur Peepshow verwehrt. Gegen Ende des Videos taucht Madonna plötzlich aus der Richtung des Peepshow-Eingangs auf. Sie trägt ein burschikoses Outfit und hat den gleichen Anzug wie der Junge an. Sie beugt sich zu dem Jungen hinunter und küßt ihn auf den Mund. Dieser lächelt. Die beiden verlassen gemeinsam das Etablissement. Dessen Besitzer läuft hinter ihnen her und fleht
1 Grigat, Nicoläa: Madonnabilder : Dekonstruktive Ästhetik in den Videobildern Madonnas. Frankfurt a. M. u.a.
1995.
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Madonna an zu bleiben. (Es erscheint an dieser Stelle ein Untertitel: „Ritorna...ritorna... Madonna... Abbiamo ancora bisogni di te.“ Grigat 1995, S. 30). Madonna bleibt ungerührt, sie und der Junge flüchten. Schließlich sieht man die beiden auf der Straße dem Horizont entgegen tanzen.
Dieses Video zeigt, wie Madonna sich in die Androgynität flüchtet um ihre Rolle als reines Sexualobjekt abzulegen. Die Zuschauer in der Peepshow stellen Menschen dar, die Madonna auf ihren Körper reduzieren. Madonna reagiert auf diesen Voyeurismus damit, dass sie ihre Weiblichkeit ablegt. Man kann sagen, „ (...) dass dem Video ein kritischer Kommentar innewohnt, der die Konstruktion der Frau als voyeuristisches Blickobjekt in Frage stellt und diesen Status der Frau parodiert. Auch Madonna soll über sich selbst gesagt haben, sie sei die Parodie eines Sex-Objekts.“ (Grigat 1995, S. 31).
Susan Mc Clary interpretiert den Rollenwechsel von Madonna innerhalb des Clips „Open Your Heart“ folgendermaßen: „ In diesem Video begegnet Madonna ihrem verruchten Stereotyp und versucht, es in einen ganz anderen Bereich zu transformieren: in einen Bereich, in das weibliche Objekt nicht gezwungenermaßen Objekt des patriarchalischen Blickes sein muss, sondern eine spielerische, unsexuelle Energie auslöst.“ (Mc Clary zit. n. Penth / Wörner 1993, S. 40). 2
Madonna demonstriert in „Open Your Heart“, dass sie fähig ist, ihre Erscheinung von einen auf den anderen Moment vollkommen zu ändern. Scheinbar mühelos wandelt sie sich vom kalten Sexobjekt zur androgynen, lebensfrohen Frau. „Weiblichkeit ist eine Maske, die getragen und abgelegt werden kann.“ (Doane zit.n. Grigat 1995, S. 40). Auch in dem Clip „Express Yourself“ schlüpft Madonna in eine Hosenrolle. Außerdem erscheint sie als raffinierte Verführerin, als „Katzenfrau“, die auf allen Vieren Milch aus einer Schüssel leckt und als nackte Lustsklavin in Ketten.
Das Video spielt u.a. in einer Art Unterwelt, einer unterirdischen Halle in der Männer triefend vor Nässe sich bei der Arbeit abmühen. Madonna taucht auf einer Stahltreppe auf, die sich in der Halle befindet. Mit streng zurück gekämmten Haaren und bekleidet mit einem dunklen Herrenanzug tanzt sie auf der Treppe, entblößt kurz einen weißen BH. Die Bewegung mit der sie hierfür das Jackett öffnet, erinnert in seiner Aprubtheit an die Bewegung eines Exhibitionisten, der seinen Mantel aufreißt. Madonna greift sich wiederholt in den Schritteine Macho-Pose die sie sich von männlichen Kollegen wie Michael Jackson abgeguckt hat.
2 Penth, Boris / Wörner, Natalia: Das elfte Gebot: Madonna Ciccone . In: Diederichsen, Dietrich / Dormagen, Christel / Penth, Boris & Wörner, Natalia: Das Madonna Phänomen. Hamburg 1993. S. 26-89.
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Arbeit zitieren:
M.A. Nele F.C. Schüller, 2000, Grenzgängerin Madonna, München, GRIN Verlag GmbH
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