INHALTSVERZEICHNIS
I. STRUCTURAL STRAINS 2
A. EINLEITUNG 2
B. DIE ERFAHRUNG DER RELATIVEN DEPRIVATION 3
C. DIE STRUKTURELLEN VORAUSSETZUNGEN 5
1. MODERNISIERUNGSPROZESSE 5
2. DIE SOZIALSTRUKRUTELLE VERORTUNG DER AKTIVEN 7
D. WERTWANDELTHESE NACH INGLEHART 8
1. DEFINITION MATERIALISTISCHER - POSTMATERIALISTISCHER
WERTE S. 9
2. DER BEGRIFF DER KOGNITIVEN MOBILISIERUNG 11
E. FAZIT 12
II. DER HABERMASSCHE LEBENSWELTBEGRIFF 14
A. BEGRIFFSENTLEHNUNG AUS DER PHÄNOMENOLOGIE 14
B. REFORMULIERUNG DES LEBENSWELTBEGRIFFES 14
C. RATIONALISIERUNGSPROZESSE IN DER LEBENSWELT 17
III. DIE KOMMUNIKATIONSKULTUR DER NEUEN
SOZIALEN BEWEGUNGEN 20
A. DER SOZIALE RAUM 20
B. DIE KOMMUNIKATIONSMILIEUS 23
1. DIE POLITISCHE ÖFFENTLICHKEIT 23
2. DIE ZIVIGESELLSCHAFT 25
IV. TRÄGER GRÜNER KOMMUNIKATIONSKULTUR NACH GIEGEL 26
A. DIE SOZIALBERUFLICHE MITTELSCHICHT 26
B. DIE BEDEUTUNG DER HABERMASSCHEN THEORIE 28
C. DIE KOMMUNIKATIONSKULTUR DER GRÜNEN PARTEI 29
V. SCHLUSS 30
VI. BIBLIOGRAPHIE S 32
I. STRUCTURAL STRAINS I.A. EINLEITUNG
Bei der Erforschung von neuen sozialen Bewegungen fällt auf, dass es sich um ein komplexes Forschungsobjekt handelt. Das ist in einem Forschungszweig immer daran zu erkennen, wenn es viele verschiedene Theorien gibt, die alle ihre Richtigkeit haben, allerdings die Sache nicht in ihrem vollen Umfang behandeln. Bei der Untersuchung der Neuen Sozialen Bewegungen ist festzustellen, dass sich innerhalb der Bewegungsforschung fünf Paradigmen hervortun, wenn es um die Erklärung des Aufkommens und der Protestbereitschaft der Neuen Sozialen Bewegungen geht. Bei diesen Paradigmen wird auch von Bezugssystemen gesprochen. Was genau ist ein Paradigma? Bei einem Paradigma handelt es sich um eine Grundannahme, die sich innerhalb eines Forschungszweigs durchgesetzt hat und vo n dem größten Teil der Forscher nicht mehr hinterfragt wird. Es repräsentiert „die spezifische Weltsicht, mit der die Forscher ihren jeweiligen Gegenstandsbereich beobachten und beschreiben.“ 1 Untersuchungsgegenstand des ersten Teils dieser Arbeit, ist eines dieser Paradigmen. Es geht um den so genannten „Structural Strains“ Ansatz. Zu Erforschen gilt es, unter welchen Aspekten dieses Bezugssystem das Forschungsobjekt wahrnimmt und in wie fern es bei diesem Ansatz zu einer ganzheitlichen Untersuchung der Neuen Sozialen Bewegungen kommt.
Dazu soll der Structural Strains Ansatz aus drei Perspektiven beleuchtet werden. Als erstes geht es um die Erfahrung der relativen Deprivation, die zum Protestverhalten führen soll 2 , des Weiteren sind es die strukturellen Vorraussetzungen, die zur Erklärung der neuen sozialen Bewegungen herhalten müssen 3 und zum Schluss soll auch noch die Wertwandelthese von Inglehart behandelt werden 4 .
Nachdem im beginnenden Abschnitt versucht wurde, das Bewegungsphänomen mittels eines Paradigmas der Bewegungsforschung zu beleuchten, soll in den daran anschließenden Kapiteln eine gesamtgesellschaftliche Theorie herangezogen werden. Jürgen Habermas’ Bände zur Theorie des kommunikativen Handelns, sowie weitere Schriften dieses Wissenschaftlers, dienen hierzu als Grundlage. Ziel ist es zu zeigen, welchen anderen Aspekten eine tragende Bedeutung zuzuordnen ist, um zu erklären, warum Menschen sich zu
1 Hellmann, Kai-Uwe: Paradigmen der Bewegungsforschung, Opladen, S. 91.
2 Siehe auch unter Punkt I.B in dieser Arbeit.
3 Siehe auch unter Punkt I.C in dieser Arbeit.
4 Siehe auch unter Punkt I.D in dieser Arbeit.
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Bewegen aufgefordert fühlen. Im doppelten Sinne von körperlicher, und beinahe noch wichtiger, im Sinne von geistiger Bewegung. Hierfür sollen die Ausführungen zum Begriff der Lebenswelt erste Klarheiten schaffen. Nachdem dargestellt ist, durch welche Besonderheiten die Lebenswelt gekennzeichnet und durch welche Bedingungen begrenzt ist, soll die Thematik der Kommunikationskultur innerhalb der Neuen Sozialen Bewegungen problematisiert werden. Hierbei wird sich herausstellen, welche Kommunikationsansprüche die einzelnen Milieus, für die Erhaltung ihrer je spezifischen Lebenswelt veranschlagen. Zum Abschluss soll ein Essay von Hans-Joachim Giegel herangezogen werden. Dieser wird dazu dienen, exemplarisch zu zeigen, wer in der konkreten Welt, in der Handlungen Konsequenzen tragen, auf welche Art und Weise befähigt ist, die Verantwortung für Denkprozesse und Debatten der Mitmenschen zu tragen.
I.B. DIE ERFAHRUNG DER RELATIVEN DEPRIVATION
Zustände von bestimmten Systemen, sei es biologischer, physiologischer oder sozialer Art, werden nur dann in einen anderen Zustand wechseln, wenn Einfluss darauf genommen wird. In einem Staatssystem ist die maßgeblichste Möglichkeit etwas zu beeinflussen und damit zu verändern, Politik zu betreiben. Verbände, Gewerkschaften und Parteien ringen durch geschickt eingesetzte Wahlwerbung oder jahrelanger Präsenz um ihre Mitglieder. Denn in einem demokratischen System, wie wir es in Europa vorfinden, sind Mehrheiten jene, die die Verantwortung tragen müssen bei Entscheidungsfragen. Aber nicht nur die etablierten Parteien sind von ihren Anhängern abhängig, sondern vor allem die Neue n Sozialen Bewegungen. Aufgrund ihrer außerparlamentarischen Stellung sind sie verschärft auf die Resonanz beim gemeinen Bürger angewiesen. Im Folgenden soll sich damit beschäftigt werden, warum Menschen sich veranlasst fühlen, aktiv in den politischen Prozess ihres Landes mit einzugreifen.
Das Paradigma ‚Structural Strains’ soll in diesem Kapitel thematisiert werden. Im Wesentlichen werden dazu zwei Theorien beleuchtet. Zum einen die der ‚sozialstrukturellen Verortung’ von Bewegungsanhängern und zum anderen die ‚Wertwandelthese nach Inglehart’. Beide Überlegungen greifen dabei, wenn auch meist nur implizit, dass Konzept der ‚relativen Deprivation’ auf. Deshalb soll dieses Konzept zunächst vorgestellt und in Zusammenhang mit den anderen zwei Erklärungen gebracht werden.
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Eine erste Erklärung kann das Fremdwörterbuch geben. Da wird ‚Deprivation’ als Entzug oder Absetzung definiert. 5 Es handelt sich hierbei also um einen Terminus mit negativer Konnotation. Aber genau diese negative Grundstimmung, die erzeugt werden kann, spiegelt den Unmut der Bürger eines Landes wieder. Die Behauptung ist nun, dass „[...] das Ausmaß der generellen Unzufriedenheit der Mitglieder einer Gesellschaft mit der ökonomischen oder gesellschaftlichen Situation das Auftreten der verschiedensten Arten politischer Partizipation positiv beeinflusst.“ 6 Dahinter steckt nämlich, dass Menschen sich benachteiligt fühlen. Aufgrund ihrer Sozialisation sind sie sensibel für Diskrepanzen hinsichtlich ihrer Erwartungen an die Volksvertreter und die daran anschließenden Konsequenzen derer Umsetzungen. Sie fühlen sich enttäuscht oder gar hintergangen. Man spricht im genauen von relativer Deprivation, wenn sich die tatsächliche und erwartete Güterversorgung beziehungsweise Bedürfnisbefriedigung nicht in dem Zeitrahmen abläuft, der dafür veranschlagt wurde.
Wenn angehende Lehrer an hessischen Hochschulen jahrelang in dem Glauben sicherer Arbeitsplätze leben und dann aber zu einem bestimmten Zeitpunkt das Angebot für Lehrer stark eingeschränkt wird von der Landesregierung, dann kann man von relativer Deprivation sprechen. „In einer solchen Situation entstehen - so Davies - Revolutionen.“ 7 Das es für eine Revolution mehr bedarf als bloße Stellenkürzungen im hessischen Land ist nachvollziehbar. Dennoch ist die enorme Diskrepanz zwischen dem, was angehenden Lehrern vernünftiger Weise zustehen würde und dem was erreicht bzw. eingehalten werden kann, augenscheinlich. Je höher also die normative Erwartung und je geringer das, was man tatsächlich bekommt, desto höher ist die relative Deprivation. Man könnte also die Hypothese aufstellen, dass jene mit einer hohen relativen Deprivation, am ehesten politisch aktiv werden. Leider sprechen eine Menge anderer Faktoren und Erklärungen gegen diese Überlegung des spontanen Engagements.
Etwas allgemeiner verläuft die Deutung der relativen Deprivation bezogen auf die Wertwandelthese. Denn die sozialstrukturelle Verortung gibt keine Antwort darauf, was sich im innersten der Menschen abspielt. Was hat sie geprägt? Wann sind sie zu was bereit? All das bezieht sich auf das Stichwort Wahrnehmung. Die mündigen Bürger können sich erst zu politischer Partizipation motiviert fühlen, wenn sie spüren, dass ihr Wertsystem missachtet wird. Beispielhaft dafür ist die Einstellung gegenüber faschistischen oder gar rassistischen Gedankenguts. Während noch in der Zeit des 2. Weltkrieges in Deutschland, es für die
5 Bertelsmann Universal Lexikon, Fremdwörterbuch; Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH Gütersloh 1993.
6 Karl-Dieter Opp, Soziale Probleme und Protestverhalten; Opladen: Westdeutscher Verlag, 1984, S. 208.
7 Karl-Dieter Opp, Soziale Probleme und Protestverhalten; Opladen: Westdeutscher Verlag, 1984, S. 212.
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Mehrheit der Bürger gerechtfertigt war die jüdische Bevölkerung oder Andersdenkende, wie die Kommunisten, zu diskriminieren und dann in letzter Konsequenz zu exekutieren, ist dies im Anschluss an das Kriegsende 1945 öffentlich nicht mehr geduldet worden. Dass organisierte Strukturen im Untergrund weiterhin dieses Gedankengut vertreten und verbreiten, ist traurige Realität. Dabei hat sich aber nicht etwa der ‚Ist-Wert’ geändert, sondern die ‚Soll-Erwartung’. Mehrheitlich scheinen unsere Mitmenschen zu verinnerlichen, dass wir doch alle nur Lebewesen mit Hoffnungen und Ängsten sind, die an verschiedenen Teilen der Erde, unter verschiedenen Umständen aufgewachsen sind. Das scheint der von Inglehart beschriebene Wertewandel glücklicherweise mit sich gebracht zu haben.
I.C. DIE STRUKTURELLEN VORAUSSETZUNGEN
I.C.1. MODERNISIERUNGSPROZESSE
Aufbauend, auf das Konzept der relativen Deprivation, ist der „Rekurs auf neue, zentrale Problemlagen moderner Gesellschaften“ 8 . Als Vertreter dieser Ansicht sind Raschke (1985) und Rucht (1994) zu nennen. Die These lautet: Das Auftreten der Neuen Sozialen Bewegungen lässt sich durch Modernisierungsprozesse der Gesellschaft erklären. Raschke sieht seit der französischen Revolution drei Entwicklungsphasen: die vorindustriell-modernisierende (1789-1850), die industrielle (1850/60-1960) und die nachindustrielle Phase. Diese Phasen führten zur sozialen, politischen und kulturellen Modernisierung, die Anlass zur Entstehung sozialer Bewegungen war. So entstanden die frühbürgerlichen Bewegungen in der vorindustriell- modernisierenden, die Arbeiterbewegung in der industriellen und die Neuen Sozialen Bewegungen in der nachindustriellen Phase. Diese einzelnen Bewegungen stellen, nach Raschke, die dominanten Bewegungen der jeweiligen Zeit dar. Brand meint zu Raschkes Erklärungsmodell, dass die dritte Phase so eigentlich nur auf die deutsche Erscheinungsform zutrifft. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Bewertung der neuen sozialen Bewegung als dominante Bewegung unserer Zeit, gerade das sei noch eine offene Frage. 9 Etwas differenzierter betrachtet Rucht Modernisierungen in der Gesellschaft. Er analysiert Modernisierungsprozesse auf zwei Ebenen. Zum ersten ist es die fortschreitende funktionale Differenzierung der Gesellschaft. Gemeint ist hierbei eine Aufspaltung der Gesellschaft in
8 Ebd., S. 39.
9 Vgl. ebd., S. 42f.
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verschiedene Arbeitsbereiche. Dadurch entstehen unterschiedliche Sphären, wie zum Beispiel die Ökonomie oder das Recht. Das Problem, das sich durch eine zunehmende Ausdifferenzierung der Gesellschaft ergibt ist: Der kommunikative Austausch zwischen den einzelnen Sphären geschieht nur noch sporadisch oder gar nicht. Jeder einzelne Bereich ist in sich einer Komplexitätssteigerung erlegen, die für außenstehende nur äußerst schwer nachzuvollziehen ist. In den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft werden sogar verschiedene „Sprachen“ gesprochen, die sogenannten Expertensprachen. Die funktionale Differenzierung geht also über eine Arbeitsteilung hinaus. Die zweite Modernisierungsebene sieht Rucht auf der Handlungsebene, die immer Ich-Zentrierter wird. Der einzelne Mensch erlebt in Folge der Modernisierungsprozesse einen „Zuwachs autonomer Entscheidungs möglichkeiten und Entscheidungszwänge“ 10 . Diese beiden Achsen versucht Rucht nun in der Geschichte zu verorten. Er teilt die kürzere Vergangenheit in vier verschiedene Entwicklungsstufen ein. Es geht vom
„ ‚Absolutismus’ (Modernisierungsstufe 1) über den ‚liberalen Kapitalismus’
(Modernisierungsstufe 2) hin zum ‚organisierten Kapitalismus’. Innerhalb des
‚organisierten Kapitalismus’ vollziehe sich dann - in den 60er Jahren, im Gefolge der
langgezogenen Prosperitätsphase der Nachkriegsjahrzehnte - ein weiterer
Modernisierungsschub hin zum ‚wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismus’
(Modernisierungsstufe 4), der aber ‚eine geringere Eingriffstiefe als die
vorangegangenen Zäsuren’ aufweise.“ 11
Durch Modernisierungsumbrüche entstehen, nach Rucht, immer Verlierer und Gewinner. Für die linke Bewegung, die die Grenzen des Kapitalismus sieht, öffnen sich die so genannten „Windows of opportunity“ 12 . Das führt zum Protestverhalten ihrer Anhänger. Auch die rechte Bewegung findet hier in diesem Modell eine Erklärung. Sie sind die Modernisierungsverlierer.
An diesem Modell hat Brand seine Einwände. Zunächst einmal ist die Trennung zwischen organisiertem und wohlfahrtsstaatlichem Kapitalismus nicht so einfach wie Rucht sie vollzieht. Das zweite Problem liegt dann auf der Hand: Die Verortung der sozialen Bewegungen innerhalb des wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismus gestaltet sich schwierig, da sie ihre Anfänge schon vor den 60er Jahren hatten. Außerdem kann ein Modernisierungsschub durchaus auch die Folge einer sozialen Bewegung sein. Er muss nicht zwangsläufig die Ursache sein. Die schwerwiegendste Kritik, die Brand an diesen Erklärungsansatz hat, ist, dass hier zyklische Wandlungsprozesse nicht mit eingerechnet worden sind. Es ist zu
10 Ebd., S. 43.
11 Ebd.
12 Ebd.
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beobachten, dass in der Geschichte ein ständiger Wechsel zwischen konservativen und reformistischen Phasen stattfindet. Aus diesem Grund sind Modernisierungsschübe als Erklärung für soziale Bewegungen nicht ganz hinreichend. Es ist vielmehr die Frage zu stellen, warum die Modernisierung mit der sozialen Bewegung als Begleiterscheinung ausgerechnet zu dieser Zeit wieder stattfindet und nicht einige Jahrzehnte früher oder später. Eine gute Erklärung sollte auch die zyklischen Veränderungen einer Gesellschaft mit in ihre Argumentation einbringen.
Als Fazit sei gesagt, dass Modernisierungsumbrüche durchaus Einfluss auf die Protestbereitschaft sozialer Bewegungen besitzen. Es reicht nur nicht aus, dem Aufkommen einer sozialen Bewegung, ausschließlich durch Erklärungen mittels eines Modernisierungsprozesses näher zu kommen.
I.C.2. DIE SOZIALSTRUKTRURELLE VERORTUNG DER AKTIVEN
Eine weitere Erklärung für das Aufkommen der neuen sozialen Bewegungen ist die sozialstrukturelle Verortung der Aktiven. Hierbei werden die sozialstrukturellen Gemeinsamkeiten der Teilnehmer einer Protestaktion untersucht. Es fällt bei den sozialen Bewegungen zunächst auf, dass sie klassenübergreifend aktiv sind. Auch eine Gemeinsamkeit lässt sich erkennen: Akteure der Neuen Sozialen Bewegungen sind hauptsächlich Personen aus der gebildeten Mittelschicht. Die Aktiven der neuen sozialen Bewegungen finden sich im überproportionalem Maße in den kulturellen und sozialen Dienstleistungsberufen wieder. Sie werden von Brand auch die „Humandienstleistungsberufe“ 13 genannt. Es handelt sich also um Menschen, die beruflich mit Menschen zu tun haben. Sie sind nicht direkt an der Produktion von Gütern, bzw. an der Wirtschaft beteiligt. Die Erklärung für diese Feststellung formuliert Brand folgendermaßen:
„Als Träger emanzipativer, ökologischer, antitechnokratischer oder pazifistischer
Bewegungen sei diese Gruppe deshalb in besonderem Maße prädisponiert, weil sie
aufgrund ihrer Sozialisation und der Schwerpunkte ihrer beruflichen Tätigkeit
(Gesundheit, Sinnstiftung, Selbstverwirklichung, Befriedigung sozialer Bedürfnisse) eine
besondere Sensibilität für die lebensweltlichen Folgeprobleme und
Selbstgefährdungspotentiale verselbständigter industrieller Wachstumsimperative
entwickelt habe.“ 14
13 Brand, Karl-Werner: Humanistischer Mittelklassen-Radikalismus, Opladen, S. 38.
14 Ebd., S. 37.
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Die Menschen solcher Berufe sind besonders sensibel für Folgeprobleme der industriellen Gesellschaft und des Wirtschaftswachstums. Das wird an der Anti- Atomkraftbewegung am deutlichsten.
Es ist vor allen Dingen durch den enormen Zuwachs des Humandienstleistungssektors zu erklären, dass die Anliegen dieser Berufssparte einen immer höheren Stellenwert bekommen. Hanspeter Kriesi bezeichnet diese Aktiven als die „sozial-kulturellen Professionellen“ 15 . Im Gegensatz zu diesen Professionellen steht der „Kader“.
Auch die rechte Bewegung lässt sich sozialstrukturell verorten. Es sind vor allem junge, gering qualifizierte Männer, die zu rechtsradikalen Ausschreitungen neigen. Sie verfügen meist über schwache soziale Bindungen und über einen niedrigen Bildungsstatus. Ein zusätzlich verstärkender Faktor ist die fehlende Sicherheit im Beruf oder Arbeitslosigkeit. Als Fazit lässt sich festhalten, dass sozialstrukturelle Verortungen in jedem Fall ermöglichen, die Anhänger der Neuen Sozialen Bewegungen zu charakterisieren. Es reicht aber nicht aus, dass Aufkommen der Proteste durch die sozialen Lagen der Akteure zu erklären.
I.D. WERTWANDELTHESE NACH INGLEHART
Die Fähigkeit Kritik formulieren zu können und sich an Protesten zu beteiligen oder sie gar selbständig zu organisieren, hängt in erster Linie davon ab, ob das Ind ividuum persönlich davon betroffen ist. Betroffen sein kann es wiederum nur, wenn es erkennt, dass die eigenen, gefestigten Vorstellungen von ‚Recht und Ordnung’ vom jeweiligen politischen, sozialen oder wirtschaftlichen System, nicht oder nicht vollständig vertreten werden. Dies hat nun aber zur Grundlage, dass die Menschen in dem jeweiligen System, in ihrem Denken eine stabile Vorstellung davon haben, welche Werte von höchster Priorität für sie persönlich sind. Diese Werte können ganz unterschiedlicher Natur sein. Es gibt solche, die die Sorge um die eigene Familie betreffen und es gibt solche, die das eigene Leben, unabhängig von anderen Mitmenschen, betreffen. Eigenverantwortung und Selbstverwirklichung sind hier die Stichworte. Ich will an dieser Stelle Wertvorstellungen als relativ tiefverwurzelt und stabil definieren, da man sonst von einfachen, kurzfristigen Verhaltensänderungen ausgehen kann. Im Folgenden sollen nun Werte in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung gesetzt werden, die ganz allgemeinen, universalistischen Naturen sind. Gemeint sind Werte, die sich zum
15 Kriesi, Hanspeter: Neue Soziale Bewegungen: Auf der Suche nach ihren gemeinsamen Nenner, 1987, S. 315-
334.
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Ronny Steinbrück, 2005, Ein Blick auf Neue Soziale Bewegungen anhand des Paradigmas Structural Strains und der Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas, München, GRIN Verlag GmbH
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