1. Zur Person
1.1 Biografisches
Moralphilosoph, Logiker, politischer Ökonom, Soziologe: Das Arbeits- und Interessenspektrum des schottischen Denkers Adam Smith (1723-1790) ist so breit, dass ein einziges Leben kaum ausreicht, es zu füllen. Smith war einer der letzten großen Universalgelehrten vom Schlage eines Gottfried Wilhelm Leibniz oder René Descartes: global denkend, interdisziplinär dozierend. Während seiner Professur an der Universität Glasgow und zuvor als Dozent an der Universität Edinburgh hielt er Vorlesungen zu den Themen Ethik, Logik, Rhetorik, Ökonomie und Literatur.
Geboren wird Smith im Jahre 1723 im schottischen Kirkcaldy. Seine Taufe ist auf den 5. Juni datiert, der Tag seiner Geburt jedoch nicht überliefert. Als Einzelkind wächst Smith allein bei seiner Mutter auf. Sie ist die zentrale Person in seinem Leben; bei ihr verbringt er nicht nur seine Kindheit und Jugend, auch während seiner Zeit als Dozent, Professor und später als Privatgelehrter kehrt Smith immer wieder in sein Geburtshaus zurück.
Eine zweite einflussreiche Figur im Leben des Adam Smith ist Francis Hutcheson, der als Lehrer am College in Glasgow auf den damals 14-jährigen Musterschüler aufmerksam wird. Mitte des 18. Jahrhunderts wird Hutcheson als einer d er brillantesten Redner, Moralphilosophen und Dozenten Großbritanniens gehandelt. Auf ihn geht auch der Begriff der moral sentiments zurück, der seinem Schüler Smith später als moralphilosophische Rechtfertigung seiner Ökonomie dienen wird. Diesem rät er, Schottland so schnell wie möglich zu verlassen. Ein erfolgreiches wissenschaftliches Lernen, Lehren und Arbeiten sei ausschließlich an einer der beiden englischen Elite-Universitäten Cambridge oder Oxford möglich.
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Smith hört auf seinen Mentor. Und hat Erfolg. Im Jahre 1740 erhält er ein Stipendium für die Universität Oxford. Dort allerdings langweilt sich der ambitionierte Student zu Tode. Die Enttäuschung über die universitäre Lehre ist teilweise sogar in sein Hauptwerk Wealth of Nations eingegangen. Immer wieder ist dort von grenzenloser Borniertheit und Rückständigkeit englischer Gelehrter zu hören.
In den Vorlesungen liest Smith lieber die neusten Schriften seines Freundes David Hume, als den Ausführungen der Dozenten zu folgen - was ihm unter den Dozenten einen zwielichten Ruf einbringt. So betrifft einer der wenigen Impulse, die Smith in Oxford bekommen hat, seine Sprache. Nach seinem Studium lehnt Smith das Schottische konsequent ab, referiert ausschließlich in lupenreinem Oxford-Englisch. Diese Sorgfalt erwartet er auch von seinen Schülern, als Smith im Jahre 1751 seine erste und einzige Professur an der Universität Glasgow antritt. Hier unterrichtet er zunächst Logik, ein Jahr später auch Moralphilosophie.
Bereits 1763 allerdings legt Smith diesen Posten nieder, um den jungen Henry Scott, 3rd Duke of Buccleugh, als persönlichen Tutor auf dessen dreijähriger Bildungsreise quer durch Europa zu begleiten. Freigiebiger Auftraggeber dieses Arrangements ist Scotts Stiefvater Charles Townshends, ein betuchter und angesehener Geschäftsmann. Im Gegenzug darf dieser Smith für seine Dienste fürstlich entlohnen: Von 1764 an sieht sich dieser dank einer lebenslangen Rente von rund 300 Pfund pro Jahr - was damals einem doppelten Professorengehalt entspricht - von allen finanziellen Sorgen befreit.
Doch nicht nur monetär hat sich die lange Europareise ausgezahlt. In Frankreich etwa kommt Smith mit dem für sein späteres Denken bedeutsamen wirtschaftstheoretischen Ansatz der Physiokraten in Kontakt (siehe Kap. 2.1). Von ihren Ideen und deren Diskrepanz zu der in England weithin
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vorherrschenden Praxis des Merkantilismus inspiriert, intensiviert Smith nach seiner Rückkehr nach Schottland seine zuvor begonnenen
volkswirtschaftlichen Studien und zieht sich dabei immer wieder in seinen Heimatort Kirkcaldy zurück.
Im Jahre 1773 wird Smith in die Royal Society berufen, eine der bedeutendsten intellektuellen Bewegungen der englischen Aufklärung. Diese unterhält Debattier-Clubs im ganzen Land, in denen sich Philosophen, Künstler, Unternehmer und Anwälte regelmäßig treffen, um gemeinsam über den drängenden Fragen der Zeit zu brüten. Im Wesentlichen jedoch nimmt sich die Königliche Gesellschaft der Förderung empirisch geprägter Wissenschaften an. Im Laufe seiner Mitgliedschaft verfeinert der ohnehin sprachbegabte Smith seine überaus präzise, nüchterne, sachliche und bisweilen trocken-ironische Schreibe bis an die Grenze zur Perfektion. Stilistisch - und das entspricht einer rigiden Forderung der Royal Society - sind alle seine Werke von hoher literarischer Qualität: klar und verständlich geschrieben, reich an Bildern und Metaphern und gelegentlich mit einer Prise Ironie gewürzt.
Sein wachsender Ruf als progressiver Ökonom und die breite Rezeption seiner Werke zeigt schließlich Wirkung: Drei Jahre vor seinem Tod in Edinburgh am
17. Juli 1790 wird Smith Lord Rector der Universität Glasgow. Er stirbt hoch geachtet und - was sicher nicht von jedem berühmt gewordenen Philosophen behauptet werden kann: viel gelesen.
Mit ihm verliert Großbritannien einen seiner letzten globalen Denker und zugleich einen vornehmen Intellektuellen, kulturell und wirtschaftlich gebildeten Humanisten, dazu einen klugen Beobachter und scharfsinnigen Analytiker der Menschen und deren Gewohnheiten.
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1.2 Denken
Wegen seiner auf dem Prinzip der Synthese arrivierter Ansichten aufbauenden Arbeitsweise wird Adam Smith immer wieder als Eklektiker dargestellt. Natürlich konnte Smith als ausgiebiger Kenner nahezu aller relevanten Texte der zeitgenössischen Literatur und eines Großteils wichtiger Thesen der Antike thematisch aus dem Vollen schöpfen; dennoch verschluckt der Begriff des Eklektikers, der nicht ohne Grund als deutlich negativ konnotiert gilt, einige wichtige Elemente der Smithschen Lehre, die als solche keineswegs nur auf der Verschmelzung fremder, theoretischer Versatzstücke, sondern ebenso auf der Ausarbeitung eigener Ansätze, wie etwa im Rahmen der Theorie der moral sentiments, beruhen.
Smith´ Lehre ist ein Plädoyer für die liberale Gesellschaft, für die Entfesselung der vom merkantilistischen Staatsdogma unterjochten englischen Wirtschaft und für die Abschaffung der dirigistischen Zoll- und Steuerpolitik des späten
18. Jahrhunderts. Nicht ohne immanente Widersprüche (siehe Kap. 4.1) fordert Adam Smith ein Wirtschaftssystem, d as nicht auf einem staatlich verordneten Regel-Kanon, sondern den natürlichen Neigungen des Einzelnen aufbaut. Die drei großen Schlagworte, die immer wieder mit Adam Smith in Verbindung gebracht werden, lauten ökonomischer Liberalismus, Arbeitsteilung und unsichtbare Hand (siehe Kap. 3). Der Staat spielt in seinem System eine untergeordnete Rolle (siehe Kap. 3.6); nur in ausgesuchten Fällen dürfe dieser korrigierend eingreifen. Freie Unternehmungen und Handel sowie autonome Geschäftserfahrung sind für Smith ebenso Bedingung eines ökonomischen Gleichgewichts wie Freizügigkeit der Arbeit und die gerechte Verteilung von Rohstoffen auf dem europäischen Markt. Eine notwendige soziale Grenze des Eigennutzes hingegen sieht Smith in seinem moralphilosophischen Erstlingswerk Theory of Moral Sentiments (1759) in Gestalt einer kodifizierten Rechtsordnung.
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Die philosophisch-ökonomische Leitidee der Smithschen Lehre liegt in der systematisch begründeten Versöhnung zwischen individuellunternehmerischem Eifer, des Egoismus also, mit dem gesamtgesellschaftlichen Nutzen, anhand dessen sich so etwas wie eine wirtschaftsrealistische Ethik begründen lässt. Individueller und sozialer Nutzen sollen dabei nicht länger als Gegensatz, sondern als sich wechselseitig bedingende Antriebsfaktoren eines funktionierenden sozialen Systems gedacht werden.
Ziel des Smithschen Theorems ist es, das komplette politisch-wirtschaftliche System zunächst eines Staates, später mit Abstrichen auch eines Staatenbundes, in eine harmonische Ordnung zu bringen, indem der Einzelne, von der berühmten unsichtbaren Hand geleitet, notwendigerweise genau dann zum Wohle der Gesellschaft beiträgt, wenn er zum eigenen Wohle handelt.
Ein offensichtlicher Malus steckt hierbei allerdings bereits in der Begrifflichkeit. Denn zuverlässig messbar werden an sich recht schwammige Faktoren wie „Wohl“ oder „Wohlstand“ nur um den hohen Preis einer strikten Beschränkung auf finanzielle Parameter. Das unternehmerische Stopfen von Marktlücken im Smithschen System qua invisible hand etwa speist seine doppelte Positiv-Wirkung auf Individuum und Gesellschaft einzig und allein aus monetär motivierten Triebfedern, was den Realitätsbezug der Smithschen Theorie zumindest in diesem Punkt auf recht schwache Beine stellt. Auf der einen Seite steht der Unternehmer, der in seinem Handeln der erwartet großen Nachfrage wegen einer Aussicht auf entsprechend hohe Gewinne erliegt und dabei womöglich widerstrebende Neigungen oder persönliches Glücksstreben abseits monetärer Beweggründe zur Seite schiebt, auf der anderen die Gesellschaft, die sich eines komplettierten Angebots und einer entspannteren Preissituation erfreut. Um ein solches Theorem zu stützen, braucht es ein strikt materialistisch gezeichnetes Menschenbild - Smith tauft es den homo oeconomicus (siehe Kap. 2.2).
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Benjamin Baum, 2005, Zwischen Markt und Moral. Ethik und ökonomische Theorie bei Adam Smith, Munich, GRIN Publishing GmbH
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