1. Ursprünge und Entwicklung des Südwestdeutschen Städtewesens
1.1. Die Städte des Mittelalters
Fast drei Viertel aller Städte in Südwestdeutschland sind Gründungen, die zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert entstanden. Es lassen sich hierbei mehrere verschiedene Gründungstypen unterscheiden: Bei dem ältesten Gründungstyp handelt es sich um die Römer- oder alten Bischofsstädte, wozu beispielsweise Speyer und Worms zu zählen sind. 1 Bei diesen spätantiken Siedlungen lässt sich nicht nur eine ununterbrochene Siedlungskontinuität feststellen, sondern auch ein Fortbestehen zentraler Funktionen. 2
Der zweite, wesentlich bedeutendere Entwicklungstyp sind die frühen Märkte, die als eigentliche Vorläufer und Schrittmacher des südwestdeutschen Städtewesens gelten. 3 Seit der Zeit der Karolinger wurden Marktprivilegien sowohl an weltliche als auch geistliche Herrschaften verliehen. Die Marktsiedlungen entstanden aus Sicherheitsgründen fast immer in unmittelbarer Nachbarschaft des jeweiligen Herrschaftssitzes. So erwuchsen Marktgründungen bei königlichen Pfalzen, wie z.B. in Ulm, Rottweil, Pforzheim und Hall und ebenso bei Bischofssitzen wie in Marbach am Neckar oder in Ladenburg. Weitere frühe Marktorte sind Esslingen (siehe Abb.1), Herbrechtingen und Gmünd. 4 Die meisten der frühen Märkte konnten dann im Laufe des 12. Jahrhunderts ihr Stadtrecht erwerben. Der dritte Typus der südwestdeutschen Städteentwicklung setzte im frühen 12. Jahrhundert ein, mit den ersten „ planmäßigen Neugründungen aus wilder Wurzel“ (Kullen 1983, S.135). Hier leitete die Gründung Freiburgs im Breisgau (siehe Abb.2) durch die Herzöge von Zähringen den „Boom“ der mittelalterlichen Städtegründungen ein, da alle größeren Territorialherren nun diese strategische Wichtigkeit erkannten. Weitere Zähringer Gründungen sind Villingen, Offenburg, Neuenburg und Rottweil. Das besondere an diesen
1 vgl. Kullen 1983, S.134
2 ebda
3 vgl. Huttenlocher 1962, S.118
4 vgl. Kullen 1983, S.134
2
Städten ist, dass sie meisterlich in Lage, Grundriss und Struktur angelegt sind und damit eigentlich ihrer Zeit voraus. Auffällig sind hierbei ihre Größe, das geplante rechtwinklige Straßennetz mit den beiden breiten Mittelachsen die in vier Toren enden und nicht zuletzt die Kanalisation.
1.2. Die Städte der Neuzeit
Das imposante Städtewachstum des Mittelalters bricht im 15.Jahrhundert ab und es folgt eine fast 200jährige Gründungspause. Einen neuen Impuls löste nun die Einwanderung wallonischer und flämischer Religionsflüchtlinge aus, es bildeten sich beispielsweise in Schönau und Frankenthal gewerblich orientierte Exulantenstädte. 5
Des Weiteren entstand zur Zeit Ludwigs XIV. längs des Oberrheins ein Festungsgürtel, um das Gebiet vor französischen Eroberungen zu schützen. 6 Städte wie Freiburg und Philippsburg wurden stärker befestigt und links des Rheins entstanden Neuanlagen wie Hüningen und Neubreisach. 7 Als die bekanntesten und wichtigsten Siedlungsgründungen der Neuzeit in Südwestdeutschland sind die barocken fürstlichen Residenzstädte zu nennen. Angeregt durch das französische Vorbild Versailles wollte auch der deutsche Hochadel nicht auf repräsentative Schlösser und die dazugehörigen Planstädte verzichten. Die Hauptkennzeichen dieser Städte sind ihre Ausrichtung auf ein Residenzschloss, ihre Lage in ebenem Land, um die kunstvollen Grundrisse zu verwirklichen und ihre extremen Raumansprüche. 8 Bei den bedeutendsten Residenzstädten dieser Zeit handelt es sich um das 1599 angelegte Freudenstadt mit seinem rechteckigen Grundrissgefüge, das 1606 im Schachbrettmuster erbaute Mannheim und die badischen Fürstenstädte und Residenzen Karlsruhe und Rastatt, die in den ersten beiden Jahrzehnten des 18.Jahrhunderts entstanden (siehe Abb.3). 9 Karlsruhe stellt durch seine
5 vgl. Kullen 1983, S.135
6 vgl. Kullen 1983, S.137
7 ebda
8 vgl. Huttenlocher 1962, S.138
9 ebda
3
einheitlichen, von der Fürstenresidenz strahlenförmig abgehenden Achsen das imposanteste Beispiel südwestdeutscher Residenzstädte dar. Als weiterer neuzeitlicher Städtetyp kam im 18.Jahrhundert noch eine Reihe von Amts- und Marktorten hinzu. Diese stellten zentrale Punkte für Handel und Verwaltung in der Region dar und wurden deshalb mit dem Stadtrecht versehen. Beispiele hierfür sind Großsachsenheim, Mühlberg, Lörrach und Pfullingen. 10
Insgesamt entstanden in Südwestdeutschland in den drei Jahrhunderten zwischen 1500 und 1800 siebzehn neue Städte. 11
1.3. Wandlungen der Städte im Industriezeitalter
Die Industrialisierung setzte in Südwestdeutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein. In dieser Epoche entstanden neue Formen sozialen und gewerblichen Lebens. Villenviertel, Fabriken und Arbeitersiedlungen prägten immer mehr die Stadtbilder. Der wirtschaftliche Aufschwung und das ihn begleitende enorme Bevölkerungswachstum sprengten ü berall die alten Stadtgrenzen. Der technische Städtebau wurde zu einer w ichtigen Herausforderung, da die wachsende Bevölkerung mit Wasser, Energie, Straßenreinigung, Straßenbeleuchtung sowie organisatorischen Einrichtungen wie Krankenhäusern, Schulen etc. versorgt werden musste. 12 Die typischen Arbeiterkasernen finden sich in Südwestdeutschland nur in Mannheim, dafür entstanden aber vielerorts zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Genossenschaften errichtete Arbeiterkolonien. Ein Beispiel hierfür ist die ländlich anmutende Werkssiedlung „Gmindersdorf“ bei Reutlingen (siehe Abb.4), die in Anlehnung an die englische Gartenstadtbewegung entstand. 13 Der Industrialisierung verdanken auch die große Anzahl der so g enannten Dorfstädte ihr rasches Wachstum und damit ihre Erhebung zur Stadt. Die starke industrielle Entwicklung gelang insbesondere in kleinbäuerlichen Gemeinden
10 vgl. Kullen 1983, S.137
11 ebda
12 vgl. Kullen 1983, S.158
13 vgl. Kullen 1983, S.161
4
mit stark gewerblichem Einschlag, welche durch erfindungsreiche Unternehmer Spezialindustrien entwickelten. 14 So konnten sie sich schnell zu Fabrikstädten entwickeln. Eine Häufung dieser Fabrikstädte findet sich im Villinger-Schwenninger-Industriebezirk „mit seiner alten Uhrenindustrie, seiner Feinmechanik und Instrumentenfabrikation“ (Huttenlocher 1962, S.142), aber auch am Hochrhein entstanden durch den Vorteil der günstigen Energieversorgung durch Wasserkraftwerke, aber auch durch den Einsatz Schweizer Kapitals, mehrere Industriestädte. Als Beispiele lassen sich Singen und Weil am Rhein nennen.
Die zweite Gruppe der jungen Dorfstädtchen bilden die Trabantenstädte die direkt im Großstadtbereich liegen. 15 Sie konnten zu großen Wohn- und Industriegemeinden heranwachsen, da die infrastrukturelle Anbindung an die Großstadt gegeben war. Trabantenstädte finden sich hauptsächlich in den Ballungsräumen von Mannheim („Unterer Neckar“), Stuttgart („Mittlerer Neckar“) sowie um Karlsruhe.
Bei all diesen aus Dörfern hervorgegangenen Stadttypen lässt sich noch heute im Kernbereich der regellose Grundriss der dörflichen Vorform feststellen.
1.4. Stadtentwicklung der Nachkriegszeit und Gegenwart
Hauptaufgabe des Städtebaus in der Nachkriegszeit war der Wiederaufbau der zerbombten Baustruktur, insbesondere der von Mannheim, Karlsruhe und Stuttgart, welche Hauptangriffsziele der Bombardements darstellten. Mannheim und Stuttgart waren zu mehr als der Hälfte ausgelöscht, bei Karlsruhe betrug das Ausmaß der Zerstörung ca. 33%. 16 Das Ausmaß der Wohnungsnot war katastrophal, besonders durch den Zuzug der Heimatvertriebenen. Fehlende finanzielle Mittel zum Wiederaufbau und der durch die Wohnungsnot verursachte Zeitdruck führten vielerorts zur Entstehung von einfachen, zweckmäßigen Bauten, die mit ihrer Monotonie das Stadtbild beeinträchtigen. Waren jedoch die Wohnviertel des sozialen Wohnungsbaus noch
14 vgl. Huttenlocher 1962, S.142
15 ebda
16 vgl. Kullen 1983, S.163
5
Arbeit zitieren:
Kerstin Remshard, 2004, Stadtentwicklung und funktionale Zentralität in Südwestdeutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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