Inhalt
Deckblatt
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Die Familie- gestern und heute
2.1. Die Familie der Vergangenheit - Groß-, 5
neolokale Kern-, „Normalfamilie“?
2.2. Bedingungen von Multilokalität - Der 8
demografische Wandel
2.3. Zum Begriff der multilokalen 10
Mehrgenerationenfamilie
3. Bedingungen und Begrifflichkeiten
3.1. Das Problem der amtlichen Statistik 11
3.2. 13 Die Netzwerktheoretische Analyse
4. Der Familienzyklus - Anordnung, Einordnung und
Auswirkungen
4.1. Der Familienzyklus - ein veraltetes Modell? 16
5. Immaterielle und materielle Transferleistungen
in multilokalen Mehrgenerationenfamilien
5.1. Einführung 20
5.2. Immaterielle Transfers - Solidarität und Fürsorge 21
5.3. Materielle Transfers 27
6. Zusammenfassung 29
7. Verwendete Literatur 30
II
1. Einleitung
Spricht man heute von Familie, das Individuum von „sich und seiner Familie“, so kann damit eine Fülle von Gruppenstrukturen gemeint sein, die sich deutlich von der, in der Gesellschaft oft als „die Familie“ angesehene neolokale Gattenfamilie, unterscheidet. Gemeint sein kann: Die Adoptivfamilie, die Ehe ohne Trauschein, eine eheähnliche Beziehung, die Ein-Eltern-Familie, eine Großfamilie, die Kernfamilie, eine kinderlose Ehe, eine Kommune, eine Lebensabschnittspartnerschaft, eine Patchwork-Familie, eine Pflegefamilie, eine SOS-Kinderdorf-Familie, eine Stieffamilie, die Wohngemeinschaft oder eine Zwei-Kern- Familie.
Häufig findet man nicht das heterosexuelle, in erster Ehe verheiratete Paar mit durchschnittlich zwei Kindern vor, sondern stößt auf eine Vielzahl anderer Familienformen. Angesichts dieser Fülle von Bezeichnungen für verschiedene Strukturen innerhalb einer verwandtschaftlichen oder nicht-verwandtschaftlichen Gruppe und der Tatsache, dass in amt lichen
Statistiken zunehmend so genannte Singlehaushalte zu finden sind, liegt die Vermutung nahe „die Familie“ sei in einer Krise oder bereits vor ihrem Zerfall. Dass in Zeiten eines großen demografischen Wandels, zunehmender Mobilität und einer Individualisierung der Familie nicht länger am Bild der traditionellen Familie, in der Eltern und Kinder am gleichen Ort bis zur Vollendung der Ausbildung des Nachwuchses leben, in der Kinder nach dem Auszug eine eigene Familie gründen und schon statistisch dann nicht mehr als Familie gelten, festgehalten werden kann, ist eine logische Konsequenz.
Auch die Loslösung vom starren Blick auf amtliche Statistiken muss erfolgen, denn die immer steigende Zahl der Singlehaushalte kann in einer Zeit in der immer mehr Personen Arbeitsplätze an entfernteren Standorten annehmen müssen und so Wochenendbeziehungen geführt werden, in der Ausbildung nur in weit entfernten Städten möglich ist, nicht als Individualisierung und Atomisierung und Zerfall der Familie interpretiert werden. Die Aussage, nur 1,1 Prozent aller Haushalte Deutschlands seien noch Drei- Generationen-
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Haushalte 1 , suggeriert zudem eine Distanz zwischen den Generationen und eine steigende Beziehungsdistanz oder gar Beziehungslosigkeit. Der unter anderem von Bertram und Lauterbach geprägte Begriff der multilokalen Mehrgenerationenfamilie wird den vorgenannten
Phänomenen wesentlich gerechter. So versteht man unter einer multilokalen Mehrgenerationenfamilie eine Familienform, die dadurch gekennzeichnet ist, dass jede Generation für sich allein wohnt und haushaltet . 2
Multilokalität bedeutet, dass die einzelnen Familienmitglieder räumlich getrennt leben, es bedeutet jedoch nicht, dass dies mit einer abnehmenden Solidarität zwischen den Generationen verbunden sein muss. Die Entfernungen und die Art der Hilfeleistungen spielen hier eine entscheidende Rolle. Multilokalität kann heißen, dass alle Familienmitglieder in der gleichen Straße wohnen, aber auch dass einzelne Familienmitglieder in weit entfernten Städten leben. 3
Im Folgenden wird zunächst darauf eingegangen, welche Familienformen und Vorstellungen von Familie in der Vergangenheit eine Rolle spielten, woraufhin auf den demografischen Wandel und den Begriff der multilokalen Mehrgenerationenfamilie eingegangen wird. Des Weiteren werden Probleme, die sich aus amtlichen Statistiken ergeben, erläutert , die netzwerktheoretische Analyse als Möglichkeit der Abbildung von gelebten Beziehungen aufgezeigt. Daraufhin wird die Bedeutung des Familienzyklus angesprochen und hinterfragt, wie adäquat er im Hinblick auf veränderte Familienformen ist. Verschiedene Formen der immateriellen und materiellen Transferleistungen zwischen den Generationen und ihre Bedeutung innerhalb der Familienform werden vorgestellt, woraufhin ein zusammenfassender Ausblick folgt.
1 vgl. Lehr, Ursula: Der demografische Wandel - Junge und Alte in unserer Gesellschaft 2003 entnommen aus: http: www.bdp-nrw.de/aktuell/lpt/lehr.html. S. 7 2 Bertram, Hans: Die verborgenen familiären Beziehungen in Deutschland: Die multilokale Mehrgenerationenfamilie. In: Kohli, M. und Szydlik, M.: Generationen in Familie und Gesellschaft, Opladen: Leske und Budrich 2000. S. 101
3 vgl. www.single-generation.de/glossar/multilokale-mehrgenerationen-familie.htm
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Im Verlauf der Ausführungen wird stetig auf Bertram (1995 und 1999), Lauterberg und Pillemer („Sozio-ökonomisches Panel“; hauptsächlich 1991), Bien/Marbach (1988, 1991 und 1994) herangezogene Untersuchungen verwiesen, wobei die kontextuell besonderen Bedingungen nicht weiter erläutert werden.
Zur Orientierung werden hier zunächst einige Eckdaten aufgelistet. • Untersuchungen Bertrams
1995 wurde eine netzwerktheoretische Analyse mit 16 124 Personen durchgeführt. Die Befragten nannten Personen, mit denen sie enge persönliche Beziehungen unterhielten. Bei der Analyse und Interpretation wurden das Alter der Befragten, ihr Familienstand, die Form und Anzahl ihrer Beziehungen, sowie regionale Faktoren berücksichtigt. 4 1996 wurde eine Mehrthemenbefragung mit 4000 Personen durchgeführt. Die Differenz zwischen West - und Ostdeutschland fand ebenso Berücksichtigung wie regionale Aspekte. Jeder Befragte nannte im Durchschnitt sieben bis acht Personen. 5 • Untersuchungen Lauterberg/Pillemers
Lauterberg und Pillemer machten sich die Ergebnisse einer jährlich seit 1984 durchgeführten Untersuchung (mit kontinuierlichen sich wiederholenden und differenzierten, aktuellen Fragestellungen) zu nutze, dem so genannten sozio-ökonomischen Panel. Hierbei wurden bis zu 12290 Personen befragt, wobei die Wohnentfernung (hier entscheidend für die strukturellen Aspekte von Solidarität) und die sie bedingenden Faktoren ihr Hauptaugenmerk waren. 6 • Untersuchung Biens
4 vgl. Bertram, Hans: Familienwandel und Generationsbeziehungen. aus: http://www2.rz.huberlin.de /mikrosoz/inhalte/lit/Familie/Familienwandel.html 5 vgl. Bertram, H.: Die verborgenen familiären Beziehungen in Deutschland: Die multilokale Mehrgenerationenfamilie. 2000. S. 105
6 vgl. Lauterbach, Wolfgang, Pillemer, Karl: Familien in späten Lebensphasen: Zerrissene Familienbande durch räumliche Trennung? aus: Internet-Dokumenteserver der Universitätsbibliothek Konstanz Arbeitspapiere / Universität Konstanz, Sozialwissenschaftliche Fakultät, Forschungsschwerpunkt "Gesellschaft und Familie" ; Nr. 23 (Dezember 1996) S. 17
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Bien untersuchte Familienformen und Wohnentfernung zu
Familienangehörigen und Verwandten. Die Daten stammten aus den so genannten Familiensurveys von 1988, 1991 und 1994. Hierbei wurden nicht nur verschiedene Formen von Familie festgestellt, sondern auch die Wohnentfernung von Mitgliedern von Familien herausgestellt. Zudem wurde ein Ost -West - Vergleich angestellt. 7
Für andere Daten wurden die Untersuchungen von Höhn/Schulz (von 1987) 8 und Aussagen Ursula Lehrs (2003) 9 verwendet.
7 vgl. Bien, Walter (Hrsg.): Familie an der Schwelle zum neuen Jahrtausend: Wandel und Entwicklung familialer Lebensformen. Opladen: Leske und Budrich 1996. S. 34ff 8 vgl. Peukert, Rüdiger: Familienformen im sozialen Wandel. Opladen: Leske und Budrich 1991. S. 21
9 vgl. Lehr, Ursula: Der demografische Wandel - Junge und Alte in unserer Gesellschaft 2003. S. 7
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2. D Die F Fam i ilie- G Ge s stern u und h heute 2
2.1. Die Familie der Vergangenheit - Groß-, neolokale Kern-, „Normalfamilie“?
Häufig wurde davon ausgegangen in der Vergangenheit existierten große Familien, in denen bis zu drei Generationen miteinander lebten und arbeiteten. Auch eine grundsätzliche Solidarität wurde hierbei impliziert. Vor allem externe, unter anderem finanzielle und materielle Faktoren, hielten diese Familien zusammen, Ambivalenzen waren wohl eher latent zu nennen, was offenbar eine besondere Stabilität dieser Gruppe begünstigte. 10
Hettlage bemerkte j edoch „man neige sehr dazu, pauschal das Familienleben vorindustrieller Zeiten mit seiner angeblich so hohen Integrationsleistung zu idealisieren, obwohl die Großfamilie etwa nachweislich in Nordwesteuropa ab dem 16. Jahrhundert nicht mehr dominierte.“ 11 Komplexe Familienformen waren und sind trotz engem
Familienzusammenhalt auch in Südeuropa nicht verbreitet und lediglich Ost - und Südosteuropa entsprächen annähernd der häufig propagierten Drei- Generationen- Familie beziehungsweise einer Produktions- und Wohngemeinschaft . 12
Auch Lenz und Böhnisch betonten diese Irrtümer und sprachen von der Verbreitung dreier Mythen: dem Harmoniemythos, dem Größenmythos und dem Konstanzmythos.
Bei ersterem wird davon ausgegangen, „dass das Familienleben in der Vergangenheit durch Harmonie und Eintracht geprägt und Konflikte in Familien erst eine moderne (Fehl-) Entwicklung seien.“ 13 Bei dem so genannten Größenmythos handelt es sich um die schon angesprochene
10 vgl. Bertram, Hans: Die multilokale Mehrgenerationenfamilie Eine Lebensform von Familien im 21. Jahrhundert. In: Berliner Journal für Soziologie Heft 4, 2002. entnommen aus: http://www.liga-kind.de/pages/304bertram.htm
11 Hettlage, Robert: Familienreport: eine Lebensform im Umbruch. Unter Mitarbeit von Susanne Wagner. 2. aktualisierte Auflage. München: C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung 1998. S.191 12 vgl. ebd.
13 Böhnisch, Lothar, Lenz, Karl (Hrsg.): Familien: eine interdisziplinäre Einführung. Weinheim; München: Juventa Verlag 1997. S. 11
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Pauschalisierung und Idealisierung (nach Hettlage) und vom Konstanzmythos ist dann die Rede, wenn die Vorstellung, „die Familie sei als Gefühlsgemeinschaften eine Naturkostante, welche immer und überall in der Ausprägung vorhanden ist“, verbreitet ist. 14 Dass solch pauschale und stilisierte Aussagen auch über moderne(re) Familienformen nicht getroffen werden können ist selbstredend, „denn „Die Familie“ gab es nicht in der früheren Neuzeit, noch gibt es sie in der Gegenwart.“ 15 Dass die eine oder andere Familienform in einigen Epochen wohl verbreiteter war und ist, ist jedoch unbestritten. Die traditionelle Gesellschaft war überwiegend eine Bauergesellschaft. Als charakteristisch für diese bäuerliche Lebensform gilt die Sozialform des „ganzen Hauses“, wobei hier nicht nur die verwandten Haushaltsmitglieder (die diesbezügliche Zugehörigkeit spielte eine untergeordnete Rolle) einbezogen waren. Vielmehr wurden Angestellte, Mägde, Knechte, ferne Verwandte etc. hinzugezählt und in der Statistik tauchte eine Großfamilie auf, die nach heutiger Definition zwar einen Mehrpersonenhaushalt darstellen würde aber keine Familie in dem Sinne bildet. Die Aufspaltung dieser Lebensform erfolgte in der so genannten „modernen Familie“, zumindest im Bürgertum, deutlich. Die Familie wird hier zum Inbegriff des Privaten, die Trennung von Produktion und Reproduktion wird vollzogen. Die klar definierte Gemeinschaft „Familie“ wird auf die Kernfamilie begrenzt, wobei eine Grenze zur Außenwelt deutlich gezogen wird. 16 Diese neue Intimität, die frühere Mitglieder wie Dienstboten nicht mehr in dem engen Kreis der Familie zulässt, und die durch interne und personale Beziehungen zusammengehalten wird bewirkt eine Individualisierung der Familie. Burgess und Locke sprachen 1945 von der Familie als Intimgruppe, wobei jeder um seine Individualität willen geliebt wird. 17 Die Instabilität dieser Gruppe kritisierte Rene König 1946 als Desorganisation und Desintegration des
14 vgl. ebd.
15 Böhnisch, L., Lenz, K. (Hrsg.): Familien: eine interdisziplinäre Einführung. 1997. S. 12 16 vgl. ebd. S. 16
17 vgl. Bertram, H.: Die multilokale Mehrgenerationenfamilie Eine Lebensform von Familien im 21. Jahrhundert. 2002.
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Arbeit zitieren:
Stefanie Harenberg, 2005, Die multilokale Mehrgenerationenfamilie, München, GRIN Verlag GmbH
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