Inhaltsverzeichnis
1. Humor in Jandls „sommerlied“ - eine Vorbemerkung 1
2. Thematische Einordnung des Gedichtes „sommerlied“ 2
3. Anmerkungen zu Metrik und Sprache des Gedichtes 4
3.1 Zustand und Prozeß 5
3.2 Spezifizierung und Generalisierung 6
3.3 Stimmungsaufbau und Spannung 7
4. Theorien zum Humor 8
4.1 Jean Pauls Humorbegriff 8
4.2 Schmidt-Hiddings Synchronisches Wortfeld der Komik 10
5. Wie humorvoll ist Jandls „sommerlied“? - Humor in Verbindung
von Sprache und Theorie 11
5.1 Totalität und Erhabenheit als humoristische Mittel im
„sommerlied“ 11
5.2 Subjektivität, Sinnlichkeit und Emotionen 12
6. Zusammenfassung: Humor und Religion. Wie religiös ist das
„sommerlied“? 14
7. Anhang 17
8. Literaturverzeichnis 18
1. Humor in Jandls „sommerlied“ - eine Vorbemerkung
Thema dieser Arbeit wird der Nachweis humoristischer Züge in Ernst Jandls Gedicht „sommerlied“ sein. Dabei geht es zunächst in den Kapiteln 2 und 3 um inhaltliche und sprachliche Besonderheiten und Auffälligkeiten. Typisch für Jandl sind das überraschende Zusammenspiel von Überschrift und Text und die Aussagekraft weniger Verse zu komplexen Themen. Auch hier weise ich in meinem ersten Kapitel auf die scheinbare Widersprüchlichkeit von Überschrift und Text hin. Dabei geht es darum, daß Assoziationen zur Überschrift, die ohne Kenntnis des Textes gesammelt wurden, zunächst eine Erwartungshaltung des Rezipienten aufbauen, die auf den ersten Blick der eigentlichen Thematik entgegengesetzt zu sein scheinen. Warum sich dieser Gegensatz meiner Meinung nach bei näherer Betrachtung auflöst, greife ich in den folgenden Kapiteln immer wieder auf. Um das Vorhandensein und die Wirksamkeit von Humor in Jandls Gedicht nachzuweisen, erachte ich es nicht für notwendig, wortgeschichtliche Erläuterungen zum Begriff Humor anzubringen. Viele Theorien gibt es über Charakteristik und Aussage von humorvollen Texten, die in ihrer Gesamtheit anzusprechen, den Rahmen der Arbeit sprengen würde. Einer der ersten, der den Humor in der Sprache genauer von anderen Arten des Komischen abgegrenzt hat, war Jean Paul. Seine Überlegungen dazu sollen die maßgebliche theoretische Grundlage meiner Arbeit bilden.
1 Ernst Jandl: Poetische Werke. Bd. 5: Dingfest; Verstreute Gedichte 4. Hrsg. von Klaus
Siblewski. 1.Auflage. München 1997. S. 51.
1
Desweiteren gehe ich auf die Arbeiten von Schmidt-Hidding und Schütz ein, die wertvolle Informationen zum Thema boten.
Der religiöse Gehalt des Gedichtes wird von mir nicht schwerpunktmäßig thematisiert, sondern nur in einem Ausblick im letzten Kapitel angesprochen. Etwas genauer erfolgt jedoch eine Auseinandersetzung mit der Geisteshaltung des Barock, in dessen Memento mori ja auch eine eindeutig religiöse Haltung wiederzufinden ist.
2. Thematische Einordnung des Gedichtes „sommerlied“
Das Gedicht „sommerlied“ von Ernst Jandl überrascht im allgemeinen beim ersten Lesen oder Hören durch die vermeintliche Widersprüchlichkeit zwischen den mittels der Überschrift hervorgerufenen Assoziationen und dem
tatsächlichen Inhalt des Gedichtes 2 . Daß jedoch eine durchaus positive Grundstimmung zum Tragen kommt und die evozierten Assoziationen nicht unbegründet sind, möchte ich im weiteren Verlauf der Arbeit aufzeigen. Was ist nun der die anfängliche Widersprüchlichkeit hervorrufende Inhalt? Ernst Jandl beschreibt Gedankengänge zum Sterben und zum Kreislauf der Natur, die im lyrischen Ich beim Anblick von Wiesen aufkommen, welchewie wir dem Titel entnehmen können - wohl in voller sommerlicher Pracht erscheinen. Eine nähere örtliche oder zeitliche Bestimmung wird nicht vorgenommen. Es bleibt dem Leser überlassen, hier einen in der Tat von Ernst Jandl und einigen Begleitern erlebten Landausflug zu sehen oder eine
fiktive Person, die diese Gedanken beim Anblick von Sommerwiesen hat 3 .
2 Hierfür habe ich vor meinem Referat nur die Überschrift des von mir vorzustellenden
Gedichtes angegeben und im Plenum Assoziationen gesammelt. Folgendes wurde mir
genannt: fröhlich, heiter, Liebe, Unbeschwertheit, „Ein Bett im Kornfeld“, Blumen, Wiese,
Mücken, Sonne, träumerisch, „Midsummernight’s dream“, Sommer - Sonne - Strand -
Meer. Der Grundton der Assoziationen verheißt eher ein Gedicht voller Leben und
Leichtigkeit. Vermutungen, die auf ernste und schwere Themen, gar die Todesthematik,
abzielten, kamen nicht auf.
3 Vgl. Werner Ross: Grünes Sterbelied. In: Frankfurter Anthologie. Bd. 6: Gedichte und
Interpretationen. Hrsg. von Marcel Reich-Ranicki. S. 236. Ross berichtet von einem zum
2
Wichtig ist dabei allerdings die äußerst subjektive Wirkung des Gedichtes, die Involviertheit eines jeden, die Ernst Jandl durch die Benutzung des Personalpronomens „wir“ (Verse 1 und 2) erreicht. Typisch für monologische Gedichte ist es, keine Gruppe im besonderen anzusprechen, sondern sich an ein allgemeines Publikum zu wenden, hier mittels des Substantives „menschen“ in den Versen 1 und 2.
Bei der Gegenüberstellung von Leben (Überschrift und erster Vers) und Tod (2. - 4. Vers) kommen keine schmerzlichen Empfindungen auf; durch die vorbereitenden Assoziationen trägt die heitere Grundstimmung über die Ernsthaftigkeit und Spannung des Themas hinweg und gipfelt auch im vierten Vers in dem Vergleich des Todseins mit einem „heitere[n] landaufenthalt“. Die Abweichung zwischen Jetzt und Zukünftigem ruft nicht nur Wehmut, sondern Hoffnung hervor. Das lyrische Ich wird sich der Unausweichlichkeit des Naturkreislaufes bewußt und gewinnt dieser eine positive Seite ab. Wie später zu zeigen sein wird, ist dies ein Merkmal für die dem Humoristen typische Einstellung.
Aus dieser Erkenntnis und den Erfahrungen des Ich erwächst ein Mitteilungswunsch, der sich in oben genannter Anrede („wir“ und „menschen“) zeigt. Es ist denkbar, das Gedicht als Appell an das Publikum zu verstehen, innezuhalten und sich des Todes, aber auch des Lebens bewußt zu werden. Um auf die Spannung zwischen Jetzt und Zukunft hinzuweisen, teilt Jandl das Gedicht in zwei Teile. Vers 1 gibt die Gegenwart wieder, Verse 2 bis 4 die Zukunft. Daß in Gegenwärtigem schon die Zeichen der Zukunft erkennbar sind, erinnert stark an den Barock. Interessant ist hierbei die Gewichtung von Gegenwart und Zukunft. Symbolisch für die Kürze unseres Daseins im Verhältnis zum Ausmaß der Zukunft ist nur ein Vers dem Jetzt gewidmet und drei Verse dem Kommenden. In der barocken Kunst schwingt auch immer das Memento mori mit, nicht jedoch ohne das Gegenstück des
Gedicht gehörenden Datum, das ich allerdings in meiner Ausgabe nicht habe. Er schließt
daraus, daß Jandl diesen Ausflug aufs Land tatsächlich gemacht haben könnte.
3
Carpe diem 4 . Nur im Zusammenspiel dieser beiden Ideen ist die Freude am Leben zu erklären: Da wir alle vergänglich und uns dieser Tatsache bewußt sind, sollen wir, so lange es uns möglich ist, genießen, was das Leben bietet.
In diesem Zusammenhang ist Barnis 5 Aufsatz von der „barocken Seele“ Ernst Jandls zu erwähnen. Sie stellt fest, Ernst Jandl hätte gleich dem Menschen des
Barock das Elend der Menschheit in seinem Schöpfungszustand vor Augen 6 . Hier schwingt eine eher bittere Note beim Anblick des blühenden Lebens mit, die dem Humor durchaus zu eigen ist.
3. Anmerkungen zu Metrik und Sprache des Gedichtes
Alle vier Verse des Gedichtes beginnen unbetont, also mit einem Auftakt. Pro Vers lassen sich vier Hebungen aufzeigen. Es handelt sich somit um jambische Verse mittlerer Länge, welche sich für betrachtende Gedichte
eignen 7 und einen beweglichen Satzbau erlauben.
In Vers 3 zeigt sich eine weibliche Zäsur, die auch optisch durch das einzige Satzzeichen des Gedichtes, das Komma, erkennbar ist. Dadurch wird der Vers in zwei Bögen geteilt.
Zwischen den Versen 2 und 3 findet ein Kadenzwechsel statt. Verse 1 und 2 schließen unbetont, also weiblich, Verse 3 und 4 schließen betont, also
4 Vgl. auch Ross, Grünes Sterbelied, 1982, S. 237. Meiner Meinung nach sieht Ross das
Memento mori zu einseitig. Natürlich ist das „Schreckbild des Todes“, wie er sagt,
unangenehm und nicht gern gesehen, aber dennoch gab es im Barock auch die ausufernde
Lebenslust, die durch das zweite Prinzip, das Carpe diem erklärt wird. Beide Seiten des
Lebens zählen und sind zu berücksichtigen. Sich nur einseitig zu orientieren, ist eine
Unausgewogenheit. Das Ungewöhnliche ist allerdings tatsächlich, das Nennen von Sommer
und Tod im gleichen Atemzug.
5 Sara Barni: L’anima barocca di Ernst Jandl. In: Reitani, Luigi (Hrsg.): Ernst Jandl: proposte
di lettura. Udine: 1997. S. 147-152. [Quaderni della Biblioteca austriaca; 1]
6 Barni, L’anima barocca, 1997, S. 149: „Esattamente come l’uomo barocco egli ha sotto gli
occhi la miseria dell’umanità nel suo stato creaturale.”
7 Horst Joachim Frank: Wie interpretiere ich ein Gedicht?: Eine methodische Anleitung.
Tübingen 1991. S. 26. [UTB für Wissenschaft: Uni-Taschenbücher; 1639]
4
Arbeit zitieren:
Evelyn Lehmann, 2003, Ein liebes Lied - Humor in Ernst Jandls 'sommerlied', München, GRIN Verlag GmbH
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