Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1. Die Republik Niger 5
1.1. Die Kolonisierung Nigers 5
1.2. Kolonialkultur, Steuern und Zwangsarbeit 6
1.3. Der postkoloniale Niger. 7
2. Die Hauka - Götter der Songhai. 9
3. Das kollektive Gedächtnis - Gegenwart und Performanz des Vergangenen. 12
4. Geschichte, Gedächtnis und Identität. 16
5. Erinnerungsriten 18
6. Körper und soziales Gedächtnis 20
6.1. „Incorporating practice“ 20
6.2. „Embodied memories“ und die Macht der Imitation 21
6.3. Die Hauka als Erinnerungsfiguren. 22
Fazit 23
Literaturverzeichnis 24
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Niger (Quelle: www.maps-of-the-world.com, 21. 8.03) 5
Abb. 2: Die Verschmelzung von europäischem Kolonialherrn und afrikanischem Gott
(Quelle: Stoller, Buchumschlag) 10
Abb. 3: Die Beziehung von Körper und Gedächtnis nach Connerton (eigene Darstellung) 14
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Einleitung
Die hier vorliegende Arbeit stellt eine Auseinandersetzung mit dem sozialen Phänomen Erinnerung in einer kolonialen und postkolonialen Gesellschaft dar. Die Hauka dienen als Beispiel, um den Vorgang des kollektiven Erinnerns unter ethnologischen Aspekten zu untersuchen. Der analytische Schwerpunkt liegt auf dem Zusammenhang von Körper und Erinnerung.
Die Hauka sind eine der Götter-Familien der westafrikanischen Songhai. Sie kamen in den 1920ern während des Kolonialismus zu Angehörigen der Ethnie. Die Zeit, in der die Hauka erstmalig erschienen, war eine Phase, die für die Songhai einen harten aufgezwungenen soziokulturellen Wandel bedeutete. Dieser Einschnitt prägte die Erinnerung und die Identität der Betroffenen. Die Erfahrungen der Kolonialzeit gingen bei den Songhai in das sogenannte soziale Gedächtnis 1 ein. Die Hauka erscheinen, indem sie von Medien Besitz ergreifen. Während sie sich im Körper der Medien befinden, imitieren sie die ehemaligen Kolonialherren. Dementsprechend sind die einzelnen Hauka Europäer und meist militärische Personen wie Generäle. In den Besessenheitsritualen und -situationen leben die Erinnerungen an die Vergangenheit in körperlicher Form ( embodied memories) wieder auf und werden in gegenwärtige Zusammenhänge gebracht. Die Auswirkungen und Ästhetik ihrer Handlungen, so der Anthropologe Stoller, gehen soweit, dass sie sogar das politische Geschehen unter dem Regierungschef Kountché im postkolonialen Niger beeinflussten (Stoller 1995).
Halbwachs betonte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dass Erinnerung kein ausschließlich individueller Prozess ist, sondern untrennbar von dem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext geschieht und benutzte den Begriff „soziales Gedächtnis“ (Halbwachs 1985). Erinnern ist zudem ein elementarer Vorgang der Identitätsbildung. Gemeinsame Erfahrungen, die aus ihnen resultierenden Erinnerungen sowie eine als kollektiv empfundene (oder aufgrund von Machtverhältnissen propagierte) Geschichte bilden Grundlagen für die gegenwärtige Selbstbestimmung von Individuen und Gruppen. Um das Gedenken aufrecht zu erhalten, werden unter anderem Erinnerungsriten (commemorative ceremonies) durchgeführt (Connerton 1998). Die Erinnerungselemente wie die Riten, aber auch Symbole (beispielsweise Denkmäler) sind einer Gruppe zugänglich. Somit übernehmen diese Elemente eine wichtige Rolle im Prozess der gemeinsamen Erinnerung. In ihrer Eigenschaft als manifestiertes soziales Gedächtnis rufen sie aber oft auch Widersprüche und Differenzen hervor, denn Erinnerung ist
1 In der verwendeten Literatur werden die beiden Begriffe kollektives Gedächtnis (collective memory) und soziales Gedächtnis (social memory) verwendet. Sie stehen für das gleiche Phänomen, daher benutze ich auch die Termini in der Arbeit synonym.
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selektiv. Der Vorgang ist spannungsgeladen, unterliegt moralischen Maßstäben und politischgesellschaftlichen Einflüssen. Das gilt sowohl für die Konsequenzen der kollektiven als auch der individuellen Erinnerung.
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1. Die Republik Niger
Die Republik Niger (République du Niger) ist ein vollständig vom Festland umschlossener Staat im Westen Afrikas. Sie grenzt im Norden an Algerien und Libyen, im Osten an den Tschad, im Süden an Nigeria und Benin und im Westen an Burkina Faso und Mali. Die Landesfläche beträgt 1 267 000 Quadratkilometer, Hauptstadt des Landes ist Niamey. Der nördliche Landesteil nimmt mehr als die Hälfte der Gesamtfläche der Republik ein und liegt in der Sahara. Es handelt sich um eine Region aus Hochplateaus und Bergen mit nur spärlicher Vegetation, außer in vereinzelten Oasen. Das Klima ist von Dürreperioden geprägt.
Abb. 1: Niger (Quelle: www.maps-of-the-world.com)
allerdings leben ungefähr 90 Prozent der Bevölkerung in der Nähe der südlichen Landesgrenze. 21 Prozent der Bevölkerung wohnen heute in Städten.
1.1. Die Kolonisierung Nigers
Im Mittelalter war die Region des heutigen Nigers die wichtigste Karawanenstraße von Nordafrika zu den Haussa-Staaten und den Reichen der Mali und Songhai. Zudem war das Gebiet ein bedeutendes Zentrum des Salzhandels. Daher drangen schon früh islamische Missionare in die Gegend vor. Heute sind ungefähr 80 Prozent der Bevölkerung Nigers Muslime.
Die ersten Kontakte von Afrikanern und Europäern fanden im Zuge des (Sklaven-) Handels und zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert statt (Ki-Zerbo 1993: 241). In der Zeit vom 16. - 19. Jahrhundert kam auf Westafrika durch die europäische Einflussnahme der Prozess einer schmerzhaften Neuordnung zu. Dadurch machten die Küstenstaaten Westafrikas eine beachtliche, wenn auch instabile Entwicklung durch. Zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert bildeten sich dennoch diverse afrikanische Königreiche, wie beispielsweise 1680 das der Aschanti (Ki-Zerbo 1993: 241). Im Gegensatz zu den großen Reichen des Mittelalters weisen diese jedoch eine begrenztere ethnische Basis auf.
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Die späteren Kolonialmächte standen im Gebiet des heutigen Nigers in starker Konkurrenz zueinander. Zwischen 1880 und 1884 kam es zum französisch-britischen Handelskampf am unteren Teil des Flusses Niger. Nach der Aufteilung Afrikas durch die Berliner Konferenz wird Niger ab 1890 französische Kolonie. Die Völker des Niger gehörten zu den letzten, die ihre Souveränität an die Europäer abgeben mussten. Immer wieder stießen die Franzosen (und auch die anderen Kolonialmächte) auf erbitterten Widerstand seitens der Afrikaner. Die Gegenwehr entstand sowohl aus machtpolitischem Kalkül heraus, denn den Afrikanern waren die Absichten der Europäer mit Einhergang des Verlustes an einheimischer Souveränität durchaus bewusst, als auch durch religiöse Absichten. Die Muslime Westafrikas sahen die Europäer als Ungläubige und Barbaren an, die es zu bekämpfen und zu vertreiben galt.
1.2. Kolonialkultur, Steuern und Zwangsarbeit
Der französische Verwaltungsapparat nutzte im Niger Steuern und Zwangsarbeit als Mittel der Disziplinierung und des Regierens. Chiefs wurden instrumentalisiert beziehungsweise neue „traditionelle“ Rollen von den Franzosen zugeschrieben. 2 Durch die Möglichkeit, sich selbst durch Kooperation zu bereichern und Macht zu erhalten, übernahm ein kleiner Teil der Nigerer nicht unwillig diese Posten. In den ersten Jahren der militärischen Verwaltung wurden die Steuern in Form von Nahrung und anderen Bedarfsmitteln der Verwaltung erhoben. Die späteren französischen und nigerischen Mitglieder der Zivilverwaltung zahlten für die Abgaben, der Preis war jedoch weit unter dem des Marktes (Stoller 1995: 101). Die Steuern weiteten sich in den Jahren der Besatzung schnell aus. Es wurden nicht mehr nur einzelne Posten durch sie finanziert, sondern die kolonialen Unterhaltungskosten ganzer Gebiete. Die Steuern konnten in Form von Zwangsarbeit abgeleistet werden. Es gab zwei Arten von Zwangsbeschäftigung (de Sardan nach Stoller 1995: 102): Erstens die Zwangsarbeit, bei der die Kolonialverwaltung den Arbeitern einen Lohn zahlte. Die Arbeitsperiode konnte zwei oder drei Monate dauern. Zweitens gab es die Zwangsrekrutierung. In erster Linie wurden Bewohner ländlicher Gebiete von den Franzosen eingezogen, um im 1. und 2. Weltkrieg auf ihrer Seite zu kämpfen (Ousmane Fodji, ein späterer Hauka-Hohepriester an der Goldküste, wurde gezwungen, im 1. Weltkrieg zu kämpfen). Die staatlich geforderten Abgaben brachten die Monetarisierung rualer Gebiete des Nigers mit sich. Eine Folge davon war, dass aus den kolonialen Praktiken unter den Bewohnern Nigers eine große Immigrationswelle einsetzte. Während der französischen Besatzung immigrierten Tausende, vor allem junge Männer, in Richtung der britischen Zonen (Goldküste). Zwangsarbeit und -rekrution wurde so zu umgehen versucht, aber es hieß oft auch, dass sich unter den Briten schneller das Geld für die Steuern erarbeiten lasse. Die Franzosen
2 Vergleiche hierzu Hobsbawm, Ranger, 1993: The Invention of Tradition und Ranger, Vaughan, 1993: Legitimacy and the State in 20th Century Afrika.
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Arbeit zitieren:
Julia Dombrowski, 2000, Die Hauka - Erinnerung als sozialer Prozess, München, GRIN Verlag GmbH
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