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1. Einleitung
Der deutsche Wohlfahrtsstaat steht heute in seiner bislang größten Krise. Die mangelnde Fi- nanzierbarkeit des Sozialstaates bedroht vor allem eines – die sozialen Leistungen.
Mit Problemen wie steigende Arbeitslosigkeit und Armut haben sich viele der zentralen Vo r- raussetzungen für die Sozialpolitik geändert. Auf die soziale Arbeit kommt daher ein stei- gender Legitimationsdruck zu. Zum einen muss sie möglichst schnell zeigen, dass sie auf die mehr oder weniger neuen Problemlagen mit gültigen Handlungskonzepten antworten und adäquate Lösungswege aufzeigen kann. Zum anderen muss sie vor allem auf Grund der knap- pen öffentlichen Kassen beweisen, dass sie effizient und effektiv arbeitet.
Die Krise des Wohlfahrtsstaates hat das Interesse an den salutogenen Kräften der sozialen Netzwerke und auch der institutionellen Vernetzung in diesem Zusammenhang noch gestei- gert.
In der heutigen gesellschaftlichen Realität ist es für viele Menschen einfach unmöglich, sich selber ein stabiles soziales Netzwerk aufzubauen, was zu einer vermehrten Isolation und Ano- nymität führt. Die soziale Netzwerkarbeit soll hier als Möglichkeit dienen, die Versorgungs- lücken zu schließen, die die primären, aber auch die sekundären Netzwerke zunehmend hin- terlassen. Ihre Aufgabe ist es, den Menschen zu helfen, ihre sozialen Probleme zu lösen. Da- bei liegt der Schwerpunkt auf der „Hilfe zur Selbsthilfe“.
Diese Arbeit beschäftigt sich zunächst mit der Definition sozialer Netzwerke und geht dann kurz auf die Bedeutung sozialer Netzwerke für die Gesellschaft und für die Soziale Arbeit ein. Des Weiteren behandelt sie das in diesem Kontext wichtige Konzept der Sozialen Unterstüt- zung. Die Netzwerkinterventionen und die Konzepte der sozialen Netzwerkarbeit werden im Folgenden dann definiert. Danach werden kurz einige wichtige Techniken der sozialen Netz- werkarbeit skizziert. Den Abschluss bildet ein Ausblick für die Soziale Arbeit.
Ich werde in dieser Arbeit nicht auf die Deprofessionalisierungsdebatte eingehen, die auch viel mit der sozialen Netzwerkarbeit zusammenhängt, weil dies den Rahmen sprengen würde.
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2. Das soziale Netzwerk – Eine Definition
Ein soziales Netzwerk bezeichnet die Einbindung des Individuums in die ihn umgebende so- ziale Umwelt. Familie, Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen, Betriebe und Behörden kenn- zeichnen eine räumliche, eine funktionale und vor allem eine soziale Verbindung zwischen den Menschen. In ihrer Gesamtheit bilden diese sozialen Verbindungen ein komplexes Gerüst einer Menge miteinander verknüpfter Menschen, Organisationen und auch Orten – ein Netz eben.
Es existiert ein individuelles Netzwerk, also die subjektive Verbindung zu Familie, Freunden, Arbeitskollegen oder Organisationen.
Außerdem gibt es das organisierte Netzwerk, also die Verbindungen von Organisationen, In- stitutionen oder Initiativen zu anderen Einrichtungen, Behörden, Zeitungen oder etwa zur Po- litik. Diese Verbindungen charakterisieren das jeweilige individuelle Netzwerk der Institution, was wiederum Einfluss auf die Handlungsmöglichkeiten der Institution nimmt. 1
Die Darstellung eines Netzwerkes innerhalb der sozialen Arbeit ermöglicht es, komplexe so- ziale Strukturen aufzuzeigen und Vergesellschaftungsprozesse und –formen zu beschreiben und zu untersuchen.
1 Laireiter, Anton; Soziales Netzwerk und soziale Unterstützung: Konzepte, Methoden, Befunde; Verlag Hans
Huber; Bern; 1993; S.16-20
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2.1 Die historische Entwicklung der sozialen Netzwerkforschung
Die Ursprünge der sozialen Netzwerkforschung finden sich schon in der formalen Soziologie Georg Simmels. In seinem Werk „Soziologie: Untersuchungen über die Formen der Verge- sellschaftung“ von 1908 beschäftigte er sich mit der „Kreuzung sozialer Kreise“. 2 Hier analy- sierte er unter anderem, dass „[…] die Zahl der verschiedenen Kreise […], in denen der Ein- zelne steht, […] einer der Gradmesser der Kultur [ist].“ 3 Schon vorher benutzte Simmel in einem seiner Aufsätze den Begriff Netzwerk. Er unterstellte, dass „[…] jedes soziale Element in das Sein und Tun jedes anderen verflicht [ist] und so das äußere Netzwerk [einer Gesell-
schaft] zustande bringt.“ 4 Den Begriff des „Netzwerks sozialer Beziehungen“ verwendete der Anthropologe Alfred R. Radcliffe- Brown 1940 das erste Mal. 5 Radcliffe-Brown war ein Vertreter des Strukturfunktio- nalismus. Er konzentrierte sich auf „[…] aktuell existierende Beziehungen […], die verschie- dene Menschen miteinander verbinden, [als] Netzwerk sozialer Beziehungen.“ 6 Erst 1954 schließlich prägte John A. Barnes den Begriff des „sozialen Netzwerks“ im Zu- sammenhang mit einer Studie über eine Gemeinde auf der norwegischen Insel Brennes. 7 Er stellte fest, „[…] dass sich das soziale Leben […] als Muster von interaktiven Beziehungen darstellen ließ […]“. 8 Es diente „[…] der gegenseitigen Unterstützung [und] Unterhaltung […]“. 9 Anhand eines Fischernetzes symbolisierte er die verschiedenen Beziehungen, in die Menschen eingebunden sind. 10
Inzwischen scheint die Netzwerkforschung ihren Platz in den Wissenschaften gefunden zu haben. Zumindest beschäftigen sich seit Jahren Wissenschaften wie die Kommunikationswis- senschaft, die Anthropologie, die Soziologie, die Psychologie und die Sozialpädagogik mit
2 Bullinger, Hermann; Nowak, Jürgen; Soziale Netzwerkarbeit: eine Einführung für soziale Berufe; Lambertus- Verlag; Freiburg im Breisgau; 1998, S.27 3 Bullinger, Hermann; Nowak, Jürgen; Soziale Netzwerkarbeit: eine Einführung für soziale Berufe; Lambertus- Verlag; Freiburg im Breisgau; 1998, S.27 4 Bullinger, Hermann; Nowak, Jürgen; Soziale Netzwerkarbeit: eine Einführung für soziale Berufe; Lambertus- Verlag; Freiburg im Breisgau; 1998, S.26 5 Bullinger, Hermann; Nowak, Jürgen; Soziale Netzwerkarbeit: eine Einführung für soziale Berufe; Lambertus- Verlag; Freiburg im Breisgau; 1998; S.65 6 Laireiter, Anton; Soziales Netzwerk und soziale Unterstützung: Konzepte, Methoden, Befunde; Verlag Hans Huber; Bern; 1993, S.46 7 Bullinger, Hermann; Nowak, Jürgen; Soziale Netzwerkarbeit: eine Einführung für soziale Berufe; Lambertus- Verlag; Freiburg im Breisgau; 1998; S.65 8 Röhrle, Bernd; Soziale Netzwerke und soziale Unterstützung; Psychologie Verlags Union; Weinheim; 1994; S.10 9 Röhrle, Bernd; Soziale Netzwerke und soziale Unterstützung; Psychologie Verlags Union; Weinheim; 1994; S.10 10 Keupp, Heiner; Röhrle, Bernd; Soziale Netzwerke; Campus Verlag, Frankfurt am Main; 1987, S.12
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der Netzwerkforschung. 11 Das leicht verstehbare Bild der sozialen Netzwerke eignet sich ein- fach gut als Übersicht komplexer Zusammenhänge und als Darstellungsmöglichkeit alltägli- cher sozialer Beziehungen.
2.2 Unterscheidungsmöglichkeiten im Netzwerkmodell
Innerhalb der wissenschaftlichen Netzwerkforschung gibt es viele verschiedene Differenzie- rungsmöglichkeiten, um die Art der sozialen Kontakte zu definieren und in ihrer Bedeutung aufzuzeigen.
Die moderne Netzwerkforschung konzentriert sich überwiegend auf das partiale Netzwerk. Das partiale Netzwerk stellt eine Extraktion aus dem totalen Netzwerk dar, gebunden an be- stimmte Kriterien.
Innerhalb der Analyse partialer Netzwerke ist die Erhebung egozentrierter Netzwerke die hä u- figste Form, das heißt, es geht vorrangig um das soziale Netzwerk einer einzigen Person. Es gibt verschiedene Typen egozentrierter Netzwerke, das primäre, das sekundäre und das tertiä- re soziale Netzwerk, die im Folgenden erläutert werden sollen. 12
2.2.1 Primäre Netzwerke
Primäre Netzwerke werden auch als mikrosoziale Netzwerke bezeichnet, da sie mikrosoziale Lebensbereiche betreffen. Das heißt also, der Begriff bezieht sich auf die Familie, Verwandte, Freunde, Nachbarn oder Arbeitskollegen als soziales Netzwerk.
Ein primäres Netzwerk ist ein „lokal-gemeinschaftliches Netzwerk“ 13 . Die Individuen werden entweder hineingeboren oder wählen die Mitglieder ihres primären Netzwerkes selber. Die Mikrowelt gliedert sich hinsichtlich des sozialen Netzwerkes in vier Bereiche:
11 Laireiter, Anton; Soziales Netzwerk und soziale Unterstützung: Konzepte, Methoden, Befunde; Verlag Hans
Huber; Bern; 1993, S.47
12 Laireiter, Anton; Soziales Netzwerk und soziale Unterstützung: Konzepte, Methoden, Befunde; Verlag Hans
Huber; Bern; 1993, S.17
13 Bullinger, Hermann; Nowak, Jürgen; Soziale Netzwerkarbeit: eine Einführung für soziale Berufe; Lambertus- Verlag; Freiburg im Breisgau; 1998; S.70
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1. Familiäres Netzwerk: Das familiäre Netzwerk bezieht sich im Grunde auf die Kernfa-
milie, also Eltern und/oder Kinder und/oder die jeweiligen Geschwister. Es ist damit meistens das kleinste und auch dichteste Netzwerk sozialer Beziehungen.
2. Verwandtschaftliches Netzwerk: Zum verwandtschaftlichen Netzwerk zählt man die
Großeltern bzw. die Enkel, Tanten, Onkel, Cousinen und Verwandte dritten und vie r- ten Grades.
3. Nachbarschaftliches Netzwerk: Das nachbarschaftliche Netzwerk bezieht sich auf die
Kontakte und sozialen Beziehungen zu anderen Menschen im näheren Wohnumfeld.
4. Freundschaftliches Netzwerk: Zu dem freundschaftlichen Netzwerk zählen alle selbst
gewählten sozialen Beziehungen, die auf Grund nachbarschaftlicher, schulischer, be- ruflicher oder sonstiger sozialer Kontakte im Leben einer Person entstanden und für diese Person von Bedeutung sind.
2.2.2 Sekundäre Netzwerke
Sekundäre Netzwerke, auch makrosoziale Netzwerke genannt, gelten als „global- gesellschaftliche“ 14 Netzwerke, in die Individuen hineinsozialisiert werden und die das All- tagsleben der Menschen entscheidend prägen. Bei sekundären Netzwerken handelt es sich überwiegend um Organisationen und Bürokratien, denn zu der hier betroffenen Makrowelt zählen alle privat marktwirtschaftlichen und alle öffentlich organisierten Netzwerke.
Unter marktwirtschaftlich institutionellen Netzwerken versteht man in diesem Zusammen- hang Firmen oder Betriebe der Industrie oder der Dienstleistung, die auf dem Markt agieren und dem Prinzip von Angebot und Nachfrage unterliegen.
Unter öffentliche institutionelle Netzwerke fasst man alle politischen, infrastrukturellen und sozialstaatlichen Dienstleistungen, die über Steuern getragen und den Bürgerinnen und Bür- gern angeboten werden.
14 Bullinger, Hermann; Nowak, Jürgen; Soziale Netzwerkarbeit: eine Einführung für soziale Berufe; Lambertus-
Verlag; Freiburg im Breisgau; 1998; S.82
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Kristina Niemann, 2005, Soziale Netzwerkarbeit, Munich, GRIN Publishing GmbH
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