Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 1
2. Methodologie der Textauslegung 1
2.1 Interpretation. 1
2.2 Analyse. 2
2.3 Lektüre. 3
3. Übertragung auf die Lyrikanalyse 4
4. Gedichtsinterpretation von Charles Baudelaire, A une passante (aus : Les fleurs du mal) 6
5. Bibliographie 11
In dem Aufsatz Interpretation, Analyse, Lektüre: Methodologische Erwägungen zum Umgang mit lyrischen Texten stellt Rainer Warning aus historischer, methodologischer und kritischer Perspektive drei verschiedene Möglichkeiten der Aneignung von poetischen Texten dar. Vorraussetzung für jede nachvollziehbare und diskutierbare Auslegung von Literatur ist die Offenlegung der systematisch und methodisch kontrollierten Reflexion, die zu der begründeten Argumentation der Textauslegung geführt hat. Im folgenden sollen die drei dargestellten Verfahrensweisen bei der Textaneignung „Interpretation“, „Analyse“ und „Lektüre“ nachgezeichnet und auf ihre Bedeutung in einigen Aspekten weiter eingegangen werden. Daran soll deren Übertragung auf die Lyrikanalyse, sowie eine Beispielsinterpretation von Charles Baudelaire A une passante anschließen.
Im 19. Jahrhundert wird die Kunst der Interpretation oder Hermeneutik (lat. interpretari gr. ˜rmhnšue‹n ‘erklären’, ‘auslegen’) von W. Dilthey als methodologische Grundlegung der Geisteswissenschaften verstanden und ausgebaut. Die hermeneutische („verstehende“) Methode will, im Gegensatz zur erklärenden Naturwissenschaft, Bedeutung und Sinn von Äußerungen und Werken des menschlichen Geistes aus sich und in ihrem Zusammenhang verstehen. Dabei bedient sie sich der Methode des hermeneutischen Zirkels, bei dem das Vorverständnis des Interpreten mit den Merkmalen des Textes zusammengeschlossen wird, bis sich der zirkelhafte, reziproke Prozess des Verstehens zu einem Textverständnis schließt. Dieses zielgerichtete Vorgehen erwächst wesentlich aus der Germanistik des 19. Jahrhunderts
Resümee von Warnings Modell der Lyrikanalyse und Beispiel
komplementär zu dem Bildungsbegriff der Weimarer Klassik. 1 Auch die Weiterbildung der Theorie durch M. Heidegger und H.-G. Gadamer ist eine spezifisch deutsche Bildung. 2 Dass „Verstehen“ nicht allein eine objektive Methode einer Wissenschaft, sondern der Geisteswissenschaft vorgeordnet ist, entwickelt Gadamer in der philosophischen Hermeneutik (1960). Verstehen wird als Weise des menschlichen Existierens selbst begriffen. Der Verstehende trägt sein Vorverständnis, das er zwangsläufig hat, bewusst in die Interpretation hinein und appliziert den Text in einem Akt der „Horizontverschmelzung“. Diese Art der Hermeneutik, der keine objektive Methode zu Grunde liegt und die somit eine unendliche Menge neuer Applikationen erlaubt, bedarf der Kontrolle des Vorwissens um mögliche Missverständnisse auszublenden. Nach Gadamers Vorstellung erfüllt das Klassische diese Funktion, aufgrund seiner „‘unmittelbaren Sagkraft’“ 3 . So versteht Gadamer den Prozess des hermeneutischen Verstehens als Austausch des Lebenshorizonts des Textes mit dem des Rezipienten durch das Eindringen in das Überlieferungsgeschehen, zu deren Erfahrung man keine Methode benötigt.
2.2 Analyse
Der französische Strukturalismus und der russische Formalismus setzen mit der „strukturalen Analyse“ 4 ein Pendant zu der methodenlosen Hermeneutik. Im Mittelpunkt der Analyse steht der Text an sich, als semiotisches Produkt sprachlicher Zeichen. Die Untersuchungsmethoden stammen aus der Textlinguistik und strukturieren den Text nach objektiv-nachvollziehbaren, metasprachlichen Kriterien. Dadurch kann der Text zum Gegenstand einer argumentativen
1 Die neu entdeckte Autonomie der Kunst ist ohne die Autonomie des Menschen nicht zu denken. Ästhetik,
Anthropologie und Lebenskunst greifen bei dem humanistisch allumfassenden Bildungsbegriff ineinander. Die
erzieherische Rolle des Ästhetischen soll über die Literatur das rein Menschliche freisetzen und zur Humanität
aller führen.
2 Vgl. Rainer Warning: Interpretation, Analyse, Lektüre, Freiburg i. Br. 1997, S. 9-10.
3 Ebd., S. 11. Gadamer knüpft an Hegels Definition des Klassischen an, der dem Klassischen das besondere
Merkmal der Unmittelbarkeit zuschreibt. Er postuliert das Klassische zu einem Prinzip, das die Geschichte in
seiner Diachronie verbindet und zu jeder Zeit allgemeine Gültigkeit hat, weil es zeitlos ist.
4 Rainer Warning: Interpretation, Analyse, Lektüre, Freiburg i. Br. 1997, S. 11-12.
Arbeit zitieren:
Anita Glunz, 2003, Resümee der zentralen Thesen von Rainer Warnings Aufsatz: 'Interpretation, Analyse, Lektüre – Methodologische Erwägung zum Umgang mit lyrischen Texten', München, GRIN Verlag GmbH
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