Wie wurde aus der „Frohbotschaft“ eine „Drohbotschaft“?
Die Jesuanische Lehre wurde im wesentlichen durch zweierlei verfälscht, durch die alttestamentarische und die antike Opfertheologie sowie durch die Reinheitsideologie. Diese Verfälschung liegt noch immer wesentlich dem katholischen Weltbild bzw. der katholischen Theologie zugrunde. Die Jesuanische Lehre wird philosophisch als „Liebeskommunismus“ bezeichnet. Es handelt sich jedoch nicht um eine echte Philosophie, d. h. Jesus konstruierte keine Gedankengebäude, sondern vermittelte seine Lehre durch Sprachbilder (Gleichnisse), Predigten, entsprechendes Handeln und konsequente Lebenshaltung bis in den Tod. Jesus ging, so kann man sagen, von einem Basisgedanken aus: Die Jesuanische Lehre gründet auf der alles umfassende Wahrheit: Gott ist Liebe.
Liebe erzeugt Leben, ist Leben in jeglicher Hinsicht. Liebe ist die Kraft des Lebens, die göttliche Eigenschaft an sich. Jesus wollte keine zu ewigen Schuldgefühlen verdammten, gebückten Menschen, sondern gerade davon wollte er befreien. Er machte klar, dass der Mensch fähig sein kann zu einer Liebe, die ihn „heilig“ 1 macht, wenn er, in Rückbindung an Gott, die Geborgenheit, die Sicherheit findet, die ihn frei macht von der Angst, die unser Leben in Abhängigkeit von den Naturgewalten und anderen Menschen, ja, letztendlich durch unsere Todesgewißheit, bestimmt. In diesem Sinne ist Jesus gekommen, das Gesetz (Mosaische Gesetz) zu erfüllen. Was kann das bedeuten? Gesetze sind in sich eine Frucht des notwendigen Mißtrauens. Sie sind wichtige Regeln für die menschliche Gemeinschaft, da zu befürchten ist, dass Menschen sich gegenseitig übervorteilen und Angst vor Gewalt herrscht. Je mehr in Angst einer Gesellschaft geschürt wird, um so strenger müssen Gesetze sein. Würde der Geist der Liebe das Zusammenleben durchwirken, wären Gesetze, die vor Schaden bewahren müssen, überflüssig.
Liebe vereinbart sich nicht mit engen Strukturen und Kleingläubigkeit, mit dem Gehorsam, der Gesetzen und Hierarchien ängstlich dient, denn Liebe überwindet alle Angst. Nicht Hierarchie, oben und unten, sondern „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ herrschen in solch einem Zusammenleben. In diesem Sinne meinte Jesus einen „Liebeskommunismus“. Er dachte an keine neue Kirche, keine Abgrenzungen und Ausgrenzungen von Menschen anderer Rassen und Religionen. Er wollte das Zusammenleben aller Menschen dieser Erde. Deshalb sollten seine Jünger es aller Welt verkünden, dass der Weg zum wahren inneren Leben und damit zu Gott, die Liebe ist, die Liebe in jeglicher Form. Es sollte klar werden, was wichtig ist und was unwichtig ist. Wichtig ist, dass die Liebe unsere tiefste Verbindung, unser Einswerden mit Gott ist. Nochmal: Seine Lehre will nichts anderes, als, dass Menschen leben, von innen heraus in die Welt hinein leuchtend durch ein von Liebe durchdrungenes Wesen. Eine solche Welt wäre das ‘Reich Gottes’, was er mit „Himmel“ bezeichnet, im Gegensatz zur „Hölle“, die ein Leben in der Abwesenheit Gottes bedeutet.Wir sehen, es kommt hier auf keinerlei Kult, keine Liturgie, keine bestimmte Form der Anbetung Gottes und schon gar nicht auf philosophische Konstruktionen an.
1 Heiligkeit im Sinne von qadhäsch = hell, neu, rein sein. Das hebräische Verb ist mit dem griechischen haglios verwandt, das heilig, geheiligt, heilig gemacht und abgesondert bedeutet.
Religiös sein heißt, dem Heiligen verpflichtet sein. Heiligkeit und Reinheit sind zwei sehr wichtige Schlüsselbegriffe 2 , wenn man an die Wurzeln des Zölibats und zum zentralen Verständnis des katholischen Glaubens gelangen will. Mit dem Phänomen des Heiligen verbinden die Menschen gleichzeitig Ängste und Hoffnungen. Der Begriff ‘Reinheit` entspricht einem tiefen menschlichen Verlangen nach Ganzheit, Wahrheit, Gutheit, Echtheit, das wiederum den Vorstellungen vom Heiligen entspricht. So gibt es im eigentlichen eine mentale und affektive Verbindung zwischen diesen Begriffen. Auch das Bedürfnis, heil zu sein, frei von Schuld und körperlichen Gebrechen, sauber und schön dem Vollkommenen gegenüberzutreten, seiner würdig zu sein, schwingt da mit. Dieses allzu menschliche Verlangen ist der Hintergrund für archaische Reinheitsgebote in den Religionen. Im Alten Testament nehmen die Reinheitsvorschriften in den mosaischen Gesetzen einen zentralen Platz ein, weil die Priester als Mittler zwischen Gott und den Menschen gesehen wurden. Da die Reinheitsgebote des mosaischen Gesetzes sich auch auf die Sexualität bezogen - weil nach jüdischem Glauben alle Körperabsonderungen unrein machten (3. Mo. 15: 16-18) - war einem Leviten (Priester) der Geschlechtsverkehr an Tagen und in Nächten bevor er priesterliche Dienste zu tun hatte nicht erlaubt, da er trotz rituell vorgegebener Waschungen noch bis zum folgenden Abend unrein blieb (Lev 15,18). Drei der häufigsten Ursachen, durch die Menschen verunreinigt wurden, werden in Mose 5:2 aufgezählt: 1. Aussatz, 2. Ausfluss und 3. die Berührung einer verstorbenen Seele. Auch der Genuss von bestimmten Speisen machte unrein. Zu biblischen Zeiten galten die Reinheitsgebote für das ganze Volk Israel. Nur wer rein war im Sinne des Mosaischen Gesetzes, der durfte in die Nähe des allerheiligsten Gottes kommen. Ein Jude riskierte andernfalls sein Leben.(3. Mo. 15:31) Diese Reinheitsgebote gelten heute noch für Juden und Moslems.
2 Es gibt mehrere hebräische und griechische Wörter, die sowohl das, was rein und sauber ist, als auch den Akt des makellosen, fleckenlosen Zustandes, das Freiwerden von allem, was beschmutzt, verfälscht und verdirbt, aussagen. Diese Wörter umschreiben manchmal die physische Reinheit, häufiger aber die sittliche und geistige. Oft überschneiden sich physische und rituelle Reinheit. Das hebräische Verb „tahér“ (rein sein, reinigen) bezieht sich gewöhnlich auf rituelle oder sittliche Reinheit. Ein hebräisches Synonym von „taher“ ist „barar“, und dieses Wort mit seinen verschiedenen Formen bedeutet „ausscheiden“, „auslesen“, „sich reinhalten“, „sich als rein erzeigen“, „säubern“. Wir finden die entsprechenden Begriffe in Hes. 20:38; Prediger 3:18; Ps 18:26; Jr. 4:11. Das griechische Wort „katharos“, das „rein“ bedeutet, wird im physischen, sittlichen und religiösen Sinn angewandt (s. Mt 5:26; 5:8; Tit. 1:15). „Unreinheit“ ist die Wiedergabe des hebräischen Wortes „tamé“ und des griechischen „akatharsia“ (s. 3. Mos.5:2; Mt.5:27; Gal.5:19)
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diese Grenzen zu überschreiten. Diese Grundposition des menschlichen Lebens ist zugleich auch der Antrieb zur Vervollkommnung, und zwar zur Erkenntnis dessen, was dem Leben dient und dessen, was dem Leben abträglich ist. Außerdem ist diese Polarität, die die ganze Schöpfung durchwirkt, der Urgrund menschlicher Freiheit, ohne die die Entwicklung des Seins nicht möglich wäre.
In der natürlichen Angst liegt eine doppelte Funktion, die Lebenserhaltung und die Fortentwicklung. Das heißt., die Angst erhält unser Leben, weil sie zur Vorsicht oder zur Flucht antreibt; die Angst ist gleichzeitig der Motor der Fortentwicklung, denn das Bedürfnis und der Wille, sie zu überwinden, machen erfinderisch. So ist sie der Grund für die Entstehung der Kultur. In der Angst liegt gleichzeitig das Bewusstsein einer Einheit des Ganzen, damit bietet sie den Urgrund der Ethik.
Im Gebet schreit die Seele ihre Angst in das Unbekannte hinein und erwartet ein Echo. Das Gebet ist also eine Kampfhaltung einerseits und andererseits ein Ventil.
Zur Ich-Erkenntnis des Menschen gehört das ‘Du`. Das heißt, der Mensch kann sich nicht als ‘Ich` definieren, ohne ein Gegenüber, ein ‘Du’ zu erkennen.
Um die Lebensangst zu ertragen, braucht der Mensch die Hoffnung auf Veränderung seiner naturgegebenen Seins-Misere, das ‘Du’, das größer und mächtiger ist als er selbst, ja im eigentlichen das göttliche ‘Du’, damit die Seinsangst vergehen kann. So entstand das Bild vom allmächtigen Gott. Im Vertrauen auf solche Hilfe kann der Mensch sich von der Lebensangst befreien und ein ‘Ich’ entwickeln. Aber er braucht mehr, so er die beschränkte Form von Harmonie erfahren durfte, die im Irdischen Ahnung gibt von einer Vollkommenheit, die das Leben in der Welt nicht erreichen kann, strebt er danach, diese irgendwie zu erringen.
Ein tieferes Seinsbewußtsein, eine gleich bleibende Harmonie der Seele und des Geistes kann der Mensch durch Konzentration auf das Geistliche und das Gebet finden. Diese Konzentration ist um so eher möglich, wenn ihn die alltäglichen Sorgen um Brot und Familie nicht ablenken. Diese Erfahrung bildet den Hintergrund für die Ehelosigkeit der Mönche; sie wurde zur Wurzel des Zölibats. Wenn wir aber das menschliche Dasein ganzheitlich betrachten, so ist unbedingt die andere existentielle Seite der Schöpfung einzubeziehen, die der Weitergabe des Lebens. Was anderes kann aber damit gemeint sein als die Sexualität. Die Sexualität ist der Urgrund menschlicher Kommunikation und das Faktum menschlicher Entwicklung im speziellen und im allgemeinen. Was das Dasein der Individuen aber im doppelten Sinne ‘erhellt` und ‘erhält`, ist die Liebe. Die Liebe ist die Anwesenheit Gottes im Menschen.
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Die Empfängnisverhütung soll im Rahmen dieses Essays nur deshalb erwähnt werden, weil die Einstellung, die die von mir proklamierte Ethik zur Lebenserneuerung vermittelt, der Enzyklika Humanae Vitae zugrunde liegt. Sie ist ethisches Grundsatzdenken. Die katholische Kirche vertritt dieses Denken ohne jegliche Einschränkung, und das macht sie zur ideologischen Institution. Es ist hierzu klarzustellen, dass der Grundsatz der Menschenwürde nicht nur das ungeborene Leben betrifft, sondern vor allen Dingen die, die ihr Leben auf dieser Welt bereits unter lebensunwürdigen Umständen fristen müssen, deren Verhältnisse durch uneingeschränkte Geburten noch armseliger würden oder deren Gesundheit weitere Schwangerschaften nicht duldet. Außerdem sind da diejenigen, die einem Verbrechen zum Opfer gefallen sind und die Frucht dieses Traumas dann austragen müssten. Es muss der Sinn dieser beschriebenen, göttlichen Liebe erfüllt sein, und es ist eine verantwortliche Zeugung gemeint, um diese Ethik in vollem Umfange anwenden zu können.
So wie nicht gesagt werden kann, dass jede Ehe von Gott gefügt ist, weil Ehen aus allen möglichen Gründen entstehen und auch wieder enden, so entspricht auch nicht jeder Geschlechtsakt ethischen Bedingungen, eher im Gegenteil. Es genügt also nicht, sich auf das Ideal der Ethik zu berufen und als einzig erlaubte Empfängnisverhütung, die ‘heilige Enthaltsamkeit’ zu erlauben. Damit ist der Würde und dem Grundbedürfnis des Menschen nach Liebe, auch nach körperlicher, nicht Rechnung getragen. Auch sollte dieser Text nicht aussagen, dass Gott eine Projektion des Menschen ist, sondern eher - und da widerspreche ich den materialistischen Philosophen, insbesondere Feuerbach -, dass der Mensch durch seine Urangst dahin geführt wird, nach etwas zu suchen, das ihm diese Angst zu nehmen fähig ist, und zwar muss es etwas Wesenhaftes sein, das das Gute an sich und alle Kraft und Herrlichkeit verkörpert, die er sich vorstellen kann, die aber seine Denkschablonen auch weit überragt. Da nur kann wirkliche Geborgenheit für ihn existieren. Geborgenheit und Liebe sind ein Paar. Das heißt, dass die Bedürfnisse „Gott und Liebe“ und das lebenserhaltende Ganzheitliche „Geist und Körper“ als eine Einheit zu verstehen sind und diese auch versinnbildlichen. Gott ist dann nicht nur in mir, sondern auch Geist außer mir, der mich und alles durchwirkt. Projektion ist folglich der Spiegel des ‘Ich’ im ‘Du’, sowohl in der Gott-Menschbeziehung als auch in der Mensch-zu-Mensch-Beziehung, beides ist Liebe. Die Liebe ist der Spiegel des ‘Ich’ im ‘Du’, was das ‘Ich’ besonders liebt und braucht findet es beim ‘Du’, deshalb beginnt es zu lieben, und diese Ergänzung des ‘Selbst’ ergibt den idealen Seinszu-stand. In der Ergänzung des ‘Ichs’ durch das ‘Du’ liegt die Ganzheit. Aus dem Gespaltensein wird Harmonie in der Zweiheit, weil Gott den Menschen als Mann und Frau schuf, als harmonische Ergänzung, und in dieser Zweiheit liegt die Einheit. Der Mensch, der Gott außerhalb des Menschen in einer nicht zu definierenden Abstraktheit sucht, findet weder sich selbst noch Gott. Er findet eine Projektionsfigur seiner Angst und verbleibt in ihr, weil die Erlösung zutiefst erlebt werden muss. Der Mensch, der Liebe nicht erlebt hat, kann Christus nicht wirklich verstehen.
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Arbeit zitieren:
Dipl.Soz.päd. Antje-Marianne Di Bella, 1996, Jesu Nachfolge, die Priesterkirche und das Zölibat, München, GRIN Verlag GmbH
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