Universität Erfurt
Philosophische Fakultät
Veranstaltung „Medien und Gesellschaftsformen“
Wissensgesellschaft - ante portas?
von: Enrico Kloth
Gliederung
1. Einleitung
2. Begriffliche Annäherung an das Phänomen „Wissensgesellschaft“
a. Typisierung des Wissens
b. Definitionen der Gesellschaft
3. Definitionen der „Wissensgesellschaft“
a. Definitionen der 60er und 70er Jahre
b. Aktuelle Definitionen
4. Paradigmen der „Wissensgesellschaft“
a. Wissensklüfte
b. Wissensmanagement
c. Nichtwissen in der Wissensgesellschaft
5. Von der Industrie in die Wissensgesellschaft
6. Trends und Segmente der „Wissensgesellschaft“
a. Wirtschaft
b. Politik
c. Kultur
d. Bildung
7. Fazit: „Wissensgesellschaft“ vs. „wissensbasierte Ökonomie“
1. Einleitung
Seit etwa der zweiten Hälfte der 90er Jahre wird in der Politik wieder verstärkt auf die Konzeption der „Wissensgesellschaft“ zurückgegriffen, um den nationalen1 und neuerdings den multinationalen2 Auswirkungen der Globalisierung Ausdruck zu verleihen. Dabei handelt es sich, wie auch schon bei den Konzepten der Medien-, Informations-, Risiko-, oder Netzwerkgesellschaft etc. um den Versuch den sozialen Wandel mittels einer Zielgröße klarzustellen. Das bereits in den 60er und 70er Jahren vorgeschlagene Konzept soll im Gegensatz zum Terminus „Informationsgesellschaft“ die Gegenwartsgesellschaft nicht ausschließlich über ihre technologische Basis definieren, sondern auch sozialen Auswirkungen der Globalisierung gerecht werden.3 Weniger klar ist allerdings, was tatsächlich unter einer „Wissensgesellschaft“ zu verstehen ist und von welcher Gesellschaft sie sich unterscheiden soll. Mit guten Gründen kann gefragt werden, ob eine Gesellschaft durch Wissen definiert werden kann, obwohl noch nie eine Gesellschaft ohne Wissen auskam und auskommen wird. Es liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei diesem Begriff um nichts anderes handelt, als um ein wohlklingendes Schlagwort, mit dem allerlei unterschiedliche Faktoren und Entwicklungen zusammengefasst werden.
Ziel der Arbeit ist es Klarheit hinter den Begriff „Wissensgesellschaft“ zu bringen. Zunächst sollen die Kernbegriffe erfasst werden. Anschließend werden die frühen und aktuellen Konzepte der „Wissensgesellschaft“ in ihren wichtigsten Aussagen vorgestellt und miteinander verglichen. Daraufhin wird die Frage von Bedeutung sein, worin sich die „Wissensgesellschaft“ von der industriellen Gesellschaft unterscheidet. Nachdem im Folgenden die Paradigmen des gesellschaftlichen Wandels erwähnt wurden, sollen in Anschluss an Kübler unter der Prämisse „Wissensgesellschaft“ einige Trends verschiedener gesellschaftlicher Segmente aufgegriffen werden. Die Arbeit endet in einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Begriff „Wissensgesellschaft“.
2. Begriffliche Annäherung an das Phänomen „Wissensgesellschaft“
Einleitend muss der Begriff „Wissensgesellschaft“ präzisiert werden, da ohne eine solche Klärung die nahe liegende These von einer zunehmenden Wissensbasierung aller gesellschaftlichen Bereiche eine Leerformel bleiben muss. Um sich der Begrifflichkeit „Wissensgesellschaft“ anzunähern, möchte ich zunächst einen kurzen Blick auf deren Entstehungsgeschichte werfen. In der wissenschaftlichen Literatur existieren keine identischen Angaben zur Entstehung des Begriffs: „Wissensgesellschaft“. Die frühste Angabe des Wortes „Wissensgesellschaft“ („knowledge society“) geht auf den amerikanischen Politikwissenschaftler Robert E. Lane zurück, der den Terminus in einem Aufsatz von 1966 über den Niedergang irrationaler Politik und Ideologie verwendet.4 Martin Heidenreich hingegen verortet die Entstehung des Begriffs auf die managementtheoretischen Debatten des amerikanischen Soziologen Peter F. Drucker zwischen 1950 und 1960. Sicher nachgewiesen ist der Begriff aber erst in Zusammenhang mit dem Erscheinen dessen Schrift „The Age of Discontinuity“ von 1969.5 Populär wurde der Terminus durch Daniel Bells Studie über die „postindustrielle Gesellschaft“ (1973/ 1985), in der er eine Gesellschaftsprognose der „Informations- oder Wissensgesellschaft“6 aufstellt. Seine Schrift wurde zum Anstoß einer soziologischen Debatte, die bis in unsere Tage reicht. Bedeutungsvoll zu dieser Kontroverse sind unter anderem die Arbeiten von Nico Stehr; Peter F. Drucker; Manuel Castells oder Helmut Wilke. Seit einiger Zeit steht das Wortkonstrukt „Wissensgesellschaft“ auch auf der politischen Agenda Europas. Spätestens seit dem Lissabonner Gipfel der EU im Jahre 2000, auf dem der Europäische Rat beschloss, dass Europa: „the most competitive knowledgebased society in the world by 2010“7 werden solle, wurde der Begriff der „Wissensgesellschaft“ zum festen Bestandteil von Festreden, in Forschungsprogrammen und bildungspolitischen Leitsätzen.8
a. Definition und Typisierung des Wissens
[...]
1 Vgl. Kübler, Hans Dieter: Mythos Wissensgesellschaft – Gesellschaftlicher Wandel zwischen Information, Medien und Wissen – Eine Einführung, Wiesbaden: VS- Verlag für Sozialwissenschaften, 2005; S.7
2 Vgl. Enquete- Kommission der Bundesregierung: Wissensgesellschaft; HYPERLINK "http://www.bundestag.de/gremien/welt/glob_end/5.html"
3 Vgl. Heidenreich, Martin: Merkmale der Wissensgesellschaft (2002); http://www.uni-bamberg.de/sowi/europastudien/dokumente/blk.pdf; S. 2
4 Vgl. Stehr, Nico: Arbeit, Eigentum, Wissen – Zur Theorie von Wissensgesellschaften; Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1994, S. 14f, 26f
5 Vgl. Heidenreich, Martin: Merkmale der Wissensgesellschaft (2002); http://www.uni-bamberg.de/sowi/europastudien/dokumente/blk.pdf; S. 4
6 Bell, Daniel: Die nachindustrielle Gesellschaft; Frankfurt a.M.: Campus, 1975, S.374
7 zitiert nach Wilke, Jürgen; Breßler Eva; Europa auf dem Weg in die Informationsgesellschaft? In: Rössler, Patrik; Krotz, Friedrich (Hrsg.); Mythen der Mediengesellschaft- The Media Society and ist Myths, Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH, 2005, S. 6
8 Vgl. Heidenreich, Martin: Merkmale der Wissensgesellschaft (2002); http://www.uni-bamberg.de/sowi/europastudien/dokumente/blk.pdf; S. 2
Quote paper:
Enrico Kloth, 2005, Wissensgesellschaft - ante portas?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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