INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG
2. ANALYSE VON HISTORIA DEL GUERRERO Y DE LA CAUTIVA
2.1. STRUKTUR ALS SCHLÜSSEL ZUM VERSTEHEN
LITERARISCHER TEXTE
2.2. TEXT ALS ABBILD EINES KULTURMODELLS
2.3. TRADITION DER AUFTEILUNG DES RAUMS
IN ZIVILISATION UND BARBAREI
2.4. AUFTEILUNG DES RAUMS DURCH EINE EINDEUTIGE GRENZE
UND IHRE ÜBERSCHREITUNG
2.5. GRENZEN UND HERAUSFORDERUNGEN
DER ANGEBOTENEN LESWEISE
3. SCHLUSS
4. BIBLIOGRAPHIE
4.1. TEXTE
4.2. SEKUNDÄRLITERATUR
4.3. SONSTIGE LITERATUR
4
1. EINLEITUNG
Borges scheint +LVWRULDGHOJXHUUHUR\GHODFDXWLYD 1 mit einem kleinem Verwirrspiel zu beginnen. Aus der Überschrift geht hervor, dass es sich um eine Geschichte handelt, und doch erzählt der Autor zwei Geschichten: Im ersten Teil erzählt er von dem langobardischen Krieger Droctulft, der bei der Belagerung von Ravenna die Seinen im Stich lässt und in der Verteidigung der Stadt, die er vorher angegriffen hatte, den Tod findet. Auf einer Grabinschrift bekunden die Bewohner Ravennas ihre Dankbarkeit.
In der zweiten Begebenheit erzählt Borges von seiner Großmutter englischer Abstammung, die eines Tages mitten unter Argentiniern eine andere Engländerin kennen lernt. Diese wurde als Kind von Indios gekidnappt und wuchs in der Wildnis auf. Die Großmutter ist entsetzt, zu was für einem barbarischem Leben eine Engländerin hinuntergesunken ist, sie bietet ihre Hilfe an, doch die andere Frau entschließt sich für ein Leben in der Wildnis.
Bei meiner persönlichen ersten Lektüre von Borges‘ Kurzgeschichte assoziierte ich zunächst unwillkürlich gegensätzliche Begriffspaare, die nicht miteinander vereinbar schienen: das Römische Reich und Germanien, etwas Wildes, Unkultiviertes und etwas Städtisches.
Mit dem Abschluss der Lektüre, kam meine klare Begriffsgegenüberstellung allerdings ins Wanken. Auf welche Seite stelle ich mich? Ist es eine Torheit, dem europäischen Ideal den Rücken zu kehren oder stelle ich mich auf die Seite der blutschlürfenden Engländerin? Nach dem Motto: Zurück in die Wildnis, raus aus der Zivilisation? Kann man überhaupt zwei klare Pole bilden? Was für eine Meinung vertritt Borges? Was hat die Geschichte mit Argentinien zu tun?
Lässt sich die erste Geschichte noch klar einordnen in traditionelle humanistische Vorstellungen, der Krieger Droctulft gibt seine barbarische Heimat zugunsten der höheren Zivilisation Ravennas auf, so ist das Ende der zweiten Begebenheit nicht so einfach nachzuvollziehen. Die Engländerin wählt
1 Borges, 1999a, S. 55 ff.
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das Leben in der Wildnis und nicht die aus humanistischer Sichtweise höhere Zivilisation Englands, bzw. des städtischen Argentiniens.
Borges selbst bietet dem Leser am Ende der Kurzgeschichte eine Wertung der beiden Entscheidungen an:
[...] a los dos los arrebató un ímpetu secreto, un ímpetu más hondo que la razón, y los dos acataron ese ímpetu que no hubieran sabido justificar. Acaso las historias que he referido son una sola historia. El anverso y el reverso de esta moneda son, para Dios, iguales. [ B 61 ]
[Beide hat] ein geheimer Drang fortgerissen, ein Drang, tiefer als die Vernunft, und beide gaben diesem Drang nach, den sie nicht hätten rechtfertigen können. Vielleicht sind die beiden Geschichten, die ich erzählt habe, eine einzige Geschichte. Schauseite und Kehrseite dieser Münze sind für Gott gleich. [ B’ 49 ]
Als argentinischem Schriftsteller war es Borges ein Anliegen, über die Identität seiner Nation zu reflektieren und über die möglichen Konsequenzen dieser argentinischen Identität für die Kultur seines Landes nachzusinnen.
In meiner Arbeit möchte ich eine Lesweise von +LVWRULDGHOJXHUUHUR\ODFDXWLYD anbieten, die versucht diesem „geheimen Drang“, von dem Borges schreibt, nachzuspüren und in der Geschichte einen Versuch Borges‘ sieht, seine Vorstellungen über argentinische Literatur und ihre Tradition in einer kurzen Erzählung darzustellen.
Methodisch möchte ich größtenteils strukturanalytisch vorgehen, wobei ich mich auf 'LH6WUXNWXUOLWHUDULVFKHU7H[WH Lotmans stütze.
Außerdem halte ich es für wichtig, soziokulturelle und geschichtliche Aspekte zu beachten.
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Analyse von Historia del guerrero y de la cautiva 2.
2.1. Struktur als Schlüssel zum Verstehen literarischer Texte
Lotman beschäftigt sich in seinem Buch 'LH6WUXNWXUOLWHUDULVFKHU7H[WH mit der Frage nach der Notwendigkeit der Kunst, dabei stellt er u.a. die These auf, Kunst als Generator von Sprache zu sehen. Dieser Generator von Sprache leiste der Menschheit einen unersetzlichen Dienst, indem sie einen der kompliziertesten und noch nicht bis ins letzte erforschten Bereiche des menschlichen Wissens versorge. 2
Interessant finde ich hier, Borges’ Interpretationsansatz seiner Geschichte, die von einem „geheimen Drang“ spricht und die eben genannte These Lotmans zusammenzuführen. Unter Geheimem verstehe ich etwas, das über den Bereich des menschlich erforschten Wissens hinausgeht, von dem wir vielleicht eine Ahnung haben, aber wir es nicht genau mit unserem bislang erforschten Wissen erklären können.
Betrachten wir die zwei Seiten der Münze, von denen Borges spricht, mit dem Bereich des menschlichen Wissens, das bereits erforscht ist, dann kann man die zwei Seiten sehr wohl unterscheiden, und sie sind eben nicht gleich. +LVWRULDGHOJXHUUHUR\GHODFDXWLYD ist gekennzeichnet durch eine seltsame Asymmetrie. Droctulft wechselt von der Barbarei in die Zivilisation über, die Gefangene bewegt sich in entgegengesetzter Richtung. Die Geschichten sind nur in diesem Punkt gleich, dass in beiden eine Grenze überschritten wird, und jemand die Seite wechselt. Balderston bemerkt in seiner kritischen Würdigung zu Borges’ Geschichte, dass für Gott vielleicht beide Erzählungen gleich sind, für uns allerdings, im Hier und Jetzt, die Gegensätze von Zivilisation und Wildnis, gut und böse, sauber und dreckig sehr wohl eine Bedeutung haben. 3 Die Frage ist nun, in wie weit dieser Generator, von dem Lotman spricht, in unserem Fall der künstlerische Text, eine Übersetzung liefert, die verständlich ist. Lotmans Ansatz geht vor allem den Fragen nach, wie sich ein künstlerischer Text zum Träger eines bestimmten Gedankens, einer Idee verhält und in was für einer Beziehung die Textstruktur zur Struktur einer solchen Idee steht.
2 vgl. Lotman 1972, S. 16
3 vgl. Balderston, 1993, S. 94
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Es erscheint mir also sinnvoll, die Textstruktur von +LVWRULDGHOJXHUUHUR\GHOD FDXWLYD zu untersuchen, um der Idee besser nachspüren zu können.
Wichtig erscheint mir auch, auf einige allgemeine Überlegungen zum Phänomen „Sprache“ in Lotmans Ausführungen hinzuweisen. Man müsse sich darüber im klaren sein, so Lotman, dass, sobald wir Kunst als Sprache bezeichnen, wir damit auch einige ganz bestimmte Urteile über ihren inneren Aufbau äußern. Sprache umfasst dabei die natürliche Sprache, künstliche Sprache und sekundäre Sprachen (sekundäre modellbildende Systeme), d.h. Kommunikationsstrukturen, die über dem Niveau der natürlichen Sprache errichtet werden. 4
Die Kunst fällt in die letzte Kategorie. Die Literatur bedient sich der natürlichen Sprache. Außerdem verfügt sie über eine ihr eigene Sprache, die nicht mit der natürlichen Sprache zusammenfällt, das ein eigenes System von Zeichen und Verknüpfungsregeln bildet. Es dient zur Übermittlung einer besonderen Botschaft, die auf andere Weise nicht zu übermitteln wäre. 5 In der literarischen Sprache wird der Begriff „Zeichen“ üblicherweise anders verwendet als in der strukturellen Linguistik. Zeichen haben hier iconisch abbildenden Charakter, was bedeutet, dass Ausdruck und Inhalt immanent gekoppelt sind. Das Zeichen wird zum Modell seines Inhalts. Schließlich, so Lotman, sei der ganze Text sogar in gewisser Beziehung ein ganzheitliches Zeichen. 6 Ich verspreche mir durch eine Analyse nach Lotmans Theorie, das ganzheitliche Zeichen von +LVWRULDGHOJXHUUHUR\GHODFDXWLYD zu verstehen.
Die „Umkodierung“ in Lotmans Theorie halte ich auch für eine wichtige Grundüberlegung, die in diesem Zusammenhang erwähnenswert ist. Gewöhnliche Nachrichtenübermittlung erfolgt so, dass es zwei Zustände der Mitteilung am Ein- und Ausgang des Kommunikationskanals gibt. Entweder ist der Zustand jeweils gleich, oder er ist verschieden. Trifft letzteres zu, spricht man von einer fehlerhaften Nachrichtenübermittlung, die durch das „Rauschen im Kanal“ zustande kommt. In der künstlerischen Sprache muss der Empfänger die Mitteilung durch den Kode entziffern und feststellen, in welcher Sprache der
4 vgl. Lotman 1972, S. 22
5 vgl. Lotman 1972, S. 23 ff.
6 vgl. Lotman, 1972, S. 40
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Text kodiert wurde. Dabei kann es unterschiedliche Fälle geben. Der einfachste Fall ist, wenn Empfänger und Sender denselben allgemeinen Kode benutzen. Wenn aber der von Leser und Hörer verwendeter Kode unterschiedlich ist, kann es zu einer Umkodierung kommen, dass nämlich der Empfänger dem Text seine eigene künstlerische Sprache aufzwingt, oder dass der Empfänger versucht, den Text auf der Basis der ihm schon bekannten Normen zu verstehen. Dann aber muss der Empfänger die Erkenntnis haben, dass ein neuer Kode notwendig ist und versuchen, einen neuen Kode zu erwerben. 7 Ich denke, meine persönliche Leseerfahrung, die ich in der Einleitung geschildert habe, entspricht genau dem zweiten geschilderten Fall. Ich hatte zunächst versucht, den Text durch meinen Kode „humanistische Bildung“ zu entschlüsseln, habe dann aber festgestellt, dass ein neuer Kode notwendig ist und nun werde ich versuchen, diesen neuen Kode im Verlauf dieser Arbeit zu erwerben.
2.2. Text als Abbild eines Kulturmodells
Lotman geht davon aus, dass Zeichen und Zeichensystem mit der Bedeutungsproblematik eng gekoppelt sind. Aus dieser Annahme ergeben sich für Lotman zwei Fragen, nämlich die nach dem Aufbau eines künstlerischen, literarischen Textes von seiner inneren, immanenten Konstruktion her und die nach der Bedeutung des Textes und seiner semantischen Bezüge zu denen außerhalb seiner befindlichen Erscheinungen. 8
Zunächst möchte ich mich mit der inneren Struktur beschäftigen. Auffallend am Aufbau der Kurzgeschichte ist seine Zweigliederung, schon in der Überschrift teilt Borges die Geschichte in die des Kriegers und die der Gefangenen auf. Auch die Kurzgeschichte selbst kann in zwei Blöcke gegliedert werden. Beide Teile werden oberflächlich betrachtet nur durch einen sehr persönlichen Einblick in den fiktiven Borges verbunden, er schreibt, wie er zunächst von der Geschichte des Kriegers bewegt war und erst später verstand, warum. Als Bindeglied zwischen den beiden Begebenheiten assoziiert der fiktive Borges
7 vgl. Lotman, 1972, S. 43 ff.
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Arbeit zitieren:
Nadine Wörner, 2002, Borges und argentinische Literatur in - Historia del guerrero y de la cautiva -, München, GRIN Verlag GmbH
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