Universität München
Der Dramaturg und Siegfried Wagner
Eine Fallstudie, nicht nur am Beispiel der "HEILIGEN LINDE"
von
Dr. Sabine Busch-Frank
Zum 125. Geburtstag des Erben von Bayreuth richtete ihm das Richard-Wagner-Museum im Haus Wahnfried eine Ausstellung unter dem Titel "Das Theater Siegfried Wagners" aus. Doch der Titel führte in die Irre - behandelt wurde ausschließlich sein Wirken als Festspielleiter, das eigene Opernschaffen wurde bis auf Marginalien ausgegrenzt. Im Ausstellungsheft ist dazu zu lesen:
"Siegfried Wagners eigenes kompositorisches Schaffen, das unter anderem immerhin 15 vollendete Opern (!) umfasst, konnte in der Ausstellung nicht berücksichtigt werden. Es ist ein Thema für sich, das es nicht verdient, gleichsam als Appendix zu seinem Bayreuther Bühnenschaffen abgehandelt zu werden.1"
Auch anderweitig ist es schwierig, sich über das Opernschaffen Siegfried Wagners zu informieren - nehmen wir an, einem Dramaturgen würde eines von Siegfried Wagners Opernwerken zur Beurteilung vorgelegt werden, so kann dieser wohl im Normalfall kaum auf die nur schwer erreichbare Sekundärliteratur zurückgreifen.
Auch die dramaturgische Zuordnung der Bühnenwerke Siegfried Wagners ist kein leichtes Unterfangen. Daß das so vorschnell wie unausrottbar an ihn vergebene Signum "Märchenopernkomponist" nicht zu halten ist, ist schnell belegbar, paßt doch diese Bezeichnung nur zu "DER BÄRENHÄUTER, OP.1", "AN ALLEM IST HÜTCHEN SCHULD, OP. 11" und "DAS FLÜCHLEIN, DAS JEDER MITBEKAM, OP.18". Aber wie soll man die Opern dann benennen? Sind es überhaupt Opern oder womöglich musikdramatische Werke oder gar Bühnenfestspiele wie bei Wagner dem Älteren? Da von einer Aufführungstradition nicht die Rede sein kann, muß man sich oft damit begnügen, die Libretti für die Lösung dieser Frage heranzuziehen. Dabei ist allerdings zu beachten, dass Siegfried Wagner seine Libretti als eigenständige Dichtung erschienen ließ - oft bevor die Komposition abgeschlossen war. Daher können bei Libretto und der Fassung letzter Hand unterschiedliche Fassungen des Textes vorliegen, ohne dass deswegen eine von beiden nicht autorisiert ist.
Als Librettist gibt Siegfried Wagner dem Dramaturgen allerdings keinen Fingerzeig über die Art seiner Werke, so nennt er zwar "AN ALLEM IST HÜTCHEN SCHULD" ein "Märchenspiel in drei Akten" und das "FLÜCHLEIN, DAS JEDER MITBEKAM" ein "Spiel aus unserer Märchenwelt", beläßt es aber ansonsten bei einfachen Aktangaben.
Berücksichtigt man die Titelgebung seiner 18 abendfüllenden Bühnenwerke (einschließlich des Fragment gebliebenen op. 16) an, so stellt man eine Vorliebe für Substantive fest, die manchmal in Synästhesie zur Metapher gereiht werden (STERNEN-GEBOT, SCHWARZ-SCHWANEN-REICH) oder aus dem gleichen Sinnesgebiet stammen (SONNEN-FLAMMEN, LIEBES-OPFER). Den Titeln ist gemeinsam, daß sie keinen konkreten Hinweis auf den Inhalt der Oper geben, ja oft auf die falsche Spur locken - große Ausnahme ist dabei der Opernerstling, "DER BÄRENHÄUTER", bei welchem man Grimm erwartet und Grimm zu hören bekommt. Bei "Der KOBOLD" könnte man eher eine komische Oper, bei "HERZOG WILDFANG" eine Art heitere Operette erwarten. Eine Dietrich von Bern-Handlung vermuten hinter "BANADIETRICH" wohl nur äußerst sattelfeste Germanisten2, dagegen wird wiederum enttäuscht, wer bei "BRUDER LUSTIG" das entsprechende Grimm′sche Märchen erwartet. "RAINULF UND ADELASIA" sind eben keine hehren Liebenden wie "TRISTAN UND ISOLDE", das scheinbar verbindende Wörtlein "und", über das auch schon das Liebespaar beim Vater ins Grübeln kam, lockt beim Sohn schlichtweg auf die falsche Fährte - Adelasia liebt nämlich Osmund und Rainulf bestenfalls sich selbst! "FRIEDENSENGEL" könnte eine Münchner Stadtgeschichte erzählen und "DER HEIDENKÖNIG" eben auch eine Art Vorgängeroper zu Norbert Schultzes Heidschnuckenrumantik in der 1936 uraufgeführten Oper "DER SCHWARZE PETER" (mit Heideglück und Erikapflänzchen, soweit das Auge blickt), darstellen. Dabei handelt es sich um die Auseinandersetzung zwischen Heidentum und Christentum an der Schwelle zu einer neuen Zeit!
Wo Siegfried Wagner scheinbar mehr andeutet, wenn er nämlich längere Operntitel wählt, verrät er eben doch nichts, sondern macht nur neugierig: "AN ALLEM IST HÜTCHEN SCHULD" - aber was für ein Hütchen? Und woran ist die Kopfbedeckung schuld? Oder was ist das für ein "FLÜCHLEIN, DAS JEDER MITBEKOMMEN HAT", möchte man sich fragen - und ist mitten in der Handlung angekommen, gleichsam vom Titel hineinverlockt. Als Titelgeber ist Siegfried Wagner nicht zu trauen...
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1 Friedrich, Sven „Das Theater Siegfried Wagners. Eine Ausstellung des Richard-Wagner-Museums im Haus Wahnfried zu Siegfried Wagners 125. Geburtstag“, Bayreuth o. J. (1994), S. 3-4.
2 So gibt es z. B. bei Vernaleken, Theodor „Mythen und Sagen des Volkes in Österreich“, Wien 1859 als Sage Nr. 19 die Sage von Dietrich von Bern als verdammten „Banadietrich“.
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Dr. Sabine Busch-Frank, 2001, Der Dramaturg und Siegfried Wagner - Eine Fallstudie, nicht nur am Beispiel der 'Heiligen Linde', Munich, GRIN Publishing GmbH
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