Universität Potsdam
Institut für Anglistik und Amerikanistik
Hauptseminar: Between White City and Slum Fiction
Sommersemester 2005
Die literarische Repräsentation der Urbanisierung und ihrer
Folgen in Herman Melville´s Bartleby the Scrivener
von: Nicole Gast
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3-4
2. Die Großstadt im 19. Jahrhundert 4-5
2.1 Repräsentation der Großstadt in Bartleby, the Scrivener 5
2.1.1 Der Broadway 5-6
2.1.2 Das Büro 7
2.1.3 Die Zeitung 8-9
2.2 Die Symbolik der „walls“ 9-10
3. Die Charaktere in Bartleby, the Scrivener - Opfer der Urbanisierung ? 10-11
3.1 Turkey, Nippers und Ginger Nut 11-15
3.2 Der Notar/ Ich-Erzähler 15-16
3.3 Bartleby 17-19
4. Fazit 20-21
Literaturverzeichnis 22
1. Einleitung
Für das Zeitalter der Romantik bilden Emerson, Thoreau, Whitman, Hawthorne und Melville den Kanon amerikanischer Autoren, die die „Neue Welt“ Amerika durch ihre Ambivalenz und unterschiedlichen Haltungen repräsentieren. Sie alle einte der Gedanke, dass die Prinzipien von Individualismus und liberaler Demokratie die Grundlage für jedwede kulturelle Höchstleistung sei. Herman Melville war derjenige unter ihnen, der in seine Werken die größte Weltfülle darstellte und dessen literarische Grundstimmung, die er mit den dunklen Romantikern Poe und Hawthorne gemeinsam hatte, apokalyptisch geprägt war. Er beschrieb den Kollaps fester Welt- und Selbstbilder und zeichnete passive sowie aktive Rebellen in einer von Konformismus und Kapitalismus geprägten Welt ohne Halt, deren einzige Hoffnung auf zwischenmenschlicher Solidarität beruhte.1
Solidarität in einer Welt der wachsenden Verstädterung und der fortschreitenden anonymen Massengesellschaft zu finden, in der sich infolge der Industrialisierung der agrarischen USA der American Dream vom Spirituellen ins Materielle zu wenden schien – diese Hoffnung wohnte Melville inne als er Bartleby, the Scrivener schrieb. Seine Kurzgeschichte ist warnende Vision, ruhiger Aufruf zu Individualismus, Kreativität und dem Recht auf Selbstbestimmung und gleichermaßen Denkanstoß gegen Konformität, Identitätsverlust und anonymes Massenverhalten, deren Ursache er in der rapiden Industrialisierung und im fortschreitenden Materialismusdenken sah. Der Großraum New York steht hier stellvertretend für die alles verschlingende und individuelle Einzigartigkeit–absorbierende amerikanische Großstadt, die mit all ihren Modernisierungsprozessen, Konformitätszwängen und striktem Regelwerk den Gegenpol zu transzendentalen Werten wie Intuitionsglaube, Naturliebe und Emotion als größtem Geschenk bildet.
Der positiven Herauforderung einer Großstadt wie New York und der Faszination der sich stetig entwickelnden und niemals stillstehenden Metropole verschließt sich der Text. Melville beschreibt nicht (wie z. B. Theodore Dreiser in Sister Carrie) die Schwierigkeiten sich in einer fremden Stadt eine eigene Identität aufzubauen, geht nicht auf Konflikte innerhalb verschiedener Klassen, Geschlechter oder Rassen ein oder warnt vor dem Korrosionseffekt, den das Städterleben auf traditionelle Moralvorstellungen hat (wie z.B. William Dean Howells es in The Rise of Silas Lapham wenige Jahre später tut) und füttert den Text nicht mit detailreichen Beschreibungen von Straßenzügen, Theatern, Eisenbahnen, Fabriken, Kirchen oder Schulen um die Großstadt dem Leser näher zu bringen. All diese Orte, die Aktivität, reges Treiben, Menschenmengen, Häuslichkeit, Familie und Abwechslung versprechen – sie passen nicht hinein in das Bild, das Melville von der Großstadt an sich verbreiten will. Und in das was seiner Meinung nach die Großstadt aus ihren Bewohnern macht. Ziel dieser Arbeit ist es herauszuarbeiten, mit welchen Methoden Melville die Großstadt zeichnet und welche symbolische Bedeutung darin die verschiedenen „walls“ einnehmen. Inwiefern hat die Großstadt auf die Charaktere der Geschichte Einfluss? Sind sie Spiegel, Sklaven oder gar Bestandteil ihrer unmittelbaren Umgebung und dadurch unausweichlich auch Opfer der Urbanisierung?
2. Die Großstadt im 19. Jahrhundert
Zu Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert waren Großstädte vor allem Industrie- und Handelszentren. Ihre Arbeiter wurden im Verlauf der fortschreitenden Verstädterung und des aufkommenden Materialismus zu Teilen einer großen Maschinerie reduziert und waren jederzeit ohne großen Aufwand austauschbar. Der Wert der einzelnen Person wurde an ihrer Leistungsfähigkeit und Effizienz gemessen, die mit Maschinen und Fließbändern konkurrieren mussten. 2 Mit der Festlegung auf einzelne stupide Arbeitsschritte verloren die Arbeiter das Gefühl des Eingebundenseins in den Gesamtprozess, die monotone Arbeit nagte am Selbstkonzept. Zudem entstand eine neue Art sozialer Unterdrückung der Arbeiter durch die besitzenden Schichten.
In der Literatur erscheint die Großstadt als eine große Einheit, die nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist und die um jeden Preis wachsen will. Melville stellt die Frage, ob das Leben in einem künstlich geschaffenen Umfeld überhaupt der Natur des Menschen entspricht, ob er stark und flexibel genug ist sich anzupassen oder daran eher zugrunde geht weil er aufgrund seiner Unfähigkeit in die Isolation getrieben wird. Ist Menschsein in solch einer Umgebung überhaupt möglich? Oder lässt das endlos erscheinende Meer von Häusern und Straßen jede Gefühlsregung verkümmern und erstickt jedes über den Alltag hinausgehende Denken im Keim? Melville hätte als Autor die Möglichkeit gehabt Menschen darzustellen, deren Arbeit, Persönlichkeit und Charaktere so mannigfaltig sind, wie die Großstadt New York selbst. Doch jede Einzigartigkeit, die sich durch Vielschichtigkeit zusammensetzt, verweigert Melville nicht nur New York und seinen Charakteren, sondern auch sich als Autor, da er seinen selbst gesuchten Schauplatz nicht verlässt oder verändert. Der Ort Großstadt wird von ihm mit großer Skepsis behandelt, die das Leben und die Identität ihrer Bewohner sowie die menschliche Gemeinschaft und Ganzheitlichkeit bedroht.
2.1 Repräsentation der Großstadt in Bartleby, the Scrivener
[...]
1 Vgl.: Zapf, Hubert (Hrsg.)(1997): Amerikanische Literaturgeschichte. Stuttgart: Metzler.S.136-137.
2 In Bartleby, the Scrivener übernehmen die Menschen sogar selbst Aufgaben der Maschinen: Sie sind menschliche Kopiergeräte.
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M.A. Nicole Gast, 2005, Die literarische Repräsentation der Urbanisierung und ihrer Folgen in Herman Melville´s "Bartleby the Scrivener", Munich, GRIN Publishing GmbH
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