Inhalt
1. VORBEMERKUNG: ÜBER MIGRATION 1
2. ARBEITSMIGRATION IN OSTASIEN: HISTORISCHE ÜBERSICHT BIS ZU
DEN 1970ER JAHREN. 2
3. ARBEITSMIGRATION IN DIE GOLFSTAATEN AB DEN 1970ER JAHREN. 3
4. VOM „ASIAN MIRACLE“ ZUR ENTWICKLUNG EINES „EAST ASIAN
MIGRATION SYSTEM“ 4
4.1 Wirtschaftliche und demographische Voraussetzungen. 4
4.2 Neoklassische Modelle der Arbeitskräftemobilität und ihre Anwendung auf
Ostasien. 7
4.3 Die Grenzen der neoklassischen Theorien zur Arbeitsmigration. 10
5. STRUKTUR DES „EAST ASIAN MIGRATION SYSTEM“ 11
5.1 Ostasien. 13
5.2 Südostasien. 17
6. AUSWIRKUNGEN DER ASIENKRISE AUF DIE ARBEITSMIGRATION IN
OST -/SÜDOSTASIEN. 23
7. SCHLUSSBETRACHTUNG. 26
LITERATUR. 27
I
TABELLEN
Tabelle 1: Durchschnittliches jährliches Wachstum des BIP zwischen 1960 und 1990 in Japan und den „Tigerstaaten“ Hongkong, Singapur, Südkorea und Taiwan
(nach JONES/FINDLAY 1998: 91)............................................................................5 Tabelle 2: Gesamtfruchtbarkeitsraten in ausgewählten asiatischen Ländern, 1960-95 (nach OGAWA /MATSUKARA 1996: 40). ...................................................................5 Tabelle 3: Arbeitskosten in ausgewählten Ländern in US-$ pro Stunde (nach Jones/Findlay
1998: 92). ..............................................................................................................9 Tabelle 4: Ausmaß der internationalen Arbeitsmigration in Ost-/Südostasien gegen Ende der 1990er Jahre (nach Husa/Wohlschlägl 2000: 256; teilweise aktualisiert). .12 Tabelle 5: Wachstum des BIP (GDP) pro Jahr (%) in ausgewählten Ländern (nach:
WORLD BANK 2004)..............................................................................................24
Abbildung
Abbildung 1: Wichtige Zielgebiete der internationalen Arbeitsmigration in Ost-
1. Vorbemerkung: über Migration
Weltweit erlebten mehr als 150 Mio. internationa le Migranten die Jahrtausendwende außerhalb ihres Geburtslandes (vgl. MARTIN 2000: 3). Zahl und Bedeutung der internationalen Migrationsströme haben seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und insbesondere seit Mitte der 1980er Jahre erheblich zugenommen, so dass häufig Begriffe wie der vom „Age of Migration“ verwendet werden (vgl. CASTLES /MILLER 1993: 3 f.). Es ist kaum verwunderlich, dass besonders Asien hierbei oft genannt wird, schließlich leben in der Region ca. 60 Prozent der Weltbevölkerung und (aufgrund der Altersstruktur der asiatischen Gesellschaften) sogar annähernd zwei Drittel der weltweiten Arbeitskräfte (vgl. GRAEME 2002: 7).
Stellt man die heutigen weltweiten Bevölkerungsbewegungen jedoch denen vergangener Perioden gegenüber, so erscheinen sie nicht einmal außergewöhnlich groß. Zwar ziehen in der Region Ostasien 1 jährlich über eine Million Arbeitskräfte von einem Land zum anderen (vgl. JONES /FINDLAY 1998: 87), doch trotz hoher absoluter Zahlen ist der Anteil der Migranten an der Gesamtbevölkerung relativ gering, verglichen beispielsweise mit den Auswanderungswellen aus Europa vor einem Jahrhundert (vgl. SKELDON 1999: 3).
Es soll an dieser Stelle noch darauf hingewiesen werden, dass Zahlen zum Umfang der Arbeitsmigration in der Region häufig nur Schätzwerte darstellen. Dies liegt insbesondere am erheblichen Anteil der illegalen bzw. undokumentierten Arbeitsmigration ( VGL. JONES /FINDLAY 1998: 87).
1 Die Region Ostasien umfasst nach den meisten Definitionen die Länder bzw. Territorien China, Japan, Nord- und Südkorea, Taiwan und Hongkong (vgl. z.B. SKELDON 2000: 59). Da jedoch in Bezug auf Arbeitsmigration und wirtschaftliche Integration umfangreiche Verflechtungen mit südostasiatischen Staaten
bestehen, bei gleichzeitig relativ scharfer Abgrenzung zu anderen Regionen, sollen diese im Folgenden ebenfalls berücksichtigt werden (vgl. z.B. JONES/FINDLAY 1998: 96 und TATSUFUMI 1996: 57). Dies
entspricht auch der Definition der Weltbank von der Region „East Asia“ (vgl. WORLDBANK 1993: 1). Insofern berücksichtigt die vorliegende Arbeit folgende Länder: Japan, Südkorea, Hongkong, China, Taiwan,
Singapur, Brunei, Laos, Kambodscha, Myanmar, Vietnam, die Philippinen, Indonesien, Thailand und Malaysia.
1
2. Arbeitsmigration in Ostasien: historische Übersicht bis zu den 1970er Jahren
Die internationale Arbeitsmigration in Ost-, wie auch in Südostasien, ist insbesondere im Zuge der „Asienkrise“, die ab 1997 dem „Asian Miracle“ ein Ende setzte, ins Blickfeld geraten (vgl. SADIK 1999: 1 f.). Relativ plötzlich setzte eine zwischen Regierungen und in der Öffentlichkeit kontrovers geführte Diskussion ein, inwiefern beispielsweise die Anwesenheit ausländischer Arbeitskräfte im Land für eine Reihe sozialer Missstände verantwortlich sei (vgl. HUSA/WOHLSCHLÄGL 2000: 247). Als „Patentlösung“ wurde daraufhin häufig das Ersetzen ausländischer Arbeitskräfte durch einheimische genannt und dementsprechende Maßna hmen (restriktivere Zuwanderungsbestimmungen und erleichterte Abschiebungen) auch von einigen Regierungen auf Druck der öffentlichen Meinung umgesetzt. Gleichzeitig weisen Experten und Wirtschaftsvertreter jedoch immer wieder auf die, vor allem in ostasiatischen Staaten, vergleichsweise geringe Zahl und gleichzeitig hohe Bedeutung ausländischer Arbeitskräfte hin, die oftmals Jobs verrichten, die von Einheimischen z. B. wegen zu geringer B ezahlung abgelehnt werden (vgl. SKELDON 1999: 4 f.).
Diese mit der Asienkrise entstandene Debatte darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Arbeitsmigration in Ostasien bereits innerhalb der gesamten letzten drei Jahrzehnte kontinuierlich an Bedeutung gewonnen hat - und dass Wanderungsbewegungen über lange Distanzen in Asien sogar bis in die früheste Geschichte zurückreichen (vgl. HUSA/WOHLSCHLÄGL 2000: 248).
Schon an den Reliefs der über 1000 Jahre alten Tempelbauten von Angkor in Kambodscha finden sich beispielsweise Hinweise auf (erzwungene) Arbeitsmigration. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts nahmen die Wanderungsbewegungen asiatischer „Kontraktarbeiter“ (v.a. Chinesen und Inder) nach Übersee zu, bedingt durch die steigende Nachfrage nach Arbeitskräften in Nordamerika und den Hoheitsgebieten der europäischen Kolonia lmächte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bewegten sich ost- und südostasiatische Migranten nahezu über den gesamten Globus. Allerdings beendete um die Wende vom 19. zum 20. Jahr-hundert die Einführung rassistischer Zuwanderungsbeschränkungen in den Hauptzielgebieten (z.B. Nordamerika und Australien) die globalen ost- und südostasiatischen Wanderungs ströme fast vollständig (vgl. HUSA/WOHLSCHLÄGL 2000: 248). Innerhalb des asiatisch-pazifischen Raumes existierten Wanderungsströme von japanischen und philippinischen Plantagenarbeitern nach Hawaii, während, bedingt durch den japanischen
2
Imperialismus, zahlreiche Koreaner zur Arbeit in der japanischen Industrie verpflichtet wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg bewegte sich die internationale Migration dann jedoch bis in die 1970er Jahre hinein auf sehr niedrigem Niveau (vgl. JONES/F INDLAY 1998: 88).
Stattdessen wurde das Wanderungsgeschehen von Binnenwanderungen und Flüchtlingsströmen dominiert. Erst im Lauf der 1960er Jahre nahm die „traditionelle“ internationale Migration, also die Auswanderung in westliche Industrieländer wie die USA, Kanada oder Australien, wieder zu. Begünstigt wurde dies durch die allmähliche Abschaffung rassischdiskriminierender Einwanderungsgesetze in den Zielländern, durch die zunehmende Akzeptanz der Familienzusammenführung als Einwanderungsgrund und, damit zusammenhängend, die mittlerweile sehr ausgedehnten transnationalen Netzwerke zwischen bereits emigrierten Südost- und Ostasiaten in Nordamerika, Australien und Europa sowie ihren Heimatländern (vgl. HUSA/WOHLSCHLÄGL 2000: 249).
3. Arbeitsmigration in die Golfstaaten ab den 1970er Jahren
Ab den 1970er Jahren entwickelte sich der asiatisch-pazifische Ra um zu einem der größten Exporteure für Arbeitskräfte, insbesondere in die reichen Ölstaaten um den Arabisch-Persischen Golf. Mit dem ersten dramatischen Anstieg der Rohölpreise 1973 wurden in den Erdölexportstaaten umfangreiche Bau- und Infrastrukturprogramme umgesetzt. Die benötigten (ungelernten) Arbeitskräfte wurden zunächst aus benachbarten arabischen Staaten, infolge des stetig steigenden Bedarfs bald jedoch auch aus anderen muslimischen Lä ndern vor allem Südasiens rekrutiert. Seit den frühen 1980er Jahren kam dazu eine immer größer werdende Zahl von Migranten aus Ost- und Südostasien, die in den meisten Fällen eine etwas höhere Qualifikation besaßen und beispielsweise als Zimmerleute, Mechaniker, Fahrer oder qualifiziertere Bauarbeiter eingesetzt wurden (vgl. SKELDON 1992: 4). Im Gegensatz zu Arbeitskräften aus arabischen Nachbarstaaten wurden asiatische Gastarbeiter zumeist in großem Stil über Arbeitsagenturen in die Golfstaaten vermittelt. Diese Arbeitsvermittler, die auch heute noch über großen Einfluss im asiatischen Migrationsgeschehen verfügen, bringen innerhalb kürzester Zeit praktisch jede beliebige Zahl an Arbeitskräften eines bestimmten Qualifikationsniveaus ins Land (vgl. MEYER 1995: 423). Die mit der Zeit immer größer werdende Bedeutung privater Vermittlungsagenturen und Mittelsmänner ist nebenbei für die Migranten nicht unproblematisch. Die von ihnen erho-
3
benen Gebühren für die Vermittlung können bis zu einem Viertel des Verdienstes der Gastarbeiter im ersten oder sogar den ersten beiden Jahren betragen (vgl. HUSA/WOHLSCHLÄGL 2000: 251).
Die wichtigste Rolle unter den südost- und ostasiatischen Entsendeländern spielten die Philippinen, sowie, in etwas geringerem Umfang, Indonesien, Thailand und Südkorea. Insgesamt befanden sich gegen Mitte der 1980er Jahre bereits ca. 3,2 Millionen Arbeitskräfte aus Süd-, Ost- und Südostasien in den Golfstaaten, davon zwei Millionen in Saudi-Arabien (vgl. HUSA/WOHLSCHLÄGL 2000: 250). Nicht zu vernachlässigen sind die dabei entstandenen Devisenflüsse in die Entsendeländer: alleine die koreanischen Gastarbeiter überwiesen zwischen 1979 und 1988 jährlich über 1 Milliarde US$ in ihr Heimatland, 1982 sogar annähernd 2 Milliarden US$ (vgl. SKELDON 1992: 5).
Verschiedene Faktoren beeinflussten die Migrationsströme in den Mittleren Osten bis in die frühen 1990er Jahre: veränderte Nachfrage, sinkende Rohölpreise und der Golfkrieg. Mit der Fertigstellung zahlreicher großer Infrastrukturprojekte endete auch die erste große Bauphase in vielen Golfstaaten. Die Nachfrage nach Arbeitskräften konzentrierte sich nunmehr anstatt auf Bauarbeiter verstärkt auf Dienstleistungs- und Wartungskräfte. Die seit den frühen 1980er Jahren fallenden Ölpreise waren ebenfalls mit verantwortlich dafür, dass der Bauboom ins Stocken geriet. Allerdings konnten nach dem Golfkrieg 1990/91 wieder Zuwächse bei vielen asiatischen Migrationsströmen beobachtet werden, hauptsächlich weil palästinensische und jordanische Gastarbeiter wegen der irakfreundlichen Posit ion ihrer Regierungen aus Kuwait und Saudi-Arabien ausgewiesen wurden und ersetzt werden mussten (vgl. WICKRAMASEKARA 1996: 101).
Dennoch verlagerte sich die ost- und südostasiatische Arbeitsmigration bereits ab Ende der 1980er Jahre zunehmend auf Ziele innerhalb der Region. Hauptgrund war das sich immer stärker entwickelnde, außergewöhnliche Wirtschaftswachstum, das „Asian Miracle“.
4. Vom „Asian Miracle“ zur Entwicklung eines „East Asian Migration System“
4.1 Wirtschaftliche und demographische Voraussetzungen
Das Wirtschaftswachstum in Ost- und Südostasien seit dem Zweiten Weltkrieg war höher als in allen anderen Regionen der Welt. Selbst nach dem zweiten Ölpreisschock und der
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Rezession in den USA Anfang der 1980er Jahre, als die Weltwirtschaft annähernd stagnie rte, verzeichneten die meisten ost- und südostasiatischen Volkswirtschaften noch ein solides Wachstum (s. Tabelle 1) (vgl. YAMAGATA 1996: 47 ff.).
Tabelle 1: Durchschnittliches jährliches Wachstum des BIP zwischen 1960 und 1990 in Japan und den
„Tigerstaaten“ Hongkong, Singapur, Südkorea und Taiwan (nach JONES/FINDLAY 1998: 91).
Die Länder Japan, Singapur, Hongkong, Taiwan und Südkorea haben in den vergangenen Dekaden eine ähnliche Entwicklung durchlaufen, auch wenn sie nicht in allen Ländern zum gleichen Zeitpunkt einsetzte. Gemeinsam ist diesen Staaten, dass die Grundlage des Wirtschaftsaufschwungs zunächst durch den Aufbau einer arbeitsintensiven, export-orientierten Produktionswirtschaft gelegt wurde, in der (damals reichlich vorhandene) billige einheimische Arbeitskräfte beschäftigt waren (vgl. PANG /LIM 1996: 61).
Parallel zum genannten Wirtschaftsaufschwung kam es in weiten Teilen der Region zu einem starken Rückgang der Geburtenziffern bzw. Gesamtfruchbarkeitsraten (TFR), wie in Tabelle 2 dargestellt:
Tabelle 2: Gesamtfruchtbarkeitsraten in ausgewählten asiatischen Ländern, 1960-95 (nach
OGAWA/MATSUKARA 1996: 40).
In allen Ländern und Regionen ist ein genereller Trend hin zu einer niedrigeren Gesamt-
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Arbeit zitieren:
Julius Arnegger, 2004, Jüngere Tendenzen der Arbeitsmigration in Ostasien, München, GRIN Verlag GmbH
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