Inhalt
Einleitung 1
1. Entstehungsgeschichtliche Grundlagen im
mythologischen Kontext 2
1.1 Leitmotiv und Verweisungstechnik - Der Einfluss
Richard Wagners 2
1.2 Die Philosophie Nietzsches - Das Apollinische und
das Dionysische 4
1.3 Die Neuklassik als literaturhistorischer Kontext 6
2. Mythologische Motive in „Der Tod in Venedig“ 7
3. Der Sieg des Dionysischen über das Apollinische 10
3.1 Die Darstellung von Apollinischem und Dionysischem
in der Erzählung 10
3.2 Der Tod als Konsequenz 12
Schluss 14
Bibliographie 16
Einleitung
Es ist eine der Besonderheiten Thomas Manns, dass sich dem Leser bei der Lektüre der Mann`schen Texte eine Vielfalt an Interpretationsmöglichkeiten bietet. Das liegt vor allem daran, dass sich das epische Werk auf mehreren Ebenen erschließen lässt.
Die Erzählung „Der Tod in Venedig“ ist dafür ein gutes Beispiel, denn hier vereinen sich psychologische, philosophische, moralistisch-ästhetische und mythologische Aspekte und Gedanken. Es existiert neben der Erzählebene eine oft kryptische, symbolisch-mythologische Verweisung. In meiner Ausarbeitung werde ich den Fokus auf diese Verweisungen richten, denn gerade im Bezug auf das Gesamtwerk Thomas Manns stellt „Der Tod in Venedig“ in dieser Hinsicht einen Wendepunkt dar, denn „die Erzählung ist [...] die erste seiner Dichtungen mit deutlich sichtbaren mythologischen Motiven, die man von nun an bis ins Spätwerk verfolgen kann“ 1 . Im Folgenden sollen diese mythologischen Verweise transparent gemacht werden, indem einige der wichtigen mythologischen Aspekte und Motive dargestellt werden.
In meiner Ausarbeitung fasse ich die wichtigsten Forschungsergebnisse der Sekundärliteratur zusammen und suche nach Belegen in der direkten Textarbeit. Ziel ist es, eine knappe und prägnante Darstellung wesentlicher Aspekte der Mythologie für das Gesamtverständnis der Novelle zu liefern. Es werden zunächst die wichtigsten entstehungsgeschichtlichen Aspekte im Hinblick auf die Mythologie vorgestellt. Anschließend wird untersucht, auf welche Art und in welchem Umfang Thomas Mann hier mit der Mythologie gearbeitet hat und wo sich am Text konkrete Hinweise finden und mythologische Motive nachweisen lassen.
Daneben wird in dieser Untersuchung der mythologisch-philosophische Gegensatz von Apollinischem und Dionysischem als antipodische Lebens- und Kunstprinzipien thematisiert. Dieser, durch die Philosophie Nietzsches geprägte Gegensatz wird erläutert und anhand von Beispielen am Text transparent gemacht.
1 Karthaus, Ulrich: Thomas Mann. Literaturwissen für Schule und Studium, Stuttgart 1994, S. 71 (hinfort zitiert als Karthaus 1994)
1
Abschließend werde ich der Frage nachgehen, ob der Tod Aschenbachs aus mythologisch-philosophischer Sicht unausweichlich ist und warum Thomas Mann seine Novelle darin gipfeln lässt.
1. Entstehungsgeschichtliche Grundlagen im mythologischen Kontext
1.1 Leitmotiv und Verweisungstechnik - Der Einfluss Richard Wagners
Bei der Entstehung der Novelle hat unter anderem Thomas Manns Beschäftigung mit der Musik und namentlich mit Richard Wagner eine wichtige Rolle gespielt.
Bezogen auf Wagner ist es in „Der Tod in Venedig“ gerade die Abwendung und Abspaltung auf inhaltlicher Ebene, die hier von Bedeutung ist. Während Thomas Mann noch in seinem Frühwerk Wagner´sche Handlungen mit mythologischem Kern verarbeitet hat, beispielsweise in „Tristan und Isolde“, so ist dies in dieser Novelle nicht mehr der Fall. Thomas Mann wendet sich von den germanischen Mythen und Fabeln Wagners ab und lenkt sein Interesse stattdessen auf die antike Mythologie. 2 Dabei werden „die Traditionen des Mythos [...] nicht pathetisch zelebriert, wie Wagners Kunst den germanischen Mythos zum monumentalen Gesamtkunstwerk [...] stilisiert, sondern sie werden funktionalisiert und damit ironisiert“ 3 . Mythologie ist somit nicht zentrales Thema, sondern Mittel zum Zweck. Konkret bedeutet das, dass Thomas Mann das Pathos nutzt um die eigene Ironie auszudrücken. Die klassische Mythologie fungiert dabei in ihrer strengen Klassizität gewissermaßen als Parodie; Es ist eine der Eigenarten Thomas Manns, durch Ironisierung und Distanzierung zu reflektieren, woran er glaubt. 4 Thomas Mann bedient sich somit der Mythologie zum Ausdruck seiner Gedanken. Dabei wird die Tradition in den Dienst der Zukunft gestellt. Altes wird für Neues benutzt. Thomas Mann verwendet zwar altüberlieferte Bilder
2 Vgl. Northcote-Bade, James: Die Wagner-Mythen im Frühwerk Thomas Manns, Bonn 1975, S. 85f (hinfort zitiert als Northcote 1975)
3 Karthaus 1994, S. 75
4 Vgl. Karthaus 1994, S 74ff
2
und Motive, jedoch nicht um ihnen ein Denkmal zu setzten, sondern um sie zukunftsweisend umzudeuten.
Betrachtet man allerdings die rein „handwerkliche“ Seite des Schreibens, so lassen sich sehr deutliche Entsprechungen mit Wagners Musik feststellen. Ein wichtiges Merkmal der Musik Wagners ist das Leitmotiv. Das Leitmotiv bei Wagner bedeutet, „dass das ganze Werk durch eine Folge wiederkehrender prägnanter Tongebilde strukturiert wird, die ein eigenes Gefüge von schaffen“ 5 . Bedeutungen Wesentlich dabei ist, dass dadurch
Bedeutungsbeziehungen und eine Ebenenstruktur entstehen. Das Entscheidende bei der Leitmotivtechnik ist, dass wichtige Motive durch Wiederholungen ständig in Erinnerung gebracht werden und so Assoziationen geweckt werden, die dann beim Hörer Verknüpfungen bewirken sollen. Klussmann definiert diese Funktion folgendermaßen:
Das Wiederauftauchen des Leitmotivs stiftet Verbindungen zwischen den Sequenzen oder wichtigen Augenblicken des dramatischen Spiels, oder es stellt jeweils die Figur bei ihrem Auftritt aufs neue vor, bringt deren Lage und psychische Befindlichkeit in Erinnerung, deutet sie neu und vielleicht anders aus und gibt dem musikdramatischen Vorgang Bedeutungskraft, Bedeutungsfülle und Sinntiefe. 6 Thomas Mann bedient sich in seinem künstlerischen Schaffen solcher Leitmotive. Sie dienen ihm in erster Linie um „erzählerische Realität im Außenbezirk von Physiognomie, Körper, Figur oder Gestalt“ 7 darzustellen. In „Der Tod in Venedig“ werden solche Motive nun auch mythologisch leitmotivisch verarbeitet, was ein Novum darstellt.
Die allegorisierende Methode, die jedes auf den ersten Blick realistische Detail durchscheinend macht, gründet sich hier und von nun an auf den Mythen des Abendlandes. Beispiel dafür ist die Motivkette der Hermesfiguren. Die Figuren haben alle einen Zusammenhang, der in einzelnen äußeren Merkmalen deutlich wird. Hier wird in großem Stil das Verfahren des mythischen Allegorisierens auf eine Gestaltenreihe gelenkt, die auf Ebene der Realität allenfalls sonderbar erscheint, die aber auf allegorischer Ebene den griechischen Gott Hermes in
5 Klussmann, Paul: Die Struktur des Leitmotivs in Thomas Manns Erzählprosa. In: Wolff, Rudolf (Hrsg.): Thomas Mann - Erzählungen und Novellen, Bonn 1984, S. 9 (hinfort zitiert als Klussmann 1984)
6 Ebd., S. 9
7 Ebd., S. 19
3
Arbeit zitieren:
Sascha Bechmann, 2004, Mythologische Aspekte in Thomas Manns Novelle 'Der Tod in Venedig', München, GRIN Verlag GmbH
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