Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung S.1
II. Hauptteil S.2
1. Zur Begriffsgeschichte S.2
2. Das Kollektiv S.4
3. Persönlichkeit - Kollektiv - Gesellschaft S.7
3.1 Das Individuum S.7
3.2 Persönlichkeit und Kollektiv S.9
3.2.1 Erziehung zum Kollektivismus
au ßerhalb des Kollektivs S.11
3.2.2 Erziehung zum Kollektivismus
innerhalb des Kollektivs S.14
3.3 Kollektiv und Gesellschaft S.15
3.3.1 Kollektiv und gesellschaftliche
Modernisierung S.17
III. Fazit S.19
IV. Literatur- und Quellenverzeichnis 21
I. Einleitung
Das Kollektiv war ein integraler Bestandteil des Lebens im Sozialismus. Dennoch ist seine Funktions- und Wirkungsweise bis heute kaum erforscht. Ziel dieser Arbeit ist es, eine Begriffsbestimmung vorzunehmen. Zu diesem Zweck wird zunächst ein kurzer Abriss der Begriffsgeschichte gegeben. Dem schließt sich dann eine Definition des Kollektivs nach sozialistischen Maßstäben an. Denn Hauptteil dieser Arbeit bildet eine Untersuchung der komplexen Beziehungen zwischen Individuum, Kollektiv und Gesellschaft. Wobei folgendermaßen verfahren wird. Zuerst scheint es notwendig zu klären, welches Bild der Sozialismus vom Individuum hat. Anschließend gilt die Betrachtung dem Zusammenschluss jener Individuen in Kollektiven. Die so gewonnen Erkenntnisse sind dann Ausgangspunkt einer Analyse der Beziehung zwischen dem in das Kollektiv integrierten Individuum und der Gesellschaft. Da keine Arbeiten zum Thema aus heutiger Perspektive vorliegen, beruht diese Analyse ausschließlich auf eigenen Auswertungen zeitgenössischer Quellen. Diese lassen sich in drei Kategorien unterteilen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf soziologischer Spezialliteratur zur Klärung der Theorie. Daneben wurden zu Fragen der praktischen Umsetzung des Kollektivsgedankens auch Titel zu Aspekten der politischen Schulung sowie für die Allgemeinheit bestimmte politische Lexika herangezogen. Aufgrund der Sprachbarriere wurden fast ausschließlich Quellen aus dem Raum der ehemaligen DDR herangezogen. Dennoch ist, unter der Annahme einer grundsätzlichen Übereinstimmung in den ideologischen Grundgedanken in allen sozialistischen Systemen, bedingt durch die Hegemonie der Sowjetunion, davon auszugehen, dass die so gewonnen Ergebnisse für Sozialismus allgemein gültig sind.
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II. Hauptteil
1. Zur Begriffsgeschichte
Der Ursprung des sozialistischen Kollektivbegriffs ist wohl in der von Marx postulierten Gemeinschaftlichkeit der Arbeiterklasse zu suchen. Die Herstellung jener Gemeinschaft der Arbeiter, als Ausdruck des Klassenbewusstseins, sei sowohl Instrument als auch Zielvorstellung der Überwindung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse. 1 Gemeinschaft gilt hierbei nicht als bloßer funktioneller Zusammenschluss zum Zweck der effizienteren Organisation des revolutionären Umsturzes, sondern als tatsächliche Vereinigung des Proletariats in dem Bewusstsein der Identität der Interessen aller assoziierten Individuen. 2 Die Verwirklichung dieses Gedankens habe, so Marx, den Sturz der herrschenden kapitalistischen Klasse zur Vorraussetzung. 3 Denn zum einen leiste diese Widerstand gegenüber der Entwicklung eines derartigen Klassenbewusstseins, der beseitigt werden müsse, und zum anderen könne sich jenes Bewusstsein, und die damit einhergehende Fähigkeit zu einer neuen sozialistischen Begründung der Gesellschaft, nur im Zuge der gemeinsamen revolutionären Anstrengung umfassend entwickeln. 4 Der Revolution fällt in diesem Zusammenhang also eine doppelte Bedeutung zu. Sie dient einerseits dem Offensichtlichen, nämlich dem umstürzlerischen Akt, hat aber anderseits auch eine Funktion in Hinblick auf die Selbsterziehung der Arbeiterklasse. Diese Funktionalität setzt sich auch nach der Entstehung sozialistischer Nationalstaaten fort. Die Revolution gilt keineswegs als abgeschlossen, sondern verlagert sich vielmehr auf eine ausschließlich ideologische Ebene der Auseinandersetzung mit dem Klassenfeind. Das primäre Instrument dieses neuen Konflikts ist Arbeit. Ohne an dieser Stelle auf die Bedeutung der Arbeit im System der sozialistischen Philosophie genauer eingehen zu können, lässt sich doch sagen, dass die individuelle Produktivität jedes einzelnen Arbeiters, erzielt in dem Bewusstsein der gemeinschaftlichen Verbundenheit mit seiner Klasse, dazu dienen sollte, die Überlegenheit des sozialistischen Wirtschaftssystems unter Beweis zu stellen und somit der marxistisch-leninistischen
1 Vgl. Sauermann, Ekkehard: Makarenko und Marx, Praktisches und Theoretisches über die Erziehung der Arbeiterjugend, Berlin 1987, S.154ff.
2 Vgl. ebd.
3 Vgl. ebd., S.158.
4 Vgl. ebd.
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Ideologie zur Durchsetzung zu verhelfen. 5 Aus dem bisher Gesagten lässt sich folgender Zusammenhang entwickeln. Erstens steigert die gemeinsame Anstrengung in der gemeinschaftlichen Produktion das Klassenbewusstsein des sozialistischen Arbeiters. Zweitens gilt umgekehrt, dass ein starkes Klassenbewusstsein zu einer Erhöhung der Arbeitseffizienz und damit des produktiven Ausstoßes der sozialistischen Wirtschaft führt. Und Drittens ist Erstens und Zweitens Ursache der Überlegenheit des Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus, die es zu demonstrieren gilt, um die sozialistische Revolution voranzutreiben.
Vor diesem Hintergrund entwickelte Makarenko seine Theorie vom Kollektiv als Instrument der Erziehung der Jugend und schuf damit zugleich das Fundament für die Manifestation des abstrakten marxschen Gemeinschaftsgedankens in konkreten sozialistischen Produktionsverhältnissen. Die entscheidende qualitative
Weiterentwicklung der marxschen Grundannahmen durch Makarenko ist darin zu sehen, dass er diese nicht länger nur auf die Arbeiterklasse als Ganzes bezieht, sondern auf kleine überschaubare soziale Gemeinschaften herunterrechnet, so wie sie in der Realität, beispielsweise in Betrieben, tatsächlich vorkommen. Er geht davon aus, dass diese Gemeinschaften eine natürliche und grundlegende Existenzform der Menschheit sind, d.h., nicht nur eine bloßer rational begründeter Zusammenschluss eigentlich unabhängiger Individuen, und insofern eine Eigendynamik besitzen, die sich nicht nur aus der Summe der einzelnen ergibt. 6 Diese Gemeinschaft, so Makarenko, zeichnet sich vor allem durch das Streben nach Verbesserung des Lebens und die Überzeugung aus, dass eine solche Verbesserung nur in sozialen Formen erreichbar ist. 7 Diejenigen Gemeinschaften, die das Prinzip des Klassenbewusstseins, also der Identität der Interessen aller Arbeiter, verinnerlicht haben, bezeichnet Makarenko als Kollektive. 8
5 Vgl. Kahl, Alice/Wilsdorf, Steffen H./Wolf, Herbert F.: Kollektivbeziehungen und Lebensweise, Berlin 1984, S.27.
Vgl. Arbeit, S.41, in: Freyer, Hans (u.a.) (Hrsg.): Lexikon der Wirtschaft, Arbeit, Bildung, Soziales, Berlin 1982, S.39-41.
Vgl. Kollektiv, S.203, in: Labs, Hans-Joachim (u.a.) (Hrsg.): Pädagogisches Wörterbuch, Berlin 1987, S.202-203.
6 Vgl. Makarenko, Anton S.: Versuch einer Methodik der Erziehung in einer Arbeitskolonie für Kinder und Jugendliche, S.268, 273f., in: Ders.: Pädagogische Werke, Bd. I., Berlin 1988, S.260-297.
7 Vgl. ebd.
8 Vgl. ebd., S.274.
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D.h., das Kollektiv vereint die Individuen in gemeinsamer Arbeit für ein gemeinsames Ziel, nämlich die Verbesserung des Lebens, während das Klassenbewusstsein die Zielperspektive auf die gesamte Arbeiterschaft erweitert, die verschiedenen Kollektive also vereint und somit jene von Marx postulierte Gemeinschaftlichkeit der Arbeiterklasse schafft. 9
Das einzelne Kollektiv weist dabei in seiner gemeinschaftlichen Anstrengung zu Revolution, verstanden als gemeinsame Produktion für die Arbeiterklasse, den gleichen Selbsterziehungseffekt auf wie die Klasse insgesamt bei Marx. 10 Diesen Selbsterziehungseffekt macht Makarenko zum Hauptgegenstand seiner pädagogischen Betrachtungen. Dennoch entfaltet seine Kollektivtheorie auch und vor allem Wirkungen weit über den Bereich der Erziehung hinaus. Makarenko ist es gelungen, einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem abstrakten marxschen Klassengedanken und dem einzelnen konkreten Individuum herzustellen, ohne dieses zugleich aus seinem sozialen Umfeld zu lösen. Das Kollektiv ist die Vermittlungsinstanz zwischen Klassen-und Einzelbewusstsein, und macht letzteres wesentlich zugänglicher für den Einfluss des ersteren. Zwar hat Makarenko den Kollektivbegriff nicht geprägt, er hat aber die Grundlage für dessen theoretische Aufarbeitung gelegt. Insofern ist es nicht verwunderliche, dass sich fast die gesamte nachfolgende sozialistische Forschung zum Thema auf ihn stützt.
2. Das Kollektiv
Zu unterscheiden sind verschiedenste Arten von Kollektiven, die Literatur spricht von Kinder-, Jugendlichen-, Erwachsenen-, Schüler-, Pädagogen-, Produktions-, Forscherkollektiven usw. 11 Aus schon erwähnten Gründen kommt dem Arbeitskollektiv im Zuge des Klassenkampf und -bewusstseins besondere Bedeutung zu. Trotz dieser Heterogenität lässt sich das grundlegende Wesen des Kollektivgedankens durch fünf von Makarenko formulierte Punkte beschreiben, die auch in der Nachfolge ihre Gültigkeit behielten und in der Literatur stets anzutreffen sind:
9 Vgl. Sauermann, Ekkehard: Makarenko und Marx, Berlin 1987, S.100ff.
10 Vgl. ebd.
11 Vgl. Kollektiv, S.202, in: Labs, Hans-Joachim (u.a.) (Hrsg.): Pädagogisches Wörterbuch, Berlin 1987, S.202-203.
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Arbeit zitieren:
Jan Trützschler, 2005, Das sozialistische Kollektiv: Eine Begriffsbestimmung, München, GRIN Verlag GmbH
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