Oberseminar - SS 2005:
Englische Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts.
Einflüsse auf den Kontinent
SCHINKEL und ENGLAND
Seminararbeit
von
Christa Harlander
INHALTSVERZEICHNIS
1. Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) – Biographie 2
2. Englands Pionier- und Vorbildfunktion im 18. und 19. Jahrhundert 3
3. Ansätze zu neuen Lösungen in Schinkels Werken vor 1826 4
4. Die Reise nach England im Jahr 1826 5
4.1. Das "Besichtigungsprogramm"in England 5
4.1.1. Sakral- und Profanbauten 6
4.1.2. Industrie- und Nutzbauten 8
5. Einflüsse englischer Architektur auf Schinkels Werk nach 1826 10
5.1. Berliner Packhof (1825-32) 11
5.2. Kaufhausentwurf (1827) 11
5.3. Berliner Bauakademie (1831-36) 12
5.4. Entwurf für Berliner Bibliothek (1835) 13
5.5. Verwendung von Eisen für die Gestaltung von Innenräumen und Möbeln (ab 1826) 13
6. Die Englandreise im Hinblick auf die Förderung von Preußens Gewerbe und Industrie 14
7. Resümee 15
8. Anhang 16
8.1. Exkurs: Schinkels Entwurf für eine Rundkirche (um 1827) und die möglichen Vorbildfunktionen des Stallgebäudes in Brighton sowie der Paulskirche in Frankfurt 16
8.2. Anmerkungen 17
8.3. Bibliographie 19
8.4. Abbildungsnachweis 21
8.5. Abbildungen 23
1. Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) - Biographie
Karl Friedrich Schinkel wurde am 13.3.1781 in Neuruppin1)geboren. 1794, sieben Jahre nachdem sein Vater, ein evangelischer Geistlicher, im Zuge eines Stadtbrandes ums Leben gekommen war, übersiedelte Schinkels Mutter mit ihm und seinen vier Geschwistern in ein Predigerwitwenhaus in Berlin.
Bis 1798 besuchte Schinkel ein Berliner Gymnasium, das er vorzeitig verließ, um sich bei David Gilly, der eine private Bauschule führte, zum Architekten ausbilden zu lassen. Ab 1799 studierte er an der von Gilly mitbegründeten und damals neu eröffneten Berliner Bauakademie. Während seiner Studienzeit wohnte Schinkel im Haus von David Gilly und wurde ein guter Freund von Gillys Sohn Friedrich, dessen architektonische Arbeiten er sehr bewunderte.2)
Im Jahr 1800, als Friedrich Gilly im Alter von nur 28 Jahren an Tuberkulose starb, verließ Schinkel die Bauakademie. (Ob er eine Abschlussprüfung abgelegt hat, ist nicht gesichert.) Danach führte er zunächst einige kleinere Aufträge aus, vor allem Umbauarbeiten. Außerdem vollendete er Projekte, die er von seinem Freund Gilly „geerbt“ hatte.
1803 verfügte Schinkel über genügend Geld, um eine Rundreise durch Italien anzutreten, im Zuge der er sich ungefähr ein halbes Jahr in Rom aufhielt. Nach seiner Rückkehr nach Berlin im Jahr 1805 hatte er zunächst kaum Gelegenheit als Architekt zu arbeiten. Einer der Gründe dafür war wohl die allgemein schlechte Auftragslage infolge der kriegsbedingten politischen und wirtschaftlichen Situation Preußens.3)
Schinkel war daher bis 1810 hauptsächlich als Maler tätig und entwarf außerdem Hintergrundbilder für Dioramen.4) Später schuf er auch Bühnenbilder für Theater und Oper (unter anderem 1815/16 für Mozarts Zauberflöte). Arbeiten dieser Art führte er auch noch aus, als sich die Architekturaufträge mehrten. Darüber hinaus gestaltete er auch Festdekorationen, Möbel und kunsthandwerkliche Gegenstände.
Schinkels erste Architekturprojekte umfassten vor allem Entwürfe für Grab- und Denkmäler, von denen jedoch nur wenige tatsächlich umgesetzt wurden. Auch seine Pläne für den Neubau der 1809 abgebrannten Petri-Kirche blieben unausgeführt. Das erste größere Bauwerk, das Schinkel nach seinen Entwürfen ausführen konnte, war die "Neue Wache" (1816-18) (Abb. 1).
Parallel zu seiner künstlerischen Arbeit wurde Schinkel ab 1810 als Beamter tätig. Durch Vermittlung von Wilhelm von Humboldt, den Schinkel in Rom kennen gelernt hatte und der inzwischen Leiter der Sektion für Kultus und Unterricht im Innenministerium war, wurde er zunächst zum Geheimen Oberbauassessor in der Technischen Oberbaudeputation ernannt. Die weiteren Schritte seiner "Beamtenkarriere" waren Beförderungen zum Geheimen Oberbaurat 1815, zum Oberbaudirektor 1831 und zum Oberlandesbaudirektor 1839.
Neben den schon genannten Tätigkeiten verfasste Schinkel auch mehrere Publikationen. Bis zu seinem Tod arbeitete er an einem "Architektonischen Lehrbuch", ab 1819 gab er die "Sammlung architectonischer Entwürfe"5) heraus und 1821-37 arbeitete er gemeinsam mit Peter Beuth (auf den im Laufe der Arbeit noch näher eingegangen wird) an den "Vorbildern für Fabrikanten und Handwerker", einer Sammlung von Mustern für die industrielle Herstellung von Gebrauchsgegenständen, durch welche die Qualität der preußischen Produkte verbessert werden sollte.
Darüber hinaus beschäftigte sich Schinkel auch mit Problemen der Denkmalpflege. 1815 publizierte er die „Grundsätze zur Erhaltung alter Denkmäler und Altertümer unseres Landes". Zudem bemühte er sich auch konkret um die Erhaltung einzelner historischer Gebäude.
Auf der Suche nach neuen Anregungen unternahm Schinkel im Laufe seines Lebens zahlreiche Reisen, unter anderem mehrmals nach Italien, in verschiedene deutsche Städte, nach Antwerpen und Amsterdam und nach Pommern. Eine mehrmonatige Studienreise durch (Frankreich und) England im Jahr 1826 brachte - wie in den folgenden Abschnitten dieser Arbeit noch gezeigt werden wird - einige neue Impulse für Schinkels Werk.
Von 1836 bis zu seinem Tod am 9. Oktober 1841 lebte Schinkel mit seiner Familie in einer Dienstwohnung, die sich in der von ihm geplanten und errichteten Bauakademie in Berlin befand.
2. Englands Pionier- und Vorbildfunktion im 18. und 19. Jahrhundert
Im Laufe des 18. Jahrhunderts gelang es England, seine Position als führende Kolonial-, Handels- und Seemacht auszubauen und zu festigen. Auf der Basis dieser Vormachtstellung konnte die Industrialisierung des Landes rasch voranschreiten, so dass England auch in dieser Hinsicht Vorreiter in Europa wurde. Es erfolgte ein Ausbau der Infrastruktur und die Entwicklung neuer Techniken und Herstellungsmethoden ermöglichte die maschinelle Massenproduktion. Die wichtigsten Industriezweige waren zunächst vor allem die Textilindustrie und die Eisenproduktion.
Schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatten die Engländer ein Verfahren zur Herstellung von Koks (aus Steinkohle) entwickelt, was eine wesentliche Grundlage für die Produktion von qualitativ hochwertigem Eisen in großen Mengen war. Letzteres wurde zunächst vor allem für die Herstellung von Werkzeugen und Maschinen eingesetzt, bald jedoch auch als Baustoff.
1775-79 wurde in Coalbrookdale die erste Brücke aus Gusseisen errichtet, um 1780 begann man Gusseisenstützen für die Konstruktion von Fabrikgebäuden einzusetzen. 1812-13 konstruierte Thomas Rickmann mit Hilfe des Eisenfabrikanten John Cragg bereits das gesamte innere Gerüst und auch das Fenstermaßwerk der Pfarrkirche St. George in Liverpool aus Gusseisen (Abb. 2). Bald darauf setzte John Nash beim Umbau des Royal Pavillon Eisen sowohl für konstruktive als auch dekorative Lösungen ein.6)
[....]
1) Neuruppin liegt ca. 80 km nordwestlich von Berlin.
2) Friedrich Gilly (1772-1800) hatte 1797 bei der Herbstausstellung der Berliner Akademie der Künste Aufsehen erregt mit seinem - im Sinne des Revolutionsklassizismus gestalteten - Entwurf für ein monumentales Denkmal für Friedrich den Großen (1712-1786).
3) Besonders prekär war die Situation für Preußen nach dem Frieden von Tilsit 1807, in dem das Königreich, dessen Heer die Doppelschlacht von Jena und Auerstedt gegen Napoleon I. verloren hatte, über die Hälfte seines Territoriums abgeben musste. Zudem wurde Preußen zur Zahlung hoher Kontributionen verpflichtet und in die Kontintalsperre gegen England einbezogen.
4) Unter Dioramen verstand man damals Schaukästen bzw. kleine Bühnen, auf denen kleine (oft mechanisch bewegte) Figuren und Gegenstände vor einem gemalten Hintergrund historische Szenen darstellten, wobei die Gestaltung darauf abzielte, eine möglichst gute Illusion von räumlicher Tiefe und Wirklichkeitsnähe zu erreichen. Zu diesem Zweck wurden auch verschiedene unterstützende Effekte, wie etwa Rauch, Dampf, Geräusche und Musik eingesetzt.
5) Diese erschienen bis 1840 in insgesamt 28 Einzelheften.
6) Sowohl der frühe Einsatz von Eisen für die Konstruktion englischer Nutzbauten als auch der Royal Pavillon werden im Abschnitt über Schinkels Englandreise noch ausführlicher behandelt.
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Christa Harlander, 2005, Karl Friedrich Schinkel und England, Munich, GRIN Publishing GmbH
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