Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Hauptteil 4
2.1 Einige Vorbemerkung zum Begriff des Rezitativs im herkömmlichen Sinn 4
2. 2 Zur Diskussion des Begriffs „Instrumentalrezitativ“ 5
2.3. Carl Philipp Emanuel Bach 6
2.4. Exkurs „Von dem Stylo Theatrali allgemein“ (Heinrich Schütz/Christoph
Bernhard ) 13
2.5 Wilhelm Friedemann Bach 16
3. Synthese 19
4. Quellen 21
4.1 Quellen, Notenmaterial 21
4.2 Literatur 21
4.3 Abbildungsverzeichnis 22
2
1. Einleitung
Die vorliegende Seminararbeit widmet sich der exemplarischen Analyse einzelner Werke der Komponisten und Bach-Söhne Wilhelm Friedemann Bach (1710-1784) und Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788) unter dem Gesichtspunkt der Nachahmung vokaler Rezitativtechniken in Instrumentalwerken der genannten Komponisten, eine Technik, die in der Literatur allgemein als „Instrumentales Rezitativ“ bezeichnet wird. 1 Sie strebt keine Vollständigkeit im Sinne einer abschließenden Diskussion und Analyse aller Rezitativabschnitte an, sondern setzt dabei bewusst ihren Schwerpunkt auf einzelne Beispiele und deren Analyse. Als Definitionsgrundlage für die Bestimmung von instrumentalem Rezitativ greift der Verfasser auf die grundlegenden Arbeiten Paul Mies’ 2 sowie Herbert Seiferts kritische Diskussion der bisher verwendeten Kriterien in seinem Aufsatz „Das Instrumentalrezitativ vom Barock bis zur Wiener Klassik“ 3 zurück. Können diese Kriterien für diese Arbeit als allgemeingültig angesehen werden, so ist es bei einigen Fallbeispielen, insbesondere der Fantasien Carl Philipp Emanuel Bachs, vonnöten, die Kriterien aufgrund mannigfaltiger clavieristischer Manieren, welche die eigentliche rezitativische Formelstruktur umspielen und verklären, in gewisser Weise „aufzuweichen“. Der Verfasser wird dies an gegebener Stelle analytisch belegen.
Den Schwerpunkt der Arbeit nehmen die Werke Carl Philipp Emanuel Bachs ein; dieses ist zum einen in dem häufigeren Vorhandensein von Instrumentalrezitativen zu erklären, zum anderen ist die Sekundärliteratur zu diesen Werken äußerst ausgeprägt und bietet mannigfaltige analytische Ansätze. Wenn hier auf eine Analyse der Werke von Johann Christian Bach (1735-1782) verzichtet wird, geschieht dies aufgrund einer gründlichen Sichtung seiner Sonaten, die dem Stil der Vorklassik näher stehen und barocke Formmodelle eher vernachlässigen. 4
1 Für eine Einführung in den Zusammenhang zwischen Vokalem und Instrumentalem Rezitativ sowie einer
Bibliographie siehe: Strohm, Reinhard: Artikel Rezitativ, S.223, in Neues MGG.
2 Mies, Paul: Das instrumentale Rezitativ. Von seiner Geschichte und seinen Formen, Bonn 1968: H. Bouvier
und Co. Verlag.
3 Seifert, Herbert: Das Instrumentalrezitativ vom Barock bis zur Wiener Klassik in: De Ratione in Musica,
Festschrift Erich Schenk zum 5. Mai 1972, Kassel 1975: Bärenreiter.
4 Über den Zusammenhang zwischen Johann Christian Bach, Vorklassik und Klassik (Beethoven, Mozart,
Haydn) vergl. Rosen, Charles: Der klassische Stil. Haydn, Mozart, Beethoven, Kapitel I.1 Die musikalische
Sprache am Ende des 18. Jahrhunderts, S. 17ff, dt. Ausgabe Kassel 1983: Bärenreiter.
3
2. Hauptteil
2.1 Einige Vorbemerkung zum Begriff des Rezitativs im herkömmlichen Sinn
Wenn auch die nun folgende Arbeit sich dem instrumentalen Rezitativ widmen wird, sollen einige, wenn auch nicht zur Vollständigkeit verpflichtete Vorbemerkungen die historischen Begriffspaare „secco“ und „accompagnato“ definitionsmäßig erläutern und semantische Unklarheiten ausräumen. 5
Wird das Verb „recitare“ für vortragen bereits 1508 von Castigliogne in der Wendung „cantare alla vila per recitare“ für einen musikalischen Zusammenhang verwendet, kristallisiert sich der Begriff Stile Recitativo in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts in Italien (Florenz) heraus. Der Begriff verbreitet sich schnell in England und Deutschland -Schütz beansprucht mit der Komposition der Psalmen Davids, diesen 1619 in Deutschland eingeführt zu haben - und wird in musiktheoretischen Traktaten eingehend definiert. Während J. H Walter im Musicalischen Lexicon (1732) das Rezitativ lediglich als ein Werk mit Generalbassbegleitung, in welchem Affekte mittels Deklamation dargestellt werden, definiert, kennt Matthesons Definition im Vollkommenen Capellmeister das Recitativo „...ohne und mit instrumentalem Accompagnement.“. Ferner zählt Mattheson Kriterien für ein „gutes Rezitativ“ auf, zu denen u.a. Natürlichkeit, Einhaltung des „Affects“, Rücksicht auf Gliederung und Akzentuierung des Texts, Verzicht auf Melismen und Wiederholungen gehören.
Matthesson und später auch Scheibe (1745) unterscheiden die zwei gleichen Arten des Rezitativs („secco“ und „accompagnato“); als Beispiel seien hier einige Aussagen Scheibes zitiert: „[Das Rezitativ sei] singende Rede...[es gehe um die]...nachdrückliche....und genaueste...Nachahmung der Rede des Menschen...[das von anderen Instrumenten begleitete Rezitativ wird in zwei Arten unterschieden, die eine, bei der ].....die Instrumente ganz gelinde, und ohne hervorzuragen, die Singestimme begleiten...[und die andere, bei der ]...die Instrumente zwischen der recitativischen Rede dann und wann auf eine nachdrückliche Art hervorragen.“ 6 Letzere bezeichnet Scheibe als „Accompagnement“.
Wenngleich Marpurg 1762 eine neue Klassifikation in der Terminologie vorschlägt und sie auf ihren Verwendungskontext bezieht - das „neuere“ und „älterere“ Rezitativ, das „simple“
5 Für eine genaue und detaillierte quellenkundliche Herausarbeitung des Begriffs „Rezitativ“ sei der Artikel
„Artikel“ von Claude V. Palisca aus dem Handbuch der Musiktheorie (HmT, II. Auslieferung, Winter 1983/84)
empfohlen. Auf ihn wird in der folgenden Darstellung ebenfalls zurückgegriffen; auf die expliziten
Quellenangaben wird daher verzichtet..
6 Ebendort, S. 10, 2. Spalte.
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und „accompagnirte“ sowie das „geistliche“ und „weltliche“ Rezitativ -, so schließt sich der Verfasser gerade bei der Zuweisung bei den folgenden Analysen von Instrumentalrezitativen der Definitionsweise Scheibes an, wenn auch in der italienischen Sprachform. Da in dieser Seminararbeit nur solistische Clavierwerke analysiert werden, wird somit der Begriff „secco“ durch Passagen verwendet, in denen die Unterstimme (Bass) durch langsame Basso continuo-Bewegungen gekennzeichnet ist. Bei rhythmisierten, meist durch Punktierungen akzentuierten Akkordschlägen wird dann der Begriff „Accompagnato“ benutzt, da er die Idee einer die Rezitativmelodie kontrastierende orchestralen Schicht unterstützt. 7
2. 2 Zur Diskussion des Begriffs „Instrumentalrezitativ“
Paul Mies zielt in seiner Begriffsbestimmung zunächst auf die „Anknüpfung oder Nachahmung eines vokalen Genres“ 8 und greift somit als Basis auf das Vokalrezitativ zurück. Die beiden Normen Rezitativo Secco und Rezitativo Accompagnato, welche sich für das Vokalrezitativ im Stilo rappresentativo herauskristallisiert haben, sieht er für das instrumentale Rezitativ als bindend an, wobei er betont, „...dass das Rezitativ zwei verschiedene Kontraste in sich birgt. Einmal den zwischen der Singstimme und der Begleitung, gleichgültig ob es sich beim Secco nur um Akkordstützen oder beim Accompagnato um oft gleiche affektbezogene Motivbildungen handelt.“ 9 Die unabhängige Formgestaltung des Rezitativs und seine Möglichkeit zur dramatischen, teils rhetorisch motivierten Ausgestaltung sieht Mies als Kern der Abgrenzung Rezitativ-Arie an. Mies erkennt durchaus, dass die Bestimmung eines Instrumentalrezitativs der Schwierigkeit unterworfen ist, sie vom virtuosen und improvisatorischen Element wie in der Fantasie zu unterscheiden. Die „Verwirrung“ entstehe einerseits durch Satz-oder
Ausführungsbezeichnungen der Komponisten („quasi rezitativisch“, „rhetorisch“ oder auch die Stückbezeichnungen „Fantasie“ und „Rezitativ“), andererseits durch eine Konzentration bei der Analyse auf den Faktor Virtuosität. Mies führt hier die seiner Meinung nach in der musikwisssenschaftlichen Forschung falsch verstandene Toccata in e-Moll von Johann Sebastian Bach an (BWV 914) und kommt zu dem Schluss, dass es für die eindeutige Bestimmung eines Instrumentalrezitativs nicht ausreiche, freie fantasievolle und
7 An den jeweiligen Stellen wird dieses analytisch erläutert (siehe C. Ph. E. Bach, Württembergische Sonaten).
8 Mies, Paul: Das instrumentale Rezitativ. Von seiner Geschichte und seinen Formen, S. 8, Bonn 1968: H.
Bouvier und Co. Verlag.
9 Ebendort, S. 10.
5
improvisatorisch geprägte Abschnitte zu verwenden, denn „Jeder Kontrast zwischen Haupt-und Begleitstimmen fehlt.“ 10
An diesem Punkt setzt Seifert in dem eingangs angeführten Aufsatz an. Er unterstreicht zwar Mies’ Feststellung, dass „...toccaten- und fantasieartige Bildungen als rezitativisch...“ 11 angesehen werden, kritisiert aber gleichzeitig Mies’ Definition, in welcher ein Kontrast zwischen rezitierender Stimme und Begleitung ausreiche, um ein Instrumentalrezitativ auszumachen. Er lenkt vielmehr den Fokus auf die Verwendung einer charakteristischen Formelsprache, wie sie jedem Vokalrezitativ innewohne, und folgert: „Will der Instrumentalkomponist das Rezitativ nachahmen, verwendet er immer auch dessen charakteristische Melodik mit Vorhalten, Tonwiederholungen, der typischen Quartfallkadenz und Formeln....Der oben genannte Kontrast besteht meistens zwischen einer in kurzen Phrasen als Achtel- und Sechzehntelnoten rezitierenden Hauptstimme und einer in halben oder ganzen Noten oder noch längeren Orgelpunkten fortschreitenden Harmoniestütze; es kommt aber auch vor, dass die Basstöne bzw. Harmonien nicht liegen bleiben, sondern nur kurz angetönt werden und die Oberstimme ohne Begleitung rezitiert.“ 12 Dieser Ansicht, welche sich sogar auf die konkrete Sichtweise der damaligen zeitgenössischen Kompositionstraktatschreibung stützt - der Verfasser wird dieses in einem kleinen Exkurs am Beispiel der Kompositionslehre Heinrich Schützens in der Fassung seines Schülers Christoph Bernhard beleuchten 13 - hat sich der britische Musikwissenschaftler David Charlton angeschlossen und hierzu eine detaillierte Studie erarbeitet 14 . In den nun folgenden exemplarischen Fallstudien wird diesem Aspekt Seiferts die notwendige Aufmerksamkeit bei der Analyse geschenkt werden, abgesehen von gewissen Einschränkungen und Aufweichungen bei der Betrachtung der Fantasien Carl Philipp Emanuel Bachs.
2.3. Carl Philipp Emanuel Bach
Einige Werke Carl Philipp Emanuel Bachs, einem der wichtigsten deutschen Vertreter des sogenannten neuen „empfindsamen Stils“, im Gegensatz zum französischen und italienischen
10 Ebendort, S. 11.
11 Seifert, Herbert: Das Instrumentalrezitativ vom Barock bis zur Wiener Klassik in: De Ratione in Musica,
Festschrift Erich Schenk zum 5. Mai 1972, S. 103, Kassel 1975: Bärenreiter
12 Ebendort, S. 104.
13 Müller-Blattau, Joseph (Hrsg.) Die Kompositionslehre Heinrich Schützens in der Fassung seines Schülers
Christoph Bernhard, Kassel 1999 3 : Bärenreiter. Vgl. besonders die Aussagen im Kapitel „Von dem Stylo
Theatrali insgemein“ (S. 82ff).
14 vgl. Charlton, David: Instrumental recitative: A Study in morphology and context, 1700-1808 in: Comparative
Criticism. A Yearbook, vol 4, Cambridge 1982.
6
Arbeit zitieren:
Dr. Raphael Thöne, 2006, Das Instrumental-Rezitativ in den Clavierwerken Carl Ph. E. Bachs und Wilhelm F. Bach, München, GRIN Verlag GmbH
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