Inhalt
Einleitung 4
1. Zwischen Mythos und Versachlichung 11
1.1 Herkunft und Identität
12
1.1.1 Oppenheimers esoterisches Judentum (Stern) 12
1.1.2 Der ritterliche Jude (Elwenspoek) 17
1.1.3 Der Jude als Emporkömmling (Kornfeld) 20
1.2 Der dämonische Charakter
23
1.2.1 Die Rache des Sündenbocks (Feuchtwanger) 24
1.2.2 Von der Schuld des Handelnden (Stern) 25
2. Erotik und Exotik 27
2.1 Maskerade und Attraktion: Die Suche nach dem wahren Gesicht
28
2.1.1 Die verkapselte Lichtgestalt (Feuchtwanger) 29
2.1.2 Deutungsversuche der Historiographie 33
2.1.2.1 Die psychologische Phantasie (Elwenspoek) 33
2.1.2.2 Entzauberung der Legende (Stern) 34
2.2 Die Schönheit des Bösen
37
2.2.1 Begierde und Ambivalenz (Feuchtwanger) 39
2.2.2 Eine homoerotische Freundschaft (Kornfeld) 44
2.2.3 Oppenheimer als Kind des Barock (Stern) 46
2.2.4 Der galante Abenteurer (Elwenspoek) 48
2.3 Orient und Okzident (der Weg des Juden zwischen Ost und West)
50
2.3.1 Von der Macht zum Verzicht (Feuchtwanger) 50
2.3.2 Der Dualismus der Seele (Stern) 55
3. Zwischenbemerkung 57
2
4. Die Darstellung von Fremdheit 59
4.1 Entfremdung und Annäherung: Oppenheimer und die Juden
63
4.1.1. Entfremdung als äußerer Schein (Stern) 63
4.1.2. Die Grablegung des Messias (Feuchtwanger) 65
4.1.3. Juden als Bittsteller (Kornfeld) 68
4.2 Die Funktion des Fremden in der christlichen Gesellschaft
69
4.2.1 Der höfische Agent (Feuchtwanger) 69
4.2.2 Judenhass als Herrschaftsmittel (Kornfeld) 72
4.2.3 Oppenheimers unpopuläre Politik (Stern) 74
4.3 Fremdheit und Bewegung
76
5. Der Kampf um ein Symbol 80
5.1 Theoretische Überlegungen zum Symbolbegriff 81
5.2 Der Hofjude im Kontext jüdischer Symbolik 83
5.3 Ein politischer Mensch als Politikum: Walther Rathenau als Vorbild der
Oppenheimer-Literatur 88
5.4 Ein Exorzismus des Antisemitismus 94
6. Schlusswort 96
Literatur 100
3
Einleitung
Ein Schabkunstblatt aus dem Jahr 1738, das die Gestalt des im selben Jahr in Stuttgart hinge- richteten Finanzexperten Joseph Süß Oppenheimer gleich doppelt abbildet, fasst dessen Be- deutung für seine Zeit aus christlicher Perspektive zusammen. Gezeigt wird auf der einen Sei- te der ehemalige Hofjude in Dreispitz, Galanteriedegen und Schoßrock. In Schnallenschuhen und mit Spazierstock repräsentiert er das modische Bild des Hochadels, seine Haltung strahlt Selbstbewusstsein und amtliche Würde aus. Eine Bildüberschrift verziert das Blatt mit einer Aufzählung seiner Titel des Jahres 1736, zeichnet ihn aus als gewesenen „Württembergischen
Geheimen Rath, Cabinets-Minister und Financien-Directorie“. 1 Diesem „Glücksstand“ steht auf der anderen Seite der „Unglücksstand“ entgegen, dem fürstlichen Titel des ersten Bildes entspricht hier eine Kurzfassung des Todesurteils. Die Haltung Joseph Oppenheimers drückt Ratlosigkeit aus, seine Kleidung verrät nichts mehr von der vergangenen Würde, ein dunkler Bart wächst an seinem Kinn und die Hände sind ihm als Zeichen der Hilflosigkeit vor der Brust gefesselt. Wo er sich auf der einen Seite noch auf ebenem Palastboden präsentiert, steht er auf der anderen in der Natur, ein verwachsener Baumstumpf drängt sich rechts aus dem Bild, als flöhe dieser vor dem Anblick des durch das Urteil Gezeichneten. Die Bildunterschrift erzählt schließlich die Moral der Geschichte und richtet sich direkt an die Juden Württem- bergs:
„Ihr Juden die Ihr Euch müßt meinetwegen schämen. Ihr könet jetzt an mir ein guts Exempel nehmen.
Betriegt ihr Land und leut, und mischt euch in den Staat, so wider fähret euch auch eine solche That.“ 2
Die ausführliche Beschreibung seines ehemals wohlhabenden, nun aber jeden Reichtums be- raubten Lebens kann die Schadenfreude nicht verheimlichen, die sozialen Neid und lange unterdrückte Rachegefühle offenbart. Die Hinrichtung des Stuttgarter Hofjuden ist gemessen an den Möglichkeiten der Zeit ein mediales Ereignis, jedenfalls zieht sie eine große Menge Schaulustiger an, die den „Juden Süß“ sterben sehen will. Die gefeierte Exekution kennzeich- net aber nicht das Ende der Beschäftigung mit einer Person, die das öffentliche Bewusstsein der Zeit wie kaum eine andere beschäftigt. Die Auseinandersetzung mit dem spektakulären Fall, der die Phantasie der Zeitgenossen und Nachgeborenen in Atem hält, bricht nicht ab und
1 Die Abbildung findet sich bei Barbara Gerber, Jud Süss. Aufstieg und Fall im frühen 18. Jahrhundert, Bildteil,
Abb. 6.
2 Ebenda.
4
reicht in der Tat bis zum heutigen Tag. 3 Dabei ist es nicht nur der umstrittene Rechtsfall, der
die Gemüter beschäftigt, sondern die Gestalt des Verurteilten selber, dessen unbekannte Ju-
gend und steiler Aufstieg, sowie sein sagenumwobenes Leben in Luxus und Genusssucht, was
die Gemüter zu immer neuen Spekulationen und Interpretationen reizt. Der überwiegende Teil
aller literarischen und auch wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema konnte und
kann sich der mythenumwobenen Kraft dieser Figur nicht entziehen.
Joseph Süß Oppenheimer 4 (vermutlich 1692 oder 1698-1738) ist in eine Zeit geboren, als das
jüdische Leben in Deutschland erst beginnt sich äußerlich sichtbar dem Leben der christlichen
Gesellschaft anzunähern. Zwar gab es schon vor seiner Zeit Handel treibende Juden, die es
durch besonderes Talent und Fleiß bis zu den Höfen brachten, aber die Konsequenz, mit der
er seine jüdische Sozialisation in den Hintergrund spielt und die Sitten und Gebräuche des
christlichen Adels annimmt, sucht seinesgleichen. 5 Joseph Oppenheimer hat in wenigen Jah-
ren erreicht, wovon in jener Zeit enormer sozialer Ungleichheit weite Teile des Volkes nur
3 Es ist allerdings anzumerken, dass die Rezeption nach dem Zweiten Weltkrieg – wohl als Folge des antisemiti- schen Propagandafilms „Jud Süss“ (Regisseur: Veit Harlan, Hauptdarsteller: Ferdinand Marian) - für Jahrzehnte tabuisiert wurde. Die nennenswerten frühen Nachkriegsveröffentlichungen zum Thema der Hofjuden, die auch Joseph Oppenheimer thematisieren, sind Selma Stern, The Court Jew. A Contribution to the History of the Pe- riod of Absolutism in Central Europe, 1950, und Heinrich Schnee, Die Hoffinanz und der moderne Staat. Ge- schichte und System der Hoffaktoren an deutschen Fürstenhöfen im Zeitalter des Absolutismus, 1953 (Schnee mit deutlicher Tendenz die Interpretation Sterns anzufechten, z.T. in antisemitischer Tradition). Erst seit den 80er Jahren gibt es eine vorsichtige, meist wissenschaftlich-literarische Neubegegnung mit dem Thema. Mit ausschlaggebend für erneute Dramatisierungen des Stoffes war offenbar die Wiederentdeckung (1987) des als verschollen geltenden (ungekürzten) Manuskripts des gleichnamigen Dramas von Paul Kornfeld. Vgl. Theater Heute, 2/88, S. 23.
4
Eigentlich „Joseph ben Issachar Süßkind Oppenheimer“ (Vgl. Encyclopaedia Judaica
5 Er ist damit ein prominenter Vertreter jener Schicht, die seither als Hofjuden (syn. Hoffaktoren) benannt wer- den. Über die historische Bewertung dieses gesellschaftlichen Phänomens ist das letzte Wort nicht gesprochen. Die Frage, ob die Hofjuden als Wegbereiter des modernen Staates, als Initiatoren des aufsteigenden Frühkapita- lismus zu betrachten seien, bzw. ob sie andersherum als ein Produkt der spezifischen Lebensumstände nach dem 30jährigen Krieg zu betrachten sind, ist Gegenstand anhaltender Debatten. Werner Sombart (1911) vertrat in seinem Werk Die Juden und das Wirtschaftsleben erstere These. Ähnlich später dann Schnee, a.a.O. Diese Zu- schreibung konnte in einer Zeit, da die Moderne verbreitet durch soziale Härte und Verunsicherung traditioneller Lebensentwürfe wahrgenommen wurde, auch als Schuldzuweisung aufgefasst werden. Gegen derartig vereinfa- chende Positionen setzt sich die jüngste Forschung ab, die versucht, das Wesen des Hofjudentums aus seinem politisch und gesellschaftlich bedingten historischen Kontext zu begreifen. Zuletzt Rotraud Ries; J. Friedrich Battenberg, Hofjuden – Ökonomie und Interkulturalität. Die jüdische Wirtschaftselite im 18. Jahrhundert. Eine eindeutige Antwort auf die Bedeutung der Hofjuden im Prozess der wirtschaftlichen Modernisierung ist aber auch dort nicht zu finden.
5
träumen konnten, er durchläuft eine glänzende Karriere, bis er schließlich Finanzberater 6 des Prinzen Karl Alexander von Württemberg wird. Aber es ist sicher nicht nur die außergewöhn- liche Karriere, die den Zeitgenossen das Staunen lehrt, sondern die Leichtigkeit, mit der Op- penheimer scheinbar auch die Grenzen zwischen Judentum und Christentum überspringt, oh- ne dabei zu konvertieren. Eine derartige „Ausnahmeerscheinung“ muss seiner Umgebung unerklärlich scheinen. Das heißt jedoch nicht, dass die Zeitgenossen ihm indifferent entgegen- treten, dazu ist der Finanzienrat im politisch-wirtschaftlichen Betrieb zu sehr exponiert - er- lässt er doch ununterbrochen Anordnungen, die nicht nur den einfachen Mann, sondern das gesamte Spektrum des Volkes - selbst die hohen Beamten – (teils) unbarmherzig treffen. Als der Herzog, dessen Macht die gesellschaftliche Stellung seines Hofjuden garantierte, unter mysteriösen Umständen stirbt, wird Oppenheimer der Prozess gemacht.
Nach der Hinrichtung des Hofjuden hat es immer wieder Versuche gegeben, sich seiner Ges- talt zu nähern, ihn entweder als „Verderber“ des Landes Württemberg, oder als „Sündenbock für die Christenschelmen“ darzustellen. Besondere Aufmerksamkeit wird dem Thema nach dem Ersten Weltkrieg entgegengebracht, als sich die gesellschaftliche Stimmung in Deutsch-
land mehr und mehr gegen den jüdischen Teil der deutschen Bevölkerung wendet. 7 In nicht allzu großer zeitlicher Entfernung voneinander entstehen sowohl dramatische Ent- würfe (Lion Feuchtwanger, 1916; Paul Kornfeld, 1930), populärwissenschaftliche und wis- senschaftliche Abhandlungen (Curt Elwenspoek, 1926; Selma Stern, 1929) und ein erfolgrei-
cher Roman (Lion Feuchtwanger, 1922 vollendet, veröffentlicht 1925). 8 Diese Häufung von Bearbeitungen ist es, der hier Aufmerksamkeit geschenkt werden soll, d.h. es wird zu erörtern sein, weshalb der Stoff für die Rezipienten in der Weimarer Republik derart attraktiv wird. Welche Aspekte sind es, die vor allem betont werden, um welche Topoi wird gestritten und was lässt sich daraus über die Funktion der historisch-literarischen Figur sagen? Es liegt dabei
6 Schnee führt akribisch aus, dass der Titel des „Geheimen Finanzrates“ im Rang einem Geheimen Legationsrat gleichgestellt war, d.h. dass sein Titel, wenn nicht de jure, so doch de fakto einem hohen Rang in der württem- bergischen Beamtenhierarchie entsprach, was „doch etwas Unerhörtes“ bedeutete. Vgl. Schnee, Hoffinanz, S. 133.
7 Brenner bemerkt dazu: „Der Auseinandersetzung mit dem eigenen Judentum konnte sich in der Weimarer Re- publik kaum noch ein deutscher Jude verwehren. Für manche führte diese Auseinandersetzung zu einer bewuss- ten und vollständigen Trennung von der jüdischen Gemeinschaft, für die Mehrheit jedoch bedeutete sie eine neue Identitätssuche.“ Michael Brenner, Wie jüdisch waren Deutschlands Juden? Die Renaissance jüdischer Kultur während der Weimarer Republik, S. 22.
8 Bereits im Verlauf des 19. Jahrhunderts war es zu einer erneuten Auseinandersetzung mit der historischen Ges- talt gekommen. Beispiele hierfür sind Manfred Zimmermanns Abhandlung Joseph Süß Oppenheimer, ein Fi- nanzmann des 18. Jahrhunderts, Stuttgart 1874, und Wilhelm Hauffs Novelle, Jud Süß, 1827, der damit dem durch Walter Scott begonnenen Trend zur historisch-romantischen Erzählung folgt. Die erwähnte dramatische Arbeit Feuchtwangers soll in dieser Arbeit nicht berücksichtigt werden, vielmehr soll sein weit erfolgreicherer gleichnamiger Roman diskutiert werden.
6
natürlich auf der Hand, dass das Schicksal Oppenheimers vor dem Hintergrund der schwieri- ger werdenden gesellschaftlichen Lage der Juden in Deutschland aufgefasst werden konnte. Eine derartige Untersuchung muss sich also der bedrängenden politischen Umstände dieser
Epoche für die jüdischen Bürger bewusst sein. 9 Bereits im Verlauf des 19. Jahrhunderts war ein rassisch argumentierender Antisemitismus begründet worden, der nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg von deutschen Antisemiten gebraucht wurde, um die Juden als Sündenböcke, als eigentlich Verantwortliche der politi-
schen und sozialen Probleme der Zeit zu entlarven. 10 Die zunehmende Popularität dieser Weltanschauung und der mit ihr verbundenen Stereotype zwang die Juden Deutschlands dazu, sich mit ihr auseinander zu setzen. Indem der Traum von Emanzipation und Akkulturation unter Druck geriet, mussten die jüdischen Bürger Stellung beziehen, mussten sie den erhobe- nen Anwürfen begegnen. Im Rahmen dieser Arbeit bedeutet das auch, dass die Diskurse, die das Selbstverständnis der Juden in Weimar herausforderten (durch die das „jüdische Wesen“ angegriffen wurde), benannt und problematisiert werden. In diesen Kontext gehört unter ande- rem die umstrittene Abstammung Oppenheimers, aber auch sein Äußeres, also der sogenannte „Körperdiskurs“ (Punkte 1 und 2). Ähnliche Stereotype wie gegenüber dem Körperlichen sind auch über das „Wesen“ des Juden en vogue, die damit verbundene Kontroverse hat für die hier besprochenen Werke nachhaltige Bedeutung. Zunächst aber wird zu erörtern sein, wie Oppenheimers Beziehung zum Judentum seiner Zeit gestaltet ist, in welchem Maße er selbst
als „jüdisch“ oder „unjüdisch“ geschildert wird. 11 Aus den Übereinstimmungen und Differen- zen der Darstellungen ergibt sich das Bild einer politisierten Rezeption, die in Oppenheimer weit mehr findet als einen Romanhelden, mehr als ein Stück deutsch - jüdischer Geschichte. Es geht demnach in dieser Analyse nicht primär um „die Wahrheit“ über die „historische Per- son“ Oppenheimer, sondern vielmehr sollen Einsichten aus den Spannungen und Widersprü- chen der (inzwischen selbst bereits historischen) Bearbeitungen resultieren.
Der zweite Teil der Arbeit ist der Frage gewidmet, wie am Fall Oppenheimer das fortdauern-
de, bzw. neu entfachte Gefühl von Fremdheit der deutschen Juden 12 sichtbar wird und wie das Verhältnis Oppenheimers zum christlichen, bzw. jüdischen Teil der Bevölkerung dargestellt ist. Die Art und Weise, in der sein Verhältnis zur Umwelt beschrieben wird, zeigt, wie sehr
9 Dabei soll keineswegs die Geschichte „rückwärts“ gelesen werden. Es wäre irreführend, die Figur Oppenhei- mers vorab als historischen Fingerzeig auf den heraufdämmernden Holocaust zu verstehen.
10 Die Liste derer, die an der Ausprägung dieses Denkens beteiligt waren, ist zu lang, um hier zitiert zu werden. Sie reicht von Joseph Arthur Gobineau (1816-1882) bis Georg von Schoenerer (1842-1921), von Houston Ste- ward Chamberlain (1855-1927) bis Karl Lueger (1844-1910).
11 Es wird klar, dass die Attribute „jüdisch“ und „unjüdisch“ allein schon physiognomische, wenn nicht psycho- logische Stereotype implizieren.
12 Dabei ist die Attributierung „deutscher Jude“, bzw. „jüdischer Deutscher“ bereits ein Ausdruck des problema- tischen Verhältnisses. Der sprachliche Ausdruck spiegelt hier die gesellschaftliche Distanz.
7
die Vorurteile und Stereotypen, die in diesem Zusammenhang erwähnt werden, noch (oder schon wieder) die Lebenswirklichkeit der Rezipienten bestimmen. Anschließend wird ausge- lotet, in welchem Sinne die historische Gestalt Symbolcharakter trägt, und wie sich dies in der
Rezeption niederschlägt. 13 Gegenstand der Analyse werden die oben erwähnten literarischen und wissenschaftlichen Bearbeitungen sein. Dabei sollen die Unterschiede, die zwischen den verschiedenen Genres - hier der prosaischen, der dramatischen und der wissenschaftlichen Literatur - nicht verleugnet, oder verwischt werden. Zunächst aber handelt es sich bei allen hier zitierten Werken um Aus- einandersetzungen mit der historischen Person, und als solche sind sie Zeugnis einer Aneig- nung, einer Stellungnahme. Es ist offensichtlich, dass der Dichter sich eines historischen Stof- fes freier bedient, als der den Fakten verpflichtete Wissenschaftler, doch auch die/der Histori- ker/in muss Stellung beziehen zu dem behandelten Gegenstand, muss ihn gestalten, muss – selbst wenn dies oft unmerklich zwischen den Zeilen geschieht – Geschichte beurteilen. Ge- rade bei einer lückenhaft überlieferten Gestalt wie der Oppenheimers, braucht es, um ein zu-
sammenhängendes Bild zu zeichnen, der Interpretation, manchmal gar der Improvisation. 14
Das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit richtet sich daher darauf, a) zu zeigen, wie sich die Op- penheimer-Literatur vor dem Hintergrund eines zunehmend rassistisch geprägten Judenbildes bewegt, b) zu erörtern, auf welche Weise die Figur politische Bedeutung trägt, und c) zu dis- kutieren, wie unterschiedlich die Auseinandersetzung der hier besprochenen Autoren mit dem „jüdischen Problem“ sich ausprägt. Die Beurteilung des Falles, so die Annahme, trägt gleich- zeitig eine Diagnose der Lebensumstände, als auch einen Kommentar zur Lebensperspektive der Juden der Weimarer Republik in sich. Dabei wird durch die Figur Joseph Oppenheimers nicht nur auf den Antisemitismus der Zeit Bezug genommen, sondern es wird ebenfalls das problematische jüdisch-jüdische Verhältnis (d.h., das Verhältnis zwischen weitgehend säkula- risierten und traditionell-orthodoxen Juden, den sog. „Ostjuden“) thematisiert. Wie unter- schiedlich eine solche Auseinandersetzung schließlich ausfallen kann, das wird in dieser Ar- beit zu zeigen sein. Als eine erste Annäherung an die genannten Quellen sollen hier zunächst deren Autoren kurz vorgestellt werden.
13 Ausgehend von Selma Sterns Behauptung, dass der Hofjude Oppenheimer als Symbol wahrgenommen werde. 14 So hat der bereits erwähnte Heinrich Schnee der Historikerin Selma Stern diverse Ungenauigkeiten und inter- pretatorische Fehlgriffe attestiert, ohne dabei selbst wiederum frei von ideologischer Tendenz und verkürzenden Wertungen zu sein. So sein Urteil über Oppenheimer auf S. 147: „Er (d.h. Oppenheimer, T.B.) war ein hem- mungsloser Machtmensch, raffiniert klug, überaus tüchtig, rücksichtslos, ja brutal in der Verfolgung seiner Ziele, egoistisch durch und durch; aber ihm fehlte jene Weisheit, die den Politiker zum Staatsmann macht; denn die Politik war ihm doch nur Geschäft.“ Dies ist, mit Verlaub, ein moralisches Urteil, das seine Tendenz nicht ver- bergen kann.
8
Curt Elwenspoek (1884-1959), aus protestantischer Familie, war promovierter Jurist (seit 1908), wandte sich aber bald dem Theater zu. Zunächst versuchte er sich schauspielerisch, später auch als Regisseur und Dramaturg (Amsterdam, Köln, Wiesbaden u. Mainz). Während seiner Tätigkeit als Intendant in Kiel (seit 1922) unterstützte er die provokativen und skandal- umwitterten, frühen Inszenierungen des bis dahin unbekannten Carl Zuckmayer, die schließ- lich zur Entlassung der beiden führen. Elwenspoek wird danach (1924) Spielleiter und Dra- maturg in Stuttgart, er arbeitet für den Rundfunk (Zwischen 1930-38 in Stuttgart, später
(1940/41) beim Sender Oslo) und ist als freier Schriftsteller tätig. 15 Zu seinen bevorzugten Sujets zählen dabei Biographien volkstümlicher Figuren (Schinderhannes, Rinaldo Rinaldini, Der höllische Krischan – ein Lebensbild des Dichters Christian Dietrich Grabbe u.a.), Ro- mane (Die roten Lotosblüten, 1941; Panama, 1942; Dynamit 1949 u.v.a.), Märchenerzählun- gen und Breviers zu diversen Themen. Auch nach dem Krieg ist er wieder als Rundfunkspre- cher tätig.
Carl Zuckmayer hat dem ehemaligen Intendanten des Kieler Schauspielhauses in seinen Le- benserinnerungen ein eindringliches Denkmal gesetzt, indem er neben seiner menschlichen Wärme und Lebenslust auch den Mut zum künstlerischen Experiment hervorhob. „Er war das, was für den Betroffenen selbst das Leben erschwert, es aber für seine Umgebung, besonders
für die ihm beruflich Unterstellten, entschieden erleichtert: ein Idealist.“ 16 Die Bearbeitung der Biographie Joseph Oppenheimers fällt in die Zeit, in der Elwenspoek als Chefdramaturg in Stuttgart tätig ist, in jener Stadt also, in der Oppenheimer den Höhepunkt seiner steilen Karriere erreichte, dort, wo er schließlich hingerichtet wurde.
Lion Feuchtwanger (1884-1958) stammt aus einem orthodox-jüdischen Elternhaus, geht aber mit Beginn seines Studiums (Germanistik, Philosophie, Geschichte) in Distanz zur tradi- tionellen Lebensweise, ohne sich dabei grundsätzlich vom jüdischen Glauben zu lösen. „Zeit seines Lebens beschäftigte er sich mit jüdischen Stoffen und Problemen, während er fürchtete,
der Zionismus könne zu einem ‚jüdischen Chauvinismus’ führen.“ 17 Die wahre Bedeutung
15 Das Deutsche Biographische Archiv gibt für die Zeit nach 1942 die Tätigkeit als „Wissenschaftlicher Leiter im Vortragswesen des Reichssenders Berlin“ an. Die Quellenlage zur Biographie Elwenspoeks ist allerdings mehr als dürftig. Es gibt lediglich einige verstreute Hinweise auf die Stationen seines Lebens, siehe: Achim Anders, Meister einer beglückenden Lebenskunst; Killy, Walther (Hrsg.): Literaturlexikon. Eine kurze Bemerkung zu Elwenspoeks Roman Panama (1942) findet sich bei H. Boeschenstein, The German Novel 1939-44, Toronto 1949.
16 Carl Zuckmayer, Als wär’s ein Stück von mir, S. 354f.
17 Andreas B. Kilcher, Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur, S. 141.
9
des Judentums erblickt er in seiner geistig-literarischen Substanz, im nomadenhaften Dasein der Juden.
Feuchtwanger immigriert 1933 nach Frankreich (Sanary-sur Mer) und beginnt Romane über
die Wirklichkeit in Nazi-Deutschland zu verfassen. 18 Daneben bearbeitet er auch historische jüdische Themen, schreibt einen Zyklus über Flavius Josephus (1930-40) und emigriert nach Kriegsbeginn erneut, dieses Mal lässt er sich in den Vereinigten Staaten nieder. Auch in sei- nen späten Werken widmet er sich jüdischen Themen, er verfasst den Roman Die Jüdin von Toledo (1952-54), in dem er die Motive aus seinem Jud Süß (1916, 1925) aufgreift, diesmal den Hofjuden aber weniger drastisch schildert - das Judentum wird hier als Gegengewicht zu Chauvinismus und Krieg charakterisiert.
Paul Kornfeld (1889-1942) ist der Sohn eines wohlhabenden Prager Spinnereibesitzers, auch er genießt eine jüdische Erziehung, wächst mit der deutschen Sprache auf. „Kornfelds Tage- buchaufzeichnungen aus seiner Prager Zeit zeugen von einer exzessiven Selbstbezogenheit
und einem fast zwanghaften Drang, Dichter zu werden.“ 19 Er entschließt sich 1914 Prag zu verlassen und in Deutschland als Schriftsteller tätig zu sein. Er debütiert 1917 am Schauspiel-
haus Frankfurt (Die Verführung), wird bedeutender Autor des Expressionismus. 20 1925 wird er von Max Reinhard ans Deutsche Theater nach Berlin berufen, 1927/28 ist er am Hessischen Landestheater tätig, aus dem er aber aufgrund eines Skandals entlassen wird. Zurück in Berlin schreibt er Essays und Glossen, schätzt die politische Situation indes falsch ein, nimmt den Aufstieg des Nationalsozialismus offenbar nicht ernst. Das Drama Jud Süß entsteht 1930 und wird im Jahr darauf unter der Regie Jessners im Theater am Schiffbauerdamm uraufgeführt. Seit 1932 ist Kornfeld wieder in Prag, wo er an einem Roman (Blanche - oder Das Atelier im Garten) arbeitet. Trotz des deutschen Einmarsches verlässt er das Land nicht und wird 1941
von der SS verhaftet, ein Jahr später verstirbt er im Ghetto Lodz, Polen. 21 Sein letzter Roman, der unter abenteuerlichen Umständen gerettet wird, erscheint 1957 im Rowohlt-Verlag.
18 Zu der sogenannten „Wartesaal-Triologie“, die sich mit der bürgerlichen Sorglosigkeit in Anbetracht der her- aufdämmernden Katastrophe befasst, zählen Die Geschwister Oppermann, Erfolg und Exil, alle zwischen 1933 und 1939 verfasst.
19 Sandra Nuy, Paul Kornfeld: Jud Süss, S. 35.
20 Weite Verbreitung hat seine expressionistische Programmschrift Der beseelte und der psychologische Mensch (1918) gefunden.
21 Nicht wie oft behauptet im Konzentrationslager. Vgl. Wilhelm Haumann, Paul Kornfeld. Leben – Werk –
Wirkung.
10
Selma Stern 22 (1890-1981) arbeitet, nachdem sie zwischen 1909-1914 an den Universitäten
München und Heidelberg studierte und promovierte, seit 1918 bis zu deren Schließung 1933
in der Akademie für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Ihr zentrales Interesse gilt dem
Verhältnis des preußischen Staates zu den Juden, dem auch ihr mehrbändiges Hauptwerk ge-
widmet ist (Der preußische Staat und die Juden, Publikationen 1925/1938/1970). Das Werk
über Joseph Oppenheimer (Jud Süss. Ein Beitrag zur deutschen und zur jüdischen Geschich-
te), das hier besprochen werden soll, erscheint 1929. Die Historikerin flieht 1941 vor den Na-
zis in die USA, wo sie zwischen 1947 und 1957 erste Archivarin der American Jewish Archi-
ves am Hebrew Union College in Cincinatti ist. 1954 wird Stern Mitbegründerin des Leo-
Baeck-Institus (dessen Namenspatron sie Zeit ihres Lebens auch persönlich nahe stand) in
Jerusalem, New York und London. Noch in den Vereinigten Staaten, aber auch seit ihrer
Rückkehr nach Europa - in die Schweiz 1960 - forscht Stern unter anderem weiter über das
Thema der Hofjuden und vervollständigt ihre achtbändige Gesamtausgabe von Der preußi-
sche Staat und die Juden. Zu den weiteren Veröffentlichungen gehören außerdem z.B. The Court Jew; A Contribution to the History of the Period of Absolutism in Central Europe
(1950), Josel von Rosheim, Befehlshaber der Judenschaft im Heiligen Römischen Reich Deut-
scher Nation (1959) und der historische Roman The Spirit Returneth (1946), in dem sie die
Verfolgung der Juden zur Zeit der Pest thematisiert. 23
1. Zwischen Mythos und Versachlichung
Die Darstellung der Figur Oppenheimers ist von widersprüchlichen Deutungen geprägt, je
nachdem, wie sich die Interpreten zu den Legenden verhalten, die sich um seine Person ran-
ken. Dabei ist schon allein aufgrund der verschiedenen Textsorten eine unterschiedliche He-
rangehensweise anzunehmen, wo die Dichtung sich der Phantasie bedient, erwartet der Le-
ser von wissenschaftlichen Darstellungen einen eher sachlichen, klärenden Blick.
Zwischen den Polen „Mythos und Versachlichung“ bewegt sich auch die Rezeption des Op-
penheimer-Stoffes, wobei es vor allem jene Mythen sind, die a) Aussagen über sein (jüdi-
sches) Selbstverständnis betreffen oder b) für die moralische Be-/Verurteilung seiner Person
relevant sind, die widersprüchlich gedeutet werden. Dabei ist die Frage der (vermuteten)
22 Seit 1927 verheiratet mit Eugen Täubler, dem ersten Direktor der Akademie für die Wissenschaft des Juden- tums, sie trägt dann den Namen Stern-Täubler.
23
Zu Selma Stern siehe
International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933-1945
(Vol 2), “Her scholarly publications were based on the premise that Judaism had to be studied in the context of the politi- cal and cultural environment.” Frederick Lachman, in Encyclopaedia Judaica
11
Abstammung Oppenheimers von einem christlichen Adeligen, die Einschätzung seiner Ver-
antwortung für den Staatsstreich in Württemberg, die Charakterisierung seines Verhältnisses
zum Herzog Karl Alexander, oder seine Haltung zum Judentum von einiger Bedeutung.
1.1 Herkunft und Identität 24
Für das Bild, das die Rezipienten von Oppenheimer entwerfen, ist dessen Herkunft ein ers-
ter Anhaltspunkt. Gerade das Fehlen eindeutiger Belege über die Art der Erziehung, die er
genossen hat, ermöglicht Spekulationen über sein Verhältnis zum Judentum. Hinzu kommt
die Legende, dass Oppenheimer der Sohn eines nichtjüdischen, adeligen Vaters gewesen
sei. Es wird zu untersuchen sein, welche Deutungen die jeweiligen Autoren bevorzugen und
wie sich in solchen Variationen deren Standpunkt offenbart. In der folgenden Untersuchung
– soviel sei noch erwähnt - werden nicht alle Quellen gleichzeitig zu jeder sich ergebenden
Frage ausgewertet, sondern immer eben jene, die für eine bestimmte Frage besonders aussa-
gekräftig erscheinen.
1.1.1 Oppenheimers esoterisches Judentum (Stern)
Die Legende hat Oppenheimer einen christlichen Vater angedichtet, den „Freiherrn Georg
Eberhard von Heidersdorf, Ritter des deutschen Ordens zu Heilbronn, Feldmarschallleut-
nant des fränkischen Kreises und Kommandant von Heidelberg“ 25 . Wie Selma Stern in ihrer
Studie über „Jud Süß“ versichert, taucht der Name dieses Adligen in den umfangreichen
„Archivalien“ nicht auf, wird auch im Prozess, in dem „nicht eine Liebesstunde uner-
forscht“ blieb, in dem „die erotischen Geheimnisse des Angeklagten bis ins kleinste“ 26 er-
24 Hierbei handelt es sich freilich um einen vieldiskutierten Begriff, der eng mit der Sozialisation und Erziehung eines Menschen in Verbindung steht. Michael A. Meyer hat in seinem Buch Jewish Identity in the Modern World eine Definition gewagt: „I shall understand identity as referring to those totalities of characteristics which indi- viduals believe to constitute their selves. Individual identity is built upon pre-adult identifications with persons close to the child, with their values and behavior patterns. As the individual becomes an adult these identifica- tions must be integrated not only with one another but with the norms of the society in which the individual will play a role.” S. 5. Wie inflationär der Begriff der Identität gehandelt wird, lässt sich nachvollziehen in Odo Mar- quard; Karlheinz Stierle, Identität. Dort bemerkt Marquard auf S. 347: „Identitätsdiskussionen werden – mit erhöhtem Kollisionsrisiko – zum Blindflug.“ Damit es dazu in dieser Arbeit nicht kommt, soll die Fragestellung darauf reduziert werden, welche Deutung die Rezipienten zu Herkunft und jüdischer Erziehung Oppenheimers, bzw. dessen Identifikation mit der jüdischen Sphäre anbieten. Es interessiert also vor allem die Frage, was aus Oppenheimer gemacht wurde, wie seine Person gedeutet wurde, weniger was er (wirklich) war und darstellte.
25 Selma Stern, Jud Süss, S. 10. Die Legende hat sowohl in die wissenschaftliche Literatur, als auch in die Dich- tung Eingang gefunden. Haasis hat den unkritischen Umgang mit der Herkunft Oppenheimers kritisiert, kann über die Art und Weise, wie der Kommandant Heidersdorf mit Oppenheimer in Verbindung gebracht wurde nur spekulieren. Vgl. Haasis, Joseph Süß Oppenheimer, genannt Jud Süß, S. 17ff.
26 Ebenda
12
gründet wurden, nicht erwähnt. Umso auffälliger ist es, dass sich die Rezeption diesem De- tail mit großem Interesse nähert, dass, obwohl es kaum Hinweise für ihre Glaubhaftigkeit gibt, die Legende von einem unehelichen Vater so häufig wiederholt wird. Die Popularität dieses Gerüchtes ist wohl nicht allein durch den lange beschränkten Zugang zu den Prozess- akten zu erklären. Die unübersichtliche Informationslage verleitete die Rezipienten zu Spe- kulationen über eine Gestalt, die sich den herkömmlichen Wahrnehmungsmustern entzog, in der man sowohl jüdische, als auch christliche Momente zu entdecken meinte, diese aber ei-
nem Juden nicht zuschreiben wollte oder konnte. 27 Selma Stern prüft die Legende auf ihre Glaubwürdigkeit und folgert, dass die fehlende Erwähnung im Prozess, sowie „jüdisches Recht und jüdische Sitte“ einer Vaterschaft des Grafen Heidersdorf entgegensprächen.
Die Mutter Michal blieb bis zum Tode Süßkind Oppenheimers (des Vaters Joseph Oppenheimers, T.B.) sei- ne geachtete Frau. (...) Nach jüdischem Recht und jüdischer Sitte wäre es aber in jener Zeit strengster Ghet- tomoral völlig unmöglich gewesen, dass der Steuerrezeptor der Pfälzer Landjudenschaft in Gemeinschaft mit einer Ehebrecherin lebte, und dass er den Sohn einer frevelhaften Verbindung als eigenes Kind nach jü-
dischem Gebot und Gesetz aufzog. 28
Der Graf Heidersdorf (o. Heddersdorf) verkörpert eine Reihe von Zügen, die auch Oppen- heimer auszeichnen. Ähnlich wie der Hofjude macht er eine glänzende Karriere, steht in al- len Ehren, bis er 1693 einen politischen Fehler begeht, indem er die Stadt Heidelberg an die
Franzosen ausliefert. 29 Als Folge dieser (behaupteten) kampflosen Übergabe wird der Graf angeklagt und zum Tode verurteilt, es kommt aber nicht zur Vollstreckung, sondern „nur“ zur Entehrung, er wird brutal körperlich gedemütigt und seines militärischen Ranges entho- ben. Die letzten Jahre seines Lebens verbringt er in einem Kloster und führt das Leben eines Mönchs. Dieses wechselhafte Schicksal, der Sturz eines Mächtigen, erinnert in manchen Zügen an Oppenheimer, der sich ebenfalls im Angesicht des Todes der religiösen Tradition zuwendet. Die Analogie ist augenfällig und scheint verlockend, doch Stern wendet sich de- zidiert gegen das unbewiesene Gerücht, sie betont hingegen, dass in Wirklichkeit „in Süß mehr das Wesen des vornehmen Frankfurter Juden als des deutschen Adligen in Erschei-
nung“ 30 trete. Das erstaunliche Selbstbewusstsein, die multiplen Talente und die Weltläu- figkeit Oppenheimers erklären sich viel eher durch die lange Tradition der angesehenen Frankfurter Handelsjuden, als durch die vage Abstammung von einem deutschen Grafen.
27 Vgl. Hellmuth G. Haasis, a.a.O., S. 8ff. Daher ist das Gerücht, dass Oppenheimer das Kind einer illegitimen Verbindung einer Jüdin und eines christlichen Adeligen gewesen sei, sowohl von philosemitischer, als auch von antisemitischer Seite tradiert worden.
28 Stern, S. 10.
29 Insofern ist das Geburtsdatum Oppenheimers ein Politikum, da die frühe Datierung auf 1692 die Möglichkeit einer Vaterschaft des Grafen wenigstens dem Zeitpunkt gemäß zuließe.
30 Stern, S. 12.
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Die Judenstättigkeit erzeugte ein Gefühl der Sicherheit, und diese ein Selbstgefühl und einen Stolz, wie sie der Angehörige ärmerer, beständig von der Gefahr der Vertreibung bedrohter Gemeinden in sich nicht ent- wickeln konnte. (...) Frankfurt galt als die Hauptstadt in Israel. 31
Sterns Intention ist deutlich, Oppenheimer ist für sie eine repräsentative Figur des Juden- tums jener Epoche, auch wenn er (vor seiner Inhaftierung) Bräuche und Traditionen igno- riert. Sie verweist weiter auf die Auswirkung der gesicherten Lebenssituation der Juden in Frankfurt, die sie als Voraussetzung für Selbstbewusstsein und weltläufiges Auftreten an- führt. Um Talente wie Oppenheimer hervorzubringen – so die Botschaft – die ihre Fähigkei- ten in den Dienst des Staates stellen, bedarf es der Anerkennung und des Schutzes der Juden durch die christliche Gesellschaft.
Unterstellt man hingegen den nichtjüdischen Vater, dann wird Oppenheimers herausragende Stellung als Vor- und Leitbild für eine gleichberechtigte Daseinsform der Juden in Deutsch- land geschmälert. Leicht könnten dann, wie geschehen, Kritiker und Hasser des Judentums die als positiv bewerteten Eigenschaften dem deutschen, alle verwerflichen Eigenschaften aber dem jüdischen „Anteil“ seines Wesens zuschreiben. Damit Oppenheimer nicht einfach als dem Judentum entfremdet oder als Christ im jüdischen Gewand missverstanden wird, legt Stern Wert auf seine (rein) jüdische Abstammung. Wenngleich er sich gegenüber der Landschaft (dem Parlament) unmissverständlich als Unparteiischer, als „Volontär von allen Religionen“ ausgibt, wenn er bekennt, dass „er gegen keine Religion einige Passion habe
und also einer weder geneigt noch abhold sei“ 32 , so glaubt Stern doch an seine Verbunden- heit mit den Quellen seiner Erziehung, seiner Herkunft.
Trotz alledem aber, - trotzdem er sich im Scherz mit dem Teufel verbündet, trotzdem er voller Sarkasmus einmal seinen Freunden einen Gruß an den lieben Gott bestellt, - bindet ihn der uralte, schicksalhafte Glaube seines Volkes. (...) Das religiöse Gefühl ist trotz allem Spott und aller Freigeisterei das Urgefühl seines We- sens, die letzte und einzige Bindung, die die widerstrebenden Mächte seines Innern zusammenhält und letz- ten Endes sein Ethos und seine Größe bestimmt. 33
Der Grund, warum er trotz einer derartig intimen Verknüpfung mit dem „schicksalhaften Glauben seines Volkes“ nicht auch offen diese Überzeugung praktiziert, so vermutet Stern, liegt darin verborgen, dass „zwischen der Welt seiner Kindheit und der Welt seines Wir- kens“ eine „unüberbrückbare Kluft“ liegt, dass die „Achtung, die die Thora vor dem Lernen, Lesen, Forschen und Wissen verlangte“ anderer Art war „als die Anforderungen, die der eu-
31 Ebenda 32 Stern, S. 136.
33 Stern, S. 137.
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ropäische Zeitgeist an den schaffenden Menschen stellte.“ 34 In diesen Worten beschreibt die
Historikerin ein Lebenskonzept, welches auch Modell für einen Teil der jüdischen Bürger
der Republik von Weimar sein könnte. Es ist nicht mehr die Religion, die ausschließlich das
Selbstbewusstsein der Juden in Deutschland prägt, sondern mehr und mehr tritt das Be-
wusstsein in den Vordergrund, Teil eines Nationalstaates zu sein, Teil einer „Kulturnation“ -
kurz, man versteht sich als Träger dieser Kultur. In der Gestalt Oppenheimers – so spricht es
aus Sterns Aufzeichnungen - bereitet sich die Idee des „Deutschen Staatsbürgers jüdischen
Glaubens“ bereits vor. Die Bedeutung der Bildung für das Selbstverständnis der jüdischen
Bürger darf nicht unterschätzt werden, sie wird neben der Taufe gewissermaßen als „Billett
zur europäischen Kultur“ (H. Heine) verstanden. Entsprechend fragt Stern auch nach even-
tuell wirksam gewordenen Erziehungseinflüssen auf den jungen Joseph Oppenheimer.
Es wäre für die Erkenntnis des Süßschen Problems, noch mehr für die Erkenntnis jener beinahe unerforsch- ten Übergangszeit der jüdischen Geschichte sehr wichtig, wenn man Näheres über seine Erziehung wüsste, wenn man der Frage nachgehen könnte, ob auch deutsche Bildungselemente in ihm wirksam geworden sind.
Leider schweigen darüber alle Quellen. 35 (Hervorhebung von mir, T.B.)
Was genau sie mit diesen „deutschen Bildungselementen“ meint, führt Stern nicht genauer
aus. Schon sein immer wieder gelobter, vollendeter Gebrauch der deutschen Sprache könnte
ja als Nachweis für einen solchen Einfluss gelten. Da im Fall Oppenheimers der Besuch ei-
ner deutschen Schule oder Hochschule nicht nachzuweisen ist, führt Stern einige andere
Beispiele an, die darauf hinweisen, dass weltliche Bildung bei vornehmen Juden keine Sel-
tenheit war 36 . Das eigentliche Bildungserlebnis Oppenheimers verdankt er laut Stern seinen
ausgedehnten Reisen, vor allem aber dem Aufenthalt im „kaiserlichen Wien“. 37 Wie wichtig
die persönliche Entwicklung für das Bürgertum Ende des 19. Jahrhunderts war, betont auch
GEORGE MOSSE:
Der Begriff „innerer Entwicklungsprozess“ im Zusammenhang mit dem Erwerb von Bildung bezog sich nicht etwa auf instinktive Vorlieben oder emotionale Neigungen, sondern auf die Ausbildung von Vernunft und ästhetischem Geschmack; sein Zweck bestand darin, den einzelnen vom Aberglauben weg in die Auf- klärung zu führen. Bildung und Aufklärung taten sich während der jüdischen Emanzipation zusammen und
34 Stern, S. 15.
35 Ebenda 36 „Es kam vor, dass jüdische Kinder, wenn auch selten, deutsche Schulen besuchten oder von deutschen Lehrern im Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet wurden, dass einige Auserwählte auf deutschen Hochschulen studierten.“ Weiter gehe aus den Aufzeichnungen der Glückel von Hameln hervor, dass in der Familie Franzö- sisch gesprochen und Klavier gespielt wurde. Vgl. Stern, S. 15ff.
37 Womit Stern auf die vermutete Verwandtschaft zu den Wiener Hofjuden Oppenheimer anspielt. Haasis, a.a.O., S. 20, verweist darauf, dass sich die Hinweise auf Oppenheimers Reisen auf äußerst zweifelhafter Grundlage bewegen. „Süß selbst berief sich nie auf Verwandte oder seine Erfahrungen in europäischen Handelsmetropo- len.“ (S. 21) Dass Stern Oppenheimer dennoch ein wie auch immer geartetes „Bildungserlebnis“ zuspricht, mag als Hinweis dafür gelten, dass sie ihn in Abgrenzung zur begrenzten jüdischen (Ghetto-) Sphäre, gewissermaßen bereits als Teil der „europäischen, christlichen Gesellschaft“ zeigen will.
15
ergänzten einander auf natürliche Weise. Außerdem stellte die Bildung einen anhaltenden Prozeß dar, der zu Lebzeiten eines Menschen keineswegs abgeschlossen war. Deshalb betrachteten sich jene, die diesem Ideal anhingen, als Teil eines Prozesses und nicht als „fertige Erziehungsprodukte“. Und daraus wiederum ergab sich natürlich ein Ideal, das für die jüdische Assimilation wie maßgeschneidert war, transzendierte es doch
alle nationalen und religiösen Unterschiede durch die Entfaltung der individuellen Persönlichkeit. 38
Im Kontext dieser Entwicklung argumentiert auch die Historikerin. Sie sieht in dem Hofju-
den einen Vorläufer dieses Prozesses der Angleichung, muss aber einsehen, dass sein Wer-
degang von praktischen Notwendigkeiten und nicht von einem explizit aufklärerischen Bil-
dungsideal geprägt ist. Entsprechend findet sich bei ihr eine Beschreibung jüdischen Le-
bens:
Der Jude dieser Zeit war in Beruf, Sitte, Anschauung hineingeboren. Der individuelle Trieb war unterbun- den. (...) Immer wieder das Geschäft, das Bethaus und das Lehrhaus, der Wochentag des niedrigen Dienstes und der geheiligte Tag der Ruhe, der dem Gedrückten das Gefühl der Freiheit und des Stolzes zurückgab,
immer wieder die enge Gasse und der verstohlene Blick auf die geöffnete Welt. 39
Das Bildungsideal hat, folgt man MOSSE, in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts eine
Transformation hin zu nationalistischen Werten durchlaufen. So „stand das Wort ‚Geist’
nun für das Volk – die Seele. Das griechische Ideal unveränderlicher Schönheit galt für vie-
le nur noch insofern, als es dem deutschen Nationalstereotyp Form und Inhalt gab. Neben
der Umwandlung des Bildungsprinzips in eine Art neuer Religion trugen diese Faktoren zur
Untergrabung der ehemals für so verlässlich und vielversprechend gehaltenen Gemeinsam-
keit zwischen deutschen und deutsch-jüdischen Bildungsbürgern bei.“ 40 Diese Bedeutungs-
änderung des Bildungsbegriffs in Deutschland, hat die Historikerin erst viel später erkennen
können. In der Einleitung zu ihrem Buch über die Hofjuden beschreibt sie die eigene Geis-
teshaltung vor dem Krieg:
(...) though she (Selma Stern, T.B.) was aware of the dark, irrational elements in human nature ever in revolt
against spirit and civilization, she was nevertheless certain that reason and humanity would win in the end. 41
38 George L. Mosse, Jüdische Intellektuelle in Deutschland, S. 22.
39 Stern, a.a.O., S. 13.
40 Mosse, a.a.O., S. 36.
41 Stern, The Court Jew, S. 6. Dass sie mit dieser Haltung nicht allein war, muss nicht betont werden. Ähnlich äußerte sich auch Sigmund Feuchtwanger (der Vater Lion Feuchtwangers): „Die Kultur und die Humanität schreiten vorwärts, so unmenschliche und barbarische Dinge können nicht wiederkommen, so wenig wie die viehischen Bestialitäten der altrömischen Kaiser. In den Ländern, in denen die Kultur noch nicht fortgeschritten ist, vor allem in Russland und in Rumänien, sind die Juden auch heute noch unterdrückt und leben und schuften wie Sklaven, und der Jude ist rechtlos und machtlos, und immer wieder liest man von Pogromen. Wir aber haben eine Verfassung. (...) Was vorbei ist, ist vorbei, und die Zeiten der Unkultur und der Barbarei werden nie wie- derkommen.“ Zitiert nach Wilhelm von Sternburg, Lion Feuchtwanger, S. 75.
16
Stern versucht, wenn es um die jüdischen Wurzeln Oppenheimers geht, zu zeigen, dass die-
ser ein neues Kapitel deutsch-jüdischer Beziehungen einleitet, vielmehr noch – dass er die
Trennung zwischen christlicher und jüdischer Sphäre aufhebt.
1.1.2 Der Jude als ritterlicher Christ (Elwenspoek)
In der Untersuchung Curt Elwenspoeks Jud Süß Oppenheimer. Der große Finanzier und ga-
lante Abenteurer des 18. Jahrhunderts (1926) wird der Legende um den christlichen Vater
einige Wahrscheinlichkeit eingeräumt. Oppenheimer habe, so führt er aus, im Prozess über
seine Eltern geschwiegen, weil er sich über das Gesetz, das „die fleischliche Vermischung“
zwischen Juden und Nichtjuden untersagte 42 , im Klaren gewesen sei, seine Eltern aber nicht
habe in Gefahr bringen wollen. Er spekuliert über das unverhältnismäßige Urteil, das über
den Grafen Heidersdorf gefällt wird und vermutet die wahre Ursache auch hierbei in der
Verbindung, die der Adlige mit der Jüdin eingegangen sei. Auf den populären Rassismus 43
der Zeit greift Elwenspoek zurück, wenn er die Wahrscheinlichkeit der Vaterschaft Hei-
dersdorfs mit der Beschaffenheit des „Blutes“ Oppenheimers in Zusammenhang bringt.
Überdies wird diese Darstellung (Elwenspoeks Buch, TB) in ihrem weiteren Verlauf erkennen lassen, dass manche Züge im Wesen des Joseph Süß Oppenheimer sehr wohl aus einer unglücklichen Blutmischung er-
klärt werden können, die ohne eine solche Voraussetzung rätselhaft bleiben. 44
Die Vorgehensweise des Autors ist problematisch. In einem weiteren Schritt verklärt er die
aus Spekulation gefolgerten Annahmen zur Wirklichkeit. So kreiert er ein Bild des Hofju-
den, das seine außergewöhnliche Persönlichkeit durch die väterlichen Anteile zu erklären
trachtet.
Dass der Jude, in dessen Seele zweifelsohne vom Vater her aristokratische Instinkte lebendig waren, nicht nur reicher und einflussreicher, sondern auch weitschauender, witziger und eleganter war als der schwäbi-
sche Adel, das verzieh man ihm nicht. 45
42 Er hätte, so der Gedanke, diesen Anklagepunkt durch den Nachweis eines christlichen Vaters abwenden kön- nen, seine Mutter aber und der Graf wären an seiner Stelle zur Rechenschaft gezogen worden. Oppenheimer handelt – folgt man Elwenspoek Anschauung – selbstlos und ritterlich, bis in den Tod.
43 Wie fundamental dieser Diskurs die europäische Selbstwahrnehmung veränderte, findet sich bei Poliakov: „Innerhalb der europäischen Gruppe gab es ‚historische’ Rassen, die so sehr voneinander verschieden waren, wie es die weiße und die schwarze Rasse nur sein konnten.“ Léon Poliakov (u.a.), Rassismus. Über Fremdenfeind- lichkeit und Rassenwahn, S. 93.
44 Curt Elwenspoek, Jud Süß Oppenheimer, S. 18f. Ähnlich heißt es auch bei Feuchtwanger: „Er (Herzog Karl Alexander, T.B.) gestand sich nicht, dass, was ihn an den Juden band wie das, was ihn abstieß, viel tiefer und unheimlicher in seinem Blut lag.“ Feuchtwanger (FW), Jud Süß, S. 382.
45 Elwenspoek, a.a.O., S. 45.
17
Doch Elwenspoek leugnet nicht, dass der spätere Hoffaktor jüdisch erzogen ist. Er misst diesem Einfluss in Oppenheimers Leben aber keinen bedeutenden Wert bei, das Jüdische, das ist bemerkenswert, bezieht sich bei Elwenspoek vor allem auf die äußere Erscheinung. Die Argumentation selber gewinnt ihre Urteile vor dem Hintergrund rassistischer Stereoty- pe, wobei „das Jüdische“ als makelbehaftet erscheint. So wird die Besonderheit der Er- scheinung Oppenheimers gerade an seinem unjüdischen Äußeren festgemacht, daran, dass er „weder in seinen Manieren, noch in seinem Akzent, noch in seinem Aussehen den Juden
verriet.“ 46 An der gleichen Stelle heißt es, dass „Süß in seiner äußeren Erscheinung und in seinem Auftreten von einem ‚Mauscheljuden’, wie ihn zahllose Schmähschriften nennen, entfernt war.“ In der darauf folgenden Anekdote wird neben der äußeren Erscheinung auch sein großzügiges Verhalten, seine Ritterlichkeit, d.h. seine Freigebigkeit, aber auch sein Witz und Schlagfertigkeit unter Beweis gestellt. Gerade in der Negation der als „jüdisch“ deklarierten Eigenschaften verrät sich aber das stereotype Denken. So wird Oppenheimers Judentum in dieser Darstellung gleich auf mehreren Ebenen wegretuschiert, wird das christ- liche Element durch die Aufwertung von unzuverlässigen Legenden aufgewertet. Es wun- dert kaum, dass Elwenspoek sich nirgends die Mühe macht zu erklären, was denn genau das „Jüdische“ bezeichnet, welche Eigenschaften sich mit diesem Attribut verbinden. Gerade das Fehlen einer Reflexion dieser Kategorien verweist auf den verbreiteten Diskurs jener Zeit, es wird einsichtig, dass Elwenspoek bei seinem Publikum ein stillschweigendes Ver- ständnis voraussetzt, dass es einen oft unausgesprochenen Konsens über das gab, was als „jüdisch“ empfunden wurde.
Wenn sich die Biographie dem Gerichtsprozess und der damit einhergehenden offensichtli- chen religiösen Einkehr Oppenheimers annimmt, drückt Elwenspoek seine Sympathie für die integere Haltung des Juden aus.
Und sein bis zuletzt unbeirrbarer Entschluss, gerade jetzt ‚Jude zu bleiben und kein Christ zu werden, auch wenn er römischer Kaiser werden könnte’, berührt ebenso sympathisch wie seine ritterliche Diskretion im Hinblick auf die von ihm kompromittierten Frauen. Die Todesnähe weckt immer Kindheitserinnerungen. Und je näher Süß den Tod vor sich sieht, um so hartnäckiger klammert er sich an die religiösen Vorstellun- gen und Gebote seiner Jugend. 47
Das Motiv für Oppenheimers Annäherung an das Judentum ist somit ausgemacht, es ist die Angst vor dem Tod. Ohne die ungerechte Verurteilung, so lautet das Argument, hätte Op- penheimer sich kaum auf sein Judentum besonnen. Zwar betont Elwenspoek immer wieder seine Sympathien für den ungerecht Verurteilten, für dessen „ritterliche Diskretion“, es wird
46 Elwenspoek, S. 23ff.
47 Elwenspoek, S. 161.
18
aber deutlich, dass er sich Oppenheimer als einer begnadeten Ausnahmeerscheinung nähert, dass er es als Errungenschaft betrachtet, dass dieser sein Judentum hinter sich gelassen hat, sich dessen höchstens in einem Affekt aus Angst und Trotz nochmals bedient. Diese Per- spektive impliziert, dass das Bild, das Elwenspoek von Oppenheimers liefert, in vielen Punkten den Wunschvorstellungen des Autors entspricht, der auf Oppenheimer sein Ideal
des potenten und ritterlichen Kavaliers projiziert. 48 Die Männlichkeit Oppenheimers mag für eine Zeit, in der eine verbreitete Krise der Identität vorherrscht, für eine Generation, die sich gegen die Väter auflehnt, ein willkommenes Identifikationsmoment bilden. Der Jude ist deshalb eindrucksvoll, weil er die Maximen der christlichen Gesellschaft und die Bürgertu- genden in exemplarischer Weise verkörpert. Die Quelle für diese Interpretation der Gestalt des Hofjuden mag in einem Ausspruch des Herzogs Karl Alexander zu suchen sein, in dem dieser Oppenheimer christliche Züge zuschreibt. Dort heißt es, dass „des Süßen (d.h. Op- penheimers, T.B.) Sentiments christlich, die mehrsten von meinen Räthen aber passioniert,
interessiert und jüdisch seyn.“ 49 An anderer Stelle drängt sich bei Elwenspoek eine Gleich- setzung von jüdischem Glauben und jüdischer Erscheinung auf, wobei diese Beschreibung Assoziationen von Krankheit und Verfall evoziert.
Die Bilder lassen deutlich erkennen, dass Süß in den letzten Jahren Fett angesetzt, einen gewissen Embon- point bekommen hatte; im Gefängnis war er klein und mager geworden, das Gesicht war schmal und einge- fallen und von einem schwärzlichen, wolligen Bart umrahmt. Wie er innerlich dem Glauben seiner Väter
wieder nahegekommen war, so erschien er äußerlich auch allmählich jüdisch wie nie zuvor. 50
Es kann also festgehalten werden, dass, wenn Elwenspoek es unternimmt, den Hoffaktor Jo- seph Süß Oppenheimer als „großen Finanzier und galanten Abenteurer“ zu charakterisieren, dies keineswegs eine ausdrückliche Wertschätzung seines Judentums meint. Die Sympa- thiebekundungen müssen vorsichtig auf ihre Substanz geprüft werden. Es zeigt sich dabei aber auch, dass Elwenspoek Oppenheimers Judentum in dem Maße aufwertet, in dem dieser von der christlichen Gesellschaft als Jude verurteilt wird. Es sind seiner Meinung nach die „Redlichsten“, die „mit einer gewissen Beschämung“ erkennen, „dass in Oppenheimer nicht
so sehr der Verbrecher als der Jude gerichtet sei“. 51 Gegen derart antisemitische Tendenzen richtet der Autor seine Deutung und ist sich der eigenen Voreingenommenheit durchaus bewusst, wenn er „die menschliche Persönlichkeit Oppenheimers mit ihren Schwächen und
48 Es ist anzumerken, dass Elwenspoek anders als behauptet, nicht auf Grundlage sämtlicher Akten berichtet. Ob allerdings die Kenntnis aller Dokumente seine Perspektive grundlegend verändert hätte, ist zumindest zweifel- haft.
49 Elwenspoek, S. 83.
50 Elwenspoek, S. 161.
51 Elwenspoek, S. 178.
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Vorzügen“ zu zeichnen beabsichtigt, wenn er eine „gewisse Sympathie für den Menschen“ 52 als Bedingung der eigenen Studie angibt. Er macht die Unklarheit der Quellen zusätzlich für diese Position verantwortlich, „da viele wesentliche Punkte wohl für immer im Dunkel blei- ben dürften“, wird man ihm (Elwenspoek, T.B.) „die Anwendung des Grundsatzes zugute
halten, der gilt, solange es ein Recht gibt: In dubio pro reo.“ 53 Gerade dieses apologetische Bedürfnis, das sich die Verteidigung zum Motiv macht, trägt eher zur Mystifizierung des
„gefährlichen Glücksritters“, des „genialen Hasardeurs“ 54 bei, als dass es zu einer nüchter- nen, aber historisch fundierten Betrachtung Oppenheimers führte. Elwenspoeks Position bleibt spekulativ und kann so gegen den Antisemitismus, gegen den sie sich zu richten vor- gibt, nichts bewirken. Tatsächlich bewegt sich die Argumentation zuweilen vor dem Hinter- grund antisemitischer Klischees und tradiert diese dadurch. Die naheliegende, für seine Un- tersuchung nicht unbedeutende Frage nach den Ursachen dieses Judenhasses, berührt El- wenspoek nicht.
1.1.3 Der Jude als Emporkömmling (Kornfeld)
In Kornfelds Drama „Jud Süss“ stehen anstelle einer Beschreibung der Herkunft Oppen- heimers die Vorurteile seiner Umgebung. Der Herzog ist über den Juden erstaunt, der es durch Gerissenheit bis zu einer Anstellung bei dem Minister Remchingen gebracht hat. Alle Formen durchbrechend dringt Oppenheimer am Beginn des Dramas ins herzogliche Schloss ein und wendet sein Geschick daran, von einer „einflussreichen Persönlichkeit“ als Sekretär angestellt zu werden. Da er nicht bis zum Herzog gelangt, konzentriert er sich zunächst auf den Minister Remchingen, wird dessen rechte Hand, ergreift aber die Gelegenheit, als Karl Alexander diesen besucht. Im Laufe des Gespräches, das sich zwischen dem verblüfften Regenten und dem Juden ergibt, kommt Oppenheimers „Herkunft“ zur Sprache.
Herzog So. Gut. – Aber wie bist Du denn überhaupt in die Stadt gekommen? Wie - ? Nun, da er einmal in Ihrem (Remchingens, T.B.) Hause ist, wollen wir es nicht näher untersuchen. – Von wo stammst Du denn? Süss Aus Heidelberg, Euer Durchlaucht.
52 Elwenspoek, S. 6 (Vorbemerkung) Die „gewisse“ Sympathie, die der Autor voraussetzt, kann entweder als Identifikation, oder als implizite Rechtfertigung für seine positive Haltung Oppenheimer gegenüber aufgefasst werden. Wenn er behauptet, es brauche Sympathie, um Oppenheimer als Mensch angemessen darzustellen, legt dies die Annahme nah, dass er ihn positiver darstellen will, als es die historischen Berichte eigentlich zulassen. Elwenspoek, der den Roman Feuchtwangers kannte, glaubt, der Persönlichkeit Oppenheimers näher zu kommen, als die frühere Rezeption: „Aber alle diese Schriften, von den ersten Pamphleten bis zu dem Roman Lion Feuchtwangers, lassen den Kern der Persönlichkeit dieses mehr als in einem Sinne außergewöhnlichen Men- schen im Dunkel.“ Ebenda, S. 14.
53 Elwenspoek, S. 6.
54 Elwenspoek, S. 190.
20
Herzog Das heisst: aus dem Heidelberger Ghetto? Sag einmal, wie sieht es denn eigentlich in so einem Ghetto aus? Hohe Häuser, enge Gassen, was? Und viel Dreck, was? Aber er sieht ganz ordentlich aus, ganz sauber. – Und bei wem bist du denn dort aufgewachsen?
Süss Bei meinen Eltern, Euer Durchlaucht.
Herzog So. Aha! Nicht beim Rabbi?
Süss Nein, Durchlaucht. 55
Die Unkenntnis und Unbefangenheit des Herzogs, der sich für Oppenheimer mit einer Art
verblüffter Neugierde und kindlicher Begeisterung interessiert, spiegeln und karikieren die
Vorurteile, die über das jüdische (Ghetto-) Leben im Umlauf sind. Gleichzeitig steht Op-
penheimer durch seine Erscheinung und gute Manieren, aber auch durch seine offenbar are-
ligiöse Erziehung im Kontrast zu diesen Vorurteilen. Eine Korrektur des Judenbildes wird
aber nicht unternommen, vielmehr werden der Aufstieg Oppenheimers am Hof zu Stuttgart,
sein Verhältnis zum Herzog und die judenfeindliche Stimmung in Württemberg zu den be-
stimmenden Themen. So wird Oppenheimer schon in der ersten Szene von den Dienern er-
niedrigt, die in ihm ein willkommenes „Spielzeug“ gefunden haben.
3. Diener Gerade vom Baum heruntergesprungen und aus dem Urwald frisch importiert – ein echter Jud!
Alle Ei wei! Ei wei!
1. Diener Herein mit ihm! Ich zahle einen Groschen!
2. Diener Ich halte mir schon die Nase zu. Aber man muss ihn am Bart zupfen – das bringt Glück! Herein
mit ihm! 56
In Kornfelds Bearbeitung des Stoffes tritt das antisemitische Vorurteil in den Mittelpunkt,
der Jude wird nicht als Person, sondern als „Rolle“ wahrgenommen. Folglich versucht Op-
penheimer hier, durch Klugheit seine Situation zu verbessern, sich durch Macht auch Re-
spekt zu verschaffen. Es ist bezeichnend, dass Kornfeld seinen Protagonisten gleichnishaft
den Weg aus dem Ghetto an den christlichen Adelshof gehen lässt, dass Oppenheimer zu-
nächst im traditionellen jüdischen Gewand 57 auftritt und erst später, nachdem er die An-
schuldigungen, die seine Feinde beim Herzog gegen ihn vorbringen, abwehren kann (2. Akt,
2. Szene), vom Herzog dazu aufgefordert wird, auch äußerlich seiner neuen Stellung als Fi-
nanzienrat gerecht zu werden.
Herzog Eine Flasche Champagner! – Wie du dagestanden bist vor diesen Leuten, in Deinem Judenrock! Das muss jetzt anders werden! Du bist jetzt Finanzienrat! Wie siehst Du aus? So darfst Du mir nicht mehr herumgehen! – Süss Aber Durchlaucht -! Herzog Halt’s Maul! Du bist Finanzienrat, bist ein Herr! Warum sollst Du kein Herr sein? ... So gut wie an- dere wirst du den Degen auch noch tragen können! (...)
55 Paul Kornfeld, Jud Süss. Tragödie in drei Akten und einem Epilog, S. 35.
56 Kornfeld, S. 31.
57 Ein deutlicher Bezug auf die sogenannte „ostjüdische Erscheinung“, die in der Weimarer Republik im Gegen- satz zur weitgehend assimilierten jüdischen Bourgeoisie stand.
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Magister Artium Thorsten Beck, 2004, Der Hofjude Joseph Süß Oppenheimer: Die politisierte Rezeption einer historischen Gestalt in der Weimarer Republik - Die Arbeiten Selma Sterns, Curt Elwenspoeks, Lion Feuchtwangers, Paul Kornfelds, Munich, GRIN Publishing GmbH
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