Die Oralität als Illusion im Roman: João Guimarães Rosa:
"Grande Sertão: Veredas"
von: Eva Lippold
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 1
II. Die Brasilianisierung des Ausdrucks – Tendenzen der brasilianischen Literatur im Bestreben einer „Brasilia 1
III. Schwierigkeiten bei der Wiedergabe gesprochener Sprache im Roman 5
IV. Erzählebenen und Redekonstellationselemente in „Grande Sertão: Veredas“ 9
Schluß 14
VI. Bibliographie 16
I. Einleitung
In der folgenden Hausarbeit möchte ich aufzeigen, wie die brasilianische Literatur auf der Suche nach einer eigenständigen „brasilianischen“ Form eine neue Form des Ausdrucks für sich gefunden hat, die unter anderen in einer neuen Gattung, der „mündlich erzählten Lebensgeschichte“ mündete. Bei der Betrachtung der mündlich erzählten Lebensgeschichte möchte ich mich auf den Roman „Grande Sertão: Veredas“ von Guimarães Rosa beziehen, der einer der Ersten war, der diese Form des Erzählens in dieser Ausprägung für sich fand.
Nach einem kurzen geschichtlichen Überblick über die Haupttendenzen bei der Entwicklung einer „brasilianischen“ Literatur konzentriere ich mich besonders auf den Aspekt der Oralisierung der brasilianischen Literatur, die ihre Perfektion möglicherweise in Form der „mündlich erzählten Lebensgeschichte“ fand. Hierbei möchte ich die Hauptunterschiede von gesprochener Sprache und Schrift sowie mögliche Lösungen und Schwierigkeiten für die Übertragung von Mündlichkeit ins Schriftliche aufzeigen, und diese anhand von Beispielen aus Rosas Roman vertiefen.
II. Die Brasilianisierung des Ausdrucks – Tendenzen der brasilianischen Literatur im Bestreben einer „Brasilianisierung“
Schon in der älteren Kolonie und ganz besonders nach der brasilianischen Unabhängigkeit 1822 fühlten sich viele Autoren der neuen Umgebung verbundener als dem fernen Portugal, und versuchten, diese „Brasilität“ in ihr Schaffen mit einfließen zu lassen. Die Schwierigkeit dabei war in erster Linie die Brasilianisierung des Ausdrucks, da diese ein weitaus komplizierterer Prozeß war als die Erneuerung der Themen und Inhalte: das eroberte Land verfügte über genügend Neues, Lokales, Unbekanntes und „Eigenes“. Das Portugiesische wurde zunächst 1:1 als Literatursprache übernommen. Eingeborenensprachen kamen als Literatursprache nie in Frage, zumal es keine schriftliche Militärtradition in diesen Sprachen gab. Die Literatur war fast ausschließlich auf eine gebildete Elite beschränkt, die in erster Linie aus den portugiesischen Kolonialherren bestand. Die Schwierigkeit für den Autor bestand also darin, sich von der importierten Schreibweise abzugrenzen und eine eigene, „brasilianische“ Form zu finden. Es bedurfte also einer veränderten linguistischen Realität. Erst im Verlauf einiger Generationen zeigten sich abweichende Sprachformen des Brasilianischen gegenüber dem Portugiesischen. Die lexikalische Veränderungen beschränkten sich jedoch auf Namen für bisher unbekannte Dinge, d.h. Pflanzen, Tiere, Landschaften usw. Diese Begriffe wurden aus den Indiosprachen übernommen. Gleichzeitig kam es aber auch zu einer langsamen Veränderung der portugiesischen Phonetik, Morphologie, Syntax und Semantik. In die Literatur wurden diese Veränderungen jedoch zunächst so gut wie gar nicht aufgenommen. Der starke Analphabetismus verhinderte eine aktive Partizipation der Bevölkerungsmehrheit an der „hohen“, schriftlichen Literatur und beschränkte diese nur auf einen kleinen und elitären Kreis. Die Mehrheit der portugiesischen Einwanderer entstammte nicht oder wenig gebildeten portugiesischen Bevölkerungsschichten, so daß auch von ihnen nur die wenigsten lesen und schreiben konnten. Hinzu kam die Vermischung mit der Bevölkerung der Kolonien, die per se nicht auf ein Hochportugiesisch zurückgreifen konnte. So war eine rein schriftliche Verbreitung der Literatur so gut wie ausgeschlossen. Es gab kaum eine portugiesische Schriftkultur in Brasilien, und die primäre Kommunikationsform war mündlich.
Auf der anderen Seite garantierte der Analphabetismus die Fortführung und Überlieferung einer lebendigen oralen Tradition, wie es sie in Europa in der Form seit dem Mittelalter nicht mehr gab. Verschiedene mündliche Traditionen trafen in Brasilien aufeinander: Da erhielt sich einerseits die mittelalterliche Tradition der anfänglichen Kolonisation, mit der große Rollen der katholischen Kirche mit ihrem System mündlicher Kommunikation und der Tradition gregorianischer Musik. Diese importierten Traditionen trafen auf die Tradition mündlicher Überlieferung der Urbevölkerung, die aus dem Nordosten selbst abstammt. So konnte sich im Nordosten eine lebendige mündliche Erzähltradition, die „literatura popular“r, erhalten und weiterentwickeln.
Die Suche nach eigenständiger literarischer Tradition führte für die Autoren zu einer Auseinandersetzung der brasilianischen Literatur mit der Realität des Landes, d.h. der Spaltung in Masse und Elite, Arm und Reich, Nord und Süd und Unterentwicklung und Hochtechnologie. Die Abgrenzung der brasilianischen Autoren vom „Mutterland“ Portugal war erst einmal auf die Thematik beschränkt: Es kam immer mehr zu einer thematischen Hinwendung zur eigenen Region (Regionalismus). Um jedoch den Ausdruck zu „brasilianisieren“ mussten sich die Autoren dem gesprochenen Wort zuwenden. So stechen beim Prozeß der Brasilianisisierung der Literatur zwei Aspekte besonders hervor: Die Hinwendung der Autoren zum gesprochenen Wort und ein Interesse für „einfache“ Sprechweisen. So kann man sagen, daß das Volk indirekt am meisten zu einer literarischen Traditionsbildung in Brasilien beigetragen hat.
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Eva Lippold, 2006, Die Oralität als Illusion im Roman: João Guimarães Rosa: "Grande Sertão: Veredas", Munich, GRIN Publishing GmbH
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