Inhaltsverzeichnis I
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG 1
2. GESCHICHTE DES WINDSURFSPORTS. 3
2.1 Die Gerätschaft und ihr Grundprinzip. 3
2.1.1 Das Windsurfgerät 3
2.1.2 Das Grundprinzip der Segelsteuerung 4
2.2 Die windsurfähnlichen Segelkonstruktionen 5
2.2 Die Entwicklung und Verbreitung des Windsurfsports 8
2.2.1 Ein Patent und seine Auswirkungen 8
2.2.2 Die wirtschaftliche Entwicklung des Windsurfsports unter besonderer
Ber ücksichtigung der Bundesrepublik Deutschland 9
2.2.3 Die Entwicklung des Windsurfsports anhand ausgewählter Beispiele 12
3. LITERATURDISKUSSION 17
3.1 Windsurfen als Gegenstand der Literatur 17
3.2 Erklärungsversuche zur Faszination, zur Attraktivität und zum Reiz des
Windsurfens 20
3.2.1 Argumente, Ursachen und Motive 21
3.2.1.1 Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und (Ur-)Triebe. 21
3.2.1.2 Kompensation des Alltags 23
3.2.1.3 Freiheit und Unabhängigkeit von Alltäglichem. 23
3.2.1.4 Windsurfen als körperliche Herausforderung 24
3.2.1.5 Vereintes Erleben mehrerer Sportarten. 26
3.2.1.6 Faszination Gleiten 26
3.2.1.7 Faszination Geschwindigkeit 27
3.2.1.8 Faszination Springen und Wellenreiten 27
3.2.1.9 Praktische Argumente und Ursachen 27
3.2.1.10 In-Sein, Zugehörigkeit zu einer Sportgemeinschaft. 28
3.3 Windsurfen als Ausdruck eines individuellen Lebensstils (Schiewer, 1989) 29
3.4 Körpergefühl beim Windsurfen (Steiner, 1985) 32
3.5 Körper- und Bewegungserleben beim Windsurfen (Strehle, 1994) 33
4. THEORIE UND METHODE DER UNTERSUCHUNG 40
4.1 Theoretische Grundlegung 40
4.2 Theoretische Bezugseinheit 41
4.3 Methodische Grundlegung 43
4.4 Das Untersuchungsmaterial 47
5. VEREINHEITLICHENDE BESCHREIBUNG. 48
5.1 Entgrenzen. 48
5.1.1 Abbild des Freien und Ungebundenen. 48
5.1.2 Zwanglosigkeit des Lifestyles. 49
5.1.3 Auflösung der Alltagsverbindlichkeiten 50
Inhaltsverzeichnis II
5.1.4 Freiheit in familiärer Gemeinschaft 52
5.1.5 Nähe im exklusiven Verbund. 53
5.1.6 Aufgehen im Unendlichen und Unberechenbaren 54
5.1.7 Unmittelbare Harmonie und Verbundenheit mit der Natur 55
5.1.8 Unmittelbares Erleben in Bewegungsformen 58
5.1.8.1 Springen (Im Flug Grenzen auflösen) 58
5.1.8.2 Wellenreiten (Spielen mit der Gefahr und behütetes Schaukeln) 58
5.1.8.3 Gleiten (Sich auflösen, verschmelzen, omnipotent sein) 59
5.1.9 Probleme und Erfordernisse. 62
5.1.9.1 Suche nach Halt 62
5.1.9.2 Suche nach Berechenbarkeit und Konstanz 65
5.1.9.3 Untätig festgelegt sein. 66
5.1.9.4 Störungen 68
5.2 Begrenzen. 69
5.2.1 Leben in Begrenzung 70
5.2.1.1 Sich ganz einlassen 70
5.2.1.2 Verzichten und entbehren 71
5.2.1.3 Sich durchsetzen, emanzipieren 72
5.2.2 Kämpfen und Sich-Quälen. 73
5.2.2.1 Alleine gegen den Wind. 73
5.2.2.2 Ausbildung einer perfekten, runden Gestalt. 74
5.2.2.3 Fortwährendes Durchstehen von Schmerzvollem. 76
5.2.2.4 Besonders sein. 78
5.2.2.5 Verblaß der Jugendlichkeit 78
6. ÜBERLEGUNGEN ZUR WIRKUNG DES WINDSURFENS 80
7. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK. 85
8. LITERATURVERZEICHNIS 88
9. ANHANG 95
Fachwortverzeichnis 95
Auflistung der Probanden 97
Kurzbeschreibungen der Interviews 98
Einleitung 1
1. Einleitung
Windsurfen 1 − wie kaum eine andere Sportart hat sich die „Mutter aller
Trendsportarten“ (Kloos, 2000, 53) in nur wenigen Jahren einen etablierten Platz auf dem hart umkämpften Freizeitmarkt und vor allem in den Herzen einer großen Anhängerschaft gesichert, deren Anzahl, trotz eines deutlichen Rückgangs seit Mitte der 80er Jahre des 20. Jahrhunderst, allein in der Bundesrepublik Deutschland noch immer 300.000 bis 350.000 betragen soll (vgl. Bundesverband der Surfindustrie,
1999). 2 Nimmt man diese Zahlen als Grundlage und vergleicht sie mit den anderen 57 Sportarten, die im Deutschen Sportbund (DSB) organisiert sind, dann liegt das Windsurfen an 15. Stelle und damit noch vor den ebenfalls sehr populären Sportarten wie Golf, Basketball oder Segeln (vgl. ebd.).
Es stellt sich nun die Frage, worin die (andauernde) Faszination der anfänglich zumeist von Seglern belächelten und verspotteten Aktivität der „Stehgeiger“, „Billigsegler“ oder „Mopedfahrer des Sees“ (Stanciu, 1984, 8) besteht und wie es ihr gelingt, das zumeist in den einschlägigen Fachmagazinen und -zeitschriften proklamierte „Gefühl des Losgelöstseins“, der „Befreiung auch vom Leistungszwang“ (Kloos, 1997, 3) sowie das besondere Erleben von Glücksmomenten und Spaß zu generieren. Die vorliegende Arbeit geht gerade diesen Fragen nach. Sie untersucht den Windsurfsport dabei aus der Perspektive seiner Protagonisten, indem sie sich für deren Erleben bei der Tätigkeit des Windsurfens interessiert und dieses ausführlich und konkret beschreiben läßt. Um das Erleben der Windsurfer umfassend und adäquat erfassen zu können, bedient sie sich einer entsprechenden qualitativen Forschungsstrategie, wie sie das theoretische und methodische Konzept der Morphologischen Psychologie nach SALBER bereitstellt (vgl. Kap. 4). Damit ist
1 In dieser Arbeit wird die Bezeichnung ‚Windsurfen’ gewählt, da diese die „älteste und gängigste“ (Herreilers & Weichert, 1980, 18) ist und im allgemeinen deutschen Sprachgebrauch favorisiert wird. Nach Meinung des Verfassers der vorliegenden Arbeit ist mit ‚Windsurfen’ auch die treffendste Bezeichnung für diese Sportart gewählt, da sie der in den Tiefeninterviews herausgestellten besonderen Bedeutung des Windes am Ehesten gerecht wird (vgl. Kapitel 5). Im folgenden wird deshalb die Bezeichnung ‚Windsurfen’, aber auch die verkürzte Form ‚Surfen’ synonym für die zumeist in der Literatur gebräuchlichen Bezeichnungen ‚Brettsegeln’, ‚Segelsurfen’, ‚Stehsegeln’ oder ‚Windgleiten’ verwendet. Die Protagonisten dieser Sportart werden im Rahmen dieser Arbeit als Windsurfer oder Surfer bezeichnet und das Gerät wird Board, Brett, Surfbrett oder Surfboard genannt.
2 Diese Zahlen beziehen sich auf die Saison 1998/99. Sie basieren allerdings auf ‚vorsichtigen’ Schätzungen des Surf-Magazins sowie den Schulungszahlen des Verbandes Deutscher Windsurfing und Wassersportschulen e.V. (VDWS). Eine exakte Erfassung der Aktiven ist nicht möglich, da das
Einleitung 2
innerhalb der sportpsychologischen Forschung ein ungewöhnlicher und vakanter Erkenntnisweg eingeschlagen, der zudem im Zusammenhang mit dem Windsurfsport erstmals angewendet wird.
Primäres Ziel dieser Arbeit ist es, anhand ausführlicher Erlebensbeschreibungen von Windsurfern zu einer umfassenden empirischen Erhebung des Erlebens der Sportart Windsurfen zu gelangen. Auf deren Grundlage sollen dann bestehende Erkenntnisse und Reflexionen, wie sie in Kapitel 3 diskutiert werden, um qualitative Ergebnisse erweitert und somit einen Beitrag zur sportpsychologischen Forschungspraxis geleistet werden. Die Arbeit will zum dritten zu weiteren, mehr strukturell ausgerichteten Untersuchungen von Sportarten anregen.
Bevor jedoch auf die empirische Untersuchung zum Erleben der Sportart Windsurfen eingegangen wird, erfolgt zunächst eine kurze Darstellung der geschichtlichen Entwicklung des Windsurfsports (Kapitel 2). Im Anschluß an diese Einführung in den Untersuchungsgegenstand werden Artikel, Beiträge und Untersuchungen zum Themenbereich Windsurfen diskutiert (Kapitel 3). Hier wird sich zeigen, daß das Windsurfen bisher wenig Gegenstand sportpsychologischer Forschung war. Nach der Literaturdiskussion erfolgt eine kurze Darstellung der Theorie und Methode, mit der an den Untersuchungsgegenstand herangegangen wird. Das erhobene umfangreiche qualitative Material wird anschließend in der sogenannten vereinheitlichenden Beschreibung anschaulich und phänomennah auf die Strukturzüge des Windsurfsports verdichtet (Kapitel 5). Die Erkenntnisse aus dieser Verdichtung aller durchgeführten Tiefeninterviews bildet die Grundlage für die nachfolgenden Überlegungen zur Wirkung des Windsurfens (Kapitel 6). Den Abschluß der Arbeit bilden eine kurze Zusammenfassung und ein Ausblick, der weitere Fragestellungen und Anregungen formuliert (Kapitel 7).
Windsurfen nur zu einem sehr geringen Teil als Vereinssport betrieben wird (vgl. Bundesverband der Surfindustrie, 1999).
Literaturdiskussion 3
2. Geschichte des Windsurfsports
2.1 Die Gerätschaft und ihr Grundprinzip
Um einen Einblick in die Thematik und eine Vorstellung dessen zu bekommen, ohne das „der schönste Sport der Welt“ (Welz, 1996, 22) und folglich keine Untersuchung zum Windsurfen existierte, sollen zunächst die Gerätschaft und deren funktionales Prinzip in ihren Grundzügen dargestellt werden.
2.1.1 Das Windsurfgerät
Die Gerätschaft eines Windsurfers (vgl. Abb. 1) setzt sich im wesentlichen aus dem
Surfbrett und dem sogenannten Rigg 3 zusammen, die beide in unterschiedlichen Größen und für unterschiedliche Einsatzbereiche und -bedingungen gefertigt
werden. 4 Das Surfbrett − als Beispiel das sogenannte ‚Funboard’ − ist in der Regel ein vollausgeschäumter, geschlossener, flacher und vorn rund bis spitz zulaufender Hohlkörper, der meist aus Kunststoff hergestellt wird und um die 3,20 bis 3,50 m lang, um die 0,60 bis 0,70 m breit ist und ein Gewicht von ca. 10 bis 15 kg bei ca. 130 bis 160 l Volumen hat. Als feste Elemente sind in der Mitte des Brettes ein
Schwertkasten − in das sich ein Steck- oder Klappschwert einführen läßt, das die (seitliche) Abdrift verhindert − und die Haltevorrichtung für den Mastfuß
eingearbeitet, der das Brett und Rigg durch ein nach allen Seiten bewegliches Gelenk verbindet. Seine Position kann in der Mastfußschiene in Richtung Bug oder Heck variabel verändert werden. Im Heckbereich des Brettes ist an der Unterseite eine sogenannte Finne angebracht, die die Richtungsstabilität erhöht. An der Oberseite sind zumeist zusätzlich Fußschlaufen montiert, die bei stärkerem Wind den Füßen mehr Halt geben.
Das Rigg dient zur Steuerung des Windsurfgerätes, die stehend erfolgt. Das Segel ist ein dreieckiges, windundurchlässiges und durch Segellatten profiliertes Tuch (oder eine Folie), das den Vortrieb erzeugt. Es wird am Gabelbaum straff aufgespannt. Dieser ist ein flaches Oval aus einem Gestänge und wird am Mast befestigt. Der
3 Die in dieser Arbeit verwendeten Fachtermini sind in einem Fachwortverzeichnis im Anhang alphabetisch aufgelistet.
4 Vgl. zur Differenzierung der verschiedenen Surfbrett- und Riggtypen etwa Prade (1994) oder Stanciu (1984).
Literaturdiskussion 4
Gabelbaum ist wichtigstes Element zum Steuern des Windsurfgerätes und wird vom Windsurfer stehend mit beiden Händen gehalten.
2.1.2 Das Grundprinzip der Segelsteuerung
Das Steuerungsprinzip des Windsurfgerätes basiert − kurz und vereinfacht dargestellt − auf dem physikalischen Zusammenhang zwischen dem sogenannten Segeldruckpunkt, der die am Segel angreifenden Windkräfte in sich vereinigt (etwa im vorderen Drittel des Segels und in Höhe des Gabelbaums), und dem sogenannten Lateraldruckpunkt, dem Angriffspunkt, an dem die Kraft vereinigt auftritt, die den unter Wasser liegenden Teilen auf ihrer ganzen Fläche durch das Wasser
entgegenwirkt (etwa in Höhe des Schwertes). 5 Liegen beide Punkte in einer Linie, so fährt das Brett geradeaus. Bei einer Verlagerung beider Punkte zueinander ändert sich die Fahrtrichtung: durch Neigung des Riggs in Längsrichtung des Brettes vor den Lateraldruckpunkt dreht der Bug vom Wind weg, nach Lee, und das Brett fällt ab. Wird der Segeldruckpunkt durch die entsprechende Neigung des Riggs hinter den Lateraldruckpunkt verlagert, dreht sich der Bug zum Wind hin, nach Luv. Das Brett luvt an.
5 Vgl. zur ausführlicheren Erläuterung des Grundprinzips der Segelsteuerung Garff & Biedermann (1980) sowie Zotschew (1983).
Literaturdiskussion 5
2.2 Die windsurfähnlichen Segelkonstruktionen
Das Windsurfen verbindet nun „auf geniale Weise“ (Mares & Winkler, 1984, 9) das oben genannte Grundprinzip der Steuerung mit dem vom Wellenreiten her bekannten, gleitfähigen Rumpf (Brett). Beide Elemente sind jedoch schon lange in der Geschichte bekannt (vgl. Herreilers & Weichert, 1980). So wird schon bei den alten Griechen in HOMERs 5. Gesang der Odyssee ein Wasserfahrzeug beschrieben, das mit Hilfe der oben beschriebenen Druckpunktverlagerung gesteuert wurde. Dieses Fahrzeug ähnelte dem sogenannten „Jangada-Floß“ (ebd., 7) aus Balsaholzstämmen, das vor ca. 1000 Jahren von brasilianischen Indios beim Fischfang benutzt und durch die unterschiedliche Neigung eines nach allen Seiten beweglichen
Mast mit Segel gesteuert wurde. 6 Auch bei den Polynesiern und anderen Südseestämmen war diese Technik bekannt und wird heute noch angewendet (vgl. ebd.).
Der zweite elementare Teil des Windsurfens, das Brett, ist von einer Tätigkeit der Polynesier entlehnt, welche die Grundlage für das heutige Brandungssurfen oder Wellenreiten bildete, das sich in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts vor allem über Hawaii in die USA, Australien und Europa verbreitete (vgl. ebd.).
In der ‚neueren’ Geschichte des Windsurfsports sind zahlreiche windsurfähnliche
Konstruktionen bekannt, die − trotz diverser Unterschiede − alle die beiden oben genannten ‚alten’ Elemente verwenden. Diese Konstruktionen sollen im folgenden kurz skizziert werden.
In der Literatur wird der US-Amerikaner, Designer und Erfinder NEWMAN DARBY als „Stammvater“ (Herreilers & Weichert, 1980, 8) oder „Pionier der Stehsegler“ (Helbig, 1985, 9) bezeichnet. DARBY war es nämlich, der 1964 mit seiner Konstruktion „Sailboarding“ als erster die Idee in die Praxis umsetzte, ein Brett durch variable Neigung eines Konstrukts aus Segel, Baum und Mast stehend mit den
6 Im Rahmen dieser Arbeit wird auf eine bildliche Darstellung der nachfolgend beschriebenen windsurfähnlichen Gerätschaften verzichtet. An dieser Stelle sei auf Herreilers & Weichert (1980) verwiesen, deren Abbildungen in zahlreichen Untersuchungen zum Windsurfen herangezogen werden (vgl. etwa Rapf, 1987; Wolf, 1993).
Literaturdiskussion 6
Händen zu steuern (vgl. Herreilers & Weichert, 1980). 7 Sein ca. 3 m langes, ca. 0,90 m breites und ca. 30 kg schweres Segelbrett aus Holz war flach, rechteckig und hatte ein Schwert. Das trapezförmige, verstagte (bewegliche) und 3,25 m² große Rigg, das einem auf den Kopf gestellten (Kinder-) Drachen glich, wurde durch einen Tampen fest mit dem Brett verbunden und von der windabgewandten Seite aus gesteuert, indem der Segler vor dem Mast stehend mit seinem Körper den Winddruck auffing und das Rigg nach vorn oder hinten neigte (vgl. Mares & Winkler, 1984). Obwohl er seine Gerätschaft 1965 in der US-amerikanischen Zeitschrift ‚Popular Science’ und anschließend in einer breit angelegten Vermarktungskampagne der Öffentlichkeit
vorstellte, blieb der wirtschaftliche Erfolg aus − wohl aufgrund der unvorteilhaften Steuerung und der ungünstigen Strömungsverhältnisse (vgl. Herreilers & Weichert, 1980).
Ebenfalls erfolglos blieb der Münchener Rechtsanwalt RAINER SCHWARZ mit seinem 1966 konstruierten und in der Bundesrepublik Deutschland als „Gebrauchsmuster auf ein Wellenbrett mit Handsegelvorrichtung“ (Herreilers & Weichert, 1980, 9) patentierten „Hawaii-Segler“ (ebd., 10). Diese Gerätschaft wurde aufgrund des hohen Kraftaufwandes bei der Steuerung nie produziert (vgl. Prade, 1977). Sie bestand aus einem dem Wellenreitbrett nachempfundenen Rumpf von etwa 3,60 m Länge, 0,52 Breite und ‚nur’ 15 kg Gewicht sowie aus einem krebsscherenförmigen, schmalen und hochgeschnittenen Rigg, welches das Segeltuch zwischen zwei Vförmigen Spieren aufspannte und in einer Vertiefung des Rumpfes lose fixiert wurde (vgl. Dassler, 1998). Die Steuerung dieses auch als „Segelboot“ (Mares & Winkler, 1984, 9) bekannten Gerätes erfolgte sitzend, wobei das Rigg „mühsam“ (ebd.) mit den Händen an den Spieren geführt wurde.
Der „Durchbruch“ (Rapf, 1987, 12; Wolf, 1993, 12) zu einem voll funktionierenden
Windsurfgerät − und deshalb im allgemeinen als der eigentliche „Genius und geistige Vater“ (Stanciu, 1992, 25) des heutigen Windsurfens erachtet − gelang 1967 dem
US-Amerikaner, Ingenieur und Flugzeugkonstrukteur JAMES R. „JIM“ DRAKE mit
7 Nur vereinzelt und nicht ohne unbegründete Zweifel wird in der Literatur der Engländer Peter Chilvers erwähnt, der − allerdings ‚nur’ nach eigenen Angaben und ohne jegliche Aufzeichnungen oder Fotos − bereits 1958 im Alter von 12 Jahren ein Segelgerät aus einem Sperrholzrumpf und einem mit Holzlatten und Leinentuch bestückten Rigg entworfen haben will, das dem des heutigen Windsurfgerätes sehr ähnlich sieht (vgl. Chilvers 1982; Dassler, 1998). In Großbritannien gilt
Literaturdiskussion 7
einem Segelsurfgerät, das in Form und Funktion der Prototyp aller heutigen
Windsurfgeräte ist (vgl. Stanciu, 1984). 8 DRAKEs Konstruktion wurde 1968 von seinem Nachbarn und späteren Partner, dem Computerfachmann HOYLE SCHWEITZER, in den USA unter dem Namen „Windsurfing“ jeweils zu gleichen Teilen patentiert (vgl. ebd.). Wesentliche und prägende Neuerung war zum einen ein hölzerner Gabelbaum, der das Halten des Riggs auf beiden Seiten zuließ, und zum anderen die Verwendung eines flexiblen Kardangelenkes, welches das Rigg nach allen Seiten frei beweglich machte und gleichzeitig eine feste Verbindung mit dem Brett sicherte (vgl. Dassler, 1998). Weiterhin gehörte zu diesem 3,65 m langen, 65 cm breiten und 20,5 kg schweren Kunststoffboard ein vom Segelsport bekanntes hölzernes Schwert und eine Kunststoffinne (vgl. Wolf 1993). Das Rigg bestand aus einem 4,20 m langen Mast, einem 2,65 m langen Gabelbaum und einem Segel von 5,4 m² Fläche sowie einer Schot, mit der das Segel aus dem Wasser gezogen wurde (vgl. ebd.).
DRAKE entwickelte die Idee bereits seit 1962, vorwiegend in langen Gesprächen mit
seinem Freund und ehemaligen Chef FRED PAYNE JR. (vgl. Stanciu, 1984). 9 Er wollte als begeisterter Segler und Skifahrer ein Sportgerät für den Sommer entwickeln, das die Vorzüge beider Sportarten miteinander kombiniert. So ist, entgegen der späteren Behauptung SCHWEITZERs, der Kalifornier DRAKE der eigentliche ‚Erfinder’ dieses Gerätes, war er es doch „der das Konzept ,vom Wind in den Händen’ entwickelte, der die Kombination von gelenkigem Mastfuß und Gabelbaum ersann, der die ersten Prototypen baute und ausprobierte“ (ebd., 202). Sein Kompagnon und leidenschaftlicher Wellenreiter SCHWEITZER hingegen finanzierte hauptsächlich die
Entwicklung (vgl. ebd.). 10
Chilvers aufgrund einer gerichtlichen Entscheidung sogar als Erfinder des ersten Segelsurfgerätes (vgl. ebd.).
8 Aufgrund dieses Tatbestandes wird Darby mit seinem Konzept ‚Sailbording’ oftmals auch ‚nur’ eine „chronistische Bedeutung“ (Biedermann, 1980, 6) in der Geschichte des Windsurfens zugeschrieben oder er wird erst gar nicht erwähnt.
9 Vgl. für eine ausführliche und durchaus anschauliche Schilderung der Entwicklungsgeschichte Drakes ‚Windsurfing’ Stanciu (1984).
10 Stanciu (1984) legt Wert auf diese in einem persönlichen Interview mit Drake festgestellte Tatsache und veröffentlicht diese auch mehrfach in seiner damaligen Funktion als Chefredakteur des SURF-Magazins, denn Hoyle Schweitzer stellte sich später zu unrecht gerne öffentlich als alleiniger Erfinder des ‚Windsurfers’ heraus. Vgl. zu dieser Thematik Herreilers & Weichert (1980) und Stanciu (1984; 1992).
Literaturdiskussion 8
2.2 Die Entwicklung und Verbreitung des Windsurfsports
2.2.1 Ein Patent und seine Auswirkungen
Da die weltweite Entwicklung und Verbreitung des Windsurfens lange Zeit von einem Ereignis und dessen Auswirkungen bestimmt wurde, soll dieses und seine Bedeutung für die Geschichte des Windsurfsports hier kurz dargestellt werden.
Nachdem DRAKE und SCHWEITZER bereits mehrere Windsurfgeräte von Freunden hatten bauen lassen und diese meist an weitere Freunde verkauft hatten, schien der gerade ins Leben gerufenen Sportart Windsurfen mit der gemeinsamen Gründung einer eigenen Firma unter dem Namen „Windsurfing International Inc.“ (Stanciu, 1984, 204) eine glorreiche Zukunft versprochen. Mit dem 1974 auf Drängen SCHWEITZERs veranlaßten Verkauf des Patentanteils von DRAKE für 30.000 US-
Dollar wurde der noch jungen Sportart Windsurfen − vor allem in den USA − jedoch
gleich zu Beginn ein Hindernis in den Weg gestellt: Nunmehr als alleiniger Besitzer des Patentes reiste SCHWEITZER mit ‚seinem’ geschützten und inzwischen maschinell produzierten „Original Windsurfer“ um die Welt, um dessen Vermarktung voranzutreiben. Bei seiner breiten kommerziellen Vermarktung betrieb er jedoch eine willkürliche Lizenzpolitik, indem er etwa größeren aber finanzkräftigen Firmen
die Lizenz verweigerte (vgl. Stanciu, 1992). 11 In Europa erhielten 1972 zunächst nur die holländische Textilfirma TEN CATE die Lizenz zur Produktion des „Original Windsurfers“. Später bekamen auch die Deutschen OSTERMANN (WINDGLIDER), DREXLER (HIFLY) und BINDER (SAILBOARD) diese Genehmigung (vgl. Stanciu, 1992). Die Konsequenz SCHWEITZERs Politik waren vor allem in der Bundesrepublik Deutschland zahlreiche längere Patent-Rechtsstreite mit anderen Herstellerfirmen, die durch diverse Modifikationen und Teilerneuerungen versuchten, SCHWEITZERs Patentschutz zu umgehen, um so an der steigenden Popularität des Windsurfens
finanziell teilzuhaben. 12 Ein Ende der Patentstreitigkeiten konnte erst nach dessen Ablauf im März 1986 erfolgen.
11 Schweitzers Lizenzeinnahmen bis zum Ablauf des Patentes werden auf ca. 30-40 Millionen US-Dollar geschätzt (vgl. Kloos, 1987).
12 Das in der BRD angemeldete Patent hatte in der Zeit seiner Gültigkeit von März 1978 bis März 1986 lediglich das „Rigg für ein Segelbrett“ zum Inhalt, wobei der Gabelbaum das zentrale Element des Patentes bildete (vgl. Zotschew, 1979).
Literaturdiskussion 9
2.2.2 Die wirtschaftliche Entwicklung des Windsurfsports unter besonderer Berücksichtigung der Bundesrepublik Deutschland
Trotz des oben beschriebenen regelrechten „Herstellerkrieges“ (Herreilers & Weichert, 1980, 15) um das Patent hatte der Windsurfsport seit seinem Bestehen eine beeindruckende wirtschaftliche Entwicklung zu verzeichnen. Diese erfolgte aber nicht in allen Ländern gleichermaßen. Während sich etwa in den USA, dem Ursprungsland des Windsurfens, zu Beginn ein Entwicklungsrückstand bezüglich des Interesses und der Zahl der Windsurfer manifestierte, begeisterte der Windsurfsport nach dessen Bekanntwerden zu Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts vor allem die Menschen in Westeuropa (vgl. Helbig, 1985). So wurden in den USA 1980 ‚nur’ ca. 25.000 Boards verkauft, wohingegen in Europa ca. 250.000 Stück einen Käufer
fanden (vgl. Herreilers & Weichert 1980). 13 Von den weltweit ca. 6,5 Millionen Windsurfern betrieben 1985 in den USA ca. 300.000 das Windsurfen, während etwa in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) ca. 1,1 Millionen Menschen diesem Sport nachgingen (vgl. Rowe, 1985). In Japan waren es zu diesem Zeitpunkt ca. 600.000, in Frankreich ca. 250.000 und in Österreich, Schweiz, Dänemark und Norwegen zusammen insgesamt ca. 500.000 Windsurfer (vgl. ebd.). In Osteuropa breitete sich das Windsurfen jedoch nur zögerlich aus (vgl. Herreilers & Weichert, 1980).
Vor allem in der BRD erfuhr das Windsurfen seit der Lizenzvergabe und dem Auftauchen des ersten „Original Windsurfer“ 1972 auf Sylt durch den Hamburger Werbekaufmann SCHMIDT eine „explosionsartige“ (Rapf, 1987, 15) Verbreitung
(vgl. ebd.). 14 In damaligen Presseberichten aber auch in der zu diesem Zeitpunkt vermehrt veröffentlichten Literatur zum Windsurfen (vgl. Kapitel 3) spricht man von einem regelrechten „Boom“ (Herreilers & Weichert, 1980, 15; Mares & Winkler, 1984, 6; Stanciu, U., 1984, 8; Kerler, R. & Ch., 1987, 7). Das Ausmaß dieses Booms auf dem deutschen Markt, der nach wie vor neben dem in Japan und Frankreich der stärkste ist (vgl. Bundesverband der Surfindustrie, 1999), kann am besten anhand der
Verkaufszahlen der Windsurfindustrie illustriert werden (vgl. Abb. 2). 15
13 Nach Rapf (1987) sieht Jim Drakes Sohn Matt in einer von ihm durchgeführten quantitativen empirischen Untersuchung die Ursache für die stagnierende Entwicklung des Windsurfsports in den USA vor allem in Schweitzers Verweigerung der Lizenzvergabe an US-amerikanische Unternehmen.
14 Genau wie Mitarbeiter der Firma TEN CATE und der Schwede Faestad wurde auch Schmidt durch eine Veröffentlichung innerhalb eines Magazins des damals größten US-amerikanischen Chemiekonzerns DUPONT auf Schweitzers ‚Windsurfer’ aufmerksam und reiste in die USA.
15 Im folgenden wird der Bundesverband der Surfindustrie mit BdS abgekürzt.
Literaturdiskussion 10
Abb. 2: Verkaufsentwicklung von Windsurfbrettern in der Bundesrepublik Deutschland. 16
Wurden in der BRD 1972 ca. 200 Surfbretter verkauft, betrug der Absatz vier Jahre später bereits ca. 12.000 Surfbretter. Fortan nahm die Zahl an verkauften Brettern stetig zu und lag 1983, dem absoluten und nie wieder erreichten Umsatzhöhepunkt, bei über 100.000 Stück. Auch die Zubehörindustrie für den Primär- und Sekundärbedarf (z.B. Dachgepäckträger, Neopren-Bekleidung, Surfschuhe bzw. Ersatzteile, Trapezgurte etc.) hatte Anteil an diesem starken Zulauf. So fiel ihr 1979 von den ca. 70 Millionen DM Gesamtumsatz allein die Hälfte zu (vgl. Herreilers & Weichert, 1980).
Die rasant steigende Nachfrage an Windsurfgeräten bildete die Grundlage für zahlreiche Firmengründungen, wie etwa WINDGLIDER (1975), MISTRAL (1976), HIFLY, SAILBOARD und KLEPPER (alle 1979) sowie FANATIC und F2 (1982), um nur einige ‚größere’ Firmen zu nennen. Insgesamt versuchten 1980 an die 100 Bretthersteller, den lukrativen Windsurfmarkt zu erobern (vgl. Herreilers & Weichert, 1980).
16 Die im Diagramm angegebenen Werte wurden aus den jeweiligen Dezember- beziehungsweise Januar-Ausgaben des SURF-Magazins und aus Veröffentlichungen des BdS (1999; 2000) entnommen. Bei den Verkaufszahlen handelt es sich um ‚vorsichtige’ Schätzungen des SURF-Magazins, da ungenaue und ‚beschönigte’ Verkaufszahlen seitens der Hersteller veröffentlicht werden. Zudem ist zu berücksichtigen, daß in den Angaben des BdS nur dessen Mitglieder erfaßt wurden, die allerdings den größten Teil der gesamten Brettproduktion abdecken (vgl. BdS, 2000). Andere Windsurfbrett-Hersteller und auch kleinere Custom-Made-Werkstätten werden hier nicht berücksichtigt.
Literaturdiskussion 11
Die steigende Beliebtheit des Windsurfsports in den frühen 70er und 80er Jahren wirkte sich ferner auch auf den Schulungsbereich aus. Schon 1977 waren ca. 100 Windsurf-Schulen im Verband Deutscher Windsurfing-Schulen (VDWS) organisiert, der sich seit 1974 der Organisation des Windsurf-Lehrwesens annahm und später zum Verband Deutscher Windsurfing und Wassersport Schulen umbenannt wurde. Bereits 4 Jahre später existierten ganze 384 Einrichtungen, die bis 1980 etwa 120.000 Anfänger ausbildeten (vgl. Herreilers & Weichert, 1980).
Die beeindruckende Gesamtentwicklung des Windsurfsports erreichte 1983 ihren Höhepunkt. Seit diesem ‚Rekord-Jahr’ waren in der BRD nämlich rückläufige Umsatzzahlen zu verzeichnen. Die Zahl der verkauften Bretter sank stetig ab und betrug 1990 ‚nur’ noch ca. 45.000 Bretter. Die Umsatzeinbußen und der durch die Massenfertigung von Windsurfgeräten zwangsläufig verschärfte Konkurrenzkampf zwischen den zahlreichen Herstellern um Marktanteile hatte unweigerlich diverse Konkursanmeldungen zur Folge, die nicht nur kleinere und meist privat finanzierte sogenannte „Custom-Made-Werkstätten“ (BdS, 1999, 1) betrafen, sondern auch zur damaligen Zeit marktführende Hersteller, wie etwa WINDGLIDER (1982) oder F2 (1986) (vgl. Rapf, 1987).
Auch nach der „Marktbereinigung“ (BdS, 1999, 3) Mitte der 90er Jahre sind gerade gegen Ende des letzten Jahrtausends Zusammenschlüsse von Surffirmen zu großen Unternehmen zu verzeichnen. So schlossen sich etwa MISTRAL, NORTH SAILS, FANATIC und ART, später noch ARROWS und JP-BOARDS zur sogenannten MISTRAL SPORTS-GROUP zusammen oder BIC und TIGA zu BIC SPORT, um auf dem hart umkämpften Markt bestehen zu können (vgl. BdS, 2000).
Der „lang anhaltende Abwärtstrend“ (BdS, 1999, 3) in der BRD Ende der 80er Jahre bis Mitte der 90er Jahre scheint aber seit 1996 überwunden, denn seitdem ist mit konstanten 30.000 Brettern im Jahr eine Absatzstabilisierung eingetreten. 1999 erfährt das Windsurfen mit ca. 32.000 Brettern sogar erstmalig wieder einen Aufwärtstrend (vgl. BdS, 1999; BdS, 2000). In der Branche spricht man von einem „zarten dritten Frühling“ (BdS, 2000, 5).
Literaturdiskussion 12
2.2.3 Die Entwicklung des Windsurfsports anhand ausgewählter Beispiele
Der Windsurfsport hat sich seit seinem Bestehen weitreichend entwickelt. Bedeutende Veränderungen und Erneuerungen sind etwa in der Entwicklung des Windsurfgerätes zu verzeichnen, die durch die harte Konkurrenz der Hersteller untereinander und besonders nach Ablauf SCHWEITZERs Patentgültigkeit beschleunigt wurde und eine Anpassung an verschiedene Einsatzbereiche (z.B. Windsurfen in der Brandung) darstellt (vgl. Dassler, 1998). War SCHWEITZERs „Original Windsurfer“ ein bis 1983 nahezu unverändert produziertes, vorwiegend in weiß gehaltenes, schwergewichtiges und schwer manövrierbares ‚Einheits-sportgerät’, bestechen die zahlreichen heutigen Surfbretter und Riggs durch ihre Farbenvielfalt, Wendigkeit, Handhabbarkeit und Leichtgewichtigkeit. Sie werden mittlerweile in aufwendigen, hochtechnisierten Produktionsverfahren und mit verschiedensten Werkstoffen und Materialien (z.B. Carbon, Monofilm) hergestellt. Wesentliche Neuerungen bei den Surfbrettern sind (Form-)Veränderungen, etwa der Outline, Scoop-Rocker-Linie und des Unterwasserschiffes. Bei den Segeln haben sich heute voll durchgelattete und mit Cambern versehene Profilsegel durchgesetzt. Insgesamt haben das Design, die Technik und Form der Bretter und Segel heute einen enorm hohen technischen Standard erreicht, so daß sie wesentlich länger halten als ihre Vorgänger (vgl. BdS, 1999).
Im Brettbereich ist derzeit vermehrt eine Entwicklung zu relativ kurzen aber breiten Brettern sichtbar (um die 2,70 m x 0,80 m), die unter dem Namen „Widestyle-“ oder „Widebody-Generation“ zusammengefaßt werden. Windsurfanfängern stehen ebenfalls großvolumige, recht kurze und sehr breite und deshalb kippstabile Schulungsbretter zur Verfügung, die ihnen den Einstieg in das Windsurfen erleichtern sollen.
Im Zuge der Materialentwicklung haben sich auch die Fahrtechniken verbessert. Diese wurden durch die Einführung des Trapezes 1976, das vom Segelsport her bekannt war und für das Windsurfen modifizierten wurde, und später durch Fußschlaufen erleichtert. So konnte man nun steigenden Windstärken und Ermüdungserscheinungen vorbeugen beziehungsweise kontrollierte Sprünge und
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Fahrten bei hohen Geschwindigkeiten oder unruhigem Wasser durchführen. Heute sind Geschwindigkeiten von über 80 Km/h möglich.
Ab ca. 1977 begann eine regelrechte „Manöverwelle“ (Thide, 1994, 73). Die geübten Windsurfer zeigten und zeigen auch heute noch beeindruckende und immer schwierigere Sprünge in der Brandung, deren Kreativität keine Grenzen gesetzt scheinen. Das vielfältige Spektrum an Sprüngen und Freestyle-Figuren reicht heute über sogenannte „Table Tops“ bis hin zum dreifachen Frontloop.
Mit der Gründung des bereits erwähnten VDWS setzte 1974 die Organisation des Windsurfsports ein. So existierte nun ein Dachverband, der heute 333 Windsurf-Schulen in 28 Ländern einheitlich organisiert und seit seinem Bestehen 2.124.000 Anfänger ausgebildet hat (vgl. BdS, 2000). 1981 trat dann mit dem Deutschen Seglerverband (DSV) eine weitere Organisation dazu, die die mittlerweile gegründeten Windsurf-Vereine und deren Mitglieder vertritt. 1988 wurde der Bundesverband der Surfindustrie (BdS) gegründet, der als Interessengemeinschaft
von Firmen der „drei Eckpfeiler des Surfmarkts − Hersteller, Reisen und Schulung“ (ebd., 2) fungiert. In ihm sind bekannte Bretthersteller, Segel- und Riggproduzenten, Neopren- und Zubehörhersteller, Windsurf-Reiseunternehmen sowie Ausbildungs-und Schulungsverbände organisiert (vgl. ebd.).
Seit 1984 gehört das Windsurfen der Männer, vier Jahre später auch das der Frauen zu den Segeldisziplinen der Olympischen Spiele. Diese Windsurf-Klasse im sogenannten „Mistral-One-Design“ setzt sich aus identischen Windsurfgeräten zusammen, einem Raceboard von 3,72 m Länge, 235 l Volumen und 15 kg Gewicht sowie einem Segel von 7,4 m² Fläche (vgl. BdS, 2000). Das allgemeine öffentliche Interesse an der olympischen „Einheitsklasse“ (ebd., 9) ist allerdings eher gering. Anders verhält es sich mit dem professionellen Wettkampsport Windsurfen, der keinerlei Materialbeschränkung unterliegt (vgl. ebd.). Diese Form des Windsurfens hat sich schnell zu einer ernstzunehmenden und lukrativen professionellen Tätigkeit entwickelt, die in nationalen und internationalen Wettkämpfen in Form von Kursrennen, Waveriding- oder Slalom-Disziplinen mit durchaus hohen Preisgeldern ausgetragen wird. Diese Wettkämpfe genießen in der Öffentlichkeit eine hohe Popularität und Resonanz. So zählt der seit 1983 veranstaltete Worldcup auf der
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nördlichsten deutschen Insel Sylt, der ein breites Rahmenprogramm bietet, mit bis zu 150.000 Zuschauern zu den weltweit ältesten und renommiertesten Windsurfveranstaltungen (vgl. BdS, 1999).
Die professionellen Wettkämpfe finden mittlerweile auch in großen Hallen statt. Eine solche „Indoor“-Veranstaltung wurde erstmalig 1990 in Paris durchgeführt. 1998 dann, feierte das Surfen in der Halle im Rahmen der Frankfurter Messe „Wonderworld“ seine Premiere in der BRD (vgl. BdS, 2000).
Vor allem über das professionelle Windsurfen bildeten sich „Leitfiguren“ (Schiewer, 1984, 35) aus, die mit der Geschichte des Windsurfens und dessen öffentlichen Verbreitung und Beliebtheit in unmittelbarem Zusammenhang stehen. So ist zum einen der auf Hawaii lebende, US-Amerikaner ROBERT STANTON „ROBBY“ NAISH zu nennen, der 1976 bereits als 13-Jähriger seine erste Windsurf-Weltmeisterschaft gewann und bis 1987 die Nummer eins der Welt war (vgl. BdS, 1999). Aufgrund seines prägenden und innovativen Stils wird NAISH nicht nur in Fachkreisen „Mister Windsurfing“ (ebd., 12) genannt. Er ist auch außerhalb der Windsurfszene als der Prototyp eines Windsurfers einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Eine ähnlich große Beliebtheit erfreut sich auch der gebürtige Dänen mit holländischem Paß BJÖRN DUNKERBECK, der bei Wettkämpfen für Spanien startet und aufgrund seiner zwölf Overall-Weltmeistertitel in Folge nunmehr als der „beste Windsurfer aller Zeiten“ (BdS, 2000, 12) bezeichnet wird (vgl. ebd.). Aber auch deutsche Windsurfprofis genießen weltweite Anerkennung und sind durchaus erfolgreich. So zählt etwa der gebürtige Ostfriese BERND FLESSNER als „bester deutscher Windsurfprofi“ (BdS, 1999, 11) seit Jahren zu den „Top-10 der Welt“ (ebd.).
Aus der Sportart Windsurfen sind mit der Zeit verschiedene Kombinationen und Varianten hervorgegangen, die allerdings zumeist eher eine geringere Resonanz aufweisen und eher regional und saisonal ausgeübt werden. So wird beim sogenannten „Ski-Surfing“ das Skifahren mit dem Windsurfen zu einer Wettbewerbsform kombiniert, die in zwei oder mehreren Skirennen (zumeist Riesenslalom) und einer Windsurfing-Regatta mit mehreren Wettfahrten ausgetragen wird (vgl. Garff & Biedermann, 1980). Ferner entwickelten sich nach Wind- surfvorbild etwa das Windskating oder das Eisskaten, bei denen anstatt eines
Literaturdiskussion 15
Surfbretts ein dem Skateboard ähnliches Gerät verwendet wird. 17 Seit etwa 1998 gewinnt ein ‚neuer’ Wassersport namens Kitesurfen eine zunehmend breitere Anhängerschaft, zu der sich auch erfahrene und populäre Windsurfgrößen bekennen,
wie etwa ROBBY NAISH, BRIAN TALMA oder SEAN ORDONEZ. 18
Der Einfluß des Windsurfsports hat sich auch auf andere Lebensbereiche des
Menschen ausgewirkt − wenn auch nicht immer im positiven Sinne. Denn die wachsende Popularität des Windsurfens in der BRD während der 70er und zu Anfang der 80er Jahre eröffnete nicht nur (oben beschriebene, zumeist finanzielle) Möglichkeiten, sondern bereitete auch Probleme und hatte entsprechende Konsequenzen. So führte die steigende Zahl an Windsurfern aufgrund der limitierten Wasserfläche zu Interessenkollisionen, Konflikten und Unfällen mit anderen
Wassersportlern und Badenden, die − meist durch die Presse der damaligen Zeit aufgebauscht − behördliche Regressionen und pauschale Windsurfverbote auf deutschen Gewässern nach sich zogen (vgl. Kloos, 1979). Im Stadtgebiet von München etwa wurde das Windsurfen 1979 „auf allen stehenden oberirdischen
Gewässern“ (Kloos, 1979, 8) verboten, obwohl − oder gerade weil − München zum
damaligen Zeitpunkt die „Surfhochburg in Europa“ (vgl. Schmidt, 1980, 7) war. Bald wurde der Windsurfschein, als „Grundschein VDWS“ oder „DSV-Segelsurfschein“, zunehmend Pflicht auf vielen deutschen Gewässern, um „ein Surfdurcheinander und mögliche Gefährdungen des Wasserverkehrs durch Surfer in geordnete Bahnen zu lenken“ (Mares & Winkler, 1980, 7). Zum Schutze der Umwelt stellten diese Institutionen ferner „Zehn Goldene Regeln für das Verhalten von Wassersportlern in der Natur“ (Steinbrück, 1985, 122) auf, nach denen sich der umweltbewußte Surfer richten sollte.
17 Vgl. zur Beschreibung dieser Sportarten Garff (1979).
18 Beim Kitesurfen wird anstelle eines Riggs ein bis zu 13 m² großer, leichter und mit Luftkammern versehener, gleitschirmähnlicher Lenkdrachen, ein sogenannter Kite (engl. Drachen), für den Vortrieb benutzt, der mit Hilfe von bis zu 50 m langen Leinen an einer Lenkstange gesteuert wird. Das Kiteboard ist ein dem Windsurfen oder Wakeboarden entlehntes Brett (vgl. Langer, 2000). Beim Kitesurfen sind Geschwindigkeiten von über 60 Km/h und Sprünge von bis zu 30 m möglich (vgl. Lerike, 2000; Lange, 2000). Lerike (2000) stellt in ihrer Trendanalyse des Kitesurfsports fest, daß das Kitesurfen zum einen „der ultimative Wasserspaß für alle zu sein (scheint), denen der Kick beim Windsurfen nicht ausreicht“ (ebd., 36) und zum zweiten aufgrund des geringen Aufwands (Kosten, Transport) sowie des „immensen Hinschaufaktor(s)“ das „Zeug zu einem Trendsport“ habe (ebd., 67). Trotzdem sei das Kitesurfen „lediglich“ (Lerike, 2000, 70) als eine Ergänzung zum Windsurfen zu betrachten. In diesem Zusammenhang wäre es durchaus interessant zu klären, ob das Kitesurfen eine kulturspezifische Weiterentwicklung des Windsurfsports darstellt?
Literaturdiskussion 16
Im Gegensatz zu den zunehmenden örtlichen Surfverboten und der Surfscheinpflicht wurden (und werden auch heute noch) immer mehr ‚exotische’ Reviere auf der ganzen Welt unter anderem für das Windsurfen erschlossen. Die Zahl der Anbieter, die pauschale Windsurfreisen in alle Teile der Welt und dort einen „kultivierten Surfspaß“ (BdS, 1999, 4) offerierten, nahm zu. Es entwickelten sich ganze Industriezweige (z.B. für das Zubehör) mit Umsätzen in Millionenhöhe. So nahm sich etwa auch die Bekleidungsindustrie des Windsurfens an, indem sie dessen Motive verarbeitete.
1994 wurde das Windsurfen dann auch Inhalt von TV-Serien, wie etwa „Gegen den Wind“ oder später „Die Strandclique“, die mehrere Jahre erfolgreich im öffentlich rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt wurden (vgl. BdS, 1999, 4).
Schon früh widmeten sich national und international herausgegebene Fachmagazine und -zeitschriften dem Windsurfsport, indem sie eine breite Leserschaft (zumeist) mit eindruckvollem Bildmaterial, aber auch mit Fahrtechniktips und allgemeinen Informationen zum Windsurfen versorgten. In der BRD erschien 1974 mit der WINDSURFING die erste Fachzeitschrift. Diese wurde allerdings 4 Jahre später von dem seit 1977 herausgegebenen SURF-Magazin übernommen, das sich schnell als beliebtes Medium auf dem Markt etabliert hat. Daneben existiert seit 1995 das SURFERS-Magazin, das neben dem Windsurfen auch das Wellenreiten thematisiert.
Das Windsurfen erfreut sich auch in Form von Videos und digitaler Medien (CD-ROM, DVD) einer großen Beliebtheit. Im Zuge der Popularisierung elektronischer
Medien ist diese Sportart neuerdings auch im Internet ein beliebter Themenbereich. 19 Dies zeigen unzählige Internetseiten kommerzieller Anbieter, aber auch privater ‚User’, die über diesen Weg ihre Windsurf-Erlebnisse, -bilder und -informationen einer breiten Masse zugänglich machen. Mit Hilfe sogenannter „WebCams“ (spezielle internettaugliche Kameras) ist sogar eine digitale Übermittlung von Bildern (etwa eines Surfreviers) über das Internet nahezu in Echtzeit möglich.
19 In diesem Zusammenhang sind Redewendungen wie etwa „im Internet surfen“, „Web-Surfer“ etc. interessant. In Anbetracht der vorliegenden qualitativen Untersuchung zum Erleben der Sportart Windsurfen scheinen diese Begriffsbezeichnungen nicht von ungefähr, eröffnen sich doch mit der
schier endlosen Vielfalt (Weite) des Internets − eine dem Windsurfen ähnliche Qualität (vgl. Kapitel 5) − z.B. unzählige Möglichkeiten der Informationsbeschaffung und -verbreitung. Vgl. hierzu auch die
Literaturdiskussion 17
3. Literaturdiskussion
Nachdem im vorangegangenen Kapitel über die Darstellung der Gerätschaft und der geschichtlichen Entwicklung des Windsurfsports eine Einführung in den Untersuchungsgegenstand erfolgt ist, werden nun Beiträge und Untersuchungen zum Themenbereich Windsurfen diskutiert. Damit soll ein Überblick über die verfügbare deutsche Windsurfliteratur und ein Einblick in den aktuellen Stand der deutschen sportwissenschaftlichen, insbesondere der sportpsychologischen Forschung bezüglich des Windsurfens gewonnen werden. Die vorliegende Arbeit richtet dabei ihr vornehmliches Augenmerk auf Beiträge und Untersuchungen zum Themenbereich Windsurfen, die für sie relevante Erkenntnisse, Erfahrungen oder Reflexionen zur Faszination des Windsurfens und zum Erleben bei der Tätigkeit dieser Sportart thematisieren.
3.1 Windsurfen als Gegenstand der Literatur
Das Spektrum an Windsurfliteratur ist umfangreich und zeigt ein klares Bild: Den größten Teil machen Publikationen aus, die sich als Lehrbücher mit dem ‚richtigen’ Erlernen des Windsurfens und seinen zahlreichen Fahrtechniken und Manövern beschäftigen, indem sie diese mit farbenfrohem Bildmaterial illustrieren und dazu Anweisungen und Techniktips geben (vgl. etwa Prade, 1977; Scheuer & Smidt, 1996; Stanciu, 1984; 1986; 1987). Daneben gibt es diverse weitere Fachbücher, die sich ganz den faszinierenden Seiten des Windsurfens oder der Protagonisten dieser Sportart widmen und sie dem affinen Leser näherbringen wollen. Dazu wird vorwiegend Bildmaterial von typischen Motiven des Windsurfens (z.B. Sprünge, Gleitfahrt) und/oder von den ‚aktiven’ Protagonisten verwendet, das mit deren (Lebens-) Geschichten unterlegt wird (vgl. etwa Naish & Seer, 1984; Stanciu & Seer, 1983; Thide, 1994).
Ähnlich bildreich illustriert wird das Windsurfen auch in den Fachmagazinen und -zeitschriften, die ihre Leserschaft mit Informationen rund um das Windsurfen versorgen wollen. Hier ist insbesondere das SURF-Magazin zu nennen, in dem sogar „erste Ansätze zu einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung“ (Herreilers & Weichert, 1980, 131) mit der Windsurfthematik zu verzeichnen sind, da dieses
von Weinen (1998) durchgeführte qualitative Untersuchung zu Erlebensverläufen von Internet- sitzungen.
Literaturdiskussion 18
diverse Untersuchungen etwa zur Materialbeschaffenheit der Gerätschaft und ihres Zubehörs oder etwa Befragungen über die Effektivität von Anfängerkursen durchführt (vgl. ebd.).
Unter den Publikationen zum Themenbereich Windsurfen befinden sich auch zahlreiche (sport-)wissenschaftliche Beiträge und (empirische) Untersuchungen unterschiedlicher Ausrichtung, die jeweils spezifische Fragestellungen zum Windsurfsport verfolgen. So erforschen etwa sportmedizinische Publikationen das Windsurfen unter physiologischen, Herz-Kreislauf-relevanten, traumatologischen und/oder pathologischen Gesichtpunkten im Freizeit-, Leistungs- und Gesund-heitssport (vgl. Both, Schönle & Rieckert, 1982; Zitzmann, 1993).
Auch in der Bewegungslehre und Biomechanik lassen sich spezifische Untersuchungen zum Windsurfen ausmachen. Deren Erkenntnisse finden dann zumeist im Lehrwesen oder im Leistungssport Anwendung. So analysiert z.B. JANKE (1983) im Rahmen seiner Diplomarbeit die Stemm-, Hock- und Knieschubtechnik zur Optimierung von Elementartechniken beim Windsurfen.
Nicht nur aus sportmedizinischen oder biomechanischen Interesse heraus werden auch speziell windsurfende Frauen, ältere Menschen oder Kinder berücksichtigt. Anläßlich der manifesten Unterrepräsentativität von Frauen im Windsurfen erweitert etwa RUDOLF (1985) bestehende sportmedizinische Erkenntnisse zum „Problemfeld Frau und Windsurfsport“ (ebd., 80) um allgemeine psychologische und soziologische Aspekte, die sie aus Untersuchungen zum Thema Frau und Sport zusammenträgt.
Das Windsurfen wird des weiteren auch unter den Prämissen der Sportsoziologie und Freizeitwissenschaften erforscht. SCHIEWER (1989) etwa analysiert im Rahmen seiner Diplomarbeit die Strukturveränderungen des Sportverständnisses am Beispiel der modernen Freizeitsportarten Jogging und Windsurfen. Auf seine Arbeit wird in Kapitel 3.3 näher eingegangen. Zahlreiche andere Diplomarbeiten untersuchen empirisch sozialpsychologische Aspekte des Windsurfsports. Dabei fokussiert z.B. SCHÄDLE (1983) besonders auf die Anfängerschulung, BIBOW (1984) vergleicht das Windsurfen mit etablierten Sportarten, wohingegen HELBIG (1985) einen Vergleich der Windsurfszene in Deutschland mit der in Australien vornimmt. KÜNSTLER (1985)
Literaturdiskussion 19
ist vornehmlich an geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Sportart Windsurfen interessiert, während RAPF (1987) die Zukunftsperspektiven des Windsurfens untersucht. Die empirischen Untersuchungen sind quantitativ ausgerichtet, d.h. sie erheben mittels mehrerer hundert schriftlicher, standardisierter Fragebögen Erkenntnisse etwa zur demographischen Struktur, zum zeitlichen Umfang und finanziellen Aufwand, zur Beurteilung der Surfschulung und zu sonstigen kulturellen sowie sportlichen Aktivitäten der Windsurfer, auf deren Grundlage dann die spezifischen Ausgangsfragestellungen behandelt werden.
WELZ (1994) diskutiert innerhalb seiner Diplomarbeit den Sport-Umwelt-Konflikt und WYNANTS (1993) untersucht das Umweltbewußtsein von Windsurfern.
Ferner ist der Bereich des Lehrwesen im Windsurfsport Gegenstand diverser sportwissenschaftlicher, pädagogisch-didaktisch orientierter Untersuchungen und Beiträge. Hier sind etwa HERREILERS & WEICHERT (1980), PETERSEN (1985), KÖNEN (1985) oder WOLF (1993) zu nennen, die sich der Methodik und Didaktik des Windsurfens verschreiben, indem sie die gängigen Lehr- und Lernmethoden in der Windsurfausbildung entweder empirisch untersuchen oder diese kritisch analysieren, um Probleme, Verbesserungen oder gar neue Lehrplankonzepte für den Windsurfunterricht im Verein oder an öffentlichen Schulen zu erarbeiten. GARZKE (1997) untersucht im Rahmen seiner Diplomarbeit das Erlernen der Vorwärtsrotation (Frontloop).
Unter den sportwissenschaftlichen Diplomarbeiten finden sich auch solche, die sich ausschließlich der Gerätschaft des Windsurfers und/oder den Fahrtechniken zuwenden. Diese fokussieren zumeist auf eine Darstellung der historischen Entwicklung des Materials und/oder der Fahrtechniken. So zeichnet etwa DASSLER (1998) die geschichtliche Entwicklung ausgewählter Fahrtechniken im Windsurfen in Abhängigkeit von Materialentwicklungen nach, während BREMERMANN (1998) die technologischen Fortschritte und Innovationen in der Entwicklung und Produktion von Windsurfbrettern aufzeigt.
Im Gegensatz zu den oben angeführten, zahlreichen wissenschaftlichen Ausrichtungen scheint der Windsurfsport aus einer mehr (sport-)psychologischen
Literaturdiskussion 20
Perspektive heraus betrachtet derzeit wenig erforscht. Nur vereinzelt lassen sich innerhalb der verschiedenen Disziplinen der (Sport-)Wissenschaft psychologische Zugänge oder Reflexionen zum Windsurfsport ausmachen. Zu nennen sind hier der Beitrag von STEINER (1985) und STREHLEs (1994) empirische Untersuchung zum Körper- und Bewegungserleben von Windsurfern, auf die in Kapitel 3.4 beziehungsweise 3.5 näher eingegangen wird.
In der deutschen sportpsychologischen Forschung sind bislang nur Beiträge und Untersuchungen zu finden, die das Windsurfen im Kontext motorischer Lernprozesse
erforschen. So stellt SCHACK (1999) − ausgehend von einem kognitionspsychologischen Ansatz − in einer experimentellen Untersuchung den Aufbau, die
funktionale Stabilisierung und die Veränderung mentaler (begrifflicher) Strukturen beim Erwerb motorischen Könnens am Beispiel des Frontloops in den Mittelpunkt.
Da innerhalb anderer Ausrichtungen der Sportpsychologie, etwa in der (klassischen)
Motivations- oder Emotionspsychologie, Untersuchungen und Beiträge − und somit auch fundierte psychologische Erkenntnisse − zum Windsurfsport fehlen, erscheint
die Wahl der Sportart Windsurfen und insbesondere die Einnahme einer psychologischen (Erlebens-)Perspektive um so erstrebenswerter. Damit erhofft sich die vorliegende Arbeit, diese ‚Forschungslücke’ innerhalb der Sportpsychologie zu verkleinern und zu weiteren mehr strukturell ausgerichteten Untersuchungen der zahlreichen anderen, aber noch (qualitativ) unerforschten Sportarten anregen zu
können. 20
3.2 Erklärungsversuche zur Faszination, zur Attraktivität und zum Reiz des Windsurfens
Bei der Durchsicht der zahlreichen unterschiedlichen (populärwissenschaftlichen und wissenschaftlichen) Artikel, Beiträge und Untersuchungen zum Themenbereich Windsurfen fällt auf, daß sich deren Autoren immer wieder dem Faszinierenden, Attraktiven und Reizvollen des Windsurfsports zuwenden, um dessen bereits oben
20 Bislang existieren solche Untersuchungen und Beiträge zum Betreiben von Bodybuilding (vgl. Hamburger, 1987) und Fitneßsport (vgl. Miller, 1997), zum Fußball (vgl. Thevissen, 1982) beziehungsweise Profi-Fußball spielen (vgl. Strack, 2000), zum Reiten (vgl. Voß, 2000), Snowboarden (vgl. Haarmann, 1999; Marlovits, i. Dr.), zum Tennis spielen (vgl. Busch, 2000) und zum Zuschauen beim Boxen (vgl. Baumann, 2000) sowie zum Skifahren, Betreiben von
Literaturdiskussion 21
beschriebenen ‚Boom’, die anhaltende Beliebtheit oder die eigene ‚Surfmotivation’ zu erklären. Sie orientieren sich dabei zumeist an der Fragestellung des ‚Warum’, an Überlegungen, wie sie etwa in der klassischen Motivationspsychologie Anwendung
finden − ohne sich jedoch konkret nach deren Prämissen zu richten (vgl. etwa
Bender, 1978; Zotschew, 1978; Stanciu, 1984). Als Antwort auf die Frage wird von den Autoren dann eine Vielzahl von Argumenten, Ursachen und, vor allem von Seiten der Sportwissenschaft, Motiven aufgeführt (vgl. etwa Künstler, 1985; Schädle, 1983; Schiewer, 1989).
Die Mehrzahl der Erklärungsversuche oder „Motivationsanalyse(n)“ (Schädle, 1983, 58) zur Faszination, zur Attraktivität und zum Reiz des Windsurfens spiegeln einzelne Erfahrungen, Meinungen oder Reflexionen des jeweiligen (windsurfenden) Autors wider. In Anbetracht des für die vorliegende Untersuchung relevanten Konzeptes (vgl. Kapitel 4) und der Ermangelung an vergleichbaren Ergebnissen aus sportwissenschaftlichen Untersuchungen sollen die von den Autoren extrahierten
Argumente, Ursachen und Motive im folgenden jedoch − oder gerade weil sie zumeist persönlich erlebte Erfahrungen wiedergeben − als Beschreibungen zum Erleben der Sportart Windsurfen erachtet und dargestellt werden. 21
3.2.1 Argumente, Ursachen und Motive
3.2.1.1 Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und (Ur-)Triebe
Als eine Erklärung für die beeindruckende Wirkung des Windsurfens wird in der Fachliteratur häufig die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und Triebe durch diese Sportart herangezogen. So liege nach GARFF & BIEDERMANN (1980) der „wichtigste Erfolgsschlüssel“ (ebd., 19) für die blitzartige Verbreitung des Windsurfens in der seit jeher tief im Inneren des Menschen verwurzelten „Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit von Umwelt, Vorschriften, alltäglichen Zwängen“
Leistungssport (vgl. Marlovits, 2000) und zum Zuschauen von Formel-1-Rennen (vgl. Marlovits & Mai, 1999).
21 Es sei bereits an dieser Stelle angeführt, daß das dieser Arbeit zugrundeliegende theoretische und methodische Konzept der Morphologischen Psychologie nicht einzelne Ursachen oder Motive zur Erklärung menschlichen Erlebens oder Verhaltens heranzieht, sondern die Aus- und Umbildung von ganzheitlich zusammen- und entgegenwirkenden, sich ständig wandelnden, sogenannten Gestalten (etwa das Windsurfen), durch die Seelisches in der Wirklichkeit Ausdruck erlangt (vgl. Kapitel 4). Seelisches Geschehen manifestiert sich dabei auch in schriftlich dargestellten Meinungen, Erfahrungen oder Reflexionen.
Literaturdiskussion 22
(ebd.) sowie in der Faszination der See, Meere und Ozeane, die eben die Erfüllung jener Sehnsucht nach Selbstverwirklichung verheiße.
Auch HERREILERS & WEICHERT (1980) sehen in ihrem Buch „Windsurfen − Lehren
und Lernen mit Programm“ in Anlehnung an VON HENTIG (1973) die Faszination des Windsurfens in der Möglichkeit der nahezu universellen Befriedigung menschlicher Bedürfnisse begründet. Dabei erlange nicht nur der affine Sportler, wie etwa der Segler, Skifahrer oder Turner, beim Windsurfen Befriedigung, sondern generell der auf Bewegung drängende, Spannung, Höchstleistung und Abenteuer, Wettkampf, Geselligkeit, „Öffentlichkeit und Circenses“ (Herreilers & Weichert, 1980; zit. nach von Hentig, 1973, 17) sowie Sicherheit, ein gewisses Maß an Autarkie und physische Fertigkeiten suchende Mensch. Die körperliche Bewegung und die Fertigkeiten würden durch Wind und Wasser vermittelt, deren Unkalkulierbarkeit Spannung und Abenteuer beinhalte, beziehungsweise deren Bewältigung durch den einzelnen Windsurfer Höchstleistung von ihm erfordere und Autarkie erleben lasse. Der Wettkampf lasse sich gegen sich selbst, gegen andere Surfer und gegen Wind und Wasser gestalten, und ferner erfahre der Surfer in der Gemeinschaft Geselligkeit. Das Windsurfen sei aber auch für Außenstehende, etwa für Zuschauer, Film und Fernsehen, attraktiv, die die sich im Wettkampf messenden Windsurfer beobachten könnten.
Innerhalb der sportwissenschaftlichen Untersuchungen, die, wie bereits erwähnt, zumeist soziologisch-freizeitwissenschaftlichen Ansätzen folgen, stellt auch SCHÄDLE (1983) in ihrer Diplomarbeit „Sozialpsychologische Aspekte der ‚neuen’ Sportart Windsurfen unter besonderer Berücksichtigung der Anfängerschulung“ resümierend fest, daß die Ausübung der Sportart Windsurfen in der Befriedigung „elementare(r) und moderne(r) Bedürfnisse des Menschen“ (ebd., 63) begründet liege, indem es etwa dessen „Wunsch nach mehr körperlicher Bewegung, nach Mobilität und neuen Umwelterfahrungen (nachkomme), ebenso wie dem wachsenden Interesse, Natur und Landschaft, frische Luft und Sonne zu genießen“ (ebd.; zit. nach Institut für Freizeitwirtschaft 1983, 34).
Zu einem ähnlichen Fazit gelangt auch KÜNSTLER (1985) in ihrer empirischen Untersuchung „Sozialpsychologische Analyse geschlechtsspezifischer Unterschiede in der Sportart ‚Windsurfen’“. Sie sieht die von OPASCHOWSKI (1976) klassifizierten
Literaturdiskussion 23
Freizeitbedürfnisse des Menschen nach Rekreation, Kompensation, Edukation, Kontemplation, Partizipation, Integration, Kommunikation und Enkulturation der Freizeit im Windsurfen bedient.
3.2.1.2 Kompensation des Alltags
Eng im Zusammenhang mit der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse durch das Windsurfen wird von den Autoren deren (Lebens-)Alltag thematisiert. Dieser sei etwa nach BENDER (1978) durch Kopflastigkeit und Bewegungsarmut charakterisiert und belebe bei ihr einen mächtigen (ursprünglichen) „Bewegungstrieb“ (ebd., 1978, 44), der nach Befriedigung verlange. Gerade hier biete das Windsurfen der Sportjournalistin und Windsurferin eine bewegungs- und erlebnisreiche „Therapie“ (ebd.), denn
„wenn ich beim Windsurfen alle meine Kräfte aufbieten muß, um mich gegen den Wind zu stemmen, dann fühle ich meinen Körper ganz intensiv. Alles glüht und prickelt, die seelischen Verkrampfungen lösen sich. Ein unbändiges Lustgefühl durchströmt mich“ (ebd.).
So verhindere das Windsurfen Einseitigkeit und sorge für „Harmonie von Geist und Körper“ (ebd.).
Die faszinierende Ausgleichsfunktion des Windsurfens wird auch in dem Artikel des SURF-Magazins „Das spricht fürs Windsurfen: Pluspunkte“ (o.V., 1986, 6) aufgegriffen. Demnach könne man durch den (direkten) „Hautkontakt mit den Elementen“ (ebd., 7) und den Umgang mit den Naturkräften von Beruf und Familie abschalten und dadurch die im Alltag verbrauchte Energie wiedergewinnen. So werde das Windsurfen zum „Gesundbrunnen für jeden“ (ebd.). Ferner erfahre der Surfer soviel „Naturgenuß“, daß er auf dem Wasser nicht nur selbst „ein Stück
Natur“ werde, sondern − nach drei Stunden Surfen − sogar als „neuer Mensch“ (ebd.)
ans Ufer zurückkehre.
3.2.1.3 Freiheit und Unabhängigkeit von Alltäglichem
Immer wieder am Windsurfsport hervorgehoben werden dessen Freiheit und Unabhängigkeit von alltäglichen Beschränkungen. So begründet etwa KLOOS (1997) in seinem (Editorial-)Artikel des SURF-Magazins „Zeit für Gefühle“ seine Zuneigung zum Windsurfen folgendermaßen:
Literaturdiskussion 24
„Warum lieben wir diesen Sport? Weil uns der Alltagskram nicht aufs Wasser folgen kann. An der Wasserkante ist Schluß mit Parkverbot und Tempolimit, mit Stempeluhr und Schulzensur, mit Protz und Prahlerei. Wasser als Insel der Freiheit“ (ebd., 3).
Die bereits angeführten Autoren GARFF & BIEDERMANN stellen besonders die Freiheit und Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Werten und Zwängen im Windsurfen heraus, das vor allem im Vergleich mit dem elitär-„versnobte(n)“ (Garff & Biedermann, 1980, 19) und teuren Segelsport wie ein „enfant terrible“ (ebd.) durch Unabhängigkeit von „Vereinsmeierei, Verbandsproporz, Clubzugehörigkeit, Bindung an Liegeplätze und damit Bescheidung auf ein nutzbares Revier“ (ebd., 20) besteche. So befreit „läßt (man) sich hinaustreiben und aufs offene Wasser, streift den Alltag mit all seinen Teufeleien und unerbittlichen Normen ab, findet zu sich und gewinnt mit der Weite der See den unverstellten Blick auf das Wesentliche“ (ebd., 19).
SCHEUER & SMIDT (1996) sehen in ihrem Buch „Windsurfen lernen in 10 Stunden“ in der Freiheit des Windsurfens sogar „eine Bereicherung fürs ganze Leben“ (ebd., 6). Abseits zahlreicher ‚praktischer’ Gründe (vgl. Kap. 3.2.1.8) heben sie insbesondere das „starke Gefühl von persönlicher Freiheit“ heraus, das sich beim Windsurfer einstelle, wenn er während seiner Tätigkeit den „natürlichen Motor“ Wind in den Händen spüre und „wie in einem Schwebezustand“ (ebd.) über das in der Sonne glitzernde Wasser rausche. So seien dann Alltagsstreß und -sorgen vergessen.
Nach SCHÄDLE (1983) liege die Faszination des Windsurfens „mit Sicherheit“ (ebd., 57) auch in der Entscheidungsfreiheit über Art, Richtung und Geschwindigkeit der eigenen Fortbewegung begründet. Auch STANCIU (1984) hebt die persönliche Entscheidungsfreiheit im Windsurfen heraus, indem er feststellt: „Auf dem Brett ist jeder sein eigener Kapitän“ (ebd., 9).
3.2.1.4 Windsurfen als körperliche Herausforderung
Als ein weitere Ursache für die hohe Beliebtheit und den (damals) wachsenden Erfolg des Windsurfens wird in den Artikeln und Beiträgen oft die Möglichkeit der körperlichen Auseinandersetzung mit den Naturgewalten herangezogen. BENDERs Journalistenkollege ZOTSCHEW (1978), der den Leser am Ende seines Artikels
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„Warum ich surfe“ auf die Suchtgefahr des Windsurfens aufmerksam macht und ihn schon jetzt als potentiellen Windsurfer freundlich willkommen heißt, betont hier vor allem die „Herausforderung“ beziehungsweise den „Wille(n), etwas zu beherrschen, sich selbst zu überwinden“ (Zotschew, 1978, 45). Ihn habe dabei, der eigenen Ungeschicklichkeit sowie der Eigenarten und Tücken der Gerätschaft, des Windes und der Wellen zum Trotz, stets ein „Du willst es packen. Egal wie“ (ebd.) angetrieben. Dieses Verlangen habe dann eben ein fortwährendes „Üben, Junge, üben“ (ebd.) nach sich gezogen. Belohnt worden sei er bei seinen Surfversuchen mit „unbändige(r) Freude“, wenn es ihn bei 5 Windstärken erst nach 10 Minuten vom Brett geworfen hätte.
Über diesen ‚eisernen’ Willen hinaus zieht ZOTSCHEW bei seiner Darstellung der eigenen Surfmotivation ferner ein ihm von anderen Sportarten bekanntes „Phänomen“ (ebd.) hinzu: Es ist „das Gefühl, Welten zu erobern, für die ich eigentlich gar nicht gebaut bin“ (ebd.). Dieses Gefühl werde ihm durch seine Windsurfausrüstung und -gerätschaft ermöglicht, denn so ausgerüstet, könne er sich dann „im Wasser fast genauso geschickt bewegen, als wenn (ihn) die Natur dafür geschaffen hätte“ (ebd.).
Auch STANCIU (1976) betont in dem Artikel „Segeln + Surfing + Ski + Wasserski = Windsurfing“ die (kämpferische) Auseinandersetzung mit der Natur. Für ihn ist Windsurfen
„Körperbeherrschung und Naturerlebnis, Geschwindigkeit und Balance, Geschicklichkeit, Spiel und Tanz. Ein Rock’n Roll auf den Wellen. Es ist die Natur hautnah erleben, mit dem bißchen Kraft und der Intelligenz des Menschen, die ungeheure Gewalt von Wind und Wellen zähmen, der Natur etwas abtrotzen. Es ist eine innere Befriedigung, frei werden, leben. Für mich der faszinierendste Sport überhaupt“ (ebd., 4).
In Abgrenzung zu den genannten Autoren stellt BENDER (1978) beim Windsurfen stets das Spielerische (Erleben) in den Vordergrund: „Spaß soll’s machen und ein Spiel soll’s bleiben. Kämpfen will ich nicht, weder gegen andere Surfer noch gegen die Natur“ (ebd., 44). Folglich sieht sie in der Natur keinen Gegner, sondern einen „Spielkameraden“ (ebd.), der ihr eben ein spielerisches Erleben bei ihrer Tätigkeit ermöglicht: „Mit dem Wind und den Wellen balgen, im Sonnengefunkel durch das
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Wasser schießen, über Blau und Rosa gleiten, von glitzernder Gischt übersprüht
werden − das ist Surfen, wie ich es erlebe“ (ebd.).
3.2.1.5 Vereintes Erleben mehrerer Sportarten
Nach STANCIU (1976) liegt die hohe Popularität des Windsurfens ebenfalls in dessen Besonderheit begründet, daß es nicht nur die (Bewegungs-)Elemente der vier Sportarten Skifahren, Wellenreiten, Segeln und Wasserskifahren „einmalig“ (ebd.) in sich vereine, sondern gleichzeitig auch deren Schönheit und Faszination vereint erlebbar mache. Demnach sei das Herunterschwingen einer Buckelpiste oder eines Tiefschneehanges auf Skiern an einem sonnigen Wintertag, das Geschwindigkeitserlebnis so knapp über der Wasseroberfläche beim Wasserskifahren oder das Herunterfahren einer Brandungswelle mit dem Wellenreitbrett genauso schön (erlebbar), wie bei fünf Windstärken mit einem Windsurfbrett über die Wellen oder diese herunter zu surfen oder auf einem Gebirgssee zu gleiten.
3.2.1.6 Faszination Gleiten
Gerade dem Gleiten schreibt der bereits zitierte STANCIU (1976) eine große Bedeutung und Faszination zu, denn hier erlebe der Windsurfer genau wie beim Skifahren mittels einer simplen Gerätschaft und Technik, vor allem aber mittels eigener Kraft und Geschicklichkeit „eine völlig neue Erfahrungswelt“ (ebd.): die angelernte Fortbewegungsart des Laufens und Schrittemachens verlassend und den
„Wind in den Händen (haltend), ohne Schoten und Winschen“ (ebd., 6) − ein
„elementares Erlebnis“ (ebd., 4), welches das Windsurfen besonders gegenüber dem
Segeln auszeichnet − begebe man sich in den „herrlichen Gleitzustand“ (ebd.), der viel höhere Geschwindigkeiten erlaube und wohl deshalb so faszinierend sei.
Auch RUDOLF (1985), die, wie oben erwähnt, in ihrem Beitrag „Frau und Windsurfsport“ der Frage nach den Ursachen dieser manifesten geringeren Beteiligung von Frauen am Windsurfensport nachgeht, stellt heraus, daß das „ästhetische Gefühl des Gleitens“ zusammen mit der „gelungenen Bewegungsführung“ und der erlebten Geschwindigkeit eine „gehobene, ja zuweilen Euphorische Stimmungslage“ (ebd., 81f.) erzeuge, so daß (auch) die Frau im Windsurfen eine „bereichernde Erweiterung ihres Lebensraumes erfahren und Lebensbedürfnisse befriedigen (könne), deren Erfüllung ihr der Alltag nicht ermöglicht“ (ebd., 82).
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Den faszinierenden Rausch des Gleitens und der Geschwindigkeit beim Windsurfen hebt SCHIEWER (1989) ebenfalls hervor. Er beschreibt das Gleiten als einen Zustand, in dem der Surfer
„Glücksminuten höchster Erregung (erfahre), die man nicht gezielt abrufen kann. Sie nehmen den ganzen Menschen in Anspruch. Sie setzen ihn (...) in einen tranceähnlichen Zustand, in dem man alles um sich herum vergißt und sich hinterher wie neugeboren fühlt“ (Schiewer, 1989; zit. nach Bachmeier, 1986, 71).
3.2.1.7 Faszination Geschwindigkeit
Als besonders reizvoll-anziehend wird von STANCIU (1986) in seinem Buch „Speed“ das „faszinierende Geschwindigkeitserlebnis“ (ebd., 8) beim Windsurfen beschrieben. Auf der Suche nach den Ursachen, warum die Geschwindigkeit beim Windsurfen so viel Spaß mache, führt er diverse ‚psychologische’ Gründe an. Demnach liege der Spaß am schnellen Fahren im permanenten Mitschwingen von Angst und „Nervenkitzel“ (ebd., 9), die sich durch die Gefahr ergäben, bei einem Schleudersturz vom Brett katapultiert werden zu können. Des weiteren verstärke die unmittelbare Nähe des Windsurfers, insbesondere seiner Augen, zur Wasseroberfläche das spaßbringende Gefühl der Geschwindigkeit.
3.2.1.8 Faszination Springen und Wellenreiten
HÖNSCHEID fasziniert vor allem das sogenannte Brandungssurfen beziehungsweise die durch die Brandungswellen ermöglichten Sprünge im Windsurfen. „Das ist nun mal das größte an der ganze Sache (...). Denn die Welle ist im Surfen die vierte Dimension“ (Hofer, 1978, 67). Für SPEER & STANLEY (1979) hingegen ist es „die ungeheure Energie, die uns so fasziniert. Die Wucht der Brandung und des Starkwinds“ (ebd., 20). Schon damals glaubten sie, daß „wenn wir diese Energie nur richtig für uns ausnutzen, dann könnten wir beim Windsurfen Dinge erleben, die heute noch ganz unvorstellbar sind“ (ebd.).
3.2.1.9 Praktische Argumente und Ursachen
Unter diesem Begriff werden all diejenigen Eigenschaften des Windsurfens vereinfacht zusammengefaßt, die dessen vorteilhaften praktischen Nutzen beschreiben und deshalb von den Autoren als besonders reizvoller Antrieb zur Ausübung des Windsurfens hervorgehoben werden. So etwa die schnelle und leichte Erlernbarkeit, die besondere Umweltverträglichkeit, der hohe Aufforderungs-
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charakter und die vielseitige Verwendbarkeit der Gerätschaft, der geringe materielle und finanzielle Aufwand sowie die geringen Ausübungs-, Transport- und Liegeplatzprobleme. Ferner die geringe Verletzungsgefahr bei gesteigerter allgemeiner Fitneß. Windsurfen sei eben „problemlos, praktisch, preiswert“ (Stanciu, 1984, 8).
Auffällig sind große Versprechen seitens der Autoren, die zumeist schon über die verheißungsvollen Titel der Bücher hervorgerufen werden, wie etwa „Das ist Windsurfen“ (Stanciu, 1984; Baalmann, Möhle, Weinhardt, 1998), „Windsurfen lernen in 10 Stunden“ (Scheuer & Smidt, 1996) oder „Richtig Segelsurfen“ (Prade, 1994). Die Autoren versprechen dem Leser und Autodidakten nach der Lektüre vor allem einen schnellen und leichten Einstieg in die faszinierende Erlebniswelt des Windsurfens. Dieser sei nämlich schon innerhalb weniger Stunden des genauen Studiums der Kapitel, der Einprägung der einzelnen Elemente der Bewegungsformen und des Übens möglich. Der Übende müsse sich die dargestellten Anweisungen und Tips lediglich mental (bildlich) in seinem „Gehirnkino“ (Stanciu, 1987, 9) vorstellen oder auf dem Wasser laut aufsagen und über ein wenig Selbstdisziplin verfügen, dann erhalte er nicht nur die „Eintrittskarte in die faszinierende Welt des Windsurfens“ (Jones, 1998, 7), sondern dann stehe auch „einer ganz großen Surfkarriere wirklich nichts mehr im Weg“ (Scheuer & Smidt, 1996, 8).
3.2.1.10 In-Sein, Zugehörigkeit zu einer Sportgemeinschaft
Nach SCHÄDLE (1983) sind für eine Erklärung der Motivation zu surfen auch soziokulturelle Gründe anzuführen, wie etwa „die Tatsache, das ‚Neue’, den Modetrend ausprobiert zu haben“, oder aus „Prestigegründe(n), eine Sportart zu betreiben, die ‚in’ ist“ (ebd., 58). So könne sich der Windsurfer dann zu einer „Clique junger, sportlich-dynamischer Erfolgsmenschen“ (ebd.) zugehörig fühlen, was wiederum einen weiteren motivationalen Reiz darstelle, das Windsurfen auszuüben.
Generell wird von den Autoren ein positives, dynamisches Bild der Windsurfer und ihrer Gemeinschaft beschrieben. So lerne man als Windsurfer schnell „eine Menge dufte, sportliche, aktive Leute“ jeden Alters und Geschlechts kennen, die „in ihrer (Windsurf-) Freizeit was erleben wollen“ (Stanciu, 1976, 6). Da unter „Gleichgesinnten“ (Garff & Biedermann, 1980, 28) vor allem Geselligkeit groß
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geschrieben und auf höfliche Platitüden verzichtet werde, könnten so weltweit enge Freundschaften und sogar Partnerschaften fürs Leben entstehen.
Bezüglich der Gemeinschaft unter Surfern sprechen die bereits zitierten HERREILERS & WEICHERT (1980) sogar von einer „Subkultur“ (ebd. 139), die sich in unserer pluralistischen Gesellschaft entwickelt habe. Diese zeichne sich unter anderem durch Autoaufkleber, spezielle Surfkleidung und -sprache sowie durch „anderes soziales Verhalten“ (ebd., 140) aus. Das gebräuchliche Duzen unter Windsurfern begründen beide Autoren in Anlehnung an FORSTMEIER (1978) mit dem Fehlen sozialer Schranken in dieser Sportart, wie etwa Alter oder gesellschaftliche Stellung. So trete eben eine „Befreiung“ (ebd.) von gesellschaftlich bedingten Verhalten ein.
3.3 Windsurfen als Ausdruck eines individuellen Lebensstils (Schiewer, 1989)
Noch einen Schritt weiter geht SCHIEWER (1989) in seiner Diplomarbeit „Die
Strukturveränderungen des Sportverständnisses: Jogging und Windsurfen − die
modernen Freizeitsportarten“. Im Kontext zunehmender Freizeitorientierung und eines veränderten Sportverständnisses stellt er die Betonung der Individualität im Windsurfsport als einen wesentlichen „Stützpfeiler“ (ebd., 37) für den wachsenden Zuspruch zum Windsurfen heraus. Demnach biete sich dem in der anonymen (Leistungs-)Gesellschaft formalisierten und „entindividualisiert(en)“ (ebd., 36) Menschen im Windsurfen die Möglichkeit, zu einem selbstbestimmenden und eigenverantwortlichen Individuum zurückzukehren. Gerade hierzu stelle diese Sportart einen sehr großen Gestaltungsraum bereit: So hebe sich der Windsurfer nicht nur durch sein Feizeitverhalten (Windsurfen) aus der Anonymität ab, sondern könne auch etwa über die surfsportspezifische Mode seinen persönlichen Lebensstil ausbilden. Des weiteren trage das außergewöhnliche, individuelle Design der
Gerätschaft − vergleichbar mit dem Autotuning − und die Möglichkeit der Einzelanfertigung (sogenannte Custom-mades) sowie das unterschiedliche Fahrkönnen zur Verstärkung des Selbstbildes und der Individualisierung des Menschen bei. Inwieweit diese Kennzeichen des Windsurfsports vom Surfer in Anspruch genommen und somit der individuelle Lebensstil gestaltet werden, bleibe dabei jedem selbst überlassen (vgl. ebd.). Der Windsurfer werde so zum „Regisseur der eigenen Identität“ (ebd.; zit. nach Rittner, 1987, 96).
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Ein weiteres Merkmal der „Ich-stärkende(n) Sportart“ (ebd., 41) Windsurfen zeige sich in der Unabhängigkeit von Organisationsstrukturen, wodurch das Windsurfen „quasi als Gegenpol zu einer institutionalisierten Arbeitswelt“ (ebd.) verstanden werden könne. Frei von den Verpflichtungen gegenüber Verein und Mannschaft, wie sie sich etwa in festgelegten Übungszeiten, der Reservierung der Sportstätte oder in den relativ engen sozialen Bindungen im Verein manifestierten, könne der Windsurfer zeitliche und inhaltliche Unabhängigkeit genießen und seiner Lust und seinen momentanen Stimmungen folgen.
SCHIEWER sieht ferner im „Spektakuläre(n) des Surfsports“ (ebd., 42) ein Mittel zur Ausbildung eines individuellen Lebensstils. So könne der Surfer abseits von allgemeingültigen sportlichen Leistungsmaßstäben im freizeitsportlich betriebenen Windsurfen über seine Fahrweise, d.h. über „Sprünge, Loopings, radikale Manöver und Tricksurfen“ (ebd., 43), seine eigene Lebensweise fertigen, denn „einzig das eigene Ich ist maßgebend für die Einschätzung der Leistung“ (ebd.). Beim Fahren komplizierter Manöver, während extremer Windverhältnisse oder auf unbekannten und schwierigen Revieren seien zudem „Selbstüberwindung, Austesten der eigenen Leistungsgrenzen und Abenteuerlust“ treibende Kräfte, wodurch sich der Windsurfsport als „eines der letzten Reservate des Abenteuers“ (ebd.) darstelle. Verstärkt würde dieser Eindruck durch das in der Werbung und in den Medien vermittelte Erscheinungsbild des Windsurfens, das diese Sportart oft in Verbindung mit Traumreisezielen, Sonne und Meer, Urlaub und körperlicher Attraktivität zeige und somit ebenfalls eine Auflösung der klassischen Sportrolle (Sport in stereotypen Sporthallen oder -plätzen) deutlich mache. Gerade in der Verknüpfung von Windsurfen und Urlaub zeige sich eine weitere Folge der Veränderung des Sportverständnisses. So würden die urlaubstypischen Verhaltensweisen wie Sonnenbaden, Alkoholgenuß und Nichtstun nun mit sportlichen Aktivitäten kombiniert. In diesem Sinne stelle sich das Windsurfen als eine beliebte „typische Urlaubssportart modernen Zuschnitts“ (ebd., 75) dar.
SCHIEWER stellt aber noch einen weiteren bedeutungsvollen Aspekt für die Attraktivität des Windsurfsports heraus, den er mit „neue Körpererfahrungen“ (ebd., 47) bezeichnet. So mache der Windsurfer bei seiner Tätigkeit zahlreiche Erfahrungen „am eigenen Körper“ (ebd.), die ihm im bewegungsarmen und eingeschränkten
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Alltags- und Berufsleben verwährt blieben. Über den Kampf mit den Kräften der Natur, wie Wellengang, Wind und Wasser und auch über das Erfahren der eigenen körperlichen Leistungsfähigkeit werde der Körper des Windsurfers zum „Werkzeug in der ‚Do-it-yourself-Fertigung’ einer eigenen Persönlichkeit“ (ebd.).
In enger Verbindung mit den ‚direkten’ Körpererfahrungen lasse das Windsurfen auch „intensive Umwelterfahrungen“ (ebd., 49) erleben. Dabei sei der Windsurfer, etwa in Abgrenzung zum Fußballspieler, dessen Spielfeld durch Regeln und genormte Markierungen „quasi vereinheitlicht“ (ebd.) werde und somit kein neues Umwelterleben mehr zuließe, nicht auf eine (menschlich) begrenzte und bestimmte Ausübungsstätte festgelegt und gerade darauf aus, möglichst viele verschiedene Surfreviere und deren Vielfalt kennenzulernen.
Als ein weiteres attraktives Hauptkennzeichen des Windsurfens macht SCHIEWER das (klassische) Spaßmotiv fest. Demnach bereite das Windsurfen soviel Spaß durch die bereits oben erwähnte Unabhängigkeit von Organisationsstrukturen beziehungsweise durch die Möglichkeit der Selbstbestimmung im Windsurfen. Zudem habe der Surfer Spaß nach gelungenen Manövern, überstandenen Schwierigkeiten oder an den vermittelten Umwelteindrücken. Besonders deutlich zeige sich der Spaß am Windsurfen in seiner „Momentbezogenheit“ (ebd., 53), die sich in den unbestimmten Zielvorstellungen und in der Unwiderrufbarkeit der äußeren Bedingungen, momentanen Stimmungen und körperlichen Verfassungen äußere.
In Anlehnung an die soziologisch-freizeitwissenschaftlichen Erkenntnisse RITTNERs (1987) stellt SCHIEWER in seiner Arbeit des weiteren heraus, daß die in den Surfkneipen, Surfshops oder an den Stränden geknüpften sozialen Kontakte in Form von „lockeren Gesprächen“ (ebd., 54) über diverse, insbesondere aber über surfbezogene Themen stattfänden, denn statt herkömmlicher festgefügter sozialer Kommunikationsformen würden von den Surfern Ungebundenheit, Freiwilligkeit und Zwanglosigkeit bevorzugt. Auch in der steigenden Anzahl der „Surfcliquen“ (ebd.) sei eine ‚Ich-Bezogenheit’ festzustellen: „Zwar wird hier konträr zu der Suche nach lockeren Bindungen eine quasi familiäre und engagierte Bindung zu einem kleinen Personenkreis gewünscht, doch treten hier keinesfalls die Regeln und Gesetze des Vereinslebens in Kraft. Nicht die Gruppe, sondern der einzelne steht hier
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im Mittelpunkt“ (ebd., 55). So bestünden hier auch keine Verpflichtungen oder Verträge gegenüber anderen Gruppenmitgliedern.
3.4 Körpergefühl beim Windsurfen (Steiner, 1985)
Um eine Antwort auf die Frage zu finden, „warum das Surfen eine solch motivierende Kraft entwickelt, daß es den Anfänger wie den Könner oft so rasch und so vollkommen an sich fesselt“ (Steiner, 1985, 10), wendet sich STEINER (1985) in
seinem Beitrag „Faszination Windsurfen − eine psychologische Betrachtung“ der
„inneren Welt“ (ebd.) des Windsurfers zu. Denn nach seiner Auffassung spiele sich die Faszination dieser Sportart „im Erleben ab, in der Gefühlswelt des einzelnen, der mitempfindet und sich in die Situation hineinzuversetzen versteht“ (ebd.). Da das Erleben aber als „Inbegriff des Fließens, des ‚Verschmelzens’ von Zuständen im Organismus“ (ebd., 11) nur schwer zu erfassen und begreifbar zu machen sei, nähert sich STEINER diesem Vorhaben über Beschreibungen zum Körperempfinden, zum Körpergefühl und zur Wahrnehmung. Dabei lehnt er sich an die Überlegungen Dürckheims, Dychtwalds, Feldenkrais’ und der fernöstlichen Zen-Philosophie an und verbindet diese mit seinen persönlichen (Erlebens-)Erfahrungen als Windsurfer.
Bei seinen psychologischen Gedankengängen stellt der Autor besonders die
Körpermitte − und nicht den Kopf oder das Herz − als „regulierendes Zentrum für Zustände des Könnens und Beherrschens, d.h. der Ausgewogenheit von Bewegung und Bewegungsgefühl“ (ebd., 12), und auch als Gefühlszentrum des Menschen bei der Tätigkeit des Windsurfens heraus. So etwa bei der Aufrechterhaltung der stabilen Fahrt, die nur dann gelinge, wenn die Bewegung, d.h. die Lage des Körpers im Bereich der Hüfte und des Beckens, stimme und dadurch Energie für die Arme und Beine frei werden könne. „Das Lageempfinden wird somit zum Gradmesser des Gefühls der Sicherheit und des Vertrauens auf den eigenen Körper“ (ebd., 12).
Ferner sieht STEINER das Erleben und Verhalten beim Windsurfen in Abhängigkeit von Aufmerksamkeit. Während beim Anfänger etwa hohe Aufmerksamkeit auf niedrigem Niveau dominiere, sei es beim Könner umgekehrt. So sei letzterer eher in der Lage, die „Gefühle, wenn er über das Wasser fliegt, durch die Gischt hindurchbricht, auf der Welle reitet oder mit dieser ins Tal schießt“ (ebd., 14) zu genießen. Indem sich der Surfer ständig zwischen risikoloser und gewagter Fahrt
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bewege, (Gefühls-) Zustände, in denen die Aufmerksamkeitsschwelle niedrig beziehungsweise hoch sei, erprobe er seine (körperlichen und geistigen) Grenzen nach individueller Neigung, Fähigkeit und Lust. Er erweitere dabei seine Grenzen, was Freiheit bedeute und das Erlebnis der kontinuierlichen Verbesserung erfahrbar mache. Verdichtet würden solche Gefühle dann durch den Kontakt mit der Natur, d.h. mit Wasser und Wind, die „auf der Haut und manchmal auch darunter“ (ebd., 15) spürbar seien. Dadurch würden wiederum die im Alltag verkümmerte Sensorik des Körpers und seiner Sinnesorgane für Kälte und Wärme, für Wind und Wetter vitalisiert und sensibilisiert.
3.5 Körper- und Bewegungserleben beim Windsurfen (Strehle, 1994)
Ausgehend von der soziologischen Systemtheorie nach LUHMANN (1988) und des theoretisch-methodischen (Interview-)Ansatzes von ZAHN (1993) als wissenschaftliche Referenzsysteme geht es STREHLE (1994) in seiner im Rahmen einer Diplomarbeit durchgeführten empirischen Untersuchung „Körper- und Bewegungserleben im Sport am Beispiel der Sportart Windsurfen“ darum, die Erlebnisqualität des Windsurfens, insbesondere aber das Spaßmotiv, „als eines der
wichtigsten Prinzipien heutigen Sporterlebens“ (ebd., 4), näher zu erforschen. 22 Um „dicht“ (ebd., 19) an die Erfahrungs- und Einstellungswelt des Windsurfers heranzukommen, führt er fünf ca. 40 bis 90-minütige Interviews mit ausschließlich sehr guten und wettkampferfahrenen weiblichen und männlichen Windsurfern durch, da nur diese, seiner Meinung nach, über einen ausreichend „großen Erlebnisschatz“ (ebd., 68) verfügen, mit dem das Körper- und Bewegungserleben beim Windsurfen erfaßt werden könne.
Die angewendete Interviewmethode enthält sowohl eine qualitative als auch eine quantitative, standardisierte Ebene und ist in drei Phasen eingeteilt: In der ersten Phase soll der Proband die ihm vorgelegten 18 schriftlichen Erlebnisaussagen (sogenannte Text-Items) auf ihren Realitätsgehalt mittels einer Fünf-Punkte-Wertungsskala beurteilen. In der zweiten Interviewphase hat der Proband dann die Möglichkeit, seine Wertung zu kommentieren und in der dritten Phase darf der Interviewer nachfragen. Bei den Text-Items, die den offenen aber vorstrukturierter
22 Vgl. zur soziologischen Systemtheorie Luhmann (1988) und auch Kneer & Nassehi (1993).
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Leitfaden für die Interviews ausbilden, handelt es sich um zwei bis fünf Sätze umfassende Zitate verschiedener Verfasser zum Windsurfen, die Strehle aus Lehrbüchern, Sportzeitschriften, „Kultbüchern“ (ebd., 21), aus der flow-Forschung und psychologischen Untersuchungen zur Fortbewegung zusammengestellt hat und seiner Meinung nach die wichtigsten Sinnmomente des Erlebens beim Windsurfen wiedergeben. Diese Text-Items beschreiben etwa rauschartige Gefühlszustände (1), das Gleiten (2), das „soziale Moment“ (ebd., 23) (3) und die Bedeutung der Füße (4), die Naturgewalt Wind (5), die Angst (6), das Springen (7), Momente gedehnten Zeiterlebens (8), das Erlernen neuer Manöver (9), Momente der „Weltausgrenzung“ (ebd., 26) und Rauschzustände (10), die Auflösung von Raum und Zeit (11), die Bedeutung der Natur (12), Bewußtseinsveränderungen beim Surfen (13), Intelligenz und Kunst im Windsurfen (14), die Wahrnehmung Windsurfer-Umwelt (15), Momente des Glücks (16), den Vergleich (Vogel-)Flügel-Segel (17) und das gesteigerte Empfinden der eigenen Existenz beim Windsurfen (18).
Eine erste Auseinandersetzung STREHLEs mit der Thematik erfolgte mittels eines selbsterstellten Protokolls, in dem er Erlebbares, Besonderes, Genuß- und Lustvolles sowie Gefühle bei der Tätigkeit des Windsurfens anhand eigener Erfahrungen schildert. So berichtet er von einem ungeduldigen Spannungszustand beim Aufbau seiner Gerätschaft. Er sei aufgeregt und freue sich, wieder einmal auf das Surfbrett zu kommen. Diese positive Spannung könne aber bei Problemen während des Aufriggens in einen nervösen Gefühlszustand übergehen.
Der Autor stellt ferner die Bedeutung des Windes heraus. Dieser sei für ihn nicht nur eine Informationsquelle bezüglich der Wahl des entsprechenden Materials (Brett-und Segelgröße), sondern verstärke die beschriebene Spannung durch seine „gewisse Offenheit“ (ebd., 6), denn die Windverhältnisse könnten sich ständig ändern. Wenn der Wind in das Segel blase, spüre STREHLE zudem einen deutlichen Zug in den Armen und Händen, der sich durch den ganzen Körper bis in die Zehen fortsetze.
„Das Geilste“ (ebd., 7) am Windsurfen sei jedoch das Gleiten, denn hier lasse die Anspannung nach und man könne sich „gemütlich“ (ebd.) in sein Trapez setzen. In den Füßen verspüre STREHLE ein angenehmes Kribbeln und er vernehme ferner ein Summen des Brettes beim Übergang ins Gleiten. Da der Fahrtwind und die
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Geschwindigkeit im Gleiten soweit zunähmen, könne man hier von einem „Geschwindigkeitsrausch“ (ebd.) sprechen, in den man verfalle. Oft nehme der Autor dann eine Hand vom Gabelbaum und lasse sie ins kühle Wasser tauchen, wodurch sich ein „angenehmer Kontakt“ (ebd.) zum Wasser herstelle. Besonders angenehm sei das Gleitgefühl, wenn er in warmen Ländern den Wind und das Wasser ohne Surfanzug spüren könne. Dieses „ganzheitliche Wahrnehmen“ (ebd.) erkläre wohl das unbeschreiblich schöne Gefühl im Gleitzustand.
STREHLE berichtet ferner, daß es ihm auf dem Wasser schwer falle, die Zeit richtig einzuschätzen. Diese vergehe bei schönen Tätigkeiten (Manövern) „wie im Fluge“ (ebd., 8), während sie ihm beim Zurückschwimmen, etwa aufgrund nachlassenden Windes, wie eine Ewigkeit vorkomme. Trotz geistiger und körperlicher Erschöpfung fühle er sich abends, nach einem schönen Surftag, „einfach göttlich“, „voll zufrieden“ (ebd.) und habe gute Laune. Die angenehme Müdigkeit lasse ihn wie ein Stein schlafen.
Die quantitative und qualitative Auswertung der Interviews ergab, daß alle Probanden der Existenz rauschartiger Zustände (Text-Item 1 und 10) im Windsurfen bestätigten. Da sich ein Befragter im sogenannten Speedrausch „total sicher“ (ebd., 34) und angstlos fühle, spricht der Autor hier in Anlehnung an CSIKSZENTMIHALYIs (1985) Erkenntnissen von Flow-Erleben, denn dieser Zustand sei charakterisiert durch das Gefühl der potentiellen Kontrolle über die Umwelt und der Angstlosigkeit. Eine weitere Probandin verbinde Rauscherleben mit Unbeschränkt-Sein, d.h. sie erlebe einen Rausch, nur wenn es auf dem Wasser nicht zu voll sei und die (Wetter-) Bedingungen entsprechend seien. Deutlich vom Windsurfrausch abgrenzen würden die befragten Windsurfer den Drogenrausch, da bei diesem alle Konturen verschwimmen würden und ein Verlust der Kontrolle zu verzeichnen sei. Diese sei beim Windsurfen jedoch sehr wichtig.
Auch das Gleiten (Item 2) sei, so weise es die durchgängig höchste und freudige Zustimmung der Probanden aus, ein „außerordentlich wichtiges Erlebnismoment“ (ebd., 36) im Windsurfen. Für eine Probandin sei es „eine der wichtigsten Erfahrungen“ (ebd., 36) und das Interessante am Windsurfen. Er könne süchtig machen. Ein weiterer Proband berichtet sogar, einen ganzen Nachmittag lang auf
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(ausreichend) Wind zu warten, um ins Gleiten kommen zu können. Des weiteren wird das Gleiten im Windsurfen mit dem Motorrad fahren verglichen und dann herausgestellt, daß man bei beiden Tätigkeiten ein „tolles Gefühl beim Kurvenfahren (habe), weil du mit voller Geschwindigkeit, ohne abzubremsen, dich in die Kurve reinlegen kannst, oder um die Kurve halst und du verlierst dann nicht viel an Geschwindigkeit“ (ebd., 38).
Bezüglich des sozialen Erlebens (Item 3) stellt STREHLE fest, daß es den Probanden zwar viel mehr Spaß mache, wenn sie gemeinsam mit mehreren Leuten auf dem Wasser surften beziehungsweise wenn nicht zu viele Surfer auf dem Wasser seien, doch sei das ‚soziale Moment’ beim Windsurfen, nicht so bedeutsam wie etwa in den Mannschaftssportarten. Das Windsurfen sei nämlich geprägt von starker Individualisierung, was die Aussage eines Befragten „Du bist da wirklich ganz alleine mit dir und dem, was du kannst“ (ebd., 40) allgemeingültig verdeutliche. Die Individualität eines jeden Windsurfers zeige sich ebenfalls beim Erlernen neuer Manöver (Item 9). So sei für die Probanden das Erlernen neuer Manöver zwar von großer Bedeutung, doch würden sie selbst entscheiden, ob und welches Manöver sie lernen wollten.
STREHLE kommt ferner zu der Auffassung, daß die Füße (Item 4) beim Windsurfen ein „bedeutendes Wahrnehmungsinstrument“ (ebd., 43) seien. Alle Pb bevorzugten das Barfußsurfen, das von ihnen als beliebt und etwas Besonderes erachtet werde. Durch den barfüßigen, direkten Kontakt zum Wasser hätten sie nämlich bessere Kontrollmöglichkeiten als mit Schuhen. Das Brett würde ebenfalls als Mittel angesehen, um einen direkten Kontakt zum Wasser herstellen und so die Umwelt neu und andersartig, eben direkt wahrnehmen zu können.
Die Naturgewalt Wind (Item 5) fasziniere alle Befragten. Einer beschreibe das Windsurfen sogar als „Spiel mit dem Wind“ (ebd., 45).
Des weiteren scheine es so, als mache es den Probanden besonderen Spaß, „mit dem ganzen Körper zu fühlen“ (ebd., 45), d.h. den leichten Wind etwa mit der Körperbehaarung an den Extremitäten zu spüren. In diesem Zusammenhang seien die Elemente Wind und Wasser als „Motivatoren“ (ebd.46) anzusehen, denn die
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Diplom-Sportwissenschaftler Rene Bastijans, 2001, Eine psychologische Untersuchung zum Erleben der Sportart Windsurfen, München, GRIN Verlag GmbH
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