INHALT
I. EINLEITUNG 1
II. NICHTENTFREMDUNG 9
1. Theoretisches 9
1.1. Allgemeines zur Nichtentfremdung 9
1.2. Allgemeines zur Dialektik von Natur, Gesellschaft und Individuum 12
1.3. Nichtentfremdete Arbeit 16
1.4. Zur Einheit von Individuum, Gesellschaft und Natur 18
III. ENTFREMDUNG 21
1. Allgemeines 21
1.1. Allgemeines zur Entfremdung 21
1.2. Allgemeines zur entfremdeten Arbeit in der bürgerlichen Gesellschaft 25
2. Besonderes zur entfremdeten Arbeit 30
2.1. Lohnarbeit und Kapital 30
2.2. Allgemeines zur Frauenarbeit in der bürgerlichen Gesellschaft 37
2.2.1. Exkurs: Die Entstehung des „Geschlechtscharakters“ 38
2.3. Allgemeines zu den Tätigkeiten proletarischer und kleinbürgerlicher Frauen 53
2.3.1. Tätigkeiten kleinbürgerlicher Frauen 56
2.3.1.1. Allgemeines zu Hausarbeit, Repräsentation und Sozialisation 56
2.3.1.2. Sozialisation 59
2.3.1.3. Repräsentation 62
2.3.1.4. Hausarbeit 65
2.3.2. Tätigkeiten proletarischer Frauen 66
2.3.2.1. Allgemeines zu Sozialisation, Haus- und Lohnarbeit 66
2.3.2.2. Sozialisation 67
2.3.2.3. Hausarbeit 69
2.3.2.4. Lohnarbeit 70
2.3.3. Exkurs: Frauenarbeit in der Textilindustrie 75
2
3. Bedürfnis, Geld, Genuß 82
3.1. Allgemeines zur Vermittlung von Bedürfnissen und Genüssen
in der bürgerlichen Gesellschaft 82
3.2. Allgemeines zur Bedürfnisbefriedigung im Kleinbürgertum und im Proletariat 87
3.3. Allgemeines zur Bedürfnisbefriedigung im Kleinbürgertum 88
3.3.1. Wohnung 89
3.3.2. Sexualität 91
3.4. Allgemeines zur Bedürfnisbefriedigung im Proletariat 96
3.4.1. Wohnung 101
3.4.2. Sexualität 104
4. Individuum, Gesellschaft, Natur 106
4.1. Allgemeines zum Verhältnis von Individuum, Gesellschaft und
Natur in der bürgerlichen Gesellschaft 106
4.2. Allgemeines zur gesellschaftlichen Lage des Kleinbürgertums
und des Proletariats 109
4.3. Allgemeines zum Verhältnis von Individuum, Gesellschaft
und Natur im Kleinbürgertum und im Proletariat 114
4.3.1. Besonderes zum Verhältnis von Individuum, Gesellschaft
und Natur bei Kleinbürgerinnen 116
4.3.2. Besonderes zum Verhältnis von Individuum, Gesellschaft
und Natur bei Proletarierinnen 125
IV. EMANZIPATION 131
1. Allgemeines 131
1.1. Emanzipation in der Marxschen Entfremdungstheorie 131
1.2. Allgemeines zur Frauenbewegung 136
2. Besonderes 139
2.1. Bürgerliche und proletarische Frauenbewegung 139
2.2. Allgemeines zum Verhältnis von Natur, Gesellschaft und Individuum
bei Gertrud Bäumer und Clara Zetkin 142
2.3. Gertrud Bäumer 144
2.3.1. Frauenarbeit 144
2.3.2. Bedürfnisse und Genüsse 147
2.3.3. Individuum, Gesellschaft und Natur 150
2.3.4. Emanzipation 153
3
2.4. Clara Zetkin 155
2.4.1. Frauenarbeit 155
2.4.2. Bedürfnisse und Genüsse 160
2.4.3. Individuum, Gesellschaft und Natur 163
2.4.4. Emanzipation 165
V. ERGEBNISSE 168
1. Nichtentfremdung 168
2. Entfremdete Arbeit 170
3. Bedürfnisse und Genüsse 174
4. Individuum, Gesellschaft und Natur 180
5. Emanzipation 184
6. Abschließende Bemerkungen 190
VI. LITERATUR 193
1. Quellen 193
2. Sekundärliteratur 194
3. Hilfsmittel 200
4
ABSTRACT
Das zentrale Thema der vorliegenden Dissertation besteht darin, die Marxsche Entfremdungstheorie an empirischen Beispielen zu veranschaulichen. Geordnet nach den Bestandteilen der Marxschen Konzeption, Nichtentfremdung, Entfremdung und Emanzipation, werden zunächst anhand ausgewählter Schriften Marx` die theoretischen Grundlagen dargestellt. Darauf folgenden exemplarische Untersuchungen zur Situation von Kleinbürgerinnen und Proletarierinnen im deutschen Kaiserreich um 1900. Basierend auf der Darlegung ihrer Tätigkeiten, wird analysiert, wie sich diese „weiblichen“ Arbeiten gesellschaftlich entwickeln, in welchem sozialen Umfeld sie geleistet werden und welche Bedeutung sie für die betreffenden Frauen haben.
Nach der Analyse der mit diesen Arbeiten für Kleinbürgerinnen und Proletarierinnen verbundenen sozialen Bedingungen, stellt sich die Frage, welches Verhältnis sich daraus für die Individuen zur Gesellschaft und zur Natur ergibt und welche sozialen Konsequenzen daraus resultieren; d. h., inwiefern Kleinbürgerinnen und Proletarierinnen am Erhalt bzw. an der Veränderung oder sogar Revolutionierung bürgerlicher Strukturen interessiert sind.
Schlagwörter
Entfremdungstheorie Kleinbürgertum Proletariat
I. EINLEITUNG
Die Entfremdungstheorie ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeiten Karl Marx´. Inhaltlich außerordentlich reich, wird sie in etlichen Schriften thematisiert. Zurückgreifend auf die materiellen Bedingungen der bürgerlichen Gesellschaft, entwickelt Marx 1844 in den „Ökonomischphilosophischen Manuskripten“ ein dialektisches Konzept, in dem er sich mit philosophischen und erstmals auch ausführlicher mit ökonomischen Fragen befaßt. Dabei ist Marx´ Sprache noch sehr einer von Feuerbach und Hegel beeinflußten philosophischen Terminologie verhaftet, die er wenige Jahre später nicht mehr in dem Maß verwendet 1 . Die Inhalte der Entfremdungstheorie werden aber weiterhin problematisiert 2 . Grundlegend dafür ist die 1844 noch unzureichende Bearbeitung
ökonomischer Themen, der sich Marx in den folgenden Jahrzehnten widmet. Deshalb sind nicht nur 3 , sondern auch inhaltliche Veränderungen feststellbar 4 . Die Bestandteile des terminologische
Marxschen Konzepts, Nichtentfremdung, Entfremdung und Emanzipation, werden jedoch durchgehend, wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung, bearbeitet. Deshalb müssen auch die ökonomischen Schriften, die Marx immer als Kritiken verfaßt hat, als politische Arbeiten betrachtet werden.
„Arbeit“ ist die zentrale Kategorie des Marxschen Konzepts. Dieser zunächst abstrakt erscheinende Begriff ist von größter Bedeutung, um das dialektische Verhältnis von Natur, Gesellschaft und Individuum 5 , aus dem sich wiederum die Entwicklung von Tätigkeiten,
Fähigkeiten, Bedürfnissen und Genüssen ergibt, analysieren zu können. Theoretisch umfaßt er jede Form der Aneignung und Äußerung, die in dieser Beziehung entstehen kann. Praktisch wird er durch die sich historisch entwickelnden Produktionsweisen und -verhältnisse konkretisiert.
1 Meszaros, S. 16, 276; Schaff, S. 133-134
2 Meszaros, S. 24-25; Schaff, S. 10, 133
3 Beispielsweise ersetzen Begriffe wie „Arbeits“- oder „Produktivkraft“ die 1844 noch gebrauchte Kategorie „Wesenskraft“, mit der die menschlichen Fähigkeiten beschrieben werden. Ebensowenig benutzt Marx in den ökonomischen Arbeiten Termini wie „Gattungswesen“, „Gattungscharakter“ usw. Andererseits behält er Begriffe wie „Vergegenständlichung“ oder „Entäußerung“ bei. Vgl. MEW 40, S. 511-512, 514, 516; MEW 13, S. 44; MEW 25, S. 99. Daneben muß aber berücksichtigt werden, daß Entfremdung von Marx nicht immer als solche bezeichnet wird. Begriffe wie „abstrakte Arbeit“ oder „zweckmäßige Tätigkeit“ können ebenso auf die entsprechende Inhalte verweisen.
4 Hierbei handelt es sich zumeist um Fragen, die sich aus dem Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital ergeben. In Teil III der Arbeit wird dies noch behandelt.
5 Auf das Verhältnis von Natur, Gesellschaft und Individuum wird später noch ausführlich eingegangen. Um diese Beziehung hier trotzdem etwas zu konkretisieren, soll vorerst folgendes genügen: 1844, MEW 40, S. 541-542, stellt Marx bezüglich dieses Verhältnisses fest, daß „die Bildung der 5 Sinne...eine Arbeit der ganzen bisherigen Weltgeschichte“ ist. Damit ist die Dialektik von Natur, Gesellschaft und Individuum erfaßt. Denn Fühlen, Sehen usw. gehören selbstverständlich zur natürlichen Ausstattung des Menschen. Sie sind darüber hinaus vor allem aber
1
Arbeit, die das Verhältnis von Natur, Gesellschaft und Individuum vermittelt, verfügt über die unterschiedlichsten qualitativen Bestimmungen, in denen wiederum die individuellen Beziehungen zur Gesellschaft und zur Natur manifest werden. D. h., der Arbeitsbegriff impliziert entfremdete und nichtentfremdete Tätigkeitsformen, die ihrerseits objektive und subjektive Komponenten enthalten 6 . Damit berücksichtigt die Entfremdungstheorie immer die Veränderungen des
gesellschaftlichen Kontexts und die Modifikationen konkreter Formen der Arbeit, die mit dieser Vermittlung verbunden sind.
Wegen der Dialektik von Natur, Gesellschaft und Individuum ist die Entfremdungstheorie 7 , und nicht nur auf die bürgerliche Gesellschaft, sondern auch auf andere grundsätzlich dynamisch
historische Verhältnisse anwendbar. Die Berücksichtigung dieser dialektischen Entwicklungen ist von größter Bedeutung für eine andere gesellschaftliche Konzeption, die hier als 8 bezeichnet wird. „Nichtentfremdung“
Nichtentfremdung erscheint zunächst als Abstraktion; und das bleibt sie auch mangels historischer Faßbarkeit. Sie ist jedoch außerordentlich wichtig für das Verständnis des Marxschen Konzepts. Denn sie ist nicht nur dessen theoretische Basis, sondern ebenso revolutionäres Ziel. Tendenziell, d. h. im Hinblick auf sozio-ökonomische Entwicklungen, verfügt die Nichtentfremdung aber durchaus über konkrete Inhalte. Es geht dabei um natürliche, 9 oder unter gesellschaftliche und individuelle Potentiale, die entweder von vornherein gegeben sind entfremdeten Bedingungen entstehen; und um Möglichkeiten, diese voneinander abhängigen Bereiche nichtentfremdet zu gestalten. Nichtentfremdung ist somit als theoretische Basis und revolutionäres Ziel des Marxschen Konzepts weniger abstrakt, als es auf der ersten Blick erscheint. Denn im Mittelpunkt des Interesses stehen immer Menschen und deren sich wandelnde
gesellschaftliches Produkt; und zwar nicht beliebig und für sämtliche Individuen gleich, sondern zeitlich, räumlich und sozial differenziert.
6 Allein schon wegen dieser subjektiven Komponenten - mehr dazu im Verlauf der Arbeit - kann das Problem entfremdeter Arbeit nicht auf das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital begrenzt werden. Wenn z. B. Treptow, S. 7, meint, „Entfremdung ist also für Marx gleichbedeutend damit, daß die Arbeitsprodukte...Kapitalform annehmen...“, verkürzt er den Ansatz Marx´. Denn damit werden nicht nur alle außerhalb dessen liegenden Arbeitsformen idealisiert, sondern die unterschiedlichen Beziehungen der Individuen zu ihren konkreten Arbeiten, d. h. die subjektiven Komponenten, als nebensächlich abgetan. Vgl. die weitaus differenzierteren Positionen Marx´ in: MEW 23, S. 94; MEW 40, S. 518, 519 sowie den Abschnitt 1.1. des Kapitels II dieser Arbeit. 7 Meszaros, S. 227-228, 230-231
8 Dieser negative Begriff könnte positiv als kommunistische Gesellschaftsformation beschrieben werden, sofern es sich auf theoretischer Ebene um absehbare soziale Entwicklungen handelt. Jedoch erfordert eine allgemeine Kategorie wie Entfremdung, die auch nicht ausschließlich mit der bürgerlichen Gesellschaft gleichgesetzt werden kann, ein ebenso allgemeines begriffliches Gegenstück.
9 Etwa die Natur als materielle Basis menschlichen Lebens und die den Menschen eigentümlichen Fähigkeiten, dieses Potential zu nutzen.
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Fähigkeiten, die zur Emanzipation notwendigen ökonomischen und gesellschaftlichen Potentiale hervorzubringen; und denen darüber hinaus zugestanden wird, ihre eigenen Lebensbedingungen selber gestalten zu können. „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“ 10 .
Entfremdung und Nichtentfremdung beinhalten die gleichen Kategorien mit jeweils unterschiedlichen qualitativen Inhalten. Die Begriffe der Nichtentfremdung sind dabei umfassender, als die der Entfremdung, die immer mit diversen Formen der Reduktion zu tun haben. Methodisch müssen die reicheren Kategorien den reduzierten vorangestellt werden, was gewissermaßen einer achronologischen Vorgehensweise entspricht. Denn das „...Beispiel der Arbeit zeigt schlagend, wie selbst die abstraktesten Kategorien, trotz ihrer Gültigkeit - eben wegen ihrer Abstraktion - für alle Epochen, doch in der Bestimmtheit dieser Abstraktion selbst ebensosehr das Produkt historischer Verhältnisse sind und ihre Vollgültigkeit nur für und innerhalb dieser Verhältnisse besitzen. Die bürgerliche Gesellschaft ist die entwickeltste und mannigfaltigste historische Organisation der Produktion. Die Kategorien, die ihre Verhältnisse ausdrücken, das Verständnis ihrer Gliederung, gewähren daher zugleich Einsicht in die Gliederung und die Produktionsverhältnisse aller der untergegangnen Gesellschaftsformen, mit deren Trümmern und Elementen sie sich aufgebaut, von denen teils noch unüberwundne Reste sich in ihr fortschleppen, bloße Andeutungen sich zu ausgebildeten Bedeutungen entwickelt 11 . Dementsprechend muß das Marxsche Konzept dargestellt werden. D. h., haben etc.“
Nichtentfremdung bildet als die höher entwickelte Gesellschaftsformation den Ausgangspunkt für die Untersuchung von Tätigkeitsformen der bürgerlichen Gesellschaft. Damit dienen die dem Verhältnis von Natur, Gesellschaft und Individuum innewohnenden Entwicklungsmöglichkeiten, deren freie Gestaltung revolutionäres Ziel ist, zur Beurteilung ihrer reduzierten historischen Formen. Dies verhindert die Idealisierung vergangener und gegenwärtiger gesellschaftlicher Verhältnisse. Gleichzeitig wird die Nichtentfremdung zum Maßstab, mit dem entfremdete Strukturen beurteilt werden. Infolgedessen kann Entfremdung nicht als „normale“ menschliche Existenzweise mißverstanden werden. Darüber hinaus verdeutlicht dies, weswegen erst in der bürgerlichen Gesellschaft Nichtentfremdung und Entfremdung durch die Möglichkeit der Emanzipation, die mit bestimmten gesellschaftlichen und ökonomischen Voraussetzungen zusammenhängt, ergänzt werden.
10 MEW 4, S. 482
11 Marx, Grundrisse, S. 25-26
3
Die Möglichkeit der Emanzipation ist wesentlich für Marx´ Interesse an der bürgerlichen Gesellschaft. Denn im Verhältnis von Lohnarbeit 12 und Kapital, dem er sich schwerpunktmäßig
widmet, könnten die objektiven und subjektiven Bedingungen zur Aufhebung der Entfremdung erstmals wirklich gegeben sein.
Bei Entfremdung und Nichtentfremdung sind die Beziehungen von Natur, Gesellschaft und Individuum zu untersuchen. Es geht um Relationen, die diese Verhältnisse bestimmen, sich entwickeln und verändern. Abstrahiert man hingegen von diesen Zusammenhängen und den ihnen 13 , weil innewohnenden Abhängigkeiten, betreibt man nicht mehr als bürgerliche „Wissenschaft“ man zwangsläufig Natur, Gesellschaft und Individuum voneinander trennt. Da Nichtentfremdung als Produkt der Entfremdung aufzufassen ist, handelt es sich bei beiden Problemfeldern nicht um die Gegenüberstellung von Gegensätzen, sondern um die Analyse von Zusammenhängen und Unterschieden.
Die Relationen von Natur, Gesellschaft und Individuum können nicht als absolut begriffen werden, ohne die materialistische Dialektik aufzuheben. Es gibt weder absolute Entfremdung noch absolute Nichtentfremdung, sondern unterschiedliche, sich entwickelnde Möglichkeiten, diese Verhältnisse zu gestalten. Kein einziger Aspekt des Marxschen Konzepts kann als absolut betrachtet werden, ohne seine Methode - und damit eine spezifische Betrachtungsweise 14 . Zu seinem Verständnis gehört vielmehr die gesellschaftlicher Verhältnisse - zu mißachten
Bereitschaft, sich mit komplexen, auch widersprüchlichen gesellschaftlichen Problemen auseinanderzusetzen und deren Dialektik zu untersuchen.
Mit den Kategorien der Entfremdungstheorie liefert Marx das theoretische Instrumentarium, um jede Gesellschaftsformation und die ihr entsprechenden Produktions- und Existenzweisen 15 . Bei den in dieser Arbeit zu analysierenden Arbeits- und untersuchen zu können
Lebensbedingungen interessiert es weniger, abstrakte ökonomische Prozesse in den Vordergrund zu
12 Der Begriff der Lohnarbeit ist nicht nur auf das Proletariat im engen Sinn des Wortes begrenzt, sondern kann alle Arbeitskraft verkaufenden Individuen einschließen. 13 Grundrisse, S. 5-6; MEW 3, S. 6; Horkheimer, Autorität, S. 156
14 Gegensätzlich Schaff, S. 80, der davon ausgeht, daß die „...Unterordnung des Individuums unter die autonomisierten Produkte immer absolut und unwiderrufbar...“ sei. Schaff konstatiert in diesem Zusammenhang eine historische Entwicklung und relativiert so seine Aussage. Gäbe es tatsächlich Absolutes und Unwiderrufbares in der Entfremdungsproblematik, dürfte kein Gedanke an Emanzipation verschwendet werden.
15 Mit Hilfe der Entfremdungstheorie können selbstverständlich auch antike oder mittelalterliche Verhältnisse untersucht werden. Nichtentfremdung könnte aber nur als Maßstab für die noch unzureichende soziale Entwicklung der entsprechenden Gesellschaften dienen, nicht jedoch als revolutionäres Ziel, weil die dazu erforderlichen materiellen Bedingungen, die spezifisch bürgerlich sind, noch nicht existieren.
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stellen 16 . Im Mittelpunkt stehen vielmehr konkrete gesellschaftliche und individuelle Verhältnisse,
die mit Hilfe eines bestimmten theoretischen Gerüsts untersucht und beurteilt werden. Von besonderer Wichtigkeit ist dabei die Betrachtung der Arbeit unter Aspekten wie Bedürfnis, Genuß, Vergnügen und Lust bzw. Bedürfnislosigkeit, Mißvergnügen und Unlust. Im folgenden soll es darum gehen, Nichtentfremdung, Entfremdung und Emanzipation in ihrem Zusammenhang darzustellen. Deshalb bildet auch hier die bürgerliche Gesellschaft den Mittelpunkt. Das Ziel der Arbeit besteht darin, die auf materiellen Bedingungen basierende Entfremdungstheorie an einem Beispiel zu demonstrieren, das einerseits eine gewisse Vielfalt bietet und andererseits geeignet ist, den Zusammenhang von Natur, Gesellschaft und Individuum zu verdeutlichen. Das erfordert zeitliche, räumliche und soziale Einschränkungen. Darüber hinaus muß das Beispiel geeignet sein, den Kontext von Nichtentfremdung, Entfremdung und Emanzipation aufzuzeigen. D. h. als Beispiel müssen reduzierte Formen der Arbeit dienen, in deren Zusammenhang Emanzipation thematisiert wird. Prädestiniert dafür sind die Tätigkeiten von Frauen aus dem kleinbürgerlichen und proletarischen Milieu des deutschen Kaiserreichs um die Jahrhundertwende, weil hier tradierte Vorstellungen von „weiblicher“ Arbeit vorhanden sind; gleichzeitig aber von den betreffenden Frauenbewegungen Forderungen entsprechend ihrem Verständnis von Emanzipation formuliert werden.
Das bürgerliche Frauenbild, das in den deutschen Staaten zum Ende des 18. Jahrhunderts entsteht, ist von der ökonomischen Situation des beamteten und nichtbeamteten akademischen Kleinbürgertums geprägt. Dieser Teil des Bürgertums, der nicht in der Lage ist, Kapital zu akkumulieren, mußte sich einerseits vom Adel abgrenzen und gleichzeitig „Tugenden“ wie etwa Fleiß und Sparsamkeit kultivieren; andererseits in Theorie und Praxis eine Form der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung entwickeln, die ihrerseits in engem Zusammenhang mit der 17 . Diese Trennung betrifft auch das sich im 19. Trennung von Wohn- und Arbeitsbereich steht
Jahrhundert konstituierende Proletariat 18 , das allerdings nicht mit dieser strikten Form
geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung lebt.
Es gibt Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Existenzweise der hier zu untersuchenden Teile des Bürgertums und des Proletariats, die geeignet sind, zu einer differenzierten Betrachtung
16 So werden beispielsweise Fragen zur Zirkulation oder Akkumulation nur behandelt, sofern es unerläßlich ist.
17 Damit unterscheiden sich Beamte beispielsweise von Handwerkern oder Kleinhändlern.
18 Im Mittelpunkt des Interesses steht hier das einer regelmäßigen Fabrikarbeit nachgehende, städtische Proletariat, aber z. B. keine Landarbeit oder Tagelohn. Zum Begriff des Proletariats muß noch folgendes bemerkt werden: Er hat in dieser Arbeit eine doppelte Bedeutung. Einmal als allgemeiner Klassenbegriff, der die Teile der bürgerlichen Gesellschaft umfaßt, die gezwungen sind, mittels Verkauf von Arbeitskraft ihre Existenz zu sichern. Darin sind auch Berufsgruppen (z. B. Beamte, Angestellte) enthalten, die sich subjektiv nicht unbedingt zum Proletariat zählen. Ferner wird der Begriff des Proletariats im besonderen für das Milieu gebraucht, das unmittelbar in das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital involviert ist.
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der Entfremdungsproblematik zu führen. Folglich stehen die Existenzweisen kleinbürgerlicher und proletarischer Frauen der deutschen Gesellschaft um 1900 im Zentrum dieser Arbeit. Einen groben Rahmen bildet die Zeit von 1871 bis 1914. Maßgeblich für diese Begrenzungen sind folgende Aspekte: Die Untersuchung der Existenzweisen bürgerlicher und proletarischer Frauen bietet die Möglichkeit, die konkreten Formen der Entfremdung beider, die bei Marx zumeist auf einer abstrakten Ebene bleiben, näher zu bestimmen. Dabei muß bedacht werden, daß Arbeit in ihrer umfassenden, nichtentfremdeten Bedeutung als Bedürfnis und Genuß betrachtet wird. Geht es aber um reduzierte, entfremdete Formen der Arbeit, ist zu berücksichtigen, in welcher Weise von Bedürfnis und Genuß abstrahiert wird. 19 Diesbezüglich stellt sich nicht nur die Frage, inwieweit
reduzierte Arbeit von diesen Faktoren absieht, sondern wie Bedürfnisse und Genüsse quantitativ und qualitativ durch Arbeit bzw. Lohn, Gehalt etc. vermittelt werden. Die Untersuchung dessen eröffnet die Möglichkeit, anhand der unterschiedlichen Befriedigung gleicher Bedürfnisse Entfremdung im Proletariat und im Kleinbürgertum zu konkretisieren. Mit Hilfe ausgewählter Beispiele können so Verhältnisse verschiedener Individuen zur Gesellschaft und zur Natur analysiert werden.
Entscheidend für die zeitliche Begrenzung ist die Tatsache, daß Entfremdung immer an möglichst „normalen“ Verhältnissen dargestellt werden sollte. Selbstverständlich kann sie auch unter Berücksichtigung diverser Ausnahmesituationen, z. B. Krieg, exemplifiziert werden. Das birgt m. E. aber die Gefahr in sich, ihre Alltäglichkeit zu übersehen. Trotz dieser Einschränkungen ist es wichtig, jeden Reduktionismus möglichst zu vermeiden. Diese Tendenz ist sowohl in der Literatur zur Marxschen Theorie vorhanden, wo Entfremdung nur in bezug auf das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital gesehen wird; als auch in den Arbeiten zur Frauengeschichte und zum Geschlechterverhältnis, wo beispielsweise ökonomische Aspekte, etwa die Konkurrenz von Lohnarbeitern und Lohnarbeiterinnen, von ihrer gesellschaftlichen Dimension „befreit“, und auf die Beziehungen von Mann und Frau reduziert bzw. biologistisch interpretiert werden.
Um diesen Tendenzen entgegenzuwirken, müssen Tätigkeitsformen, die sich außerhalb des Verhältnisses von Lohnarbeit und Kapital befinden, und gegebenenfalls gesellschaftliche Entwicklungen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts ergänzend berücksichtigt werden.
20 ; und es sind sicherlich auch Marx äußert sich nicht allzu oft zu den Situationen von Frauen
Zweifel angebracht, ob er deren Lage immer richtig einschätzt 21 . Allerdings schreibt er als
19 Es handelt sich hier um ein sehr komplexes Problem, das unterschiedliche gesellschaftliche und individuelle Aspekte enthält. Im Verlauf der Arbeit ist ausführlich darauf einzugehen.
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politischer Mensch 1868 an Louis Kugelmann: „Jeder, der etwas von der Geschichte weiß, weiß auch, daß große gesellschaftliche Umwälzungen ohne das weibliche Ferment unmöglich sind. Der gesellschaftliche Fortschritt läßt sich exakt messen an der gesellschaftlichen Stellung des 22 . Es sind also nicht nur die Mittel der schönen Geschlechts (die Häßlichen eingeschlossen)“
Entfremdungstheorie, die sich für die Untersuchung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen eignen, sondern es geht auch um die Berücksichtigung des möglichen emanzipatorischen Elans des Teils der bürgerlichen Gesellschaft, dem politisch wie ökonomisch noch nicht einmal auf formal-rechtlicher Ebene Gleichheit zugestanden wird.
Die Verbindung von Theorie und Empirie eröffnet die Chance gegenseitiger Bereicherung. Denn die abstrakten Kategorien der Entfremdungstheorie setzen eine möglichst umfassende Betrachtung der Gesellschaft voraus, um diese Begriffe konkretisieren zu können. Dem o. a. entsprechend, besteht diese Arbeit aus den Teilen Nichtentfremdung, Entfremdung und Emanzipation. Nichtentfremdung und Entfremdung werden wie erwähnt zunächst im Hinblick auf das Verhältnis von Natur, Gesellschaft und Individuum und die Entwicklung von Fähigkeiten, Tätigkeiten, Bedürfnissen und Genüssen untersucht. Handelt es sich beim ersten Teil um die theoretischen Grundlagen des Marxschen Konzepts, geht es im zweiten und dritten Teil zusätzlich um die gesellschaftliche Praxis. Entfremdung und Emanzipation umfassen jeweils den theoretischen Ausgangspunkt, die allgemeine gesellschaftliche Situation und schließlich besondere Beispiele entfremdeter Existenzweisen und der entsprechenden Emanzipationsbestrebungen. Anhand ausgewählter Tätigkeiten ist zu untersuchen, wie Kleinbürgerinnen und Proletarierinnen auf bestimmte Funktionen reduziert werden und wie sich die Reduktionen auf ihr Verhältnis zu sich selbst und zu anderen auswirken; inwieweit Frauen diese gesellschaftlichen Strukturen akzeptieren 23 und reproduzieren bzw. ablehnen und welche Emanzipationskonzepte sie dagegen entwickeln .
Sowohl zur Marxschen Theorie als auch zur Frauengeschichte und zum Geschlechterverhältnis ist umfangreiche Literatur vorhanden. Beide sind in der vorliegenden Arbeit zu berücksichtigen. Problematisch ist jedoch, daß sich die Literatur zur Entfremdungstheorie zumeist durch eine sehr eingeschränkte Rezeption der Marxschen Schriften und eine entsprechend bescheidene
20 Vgl. z. B. MEW 3, S. 32; MEW 4, S. 469, 478-479; MEW 40, S. 534
21 So etwa, wenn Marx generell davon ausgeht, Lohnarbeiterinnen seien gegenüber dem Kapital fügsamer als Lohnarbeiter; vgl. MEW 23, S. 425 22 MEW 32, S. 582-583
23 Aufgrund der Vielfalt muß auch hier eine Auswahl stattfinden. Die um 1900 publizierten Schriften Clara Zetkins und Gertrud Bäumers stellen die Quellen dar, anhand derer die Analyse erfolgen soll. Damit wird zwar nicht das gesamte Spektrum der zeitgenössischen Frauenbewegung erfaßt. Da dies aber ohnehin nicht zu leisten ist, ist es sinnvoller, sich auf Repräsentantinnen unterschiedlicher Richtungen zu beschränken, die auch über einen gewissen Einfluß verfügen.
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Argumentation 24 auszeichnet. Da diese Dissertation aber keine primär theoretische Darstellung sein
soll, ist eine umfassende Berücksichtigung dieser Literatur weder nötig noch möglich. Statt dessen bezieht sich die Bearbeitung theoretischer Aspekte schwerpunktmäßig auf Marx´ Schriften. Besondere Beachtung finden neben den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ die späten 25 Ergänzend werden Arbeiten hinzugezogen, in denen sich Marx mit ökonomischen Werke. vorwiegend politischen Fragen befaßt 26 .
Bei der umfangreichen Literatur zur Frauengeschichte und zum Geschlechterverhältnis interessieren neben den zumeist neuesten Werken auch Quellen, in denen Frauen die Situation von 27 . Frauen beschreiben, kritisieren oder rechtfertigen
Allerdings erfordert die Komplexität des Themas hinsichtlich der zu bearbeitenden Literatur möglichst klar umrissene Grenzen. Deshalb ist es von vornherein notwendig, zwischen Quellen, Sekundärliteratur und Hilfsmitteln zu differenzieren, und unterschiedlich zu gewichten, damit insbesondere die theoretischen Teile keinen allzu großen Raum einnehmen. Infolgedessen sind sowohl einige Schriften Marx´ als auch sämtliche Arbeiten zur Marxschen Theorie als Hilfsmittel aufgeführt. Dazu kommt Literatur, die aus verschiedenen Gründen nicht in vollem Umfang berücksichtigt werden kann. Mit diesen als Hilfsmitteln fungierenden Arbeiten, die in den Anmerkungen kursiv gesetzt sind, soll nur auf weiterführende Untersuchungen hingewiesen werden, da die angedeuteten Probleme nicht eingehend behandelt werden können. Ein Anspruch
24 Vgl. dazu Hermann Schuller, S., 217, 220, 223, der bei seinem offensichtlich zu ehrgeizigen Versuch, das Marxsche Konzept von den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ bis zum „Kapital“ auf etwa zwanzig Seiten darzustellen, gründlich scheitert. So unterstellt er, ebd., S. 214, Marx beispielsweise die illusorische Absicht, gesellschaftliche Arbeitsteilung aufheben zu wollen, und bemerkt diesbezüglich: „Die volle Verwirklichung dieser ‘Idee’ ist der Maßstab, an dem Marx seine gesellschaftliche Wirklichkeit mißt. Feuerbach (ist) aber in dieser Hinsicht bescheidener als Marx, weil er nicht den Anspruch (erhebt), daß das einzelne ‘Individuum’ als solches, sondern daß alle Menschen zusammen - also aufgrund der ‘Summierung der Teilverwirklichungen’ der einzelnen Individuen - dieses ‘Potential an Möglichkeiten’ ausschöpfen sollen.“ Tatsächlich bewertet Marx, MEW 40, S. 476, schon frühzeitig die gesellschaftliche Arbeitsteilung als „...produktive Kraft der Arbeit...“, die der durchaus wünschenswerten Differenzierung von Tätigkeiten, Fähigkeiten, Bedürfnissen und Genüssen dienen könnte. Vgl. dazu auch den im Gegensatz zu Schuller sehr lesenswerten Text von Seidel/Ulmann, a. a. O., bes. S. 77-83, 86, 102-105, in dem die Dialektik des Marxschen Konzepts voll erfaßt wird, sowie den Abschnitt 1.4. des folgenden und Abschnitt 2.1. des Kapitels über Entfremdung.
25 Berücksichtigt werden die „Grundrisse“, „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“, „Lohn, Preis, Profit“ sowie „Das Kapital“, Bd. 1 und 3. „Das Kapital“ , Bd. 2, bleibt unbeachtet, weil dort nichts Neues zur Entfremdungstheorie zu finden ist. Von den „Grundrissen“ abgesehen, werden nur Ausgaben der Marx-Engels-Werke (MEW) benutzt, um den Zugang für die Lesenden durch die gängigste Edition zu vereinfachen bzw. die Kontrolle der zitierten Passagen nicht zu komplizieren. Die hier herangezogene Ausgabe des „Kapital“ ist identisch mit den Bänden 23 und 25 der Marx-Engels-Werke. Die Zitate aus den „Grundrissen“ sind in dem vom Marx-Engels-Lenin-Institut, Moskau, herausgegebenen Band von 1974 zu finden. Gelegentlich enthalten die Anmerkungen neben dem nachzuweisenden Zitat weitere Angaben. Es handelt sich dabei ausschließlich um Hinweise auf Arbeiten, in denen sich Marx zum betreffenden Problem ähnlich äußert. Auf Veränderungen oder Diskontinuitäten innerhalb der Marxschen Theorie wird dagegen näher eingegangen.
26 Diese Arbeiten, etwa das „Kommunistische Manifest“ oder die „Deutsche Ideologie“, werden nicht in dem Ausmaß wie die unter der vorhergehenden Anmerkung genannten Schriften berücksichtigt.
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auf Vollständigkeit wird dabei nicht erhoben, denn den Schwerpunkt dieser Arbeit bilden die Existenzweisen von Frauen in der bürgerlichen Gesellschaft, die mit Hilfe der Marxschen Entfremdungstheorie zu analysieren sind.
Um einen einheitlichen Lesefluß zu gewährleisten, werden Zitate 28 im Präsens wiedergegeben.
Die entsprechend veränderten Verben befinden sich in Klammern.
II. NICHTENTFREMDUNG
1. Theoretisches
1.1. Allgemeines zur Nichtentfremdung
Der Nichtentfremdung liegt ein umfassender Arbeitsbegriff zugrunde. Dieser beinhaltet jede Form der Aneignung und Äußerung, die sich aus dem Verhältnis von Natur, Gesellschaft und 29 entwickeln kann. Individuum
Natur, Gesellschaft und Individuum sind nichtidentische Teile einer Totalität. D. h. Menschen 30
sind Teil der Natur, aber eben ein besonderer innerhalb der vielfältigen, gleichfalls besonderen Erscheinungsweisen des Natürlichen. Als natürliche Wesen sind Menschen von dieser Vielfalt abhängig. Als gesellschaftliche Wesen sind sie aufgrund ihrer besonderen physischen und intellektuellen Potentiale imstande, diese anderen Teile der Natur für sich zu nutzen; also natürliche in gesellschaftliche Gegenständlichkeit zu verwandeln, wobei es zu unterschiedlichen Formen der Arbeitsteilung kommt. Ursächlich dafür sind die zunächst natürlichen Bedürfnisse, die bewirken, daß produktive Potentiale entstehen, die Schritt für Schritt in lang andauernden Prozessen
27 Zu den Kriterien, die für die Auswahl bestimmter Schriften Bäumers und Zetkins maßgeblich sind vgl. Kapitel IV, Abschnitt 1.2. Allgemeines zur Frauenbewegung.
28 Zitatnachweise werden in den Anmerkungen immer an erster Stelle genannt.
29 Marx geht von der Gesellschaft immer als Basis individuellen Lebens aus. Begriffe wie „Gesellschaft“ oder „Gesellschaftlichkeit“ enthalten dabei jede mögliche Form des Zusammenlebens. Nur im Zusammenhang von Individuum und Gesellschaft können die im folgenden zu beschreibenden Prozesse stattfinden; vgl. MEW 40, S. 537-538, 545, 578, 579: Grundrisse, S. 312-313; Eschke, S. 52; Schaff, S. 8, 23
30 Im Gegensatz zu den bürgerlichen Ideologen, auf die später noch einzugehen ist, setzt Marx nicht Frauen mit Natur und Männer mit Kultur gleich. Es gibt in der Entfremdungstheorie nichts dem „Geschlechtscharakter“ Entsprechendes. Vielmehr ist die Marxsche Betrachtungsweise des Menschen als eines natürlichen und gesellschaftlichen Wesens zunächst aus der Kritik der Religion entstanden (wobei Frauen und Männer nicht auf unterschiedliche Art natürlich sind). In diesem Zusammenhang betont Marx 1844, daß sich Menschen durch die Zeugung von Menschen subjektivieren, und sich dabei als natürliche und gesellschaftliche Wesen verhalten. Gleichzeitig negiert er mit dieser Feststellung die Abhängigkeit der menschlichen Existenz von einem „höheren Wesen“. Vgl. MEW 40, S. 545; Lefebvre, S. 95; Kusnezow, S. 52; Meszaros, S. 204
9
differenziert werden und das Verhältnis von Natur, Gesellschaft und Individuum verändern 31 .
Deren Einheit muß durch Arbeit vermittelt werden. „Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit, ist die Arbeit daher eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen 32 . Jedoch sind die aus dieser Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu vermitteln“
Notwendigkeit resultierenden sozialen Prozesse langwierig und widersprüchlich. Denn die gesellschaftliche Aneignung der Natur vollzieht sich nicht von vornherein in der möglichen Vielfalt, die diese zu bieten hat. Gerade die Vielfalt setzt historische Entwicklungen voraus, um 33 . Ferner ist die Aneignung der Natur und die Entwicklung erarbeitet werden zu können
gesellschaftlicher Gegenständlichkeit nicht identisch mit der individuellen Aneignung. Diese wird 34 . Die Aneignung der Natur, die durch unterschiedlichste Mechanismen unterbunden (Entäußerung)
durch die Bedürfnisse der Menschen motiviert wird, verursacht Prozesse, in denen Tätigkeiten, Fähigkeiten, Bedürfnisse und Genüsse verändert werden. Da sich aber die individuelle Aneignung des sozialen Potentials unter entfremdeten Bedingungen nur reduziert vollzieht, sind den Individuen große Teile gesellschaftlicher und natürlicher Gegenständlichkeit entäußert. Dies trifft auf alle vergangenen und gegenwärtigen historischen Perioden zu, weil die sozialen Verhältnisse entweder zu wenig entwickelt sind oder der antagonistische Charakter einer Gesellschaftsformation dominiert.
31 Die Beispiele, die angeführt werden könnten, um die Entwicklung von natürlicher zu gesellschaftlicher Gegenständlichkeit zu veranschaulichen, sind ebenso vielfältig wie das Verhältnis von Natur, Gesellschaft und Individuum. Deshalb müssen die folgenden Beispiele vorerst genügen: 1) Mit der Entwicklung unterschiedlichster Produkte, entsteht die Möglichkeit, natürliche Bedürfnisse in gesellschaftlich modifizierter Form zu befriedigen; etwa indem die Befriedigung sexueller Triebe innerhalb gesellschaftlicher Gegenständlichkeit (z. B. Stoffe, Möbel, Schmuck, Bilder, Wein, Musik usw.) stattfindet, wodurch erotische Kultur geschaffen wird. (Daß die Verwirklichung dieser Möglichkeiten nur Teile der Gesellschaft betrifft - oder in bürgerlicher Zeit durch ein weitgehend ökonomisches Verhältnis zur Sexualität gekennzeichnet ist - verweist zunächst nur auf widersprüchliche Entwicklungen unter entfremdeten Bedingungen, wo gesellschaftliches Potential aus unterschiedlichen Gründen nicht angeeignet werden kann, und somit individuell entäußert ist; vgl. dazu Sieder, Ehe, S. 142) 2) Nimmt man das
Textverarbeitungsprogramm, mit dem diese Arbeit geschrieben wird, so handelt es sich selbstverständlich nicht um ein Naturprodukt, sondern um ein Resultat gesellschaftlicher Entwicklungen, das allerdings über eine natürliche Basis verfügt, weil es Sprache voraussetzt, und somit an menschliches Potential gebunden ist. Darüber hinaus sind jedoch soziale Prozesse erforderlich - z. B. Entwicklung von Schrift, Alphabetisierung, technologische Standards etc. - die schließlich zur Software führen.
32 MEW 23, S. 57 sowie ebd., S. 198; MEW 13, S. 23-24; vgl. dazu auch Tacha, S. 23, der diesbezüglich feststellt: „Karl Marx ist aber weniger für seine Aussagen über Arbeit als existentielle Bedingung des Menschen bekannt, mehr schon...für seine fundamentale Kritik an jenen Zuständen, die er als ‘entfremdete Arbeit’ bezeichnet.“ Tachas Behauptung verweist auf einen bemerkenswert nachlässigen Umgang mit den Arbeiten Marx´. Sie ist nicht haltbar. 33 Stellt man sich beispielsweise etwas so Alltägliches wie ein mitteleuropäisches Frühstück - bestehend aus Dingen wie Kaffee, Tee, Zucker usw. - vor, so ist der Konsum dessen auch Ergebnis der Entdeckung und Eroberung anderer Kontinente.
34 Die Entäußerungsproblematik wird in Teil III dieser Arbeit ausführlicher behandelt.
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Da die Nichtentfremdung auf dem entwickelsten Arbeitsbegriff basiert, sind ihr praktisch etliche konkrete Tätigkeiten, Fähigkeiten, Bedürfnisse und Genüsse vorausgesetzt. Nichtentfremdung ist somit das Produkt der ökonomisch und gesellschaftlich fortgeschrittensten
Entfremdungsverhältnisse. Aber im Unterschied zu diesen ist es für eine nichtentfremdete Gesellschaft vonnöten, soziale Antagonismen aufzuheben, damit die Universalität der Natur zur gesellschaftlichen und individuellen Vielfalt, die nur durch die Gesellschaft vermittelbar ist, entwickelt werden kann.
Wesentliches Merkmal nichtentfremdeter Strukturen ist die freie Entfaltung von Gesellschaft und Individuum, deren Basis die Natur bildet. Mit Hilfe entwickelter ökonomischer Verhältnisse und der Aufhebung sozialer Antagonismen, könnte die Beziehung von Individuum, Gesellschaft und Natur so gestaltet werden, daß es einerseits zu einer bewußten Anerkennung der Abhängigkeit voneinander, andererseits zur gegenseitigen Bereicherung kommt. Damit bedingt Nichtentfremdung ein grundsätzlich anderes Verhältnis des Menschen zum Menschen, als dies unter entfremdeten Bedingungen 35 gegeben ist. Die Negation von
Klassengegensätzen ist dabei zwar ein wesentliches Moment. Darüber hinaus geht es aber darum, daß die Möglichkeit der freien und bewußten Entwicklung und Vergegenständlichung individueller Produktivkräfte nur im gesellschaftlichen Rahmen stattfinden kann. Sie ist bei Marx mit der Auffassung verbunden, daß das Verhältnis des Individuums zur eigenen Person wesentlich für die Beziehung zu anderen Menschen ist. „Was von dem Verhältnis des Menschen zu seiner Arbeit, zum Produkt seiner Arbeit und zu sich selbst, das gilt von dem Verhältnis des Menschen zum andren Menschen, wie zu der Arbeit und dem Gegenstand der Arbeit des andren Menschen“ 36 .
Dementsprechend muß der Zweck jeder revolutionären Aktion darin bestehen, soziale Strukturen zu schaffen, die geeignet sind, menschliche Verhältnisse entstehen zu lassen, die potentiell 37 sind. Denn gerade dadurch eröffnet sich die Chance, beziehungs- und damit eigenschaftsreich
reiche Individualität, die ihrerseits gesellschaftlich wirken kann, sozial zu bilden. Die freie und bewußte 38 Gestaltung der Einheit von Mensch und Natur hat also den Sinn, mittels
zweckmäßiger Aktivitäten, die den vielfältigen natürlichen, gesellschaftlichen und individuellen Erfordernissen und Möglichkeiten entsprechen, vielfältige, d. h. auch qualitativ hochwertige
35 Eine Konkretisierung dessen erfolgt noch.
36 MEW 40 S. 518
37 Grundrisse, S. 312
38 Der Begriff „bewußt“ gehört in erster Linie zur Terminologie der „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“, findet aber in späteren Arbeiten, wenn auch anders formuliert, Verwendung. Marx bezeichnet damit die Fähigkeit des Menschen, praktische und theoretische Gegenstände auf intellektueller Ebene zu bearbeiten bzw. Tätigkeiten zu antizipieren; vgl. MEW 40, S. 516; MEW 23, S. 193, 421-422, 445; Schaff, S. 86; Kusnezow, S. 44-45
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Beziehungen der Individuen zu sich, zur Gesellschaft und zur Natur zu erzeugen, um Individuum und Gesellschaft zu bereichern.
Arbeit ist unter nichtentfremdeten Bedingungen synonym mit sämtlichen Tätigkeiten, die natürliche und gesellschaftlich entwickelte Bedürfnisse der Individuen befriedigen. Die Tätigkeiten können als notwendige oder freie Prozesse unterschiedliche Charaktere hinsichtlich ihrer Bedeutung als Genuß aufweisen, müssen aber zumindest mittellbar dazu beitragen, die gesellschaftliche und individuelle Genußfähgikeit zu erhalten und zu modifizieren. Dabei könnten die sich frei entfaltenden Subjekte als gesellschaftliche „Produkte“ diese Gesellschaft so gestalten, daß eine neue Qualität sozialer Existenz entsteht, die gerade mittels freier Aktivität zu einem neuen Verhältnis der Individuen zum Reich der Notwendigkeit führt. Deshalb implizieren die gesellschaftlichen Verhältnisse individuelle Beziehungen, die jede Form der Reduktion ausschließen, damit Tätigkeiten, Fähigkeiten, Bedürfnisse und Genüsse frei weiterentwickelt werden können 39 .
1.2. Allgemeines zur Dialektik von Natur, Gesellschaft und Individuum
40 , abhängig. Der Die menschliche Existenz ist von der Natur, ihrem „unorganischen Körper“
„unorganische Körper“ ist die materielle Basis, die die menschliche Existenz sichert. 1844 schreibt Marx dazu: „Daß der Mensch ein leibliches, naturkräftiges, lebendiges, gegenständliches Wesen ist, heißt, daß er wirkliche, sinnliche Gegenstände zum Gegenstand seines Wesens, seiner Lebensäußerung hat oder daß er nur an wirklichen, sinnlichen Gegenständen sein Leben äußern kann...Der Hunger ist ein natürliches Bedürfnis; er bedarf also einer Natur außer sich, eines Gegenstandes außer sich, um sich zu befriedigen, um sich zu stillen. Der Hunger ist das gestandne Bedürfnis meines Leibes nach einem außer ihm seienden, zu seiner Integrierung und 41 . Diese Bindung kann nicht aufgelöst, aber Wesensäußerung unentbehrlichen Gegenstande“
verändert werden. Maßgeblich dafür, dieses Verhältnis modifizieren zu können, sind die physischen 42 , die den Menschen befähigen, die Natur als und intellektuellen Fähigkeiten (Arbeitskraft)
39 Dem hier beschriebenen positiven Gehalt einer nachrevolutionären Gesellschaftsformation fehlt bei Marx jede Darstellung einer konkreten Organisation. Dies macht die Zukunft nicht weniger abstrakt, ist aber in sich logisch, da die Gesellschaft immer gesellschaftliches Produkt ist, und eine detaillierte Ausarbeitung ihrer Strukturen durch das Individuum, in diesem Fall Karl Marx, absurd wäre.
40 Grundrisse, S. 376, 388, 392; MEW 40, S. 516; Lefebvre, S. 92, 95; Eschke, S. 58; Schmidt, S. 78; Kusnezow, S. 44-46, 48-49
41 MEW 40, S. 578; ebd. fügt Marx hinzu: „Ein ungegenständliches Wesen ist ein Unwesen.“
42 Vgl. MEW 23, S. 181, wo es heißt: „Unter Arbeitskraft oder Arbeitsvermögen verstehen wir den Inbegriff der physischen und geistigen Fähigkeiten, die in der Leiblichkeit, der lebendigen Persönlichkeit eines Menschen existieren und die er in Bewegung setzt, sooft er Gebrauchswerte irgendeiner Art produziert.“ Arbeits- bzw.
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Grundlage des Lebens zu nutzen, um so Bedürfnisse 43 zu befriedigen. Die spezifische Form
menschlicher Arbeitskraft, d. h. die Fähigkeit, bewußt verändernd auf die Natur einzuwirken, ist 44 . diesem Akt, in dem sie sich weiterentwickelt, vorausgesetzt
Arbeit ist ein notwendiger Prozeß, um das Verhältnis von Mensch und Natur zu vermitteln. Dabei setzt der Mensch „die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand,...in Bewegung, um sich den Naturstoff anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner 45 . Natur ist dabei mehr als nur bloßes Objekt menschlicher Tätigkeit. Denn eignen Botmäßigkeit“
als deren materielle Basis ist sie nicht menschliches „...Produkt, sondern vorgefunden; als 46 . Damit bestimmen die natürliches Dasein außer ihm ihm (dem Menschen, A. B.) vorausgesetzt“ vielfältigen Erscheinungsformen der Natur die Entwicklungsmöglichkeiten der Menschen 47 , die
diese wiederum in einem sozialen Zusammenhang zwischen Individuum und Natur vermitteln. „Alle Produktion ist Aneignung der Natur von seiten des Individuums innerhalb und vermittels einer bestimmten Gesellschaftsform“ 48 .
Produktivkraft wird im Rahmen dieser Arbeit immer im Zusammenhang mit dem Subjekt gesehen, wobei es nicht um die Definition von produktiver oder unproduktiver Arbeit im bürgerlichen Sinn geht, sondern um die individuelle und gesellschaftliche Bedeutung verschiedenster Tätigkeiten als Bedürfnis und Genuß. Zur „produktiven“ und „unproduktiven“ Arbeit vgl. auch Grundrisse, S. 184, wo Marx schreibt: „Oder die modernen Ökonomen haben sich zu solchen Sykophanten des Bourgeois gemacht, daß sie demselben weißmachen wollen, es sei produktive Arbeit, wenn einer ihm die Läuse auf dem Kopf suche, oder ihm den Schwanz reibe, weil etwa die letztre Bewegung ihm den dicken Kopf - blockhead - den nächsten Tag aufgeräumter für das Comptoir machen werde. Es ist daher ganz richtig - zugleich aber auch charakteristisch -, daß den konsequenten Ökonomen die Arbeiter z. B. von Luxusshops produktive Arbeiter sind, obgleich die Kerls, die solche Gegenstände verzehren, ausdrücklich als unproduktive Verschwender kastigiert werden. Das fact ist, daß diese Arbeiter, indeed, produktiv sind, as far as they increase the capital of their master; unproductive as to the material result of their labour.“ Vgl. dazu auch MEW 23, S. 532, wo Marx den Begriff des produktiven Arbeiters als Ausdruck eines bestimmten gesellschaftlichen, d.h. bürgerlichen, Produktionsverhältnisses bezeichnet.
43 Diese Bedürfnisse, z. B. Hunger oder Sexualität, sind zunächst als natürliche auch notwendige Bedürfnisse, deren Befriedigung gesellschaftlich modifiziert wird. Gleichzeitig entwickeln sich gesellschaftliche Bedürfnisse, etwa Musik, die zwar keine lebensnotwendige Bedeutung haben, jedoch gesellschaftlich als notwendig gesetzt werden können, und damit gesellschaftlichen wie individuellen Reichtum ausdrücken.
44 Vgl. MEW 25, S. 394-395, wo Marx schreibt: „Die Arbeitskraft bewährt ja auch nur ihre wertschaffende Kraft, wenn sie im Arbeitsprozeß betätigt und realisiert wird; aber dies schließt nicht aus, daß sie an sich, potentiell, als Vermögen, die wertschaffende Tätigkeit ist und als solche aus dem Prozeß nicht erst entsteht, sondern ihm vielmehr vorausgesetzt ist.“ Grundrisse, S. 13-14; Seidel/Ulmann, S. 77; Schaff, S. 35
45 MEW 23, S. 192 sowie ebd., S. 85, 195; „die eigne Natur“ ist wiederum synonym mit dem freien und bewußten Wesen des Menschen; vgl. dazu auch MEW 40, S. 516-517; Grundrisse, S. 20, 394, 621; Kusnezow, S. 42, 43; Eschke, S. 55; Schmidt, S. 79 46 Grundrisse, S. 388; Lefebvre, S. 92, 93
47 MEW 23, S. 536-537; MEW 40, S. 541-542, 544
48 Grundrisse, S. 9 sowie ebd., S. 5-6; MEW 25, S. 828; MEW 40, S. 515, 517; Eschke, S. 52
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Diese Gesellschaftsformationen, und damit die Aneignungsweisen natürlicher und gesellschaftlicher Gegenständlichkeit, können unterschiedliche Charaktere aufweisen. Damit aber die Universalität der Natur durch gesellschaftliche Aktivität zur individuellen Vielfalt entwickelt werden kann, sind historische Prozesse vorausgesetzt 49 . Diese Aktivitäten entwickeln sich zwischen
Individuen verschiedener und gleicher Generationen, wodurch sich die Menschen von der Natur differenzieren, weil Tätigkeiten, Fähigkeiten, Bedürfnisse und Genüsse gesellschaftlich verändert 50 . Deswegen sind „die universal entwickelten Individuen, deren gesellschaftliche werden
Verhältnisse als ihre eignen, gemeinschaftlichen Beziehungen, auch ihrer eignen gemeinschaftlichen Kontrolle unterworfen sind,...kein Produkt der Natur, sondern der Geschichte. Der Grad der Universalität der Entwicklung, worin diese Individualität möglich wird, setzt eben die Produktion auf der Basis der Tauschwerte voraus, die mit der Allgemeinheit der Entfremdung des Individuums von sich und von andren, aber auch die Allgemeinheit und 51 . D. h. Nichtentfremdung setzt Allseitigkeit seiner Beziehungen und Fähigkeiten erst produziert“ eine materielle Basis voraus, die sich durch eine Vielzahl unterschiedlicher Tätigkeiten, Fähigkeiten, Bedürfnisse und Genüsse auszeichnet. Diese Grundlage wird letztendlich mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft, und der sie kennzeichnenden Eigentumsverhältnisse, gebildet.
Mit der Entstehung von Lohnarbeit und Kapital setzt eine Entwicklung ein, die dazu tendiert, die 52 . Mit der sich Beziehung von notwendiger und Mehrarbeit zugunsten letzterer zu revolutionieren steigernden Produktivität erhöht sich einerseits der gesellschaftliche Reichtum, andererseits sinkt der Anteil der notwendigen Arbeit, wodurch sich objektiv die Chance zur freien Entfaltung der 53 . „Zeit ist der Raum zu menschlicher Entwicklung“ 54 ; sozial vermittelten Individualität eröffnet
und dieser Faktor ist ein maßgebliches Moment für die Gestaltung nichtentfremdeter Verhältnisse. Notwendige und Mehrarbeit bleiben zwar Bestandteile des gesellschaftlichen Lebens, weil die Beziehung von Mensch und Natur vermittelt werden muß 55 . Aber ihre soziale Funktion, in der sich
der Antagonismus von Lohnarbeit und Kapital manifestiert, muß aufgehoben werden, denn „die
49 MEW 23, S. 94; Grundrisse, S. 440; Kusnezow, S. 53; Seidel/Ulmann, S. 79
50 MEW 25, S. 113-114; Lefebvre, S. 95; Seidel/Ulmann, S. 78
51 Grundrisse, S. 79-80 sowie ebd., S. 440, 716; MEW 40, S. 542; MEW 25, S. 828, 866
52 MEW 25, S. 827; Grundrisse, S. 244-245, 246
53 Grundrisse, S. 231, 593
54 MEW 16, S. 144
55 MEW 25, S. 827, 828; Mehrarbeit ist im nichtentfremdeten Kontext u. U. synonym mit freien Aneignungs- und Äußerungsprozessen, sofern sie nämlich nicht notwendige Arbeit, sondern Bedürfnis als produktiver Prozeß ist.
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Maschinerie verliert ihren Gebrauchswert nicht, sobald sie (aufhört) Kapital zu sein“ 56 . Die
objektiven Bedingungen, die das Kapital hervorbringt, indem es bemüht ist, notwendige Arbeit auf ein Minimum zu reduzieren, ermöglicht mit der Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft durch ein 57 die Schaffung neuer gesellschaftlicher Strukturen, in der die Zeit eine revolutionäres Subjekt
erheblich andere Rolle spielt. Der Unterschied zwischen entfremdeten und nichtentfremdeten Verhältnissen besteht dabei nicht nur in der Negation gesellschaftlicher Antagonismen, sondern ist wesentlich durch den positiven Gehalt bestimmt, der Nichtentfremdung charakterisiert. Dieser zeigt sich sowohl in der Anerkennung der Abhängigkeit von Individuum und Gesellschaft zur Natur, als auch in der freien und bewußten Gestaltung dieser Beziehungen. Die Reduktion der notwendigen Arbeit entspricht der Entwicklung von Produktivkraft, „...von power, von Fähigkeiten zur Produktion und daher sowohl der Fähigkeiten, wie der Mittel des Genusses. Die Fähigkeit des Genusses ist Bedingung für denselben, also erstes Mittel desselben und diese Fähigkeit ist Entwicklung einer individuellen Anlage, Produktivkraft. Die Ersparung von Arbeitszeit gleich vermehren der freien Zeit, d. h. Zeit für die volle Entwicklung des Individuums, die selbst wieder 58 . Die unter als die größte Produktivkraft zurückwirkt auf die Produktivkraft der Arbeit“ entfremdeten Bedingungen entstehenden gesellschaftlichen Produktivkräfte, deren Schaffung durch die gesellschaftlich entwickelten Bedürfnisse motiviert ist, erzeugt in der bürgerlichen Gesellschaft ein Potential, das zunächst einmal Zeit freisetzen könnte. Damit ist die Möglichkeit zur Entwicklung individueller Produktivkräfte gegeben. Diese gesellschaftlich geprägten individuellen Potentiale sind in ihrer Entstehung, Entwicklung und Vergegenständlichung nicht mehr nur Mittel zur Befriedigung von Bedürfnissen, sondern wesentlich selbst Bedürfnis und damit Genuß; und zwar sowohl als produktive wie auch als konsumtive Prozesse. Somit handelt es sich bei diesen mehr als nur potentiell genußvollen Aktivitäten um zweckmäßige Tätigkeiten, die ihrerseits zur Weiterentwicklung gesellschaftlicher Produktivkräfte führen können, indem Bedürfnisse und Genüsse (Sinne) differenziert werden.
Natur, Gesellschaft und Individuum müssen auf die eine oder andere Art vermittelt werden. Die Vermittlung verfügt über unterschiedliche Varianten und entwickelt sich von persönlichen (z. B. 59 . Letztere sind als Produkt Sklaverei) zu sachlichen (z. B. Lohnarbeit) Abhängigkeitsverhältnissen der sich entfaltenden bürgerlichen Gesellschaft Voraussetzung für die universelle Entwicklung
56 Grundrisse, S. 587; MEW 4, S. 476
57 Welche gesellschaftlichen Kräfte als revolutionäre Subjekte auftreten können, wird im Verlauf der Arbeit konkretisiert.
58 Grundrisse, S. 599 sowie ebd., S. 89, 596
59 Grundrisse, S. 75
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gesellschaftlich geprägter Individuen natürlichen Ursprungs. Je weiter diese Vermittlung fortschreitet, desto mehr differenzieren sich Mensch und Natur. Natürliche Vielfalt wird in gesellschaftliche verwandelt, wobei Tätigkeiten, Fähigkeiten, Bedürfnisse und Genüsse im allgemeinen zunehmend reichere Ausdrücke erhalten. Die sich ändernden Arbeitsweisen haben qualitative Bedeutung für das Verhältnis von Mensch und Natur, weil mit der Entwicklung physischer und intellektueller Fähigkeiten die Existenzbedingungen modifiziert werden. Mit der Differenzierung von Mensch und Natur wird also nicht nur die Existenz gesichert, sondern vielmehr auch verändert. Es entstehen in langwierigen historischen Prozessen objektive Bedingungen, die die Entwicklung reicher Subjekte ermöglichen können. „Dazu ist jedoch eine materielle Grundlage der Gesellschaft erheischt oder eine Reihe materieller Existenzbedingungen, welche selbst wieder das naturwüchsige Produkt einer langen und qualvollen Entwicklungsgeschichte sind“ 60 .
1.3. Nichtentfremdete Arbeit
Nichtentfremdete Arbeit bedingt die Umwandlung der Maschinerie in Gebrauchswerte für die Gesellschaft, weil damit die Möglichkeit besteht, jene Zeit freizusetzen, die der Entwicklung individueller Produktivkräfte dienen könnte. Dies impliziert die Abschaffung bürgerlicher Eigentumsverhältnisse.
Nichtentfremdete Arbeit fungiert dabei als zweckmäßige Tätigkeit für die Individuen. Zweckmäßige Tätgkeit beinhaltet sowohl Aneignung als auch Äußerung natürlicher und vor allem gesellschaftlich entwickelter Gegenständlichkeit. Dabei handelt es sich darum, daß bereits der produktive Prozeß als Zweck gesetzt wird. Denn nur so fallen Bedürfnis und Genuß zusammen; und können als solche auf die Individuen wirken. Sofern produktive Prozesse einen Zweck für die daran beteiligten Personen erfüllen, haben sie auch immer etwas mit Vergnügen und Lust zu tun. Sie sind 61 . Wichtig ist, daß diese Entwicklung individueller Produktivkräfte dementsprechend sinnbildend
aus sozialen Prozessen resultiert, die frei von Zwang oder Behinderung sind, damit wiederum sozialer Reichtum, der sich in gesellschaftlich modifizierten Bedürfnissen manifestiert, gebildet werden kann. Je mehr diese Bedürfnisse „...als notwendig gesetzt sind, um so höher ist der wirkliche Reichtum entwickelt. Der Reichtum besteht stofflich betrachtet nur in der
60 MEW 23, S. 94
61 Es ist beispielsweise ein bedeutender Unterschied, ob gekocht und gegessen wird, um die biologischen Funktionen des Körpers zu erhalten, oder um sich natürlich und gesellschaftlich entwickelte Gegenständlichkeit anzueignen. Läßt sich das eine weitghend auf die Nährwert reduzieren, setzt das andere Qualität, und damit die Aneignung vielfältiger Gegenständlichkeit - auch mit entsprechender Zeit für den Genuß - voraus. Ebenso verhält es sich im Bereich von Sexualität und Eros. Es besteht eine erhebliche Differenz, ob hier die biologische Funktion im Vordergrund steht, die jede Körperlichkeit diffamiert, wenn sie nicht der Zeugung dient, oder ob gerade diese Körperlichkeit zum Zweck des gesellschaftlichen Verhältnisses wird.
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Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse“ 62 . In dieser Vielfalt sind alle Bedürfnis und Genuß
repräsentierenden Fähigkeiten und Tätigkeiten, die ihrerseits die Bedürftigkeit der Individuen offenbaren, impliziert. Dabei kann es sich um jede mögliche Form der Aneignung und Äußerung 63 . handeln
Bedürftigkeit ist synonym mit dem Reichtum und der Armut individueller Fähigkeiten und Tätigkeiten. Reichtum und Armut spiegeln unterschiedliche Aspekte gesellschaftlicher Prozesse wider, die durch Aneignung und Äußerung verändert werden. Diese Prozesse, ihrem Charakter nach allseitig bzw. universell, umfassen dialektische Beziehungen von Gesellschaft und Individuum, die sich so gegenseitig produzieren. „Setze den Menschen als Menschen und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches voraus, so kannst du Liebe nur gegen Liebe austauschen, Vertrauen nur gegen Vertrauen etc. Wenn du die Kunst genießen willst, mußt du ein künstlerisch gebildeter Mensch sein; wenn du Einfluß auf andre Menschen ausüben willst, mußt du ein wirklich anregend und fördernd auf andere Menschen wirkender Mensch sein. Jedes deiner Verhältnisse zum Menschen - und zu der Natur - muß eine bestimmte, dem Gegenstand deines Willens 64 . Dabei setzt Aneignung entsprechende Äußrung deines wirklichen individuellen Lebens sein“ Äußerung und Äußerung Aneignung voraus. Sie sind gleich wichtige Bestandteile der von den Individuen bestimmten gesellschaftlichen Prozesse. Verfügend über bestimmte, dem Menschen eigentümliche und veränderbare Fähigkeiten, sind Individuen in der Lage, sich gesellschaftliche Gegenständlichkeit anzueignen und wieder zu äußern. Sie können dies, ihrem Potential entsprechend, auf vielfältige Art tun. Vorausgesetzt ist dabei, daß die gesellschaftliche Gegenständlichkeit den Individuen zugänglich ist 65 . Zudem ist es erforderlich, daß diese Prozesse
von den beteiligten Individuen so gestaltet werden können, daß die als Bedürfnis gesetzten Aneignungs- und Äußerungsformen Genuß bereiten. Je vielfältiger die Möglichkeiten, gesellschaftliche Gegenstände individuell zu subjektivieren und zu objektivieren, desto beziehungs- 66 ,weil damit und eigenschaftsreicher wird das Verhältnis von Natur, Gesellschaft und Individuum die „...Entwicklung von einem stets sich erweiternden und umfassenden System von Arbeitsarten, Produktionsarten, denen ein stets erweitertes und reichres System von Bedürfnissen entspricht“ 67 , verbunden ist. Die Bedürfnisse, die in diesen Gegenständen
62 Grundrisse, S. 426; MEW 13, S. 23; MEW 40, S. 544; MEW 23, S. 50; Meszaros, S. 234; Heller, S. 40; Kusnezow, S. 50
63 Darin ist die notwendige Produktion ebenso eingeschlossen wie z. B. schreiben, lesen oder lieben usw.
64 MEW 40, S. 567
65 Seidel/Ulmann, S. 80, 81, 83-84, 102-105
66 Grundrisse, S. 312; MEW 40, S. 540
67 Grundrisse, S. 313; Heller, S. 57, 61; Meszaros, S. 207, 223-224
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objektiviert werden, können vom Menschen für den Menschen geschaffene Gebrauchswerte sein 68 , die auf die ihnen eigentümliche Art die Aneignung beeinflussen 69 . Folgt der Subjektivierung die
Äußerung, kann es zu einer individuell veränderten gesellschaftlichen Gegenständlichkeit kommen.
Nichtentfremdete Arbeit, die dadurch charakterisiert wird, daß sie jede Form der Bedürfnis und Genuß repräsentierenden Aktivitäten enthält, schließt damit aus, daß Aneignungs- und Äußerungsprozesse reglementiert und die Individuen funktionalisiert werden. Denn nur so besteht die Möglichkeit vielfältiger Subjektivierung und Objektivierung. Deren Quantität ist gleichbedeutend mit der Qualität gesellschaftlicher und individueller Existenz. Nichtentfremdete Arbeit ist als zweckmäßige Tätgkeit sinnvolle und sinnbildende Aktivität. Denn „im Vergegenständlichungsprozeß des Menschen kommen die menschlichen Sinne zustande, und es ist das einmal bereits vorhandene vergegenständlicht-menschliche Verhältnis, das die menschlichen Bedürfnisse und Sinne, zumindest der Möglichkeit nach, in jedem Menschen 70 . Äußerung (Reichtum) und Aneignung (Armut) sind als Bedürfnis und Genuß entwickelt...“
Mittler gesellschaftlicher wie individueller Veränderungen. Dadurch können die Strukturen von Bedürfnis und Genuß bzw. Aneignung und Äußerung immer komplexer, die Individuen zugleich reicher und ärmer werden, weil das gesellschaftliche Potential permanenten quantitativen und qualitativen Einflüssen der sozialen Individuen unterliegt.
1.4. Zur Einheit von Individuum, Gesellschaft und Natur
Mit der Möglichkeit, reiche Individualität zu entwickeln, eröffnet sich die Chance, dem Verhältnis von Individuum, Gesellschaft und Natur eine andere Qualität zu geben. Eine nichtentfremdete Gesellschaft darf dabei nicht als Ideal, das sich aus perfekten Menschen zusammensetzt, mißverstanden werden. Denn gerade als abhängige Wesen sind Menschen aufeinander angewiesen. Aber wegen ihrer Gesellschaftlichkeit sind sie fähig, ihre Lage zu 71 . Damit ist bei Marx aber verändern, und „...sich auf eine höhere Daseinsstufe zu erheben...“ keineswegs die illusorische Absicht verbunden, die gesellschaftliche Teilung der Arbeit 72 . Denn auf eben jener basiert der potentielle individuelle Reichtum an Fähigkeiten, aufzuheben
Tätigkeiten, Bedürfnissen und Genüssen. Es geht vielmehr um die Erkenntnis, daß das den
68 MEW 13, S. 15; Grundrisse, S. 507, 754
69 Grundrisse, S. 12-14; MEW 40, S. 539-540, 541
70 Heller, S. 44; Schaff, S. 53
71 Lefebvre, S. 107
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Menschen eigentümliche produktive Potenial darin besteht, sich vielfältige sozial entwickelte Fähigkeiten aneignen zu können und nicht auf eine bestimmte reduzierte Form der Arbeit von vornherein beschränkt zu sein. Die Verschiedenheit der Individuen produziert also den gesellschaftlichen Reichtum, während ihre Gleichheit diesen ebenso aufheben würde wie die individuelle Existenz, da die reiche Individualität gesellschaftliche Subjekte individueller Verschiedenheit voraussetzt 73 . In der noch sehr stark philosophisch beeinflußten Terminologie des
Jahres 1844 schreibt Marx diesbezüglich: „Der Mensch - so sehr er daher ein besondres Individuum ist, und grade seine Besonderheit macht ihn zu einem Individuum und zum wirklich individuellen Gemeinwesen - ebensosehr ist er die Totalität, die ideale Totalität, das subjektive Dasein der gedachten und empfundnen Gesellschaft für sich, wie er auch in der Wirklichkeit sowohl als Anschauung und wirklicher Genuß des gesellschaftlichen Daseins wie als eine 74 . Weniger philosophisch ausgedrückt, heißt dies, Totalität menschlicher Lebensäußerung da ist“
daß Menschen aufgrund ihrer physischen und intellektuellen Möglichkeiten fähig sind, sich potentiell alles von Menschen Geschaffene anzueignen. Doch aufgrund der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit könnten sie unter nichtentfremdeten Bedingungen von besonderen Persönlichkeiten beeinflußt werden, die ihrerseits zu einer gesellschaftlich geprägten Individualität führen, die damit über besondere Fähigkeiten, Tätigkeiten, Bedürfnisse und Genüsse verfügt. Da sich auch eine nichtentfremdete Gesellschaft nicht vom Reich der Notwendigkeit emanzipieren kann, geht es darum, diesen Bereich „... mit dem geringsten Kraftaufwand und unter 75 zu gestalten. den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen...“ Darüber hinaus müssen es die objektiven Voraussetzungen aber gestatten, daß „...die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entfaltung aller ist“ 76 . Dabei hängen die
Bereiche von Freiheit und Notwendigkeit eng miteinander zusammen. Denn es besteht die Möglichkeit, notwendige Bedürfnisse (z. B. Sexualität, Nahrung, Wohnung) gesellschaftlich so zu gestalten, daß sie weit über die existentiell nötige Befriedigung hinausgehen, während Bedürfnisse, die scheinbar keine Erfordernis darstellen (etwa Musik oder Literatur), gesellschaftlich und individuell als notwendig gesetzt werden können. In jedem dieser Fälle können Bedürfnisse und Genüsse identisch sein. Sie setzen jedoch Produktionsweisen voraus, die einerseits unmittelbar individuellen und gesellschaftlichen Genuß bereiten, und andererseits zumindest mittelbar die Genußfähigkeit der Gesellschaft erhalten (z. B. durch Energieversorgung). Somit sind in einer
72 MEW 40, S. 476; gegensätzliche Auffassungen bei Schuller, S. 214; Schaff, S. 96
73 Seidel/Ulmann, S. 86, 104
74 MEW 40, S. 539
75 MEW 25, S. 828; MEW 1, S. 370; Meszaros, S. 208
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nichtentfremdeten Gesellschaft Tätigkeiten existent, die sich folgendermaßen unterscheiden: Einerseits notwendige Prozesse, deren Produkt dazu dient, eine gewisse Lebensqualität zu erhalten. Der produktive Prozeß ist das Mittel, um über einen bestimmten Gebrauchswert verfügen zu können. Andererseits sind freie produktive Prozesse erforderlich, die als notwendig gesetzt werden können und ebenso wie ihr Produkt Zweck sind. Wichtig ist, daß die Tätigkeiten, die nur indirekt zum Genuß beitragen, möglichst rationell gestaltet werden, so daß für die Aktivitäten, die unmittelbar als Bedürfnis und Genuß gesetzt sind, das höchste Maß an Zeit verbleibt. Voraussetzung dessen ist die gesellschaftliche Entwicklung individueller Produktivkräfte, die ihrerseits auf die Gesellschaft zurückwirken, und so Veränderungen im Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit, mittelbar und unmittelbar mit Genuß verbundenen Tätigkeiten verursachen können. Durch freie Aneignungs- und Äußerungsprozesse könnte eine gesellschaftliche Qualität erzeugt werden, in der durch die Entwicklung menschlicher Individualität wirklicher Reichtum geschaffen würde. 77
Mit der Armut und Reichtum, Bedürfnis und Genuß enthaltenden gesellschaftlichen Gegenständlichkeit subjektiviert und objektiviert sich sozial gebildete Individualität. Diese Gegenständlichkeit demonstriert die gesellschaftlich produzierte individuelle Existenz. Aneignung und Äußerung können somit Betätigung und Bestätigung gesellschaftlicher Individualität und 78 . individueller Gesellschaftlichkeit sein
Mit diesen, nur durch freie Entfaltung zu schaffenden Verhältnissen, ist es möglich, daß Individuen Beziehungen zu sich und damit auch zur Gesellschaft und zur Natur entwickeln, die der möglichen Vielfalt entsprechen, die diesem Verhältnis innewohnt. Sie erzeugen eine Wirklichkeit, die ihr eigenes Produkt ist; in der sie sich entfalten können und die sich mit ihnen entfaltet 79 .
76 MEW 4, S. 482
77 Grundrisse, S. 596
78 MEW 40, S. 537; Meszaros, S. 209
79 MEW 40, S. 538, 540; Grundrisse, S. 358; Heller, S. 44; Eschke, S. 56; Schaff, S. 8, 23, 30, 53
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III. ENTFREMDUNG
1. Allgemeines
1.1. Allgemeines zur Entfremdung
Um Entfremdung adäquat beurteilen zu können, darf man sie nicht quantifizieren, sondern muß sie in ihrer Qualität, die quantitative Aspekte einschließt, analysieren. Entfremdung ist kein plötzlich auftauchendes Problem, das mit der gesellschaftlichen Entwicklung wächst, sondern ein dem Verhältnis von Natur, Gesellschaft und Individuum innewohnendes Problem, daß sich in noch unzureichend entwickelten Produktivkräften, also 80 . Fähigkeiten, Tätigkeiten, Bedürfnissen und Genüssen, manifestiert
81 sind die unterschiedlichen Formen Die konstitutiven Elemente der Entfremdungsstrukturen
der Arbeit, die einerseits die ihnen entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnisse produzieren, andererseits die Potentiale hervorbringen, die schließlich der Aufhebung der Entfremdung dienen können. „Den ökonomischen Prozeß als bestimmende Grundlage des Geschehens aufzufassen, heißt, alle übrigen Sphären des gesellschaftlichen Lebens in ihrem sich verändernden Zusammenhang mit ihm betrachten und ihn nicht in seiner isolierten mechanischen Form, sondern in Einheit mit den freilich durch ihn selbst entfalteten spezifischen Fähigkeiten und 82 . Diese Formen umfassen weit mehr als das Verhältnis Dispositionen der Menschen begreifen“ von Lohnarbeit und Kapital 83 .
Jede Tätigkeit, die auf Not, Zwang oder Zufall basiert, ist objektiv als entfremdete Arbeit aufzufassen, und im allgemeinen dadurch charakterisiert, daß es sich entweder um noch unentwickelte oder sozial beschränkte Arbeit handelt. Dies schließt die Auseinandersetzung sich entwickelnder Menschen mit der Natur, Lohn-, Fron- und Sklavenarbeit ebenso ein wie
80 MEW 23, S. 93; MEW 40, S. 535; Grundrisse, S. 506 (Anmerkung)
81 Gemeint sind damit entfremdete Arbeit, Selbstentfremdung und Entfremdung des Individuums von Gesellschaft und Natur; vgl. MEW 40, S. 514-519 82 Horkheimer, Autorität, S. 130-131
83 Gegensätzliche Meinung bei Treptow, S. 7
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beispielsweise die Reduktion kleinbürgerlicher Frauen auf die Rolle der Hausfrau und Mutter 84 .
Dabei bestimmt „die spezifische ökonomische Form, in der unbezahlte Mehrarbeit aus den unmittelbaren Produzenten ausgepumpt wird,...das Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnis, wie es unmittelbar aus der Produktion selbst herauswächst und seinerseits bestimmend auf sie zurückwirkt. Hierauf aber gründet sich die ganze Gestaltung des ökonomischen, aus den Produktionsverhältnissen selbst hervorwachsenden Gemeinwesens und damit zugleich seine spezifische politische Gestalt. Es ist jedesmal das unmitelbare Verhältnis der Eigentümer der Produktionsbedingungen zu den unmittelbaren Produzenten,...worin wir das innerste Geheimnis, die verborgene Grundlage der ganzen gesellschaftlichen Konstruktion und daher auch der politischen Form des Souveränitäts- und Abhängigkeitsverhältnisses...finden. Dies hindert nicht, daß dieselbe ökonomische Basis...durch zahllose verschiedne empirische Umstände...unendliche Variationen...zeigen kann, die nur durch Analyse dieser empirisch gegebnen Umstände zu 85 . begreifen sind“
Entfremdung ist ein gesellschaftliches Produkt, das einen, dem Stand der jeweiligen 86 entsprechenden Ausdruck erhält, und im gesellschaftlichen Potential objektiviert Produktivkräfte
wird. Dieses Potential repräsentiert die allgemeinen Fähigkeiten, Tätigkeiten, Bedürfnisse und Genüsse einer Gesellschaftsformation. Auf Grundlage dessen entstehen individuelle Potentiale, die als subjektive Komponenten gesellschaftlicher Verhältnisse objektiven Bedingungen unterliegen, die ihrerseits wieder durch die Individuen verändert werden. Je entwickelter das gesellschaftliche Potential und je reduzierter die individuellen Tätigkeiten, desto größer ist die individuelle 87 . Die Entäußerung ist dabei abhängig von der Art Entäußerung der allgemeinen Fähigkeiten
gesellschaftlicher, betrieblicher und geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung. Dementsprechend eingeschränkt ist die individuelle Aneignung gesellschaftlicher Gegenständlichkeit. Die somit nur begrenzt mögliche Äußerung individueller Potentiale birgt die Gefahr in sich, bei fortschreitender
84 Entfremdung kann sich aber auch in Bereichen wie Kunst, Wissenschaft oder Religion offenbaren; vgl. MEW 40, S. 537. Die Marxsche Entfremdungstheorie, die ihren Ursprung in der Kritik der Religion hat, kann allein deshalb nicht auf das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital reduziert werden; vgl., MEW 1, S. 379, 385; MEW 40, S. 512, 514, 518. Die so tätigen Individuen sind es eben auch nur in der Beschränkung, wobei die jeweiligen Arbeitsweisen bzw. Produktivkräfte über unterschiedliche Charaktere verfügen. Können z. B. Kunst und Wissenschaft Entfremdung sowohl im affirmativen als auch im negierenden Sinn thematisieren, ist Religion ausschließlich deren Produkte. 85 MEW 25, S. 799-800
86 Diese Produktivkräfte beinhalten nicht nur das die Gesellschaft dominierende Produktionsverhältnis, etwa Lohnarbeit und Kapital, sondern jede Form der Arbeit. D. h. im gesellschaftlichen Potential sind sozial entwickelte individuelle Fähigkeiten vergegenständlicht, die sich beispielsweise im medizinischen Wissen oder in der literarischen Produktion zeigen. Vgl. auch Horkheimer, Autorität, S. 171
87 Diese gesellschaftlich bestimmten individuellen Reduktionen können auf unterschiedliche Weise erfolgen (z. B. mittels Schulgeld oder frühzeitige Gewöhnung an reduzierte Tätigkeiten durch Lohnarbeit von Kindern). Horkheimer, Dialektik, S. 58, 59
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Arbeitsteilung zu einer relativen Verarmung der Individuen zu führen, die sich der Möglichkeit nach in zunehmender Bedürfnislosigkeit offenbart. Absolut sind diese Tendenzen nicht. Denn die Entfremdung des Individuums von sich, der Gesellschaft und der Natur kann sich dabei auf unterschiedliche Weise manifestieren 88 . Dies impliziert auch gegenläufige gesellschaftliche
Entwicklungen.
Entfremdete Arbeit hat in der Regel eine Mittelfunktion, die, indem sie der Existenzsicherung dient, gleichzeitig den sozialen Antagonismus, der sich in persönlichen oder sachlichen Abhängigkeitsverhältnissen darstellt, reproduziert. Individuelle Fähigkeiten sind im allgemeinen nur bedeutsam, insoweit sie ökonomische Qualität haben. Subjektiv können sich allerdings Differenzen ergeben. Es handelt sich dabei um die Frage der Wahrnehmung der individuellen Situation und der daraus resultierenden Reaktionen. Die individuellen Verhältnisse zur entfremdeten Arbeit können verschieden empfunden (Selbstentfremdung) und ausgedrückt werden (Entfremdung des Individuums von Gesellschaft und Natur), so daß die Trennung von gesellschaftlichem und individuellem Potential unter Umständen der Einheit des reduzierten Individuums mit der entfremdeten Existenz entspricht. Denn abhängig von der Entwicklung der Produktivkräfte und der jeweiligen Form der Arbeitsteilung, kann auch die Art der Selbstentfremdung variieren. „Jede Selbstentfremdung des Menschen von sich und der Natur erscheint in dem Verhältnis, welches er sich und der Natur zu andern, von ihm unterschiednen 89 . Die objektiv gegebene Trennung von gesellschaftlichem und individuellem Menschen gibt“
Potential, der die Entfremdungsformen immanent sind, muß also nicht mit der subjektiven Wahrnehmung dieser Verhältnisse übereinstimmen. Entfremdete Gesellschaften erlauben eine subjektive Bejahung der reduzierten individuellen Existenz in begrenztem Rahmen. Die Mittelfunktion entfremdeter Arbeit kann somit individuell durch eine Zweckfunktion ergänzt werden, sofern dies die betreffende Form der Arbeitsteilung und der notwendige -aufwand zulassen. Aber die Zweckfunktion kann unter entfremdeten Bedingungen keine allgemeine gesellschaftliche Bedeutung erlangen, weil die entsprechenden Strukturen nichtentfremdete Formen der Tätigkeit auf unterschiedliche Weise unterbinden.
88 So z. B. durch eine weitgehende Anpassung des Individuums an die Bedingungen des Arbeitsmarktes und ein affirmatives Verhältnis zur bürgerlichen Ökonomie (Trennung von Produkt und Produzierenden, Konkurrenz usw.). Andererseits offenbart auch entgegengesetztes Verhalten, nämlich die Flucht vor den realen Gegebenheiten der bürgerlichen Gesellschaft, ein formal nicht weniger entfremdetes Verhältnis zur Gesellschaft und zur Natur. Die Differenzen sind inhaltlicher Art und verweisen, sofern die individuelle Lebensperspektive im „Zurück zur Natur“ besteht, auf eine Idealisierung vergangener gesellschaftlicher Verhältnisse durch die einzelnen. D. h., weder eine ausschließlich affirmative noch eine ausschließlich negierende Position der Individuen zur bürgerlichen Gesellschaft trägt aktiv zur Veränderung sozialer Strukturen im Sinne der Entfremdungstheorie bei. 89 MEW 40, S. 519
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Schließlich muß noch die tendenziell bewußte Wahrnehmung der Trennung von gesellschaftlichem und individuellem Potential berücksichtigt werden. Sofern dieser Prozeß individuell vollzogen ist, sind wiederum verschiedene Reaktionen möglich. Die Wahrnehmung der Differenzen muß nicht zwangsläufig dazu führen, daß die Akzeptanz gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen sinkt 90 . Die Individuen können mit Anpassung reagieren, die Defizite ihrer Existenz mit jenseitigen Hoffnungen kompensieren und dergleichen mehr 91 . „Der
Einzelne kann zufällig mit ihnen (den objektiven gesellschaftlichen Bedingungen, A. B.) fertig werden; die Masse der von ihnen Beherrschten nicht, da ihr bloßes Bestehn die Unterordnung, 92 . D. h., die Bedingungen, die an die und die notwendige Unterordnung unter sie, ausdrückt“
Existenz sozialer Antagonismen gebunden sind, können von der Klasse, zu deren Lasten sie ausfallen, nicht durch ein Arrangement mit den gesellschaftlichen Gegensätzen aufgehoben werden. Die Bedingungen selbst, die zur defizitären Existenz gehören, müssen von der Klasse abgeschafft werden, und sind damit notwendiger Bestandteil ihrer Emanzipation.
Aber auch die Infragestellung der sozialen Bedingungen entwickelter entfremdeter Gesellschaften muß nicht automatisch progressiven Charakter haben, sondern kann sich ebenso mit dem Ziel der allgemeinen Negation des gesellschaftlichen Potentials verbinden, indem sich der soziale Protest z. B. darauf beschränkt, die Gesellschaft als allgemeinen Kapitalisten zu begreifen, und die menschliche Existenz mit der Existenz von Lohnarbeitern gleichzusetzen. Um also nicht Gefahr zu laufen, die Gesellschaft zu nivellieren, indem die Entwicklung reicher Individualität durch die Beibehaltung bürgerlicher Strukturen verhindert wird, müssen bürgerliche Strukturen im 93 . allgemeinen und Lohnarbeit und Kapital im besonderen aufgehoben werden
Die objektiv feststellbare Trennung von gesellschaftlichem und individuellem Potential ist subjektiv verschieden erfahrbar, so daß die Differenzen relativ sind; und zwar insofern sie die individuelle Entäußerung des gesellschaftlichen Potentials in der Qualität der Entfremdung der Individuen von der Gesellschaft in vielfältigen Ausdrücken und Reaktionen bewirken. Aber erst wenn die individuelle Wahrnehmung sozialer Bedingungen gesellschaftlich relevant und nicht mehr mit den Mitteln der Entfremdung kompensiert, die Trennung der Potentiale also
90
Horkheimer, Autorität, S. 148 sowie ebd., S. 142, 144, 145
91 Lüdtke, Alltagswirklichkeit, S. 340, verweist auf die Erinnerung an „bessere Zeiten“ als Infragestellung der Gegenwart durch Teile des Proletariats. 92 Grundrisse, S. 81
93 Vgl. dazu Marx´ Kritik an Proudhon, Weitling etc., MEW 40, S. 520-521, 534-536; Grundrisse, S. 54-55, 58, 216, 916; MEW 16, S. 131-132
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tatsächlich bewußt und somit vertieft wird 94 , ist die Möglichkeit einer Aufhebung dieser
Bedingungen realistisch; jedoch durch Subjekte, die eine Qualität der Entfremdung erleben, die gesellschaftliche Rückschritte nicht mehr als Alternative erscheinen läßt. D. h., daß die Individuen, die unter der quantitativ bedeutendsten Art der Entäußerung des gesellschaftlichen Potentials leiden, deswegen aber auch über das potentiell größte Fähigkeitsprofil und die reichste Bedürfnisstruktur verfügen könnten, sich dieses Potential mittels revolutionärer bzw. kommunistischer Aktionen erkämpfen müssen, um menschliche Lebensqualität zu entwickeln. Die bürgerliche Gesellschaft schafft die dazu notwendigen objektiven Voraussetzungen und das potentiell revolutionäre Subjekt.
1.2. Allgemeines zur entfremdeten Arbeit in der bürgerlichen Gesellschaft
Die bürgerliche Gesellschaft steht im Zentrum der Interessen Marx´, wobei das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital einen besonderen Schwerpunkt bildet, weil hier die produktiven Potentiale entstehen, die die Grundlage für eine mögliche Emanzipation von dieser Gesellschaftsformation darstellen. Die Untersuchung dieser Gesellschaftsformation und der sie charakterisierenden ökonomischen Beziehungen, hängt eng mit den politischen Zielen Marx´ zusammen. Eines dieser Ziele läßt sich mit dem Natur und Gesellschaft implizierenden Begriff der „reichen Individualität“ umschreiben. Diese Kategorie ist aufgrund ihrer Komplexität besonders gut geeignet, die konkreten Veränderungen, die sie voraussetzt, zusammenzufassen. Die bürgerliche Gesellschaft schafft die Grundlagen, die die Entwicklung reicher Individualität benötigt, indem sich Tätigkeiten, Fähigkeiten, Bedürfnisse und Genüsse zunehmend differenzieren. Die bürgerliche Gesellschaft ist aber selbst nicht geeignet, reiche Individualität zu verwirklichen, weil sich diese Differenzierungen im Rahmen sachlicher Verhältnisse, die mit dem Verkauf von Arbeitskraft einhergehen, entwickeln und somit von individuellen Potentialen abstrahieren. Um die Entwicklung reicher Individualität realisieren zu können, ist die Emanzipation von der bürgerlichen Gesellschaft erforderlich. Als Träger dieser emanzipatorischen Bestrebungen sieht Marx in erster Linie das Proletariat, das wegen seiner Arbeits- und Lebensbedingungen mit der 95 . Denn „aus dem Verhältnis der abstraktesten Form der Individualität konfrontiert wird
94 MEW 40, S. 553
95 Man darf bei diesem Problem nicht vergessen, daß es sich hier um Potentiale handelt. Wenn das Proletariat bei Marx einerseits als revolutionäres Subjekt auftritt, sieht er andererseits durchaus die Gefahr der Gewöhnung an bestimmte Existenzbedingungen seitens der Lohnarbeiterschaft; vgl. MEW 23, S. 765; Grundrisse, S. 366. Ferner gilt es zu berücksichtigen, daß der Begriff des Proletariats nicht identisch ist mit dem Klischee verarmter, leidender und zum Objekt des Kapitals degradierter Fabrikarbeiter, sondern allgemein jene bezeichnen kann, die ihre Arbeitskraft zwecks Existenzsicherung verkaufen müssen. Dabei kann die subjektive Einschätzung bestimmter Milieus von der objektiven Klassenzugehörigkeit abweichen.
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entfremdeten Arbeit zum Privateigentum folgt ferner, daß die Emanzipation der Gesellschaft vom Privateigentum etc., von der Knechtschaft, in der politischen Form der Arbeiteremanzipation sich ausspricht,...weil in ihrer Emanzipation die allgemein menschliche enthalten ist, diese ist aber darin enthalten, weil die ganze menschliche Knechtschaft in dem Verhältnis des Arbeiters zur Produktion involviert ist und alle Knechtschaftsverhältnisse nur 96 . Mit der Entstehung der Modifikationen und Konsequenzen dieses Verhältnisses sind“
bürgerlichen Gesellschaft entwickeln sich Lohnarbeit und Kapital 97 , die ihrerseits den Charakter
der Gesellschaft beeinflussen, weil die sie kennzeichnenden sachlichen Bedingungen in modifizierter Form alle sozialen Verhältnisse betreffen 98 .
Mit der fortschreitenden Auflösung persönlicher Abhängigkeitsverhältnisse ist die Möglichkeit gegeben, diese mehr und mehr durch sachliche Beziehungen zu ersetzen. Diese sachlichen 99 . Damit Beziehungen verwirklichen sich in der Regel mit dem Kauf und Verkauf von Arbeitskraft wird Arbeitskraft zur Ware degradiert, aber auch von persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen befreit. Von individuellen Komponenten der Produktivkraft wird weitgehend abstrahiert. Statt dessen ergibt sich der „...Zwang für das Individuum, daß sein unmittelbares Produkt kein Produkt für es ist, sondern ein solches erst wird im gesellschaftlichen Prozeß...; daß das Individuum nur noch als Tauschwert Produzierendes Existenz hat, also schon die ganze 100 . Negation seiner natürlichen Existenz eingeschlossen ist...“
Mit dem Verkauf von Arbeitskraft wird die Entäußerung individueller Produktivkräfte zur 101 . Die „individuellen“ Produktivkräfte werden zu herrschenden Form der Aneignung
spezialisierten Fähigkeiten. Ihr gesellschaftlicher Ausdruck, der sich im allgemeinen Potential 102 . Aber als individuelle Möglichkeiten, tätig zu sein, offenbart, ist durchaus reich bzw. vielfältig
repräsentieren sie besondere, den reduzierten Arbeiten entsprechende Formen der Verarmung, weil
96 MEW 40, S. 521
97 MEW 40, S. 520
98 Bei der Entstehung des bürgerlichen Frauenbildes ist dies noch nachzuweisen.
99 Dabei kann es sich um einfache Arbeitskraft, juristisches Fachwissen und dergleichen mehr handeln; vgl. auch MEW 4, S. 465
100 Grundrisse, S. 159; unter natürlicher Existenz ist hier die Möglichkeit der gesellschaftlich bestimmten Entwicklung reicher Individualität zu verstehen; Lüdtke, Alltagswirklichkeit, S. 319, bemerkt dazu: „Die Bestimmung über die Produkte wie die Verfügung über die eigene Arbeitskraft unterliegen den Zwängen von Märkten...Zumindest grundsätzlich haben die unmittelbaren Produzenten keine Chance für autonome Verfügung über sich selbst.“ 101 MEW 13, S. 44; Grundrisse, S. 763
102 Grundrisse, S. 544
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sich die „Unterjochung der Individualität“ 103 mit dem Verkauf der Arbeitskraft zwar nicht erst
ergibt, aber verstärkt.
Durch die Konkurrenz, die mit diesen Prozessen verbunden ist, wird der Verkauf der Arbeitskraft zu etwas Zufälligem. Die bürgerliche Gesellschaft zeichnet sich also nicht nur dadurch aus, daß sie Individuum und individuelles Potential (gleichmacherisch) an der Entstehung behindert, sondern sie abstrahiert auch von natürlichen und gesellschaftlich entwickelten Bedürfnissen der Subjekte, weil es vom Verkauf der Arbeitskraft abhängt, ob diese in Form von Lohn, Gehalt etc. vermittelt und 104 . befriedigt werden können
Im Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital wird eine weitgehende Abstraktion von der Individualität sichtbar. Es ist aber kein exklusives Problem dieser Beziehung. Denn nicht nur die Herstellung von Tauschwerten, sondern auch die Produktion von Gebrauchswerten kann einen 105 . Maßgeblich dafür ist das grundsätzlich variable subjektiventfremdeten Charakter aufweisen
Verhältnis zur jeweiligen Tätigkeit 106 . Insofern ist es von sekundärer Bedeutung, ob abhängig oder
selbständig gearbeitet wird; ob es sich um die Produktion von Tausch- oder Gebrauchswerten handelt. Jede Arbeit, die von der Freiwilligkeit des Individuums absieht, kann als entfremdet empfunden werden, und als solche eine Abstraktion von der Individualität sein 107 . „Ihre Fremdheit
tritt darin rein hervor, daß, sobald kein physischer oder sonstiger Zwang existiert, die Arbeit als eine Pest geflohen wird. Die äußerliche Arbeit, die Arbeit, in welcher sich der Mensch entäußert, 108 . Subjektiv kann jede Form der Arbeit als ist eine Arbeit der Selbstaufopferung, der Kasteiung“
Opfer wahrgenommen werden. Der Unterschied liegt jedoch in den Resultaten produktiver 109 Prozesse. Ist das Ergebnis Gebrauchswert, verfügt es noch über gewisse konsumtive Qualitäten für das Individuum, während beim Tauschwert ausschließlich die Quantität zählt.
103 Grundrisse, S. 545 sowie ebd., S. 387; diese Unterjochung der Individualität vollzieht sich selbstverständlich auch schon vor dem Verkauf der Arbeitskraft (z. B. in der Schule, durch Erziehung usw.) 104 Grundrisse, S. 68
105 Zum Tausch- und Gebrauchswert vgl. MEW 13, S. 15-17
106 Ist z. B. eine Frau im deutschen Kaiserreich privilegiert genug, um sich mit Medizin beschäftigen zu können, hat dieses Interesse zunächst Gebrauchswert bzw. individuelle Qualität. Werden Frauen zum Medizinstudium zugelassen, entsteht für sie die Möglichkeit, daß medizinisches Wissen zum Tauschwert wird. Das muß die individuelle Qualität keineswegs mindern. Aber sobald bestimmte Fähigkeiten in einer Konkurrenzsituation zum Verkauf angeboten werden, um damit die Existenz zu sichern, ist die Gefahr gegeben, daß die Qualität der Tätigkeit sekundär wird.
107 Vergleicht man beispielsweise unterschiedliche Arbeiten, etwa Lohn- und Hausarbeit, ist eine Tätigkeit nicht entfremdeter als die andere, denn die aus der Arbeit hervorgehenden Verhältnisse der Individuen zu Gesellschaft und Natur sind immer qualitativer Art. Lohnarbeit mag monotoner erscheinen als Hausarbeit. Das bedeutet aber nicht, lohnabhängig Beschäftigte könnten „entfremdeter“ reagieren als die auf Haushalt und Erziehung reduzierten Kleinbürgerinnen. Vielmehr können die aus dem Verhältnis zur Arbeit hervorgehenden Reaktionen ebenso vielfältig sein, wie die so tätigen Personen. 108 MEW 40, S. 514
109 Hierbei muß allerdings die Qualität der verfügbaren gesellschaftlichen und natürlichen Gegenständlichkeit berücksichtigt werden. Nimmt man beispielsweise den reproduktiven Bereich, etwa Ernährung, ist zu beachten, welche
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Beruhen nun die unterschiedlichen Tätigkeiten ohnehin weitgehend auf Zufall, sind sie ebenso zufällig gleichzeitig individuelles Bedürfnis. Um so wichtiger ist deshalb die (Gesamt-) Arbeitszeit, die der entfremdeten Arbeit gewidmet werden muß. Wenn sowohl die Produktion von Tausch- als auch von Gebrauchswerten für die Individuen qualitätslos sein kann, stellt sich die Frage, wieviel Zeit für diese Tätigkeiten aufgewendet werden muß.
Ist es gesellschaftlich, d. h. im Hinblick auf eine mögliche Emanzipation, von großer Bedeutung, in welchem Verhältnis notwendige und Mehrarbeit 110 zueinander stehen, geht es individuell in
erster Linie um die Gesamtarbeitszeit. Für die mit Haushalt, Kindern und Lohnarbeit belastete Proletarierin ist die Zusammensetzung ihrer Arbeit zunächst ebenso gleichgültig wie für die Kleinbürgerin, die neben ihrer sonstigen Arbeit auch noch mit „schicklichen“ Tätigkeiten wie 111 . Wesentlich ist für Stricken und Nähen sowohl Gebrauchs- als auch Tauschwerte produziert
beide die Gesamtarbeitszeit, deren Höhe entscheidend für die Möglichkeit ist, weniger qualitätlose Aktivitäten entfalten zu können. Je geringer die Gesamtarbeitszeit, desto größer ist die Chance, derartige Tätigkeiten hervorzubringen; d. h. der Arbeit selbst Gebrauchswert zu geben. Diese Entwicklungen schaffen zwar noch nicht die reiche Individualität, aber sie stellen die Basis dar, die ihre Bildung voraussetzt. Wichtig ist jedoch erst einmal die Feststellung, daß solche Entwicklungen in der bürgerlichen Gesellschaft möglich sind.
Doch zunächst muß untersucht werden, welche sozialen und ökonomischen Faktoren maßgeblich sind, um von der Individualität abstrahieren zu können.
Die Abstraktion von der Individualität drückt sich in der bürgerlichen Gesellschaft in der Produktion von Tauschwerten aus. Dies setzt voraus, daß Arbeitskraft selbst über Tauschwert 112 . Es geht darum, bestimmte, zum Austausch geeignete Gebrauchswerte zu erzeugen, die verfügt
für das produzierende Individuum aber gerade wegen ihrer Austauschbarkeit keine bzw. allenfalls zufällig Qualität haben. So ist im Tauschwert „...die Individualität der Arbeitenden 113 . Dies betrifft das Produkt ebenso wie den produktiven Prozeß. Die Produktion ist ausgelöscht...“
nicht Zweck eines gesellschaftlich geprägten individuellen Lebens, sondern Mittel der individuellen Existenzsicherung 114 . Dabei geht Marx davon aus, „...daß die Ware als elementarische Grundform
Vielfalt gegeben ist; d. h. , wie dieser Bereich von den Individuen gestaltet werden kann, wobei nicht vergessen werden darf, daß das allgemeine Äquivalent, auf das sie in Form von Lohn, Gehalt usw. zurückgreifen können, Einfluß auf Quantität und Qualität dessen hat. Vgl. auch, MEW 13, S. 624; MEW 40, S. 548
110 Zur Mehrarbeit vgl. MEW 23, S. 534-535, wo Marx darauf hinweist, daß diese in den unterschiedlichsten Produktionsverhältnissen gegeben sein kann. 111 Auf die Bedeutung dessen wird noch eingegangen.
112 Hier kann es sich wiederum um unterschiedlichste Potentiale handeln; sei es theoretisches oder eher praxisbezogenes Fachwissen
113 MEW 13, S. 17; Seidel/Ulmann, S. 97; Lefebvre, S. 130; Meszaros, S. 180
114 Grundrisse, S. 111
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des Reichtums und die Entäußerung als die herrschende Form der Aneignung nur der bürgerlichen Produktionsperiode angehören, also der Charakter der Tauschwert setzenden 115 . D. h., die Waren sind nicht nur Resultate eines Prozesses, der Arbeit spezifisch bürgerlich ist“
dazu dient, die Existenz zu erhalten. Vielmehr wird mit der Erzeugung von Tauschwerten Zeit okkupiert, die eigentlich genutzt werden könnte, um reiche Individualität zu entwickeln. Statt dessen entäußern sich die lohnabhängig Beschäftigten, indem sie ihrem „persönlichen“ Tauschwert, also Arbeitskraft, in Waren objektivieren. Deren Produktion erfordert jedoch Mehrarbeit, die vom Kapital angeeignet und verwertet wird. 116 der Arbeit Die Besonderheit dieses Verhältnisses, das Marx auch als „letzte Knechtsgestalt“ bezeichnet, besteht darin, „...daß diese ganze Entwicklung gegensätzlich vor sich geht und das Herausarbeiten der Produktivkräfte, des allgemeinen Reichtums etc., Wissens etc. so erscheint, daß das arbeitende Individuum selbst sich entäußert; zu den aus ihm herausgearbeiteten nicht als den Bedingungen seines eignen, sondern fremden Reichtums und seiner eignen Armut sich verhält. Diese gegensätzliche Form selbst aber ist verschwindend und produziert die realen 117 Bedingungen ihrer eignen Aufhebung“ .
Die Möglichkeit der Emanzipation ist ebenso spezifisch bürgerlich wie das sachliche Verhältnisse von Lohnarbeit und Kapital. Und der Begriff „Sachlichkeit“, der z. B. Kategorien wie Konkurrenz, Entäußerung und Arbeitskraft in ihrer bürgerlichen Form impliziert, bildet die Grundlage zur Untersuchung der gesamten bürgerlichen Gesellschaft, weil die in ihm enthaltenen Kategorien geeignet sind, alle sozialen Beziehungen mit den entsprechenden Modifikationen analysieren zu können.
115 MEW 13, S. 44; Grundrisse, S. 763
116 Grundrisse, S. 635 sowie ebd., S. 80; MEW 40, S. 538 (Anmerkung)
117 Grundrisse, S. 440
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2. Besonderes zur entfremdeten Arbeit
2.1. Lohnarbeit und Kapital
Wie bereits angedeutet, kommt es im Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital zu einer weitgehenden Abstraktion von der Individualität. Maßgeblich dafür ist die - im Gegensatz etwa zu Leibeignen und Grundherrn - formal freie Beziehung beider, wodurch sich diese Abstraktion nicht auf einer persönlichen, sondern auf einer sachlichen Ebene vollzieht. Sie realisiert sich mit dem Kauf bzw. Verkauf von Arbeitskraft. Es entwickeln sich daraus spezifische Formen der Entäußerung bzw. der Abstraktion von der Individualität, die nur in der bürgerlichen Gesellschaft gegeben sind. „Die Bedingung ist, daß der Arbeiter erstens als freier Eigentümer über sein Arbeitsvermögen disponiert, sich zu ihm als Ware verhält; dazu muß er freier Eigentümer desselben sein. Zweitens aber, daß er seine Arbeit nicht mehr in der Form einer anderen Ware, vergegenständlichter Arbeit auszutauschen hat, sondern die einzige Ware, die er...zu verkaufen hat, eben sein lebendiges, in seiner Leiblichkeit vorhandenes Arbeitsvermögen ist, die Bedingung der Vergegenständlichung seiner Arbeit, die gegenständlichen Bedingungen seiner Arbeit also 118 . als fremdes Eigentum...jenseits seiner selbst befindlichen Waren existieren“ Diesem Akt sind historische Prozesse vorausgesetzt, die zur Trennung von Produzent und 119 . Mit dem Kauf bzw. Verkauf von Arbeitskraft wird diese Trennung Produktionsmitteln führen
der bürgerlichen Produktionsweise entsprechend aufgehoben. Als „Gebrauchswert für das Kapital ist die Arbeit bloßer Tauschwert für den Arbeiter...Als solcher wird sie gesetzt im Akt des Austausches mit dem Kapital, durch ihren Verkauf für Geld. Der Gebrauchswert einer Sache 120 . geht ihren Verkäufer als solchen nichts an, nur ihren Käufer“
Der Zweck dieses Austausches besteht für die Verkäufer der Arbeitskraft darin, ihre Existenz zu sichern, während die Käufer daran interessiert sind, mit Hilfe fremder Arbeit Mehrwert zu erzeugen 121 . Aus diesem Austausch ergibt sich die Reproduktion von und Kapital zu akkumulieren
118 Grundrisse, S. 945 sowie ebd., S. 707; MEW 23, S. 183; MEW 16, S. 146, 147
119 Eine detaillierte Berücksichtigung dieser historischen Entwicklungen ist hier nicht möglich.
120 Grundrisse, S. 213 sowie ebd., S. 270, 944; MEW 23, S. 352; Schaff, S. 85
121 Grundrisse, S. 368-369; MEW 16, S. 144; MEW 23, S. 609; in diesem Zusammenhang muß darauf hingewiesen werden, daß Marx in den Grundrissen allen Ernstes vom Kapital als „Arbeitgeber“ spricht - vgl. ebd., S. 187, 199, 235, und somit das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital verkehrt, indem er die Verkäufer der Arbeitskraft nicht mehr als gebend und ihre Käufer nicht mehr als nehmend wahrnimmt. Allerdings korrigiert sich Marx, Grundrisse, S. 255 (Anmerkung), und schreibt später: „Es ist au fond falsch zu sagen, daß die lebendige Arbeit das Kapital konsumiert, das Kapital (die vergegenständlichte Arbeit) konsumiert die lebendige im Produktionsprozeß.“ Vgl. weiter MEW 23, S. 34
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Lohnarbeit und Kapital, denn „der kapitalistische Produktionsprozeß...reproduziert das Kapitalverhältnis selbst, auf der einen Seite den Kapitalisten, auf der andren den Lohnarbeiter“ 122 .
Diese Form, in der sich das kapitalistische Produktionsverhältnis realisiert, ist mit unterschiedlichen, sich verändernden Inhalten und Konsequenzen verbunden. Zunächst steht hinter der formal freien Beziehung ökonomischer Zwang; und zwar für Lohnarbeit und Kapital. Dieser Zwang ist identisch mit dem Zweck des Kaufs und Verkaufs der Arbeitskraft, d. h. der Existenzsicherung von Lohnarbeit und Kapital. In diesem Verhältnis begegnen sich „...die von 123 , also das einem bestimmten Teil der Gesellschaft monopolisierten Produktionsmittel...“ konstante Kapital, und die eigentumslosen, Arbeitskraft verkaufenden Individuen, die das variable Kapital bilden. Die Zeit, in der diese beiden Elemente produzieren, besteht aus notwendiger und Mehrarbeit. Notwendige Arbeit ist der Bestandteil des Arbeitstages, der erforderlich ist, um den zur Reproduktion der Arbeitskraft nötigen Gegenwert zu erzeugen. Der für die notwendige Arbeit gezahlte Lohn dient der Erhaltung des variablen Kapitals. „Das Arbeitsvermögen hat sich nur angeeignet die subjektiven Bedingungen der notwendigen Arbeit - die Lebensmittel für das produzierende Arbeitsvermögen...und es hat diese Bedingungen selbst gesetzt als Sachen, Werte, 124 . Mehrarbeit, aus der die in fremder gebietender Personifikation ihm gegenübertreten“
Mehrwert und Profit resultieren, ist maßgeblich für das Fortbestehen und die Akkumulation des 125 . Kapitals
Da nur ein Teil des Arbeitstages bezahlt wird, ist „das Kapital...also nicht nur Kommando über 126 . Je größer der Anteil der Arbeit...Es ist wesentlich Kommando über unbezahlte Arbeit“
Mehrarbeit an der Gesamtarbeitszeit, desto höher ist der Exploitationsgrad der Arbeitskräfte durch das Kapital 127 . Dieses „...vermindert die Arbeitszeit daher in der Form der notwendigen, um sie
zu vermehren in der Form der überflüssigen; setzt daher die überflüssige in wachsendem Maß
122 MEW 23, S. 604 sowie ebd., S. 596; MEW 16, S. 133-134; Grundrisse, S. 361-362, 365-366
123 MEW 25, S. 823
124 Grundrisse, S. 356
125 Vgl. dazu auch MEW 16, S. 134, wo Marx darauf hinweist, daß der gesamte Arbeitstag als bezahlt erscheint.
126 MEW 23, S. 556 sowie ebd., S. 395; Grundrisse, S. 357, 621
127 In „Lohn, Preis, Profit“ schreibt Marx: „Je erfolgreicher das Kapital in der Verlängerung des Arbeitstages ist, desto größer ist die Menge fremder Arbeit, die es sich aneignen wird.“ Vgl. MEW 16, S. 143. Dazu ist zu bemerken, daß diese Verlängerung einerseits durch eine Erhöhung der Gesamtarbeitszeit bewirkt werden kann (Produktion des absoluten Mehrwerts); andererseits durch Veränderungen im Verhältnis von notwendiger und Mehrarbeit zugunsten letztere bei gleichbleibender Gesamtarbeitszeit (Produktion des relativen Mehrwerts); vgl. MEW 23, S. 334, 532, 533 sowie MEW 40, S. 487, wo Marx noch die Auffassung vertritt: „Je größer der menschliche Anteil an einer Ware, um so größer der Gewinn des toten Kapitals. “
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als Bedingung - question de vie et de mort - für die notwendige“ 128 Arbeit. Die Verringerung der
notwendigen Arbeit bei unveränderter Gesamtarbeitszeit erfolgt durch die Entwicklung des konstanten Kapitals, das damit der Steigerung der Produktivität dient. „Das Kapital wendet die Maschine...an, soweit sie den Arbeiter befähigt einen größren Teil seiner Zeit für das Kapital zu arbeiten...Durch diesen Prozeß wird in der Tat das Quantum zur Produktion eines gewissen Gegenstandes nötige Arbeit auf ein Minimum reduziert, aber nur damit ein Maximum von Arbeit in dem Maximum solcher Gegenstände verwertet werde. Die erste Seite ist wichtig, weil das Kapital...die menschliche Arbeit auf ein Minimum reduziert, die Kraftausgabe. Dies wird der 129 . emanzipierten Arbeit zugute kommen und ist die Bedingung ihrer Emanzipation“ Es handelt sich aber auch um ein Verhältnis, in welchem die Arbeitskraft zur Ware und die abhängig Beschäftigten zur Maschine degradiert werden 130 . Diesbezüglich spricht Marx 1844, also
zu einem Zeitpunkt, wo er noch nicht explizit zwischen notwendiger und Mehrarbeit differenziert, 131 . Das ändert sich in den folgenden Jahren durch die von Lohnarbeit generell als Zwangsarbeit
verstärkte Beschäftigung mit ökonomischen Themen, in deren Verlauf Marx den Zwang nur noch 132 . Man kann dies aber nicht als wohlwollendere auf die zu leistende Mehrarbeit bezieht
Betrachtung des kapitalistischen Produktionsverhältnisses interpretieren, sondern muß einerseits berücksichtigen, daß notwendige Arbeit unabhängig von der Gesellschaftsformation zu leisten ist; und andererseits die Reduktion notwendiger Arbeit unter bürgerlichen Bedingungen einhergeht mit der Ausdehnung der Mehrarbeit. Somit variiert auch die Bedeutung des Zwangs; und zwar in quantitativer und in qualitativer Hinsicht, weil mit der für die Mehrarbeit verausgabten Zeit den betroffenen Individuen auch die Chance genommen wird, individuelle Potentiale zu entfalten, denn das Kapital „...usurpiert die Zeit für Wachstum, Entwicklung und gesunde Erhaltung des 133 . Der Zwang beginnt dort, wo die notwendige Arbeit endet. Er ist identisch mit der Körpers“
ausgebeuteten Mehrarbeit. Seine Grenzen sind dehnbar.
Mit der Entstehung und Entwicklung von Lohnarbeit und Kapital kommt es zu Prozessen, die einen spezifisch bürgerlichen Charakter tragen. „Ihrer widersprechenden, gegensätzlichen Natur nach geht die kapitalistische Produktionsweise dazu fort, die Verschwendung am Leben und der
128 Grundrisse, S. 593
129 Grundrisse, S. 589
130 MEW 4, S. 468-469; MEW 40, S. 474; im dritten Band des „Kapital“ bezeichnet Marx die Lohnarbeitenden auch als Arbeitsvieh und Lohnsklaven, vgl. MEW 25, S. 97, 609 131 MEW 40, S. 514
132 Grundrisse, S. 230, 374; MEW 23, S. 328, 538; MEW 25, S. 827
133 MEW 23, S. 280
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Gesundheit des Arbeiters, die Herabdrückung seiner Existenzbedingungen selbst zur Ökonomie in der Anwendung des konstanten Kapitals zu zählen und damit zu Mitteln zur Erhöhung der Profitrate. Da der Arbeiter den größten Teil seines Lebens im Produktionsprozeß zubringt, so sind die Bedingungen des Produktionsprozesses zum großen Teil Bedingungen seines aktiven 134 . Das Ausmaß an Zeit, in dem Lohnarbeit leistende Individuen Lebensprozesses...“
kapitalistischen Produktionsprozessen unterworfen sind, ist wesentlich für die Qualität ihrer Entäußerung 135 . Denn „ein Mensch, der nicht über freie Zeit verfügt, dessen ganze
Lebenszeit...von seiner Arbeit für den Kapitalisten verschlungen wird, ist weniger als ein Lasttier. Er ist eine bloße Maschine zur Produktion von fremdem Reichtum, körperlich gebrochen und 136 . Es geht beim Problem der Entäußerung aber nicht darum, daß diese geistig verroht“
„Verrohung“ möglichst elende Lebens- und Arbeitsbedingungen voraussetzt, zumal diese von den betroffenen Subjekten - etwa durch gewerkschaftliche Organisation - beeinflußt werden können, sondern um bestimmte Formen der Arbeitsteilung, die die individuelle Entäußerung gesellschaftlich entwickelter Tätigkeiten, Fähigkeiten, Bedürfnisse und Genüsse begünstigen. 137 „...Teilung der Arbeit die produktive Kraft 1844 konstatiert Marx, daß die gesellschaftliche
der Arbeit, den Reichtum und die Verfeinerung der Gesellschaft erhöht...“ 138 . Diese Ansicht wird
im „Kapital“ durch die Auffassung ergänzt, daß „eine gewisse geistige und körperliche Verkrüppelung...unzertrennlich selbst von der Teilung der Arbeit im ganzen und großen der 139 abhängig ist. Die scheinbar widersprüchlichen Meinungen Marx´ gehören Gesellschaft“
zusammen und weisen auf die ambivalente Entwicklung gesellschaftlicher Arbeitsteilung hin. Diese Widersprüchlichkeit wird einerseits manifest im zunehmenden gesellschaftlichen Reichtum, andererseits in der damit einhergehenden individuellen Verarmung. Denn wegen der sich immer mehr differenzierenden Tätigkeiten, Fähigkeiten, Bedürfnisse und Genüsse, wird eine individuelle
134 MEW 25, S. 96 sowie ebd., S. 93, 97, 99; MEW 23, S. 281, 285, 449 und ebd., S. 287, wo Marx schreibt: „Was heute, z. B. im Staate Massachusetts...als Staatsschranke der Arbeit von Kindern unter 12 Jahren proklamiert ist, war in England noch Mitte des 17. Jahrhunderts der normale Arbeitstag vollblütiger Handwerker, robuster Ackerknechte und riesenhafter Grobschmiede.“
135 Der Zeitaufwand ist einer der wichtigsten Faktoren, der Lohnarbeit von anderen Formen entfremdeter Arbeit vergangener Perioden unterscheidet. So weist Ditt, S. 65, darauf hin, daß „...es im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu einer bislang ungekannten Ausdehnung des Arbeitsjahres“ kommt. 136 MEW 16, S. 144
137 Zu diesem Zeitpunkt unterscheidet Marx noch nicht explizit zwischen gesellschaftlicher und betrieblicher Arbeitsteilung.
138 MEW 40, S. 476
139 MEW 23, S. 384 sowie ebd., S. 536-537, wo Marx darauf hinweist, daß die gesellschaftliche Teilung der Arbeit eben auch dazu führt, daß Fähigkeiten, Bedürfnisse usw. vielfältiger, d. h. reicher werden. Meszaros, S. 181
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Aneignung des gesellschaftlichen Potentials unter bürgerlichen Bedingungen schwieriger 140 . Der
gesellschaftliche Reichtum bleibt für die Individuen zumindest tendenziell abstrakt. Aber diese Entwicklung bietet eben auch die Chance, unter anderen sozialen Verhältnissen reiche 141 , Individualität, die grundsätzlich Verschiedenheit, Bedürftigkeit, Reichtum und Armut, impliziert zu bilden. Die Entstehung abstrakten Reichtums, der letztendlich seinen Ausdruck im Geld als allgemeinem Äquivalent der bürgerlichen Gesellschaft erhält, ist somit Bedingung für die Entwicklung reicher Individualität.
Anders verhält es sich mit der betrieblichen Teilung der Arbeit, die Marx durchgehend als Degradation des Individuums beurteilt. „Die Teilung der Arbeit vereinseitigt diese Arbeitskraft zum ganz partikularisierten Geschick, ein Teilwerkzeug zu führen. Sobald die Führung des Werkzeugs der Maschine anheimfällt, erlischt mit dem Gebrauchswert der Tauschwert der 142 . Jedoch verfügt auch diese Entwicklung über ein potentiell revolutionäres Arbeitskraft“
Element, weil die Maschinerie, die menschliche Arbeit ersetzt, auch Zeit freisetzt. Aber „während die Maschinenarbeit das Nervensystem aufs äußerste angreift, unterdrückt sie das vielseitige Spiel der Muskeln und konfisziert alle freie körperliche und geistige Tätigkeit. Selbst die Erleichterung der Arbeit wird zum Mittel der Tortur, indem die Maschine nicht den Arbeiter von 143 . der Arbeit befreit, sondern seine Arbeit vom Inhalt“
Das Verhältnis von notwendiger und Mehrarbeit ist unter bürgerlichen Bedingungen widersprüchlich. Denn „es ist ebensosehr Tendenz des Kapitals menschliche Arbeit überflüssig zu machen (relativ), als menschliche Arbeit ins Maßlose zu treiben...Arbeit überhaupt ist und bleibt 144 aber die Voraussetzung, und die Surplusarbeit existiert nur im Verhältnis zur notwendigen...“ Arbeit. Das konstante Kapital wird nicht entwickelt, „...um fehlende Arbeitskraft zu ersetzen, 145 . Wenn dadurch der sondern um massenhaft vorhandne auf ihr nötiges Maß zu reduzieren“
Tauschwert der Arbeitskraft sinkt, ihre Quantität also an Bedeutung verliert, heißt dies nicht automatisch, daß sie dadurch Gebrauchswert bzw. Qualität erhält. Denn zur Verwirklichung qualitativer Tätigkeiten gehören materielle Grundlagen, die zunächst erobert werden müssen; und damit revolutionäre Prozesse und Aktionen erfordern. Dies ist im Gegensatz zu vorangegangenen Perioden in der bürgerlichen Gesellschaft keine Utopie mehr, sondern könnte aufgrund der von
140 Ob dafür Zeit-, Geldmangel oder „Tugenden“ wie Fleiß und Sparsamkeit maßgeblich sind, ist zunächst von sekundärer Bedeutung. Eine ausführliche Behandlung dieses Problems erfolgt noch. 141 Vgl. den Abschnitt 1.3. Nichtentfremdete Arbeit.
142 MEW 23, S. 454; MEW 40, S. 476
143 MEW 23, S. 445-446 sowie ebd., S. 381, 382, 383; MEW 16, S. 144; Grundrisse, S. 375
144 Grundrisse, S. 303
145 Grundrisse, S. 589
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Lohnarbeit und Kapital geschaffenen objektiven Bedingungen Realität werden, sofern gesellschaftlich die Möglichkeit gegeben ist, daß sich ein revolutionäres Subjekt konstituiert 146 .
147 , befindet sich das Kapital Da Mehrwert nur von der lebendigen Arbeit geschaffen werden kann
in der Situation, notwendige Arbeit reduzieren zu müssen, um die Mehrwertproduktion zu steigern. Es kann sich aber nicht von der ohnehin vorhandenen notwendigen Arbeit emanzipieren, eben weil es, um seine Existenz zu sichern, Mehrwert produzieren muß. „Im Fortschritt der Industrie hält daher die Nachfrage nach Arbeit nicht Schritt mit der Akkumulation des Kapitals. Sie wird zwar noch wachsen, aber in ständig abnehmender Proportion, verglichen mit der Vergrößerung des 148 . Kapitals“
Aus dieser Widersprüchlichkeit heraus kommt es zu Entwicklungen, die einerseits über ein revolutionäres Element verfügen, und somit zu einer Emanzipation der Gesellschaft von Lohnarbeit und Kapital führen könnten; andererseits zu Tendenzen, die dieser Emanzipation entgegenwirken. Die zunehmende Rationalisierung, die sich mit der Entwicklung von Lohnarbeit und Kapital ergibt, würde unter anderen sozialen Umständen Zeit freisetzen, die der Entfaltung reicher Individualität dienen, und ihrerseits auf notwendige Produktionsprozesse zurückwirken könnte. Doch unter bürgerlichen Bedingungen kann dieses Potential nicht ausgeschöpft werden, weil die zur Lohnarbeit degradierte notwendige Arbeit zugunsten des Kapitals funktionalisiert wird. Dabei ist es von sekundärer Bedeutung, wie sich die Lebensbedingungen des Proletariats gestalten, denn „die mehr oder minder günstigen Umstände, worin sich die Lohnarbeiter erhalten und 149 , weil vermehren, ändern jedoch nichts am Grundcharakter der kapitalistischen Produktion“ die Existenz des Proletariats an die Existenz des Kapitals gebunden ist. Und solange dieses Verhältnis nicht in Frage gestellt wird, wird es reproduziert. „Alle...Vermehrung der gesellschaftlichen Produktivkräfte...bereichert nicht den Arbeiter, sondern das Kapital; vergrößern also nur wieder die die Arbeit beherrschende Macht; vermehren nur die 150 . Denn „...alle Mittel zur Entwicklung der Produktion schlagen Produktivkraft des Kapitals“
um in Beherrschungs- und Exploitationsmittel des Produzenten, verstümmeln den Arbeiter in einen Teilmenschen,...schleudern sein Weib und Kind unter das Juggernaut-Rad des Kapitals. Aber alle Methoden zur Produktion des Mehrwerts sind zugleich Methoden der
146 Die Möglichkeiten der Emanzipation werden später eingehend untersucht.
147 Vgl. MEW 13, S. 23, wo Marx bemerkt, wenn Brot „...fertig vom Himmel fiele, würde es kein Atom seines Gebrauchswerts verlieren.“ Es könnte aber nicht mehr Träger des Tauschwerts sein. 148 MEW 16, S. 151
149 MEW 23, S. 641
150 Grundrisse, S. 215 sowie ebd., S. 214, 365, 366; MEW 40, S. 519; MEW 23, S. 619; MEW 25, S. 95-96, 274
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Dr. Antje Nicolaides, 2000, Der Entfremdungsbegriff in der Marxschen Theorie und sein Bezug auf kleinbürgerliche und proletarische Frauenbewegungen um 1900, München, GRIN Verlag GmbH
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