Inhaltsverzeichnis
Einleitung 5
A Musik in der Wirkungsforschung - Einfluss von Musizieren
auf die kindliche Entwicklung 7
1 Langzeitstudie: Musik(erziehung) und ihre Wirkung - ein Überblick. 7
2 Ergebnisse der Basisdiagnostik. 8
2.1 Statistische Zahlen 9
2.2 Musik und Musizieren der Kinder im Urteil ihrer Eltern 12
2.3 Die Stichprobe im Lehrerurteil. 13
2.4 Ergebnisse erster Musikalitätstests: Musikalische Begabung Sechs- und
Siebenj ähriger 13
2.5 Zusammenhänge verschiedener Variablen. 17
2.6 Zusammenhang zwischen musikalischer Begabung und Intelligenz. 19
2.7 Kritik an den Ergebnissen 20
3 Ergebnisse der Studie 23
3.1 Einfluss von Musikerziehung auf die Intelligenz 23
3.1.1 Das Problem der Definition von „Intelligenz“ 23
3.1.2 Vergleich der Entwicklung von Modell- und Kontrollgruppe 24
3.1.3 Entwicklung von Kindern mit unterdurchschnittlichen IQ-Werten 25
(CFT-IQ 90) 25
3.1.4 Entwicklung von Kindern mit überdurchschnittlichen IQ-Werten 26
(CFT-IQ 110) 26
3.1.5 Zur Problematik der Intelligenzwertbestimmung 26
3.2 Einfluss von Musikerziehung auf die soziale Kompetenz 27
3.2.1 Gewalt versus soziale Kompetenz 27
3.2.2 Sympathie und Antipathie gegenüber Mitschülern 28
3.2.3 Soziale Reflexionsfähigkeit 30
3.2.4 Soziale, emotionale und leistungsmotivationale Integration 30
3.2.5 Soziales Verhalten im Urteil der Eltern und der Lehrer 31
3.2.6 Zur Problematik der Monokausalität. 31
3.3 Einfluss von Musikerziehung auf die Konzentration 32
3.4 Einfluss von Musikerziehung auf das Angsterleben 32
3.4.1 Ergebnisse der Schülertests: Selbsteinschätzung der Kinder 32
3.4.2 Einschätzung der Angst durch die Lehrer 34
3.4.3 Einschätzungen der Ängstlichkeit durch die Eltern 34
3.5 Einfluss von Musikerziehung auf schulische Leistungen. 35
3.6 Einfluss von Musikerziehung auf die Kreativität 36
3.6.1 Musikalische Kreativität. 36
3.6.2 Schöpferisches Denken 38
3.7 Einfluss von Musikerziehung auf die Musikalität 38
2
3.7.1 Reproduktionsleistungen in den Kategorien Singen, Rhythmus,
Metrum 39
3.7.2 Dimensionen der Singfähigkeit. 39
3.7.3 Wahrnehmungsleistung: sensorische Kompetenz 40
3.8 Zusammenfassung. 41
B Musik in der Pädagogik 43
1 Einführung. 43
2 Musik an Freien Waldorfschulen 43
2.1 Grundsätzliches zur Waldorfpädagogik. 44
2.2 Die Rolle der Musik in der Waldorfpädagogik 47
2.2.1 Grundzüge des Musikunterrichts. 47
2.2.2 Hauptunterricht. 48
2.2.3 Konstitutive Aspekte. 49
2.2.4 Fazit 53
3 Musik in der Pädagogik Maria Montessoris. 54
3.1 Entstehung der Montessoripädagogik 54
3.2 Grundsätzliches zur Montessoripädagogik. 55
3.3 Die Rolle der Musik in der Montessoripädagogik 56
3.3.1 Die Bedeutung der Musik für Maria Montessori 56
3.3.2 Die musikalische Erziehung 58
3.3.3 Bewegung und Musik. 59
3.3.4 Hören und Musik 61
3.3.5 Fazit 64
4 Übertragbarkeit auf Regelschulen. 64
C Musikerziehung in der Praxis - am Beispiel Fuldaer
Grundsch üler 67
1 Zur Motivation für die Befragung 67
2 Die Schulen 68
2.1 Adolf-von-Dalberg-Schule (DaS) 69
2.2 Domschule (DoS) 69
2.3 Grundschule Lehnerz (GSL) 70
2.4 Astrid-Lindgren-Schule (ALS) 70
2.5 Marquardschule (MS) 71
3 Die Stichprobe im Überblick 71
4 Ergebnisse. 72
4.1 Wissenstand der Eltern über Angebote zur musikalischen Förderung in
Fulda 72
4.2 Musizierverhalten in Abhängigkeit vom Geschlecht 74
4.3 Musizierverhalten in Abhängigkeit von Geschwistern 75
4.4 Musizierverhalten in Abhängigkeit vom Bildungsgrad der Eltern. 76
3
4.5 Die Art der musikalischen Förderung 77
4.6 Einschätzung der Eltern bzgl. der Preise an Fuldaer Musikschulen. 78
4.7 Zahlungsbereitschaft der Eltern 79
4.8 Gründe für das Nicht-Musizieren der Kinder 79
4.9 Gründe für das Musizieren der Kinder 80
4.10 Zwei Schlussbemerkungen 82
D Schlussbetrachtung 83
E Literaturverzeichnis 86
Anhang
4
Einleitung
"Im Musikunterricht lernen wir nicht nur Musik. Das Singen fördert die Konzentration, die Aufmerksamkeit, verbessert die psychosomatische Disposition, erzieht zur Arbeit, macht Kräfte im Menschen lebendig, gibt Mut, befreit ihn von Hemmungen, erzieht zur Gemeinschaft, bewegt den ganzen Menschen nicht nur partiell und macht die Schule anziehender. Der Musikunterricht fördert die in jedem Menschen vorhandene Musikalität, damit legt er die Grundlage der musikalischen Bildung, wodurch seine Lebensqualität erhöht wird.“ (Zoltán Kodály 1956, zit. n. Bastian 2000: 11)
Ziel dieser Arbeit ist das Herausstellen der Bedeutung musikalischer Förderung im Kindesalter. Es soll gezeigt werden, welche Bedeutung Musik in den Wissenschaften Wirkungsforschung und Pädagogik hat und welche Rolle sie für diese spielt. Außerdem wird anhand einer statistischen Datenerhebung durch eine Befragung der Eltern von Grundschulkindern in Fulda dargestellt, wie die Umsetzung von Förderung im musischen Bereich in der Praxis stattfindet.
Im ersten Teil dieser Arbeit wird der aktuelle Stand der Wirkungsforschung dokumentiert. In umfangreichen sozialpädagogisch und bildungspolitisch relevanten Studien wurde belegt, dass musikalische Förderung bei Kindern positive Auswirkungen auf deren kognitive, motorische und soziale Fähigkeiten hat. In der Langzeitstudie von Hans Günther Bastian an Berliner Grundschulen wurden einschlägige Erkenntnisse über den positiven Einfluss von Musik auf die (Persönlichkeits-)Entwicklung von Grundschulkindern erlangt. Daraus ergeben sich Forderungen an Bildungspolitik und Sozialpädagogik, die dringender Umsetzung bedürfen.
Im zweiten Teil wird darauf eingegangen, welche Rolle Musik in den Reformpädagogiken spielt. Im gängigen staatlichen Schulunterricht wird der Musik mit maximal zwei Schulstunden wöchentlich keine weitereichende Bedeutung zuerkannt. Aus meinen Erfahrungen, die ich während meiner vierjährigen Anstellung bei den Chören am Dom in Fulda zur musikalischen Leitung verschiedener
5
Singklassen im Grund- und Vorschulalter gesammelt habe, weiß ich, dass Kinder im Grundschulalter weitaus mehr Verständnis für musikalische Zusammenhänge haben, als ihnen im Schulunterricht einer allgemein bildenden Regelschule zugetraut wird. Daher werde ich im zweiten Kapitel dieser Arbeit einen Einblick in die „alternativen“ Pädagogiken Waldorf und Montessori geben und herausstellen, inwieweit diese Pädagogiken der musikalischen Förderung einen höheren Stellenwert zuerkennen.
Für den dritten und letzten Teil dieser Arbeit habe ich untersucht, inwieweit musikalische Förderung in der Praxis in Fulda tatsächlich stattfindet. Hierzu habe ich eine Umfrage an fünf Fuldaer Grundschulen durchgeführt, durch die ich zu interessanten Ergebnissen und Thesen gelangt bin. Diese Ergebnisse stelle ich anhand der Auswertung der Fragebögen dar.
Wenn ich grammatisch männliche Personenbezeichnungen verwende, sind auch weibliche Personen/Menschen gemeint.
6
A Musik in der Wirkungsforschung - Einfluss von Musizieren auf die kindliche Entwicklung
1 Langzeitstudie: Musik(erziehung) und ihre Wirkungein Überblick
Unter der Leitung von Prof. Dr. Hans Günther Bastian, einem Frankfurter Musikpädagogen, wurde von 1992 bis 1998 an sieben Berliner Grundschulen während einer Grundschulzeit von sechs Jahren eine Langzeitstudie zur Wirkung von musikalischer Förderung auf verschiedene Entwicklungsbereiche von Kindern im Grundschulalter durchgeführt. Hierbei wurde, wie bei einer Langzeitstudie üblich, „eine identische Personen-Stichprobe über einen bestimmten Zeitraum hinweg auf ausgewählte Merkmale hin untersucht“ (Bastian 2000: 32).
Bis zu dieser Untersuchung waren empirisch nachweisbare Transfereffekte von Musikerziehung kaum untersucht worden. Alltagspsychologisch wusste jeder „aus persönlichen Erfahrungen Erfreuliches zu berichten, doch es blieb der Makel des Subjektiven, es fehlte die Evidenz des Objektiven“ (Bastian 2003: 101). Ziel des Forschungsprojektes war daher das Erforschen eines (positiven) Einflusses von Musikerziehung auf
- soziale Kompetenz,
- schulische Leistungen,
- Intelligenz,
- Konzentrationsfähigkeit,
- Kreativität,
- musikalisches Können sowie
- die emotionale Befindlichkeit (Angsterleben etc.) u.a.m von Grund-
schulkindern.
Zu Beginn der Studie wurde bzgl. des zu untersuchenden Personenkreises eine Basisdiagnostik erstellt. Hierzu wurden Daten ermittelt zu den Kindern (Alter, Geschlecht, Schichtzugehörigkeit, etc.), ihren Eltern (Sozialstatus, Verhalten gegenüber Musik, etc.) und den Schulen (Sozialmilieu, Ausländeranteil, etc.). Außerdem wurden Tests durchgeführt zur musikalischen Begabung der Kinder vor der Einschulung. Mit den Ergebnissen der Basisdiagnostik konnten spätere Testergebnisse verglichen und Veränderungen festgestellt werden (vgl. Bastian 2000: 190ff).
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Von den sieben Grundschulen gehörten fünf den Modellschulen 1 an. Die Kinder, die nach der Basisdiagnostik in eine dieser Grundschulen mit musikbetonten Zügen eingeschult wurden, erhielten dort eine erweiterte Musikerziehung im Rahmen ihres Lehrplans. Diese Kinder werden im Folgenden als Modellgruppe bezeichnet. Zur Kontrollgruppe gehören die Kinder, die die Vergleichsschulen ohne zusätzliche musikalische Förderung besuchten.
2 Ergebnisse der Basisdiagnostik
Zu Projektbeginn, d.h. zu Schuljahresbeginn und somit vor dem Start der erweiterten schulischen Musikerziehung, wurde ein umfangreicher Eltern-Fragebogen ausgewertet, um die Stichprobe basisdiagnostisch zu beschreiben. Die Ergebnisse der Basisdiagnostik sind im Hinblick auf drei Aspekte interessant: 1. Sie sind von pädagogischem Interesse - Durch sie erlangte man Daten zu Präferenzen und Neigungen der Schulanfänger, ihren Hobbys, (musikalischen) Interessen und Vorkenntnissen, ihrem familiären und sozialen Umfeld etc.
2. Die Auswertungen der Basisdiagnostik waren notwendig, um sie mit Ergebnissen aus späteren Tests und Fragebögen zu vergleichen und somit Entwicklungen feststellen zu können.
3. Nicht zuletzt hat man durch die basisdiagnostische Untersuchung einschlägige Erkenntnisse zur musikalischen Begabung Sechs- und Siebenjähriger erwerben sowie bestimmte Zusammenhänge, Abhängigkeiten und Einflüsse verschiedener Variablen herausarbeiten können. Denn die Forscher „gehen von einer Vernetzung und Rückkoppelung intervenierender Variablen aus, die Einfluss auf die Entwicklung des Kindes haben. Je mehr Variablen […] wir a priori erfassen und beschreiben, […] desto eher sind wir in der Lage, komplexen und komplizierten Zusammenhän-
1 „Grundschulen mitmusikbetonten Zügen leisten einen besonderen Beitrag zur musikalischen
Bildung und Erziehung, indem sie Schülern Gelegenheit geben, in der Schule ein Musikinstru-
ment zu erlernen.“ (Bastian 2000: 216) Hinzu kommen der wöchentliche Fachunterricht in Musik
mit zwei Schulstunden, das Singen im Chor und das Musizieren im Ensemble. Durch aktiven
Umgang mit Musik im Instrumentalunterricht und in Musikarbeitsgemeinschaften (Chor und
Ensemble) wird den Kindern eine intensive Förderung (=erweiterte Musikerziehung) ermöglicht.
8
gen von Variablen auf die Spur zu kommen und mögliche (Kausal-) Zusammenhänge zu identifizieren“ (Bastian 2000: 190).
2.1 Statistische Zahlen
Die Gesamtstichprobe umfasste 170 Kinder. Davon waren 123 Kinder Schüler in einer der fünf Modellschulen mit musikbetonten Zügen und 47 Kinder besuchten eine der beiden Vergleichsschulen. Geschlecht
48% der Kinder waren Jungen, 52% Mädchen. Auf Modell- und Kontrollgruppe verteilte sich das Geschlecht folgendermaßen:
Tabelle 1: Geschlechterverteilung in Modell- und Kontrollgruppe
(vgl. Bastian 2000: 191f) Alter
Mit einer Altersspanne von 5 Jahren, 11 Monaten bis 7 Jahre und älter war die Altersstruktur der Stichprobe typisch für Erstklässler und zeigte keine Auffälligkeiten: Für Modell- und Kontrollgruppe ergab sich folgende Verteilung:
Tabelle 2: Verteilung der Altersgruppen in Modell- und Kontrollgruppe (vgl. Bastian 2000: 192f) Ausländeranteil
Die Feststellung des Ausländerkinderanteils war besonders für die Modellgruppe von Interesse, da die Forscher herausfinden wollten, „ob über eine erweiter-
9
te Musikerziehung die Integration von Ausländerkindern in die Klassen- und Schulgemeinschaft gefördert und erleichtert werden kann“ (Bastian 2000: 193). Die Gesamtstichprobe hatte einen Ausländeranteil von 16%, der sich aber äußerst ungleichmäßig auf die einzelnen Schulen verteilte. Bei den Modellschulen variierte der Ausländeranteil der Erstklässler von 0 - 83%, die beiden Vergleichsschulen hatten jeweils einen Ausländerkinderanteil von 8% bzw. 12% (vgl. Bastian 2000: 193). Vorschulische Erfahrungen
Fast alle Kinder der Stichprobe (89%) hatten vor ihrer Einschulung eine pädagogische Einrichtung (Vorschule oder Kindergarten bzw. Hort) besucht. Bei Modell- und Kontrollgruppe ergab sich eine Ungleichverteilung bzgl. der Art der besuchten Einrichtung: 64,3% der Kinder der Modellgruppe hatten vor ihrer Einschulung Erfahrungen in Kindergärten gesammelt, während 61,7% der Kinder der Kontrollgruppe eine Vorschule besucht hatten (vgl. Bastian 2000: 194). Soziale Herkunft
Die Schichtzugehörigkeit der Kinder in Abhängigkeit von Beruf und Sozialstatus der beiden Eltern wurde ermittelt, um zu untersuchen,
- welche (Entwicklungs-)Vorteile Kinder aus der Ober- und Mittelschicht
- ob eventuelle Defizite von sozial unterprivilegierten Kindern in der
- ob die einsetzende erweiterte Musikerziehung auf die Kompensation
- ob die Musikerziehung an den Modellschulen für die sozial benachtei-
Die Schichtzuordnung der Kinder fiel unterschiedlich aus, je nachdem ob man den Beruf des Vaters oder den der Mutter als Anhaltspunkt nahm. Auch wenn Bildungsstatistiker oft den Beruf des Vaters für die Schichtzugehörigkeit als maßgebend ansehen, darf man die Rolle der Mutter für das Grundschulkind nicht unterschätzen. Sie ist oftmals primäre Orientierungshilfe und Schub- und Motivationskraft für die Kinder (vgl. Bastian 2000: 198). Die Schichtzugehörigkeit in Abhängigkeit vom Sozialstatus des Vaters verteilte sich folgendermaßen:
Tabelle 3: Schichtzugehörigkeit in Abhängigkeit vom Sozialstatus des Vaters (vgl. Bastian 2000: 196)
Die Schichtzugehörigkeit in Abhängigkeit vom Sozialstatus der Mutter ergab folgende Verteilung:
Tabelle 4: Schichtzugehörigkeit in Abhängigkeit vom Sozialstatus der Mutter (vgl. Bastian 2000: 199)
Vergleicht man die beiden Tabellen, ist zu erkennen, dass sich unter zusätzlicher Berücksichtigung des Sozialstatus der Mutter das Milieu der Modellgruppenkinder als sozial vorteilhafter erwiesen hat. Die Zugehörigkeit zu einer Schicht sollte aber aufgrund der sozialen Dynamik unserer Gesellschaft sowie des individuellen Lebens- und Kulturcharakters nicht zu voreiligen schichtabhängigen Interpretationen führen (vgl. Bastian 2000: 197f).
2 OO - Oberschicht, OM - obere Mittelschicht, MM - Mittelschicht
UM - untere Mittelschicht
OU - obere Unterschicht, UU - Unterschicht
11
Elterliches Musizieren
52% der Eltern derjenigen Kinder, die eine Modellschule besuchten, spielten ein Instrument. Von der Kontrollgruppe hingegen waren es nur 36% der Eltern. Vergleicht man dies mit der Schichtzuordnung, ergibt sich hier ein eindeutiger Zusammenhang: Musizieren steht in Abhängigkeit zum Sozialstatus. „Dies bedeutet, dass trotz aller bildungspolitischen Aufklärungskampagnen und Reformen in den 70er und 80er Jahren, dass trotz eines gestiegenen allgemeinen Wohlstandes das Lernen eines Instrumentes an der Schwelle zum dritten Jahrtausend noch immer ein Privileg gehobener Schichten ist.“ (Bastian 2000: 200) Grund hierfür ist nicht etwa die finanzielle Benachteiligung der unteren Schichten, sondern ein festsitzendes „Anti-Bewusstsein“ dieser Bevölkerungsschichten gegenüber dem Musizieren und seinem Bildungspotential (vgl. Bastian 2000: 200).
2.2 Musik und Musizieren der Kinder im Urteil ihrer Eltern
Die Musik spielte für Eltern der Modellgruppenkinder eine signifikant bedeutendere Rolle als für die der Kontrollengruppenkinder. Dies zeigen eindeutig folgende Ergebnisse, die daher ohne weitere Erklärungen tabellarisch aufgelistet werden:
Tabelle 5: Musik und Musizieren der Kinder im Urteil der Eltern
2.3 Die Stichprobe im Lehrerurteil
In einem Lehrerfragebogen zur Schülerbeurteilung (LSB) wurde die Stichprobe bzgl. kognitiver, motivationaler und sozialer Faktoren von den jeweiligen Lehrern beurteilt. In der subjektiven Lehrereinschätzung schnitten Modell- und Kontrollgruppe in vielen Bereichen bis auf wenige Differenzen gleich ab. Einzig in drei Eigenschaften gab es zwischen Modell- und Kontrollgruppe Unterschiede: Die Schüler der Kontrollgruppe neigten eher zu Schüchternheit (15,2%), Tagträumerei (19,6%) und Albernheiten (19,6%), als die der Modellgruppe (6,1%; 8,7% und 8,7%) (vgl. Bastian 2000: 210ff). „Ob die Musik zu mehr Extraversion, zu mehr Realitätssinn und zu mehr Ernsthaftigkeit beitragen kann, wird im Verlauf der Studie zu beobachten und zu prüfen sein.“ (Bastian 2000: 212) Die Kinder der beiden Gruppen wurden bzgl. ihres körperlichen Entwicklungs-standes, ihrer Leistungen in den Kategorien Lesen, Schreiben und Rechnen, ihrer Intelligenz und ihres Sozialverhaltens ohne große Unterschiede oder Auffälligkeiten bewertet (vgl. Bastian 2000: 211). Folglich stand das Sozialverhalten laut Lehrereinschätzung weder in einem Zusammenhang mit Gruppen- noch mit sozialer Schichtzugehörigkeit. Dennoch ist auffällig, dass Mädchen von ihren Lehrern in diesem Bereich signifikant höhere Werte erhielten als Jungen, d.h. sie wurden als sozial kompetenter eingestuft (vgl. Bastian 2000: 214f).
2.4 Ergebnisse erster Musikalitätstests: Musikalische Begabung
Sechs- und Siebenjähriger
“Den musikalischen Fähigkeiten haben wir im Verlaufe der Langzeitstudie unsere besondere Aufmerksamkeit gewidmet, denn in diesem Fähigkeits- und Begabungsbereich werden wir die wohl auffälligsten Wirkungen einer erweiterten Musikerziehung erwarten dürfen.“ (Bastian 2000: 222) In den Tests wurde überprüft, in wie weit ein Zusammenhang besteht zwischen musikalischen Fähigkeiten und dem Geschlecht, dem Sozialmilieu und der Gruppenzugehörigkeit (Modell- oder Kontrollgruppe).
Um den Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht zu sprengen, werden die gut durchdachten Tests und deren Durchführungen nicht näher beschrieben. Es wird sich auf eine Sammlung der wichtigsten Ergebnisse beschränkt.
13
Singfähigkeit
Bei diesem vokalen Reproduktionstest (Nachsingen von 1-2taktigen Melodien) wurden drei zu bewertende Parameter kombiniert: Melodie, Rhythmus und Tonhöhe. Die insgesamt erfreulichen Leistungen lassen sich wie folgt staffeln:
- 55% aller getesteten Kinder zeigten überdurchschnittliche bis weitüberdurchschnittliche Leistungen 3 .
- 37% zeigten durchschnittliche Leistungen 4 .
- nur 13% zeigten unterdurchschnittliche Fähigkeiten 5 . (vgl. Bastian 2000: 222f)
Die Kinder hatten mit der korrekten Wiedergabe des Rhythmus die wenigsten Probleme. Schlechter hingegen schnitten sie im Nachsingen der richtigen Melodie ab. Die größten Schwierigkeiten bereitete das Aufnehmen des vorgegebenen Anfangstons (vgl. Bastian 2000: 224 f).
Leistungsunterschiede waren zum einen in Abhängigkeit von der Schulzugehörigkeit und zum anderen von der Schichtzugehörigkeit zu erkennen: Die Kinder einer Modellschule mit dem Schwerpunkt Chorsingen erbrachten zu 81% überdurchschnittliche und weit überdurchschnittliche Leistungen. Erste stimmliche Erfahrungen durch die Teilnahme im Vorchor haben sicherlich zu diesem herausragenden Ergebnis beigetragen. Die sängerischen Fähigkeiten der Kinder einer Schule mit einem sozial benachteiligten Einzugsbereich waren hingegen eher unterdurchschnittlich ausgeprägt. Deutliche Unterschiede zwischen Kontroll- und Modellgruppe gab es zu Beginn des Forschungsprojektes noch nicht (vgl. Bastian 2000: 223).
In einem weiteren Test wurde den Kindern ein viertaktiges Lied zur Reproduktion als Aufgabe gegeben. Dieser Test konnte (aufgrund des höheren Schwierigkeitsgrades) die insgesamt positiven Ergebnisse des ersten Tests bzgl. des Haltens der Melodie nicht bestätigen: „Ein Lied relativ spontan melodisch richtig und intonatorisch sauber nachzusingen, fällt vielen Kindern dieses Alters
3 entspricht 61-100% richtiger Lösungen der Aufgaben
4 entspricht 41-60% richtiger Lösungen der Aufgaben
5 entsprich bis 40% richtiger Lösungen der Aufgaben
14
schwer (Melodie: 71%, Intonation 89% schwache Leistungen)“ (Bastian 2000: 228). Bzgl. der rhythmischen Kompetenz hingegen schnitten die Kinder auch in diesem Test gut ab (64% zufrieden stellende Leistungen). Den Anfangston nahmen die Kinder in diesem Test sogar besser ab (51% richtig), was auf die bequemere Stimmlage zurückzuführen ist (vgl. Bastian 2000: 227ff). Durch diesen zweiten Test wurde auch eine geschlechtsspezifische Differenz ermittelt: Mädchen singen besser als Jungen, in der Studie waren sie den Jungen in den Bereichen Melodie, Rhythmus, Intonation und Metrum signifikant überlegen (vgl. Bastian 2000: 230ff). Wahrnehmungsleistung: sensorische Kompetenz
In diesem Test wurde die sensorische Kompetenz der Schulanfänger überprüft. Hierzu mussten sie durch Hören Melodien, Tonhöhen, rhythmische Figuren, Tonlängen und Metren vergleichen, ggf. Unterschiede feststellen und die Abweichung auf einem Arbeitsblatt und der richtigen Stelle markieren (vgl. Bastian 2000: 232f).
1. Beim Melodienvergleich waren bis auf 4% nur durchschnittliche (52%) und unterdurchschnittliche Leistungen (44%) zu verzeichnen. „Diese quasi vierfache und simultane Aufgabenstellung (Hören - Vergleichen -Zählen und Identifizieren) bereitet Sechs- bis Siebenjährigen offensichtlich Probleme.“ (Bastian 2000: 233) Differenzen der Ergebnisse waren weder in Schichtabhängigkeit, noch in Schul- oder Geschlechterabhängigkeit festzustellen (vgl. Bastian 2000: 233).
2. In der Tonhöhendifferenzierung großer Intervalle schnitten die Kinder zur Hälfte mit durchschnittlichen Leistungen und jeweils zu einem Viertel mit unter- und überdurchschnittlichen Leistungen ab. Es gab wieder keine Unterschiede bzgl. Schicht-, Geschlecht- und Schulzugehörigkeit. In der Tonhöhendifferenzierung kleiner Intervalle hingegen zeigten sich erste Differenzen:
Diese beiden Ergebnisse bedingen sich gegenseitig, denn die Kinder der Modellgruppe gehörten gleichzeitig zu einem größeren Anteil einer höheren Schicht an.
3. Auch dieser Test bestätigt, dass die Kinder mit dem Parameter Rhythmus die wenigsten Schwierigkeiten hatten. Dennoch fiel das Testergebnis hier weniger positiv aus als bei vorhergehenden Tests: 57% leisteten Durchschnittliches, 33% Unterdurchschnittliches und nur 10% Überdurchschnittliches. Dies lässt sich erneut auf die vierfache Aufgabenstellung Hören - Vergleichen - Identifizieren - Markieren zurückführen, die in der Kombination - wie bereits festgestellt - den Sechs- und Siebenjährigen Probleme bereitete (vgl. Bastian 2000: 234).
4. Die Differenzierung verschiedener Tonlängen fiel den meisten Kindern nicht sehr schwer: 37% schnitten sehr gut, 44% durchschnittlich und nur 18% schwach ab. Bei diesem Test ließ sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen Ergebnis und Schicht- bzw. Gruppenzugehörigkeit feststellen:
- „Je höher das Sozialmilieu der Kinder desto besser ihre Tonlängendifferenzierung.
- Kinder der Modellgruppe (zu 40%) sind denen aus der Kontrollgruppe (zu 34%) signifikant […] überlegen in der Wahrnehmung des Parameters Tondauer.“ (Bastian 2000: 235)
Ähnlich wie bei der Tonhöhendifferenzierung stehen diese beiden Ergebnisse in engem Zusammenhang und hängen voneinander ab.
5. Über die Hälfte aller Kinder erbrachten durchschnittliche Leistungen beim Vergleichen zweier Metren (verschieden oder gleich), jeweils etwa ein Viertel zeigte sehr gute bzw. schwache Leistungen. Diese Testergebnisse Test standen in keinerlei Abhängigkeit zu Geschlecht-, Schicht- oder Gruppenzugehörigkeit (vgl. Bastian 2000: 235). Insgesamt waren die Leistungen der Kinder in diesem musikalischen Begabungstest relativ homogen. Weit überdurchschnittliche (0%) und weit unter-
16
durchschnittliche Leistungen (1%) gab es kaum. Die Kinder schnitten zu 55% mit durchschnittlichen, zu 26% mit unterdurchschnittlichen und zu 18% mit überdurchschnittlichen Leistungen ab. In dem Test als Ganzes gesehen gab es keine signifikanten schicht- und geschlechtsabhängigen Differenzen; die Modellgruppe schnitt insgesamt besser ab als die Kontrollgruppe (vgl. Bastian 2000: 235ff).
2.5 Zusammenhänge verschiedener Variablen
In Korrelationstests wurde überprüft, in wie weit verschiedene Variablen aufein-ander einwirkten. Hierbei wurde insbesondere der Einfluss unabhängiger Variablen (Schichtzugehörigkeit, elterliches Musizieren, Geschlecht, Schulzugehörigkeit und elterliche Einschätzung ‚Mein Kind ist musikalisch begabt’) auf abhängige Variablen (Intelligenz, Konzentration, Verfügen über Medien, DVET 6 , Angsterleben, schöpferisches Denken, Melodien nachsingen und musikalische Begabung) untersucht. Aber auch innerhalb der abhängigen Variablen zeigten sich interessante Zusammenhänge. Die wichtigsten Ergebnisse werden im Folgenden zusammengefasst: Bedeutsame schichtabhängige Korrelationen:
1. Lebenspartner (hier: Vater und Mutter) gehörten häufig der gleichen sozialen Schicht an.
2. Der Sozialstatus des Vaters stand in Zusammenhang mit der Intelligenz des Kindes.
3. Das Sozialmilieu der Eltern beeinflusste die kreativen Fähigkeiten ihres Kindes: je höher der Sozialstatus der Eltern, desto größer die kreativen Fähigkeiten des Kindes.
4. Der Sozialstatus der Mutter korrelierte mit reproduktiven, aber nicht mit auditiven musikalischen Leistungen des Kindes.
6 Der Duisburger Vorschul- und Einschulungstest (DVET) ist normiert und ermöglicht die Fest-
stellung grundschulrelevanter kognitiver Fähigkeiten und feinmotorischer Fertigkeiten. Er kann
angewendet werden bei Kindern im Alter von vier bis sieben Jahren. Mit dem DVET können in
allen Altersgruppen allgemeine und spezielle Schwächen erkannt werden, so dass früh mit indi-
viduellen kompensatorischen Maßnahmen begonnen werden kann. Auch kann der Lehrplan
nach dem Lerntempo der einzelnen Kinder ausgerichtet werden (vgl. Hogrefe Verlag Testzent-rale: http://www.testzentrale.de/?mod=detail&id=62).
17
Einfluss des elterlichen Musizierens:
5. Das Musizieren im Elternhaus wirkte sich positiv auf die kognitive, musikalische und kreative Entwicklung des Kindes aus: Kinder, deren Eltern ein Instrument spielen, schnitten im Intelligenztest, in Musikalitätstests und in einem Test zum schöpferischen Denken besser ab. (vgl. Bastian 2000: 250ff) Einfluss des Geschlechts:
6. „Sechs- bis siebenjährige Mädchen sind gleichaltrigen Jungen in musikalischen Reproduktionsleistungen signifikant überlegen.“ (vgl. Bastian 2000: 253) Einfluss der Gruppenzugehörigkeit:
7. Die Kinder der Modellgruppe hatten deutlich höhere Werte in einem Test, mit dem das Angsterleben überprüft wurde. Für andere Variablen ergaben sich keine wesentlichen Unterschiede zwischen Modell- und Kontrollgruppe. (vgl. Bastian 2000: 253)
Einfluss der Elterneinschätzung „Mein Kind ist musikalisch begabt!“:
8. Kinder, die von ihren Eltern für musikalisch begabt gehalten werden, erzielten im Intelligenztest und in den musikalischen Reproduktionstest zur Singfähigkeit höhere Werte. (vgl. Bastian 2000: 254)
Zusammenhänge von verschiedenen Fähigkeiten der Kinder:
9. Ergebnisse aus Intelligenztests korrespondierten mit Werten aus dem DVET.
10. Die Intelligenz hatte Einfluss auf die Konzentrationsfähigkeit. 11. Die Leistungen im musikalischen reproduktiven Test waren in einem Zusammenhang zu sehen mit denen im auditiven Test. 12. Der Intelligenzquotient korrelierte mit den Leistungen im musikalischen Test zur Hörfähigkeit.
Arbeit zitieren:
Dipl. Sozialpädagogin Petra Herr, 2006, Musizieren in der Kindheit - Stand der Forschung, Ansätze in der Pädagogik und musikalische Förderung Fuldaer Grundschüler, München, GRIN Verlag GmbH
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DOI
Vokales Musizieren - Didaktische Reflexionen und Materialien
Examensarbeit, 117 Seiten
Petra Herr hat den Text Musizieren in der Kindheit - Stand der Forschung, Ansätze in der Pädagogik und musikalische Förderung Fuldaer Grundschüler veröffentlicht
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