1
Inhaltsverzeichnis
Definition des Totentanzes 2
Pestepidemien als Ursache für die Entstehung des Totentanzes 4
Ars moriendi 5
Der klassische Totentanz 6
Ursprünge und Quellen Woraus hat sich der Totentanz entwickelt 8
Literarische Quellen 10
Grafische Entwicklung des Totentanzes 12
Ursprung in Frankreich oder Deutschland 13
Bilder des Todes Hans Holbein der Jüngere 16
Geschichtlicher Hintergrund 16
Schlussbemerkung 21
Literatur 23
2
In der Literatur lässt sich keine allgemein gültige Definition für Totentanz finden. Jedoch charakterisiert sich der Totentanz durch verschiedene feststehende Merkmale. Eine weitere Vorbemerkung wäre, dass beim Thema Totentanz viele Uneinigkeiten herrschen z. B. über die Entstehung, die Deutung und die Quellen. Die Idee und Darstellung des Totentanzes zieht sich vom 13. Jahrhundert bis ins 15. Jahrhundert, von einer verhaltenen Form um 1350 bis zur dramatischen Entfaltung um 1450 und seiner Entseelung um 1525.
Zunächst handelt es sich um Kunstwerke, die sich meist durch zwei Medien, d.h. in Bild und einem kleinen zwei- bis achtzeiligen Text, ausdrücken. Die monumentalen Wandgemälde begleiteten den Gläubigen auf dem Weg in den Gottesdienst an der Kirchhofsmauer. Man kann sie wirklich als monumental bezeichnen, denn sie waren durchaus lebensgroß und konnten sich bis zu 80 Metern Länge an den Mauern entlangziehen.
Die Untermalung durch den Text unterstützt die mahnende Aussage im Wandgemälde. Der anfängliche Totentanz war ohne Bilder. Auf die Quellen und Ursprünge gehe ich später ein. „Die Predigt ist die essentia und die Bilder sind im selben Maße Hilfsmittel…“ 1 . Die Bilder dienen als Hilfsmittel des Schriftungelehrten. Um jedoch die Bußpredigten zu vertiefen, bediente man sich der Bilder. Die Darstellung von weltlichen und geistlichen Standespersonen, die in Tanzhaltung mit dem Tod abwechseln, kam im Mittelalter größere Bedeutung zu, da die Mehrheit der Menschen in dieser Zeit weder lesen noch schreiben konnte. Uli Wunderlich und Gert Kaiser sind verschiedener Meinung, welchen Stellenwert den Versen zuzuschreiben ist. Uli Wunderlich meint: „Man sollte sich von den bekannten Werken nicht täuschen lassen: Die Totentänze des Mittelalters bestanden oft, aber längst nicht immer aus Wort und Bild.“ 2 Gert Kaiser hingegen sagt: „... daß eine Isolierung des Bildes, zu der die Neuzeit neigt, ein falsches Verständnis des mittelalterlichen Totentanzes suggeriert. Text und Bild gehören notwendig zusammen. Eher ließe sich für das Mittelalter eine Priorität des Textes behaupten.“ 3 Das Hauptmotiv aller Totentänze ist die Gleichheit aller vor dem Tod, der Triumph des Todes. Die Grundlage wird in der Geheimen Offenbarung im Kapitel 6, Vers 8 deutlich, Johannes beschreibt: „Und siehe, und ich sah ein fahl Pferd, und der daraufsaß, des Name hieß Tod, und die Hölle folgte ihm nach. Und ihnen ward Macht gegeben, zu töten das vierte Teil auf der Erde mit dem Schwert und Hunger und mit dem Tod und durch die Tiere auf
1 Kaiser, Gert: Der tanzende Tod. Mittelalterliche Totentänze, Frankfurt a. M. 2002, 23
2 Uli Wunderlich: Der Tanz in den Tod. Totentänze vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Freiburg 2001, 36
3 Gert Kaiser: Der tanzende Tod. Mittelalterliche Totentänze, Frankfurt a. M. 2002, S. 23
3
Erden.“ 4 Kein Stand und kein Geschlecht wird vor ihm verschont, vor ihm sind alle gleich. Jeder muss sterben, man kann ihm nicht ausweichen. Macht, Vermögen und Schönheit sind nutzlos. Es kommt auf die richtige Vorbereitung auf das Leben nach dem Tod an. Der monumentale Totentanz geht in Linksrichtung, also in die ewige Verdammnis, die Hölle. Die Kirche mahnte in dieser Art und Weise den Kirchgänger ein gottesfürchtiges und frommes Leben zu führen.
Die mittelalterliche Kirche nutzte das Motiv des Tanzes für sich, indem sie den Tanz als Sünde anprangert. In der frühchristlichen Kirche (bis ins 7. Jahrhundert) toleriert man den Tanz im liturgischen Rahmen. Jedoch mit dem Worte Augustinus wird der Tanz in jeglicher Form als gefährlich eingeordnet. Die Kirche bezeichnete die Tänze als unkeusch und teuflisch. Sie sieht darin eine Bedrohung, sie fürchtet die Erotik des Tanzes. Jedoch erkannte sie auch das enorme Potenzial, das dem Volk in einer Zeit mit ungeheurer Verwirrung Halt zu geben schien. Folglich übernahm die Kirche die Totentänze für sich, um sich in der destabilisierten Sozialstruktur halten zu können, und gab ihnen einen tugendhaften Charakter. „Wenn die Kirche das Tanzen als Sünde schlechthin geißelt, wenn sie im Tanzen der Menschen ein Abbild des teuflischen Springens und Tanzens sieht, so ist es vor allem die erotische Sprengkraft des Tanzes, die sie fürchtet. Der Tanz ist deshalb Paradigma und Sündhaftigkeit, weil er in unmittelbarer Weise Trieb und Eros Ausdruck verschafft – und im Mittelalter offensichtlich unverstellter, kraftvoller und erregender als heute.“ 5 Kaiser drückt diese in Bildern dargestellte Warnung vor einer sündhaften Lebensführung, folgendermaßen aus: „Wer sich den erotischen Ausschweifungen hingibt, vor denen das Bild eindringlich waren will, küßt immer schon den Tod.“ 6
4 Diese Passage dient als Grundlage für den triumphierenden Tod. Im Laufe des Mittelalters verschmelzen die vier Reiter zu einer Figur. Das reitende Gerippe streckt mit seiner Waffe die Lebenden nieder. Mitte des 13. Jahrhunderts wird diese Szene auf Weltgerichtsportalen in Paris, Amien und Reins dargestellt. Später tritt der Tod mit Speer auch als Einzelszene auf.
5 ebenda, 66 6 Gert Kaiser: Der Tod und die schönen Frauen. Ein elementares Motiv der europäischen Kultur, Frankfurt a. M. /New York 1995, 26
4
Pestepidemien als Ursache für die Entstehung des Totentanzes?
“Nicht selten war eine Pestepidemie der unmittelbare Grund für die Anfertigung eines Totentanzes, wie im Falle des Basler Totentanzes von 1440.“ 7 „Es gilt als unbestritten, daß der Totentanz in Text und Bild mit den Pestepidemien und dem darauf folgenden Massensterben in Zusammenhang steht.“ 8 , laut Barbara Köhler. Auf der letzten Tagung im Mai 2005 äußerte die „Europäischen Totentanzvereinigung“ (ETV) bei ihrer Präsentation: „Dass die Pestepidemien im späten Mittelalter eine Grundvoraussetzung für die Entstehung der Totentänze waren, wird von den Forschern zunehmend in Zweifel gezogen. Die meisten Wandmalereien entstanden ohne konkreten Anlass und waren ebenso wie die Buchausgaben zur Erbauung des Publikums bestimmt. Sie dienten der Vorbereitung auf das Lebensende; sie warnten davor, als Sünder vom Tod überrascht zu werden, und riefen zu gottgefälligem Verhalten auf.“ 9 Eine ursächliche Beziehung ist nicht zu erkennen, eher sollte man die Pest als Hintergrund in der Entstehung des Totentanzes sehen. Die Pestepidemien können nicht ganz ausgeschlossen werden. Sie trugen ihren Teil zu Erschaffung der Totentanzdarstellung bei, da sie das Lebensgefühl der Menschen, die ständig mit dem Tod konfrontiert waren, begründen. Der Einfluss des Schwarzen Todes rüttelte doch die Menschen auf und brachte sie zu einem gottgefälligerem Leben. Wenn sie schon durch ihn überrascht wurden, dass sie vorbereitet waren. Um dies zu unterstützen, bediente sich die Kirche des Mediums des monumentalen Totentanzes, um den Gläubigen nicht nur in der Predigt, sondern auch auf Kirchhofs- oder Friedhofsmauern an ein frommes Leben zu appellieren.
Die erste große Pestepidemie in Europa brach 1347 aus und suchte Europa bis 1666 mindestens alle zehn bis zwanzig Jahre als Lungen- und Beulenpest heim. Ihr trauriger Höhepunkt liegt zwischen 1347 und 1352. Schätzungen besagen, dass die Pest 30% der europäischen Bevölkerung dahinraffte. Die Angst vor der nächsten Pestwelle destabilisierte die sozialen Verhältnisse: es zerbrachen Familienverbindungen, Freundschaften; besonders Ärzte, Notare und Priester vernachlässigten ihre Berufspflichten; Plünderer bereicherten sich an herrenlosem Gut. Die Geistlichkeit stellte den Schwarzen Tod in den Dienst aufrüttelnder Bußpredigten. Es war die Stunde des „Memento mori – Gedenke des Todes“. Für den gläubigen Menschen war es wichtig sich von seinen Sünden durch einen Priester freisprechen zu lassen, um sich auf einen guten Tod vorbereiten zu können. Jedoch war dies in Zeiten der
7 Köhler, Barbara: Der Tod und sein Bild im 16. Jahrhundert
www.sfn.uni-muenchen.de/forschung/koerper/bkarb_de.html
8 ebenda
9 www.totentanz-onlinedetagungenPressePressemappe.pdf, S.3
5
Pest nicht immer möglich, denn sie konnte den Menschen innerhalb weniger Stunden zu Grunde gehen lassen. Auf diese Vorstellung, sich nicht genügend auf den Tod vorbereiten zu können, reagierte die Kirche mit dem Appell an den Gläubigen ein frommes Leben zu führen, denn wenn er von Gevatter Tod überrascht wird, ist er vorbereitet. „Die Mahnung, daß wir sterben müssen, hat immer schon zur Parole „carpe diem“ geführt: Genieße den Tag, es könnte dein letzter sein.“ 10 Man muss auch in Betracht ziehen, dass nicht nur die Pestepidemien, sondern auch die Inquisition, die 1484 mit der Hexenverfolgung ihren Höhepunkt in Deutschland hatte, „ [g]egen Ende des 15. Jhs. traten auch das Fleckfieber, die Syphilis, Masern und Pocken immer wieder epidemieartig auf und forderten zahlreiche Menschenleben.“ 11 und später Kriege, wie 1524/25 der Bauernkrieg, für ein Massensterben verantwortlich waren. Sie lebten ständig mit der Nähe des Todes. Ihre Funktion wurde in den Dienst des kirchlichen Lehrsatzes gestellt. Die Schrecken der Pestilenz und die Mahnungen der Kirche spiegelten sich in den Totentanzdarstellungen wider.
Ars moriendi
„Es gibt eine eigene literarische Gattung, die Todesbüchlein, in denen die ars moriendi gelehrt wird (15. Jh.'); dort wird der Tod als das zentrale Geschehen des Lebens dargestellt.“ 12 „Ars moriendi“ ist die Kurzform für die im Mittelalter verbreiteten „Sterbebüchlein“, wie sie der Volksmund nannte, wie „Ars bene moriendi“ (Die Kunst wohl zu sterben) oder „Spectulum artis bene moriendi“ (Spiegel der Kunst, wohl zu sterben). Sie gehören zur wichtigen Gattung der spätmittelalterlichen Erbauungsliteratur, die Anleitung gaben zum rechten Leben und Sterben. Sie entstanden in großer Zahl seit dem ersten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts. Sie waren in Form von Blockbüchern mit Textseiten und Holzschnitten; und später als Kupferstichfolgen verbreitet. Dargestellt sind die fünf Versuchungen des Sterbenden 13 durch den Teufel, der Beistand und als Abschluss der endliche Sieg der Engel 14 vermittelnde Bilder. Die Ars moriendi hat sich im Medium der Buchillustration am besten behaupten können.
10 Kaiser, Gert: Der tanzende Tod. Mittelalterliche Totentänze, Frankfurt a. M. 2002, 32
11 Heuser, Sandra: Todesdarstellungen in der Kunst vom 15. bis ins 20. Jahrhundert, S.10 www.kunsttherapie-karlsruhe.de/ Abschlussarbeit%202003/Abschlussarbeit%20akt%202003.pdf 12 Kellermann, Karina: Der mittelalterliche Totentanz http://www.kantorei.de/totentanz.htm#der%20mittelalterliche%20totentanz 13 Glaubenszweifel und -ermutigung, Verzweiflung und Vertrauen in Gottes Güte, Ungeduld im Leiden und Geduld durch Hinweis auf die Leiden Christi, Hochmut und Demut, Sorge um die ird. Dinge und um das ewige Heil 14 durch den Gekreuzigten werden die Teufel vertrieben und die Seele von Engeln in den Himmel geleitet
Quote paper:
Sandy Alami, 2005, Totentanz, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Der Totentanz - Entstehung und Entwicklung eines Bildthemas
Scholary Paper (Seminar), 34 Pages
Architektur etruskischer Grabmäler
History - World History - Early and Ancient History
Research Paper (Pre-University), 27 Pages
Der Tod und das Mädchen - Analyse ausgewählter Aspekte des Phänomens T...
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Scholarly Research Paper, 32 Pages
Was ist die Taufe nach Calvins und Luthers Taufliturgie?
Theology - Systematic Theology
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 29 Pages
Die Haltung des alternden Menschen in "Der Mensch erscheint im Ho...
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 20 Pages
Kontinuität und Diskontinuität in Martin Luthers Stellung zum Judentum
Theology - Historic Theology, Ecclesiastical History
Examination Thesis, 27 Pages
Seitensprung und Liebestrank – der Tristanstoff in seiner Entfaltung
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 34 Pages
Theodor Fontane: Motive des 29. Kapitels im Stechlin und deren Bedeutu...
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 22 Pages
Die Herrnhuter Brüdergemeine und ihr Beitrag zur Entwicklung des ökume...
Theology - Historic Theology, Ecclesiastical History
Scholary Paper (Seminar), 19 Pages
Zum Verhältnis von Theologie und Musik bei Johann Sebastian Bach exem...
Examination Thesis, 107 Pages
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 22 Pages
Staseis in Athen im Zusammenhang mit den Usurpationen des Peisistratos
History - World History - Early and Ancient History
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 24 Pages
Luthers Verständnis des allgemeinen Priestertums in der Schrift „An de...
Theology - Systematic Theology
Scholary Paper (Seminar), 25 Pages
Harry Potter - ein Phänomen der phantastischen Kinder- und Jugendliter...
German - Pedagogy, Didactics, Literature Studies
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 19 Pages
Kirchenlieder als Spiegel der Geschichte
Theology - Historic Theology, Ecclesiastical History
Termpaper, 23 Pages
Sandy Alami's text Totentanz is now available as a printed book
Sandy Alami has published the text Totentanz
Sandy Alami has uploaded a new text
Das waren Zeiten 2. Mittelalter - Renaissance - Absolutismus
Gymnasium Baden-Württemberg
Dieter Brückner, Harald Focke
Old Age in the Middle Ages and the Renaissance
Interdisciplinary Approaches t...
Albrecht Classen
Medieval and Renaissance Spain and Portugal: Studies in Honor of Arthu...
Martha E. Schaffer, Antonio Cortijo Ocana
Das Grenzregime zwischen Südth...
Reinhold Albert, Hans-Jürgen Salier
Die Burg zur Zeit der Renaissance
0 comments