Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
1. Die Definitionsproblematik des Begriffs „Armut“ 4
1.1 Der Ressourcenansatz 5
1.2 Der Lebenslagenansatz 5
1.3 Neue Armut 6
1.4 Familiäre Armut 6
2. Kinderarmut 8
2.1 Ausmaß der Armut bei Kindern und Jugendlichen 9
2.2 Dimensionen der Lebenslage 10
2.3 Einflussfaktoren auf die Lebenslage 11
2.4 Mögliche Benachteiligungen durch Armut im Kindes- und Jugendalter. 12
2.5 Ernährung in der Armut 16
2.6 Bewegung in der Armut 18
3. Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen 20
3.1 Body Mass Index 20
3.2 Ursachen von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen 22
3.2.1 Genetik und Übergewicht 22
3.2.2 Problematisches Ernährungsverhalten und Übergewicht 23
3.2.3 Werbung und Übergewicht 24
3.2.4 Bewegungsmangel und Übergewicht 25
3.2.5 Stress und Übergewicht 26
3.2.6 Bildungsgrad und Übergewicht 27
II
4. Prävention von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen………..… 29 4.1 Ziele und Maßnahmen zur Prävention von Übergewicht………………...… 29 4.2 Die Bedeutung der Ernährung………………………………………………… 30 4.2.1 Die Grundlagen einer gesunden Ernährung…………………………….… 31 4.2.1.1 Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung…………… 32 4.2.1.2 Die optimierte Mischkost………………………………………………..… 36 4.2.1.3 Die Adipositas- Leitlinien……………………………………………..…… 40 4.3 Die Bedeutung der Bewegung……………………………………………...… 42 4.4 Externe und interne Einflussfaktoren auf das Ernährungsverhalten von Kindern und Jugendlichen…………………………………………………….. 43 5. Präventionsmaßnahmen im Lebensalltag von Kindern und
Jugendlichen….......................................................................................... 45 5.1 Verringerung des Einflusses der Werbung……………………………..…… 45 5.2 Das Zusammenspiel von Ernährung, Bewegung und Stressbewältigung.. 46 5.3 Settingansatz in Familie, Kindergarten und Schule………………………… 46 5.4 Mögliche Ziele und Maßnahmen der Ernährungs- und Bewegungserziehung sowie der Stressbewältigung……………………….. 47 5.5 Ernährungs- und Bewegungserziehung in der Familie…………………..… 50 5.6 Ernährungs- und Bewegungserziehung im Kindergarten………………..… 52 5.6.1 Ernährungserziehung im Kindergarten…………………………….…….… 53 5.6.1.1 Sensibilisierung der Geschmacksempfindungen………………….…… 54 5.6.1.2 Die verschiedenen Mahlzeiten…………………………………………… 55 5.6.1.3 Nahrungsmittelzubereitung mit Kindern…………………………….…… 57 5.6.1.4 Tipps zum Essen mit Kindergartenkindern……………………………… 57 5.6.2 Bewegungserziehung im Kindergarten…………………………………. 59
5.7 Elternbeteiligung im Kindergarten………………………………….………… 61 5.8 Ernährungserziehung in der Schule…………………………………………. 63 5.8.1 Appetit, Hunger und Sättigung……………………………………………… 65 5.8.2 Sensibilisierung der Geschmacksempfindungen…………………….…… 66 5.8.3 Das gesunde Schulfrühstück……………………………………………..… 66
III
5.9 Bewegungserziehung in der Schule…………………………………..….… 69 5.10 Projektunterricht in der Schule………………………………………….…… 69 5.11 Elternbeteiligung in der Schule……………………………………………… 75 6. Drei Beispiele für Interventionsprogramme zur Prävention von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen…………………………....… 79 6.1 „FIT KID“ - Die Gesund-Essen-Aktion für Kindertagesstätten und Eltern.. 79 6.2 Das Projekt „Schule + Essen = Note 1“…………………………………...… 81 6.3 „KIDS“ - Eine erlebnisorientierte Ernährungspädagogik für übergewichtige Kinder und Jugendliche……………………..…… 82 7. Zusammenfassung…………………………………………………………..… 87 8. Schlussfolgerung…………………………………………………………..….. 91 9. Literaturverzeichnis…………………………………………………….…..…. 93 10. Abkürzungsverzeichnis……………………………………………….…...... 105 11. Abbildungs- und Tabellenverzeichnis………………………………..…... 106 12. Anhang
IV
Einleitung
Übergewicht in Deutschland stellt ein Problem dar, von dem nicht nur Erwachsene, sondern zunehmend auch Kinder und Jugendliche betroffen sind. Jedes fünfte Kind und jeder dritte Jugendliche sind übergewichtig (www.diabetes.world.net). Neben falscher Ernährung und Bewegungsmangel üben vor allem sozioökonomische Bedingungen einen großen Einfluss auf das Körpergewicht aus. Empirische Angaben zu Unterschieden in der Ernährung in Abhängigkeit von der sozialen Schicht sind in verschiedenen Publikationen wie dem Sammelwerk von Barlösius et al. (1995), Klocke und Hurrelmann (1995), Klocke (2001), Chassé et al. (2003) und dem Kinderreport Deutschland (2004) vorhanden. Da viele dieser Studien jüngeren Datums sind, kann angenommen werden, dass das wissenschaftliche Interesse an dieser Thematik in den letzten Jahren erheblich zugenommen hat. Doch nicht nur die Ernährung wird von dem sozioökonomischen Status beeinflusst. Untersuchungen des Robert- Koch Instituts (RKI) sowie von Chassé et al. bestätigen einen Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und sozialer Benachteiligung. Die Ergebnisse der Kieler Präventionsstudie verdeutlichen, dass sich Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien weniger bewegen als andere.
Auf Grund der wissenschaftlich begründeten Annahme über den Zusammenhang von Armut im Sinne einer extremen Ausprägung sozialer Benachteiligung und Übergewicht, ist es Ziel dieser Arbeit, diesen genauer zu betrachten. Des Weiteren verfolgt die Autorin das Ziel, geeignete Präventionsmaßnamen zu finden, welche vor allem das Ernährungs- und Bewegungsverhalten von Kindern und Jugendlichen positiv beeinflussen und somit Übergewicht verhindern bzw. bekämpfen.
Die Verfasserin dieser Arbeit geht ihrer Zielstellung nach, indem sie den Blickpunkt auf Ursachen und Einflussfaktoren, die sich negativ auf das Körpergewicht auswirken, richtet. Bei der Suche nach Maßnahmen zur Intervention setzt sie sich mit Ernährungsempfehlungen auseinander, welche auf Forschungsergebnissen
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basieren. Das Internet hat sich hierbei als eine wichtige Informationsquelle erwiesen. In dieser Arbeit wird den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), des Dortmunder Forschungsinstitutes für Kinderernährung (FKE) sowie der Adipositas- Leitlinien besondere Beachtung zukommen. Sie werden bei den Untersuchungen von Präventionsmaßnahmen Berücksichtigung finden.
Anzumerken ist weiterhin, dass Begriffe wie Erzieher, Lehrer, Schüler usw. aus Gründen der sprachlichen Vereinfachung in der maskulinen Form dargestellt sind, ohne dass dadurch eine geschlechtsspezifische Wertung vorgenommen wurde. Grundsätzlich sind beide Geschlechter angesprochen.
Im ersten Kapitel greift die Autorin die Definitionsproblematik des Begriffs „Armut“ auf. Im zweiten Kapitel beschäftigt sie sich mit der Kinderarmut in Deutschland. Nach einer kurzen Darstellung der Armutszahlen beschreibt sie den Einfluss von einem geringen sozioökonomischen Status auf die Lebenslage von Kindern und Jugendlichen und zeigt Faktoren auf, die hierbei eine entscheidende Rolle spielen. Um einen Zusammenhang zwischen Kinderarmut und Übergewicht herzustellen, geht die Autorin im letzten Abschnitt des zweiten Kapitels auf die Ernährung sowie die körperliche Aktivität von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen ein. Im dritten Kapitel werden zunächst die Begriffe „Übergewicht“ und „Adipositas“ definiert. Anschließend betrachtet die Verfasserin Methoden zur Klassifizierung des Körpergewichtes und führt die Ursachen auf, welche eine Entstehung von Übergewicht fördern. Das vierte Kapitel beginnt mit der Definition des Präventionsbegriffes. Dann werden allgemeine Ziele und Maßnahmen dargestellt, die laut den Adipositas- Leitlinien bei einer erfolgreichen Intervention Anwendung finden müssen. Die Autorin beschäftigt sich hierbei im Besonderen mit der Bedeutung, den Grundlagen sowie den Empfehlungen einer gesunden Ernährung. Im letzten Abschnitt des vierten Kapitels geht sie auf die Bedeutung der Bewegung in Bezug auf das Körpergewicht ein und befasst sich weiterhin mit externen und internen Einflüssen auf das Ernährungsverhalten von Kindern und Jugendlichen. Im fünften Kapitel werden daraufhin konkrete Ziele und Maßnahmen zur Prävention von Übergewicht untersucht, wobei die Ernährung und die Bewegung
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auf Grund ihres starken Einflusses auf das Körpergewicht einen hohen Stellenwert bekommen. Auch die Stressbewältigung findet Beachtung, da psychische Belastungen mit dem Ernährungsverhalten in Verbindung gebracht werden. Kinder und Jugendliche verbringen viel Zeit in der Familie, im Kindergarten bzw. in der Schule. Die Autorin sieht Interventionsmaßnamen in diesen Bereichen als besonders erfolgreich an, da Eltern, Erzieher und Lehrer eine Vorbildfunktion ausüben. Ein nicht unwesentlicher Aspekt und daher Teil des fünften Kapitels ist die Elternbeteiligung. Ohne das Einbeziehen der Eltern in die geplanten Präventionsmaßnahmen bleibt der erhoffte Gewichtsverlust aus oder ist nur von kurzer Dauer. Im sechsten Kapitel werden abschließend zu dieser Thematik zum einen zwei Maßnahmen des Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (BMVEL) zur Aus-, Fort- und Weiterbildung von Erziehern bzw. Lehrern aufgeführt und zum anderen wird ein interdisziplinäres Schulungsprogramm dargestellt, das der gezielten Beratung und Behandlung von übergewichtigen Kindern dient.
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1. Die Definitionsproblematik des Begriffs „Armut“
Es gibt keine einheitliche Armutsdefinition. Laut Trabert (2004) kann generell zwischen „relativer“ und „absoluter Armut“ unterschieden werden. Nach Klocke und Hurrelmann (2001) wird absolute Armut als ein Niveau bezeichnet, unterhalb dessen lebensnotwendige Grundlagen (Essen, Kleidung, Wohnen) fehlen. Absolute Armut gibt es ihrer Meinung nach in Deutschland nur in sehr geringer Zahl. Die Gruppe der Obdachlosen kann somit als in absoluter Armut lebend verstanden werden, denn die als lebensnotwendig angesehenen Grundlagen des Lebens sind nicht in ausreichendem Maße und nicht auf Dauer gesichert. Vermutlich lebt eine weitere Gruppe in Deutschland unter absoluten Armutsbedingungen, nämlich legale sowie illegale Asylsuchende und Flüchtlinge. Da absolute Armut in Deutschland weniger häufig vorkommt, wird Armut hierzulande meist als relative Armut definiert.
Nach Trabert (2004) orientieren sich Definitionsversuche relativer Armut in Deutschland schwerpunktmäßig an der finanziellen Ausstattung. Laut Klocke und Hurrelmann (2001) sind Personen oder Familien (Haushalte) betroffen, die über so geringe materielle, kulturelle und soziale Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in Deutschland als unterste Grenze des Akzeptablen angesehen wird.
Nach der Definition der Europäischen Union ist in Deutschland heutzutage derjenige arm, der weniger als 50% des durchschnittlichen Einkommens im Land zur Verfügung hat (Maasberg u. Richter 2004). Im internationalen Vergleich wird in der Regel die 60- Prozent- Schwelle verwendet, d.h. es gilt derjenige als arm, der weniger als 60% des Durchschnitteinkommens besitzt (Olk 2004). Um den Begriff „Armut“ zu definieren, müssen der Ressourcenansatz sowie der Lebenslagenansatz berücksichtigt werden.
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1.1 Der Ressourcenansatz
Nach dem Ressourcenansatz gilt Armut als eine Unterausstattung an monetären (Einkommen aus Erwerbsarbeit, Vermögen sowie öffentliche und private Transferleistungen, etc.) beziehungsweise nichtmonetären Ressourcen
(hauswirtschaftliche Produktion usw.). Der überwiegende Teil der Armutsstudien bezieht auf Grund der statistischen Datenlage über staatliche Sozialleistungen und Einkommensarmutsgrenzen allerdings nur das verfügbare Einkommen in die Betrachtungen ein (Klocke u. Hurrelmann 2001). Personen, die nicht aus eigenem Einkommen oder Vermögen die zur Lebensführung notwendigen Mittel aufbringen können, haben Anspruch auf Leistungen des Staates. Damit soll Armut und Unterversorgung vermieden wird. Diese Haushalte und Personen leben in „bekämpfter Armut“ (Merten 2001). Der Begriff der „verdeckten Armut“ bezeichnet Personen, die durch ihr geringes Einkommen und Vermögen Anspruch auf Leistungen des Staates hätten, diese jedoch nicht beantragen. Damit leben sie mit einem Einkommen, welches unterhalb des soziokulturellen Existenzminimums liegt (BMA - Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung 2001).
Anders als der Ressourcenansatz bezieht sich der Lebenslagenansatz nicht auf ökonomische Ressourcen, sondern berücksichtigt andere zentrale Lebensbereiche, die im Folgenden dargestellt werden.
1.2 Der Lebenslagenansatz
Der Lebenslagenansatz betrachtet die Multidimensionalität der Armut und definiert diese somit als eine multidimensionale Problemlage. Nicht nur Einkommen fehlt den in Armut lebenden Personen, sondern es sind weitere Notlagen in zentralen Lebensbereichen vorhanden wie z.B. in den Bereichen Wohnen, Arbeit, Ausbildung, Gesundheit, Ernährung, soziale Integration und soziokulturelle Teilhabe. Zur Beurteilung der Lebenslage werden dementsprechend die Ausstattung mit Gütern für Haushalt und persönlichen Bedarf, Wohnausstattung und Wohnumfeld, Bildungs- und Freizeitaktivitäten, Sozialkontakte sowie auch die
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Möglichkeiten der Grundversorgung zum notwendigen Lebensstandard berücksichtigt. In Bezug auf die Lebenslage bedeutet der Begriff „Armut“ eine starke Einschränkung der subjektiven Handlungsspielräume sowie des subjektiven Wohlbefindens und der Zufriedenheit. Diese im Lebenslagenansatz betrachteten Defizite sind jedoch letztendlich Auswirkungen der beschränkten finanziellen Mittel (siehe Ressourcenansatz), die Personen in Armut zur Verfügung stehen (Chassé et al. 2003).
Im Laufe der Zeit sind an die Stelle von „klassischen“ Armutsgruppen neue und zahlenmäßig größere getreten. Es wird von einer „neuen Armut“ oder auch einer „Infantilisierung“ der Armut gesprochen (Olk 2004).
1.3 Neue Armut
Bis in die 70er Jahre waren insbesondere ältere Menschen und (verwitwete, geschiedene bzw. allein stehende) Frauen von Armut gefährdet. Später kam es zu einer Verlagerung des Armutsrisikos auf Kinder und junge Erwachsene- bzw. bestimmte Familienkonstellationen mit Kindern (Olk 2004).
1.4 Familiäre Armut
Die Arbeiterwohlfahrtsorganisation (AWO) definiert Armut in ihrer Studie als „familiäre Armut“. Hier handelt es sich nur dann um Armut, wenn „familiäre Armut“ vorliegt, das heißt, wenn die Familie des Kindes maximal 50 % des deutschen Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. Kinder, die in ihrer materiellen Versorgung, im kulturellen und sozialen Bereich sowie in ihrer psychischen und physischen Lage eingeschränkt bzw. unterversorgt sind, gelten zwar als sozial benachteiligt, nicht jedoch als „arm“ (Hock et al. 2000). Kinderarmut lässt sich nicht nur über das Einkommen definieren. Kinder aus armen Familien sind in vieler Hinsicht benachteiligt und ausgegrenzt. Häufig fehlt es neben materiellen Dingen beispielsweise an Zuwendung, Erziehung und Bildung. Außerdem treten bei ihnen häufiger gesundheitliche Probleme auf als bei Kindern aus nicht armen Familien. Wenn Kinder, die in Armut leben, ihre familiäre Situation bewerten sollen, haben Aspekte wie das eigene Zimmer und
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Rückzugsmöglichkeiten sowie Spielmöglichkeiten in der Wohnung und im Wohnumfeld einen hohen Stellenwert. In den nächsten Abschnitten wird Kinderarmut und ihr Ausmaß in Deutschland näher betrachtet sowie die Frage beantwortet, was es für Kinder und Jugendliche in Deutschland bedeutet in Armut zu leben. Hierbei wird der Einfluss der soziökonomischen Bedingungen auf die konkrete Lebenslage von Kindern und Jugendlichen untersucht.
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2. Kinderarmut
Kinderarmut ist kein gesellschaftliches Problem, das erst seit kurzem existiert. Trotzdem wird es in Deutschland erst seit Anfang der 90er Jahre wieder als sozialpolitisches Problem öffentlich diskutiert (Butterwegge 2000). Armut auf Kinder zu beziehen bedeutet, dass diese unabhängig vom Haushalt betrachtet werden, in dem sie leben und dass sie in ihrem Handeln freie Subjekte sind. Um von Kinderarmut zu sprechen, müssen Kinder als eine eigene soziale Gruppe mit eigenen sozialen Regeln und Rechten gesehen werden. Sie gelten hierbei als eigenständige Individuen mit einem eigenen Anspruch auf ein Leben ohne Armut sowie eigenen Ansprüchen an die Politik und die Gesellschaft. Kinderarmut ist ein spezifisches soziales Phänomen, das analysiert und erklärt werden muss und für welches eine sozialpolitische Lösung dringend notwendig ist (Beisenherz 2002).
Kinderarmut unterscheidet sich erheblich von der Erwachsenen- und damit auch von der Elternarmut. Dieser Unterschied betrifft nicht nur Ausmaß und Qualität der Armut, sondern äußert sich auch darin, dass Kinder besondere Bedürfnisse und Handlungsziele haben und zufrieden stellende und förderliche Lebensbedingungen benötigen. Hierzu gehört die Sicherung des materiellen Lebensbedarfs sowie ein zufriedenes ausgeglichenes Elternhaus, damit sie ihre Persönlichkeit frei entfalten können. Sie brauchen die Vermittlung eines Gefühls von Zuversicht und seelischer Sicherheit, Zuwendung und Geborgenheit, Beständigkeit und einen geregelten Tagesablauf, kindgerechte Nahrung und Kleidung, gesundheitliche Betreuung und die Kontrolle ihrer Handlungen. Ein verständnisvolles Umfeld, Freundschaften sowie Freiräume, Bewegungsmöglichkeiten in einer kindgerechten Umgebung, Bildung, Ausbildung, eine gesicherte Zukunft und reale Lebensziele sind von großer Bedeutung. Doch obwohl Kinderarmut ein eigenständiges Phänomen ist, ist sie mit Elternarmut verknüpft. Wenn Eltern beispielsweise arbeitslos werden und ihnen dadurch weniger finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, bemühen sie sich zumeist, dass sich die Lebenslage ihrer Kinder kaum verschlechtert (Butterwegge 2000).
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Wie schon erwähnt, gibt es keine einheitliche Armutsdefinition. Wenn in den folgenden Abschnitten von „Armut“ gesprochen wird, ist eine extreme Ausprägung von sozialer Ungleichheit gemeint, bei der sowohl die Ressourcen (siehe Ressourcenansatz) als auch die jeweilige Lebenslage (siehe Lebenslagenansatz) von Personen, Haushalten bzw. Familien ins Verhältnis zum durchschnittlichen ausgeprägten Lebensstandard in Deutschland gesetzt werden. Um eine Vorstellung zu bekommen, wie viele Kinder und Jugendliche hierzulande von Armut betroffen sind, wird im kommenden Abschnitt dargestellt, welches Ausmaß Armut in Deutschland bereits erreicht hat und ob eine Zunahme der Kinderarmut zu verzeichnen ist.
2.1 Ausmaß der Armut bei Kindern und Jugendlichen
Laut Krause und Habich (2000) sind besonders Personen mit sehr geringer Schulbildung, Ausländer, Haushalte mit fünf und mehr Personen sowie sehr junge Menschen von Armut betroffen. Die Ergebnisse der Brandenburger Einschulungsuntersuchungen (2000 u. 2002) zeigen, dass Kinder und Jugendliche hierbei die risikoreichste Altersgruppe darstellen. Die Zahl der Kinder in Deutschland, die von Sozialhilfe leben, stieg 2003 um 64.000 auf 1,08 Millionen und hat in den Jahren 2004/ 2005 1,45 Millionen erreicht (www.thorborg.de). Im Jahr 2004 lebten 73 % der Familien mit Kindern von allein erziehenden Müttern und Vätern von Sozialhilfe, 16 % von Arbeitslosenhilfe, 1 % von Arbeitslosengeld und 1 % hatten ein so geringes Einkommen, dass auch sie am Rande des Existenzminimums leben mussten (Keul 2004).
Kinder allein erziehender Elternteile sind am häufigsten von Armut betroffen und bleiben dies auch über längere Zeiträume. Sie haben verglichen mit anderen Bevölkerungsgruppen eine sehr geringe Chance, ihre Armutssituation zu überwinden. In Deutschland lebt jedes 10. Kind in relativer Armut, also mehr als 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. In Westdeutschland verdoppelte sich der Prozentsatz von Kinderarmut seit 1989 von 4,5 % auf 9,8 % in 2001. In Ostdeutschland erhöhte er sich in 2001 auf 12,6 % (www.unicef.de).
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Im Folgenden werden die Armutsrisikoquoten in Deutschland (1998 und 2003) in Abhängigkeit des Familientyps dargestellt.
Abb.1: Armutsrisikoquoten 1998 und 2003 nach Familientyp
Datenbasis: Fraunhofer Institut, EVS (1. Halbjahr 1998 und 2003)
Quelle: modifiziert nach BMA (2005). S.76
Der Anteil der Haushalte mit Kindern, die ein bedarfsgewichtetes Nettoäquivalenzeinkommen von weniger als 60% zur Verfügung haben, stieg seit 1998 bis 2003 von 12,6 % auf 13,9 % (Fraunhofer Institut 1998 u. 2003). Aus den Armutszahlen wird ersichtlich, dass Kinderarmut in Deutschland zugenommen hat. Kinder und Jugendliche leben hierzulande in einem großen Armutsrisiko.
2.2 Dimensionen der Lebenslage
Die Entwicklungsbedingungen sowie -möglichkeiten und die damit verbundenen Teilhabe- und Lebenschancen von Kindern, die in Armut leben, werden von den Dimensionen der Lebenslage eines Kindes bestimmt. Hierfür werden fünf Dimensionen aufgeführt (Hock et al. 2000):
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1. Die materielle Situation des Haushalts (familiäre Armut)
2. Die materielle Versorgung des Kindes beinhaltet das Vorhandensein einer ausreichenden materiellen Grundversorgung (Wohnen, Nahrung, Kleidung, etc.).
3. Die „Versorgung“ im kulturellen Bereich
berücksichtigt die kognitive Entwicklung, die sprachlichen und kulturellen Kompetenzen sowie die Bildung eines Kindes.
4. Die Situation im sozialen Bereich
meint das Vorhandensein sozialer Kontakte und sozialer Kompetenzen.
5. Die Psychische und physische Lage
bezeichnet den Gesundheitszustand, das Wohlbefinden sowie die körperliche und geistige Entwicklung eines Kindes.
2.3 Einflussfaktoren auf die Lebenslage
Die konkrete Lebenslage bzw. Benachteiligungen eines Kindes sind von unterschiedlichen Einflussfaktoren abhängig (Hock et al. 2000):
1. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen
Unter gesellschaftlichen Rahmenbedingungen werden hier die Arbeitsmarktlage, sozial- und familienpolitische Regelungen, bestimmte Gesetze sowie die Bildungspolitik und ihre Umsetzung verstanden. Arbeitslosigkeit führt zu materiellen Einschnitten und damit zu Folgeproblemen bei Erwachsenen, mit denen dann auch die Kinder zu kämpfen haben.
2. Lebenssituation in der Familie
Unter der Lebenssituation in der Familie werden die Ressourcen und auch die Probleme innerhalb einer Familie verstanden (materielle Ressourcen wie Wohnsituation und Wohnumgebung, soziale und kulturelle Kompetenzen der
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Eltern, Erziehungsstil, Familienklima, emotionale Zuwendung, Familiengröße, Kinderzahl sowie Einkommen). 3. Privates Umfeld/ Netzwerk
Zum privaten Umfeld und Netzwerk zählen Freunde, Verwandte und Nachbarn, die durch private Hilfestellungen für Eltern und/ oder Kinder die Auswirkungen von Armut mildern können. Das private Umfeld kann die Situation der Armut jedoch auch verschärfen, beispielsweise wenn soziale Vergleiche stattfinden. 4. Professionelle Unterstützung
Hiermit sind die Zugangsmöglichkeiten zu professionellen institutionellen (Unterstützungs-)Angeboten gemeint wie Kindertagesstätte (Kita) und Schule aber auch andere professionelle Hilfen für Kinder und Familien. Die Formen und Folgen der Armut sind stark von der Verbreitung, Ausgestaltung und Qualität dieser Einrichtungen abhängig.
Nachdem nun die Dimensionen und mögliche Einflussfaktoren der Lebenslage eines Kindes vorgestellt wurden, folgen im nächsten Abschnitt die Auswirkungen von Armut im Kindes- und Jugendalter.
2.4 Mögliche Benachteiligungen durch Armut im Kindes- und Jugendalter Kinderarmut hat viele Gesichter und die Ausprägungen von Kinderarmut unterscheiden sich. Jedoch beeinträchtigt Kinderarmut immer die Chancen des Aufwachsens eines Kindes und dessen personale Entwicklung. Kinderarmut verengt Spielräume und Gestaltungsmöglichkeiten auf sozialer und kultureller Ebene sowie soziale Erfahrungsmöglichkeiten besonders in Bezug auf den Austausch mit Gleichaltrigen. Armut vermindert die Chancen der Kinder und vergrößert die Risiken des Scheiterns an Entwicklungsaufgaben. Kinder in Armut berichten oftmals über schlechte Wohnbedingungen, Abwesenheit ihrer Eltern im kindlichen Tagesablauf (werden nicht geweckt, müssen sich selbst um das Frühstück kümmern, etc.), über fehlende emotionale Zuwendung,
Geschwisterstreitigkeiten, körperlichen Strafen, soziale Isolation und intensiven Fernsehkonsum (Chassé et al. 2003). Besonders deutlich zeigen sich die
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Armutsfolgen auch im Schulerfolg und der schulischen Laufbahn, z.B. durch eine verspätete Einschulung, Leistungsprobleme, Ausgrenzung in der
Klassengemeinschaft und eine geringe Förderung durch die Eltern (Holz u. Skoluda 2003).
Ergebnisse der Einschulungsuntersuchungen in Brandenburg (2000 u. 2002) und Berlin (1998) zeigen, dass arme Kinder häufiger als nicht arme gesundheitliche Probleme haben und somit in ihrer gesundheitlichen Entwicklung eingeschränkt werden. Oftmals kommt es bei ihnen zu Sehstörungen, Sprachauffälligkeiten, psychosomatischen Defiziten, Beeinträchtigungen der geistigen Entwicklung, psychiatrischen Erkrankungen, emotionalen und sozialen Störungen sowie Unfallverletzungen und zahnmedizinischen Problemen. Auch Vorsorgeuntersuchungen werden von armen Kindern seltener wahrgenommen, obwohl diese kostenlos sind.
Arme Familien leben häufig in Stadtteilen mit schlechter Infrastruktur. Es fehlt ihnen an Schwimmbädern, Sportvereinen, Spielplätzen, die nicht völlig verwahrlost oder durch Vandalismus zerstört sind, altersspezifischen Freiräumen für Vorschul-oder Grundschulkinder, günstigeren Verkehrsverbindungen oder kulturellen Angeboten wie beispielsweise Musikgruppen (Beisenherz 2002). Arme Kinder gehen seltener zu Geburtstagen von anderen Kindern, da Geschenke teuer sind und eigene Geburtstage oft nicht so ausgerichtet werden können, wie es gewünscht wird. Wenn ein eigenes Zimmer fehlt oder anderen Kinder kein Komfort bietet und Computerspiele sowie die neusten CD´s fehlen, kann es passieren, dass Freundschaften daran zerbrechen. Die Kinder isolieren sich dann zunehmend, sind verunsichert und vereinsamen. Manche werden depressiv, beginnen zu lügen oder leben in einer selbst geschaffenen Traumwelt. In armen Haushalten mit mehreren Kindern können nicht alle Wünsche gleichermaßen erfüllt werden. Missgunst, Streitigkeiten und Hass sind unter Geschwistern keine Seltenheit. Die gesamte Atmosphäre ist gereizt und oft verschiebt sich das Rollengefüge innerhalb einer Familie. Dann übernehmen plötzlich ältere Kinder
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einen Teil der Aufgaben der Eltern wie Tätigkeiten im Haushalt oder auf jüngere Geschwister aufpassen (Butterwegge 2000).
Arme Kinder und Jugendliche müssen meist auf Urlaubsreisen verzichten. Taschengeld fällt, wenn es überhaupt welches gibt, sehr gering aus und Mittel für Schule oder Vereine können nicht ohne weiteres aufgebracht werden. Hinzu kommt, dass Einkommen und Vermögen in Deutschland höchst ungleich verteilt sind. Es gibt immer mehr „arme“, aber auch immer mehr „reiche“ Haushalte, so dass es für Kinder zunehmend schwerer wird, die gesellschaftliche Norm eines „guten Lebens“ zu erreichen, da sie sich in den Bereichen Freizeit und Konsum überwiegend an dem Lebensstil der oberen sozialen Schichten orientieren. Sie vergleichen im Freundeskreis, in der Nachbarschaft und in der Schule und versuchen mit sozial besser gestellten Kindern und Jugendlichen zu konkurrieren. Verstärkt wird dieses Verhalten von Massenmedien und Werbung (Klocke u. Hurrelmann 2001).
Bereits 6- Jährige verfügen über ein ausgeprägtes Markenbewusstsein und achten auf ihre Kleidung, Taschen und sogar Schulsachen. „Shoppen gehen“ ist eine beliebte Freizeitbeschäftigung. Wer da nicht mithalten kann, wird zum Außenseiter, sogar ohne statistisch zu den Armen gerechnet zu werden (Thierse 2004). Laut Hock und Holz (1999) übt die Konsumgesellschaft einen enormen Leistungsdruck auf Kinder und Jugendliche aus. Sie werden mit einer mobilen und technologisierten Gesellschaft, mit einer Vielzahl von Medien und einer nahezu unbegrenzten Angebotsfülle eines Marktes konfrontiert, der sich rasant neuen Trends anpasst. Konsum und Lifestyle wie Mode, Musik und Freizeitaktivitäten werden für sie immer wichtiger. Besonders bei armen Kindern und Jugendlichen ist diese Vielfalt an Optionen mit einem Zwang verbunden, nämlich einem Zwang auszuwählen, sich zu entscheiden, einzuschränken, zu verzichten und dem Eindruck zu kurz zu kommen. Sie werden ständig vor neue Spannungs-, Mithalte-und Ausgrenzungssituationen gestellt, die nur schwer zu bewältigen sind. Die Teilhabe an der Warenwelt sowie an altersspezifischen Freizeitaktivitäten ist Teil ihrer personalen und sozialen Identitätsentwicklung. Die Realisierung von
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Konsumbedürfnissen hat somit Einfluss auf ihr Selbstwertgefühl, ihr psychosoziales Wohlbefinden und ihre Lebensfreude. Zusammenfassend kann zur Benachteiligung gesagt werden, dass Armut in dreifacher Hinsicht problematisch für Kinder und Jugendliche ist (Klocke u. Hurrelmann 2001):
1. Strukturelle Benachteiligung
Geringe materielle Ressourcen und niedriges Einkommen bewirken oftmals:
- eingeschränkten Konsum (Kleidung, Freizeit, etc.)
- hohe Verschuldung
- eingeschränkte Gesundheit
- schlechte/s Wohnraumversorgung/ Wohnumfeld
- eingeschränkte Aktivitäts- und Aktionsräume
2. Bildungsspezifische Benachteiligung
Schlechte Lernmöglichkeiten wie überbelegte Wohnungen und geringe Unterstützung von Eltern beim Lernen und bei belastenden Schulbedingungen führen meist zu niedrigen Bildungsabschlüssen.
3. Entwicklungspsychologische Benachteiligung
Belastende und entmutigende Lebensräume sowie ein Leben mit illegalen Drogen, Alkohol, Zigaretten, Tabletten, Aggressivität, etc. können Gefühle wie Hilf- und Hoffnungslosigkeit entstehen lassen.
Oft sind psychosoziale Belastungen die Folge von Aufwachsen in Armut und dem damit verbundenen Ausschluss aus vielen sozialen und kulturellen Lebensbereichen (Klocke u. Hurrelmann 2001).
Es zeigt sich, dass Armut große Auswirkungen auf die Entwicklungsmöglichkeiten und -bedingungen und damit auch auf die Teilhabe- und Lebenschancen von Kindern und Jugendlichen haben kann. Allerdings ist die Lebenslage eines Kindes bzw. eines Jugendlichen von den oben erwähnten Einflussfaktoren abhängig, was
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bedeutet, dass manche Kinder und Jugendliche mehr und manche weniger benachteiligt sind. Im Folgenden wird nun der Zusammenhang zwischen Armut und Ernährung sowie auch zwischen Armut und körperlicher Aktivität untersucht.
2.5 Ernährung in der Armut
Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass Armut in Deutschland nur in Ausnahmefällen zu hungernden Kindern führt. Jedoch gehen viele Kinder ohne Frühstück in die Schule und ernähren sich ungesünder als nicht arme Altersgenossen. Das Ernährungsverhalten der Kinder wird vor allem von dem der Eltern geprägt. Bildungsstatus und Handlungsressourcen der Eltern beeinflussen es erheblich, jedoch stellen geringe finanzielle Mittel Grenzen beim Einkauf von Nahrungsmitteln dar. Wenn das Geld knapp ist, wird weniger auf Qualität geachtet. Besonders in der zweiten Monatshälfte verschlechtern sich Ernährungsumfang und -qualität, denn Ernährung ist leichter zu beschränken als andere notwendige Ausgaben wie beispielsweise Wohnkosten. Kinder in Armutslagen konsumieren häufiger Zucker und fetthaltige Lebensmittel. Sie verzehren somit Nährstoffe, die eine negative Wirkung auf Herz und Kreislauf haben oder z.B. verschiedene Krebsarten verursachen, und seltener solche, die eine Schutzfunktion vor bestimmten Krankheiten haben können (Maasberg u. Richter 2004). Laut Chassé et al. (2003) bekommen Kinder oftmals Süßigkeiten, um sie von ihrer trostlosen Lage abzulenken und die mangelnde Zuwendung der Eltern zu kompensieren. Ulbricht et al. (1992) bestätigen durch Haushaltsbudgeterhebungen, dass es deutliche Zusammenhänge zwischen Armut und Ernährung gibt. Margarine, Eier, Fleisch- und Wurstwaren werden in den unteren sozialen Schichten in größeren Mengen konsumiert. Dagegen gewinnen Obst, Gemüse, Quark sowie Fein- und Konditoreiwaren erst mit steigendem Haushaltseinkommen an Bedeutung. Auch Untersuchungen von Klocke (1995) betrachten den Zusammenhang zwischen der sozialen Lage und Ernährungsgewohnheiten. Hierbei wird die soziale Lage über Variablen wie Wohnsituation, Anzahl der Automobile im Haushalt oder der Urlaubsreisen im Jahr definiert und mit dem sozialen Herkunftsmilieu in Verbindung gebracht. Die Untersuchungen ergeben, dass die berufliche Tätigkeit
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und der Bildungsabschluss der Eltern in einem direkten Zusammenhang mit dem Haushaltsnettoeinkommen stehen. Sie zeigen außerdem, dass Schüler aus den unteren sozialen Schichten weniger häufig Vollmilch, Vollkornbrot, Obst und Gemüse, dafür aber mehr Chips, Pommes Frites, Cola und andere Süßgetränke zu sich nehmen, als Schüler aus höheren sozialen Schichten. Die folgende Darstellung veranschaulicht das Ernährungsverhalten von Kindern und Jugendlichen in Abhängigkeit der sozialen Lage.
Abb.2: Ernährungsverhalten von Kindern und Jugendlichen nach sozialer Ungleichheit
Datenbasis: HBSC (1994).
Quelle: http://www.hag-gesundheit.de/documents/vortragj_103.pdf
Neuere Untersuchungen über die Lebenslage von Kindern und Jugendlichen haben ergeben, dass die Qualität, die Ausgewogenheit und die Regelmäßigkeit der Ernährung in armen Familien nicht gesichert ist. Viele Kinder gehen ohne Frühstück aus dem Haus, haben in der Schule kein Pausenbrot oder Mittagessen. Manche vergessen morgens zu essen, weil sie fernsehen oder Gameboy spielen. Die Ernährung wird hier häufig vernachlässigt und auf ein gemeinsames Frühstück und regelmäßige Mahlzeiten keinen großen Wert gelegt (Chassé et al. 2003). Eine
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Untersuchung der AWO besagt, dass 16% der armen Kinder hungrig in Kindertagesstätten kommen (Klocke 2001).
Auch eine Studie der Universität Bielefeld über die gesundheitliche Situation von Kindern und Jugendlichen im Alter von 12 bis 16 Jahren und ihre soziale Lage macht die Vernachlässigung der Ernährung in den unteren sozialen Schichten deutlich. Sie zeigt genau wie Ulbricht et al. (1992) sowie die Untersuchungen von Klocke (1995), dass Kinder und Jugendliche armer Haushalte weniger gesunde Nahrungsmittel (Vollkornbrot, Obst, Gemüse, etc.) und häufiger ungesunde Lebensmittel (Fast- Food, Süßigkeiten, etc.) und Süßgetränke konsumieren. Hinzu kommt, dass sie mehr fernsehen und seltener Sport treiben (HBSC - Health Behavior in School- aged Children 1998).
2.6 Bewegung in der Armut
Chassé et al. (2003) bestätigen durch Untersuchungen (Kernstück der Untersuchungen waren 14 Fallstudien von sozial benachteiligten Grundschulkindern) einen häufigen Fernsehkonsum bei Kindern und Jugendliche der unteren sozialen Schicht. Hierbei hat sich herausgestellt, dass fast in allen untersuchten Haushalten mindestens ein Fernsehgerät vorhanden war. In einzelnen Fällen hatten die Kinder sogar ein eigenes Gerät in ihrem Zimmer. Fast alle untersuchten Kinder sahen regelmäßig abends fern. Der Ernährungsbericht der DGE (2000) belegt, dass ein hoher Fernsehkonsum in engem Zusammenhang mit Bewegungsmangel steht.
Nach Untersuchungen des Robert- Koch Instituts gibt es einen Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und der sozialen Schicht. Diese besagen, dass ein geringer sozioökonomischer Status einen negativen Einfluss auf sportliche Freizeitaktivitäten von Männern und Frauen hat. Der Kostenaufwand für verschiedene Sportarten könnte eine Ursache für diese geringe körperliche Aktivität in den unteren sozialen Schichten sein, da in Armut lebende Personen auf Grund der geringen finanziellen Mittel kaum in der Lage sind sportliche Aktivitäten auszuführen, die mit Kosten einhergehen (Mensink 2003).
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Bei Kindern und Jugendlichen der unteren sozialen Schicht ist das Risiko an Übergewicht zu erkranken bedeutend höher als bei solchen, die in den oberen Schichten leben. Die Kieler Adipositas Präventionsstudie bestätigt den Zusammenhang zwischen dem sozialen Status und Übergewicht. Bei der Studie im Kieler Raum von 1996 bis 2003 wurden in jährlich stattfindenden schulärztlichen Eingangsuntersuchungen etwa 7500 Kinder im Alter zwischen 5 und 11 Jahren erfasst und im Hinblick auf biologische, sozioökonomische, ernährungs- und verhaltensrelevante Faktoren charakterisiert. Die Untersuchungen ergeben, dass Kinder aus sozial schwachen Familien demnach öfter an Übergewicht leiden als Kinder aus besser gestellten Familien. Zudem belegen sie, dass der Fernsehkonsum in sozial schwachen Familien höher ist und die Kinder sich täglich weniger bewegen (www.bll.de).
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Arbeit zitieren:
Katrin Eckebrecht, 2005, Armut und Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen und geeignete Präventionsmaßnahmen , München, GRIN Verlag GmbH
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