- 1 - Peter Tausch Zur Erzählstruktur des `Iwein`
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I n h a l t s v e r z e i c h n i s
- 2 - Peter Tausch Zur Erzählstruktur des `Iwein` ___________________________________________________________________________
1. Einleitung
Die grundlegende Fragestellung, die Hartmann von Aue in seinem späten Meisterwerk `Iwein` thematisiert ist die Frage nach dem idealen Rittertum. Es liegt der Beantwortung dieser Frage eine sehr interessante Konzeption zugrunde. Hartmann stellt seine Hauptfigur in das Spannungsfeld zweier konkurrierender Wertezentren. 1 In der Auseinandersetzung mit den grundlegenden Lebensanschauungen des auf `êre` bedachten Artushofes in Kontrastierung mit dem zentralen `minne`- Gedanken des Laudinehofes lässt Hartmann seinen Held einen Weg beschreiten, der ihn gemäss dem Konzept der Doppelwegstruktur 2 zu einem idealen Rittertum finden lässt.
2. Die Kontrastfunktion der beiden Wertezentren
Entsprechend der Bedeutung des Artushofes als idealisierter Stätte der Ritterschaft, der auch Iwein angehört, nimmt die Erzählung von dort ihren Ausgang.
Welche Werte prägen diese Ritterschaft, deren herausragende Figur Artus ist, der aber selbst nicht als handelnder Ritter in Erscheinung tritt, sondern als Oberhaupt und Repräsentant dieser Wertegemeinschaft fungiert? 3 Kalogrenants Erzählung macht deutlich, welchen Werten die Ritterschaft verpflichtet ist. Ihr Zentralbegriff ist der der `êre`, die erworben wird durch Aventiure-Abenteuer, in deren Verlauf der Ritter durch kriegerische Tüchtigkeit Siege zu erringen hat. 4 Die Problematik dieser Ritterhaltung, ihren pubertären, unreifen Charakter, macht Hartmann deutlich, in dem er den Waldmenschen fragen lässt: „ichn gehorte bi mînen tagen, selhes nie niht gesagen waz aventiure waere.“ 5 Iwein selbst folgt in seinem Verhalten den Normen des Artushofes. Die erlittene Schmach Kalogrenants zu rächen macht er sich auf die Brunnenaventiure als sein Initialabenteuer zu bestehen. Der Zwang den Sieg im Zweikampf beweisen zu müssen, verleitet ihn dazu Askalon `ane zuht` seiner Burg zuzutreiben. Dieses unmässige Verhalten resultiert zum einen aus seiner Jugend, zum anderen aus dem Wertekanon der Artusritterschaft 6 In der Begegnung mit Laudine verfällt Iwein dem zentralen Gedanken des zweiten Wertezentrums des Epos: Laudines Schönheit weckt die Liebe in ihm und in der Anteilnahme an ihrem verzweifelten Schmerz beginnt der Held sein ritterliches Aventiure-Verhalten zu reflektieren: „ sîn heil begunder gote clagen daz ir ie dehein ungemach von sînen schulden geschach.“ 7 Er erkennt sich als Verursacher ihrer Not. Minnigliche Anteilnahme löst Reflexion aus. Schon hier befindet sich Iwein auf dem Weg, den Wertekodex des Laudine-Hofes zu übernehmen. 8
1 siehe zu dieser Konzeption: Hahn, Ingrid: guete und wizzen. Zur Problematik von Identität und Bewusstsein im `Iwein` Hartmanns von Aue. In: Beiträge zu deutschen Sprache und Literatur 1985 2 diese Konzeption ist durch die Analysen von Kellermann, Bezzola und Kuhn heute Allgemeingut der Forschung. Siehe Haug, W.: Literaturtheorie im deutschen Mittelalter. S. 97 3 selbst als seine Frau entführt wird, sind es seine Ritter, die die Verfolgung aufnehmen. 4 Hartmann von Aue, Iwein, Manesse Bibliothek Zürich 2004, Zeile 523 – 543 im Folgenden zitiert als Hartmann. Kalogrenant definiert sein Ansinnen gegenüber dem Waldmenschen in denkbar offener Weise und er bestimmt hier die Sinnlosigkeit der Unternehmungen eines Aventiure-Abenteurers. 5 ebenda Zeile 548 - 549 6 die Angst vor Kaies Spott verleitet ihn zu diesem unritterlichen Verhalten 7 Hartmann, Zeile 1348 - 1350 8 Es geht bei dem Vergleich beider Wertsysteme nicht um die Negierung bestimmter Haltungen. Auch der Artushof kennt selbstverständlich die Minne als integralen Bestandteil des höfischen Lebens. Setzt man aber die `êre` bzw. die `minne` ins jeweilige Zentrum, so ergeben sich Schwergewichtsverlagerungen in Denken und Handeln der Protagonisten. So wird im Wertesystem des Laudinehofes `êre` nicht als Zweck der eigenen
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Das Interpretationsmodell der zwei Wertezentren erlaubt es auch, das Verhalten Gaweins näher zu erklären. Ausgerechnet er, der idealtypischste Vertreter der Artusritterschaft, wird zum entscheidenden Ratgeber, der Iwein zu Fall bringt.
Er sucht in seiner Mahnrede Iwein wieder auf die Ideologie des Artushofes zu verpflichten und ihn vor den Gefahren des ehelichen Alltages zu warnen. Die Fraglosigkeit, mit der Iwein seinem Ratschlag folgt, zeigt noch seine Eingebundenheit in den Wertekodex der Artusritterschaft. Er durchkreuzt mit seinem Antrag auf Urlaub das politische Kalkül Laudines, die ihren Schmerz überwunden hat, ihn als Beschützer des Landes zu gewinnen. Iwein schlägt diese Verpflichtung zur Sorge für das Land, der Übernahme der Herrschaftspflichten, aus und gibt sich mit Gawein dem ritterlichen Vergnügen hin, in dessen Mittelpunkt wieder die Erringung der ritterlichen `êre` steht. Mit dem Vergessen des Termins macht sich Iwein der `untriuwe` aus Leichtlebigkeit schuldig.
Am Hof Königs Artus` prallen die beiden Vorstellungswelten mit dem Erscheinen Lunetes aufeinander. Iwein erreicht der höchstmögliche Fall auf dem Gipfelpunkt seiner ritterlichen Strahlkraft. Er, dem der höchste Preis zufällt, und Gawein waren nun in aller Munde: "swâ man mit worten hie gesaz, diu rede was wab vib ub zwein.“ 9 Von Artus, der höchsten Legitimationsquelle ritterlicher Ehre, geehrt, erleidet er an dessen Hof die höchste Schmach. Sie gilt seinem Inneren. Sein äusserer Glanz und seine Rittertaten blenden die ritterliche Gemeinschaft am Artushof. Genau wie bei Parzival, als Kundrie ihn schmähte, stimmen Inneres und Äusseres nicht zusammen.
Seine innere Schande wird von Lunete aufgedeckt, damit ist sein Rittertum zuschanden gekommen. Diese Offenlegung geschieht vor aller Augen: sie diskreditiert ihn in aller Öffentlichkeit. Dem wesentlichen Aspekt der inneren Erziehung eines Ritters, der Bewahrung der `triuwe` und `staete` konnte Iwein nicht genügen. Die Folgen sind fatal. Der Schmerz und die Schmähung bewirken seinen Verfall in den Wahnsinn und den Verlust der Besinnung. Die Fallhöhe könnte nicht tiefer sein.
Für den freiheitlichen Aspekt dieser Szene spricht, dass Iwein seine Schmach nicht zuerst von aussen erfährt. Bevor Lunette erscheint, wird er sich seines folgenschweren Versäumnisses in solch tiefgreifender Weise bewusst, dass er schon hier die Besinnung verliert. Dass dieses tiefe Erschrecken aus ihm selbst, aus eigener Erkenntnis und Reflexion resultierte, bewahrt ihm sein seine innere Unabhängigkeit und Freiheit.
Iwein flüchtet in den Wahnsinn, da er keinen Halt findet in den beiden Wertesystemen, in denen er sich bisher bewegte: vom Laudinehof seiner inneren Unreife wegen geschmäht, verliert er auch am Artushof seine Ehre als Ritter. Im Bereich der Zivilisation gibt es für ihn keinen Raum mehr. Als er ausser Sichtweite des Artushofes ist, verfällt er in der regellosen Umwelt seiner Triebnatur. Ohne Bewusstsein vegetiert er in den Tiefen der Wildnis. Mit dem Bewusstsein verliert sein Leben jeglichen zivilisatorischen Charakter, dies im stärksten Kontrast zum Bestreben der höfischen Kultur eine höchstmögliche Verfeinerung der zivilisatorischen Bestrebungen zu repräsentieren.
3. Der zweite Aventiurengang
Der doppelte Aventiurenweg steht in unmittelbarer Wechselwirkung zum Sinn und Gehalt des Epos. Die Form bestimmt die Sinnstruktur. In diesem Licht besehen erscheint das Scheitern des Helden nach dem ersten Aventiuregang als eine Notwendigkeit. Ähnlich wie bei Parzival musste Iwein scheitern, weil sein Bewusstseinszustand, geprägt durch den einseitigen `êre` Begriff der Artusritterschaft und bedingt durch seine innere Unbeständigkeit, noch nicht reif genug war, der minniglichen `triuwe` und den daraus sich ergebenden
Existenz aufgefasst, sondern lediglich als Mittel.
9 Hartmann, Zeile 3080 -81
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Peter Tausch, 2005, Die Erzählstruktur des Iwein , Munich, GRIN Publishing GmbH
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