Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Einführung in das Themenfeld Weblogs 3
2.1 Eigenschaften der Weblogs. 3
2.1.1 Definition 3
2.1.2 Technische Besonderheiten. 4
2.2 Geschichte der Weblogs. 6
2.2.1 Die Entstehung eines neuen Medien-Genres 6
2.2.2 Einfluss der US-amerikanischen Blogosphäre. 7
2.2.3 Globale Perspektive 9
2.2.4 Deutsche Blogosphäre. 10
2.2.5 Statistische Daten 12
2.3 Kategorisierungsversuch 13
2.3.1 Anzahl der Autoren 13
2.3.2 Inhaltliche Kategorisierung. 13
2.3.3 Professionalisierungsgrad der Autoren 15
2.3.4 Multimedialität als Kennzeichen 16
3 Online-Kommunikation. 17
3.1 Weblogs: ein Online-Genre. 17
3.1.1 Weblogs als Genre oder Schema. 17
3.1.2 Weblogs in Abgrenzung zu anderen Online-Genres. 18
3.2 Besonderheiten der Online-Kommunikation 20
3.2.1 Vereinfachter Zugang zur Kommunikation 21
3.2.2 Neue Art der Vermittlung 22
3.3 Weblogs und die Online-Kommunikation 23
3.3.1 Herstellung von Öffentlichkeit durch Vernetzung. 23
3.3.2 Eine neue Form der Qualitätskontrolle 24
3.3.3 Teilnahme am Kommunikationsprozess 24
3.3.4 Weblogs und journalistische Standards 26
3.3.5 Professionalisierungsgrad 27
3.4 Bürgerjournalismus und Journalismus-Diskussion. 28
3.4.1 Verwirklichung eines demokratischen Mediensystems? 28
3.4.2 Weblogs und der Journalismus-Begriff 30
3.4.3 Prognose über das Verhältnis von Weblogs und Journalismus 31
II
4 Glaubwürdigkeit und Qualitätsforschung. 35
4.1 Glaubwürdigkeit in der Kommunikationswissenschaft 36
4.1.1 Glaubwürdigkeit im Kommunikationsprozess. 36
4.1.2 Ein multidimensionales Konstrukt. 38
4.1.3 Glaubwürdigkeit des Internet. 41
4.2 Qualitätsforschung 43
4.2.1 Zusammenhang zwischen Glaubwürdigkeit und Qualität 43
4.2.2 Stand der Qualitätsforschung 44
4.2.3 Qualität aus Rezipientensicht. 46
4.2.4 Qualität im Internet 47
5 Methodenteil 50
5.1 Bisherige Forschungsergebnisse 50
5.2 Frage nach der Glaubwürdigkeit und Qualität von Weblogs. 52
5.3 Forschungsfragen und Hypothesenbildung. 54
5.4 Wahl der Methode. 58
5.4.1 Befragung in der Kommunikationswissenschaft 58
5.4.2 Vor- und Nachteile der Online-Befragung. 58
5.5 Operationalisierung 60
5.5.1 Operationalisierung der Konstrukte 60
5.5.2 Aufbau des Fragebogens 61
5.6 Ziehung der Stichprobe 63
5.7 Pretest. 64
5.8 Diskurs: Reaktionen der Blogosphäre auf den Fragebogen. 65
6 Ergebnisse 67
6.1 Besonderheiten der Stichprobe 67
6.2 Dimensionsreduktion durch Faktorenanalysen 69
6.3 Glaubwürdigkeitsbeurteilungen 70
6.3.1 Glaubwürdigkeit von Weblogs und Online-Magazinen 70
6.3.2 Intramediale Glaubwürdigkeitsunterschiede. 73
6.3.3 Abhängigkeit von soziodemografischen Merkmalen. 76
6.4 Qualitätsbewertungen. 83
6.4.1 Vergleich der Qualitätsurteile 83
6.4.2 Intramediale Qualitätsunterschiede. 86
6.4.3 Abhängigkeit von soziodemografischen Merkmalen. 86
III
6.5 Erklärung der Glaubwürdigkeitszuschreibungen. 88
6.5.1 Einflüsse auf die Beurteilung der Kompetenz von Weblogs 89
6.5.2 Einflüsse auf die Vertrauenswürdigkeit der Weblogs. 92
6.5.3 Einflüsse auf die Glaubwürdigkeit bei Online-Magazinen. 92
7 Schluss 95
8 Literaturverzeichnis. 98
9 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis 114
10 Anhang 115
10.1 Anschreiben 115
10.2 Stichprobe 116
10.3 Online-Fragebogen. 119
10.4 Tabellenanhang 126
IV
1 Einleitung
Wenige Minuten, nachdem Bundeskanzler Gerhard Schröder am 22. Mai 2005 Neuwahlen des Bundestages angekündigt hatte, begann im Internet der Wahlkampf. Bürger formierten sich und starteten so genannte Wahlkampf-Weblogs, auf denen die Autoren aus ihrer persönlichen Sicht berichten und eine Alternative zur Berichterstattung der traditionellen Medien bieten wollen. Weblogs, von Einzelpersonen regelmäßig bestückte Internetseiten, erlangen in Deutschland immer mehr politische Bedeutung.
In anderen Ländern wie den USA oder Iran spielen Weblogs dagegen schon seit einiger Zeit eine Rolle bei der Setzung der Themenagenda. Es ist somit wahrscheinlich, dass ihre Verbreitung auch in Deutschland weiter ansteigen wird und sie ihre Bedeutung im Mediensystem erhöhen können. Das Besondere an Weblogs ist, dass jeder Bürger sich in den Kommunikationsprozess eingliedern kann und dort - wegen der Vernetzung von Weblogs untereinander - auch Gehör findet. Über das Phänomen Weblogs liegen bislang kaum empirische Untersuchungen vor. Experten diskutieren, ob Autoren von Weblogs den Anspruch haben, Journalismus zu betreiben. Wie wird ihr zukünftiges Verhältnis zum traditionellen Journalismus aussehen? Werden sie diesen ergänzen, verändern oder gar verdrängen? Welche Rolle werden sie im Mediensystem spielen? Sind sie Ursache einer Medienrevolution oder „zu 99 Prozent Müll“, wie der Chefredakteur von Spiegel Online Mathias Müller von Blumencron meint? Ganz entscheidend hängt die Beantwortung dieser Fragen von dem Informationsgehalt für den Leser ab. Nur wenn Rezipienten ein Weblog als glaubwürdig und qualitativ hochwertig ansehen, werden sie dieses zur Information nutzen. An Hand einer Online-Befragung soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden, inwieweit Weblogs schon jetzt als glaubwürdig und qualitativ hochwertig beurteilt werden. Mit den Ergebnissen der Umfrage soll ergründet werden, welche Faktoren die Glaubwürdigkeit eines Weblogs beeinflussen, und eine Prognose über die zukünftige Entwicklung der Weblogs gefällt werden. Während zu den Motiven von Weblog-Anbietern erste Untersuchungen vorliegen, blieb die Nutzer-Perspektive bislang weitgehend ausgeklammert. Die vorliegende Arbeit soll dazu erste Ergebnisse liefern.
1
Dabei wird folgendermaßen vorgegangen: Zunächst soll in Kapitel 2 das Phänomen Weblogs aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht geklärt werden. Die Besonderheiten und die Entwicklung des neuen Medien-Genres werden skizziert, wobei auch die Blogosphäre in denjenigen Ländern berücksichtigt wird, in denen Weblogs bereits einen größeren Einfluss im Mediensystem erlangt haben als in Deutschland. Anschließend wird ein System zur Kategorisierung von Weblogs vorgeschlagen. In Kapitel 3 soll aufgezeigt werden, wie sich Weblogs von anderen Online-Genres abgrenzen und welche Besonderheiten die Online-Kommunikation mit sich bringt. Im Internet hat jeder Nutzer die Möglichkeit, selbstständig zu publizieren. Das Gatekeeper-Monopol der professionellen Journalisten schwindet und die Vermittlungsknappheit hat ein Ende, da nun jeder zum Kommunikator werden kann. Bislang wurden die Möglichkeiten des Internet jedoch nicht ausgeschöpft. Seit Verbreitung der Weblogs scheint dies jedoch möglich geworden, da erstmals eine Art Bürgerjournalismus entstehen könnte, der sich zum Teil vom traditionellen Journalismus unterscheidet. Das Potential eines Bürgerjournalismus wird anschließend diskutiert. Es werden verschiedene Szenarien möglicher Entwicklungen des Phänomens Weblogs skizziert. Ein wichtiger Faktor für die Verbreitung einer Publikationsform ist die Glaubwürdigkeit und die dem Rezipienten transparente Qualität der Information, die im Folgenden in Kapitel 4 untersucht werden: Dort wird auf die Tradition der Glaubwürdigkeits- und Qualitätsforschung in der Kommunikationswissenschaftmit besonderer Berücksichtigung bisheriger Ergebnisse für das Interneteingegangen. In Kapitel 5 werden in einer Studie die Glaubwürdigkeits- und Qualitätswahrnehmungen der Rezipienten untersucht: Dazu werden Kriterien zur Bewertung von Weblogs entwickelt, die in einem Fragebogen operationalisiert werden. Im Anschluss (Kapitel 6) werden die Ergebnisse der explorativen Online-Befragung erläutert, mit deren Hilfe das Potential von Weblogs eingeschätzt werden soll und eine Prognose über das zukünftige Gewicht von Weblogs in der Medienlandschaft gefällt werden soll.
2
2 Einführung in das Themenfeld Weblogs
Die Entwicklung der Massenmedien hing schon immer von den technischen Voraussetzungen ab (McLuhan 1995, Plake et al. 2001). So hatte im 15. Jahrhundert Johannes Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern katalysatorische Wirkung für die Entwicklung der Massenmedien (Giesecke 1998). Fernsehen und Radio konnten erst realisiert werden, als die technischen Gegebenheiten vorhanden waren. Und nur durch die Entwicklung von Internet, einfachen Content-Management-Systemen 1 und Social Software 2 konnten Weblogs entstehen (Bowman/Willis 2003: 19). Werden sich Weblogs zu einem Medium für die Massen entwickeln? Im Folgenden soll das neue Phänomen Weblogs genauer beschrieben werden.
2.1 Eigenschaften der Weblogs
2.1.1 Definition
Der Begriff Weblog 3 leitet sich aus den Wörtern Web und Logbuch ab. Es ist also eine Art Logbuch für das World Wide Web. Die Kurzform lautet Blog. Die Gesamtheit aller Weblogs wird allgemein als Blogosphäre bezeichnet, der Autor eines Weblogs als Blogger. Die Tätigkeit des Publizierens über ein Weblog heißt Bloggen.
Formal lassen sich Weblogs folgendermaßen definieren: Weblogs sind Webseiten, die häufig aktualisiert werden und deren Beiträge in umgekehrter chronologischer Reihenfolge erscheinen - also die neuesten an oberster Stelle. Die Beiträge können
1 Content-Management-Systeme sind einfach zu bedienende Systeme, die das Zusammenspiel zwischen Benutzern und einer Webseite regeln, wobei kaum Programmierkenntnisse nötig sind.
2 Social Software ermöglicht eine weltweite Kollaboration und Vernetzung von Personen und Inhalten.
3 Der Begriff Weblog wird im Deutschen als Neutrum gebraucht.
3
Text, Bilder, Videos oder Audiodateien enthalten. In der Regel haben Leser die Möglichkeit, Kommentare zu den Beiträgen zu verfassen. Unter jedem Beitrag sind gewöhnlich der Name des Autors oder ein Synonym sowie das Datum und die Uhrzeit der Veröffentlichung angegeben. Meist enthält ein Weblog interne und externe Hyperlinks 4 auf Beiträge oder Webseiten und eine externe Link-Liste mit den Lieblingswebseiten des Autors - Blogroll genannt (Herring et al. 2004: 1, Gillmor 2004: 29, Bowman/Willis 2003: 8, Moor/Efimova 2004: 198, Welch 2003, Wijnia 2004). Weblogs werden meist von Einzelpersonen geführt - gelegentlich auch von Gruppen oder als Gemeinschaftsweblog (Clyde 2004: 2). Inhaltlich lässt sich feststellen, dass Beiträge meist recht kurz sind (Mortensen/Walker 2002: 249). Oft bestehen sie nur aus einer kurzen Textpassage und einem Hyperlink auf einen anderen Beitrag oder eine externe Webseite. Thematisch variieren Weblogs sehr stark. In einer explorativen Befragung in Deutschland gaben Autoren thematischer Weblogs 5 an, über welche Inhalte sie berichten: Es überwiegen Internet- und Computerthemen (66 Prozent), Kultur (59 Prozent), Politik (26 Prozent), Medien (26 Prozent), Kunst (23 Prozent), Musik (16 Prozent) und Wirtschaft (13 Prozent). 42 Prozent der Beiträge beziehen sich auf andere Beiträge im Internet, 49 Prozent sind persönliche Beiträge ohne Bezüge zu anderen Webseiten (Neuberger 2005: 86f.). Viele Autoren berichten in ihren Weblogs über Persönliches, was dem Führen von Tagebüchern ähnelt (Herring et al. 2004: 3).
Ein weiteres Kennzeichen von Weblogs ist, dass Beiträge meist eine sehr subjektive Perspektive haben (Zerfaß 2005: 4, Welch 2003, Bonstein/Schulz 2005).
2.1.2 Technische Besonderheiten
Weblogs beruhen auf einfach zu bedienenden Content-Management-Systemen, die es auch HTML 6 unerfahrenen Nutzern ermöglichen, im Internet zu veröffentlichen.
4 Hyperlinks oder kurz Links sind Verweise auf ein anderes Dokument in einem Hypertext.
5 Thematische Weblogs sind Weblogs mit vorwiegend aktuellen Inhalten aus Politik und Gesellschaft, vgl. Kapitel 2.3.2.
6 Hypertext Markup Language (HTML) ist eine Programmiersprache, mit der Internetseiten erstellt werden können.
4
Zahlreiche Blog-Software-Anbieter stellen den Nutzern ihre Dienste kostenlos zur Verfügung. 7
Eine Besonderheit von Weblogs ist, dass sie untereinander stark vernetzt sind. In Weblogs werden meist Links auf andere Webseiten oder Beiträge gesetzt. Jeder Beitrag ist einzeln über eine URL 8 adressierbar, die als Permalink bezeichnet wird (Zerfaß 2005: 11). Dadurch entstehen Netzwerke von untereinander verbundenen Webseiten und Beiträgen. Internet-Suchmaschinen wie Google sortieren nach dem Prinzip: Je mehr Querverweise auf eine Webseite existieren, desto höher wird diese in den Ergebnislisten eingeordnet. Deswegen erscheinen Weblogs in Suchmaschinen-Rankings verhältnismäßig weit oben.
Auf Weblogs spezialisierte Suchmaschinen helfen den Nutzern bei der Orientierung in der Blogosphäre. In den USA gibt es seit dem Jahr 2002 die Blogsuchmaschine Technorati 9 . Im September 2005 listete sie mehr als 16,4 Millionen Weblogs, wobei jeden Tag tausende neu dazukommen. Ähnlich wie bei Google hängt die Listung von der Link-Struktur ab. Außerdem werden aktuelle Beiträge bei den Trefferlisten bevorzugt. Um in einer Suchmaschine erfasst zu werden, wird von Weblogs für jeden Beitrag ein Ping an die Suchmaschine gesendet, was automatisch geschieht. Nach einem ähnlichen Prinzip wie Technorati operiert die deutsche Weblog-Suchmaschine Blogverzeichnis, die 62.500 Weblogs listet. 10 Technische Entwicklungen haben die Vernetzung von Weblogs weiter verbessert. Mit dem Trackback „wurde das Problem behoben, dass ein Hyperlink (…) nur einseitig ausgerichtet ist“ (Schmidt 2005: 28). Ein Link von Seite A auf Seite B führt mittels Trackback wieder zu Seite A zurück: Es wird aufgezeigt, welche Beiträge den ursprünglichen Beitrag verlinken.
Eine weitere Neuerung ist RSS, das Really Simple Syndication bedeutet. 11 „RSS (…) stellt ein Content Syndizierungsformat dar, das die einfache Verbreitung von Webinhalten mittels so genannter Feed-Reader ermöglicht. Diese stellen eine Art Minibrowser dar, der die wesentlichen Informationen der neuen Nachrichten mit Titel und kurzer Textzusammenfassung wiedergibt“ (Fischer/Quiring 2005: 9).
7 Im deutschsprachigen Raum gibt es die Blog-Dienstleister Blogger.com, Myblog, Blogg.de, 20six, twoday.net, livejournal.com oder TypePad.
8 Eine Uniform Resource Locator (URL) identifiziert eine Ressource über ihren primären Zugriffsmechanismus (oft http) und den Ort der Ressource in Computernetzwerken. Im Deutschen wird der Begriff synonym mit Adresse verwendet.
9 URL: http://www.technorati.com
10 URL: http://blogg.de/list.php, Stand September 2005.
11 Daneben kursieren weitere Definitionen für RSS wie Rich Site Summary oder Really Saturated Space.
5
Die Nutzer können ein Feed auf einem Weblog abonnieren. Clients überprüfen dann laufend die als Favoriten vorgemerkten Weblogs nach neuen Einträgen und die Nutzer erhalten somit automatisch Änderungen des jeweiligen Weblogs auf ihrem Computer (Ito 2004, Fischer/Quiring 2005: 9). Dadurch ermöglicht RSS eine rasche und einfache Verbreitung von Informationen. So meint der Technikexperte Chris Pirillo:
„RSS suddenly makes the Internet work the way it should. Instead of you searching for everything, the Internet comes to you on your terms“ (zitiert nach Gillmor 2004: 39).
Die Entwicklung und die Eigenschaften der Weblogs hängen also von den technischen Möglichkeiten ab. Howard Rheingold, Autor des Buches Smart Mobs, ist der Ansicht:
„Genau genommen ist nicht die Masse clever, sondern die Geräte sind es, die sie zusammenbringt.“ (zitiert nach Brückerhoff 2001).
Hans Magnus Enzensberger (2000: 24) dagegen vertritt in seiner Schrift Das digitale Evangelium die These:
„Entscheidend ist nicht das technische Potential, sondern der Gebrauch eines Mediums.“
Technische Gegebenheiten schienen somit zwar Bedingung für die Verbreitung und Entwicklung eines Mediums zu sein, aber nicht die alleinige Ursache dafür. Auch die Umsetzung durch Autoren und Nutzer ist dafür entscheidend. Ob Weblogs das Potential haben, Einfluss auf die Massenkommunikation auszuüben und das Mediensystem zu verändern, wird im dritten Kapitel diskutiert. Zunächst wird jedoch auf die historische Entwicklung der Weblogs eingegangen.
2.2 Geschichte der Weblogs
2.2.1 Die Entstehung eines neuen Medien-Genres
Die Geschichte der Weblogs ist fast genauso alt wie die des World Wide Web, dessen Entstehung auf das Jahr 1990 zurückgeht. Als erstes Weblog wird die
6
Webseite des US-amerikanischen Erfinders des World Wide Web Tim Berners-Lee gesehen, der im Jahre 1991 am Kernforschungszentrums CERN auf einer Seite fortlaufend chronologisch die Entwicklung der neuen Internet-Technik protokollierte 12 (Herring et al. 2004: 1). Der Begriff Weblog wurde zum ersten Mal 1997 von Jorn Barger verwendet: In seinem Netztagebuch Robot Wisdom 13 fasste er eine Auswahl an Links aus dem World Wide Web zusammen (Blood 2000, Möller 2005: 115, Koch/Haarland 2004: 74).
Als im Jahre 1999 in den USA die erste freie Weblog-Software Pitas verfügbar wurde, stieg die Zahl der Weblogs an (Jensen 2003, Zerfaß 2005: 5). Während Anfang des Jahres 1999 lediglich 23 Weblogs existierten, gab es 2002 bereits geschätzte 500.000 Weblogs weltweit (Gill 2004).
2.2.2 Einfluss der US-amerikanischen Blogosphäre
Vor 1999 fungierten Weblogs noch fast ausschließlich als Informationsfilter meist für technische Themengebiete. Doch Weblog-Autoren berichteten zunehmend auch über persönliche Themen (Blood 2000, Gill 2004, Mortensen/Walker 2002: 249). Von der Jahrtausendwende an wandten sich Blogger schließlich verstärkt öffentlich relevanten - oft politischen - Themen zu (Neuberger 2003b). Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 in New York entstanden zahlreiche Weblogs, auf denen die Autoren ihre persönlichen Gefühle, Meinungen und Beobachtungen in Bezug auf die Ereignisse mitteilten. Die Blogger berichteten kritisch und perspektivenreich über Dinge, die in den traditionellen Medien nicht berücksichtigt wurden (Koch/Haarland 2004: 97, Mortensen/Walker 2002: 259, Thompson 2003). Weblogs, die den Krieg gegen den Terrorismus analysieren, werden als Warblogs bezeichnet (Bowman/Willis 2003: 34). Im Irak-Krieg 2003 dienten Weblogs Journalisten, Mitgliedern von Hilfsorganisatoren, Soldaten und irakischen Bürgern als Mittel, um aus dem Krisengebiet zu berichten. Sie boten den Rezipienten eine Alternative zu der Berichterstattung der embedded reporter, den von der amerikanischen Regierung kontrollierten Journalisten. Der bekannteste Blogger des Krieges war der Iraker
12 Die Seite ist archiviert unter http://www.w3.org/History/19921103-hypertext/hypertext/WWW/ News/9201.html.
13 Die Webseite ist nicht mehr online verfügbar.
7
Salam Pax. Sein Weblog Where is Raed? 14 , auf dem er authentisch von dem Alltagsleben in Bagdad berichtete, erzielte täglich bis zu drei Millionen Zugriffe von Menschen aus zahlreichen Nationen (Möller 2005: 132). Vier Prozent der Amerikaner bezogen während des Irak-Krieges Informationen über Weblogs (Thompson 2003).
Weblogs konnten in den USA zunehmend ein Massenpublikum erreichen. 100.000 Leser besuchten im Jahr 2002 täglich das bekannteste Weblog der USA Instapundit 15 von Glenn Reynolds. Dies entspricht den Reichweiten von Tageszeitungen oder Fernsehsendungen (Gill 2004). Wegen der Aufmerksamkeit, die Weblogs erlangt hatten, begannen die traditionellen Medien 16 in den USA, Weblogs in ihr Angebot zu integrieren (Gill 2004). 17
Im Dezember 2002 demonstrierten die Blogger in den USA ihre Macht als Citizen Media: US-Senator Trent Lott hatte sich auf einer politischen Veranstaltung rassistisch geäußert. Während andere Medien dies nicht weiter verfolgten, wurde im Internet die Berichterstattung auf Weblogs so lange aufrecht erhalten, bis die traditionellen Medien doch über Lott berichteten und dieser schließlich zurücktreten musste (Scott 2004, Gillmor 2004: 44f, Thompson 2003). Im September 2004 wiesen Blogger dem CBS-Journalisten der Sendung 60 Minutes, Dan Rather, nach, dass dieser auf gefälschte Dokumente über die Militärzeit von US-Präsident George W. Bush hereingefallen war. Die traditionellen Medien griffen das Thema auf. Rather konnte die Vorwürfe der Blogger nicht entkräften und musste seinen Beruf aufgeben (Hewitt 2005: 37ff, Bieler 2005: 33).
Auch während des US-Präsidentschafts-Wahlkampfes 2004 spielten Blogger eine wichtige Rolle. Howard Dean, Bewerber für das Amt des Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, war der erste Politiker, der ein Wahlkampf-Weblog betrieb, um für seine Politik, Engagement und Spenden zu werben. Das Weblog Blog for America 18
14 URL: http://www.dear_raed.blogspot.com. Die Beiträge des Weblogs sind inzwischen in Buchform veröffentlicht worden, siehe Pax (2003).
15 Die URL lautet http://www.instapundit.com. Inzwischen (September 2005) hat Instapundit täglich 300.000 Leser.
16 Unter traditionellen Medien werden im Folgenden Medien oder Mediengenres verstanden, die in einer Redaktion organisiert sind und deren Mitarbeiter mit ihrer Tätigkeit Geld verdienen. Dazu zählen neben Printmedien und Rundfunk auch Online-Magazine.
17 U.a. The New York Times, the San Jose Mercury News, the Minneapolis Star Tribune, the Boston Globe, the Congressional Quarterly und the San Francisco Bay Guardian sowie die Fernsehsender Fox News, ABC News und MSNBC haben Weblogs in ihrem Online-Angebot eingerichtet.
18 Die URL lautet: http://www.blogforamerica.com. Allerdings verfasste Howard Dean nur wenige Beiträge auf dem Weblog selbst.
8
diente zum Meinungsaustausch und zur Organisationsplanung für die Dean-Anhänger (Trippi 2004: 36, Gillmor 2004: 94ff.). Im anschließenden Präsidentschaftswahlkampf führten auf Grund des großen Erfolges der Dean-Kampagne die Wahlkampfteams der beiden Kandidaten George W. Bush und John Kerry Weblogs ein. Blogger wurden als Berichterstatter neben den Journalisten traditioneller Medien zu den Wahlkampfveranstaltungen der Parteien eingeladen (Patalong 2004, Bieler 2005: 33). Rund neun Prozent der amerikanischen Internet-Nutzer gaben an, während des Wahlkampfes politische Weblogs „regelmäßig“ oder „manchmal“ gelesen zu haben (Rainie 2005a). Blogger haben sich in den USA bereits als eine Art Institution etabliert. Es gelingt ihnen, die Medien-Agenda mitzubestimmen.
2.2.3 Globale Perspektive
Auch in anderen Ländern spielen Weblogs im Mediensystem eine Rolle. Nach der Tsunami-Katastrophe in Südostasien im Dezember 2004 erlangten Blogger weltweit Aufmerksamkeit, indem sie von ihren Eindrücken berichteten und Fotos oder Videos im Internet publizierten - oft schneller und detaillierter als die traditionellen Medien (Gelinsky 2005: 8). Auch nach den Terroranschlägen von London am 7. Juli 2005 griffen traditionelle Medien auf Berichte von Bloggern zurück, ehe sie selbst Augenzeugen befragen konnten. 19
In Ländern, in denen es kein oder nur ein eingeschränktes Recht auf freie Meinungsäußerung gibt, hat die Blogosphäre meist große Bedeutung für die Massenkommunikation erlangt (Gillmor 2004: 140): Blogger berichten über Themen, die öffentlich nicht diskutiert werden dürfen. Im Iran beispielsweise hat die Bevölkerung durch Weblogs die Möglichkeit bekommen, über Politik, Kultur oder Lebensweisen zu kommunizieren. Jedoch werden zunehmend Zensurmaßnahmen ergriffen: Einige Autoren wurden verhaftet, der Zugang zu einigen Weblogs wird blockiert (Stegers 2004, Lueken 2004: 31). Auch in Saudi-Arabien, im Irak oder in China werden Weblogs zensiert und Blogger verfolgt (Zimprich 2004, Bieler 2005: 33).
19 Spiegel Online (http://www.spiegel.de/netzwelt/netzkultur/0,1518,364114,00.html) und sueddeutsche.de (http://www.sueddeutsche.de/computer/artikel/346/56290) berichteten beispielsweise über Reaktionen der Blogger auf die Anschläge.
9
Seit Februar 2000 gibt es in Südkorea das Online-Magazin Oh my News, dessen
Inhalte hauptsächlich von den Lesern selbst produziert werden. 38.000 Citizen
Reporter schreiben gemeinsam mit 50 professionellen Journalisten für Oh my News
(Outing 2005) Mehr als zwei Millionen Personen lesen das Online-Magazin täglich
(Lasica 2003b) Während der vergangenen beiden Präsidentschaftswahlkämpfe hatte
es großen Einfluss auf die südkoreanische Politik (Gillmor 2004: 93) Mehr als 14
Millionen Menschen betreiben in Südkorea ein Weblog (Lohmöller 2005: 223)
Auch in europäischen Ländern werden Weblogs populärer. In Frankreich gibt es
bereits über drei Millionen Weblogs (Kramliczek 2005: 17) Experten erklären diese
verhältnismäßig hohe Anzahl mit der in der französischen Geschichte verankerten
Kultur der Debatten (Andrews 2005) Die Ablehnung der EU-Verfassung bei der
Volksabstimmung am 29. Mai 2005 wird unter anderem dem Einfluss kritischer
Blogger zugeschrieben (Wegner 2005, Bieler 2005: 33) Zahlreiche französische
Politiker wie der Sozialist Dominique Strauß-Kahn oder der ehemalige
Premierminister Alain Juppé führen eigene Weblogs. 20
2.2.4 Deutsche Blogosphäre
Auch in Deutschland steigt das Interesse an Weblogs. Die Berichterstattung in den
traditionellen Medien über das Phänomen Weblogs hat in den vergangenen Monaten
zugenommen. Im Zeitraum von November 2004 bis Juli 2005 wurde in den
deutschen „Meinungsführermedien“ mehr als 270-mal über Weblogs berichtet
(Wegner 2005) Traditionelle Medien wie Die Zeit, der Berliner Tagesspiegel, die
S üddeutsche Zeitung und die ARD-Tagesschau haben Weblogs in ihr Konzept
integriert. 21 Die Rheinische Post startete im Februar 2005 Opinio, die erste gedruckte
Zeitung , deren Beiträge allein von Lesern verfasst werden (Herrmann 2005: 17) Das
meist gelesene deutsche Weblog Bildblog 22 , das die Fehler und Missverständnisse
der Bild-Zeitung aufzeigt, verzeichnet derzeit täglich rund 40.000 Leser, der
Schockwellenreiter 23 , ein von Jörg Kantel geführtes Weblog über Technik, monatlich
115.000 Visits.
20 URLs: http://www.blogdsk.net und http://al1jup.com
21
Die URLs lauten: http://www.zeit.de/blogs/index, http://www.tagesspiegel.de/weblogs,
http ://www.blog.sueddeutsche.de und http://www.blog.tagesschau.de.
22 URL: http://www.bildblog.de
23 URL: http://www.schockwellenreiter.de
10
Auch die deutsche Blogosphäre konnte bereits die Medien-Agenda mitbestimmen: Als im Dezember 2004 der Blogger Johnny Häusler auf seinem Weblog Spreeblick 24 die Verkaufspraktiken des Mobilfunk-Klingelton-Anbieters Jamba kritisierte, griffen andere Blogger das Thema auf, setzten Hyperlinks auf Spreeblick und schrieben kritische Kommentare unter Häuslers Beitrag. Wegen des hohen Google-Rankings und der dadurch entstandenen negativen Publicity versuchten Jamba-Mitarbeiter, mit Kommentaren auf Spreeblick ihre Firma positiv darzustellen. Als dies entdeckt wurde, berichteten auch die traditionellen Medien über den Fall und Jambas Image litt (Stöcker 2005, Bonstein/Schulz 2005, Zerfaß 2005: 20).
Kommunikationswissenschaftler Jan Schmidt meinte nach dem Fall Jamba: „Die deutsche Blogosphäre [hat] eine kritische Masse erreicht“ (Stöcker 2005). In Deutschland fungieren Weblogs oft als Überwacher der traditionellen Medien. So machten Blogger beispielsweise publik, dass Spiegel online in einem Beitrag ungekennzeichnet Textpassagen aus der kollaborativ erstellten, freien Enzyklopädie Wikipedia übernommen hatte oder dass Focus online eine Pressemitteilung der Firma Jamba nicht als Werbung markierte, sondern als Nachricht veröffentlichte (Sixtus 2005).
Vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Mai 2005 haben Weblogs politische Bedeutung erlangt. Erstmals nutzten Parteien, Kandidaten und auch Bürger Weblogs für die politische Information und Diskussion (Abold 2005: 2). Nach der Ankündigung der vorgezogenen Neuwahlen stieg die Anzahl der politischen Weblogs und Wahlkampf-Blogs rasant an. Auf Gemeinschaftsblogs wie Wahlblog, Wahlblog05 oder Lautgeben diskutierten Bürger über Politik. 25 Aber auch die Parteien und einzelne Kandidaten haben Weblogs eingerichtet. Der Hamburger SPD-Bürgermeisterkandidat Thomas Mirow war der erste Politiker in Deutschland mit einem eigenen Weblog, das im Januar 2004 startete (Alphonso/Pahl 2004: 322). 26 Inzwischen führen Bundes-Justizministerin Brigitte Zypries, Andrea Nahles (beide SPD), Oswald Metzger (Grüne), Silvana Koch-Mehrin (FDP) oder Petra Pau (PDS) Online-Tagebücher. 27 Die SPD setzte im Bundestagswahlkampf 2005 von allen
24 Im Internet unter: http://www.spreeblick.com/blog/index.php
25 Die URLs lauten: http://wahlblog.de/, http://www.wahlblog05.de, http://www.lautgeben.de.
26 Thomas Mirows Weblogs ist unter http://thomasmirow.blogg.de abrufbar; inzwischen eingestellt.
27 Im Internet unter: http://blog.brigittezypries.de, http://blog.focus.msn.de/nahles,
http://blog.focus.msn.de/metzger, http://blog.focus.msn.de/kochmehrin, http://tagebuch.aol.de/Petra Pau1/PetraPau
11
Parteien am stärksten auf Weblogs: Auf der Webseite http://www.rote-socken.de konnten Anhänger eigene Weblogs einrichten und sich am Wahlkampf beteiligen (Herrmann 2005b: 35). Wahlblogs sollen die Wähler zum Engagement motivieren, die Debatte mit den Bürgern intensivieren und für den jeweiligen Politikstil werben. Allerdings berichtet in Deutschland weiterhin ein Großteil der Blogger über private Angelegenheiten, eine Politisierung der Blogosphäre ähnlich wie in den USA oder Frankreich blieb bislang aus.
2.2.5 Statistische Daten
Weltweit gibt es nach Schätzungen inzwischen mehr als 70 Millionen Weblogs. Allerdings ist diese Zahl umstritten, da einige Weblogs unter mehreren Adressen geführt werden, einige nicht aktiv sind und eine vollständige Erfassung nicht möglich ist (Kramliczek 2005: 17). In den USA gaben im Rahmen einer Umfrage des Pew Internet & American Life Project im November 2004 mehr als acht Millionen Menschen an, ein eigenes Weblog zu betreiben. Das entspricht 7 Prozent der 120 Millionen Erwachsenen der USA. Im Jahre 2002 waren es lediglich zwei Prozent. 27 Prozent aller Internet-Nutzer - 32 Millionen Amerikaner - haben schon einmal ein Weblog gelesen. Allerdings wissen immer noch 62 Prozent der amerikanischen Internet-Nutzer nicht, was ein Weblog ist (Rainie 2005a). Der Dienst Blogverzeichnis 28 verzeichnet in Deutschland derzeit 62.000 Blogs, von denen 15.000 regelmäßig aktualisiert werden. Schätzungen gehen jedoch von mehr als 150.000 deutschen Weblogs aus (Tüshaus 2005 und BBDO Germany 2005). Nach einer Studie von BBDO Germany GmbH 29 weiß jeder vierte deutsche Internet-Nutzer (27 Prozent), was man unter einem Weblog versteht. 41 Prozent dieser Gruppe lesen regelmäßig Weblogs − also insgesamt jeder Zehnte. Vier Prozent schreiben ein eigenes Weblogs und acht Prozent haben konkrete Pläne, eines zu starten. Beruflich nutzt ein Prozent Weblogs (BBDO Germany 2005).
28 URL: http://www.blogg.de
29 Im März 2005 wurden im Rahmen der Studie 2.793 Internet-Nutzer im Alter von 14 bis 65 Jahren nach ihrem Umgang mit Weblogs befragt.
12
2.3 Kategorisierungsversuch
Weblogs variieren inhaltlich und formal beträchtlich (vgl. Kapitel 2.1.1). Im Folgenden soll ein Versuch unternommen werden, Weblogs nach Kategorien einzuordnen.
2.3.1 Anzahl der Autoren
Zunächst lässt sich eine Kategorisierung an Hand der Anzahl der Autoren eines Weblogs festmachen. Ist nur eine Person beteiligt, spricht man von einem individuellen Weblog. In diese Kategorie fällt der Großteil aller Weblogs. Bei einem Gruppen-Weblog veröffentlicht ein fester Kreis von Personen in einem Weblog. Schließlich gibt es Gemeinschafts-Weblogs 30 , auf denen prinzipiell jeder Beiträge veröffentlichen kann (Clyde 2004: 2, Branum 2001).
2.3.2 Inhaltliche Kategorisierung
Zu Beginn der Entwicklung der Weblogs unterschied Rebecca Blood (2000) zwischen Filter-style- und Journal-style-Weblogs. Filter-style-Weblogs fungieren als Filter und helfen den Lesern, sich im Internet zu Recht zu finden. Blogger verlinken hier auf diejenigen Seiten, die ihrer Meinung nach von Interesse sind. Journal-style- Weblogsberichten über private Dinge aus dem Leben des Autors oder über gesellschaftlich oder politische Ereignisse und Beobachtungen. Da die Blogosphäre jedoch in ihrer weiteren Entwicklung nicht mehr vorwiegend als Informationsfilter diente und sich vielfältigen Themen zuwandte (vgl. Kapitel 2.2.2), ist eine genauere Kategorisierung sinnvoll. Man unterscheidet zwischen Weblogs, deren Inhalte persönlich oder thematisch sind (Herring et al. 2004: 3). Persönliche Weblogs werden oft als Online-Tagebücher bezeichnet, da der Autor hier regelmäßig - oft mehrmals täglich - persönliche Erlebnisse und Gedanken veröffentlicht. Diese Weblogs werden als Personal blogs bezeichnet. Eine Sonderform der Personal blogs sind Celebrity Blogs, auf denen berühmte Personen aus ihrem Leben berichten.
30 Sie werden auch Open-Source-Weblogs genannt und ähneln Peer-to-Peer-Angeboten.
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Thematische Weblogs kann man untergliedern in Weblogs als Medien der Experten-Kommunikation, der internen und externen Unternehmenskommunikation oder als Erweiterung der Öffentlichkeit (Schmidt 2005: 10). Weblogs, die der Experten-Kommunikation dienen, werden in der Regel als Knowledge-Blogs oder kurz k-logs bezeichnet. Hier legt ein Forscher oder eine Forschungsgruppe Beobachtungen und Thesen über ein bestimmtes wissenschaftliches Themengebiet dar (Herring et al. 2004: 10); dies soll der Diskussion mit Lesern oder als Wissensspeicher dienen. Als Beispiele seien die Weblogs der Universität von Calgary und Physikalische Kleinigkeiten von Dr. Peter Schilbe, Dozent für Physik an der Freien Universität Berlin, genannt. 31
Auch in der Unternehmens-Kommunikation haben Weblogs Bedeutung erlangt. Diese werden als Corporate Blogs bezeichnet (Fischer 2004). „Corporate Blogs ermöglichen eine direkte, ungefilterte und dialogorientierte Kommunikation mit wichtigen Stakeholdern“ (Zerfaß 2005: 3f.). Für Unternehmen ist somit nicht mehr nur relevant, ob Medien über sie berichten, sondern entscheidend wird auch, wie sie die Aufmerksamkeit auf das eigene Medium - den Corporate Blog - lenken können (Fischer 2004). Ein Unternehmens-Weblog kann zudem die Mitarbeiter über laufende Projekte oder Unternehmensinterna informieren (Lohmöller 2005: 226, Gillmor 2004: 75). 32 Corporate Blogs eingerichtet haben beispielsweise General Motors und IBM sowie Jonathan Schwartz, Unternehmenschef von Sun Microsystems. 33
Weblogs als Erweiterung der Öffentlichkeit, die dritte Untergruppe der thematischen Weblogs, sind Weblogs, die sich einem oder mehreren Themengebieten widmen. Diese können Technik, Kultur oder Sport sein, ebenso wie Haustiere, Kochen oder Schachspielen. Als spezielle Form dieser Kategorie werden politische Weblogs - Poliblogs genannt- gesehen. Diese beschäftigen sich vorwiegend mit politischen Inhalten. Als Unterform der politischen Weblogs werden Warblogs gesehen, die von Beginn des Anti-Terrorkrieges im Jahr 2001 an entstanden. Warblogger sind entweder Kriegs-Teilnehmer oder Beobachter, die aus dem Krisengebiet oder aus ihrer Heimat über einen Krieg berichten. Sie setzen sich entweder für die Legitimierung eines Krieges ein oder kritisieren den Krieg (Thompson 2003). Ihnen
31 Die URLs lauten: http://weblogs.ucalgary.ca oder http://physik.blogspot.com.
32 Zerfaß (2005: 30f.) unterscheidet Corporate Blogs weiter in Collaboration Blogs, CEO Blogs, Customer Relation Blogs, Product Blogs, Crisis Blogs oder Campaigning Sites.
33 URLs: http://gmblogs.com, http://www.ibm.com/blogs und http://blogs.sun.com/jonathan
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wird zugeschrieben authentischere und unabhängigere Informationen liefern zu können als die meist von der Regierung abhängigen professionellen Journalisten. Im Wahlkampf treten so genannte Wahlblogs oder Campaign-Blogs in Erscheinung (vgl. Kapitel 2.2.4). Nach Foren sind Weblogs die am zweithäufigsten genutzte Möglichkeit, Meinungen zu politischen Themen im Internet zu artikulieren (Abold 2005: 6). 34
Es gibt eine Reihe von Weblogs, die das Verhalten von Politiker und Journalisten beobachten. Die Beispiele Dan Rather und Bildblog zeigen, dass Weblogs bei der Überwachung und Verifizierung von Informationen Bedeutung erlangt haben (vgl. Kapitel 2.2.2 und 2.2.4). Man bezeichnet sie als Watchblogs. Viele sehen in ihnen ein „basisdemokratisches Korrektiv“ (Bonstein/Schulz 2005). Einige sprechen bereits von einer Art Fünften Gewalt (Pany 2004). In so genannten Meta-Blogs diskutieren Blogger über das Mediensystem - sowohl die Blogosphäre als auch die traditionellen Medien -. Ruggiero und Winch (2004) bezeichnen sie als „arenas for discussion and negotiation of journalistic norms“. Beispiele für deutsche Meta-Blogs sind Medienrauschen oder Publizistik in Berlin 35 .
2.3.3 Professionalisierungsgrad der Autoren
Neben Weblogs, die von Personen betrieben werden, die zuvor nicht als Kommunikatoren in den Massenmedien aktiv waren, gibt es auch Professionelle, die Weblogs führen. Deren Weblogs werden als Journalisten-Weblogs oder kurz als Jlogs bezeichnet. Journalisten sehen im Bloggen oft eine Chance für mehr Autonomie, für stärkere Subjektivität und größere Publikumsnähe, welche sie in einem Redaktionsverbund nicht realisieren könnten (Neuberger 2003a: 132). US-Journalistin und Bloggerin Deborah Branscum spricht von einer größeren kreativen Freiheit, da man sich als Blogger an keine Vorschriften der Herausgeber richten muss: „If you write it, you put it out to the world“ (zitiert nach Lasica 2001a). Während Leserbriefe und Anrufe von Lesern eine Form des Feedbacks für traditionelle Journalisten darstellen, hat sich bei Weblogs der Austausch zwischen Kommunikator und Rezipienten durch angegebene Kontaktadressen und
34 Abold (2005: 9) attestierte politischen Bloggern in Deutschland eine hohe Affinität zu linken Parteien.
35 URL: http://www.medienrauschen.de und http://publizistik-in-berlin.de.
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Kommentar- oder Bewertungsfunktionen intensiviert. Journalistin Monika Porrmann (2005), die das Weblog Daily Mo betreibt, meint: „Ich will Dialog, nicht Monolog. Ich will Publikum, dass auch mal Laut gibt.“
2.3.4 Multimedialität als Kennzeichen
Man kann Weblogs nach einem weiteren Merkmal kategorisieren: der Multimedialität. Neben Weblogs, deren Beiträge größtenteils aus Text- angereichert mit einigen Bildern - bestehen, gibt es inzwischen Weblogs, deren Beiträge vor allem Fotos, Videos oder Audiodateien beinhalten. Technische Entwicklungen wie Digitalkameras oder Mobiltelefone mit integrierter Kamera ermöglichen es, Bildmaterial online zu veröffentlichen. Diese Art des Bloggens wird - in Anlehnung an Mobiltelefone mit Kamera - Moblogging genannt. Weblogs, auf denen vor allem bewegte Bilder publiziert werden, heißen Videoblogs bzw. kurz V-logs. Moblogging und Videoblogging konnten sich erst durchsetzen, als sich die Übertragungszeiten im Internet nach Lösung des Bandbreitenproblems verkürzten und sich die Speicherkapazität erhöhte. Durch Moblogging wird es möglich, ein Weblog jederzeit von einem Mobilfunktelefon aus zu aktualisieren (Koch/Haarland 2004: 82, Alphonso/Pahl 2004: 307).
Ein weiterer Trend in der Blogosphäre ist Podcasting, das sich aus den Wörtern iPod - ein tragbares MP3-Abspielgerät der Firma Apple - und broadcasting - die englische Bezeichnung für Rundfunk - herleitet. Podcaster stellen selbst aufgenommene Audiodateien auf ihr Weblog. Sechs Millionen Amerikaner haben einer Umfrage zur Folge bereits einmal eine Audiodatei aus dem Internet herunter geladen (Rainie 2005b).
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3 Online-Kommunikation
In den vergangenen Jahren wurde in der Kommunikationswissenschaft häufig darüber diskutiert, inwieweit Publikationen im Internet journalistischen Ansprüchen genügen. Allerdings haben sich Studien vor allem auf die Ableger traditioneller Medien im Internet konzentriert. Neue Angebotstypen haben dagegen noch kaum Aufmerksamkeit in der Forschung gewinnen können (Neuberger 2000a: 16f., Neuberger 2002: 132). Es überrascht nicht, dass zu dem Phänomen Weblogs noch kaum Ergebnisse vorliegen. Im Folgenden werden Weblogs zunächst in Abgrenzung zu den weiteren Kommunikationsformen im Internet eingeordnet. Anschließend wird auf die Besonderheiten der Weblogs im Rahmen der Online-Kommunikation eingegangen, um Szenarien ihrer zukünftigen Rolle im Mediensystem zu eruieren.
3.1 Weblogs: ein Online-Genre
3.1.1 Weblogs als Genre oder Schema
Weblogs werden als internetspezifisches Medien-Genre (Herring et al. 2004) bzw. Schema (Neuberger 2005: 78) bezeichnet. Genres bzw. Schemata werden dadurch charakterisiert, dass sie gemeinsame Kommunikationsziele verfolgen, ähnliche Strukturen und stilistische Merkmale besitzen, über ähnliche Inhalte berichten und sich an ein bestimmtes Publikum wenden (Herring et al. 2004: 2). Normalerweise wird ein Genre bzw. Schema von den Rezipienten als solches wahrgenommen (Neuberger 2005: 74). In einer explorativen Studie wurde ermittelt, dass Anbieter Weblogs als eigenständiges Schema sehen. Periodizität, Subjektivität, Verlinkung, Interaktivität und Kommentarfunktion wurden dabei als wichtigste Merkmale bei der Definition eines Weblogs genannt (Neuberger 2005: 84).
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3.1.2 Weblogs in Abgrenzung zu anderen Online-Genres
Im Internet gibt es mehrere Online-Genres, die nicht von professionellen Kommunikatoren betrieben werden. Die Autoren dieser Genres sind weder in einer Redaktion organisiert, sie erhalten kein Geld für ihre Tätigkeit und die Kommunikationsrichtung ist meist nicht nur einseitig (Bowman/Willis 2003: 16). Es bestehen jedoch Unterschiede zwischen diesen Online-Genres. Weblogs sind zwischen Standard-Webseiten und asynchronen Formen der computervermittelten Kommunikation wie Diskussionsforen anzusiedeln (Thompson 2003, Moor/Efimova 2004: 198). Im Folgenden sollen Weblogs zu anderen Formen der Online-Kommunikation abgegrenzt werden.
Im Gegensatz zu Standard-Webseiten zeichnen sich Weblogs durch eine häufigere Aktualisierung und größere Interaktivität aus, da sie mehr Möglichkeiten des kommunikativen Austauschs zwischen Autor und Leser bieten - vor allem über die Kommentarfunktion (Döring 2002, Wijnia 2004, Herring et al. 2004: 10). Die Kommunikation bei Webseiten ist einseitig, während sie bei Weblogs netzwerkartig ist (Froomkin 2003: 860). Persönliche Homepages als Sonderform der Standard-Webseite werden - wie auch Weblogs - meist von einer einzelnen Person betrieben. In der Regel sind auf einer persönlichen Homepage Informationen über den Autor vorhanden (Döring 2002). Die Informationen sind jedoch nicht chronologisch angeordnet. Persönliche Homepages verfügen im Gegensatz zu Weblogs häufiger über ein Gästebuch und eine Suchfunktion sowie in der Regel über mehr Bilder (Herring et al. 2004: 7).
Mailing Lists kursieren im Internet innerhalb einer speziellen Gruppe, sie konzentrieren sich meist auf ein enges Themengebiet und werden an die Email-Adressen der Abonnenten verschickt. Normalerweise sind unter den Abonnenten sowohl Experten als auch an dem Themengebiet interessierte Laien (Zerfaß 2004: 419, Gillmor 2004: 27f.). Weblogs dagegen richten sich an keine spezielle Gruppe, sondern stehen - sofern der Zugang nicht durch Passwörter geschützt ist - prinzipiell jedem offen. Newsgroups werden in der Regel zu einem bestimmten Thema gegründet, das unter den Teilnehmern diskutiert wird. Die Kommunikation verläuft wie bei Mailing Lists über elektronische Post, wohingegen bei Weblogs der Zugang prinzipiell für jedermann offen ist (Roesler 1997: 181). Auch hier handelt es sich um asynchrone many-to-many-Kommunikation (Zerfaß 2004: 419).
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Chats sind textuelle, direkte Unterhaltung in Echtzeit, also synchrone Kommunikation - und nicht wie Weblogs asynchrone Kommunikation - in der Form one-to-one oder one-to-few. Chats werden der interpersonalen Kommunikation zugeordnet. Chatten dient in der Regel der Selbstdarstellung und dem Aufbau persönlicher Kontakte (Eigner et al. 2003: 21, Rössler 1998: 29f.). Online-Foren haben einen langsameren Kommunikationsrhythmus als Chats. Sie sind offen für alle Personen, die daran teilnehmen wollen. Foren werden oft moderiert. Im Gegensatz zu Weblogs sind sie rein textbasiert (Wijnia 2004, Gillmor 2004: 28). Foren werden meist von Portalen oder Online-Magazinen zu bestimmten Themengebieten eingerichtet. Um dort zu publizieren, muss ein Internet-Nutzer somit die Webseiten Dritter aufsuchen.
Peer-to-Peer-Angebote sind kollaborative Websites mit vielen Teilnehmern, bei denen die Nutzer die Inhalte selbst produzieren und gegenseitig die Qualität ihrer Beiträge kontrollieren (Neuberger 2005: 79). Das bekannteste Peer-to-Peer-Angebot ist Slashdot 36 , das seit 1997 existiert: Slashdot hat monatlich mehr als zehn Millionen Leser, von denen eine halbe Million Personen Artikel einsenden, moderieren, bewerten oder Kommentare schreiben (Bowman/Willis 2003: 25). Slashdot verfügt über ein Kontroll- und Bewertungssystem, das die Qualität der Beiträge sichern soll. Eingesandte Beiträge werden von Moderatoren überprüft und ausgewählt (Möller 2005: 116ff.). Deutsche Peer-to-Peer-Angebote wie Wikinews oder Stern Shortnews 37 verfügen über ähnliche Qualitätssicherungsysteme, die sich an journalistischen Handwerksregeln orientieren. 38 Bei Peer-to-Peer-Angeboten gibt es keine Rollentrennung mehr zwischen Kommunikator und Rezipienten: Jeder Leser kann Beiträge schreiben. An Stelle einer professionellen Redaktion wird in Eigeninitiative und unter Selbstkontrolle der Teilnehmer veröffentlicht. Allerdings beschränken sich die Informationen von Peer-to-Peer-Angeboten - zumindest bislang - oft auf Verweise auf professionelle Online-Nachrichtenseiten (Neuberger 2002: 41).
36 URL: http://www.slashdot.org
37 URLs: http://de.wikinews.org/wiki/Hauptseite und http://shortnews.stern.de
38 So gibt es bei Stern Shortnews Regeln für die Nutzer bei der Erstellung der Beiträge wie Sachlichkeit, Neuigkeitswert, Trennung von Nachricht und Kommentar, Quellenangaben oder Beantwortung der W-Fragen. Mit einem Punktsystem werden qualitativ hochwertige und häufig frequentierte Nachrichten honoriert.
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Ebenso wie Weblogs beruhen Wikis in technischer Hinsicht auf einfachen Content-
Management -Systemen. Während Weblogs meist von Einzelnen geführt werden,
erm öglichen es Wikis den Nutzern, bei der Erstellung einer Webseite kollaborativ
zusammenzuarbeiten. Die Software protokolliert dabei jede Änderung, die von einem
Nutzer vorgenommen wird, wodurch Modifikationen verfolgt und gegebenenfalls
revidiert werden können (Gillmor 2004: 32, Möller 2005: 189) Die Teilnehmer
streben in der Regel nach gemeinsamen Zielen und Konsens (Eigner et al. 2003: 23)
Wikis sind im Gegensatz zu subjektiven Weblogs an Objektivität orientiert. Die
Inhalte auf Wikis laufen unter Copyleft-Lizenzen, das sind juristische
Konstruktionen , die auf eine Reform des Urheberrechts unter den veränderten
Bedingungen des elektronischen Publizierens abzielen. Für einen kollektiven
Produktionsprozess ist dies unabdingbar, da herkömmliche Formen des
Urheberrechts mit dem Prinzip so genannter freier Inhalte konfligieren. 39 Das
bekannteste Wiki ist die Online-Enzyklopädie Wikipedia, die in mehr als 100
verschiedenen Sprachen verfügbar ist.
Die Technologien, auf denen Weblogs, Wikis und Peer-to-Peer-Angebote beruhen,
werden als Social Software bezeichnet, da sie kostenlos verfügbar sind und eine
weltweite digitale Kollaboration und Vernetzung von Personen und Inhalten
erm öglichen (Zerfaß 2005: 3)
„The idea was not just that it should be a big browsing medium.
The idea was that everybody would be putting
their ideas in, as well as taking them out.“
(Tim Berners-Lee)
3.2 Besonderheiten der Online-Kommunikation
Technische Entwicklungen haben neue Formate der Kommunikation möglich
gemacht , die vorher nicht realisiert werden konnten. Dazu zählen: Multimedialität,
Hypertextstrukturen 40 , Interaktivität, permanente Aktualisierbarkeit, Archivierung,
39 Bei freien Inhalten ist eine Weiterverarbeitung durch andere Nutzer erwünscht, womit sie in einer
Gegenposition zum Prinzip des geistigen Eigentums stehen (Möller 2005: 171f.)
40 „Hypertext“ als Begriff für nicht-linear strukturierte Textformen wurde von Ted Nelson geprägt
(Möller 2005: 24) Die Ankündigung einer universitären Vorlesung aus dem Jahr 1965, in der der
20
Additivität - d.h. die Verknüpfung älterer Angebote mit neueren - und globale Verbreitung (Neuberger 2002: 27f, Neuberger 2005: 76, Rosenberger 2002: 81). Wird das Internet den traditionellen Journalismus verändern?
3.2.1 Vereinfachter Zugang zur Kommunikation
Schon seit einigen Jahren ist im Journalismus der Versuch zu beobachten gewesen, Rezipienten verstärkt in den Kommunikationsprozess einzubinden. Durch Stadteilfernsehen und Talkradios beispielsweise können Bürger eine aktive Kommunikatorrolle übernehmen. In den USA gibt es das Bestreben, mit einem Civic Journalism mehr auf das Publikum einzugehen. Als Folge des Civic Journalism werden in der Berichterstattung Bürger häufiger als Quellen herangezogen als beim gewöhnlichen Journalismus und verstärkt zur Teilnahme an der Kommunikation bewegt, wodurch eine größere Vielfalt entstehen soll (Kurpius 2002: 859ff, Bowman/Willis 2003: 9). Seit dem Entstehen des Internet wird durch individualisierte Nachrichtenangebote wie personalisierte Nachrichten per Email auf die Wünsche des Publikums eingegangen (Pryor 2003: 142). Doch die Rezipienten können auch selbstständig in die Kommunikatorrolle treten: Der Aufwand zum Publizieren ist durch das Internet gesunken, da technische, ökonomische und rechtliche Zugangsbarrieren abgebaut wurden: Die Kosten für eine Veröffentlichung im Internet sind gering, technische Fachkenntnisse sind kaum nötig, der Zugang ist nicht - wie beispielsweise beim Rundfunk - rechtlich beschränkt. Während es bislang Journalisten vorbehalten blieb, Themen und Informationen zu selektieren, ist die Gatekeeper- und Agenda-Setting-Rolle der Journalisten ins Wanken geraten, da nun auch Rezipienten oder Organisationen an die Öffentlichkeit treten können (Fischer/Quiring 2005: 10, Gill 2004). Der Zugang zur Kommunikation wird einem breiten Publikum möglich.
Begriff erstmals verwendet wurde, kann unter der URL http://xanadu.com/XUarchive/ccnwwt65.tif [22.06.2005] heruntergeladen werden.
21
3.2.2 Neue Art der Vermittlung
Der vereinfachte Zugang zur Öffentlichkeit im Internet hat quantitative Folgen für die Kommunikation, da das Informationsangebot ansteigt. Aber es hat auch qualitative Folgen, da die Güte der Informationen oft nicht gewährleistet ist und „man auf jede Menge Informationsmüll stößt“ (Neuberger 2002: 34). Im Internet herrscht keine Knappheit an Vermittlungskapazität mehr, sondern eine Knappheit an Aufmerksamkeit und Beurteilungskompetenz der Rezipienten. Der Engpass hat sich von der Angebotsseite auf die Nutzerseite verschoben (Neuberger 2002: 34, Neuberger 2003a: 132).
„Nicht mehr was in den Medien ist, wird damit relevant, sondern wie man die Aufmerksamkeit auf das Medium lenken kann“ (Fischer/Quiring 2005: 11). Auch im Internet bleiben Vermittler nötig, um Informationen aufzufinden und auf ihre Qualität zu prüfen. Es gibt es nun drei Formen von Vermittlung: professionelle, partizipative und technisch gesteuerte Vermittlung (Neuberger 2004b). Der professionelle Journalismus im Internet gleicht im Wesentlichen dem Print- und Rundfunkjournalismus. Die Kommunikation ist einseitig, auf ein Massenpublikum ausgerichtet und die Kommunikatoren sind in einer Redaktion organisiert (Neuberger 2004b). Journalisten behalten somit ihre Orientierungsfunktion (Fischer/Quiring 2005: 10). Suchmaschinen im Internet ermöglichen eine technisch gesteuerte Vermittlung. Anhand von mathematischen Formeln - auf Algorithmen beruhenden Gruppierungsverfahren - wählen sie Informationen aus. Sie lenken Aufmerksamkeit auf bereits publizierte Informationen (Neuberger 2003c: 8). Beim partizipativen Journalismus - dazu zählen Weblogs und Peer-to-Peer-Angebote - kann jeder an die Öffentlichkeit treten und Inhalte veröffentlichen (Neuberger 2004b). Laienjournalisten übernehmen somit eine Orientierungs- und Vermittlungsfunktion. Bislang hat sich noch kein einheitlicher Begriff für diese Art der Kommunikation herausgebildet. So schreibt Lasica (2004):
“Some call it citizen’s media, others call it participatory media, open media or grassroot publishing”.
Als weitere Bezeichnung kursiert der Begriff Open-Source-Journalismus. Im Rahmen dieser Arbeit wird der deutsche Begriff Bürgerjournalismus bevorzugt.
22
3.3 Weblogs und die Online-Kommunikation
Gibt es Alternativen zu dem traditionellen - d.h. den redaktionell und beruflich organisierten - Journalismus im Internet? Sind journalistische Angebote denkbar, die ohne Redaktion auskommen und nur von einer oder wenigen Personen betrieben werden (Neuberger 2004c)? Im Folgenden sollen Weblogs mit dem traditionellen Journalismus verglichen werden, um sich der Beantwortung dieser Fragen zu nähern.
3.3.1 Herstellung von Öffentlichkeit durch Vernetzung
Kommentarfunktion, Trackback oder RSS ermöglichen eine starke Vernetzung der Weblogs untereinander (vgl. Kapitel 2.1.2). Dadurch wird die Aufmerksamkeit der Rezipienten strukturiert: Es entstehen Teilöffentlichkeiten, in denen Themen angesprochen und diskutiert werden (Schmidt 2005: 33).
„Blogs ermöglichen Diskussionen in der Nische - das heißt, in speziellen und bislang mangels Ressourcen noch gar nicht bzw. nur schwach ausgebildeten Öffentlichkeiten oder im Vorfeld und Nachgang der Thematisierung von Issues in etablierten und massenmedial strukturierten Öffentlichkeiten“ (Zerfaß 2005: 21). So spielen Weblogs eine bedeutende Rolle, um Themen zu setzen und zu diskutieren. Wenn Themen nach dem Aufgreifen der Massenmedien wieder an Bedeutung verlieren, kann in Weblogs die Diskussion weitergeführt werden. Weblogs füllen somit Nischen im Kommunikationsprozess aus (Zerfaß 2005: 23). Lasica (2002) spricht im Zusammenhang mit der Blogosphäre von „niches of trust“. Im Gegensatz dazu vermeiden Online-Ableger traditioneller Medien eine Vernetzung innerhalb des World Wide Web, da es ihr Ziel ist, Profit zu erwirtschaften und die Nutzer möglichst nur auf ihren Angeboten zu halten. 41 Traditionelle Webseiten sind „zu Insel geworden, die klassischen Medien-Produkten ähneln“ (Eigner et al. 2003: 118). Weblogs dagegen haben nach Eigner et al. (2003: 121f.) „keinen Rand mehr“. Sie werden als ein Oszillationsmedium bezeichnet, das erstmals das Hypertext-Prinzip des Internet verwirklicht.
41 In einer Sendung von ARD beispielsweise wird dem Zuschauer nicht empfohlen, nun auf Pro7 umzuschalten, Spiegel online wird in der Regel nicht auf andere Online-Magazine verlinken.
23
3.3.2 Eine neue Form der Qualitätskontrolle
Während traditionelle Journalisten von Chefredakteuren, Herausgebern und Anzeigenkunden abhängig sind, berichten Blogger meist völlig unabhängig. Herausgeber und Redaktion fungieren als Qualitätskontrolle. So werden bei traditionellen Medien die Informationen vor ihrer Veröffentlichung überprüft. Bei Weblogs gibt es ebenfalls eine Art Qualitätskontrolle, die allerdings erst nach der Veröffentlichung stattfindet (Neuberger 2003: 135, Fischer/Quiring 2005: 10). Leser haben meist die Möglichkeit, die Beiträge anderer zu kommentieren oder über Bewertungs-Tools zu beurteilen. Durch die Linkstrukturen entsteht ebenfalls eine Art Qualitätssystem: Wird ein Weblog von vielen Bloggern im Blogroll empfohlen oder ein Beitrag oft verlinkt, dient es als Indiz für Glaubwürdigkeit und Qualität (Hebestreit 2005). Dieses System wird als „Netzwerk des Vertrauens“ bezeichnet (Möller 2005: 204, Rheingold 2003: 120, Alphonso/Pahl 2004: 333). Der Prozess der Qualitätsprüfung nach der Veröffentlichung durch die Leser wird Peer-Reviewing genannt (Zerfaß 2005: 18). Dan Gillmor (2004: 11) fordert, das Publikum müsse ein wichtiger Bestandteil des Kommunikationsprozesses werden, um Qualität zu garantieren. Wie effektiv diese Art der Qualitätsprüfung ist, wurde bislang noch nicht empirisch untersucht.
3.3.3 Teilnahme am Kommunikationsprozess
Während im traditionellen Journalismus ein begrenzter Zugang zur Öffentlichkeit herrscht, ist seit dem Entstehen des Internets nun jeder Rezipient potentieller Publizist. Die Zugangsbarrieren, um ein Weblog zu errichten, sind geringer als bei anderen Online-Genres, da hierfür kaum technische Kenntnisse nötig sind (Blood 2000, Pryor 2003: 143, Koch/Haarland 2004: 225). Der Leser ist nicht mehr lediglich Konsument von Nachrichten, sondern kann selbst zum Produzenten werden (Neuberger 2000: 10, Möller 2005: V, Froomkin 2003: 859). Das Publikum besteht somit aus aktiven Nutzern, die jederzeit an der Kommunikation teilnehmen können (Gillmor 2004: 238).
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Arbeit zitieren:
M.A. Lisa Sonnabend, 2005, Das Phänomen Weblogs - Beginn einer Medienrevolution? Eine Annäherung an die Beantwortung mit Hilfe einer Analyse der Glaubwürdigkeit und Qualität aus Sicht der Rezipienten, München, GRIN Verlag GmbH
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