- I -
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis............................................................................................................ I
Tabellenverzeichnis. IV
Abk ürzungsverzeichnis V
Abk ürzungsverzeichnis V
1. Einleitung 1
1.1 Einführung 1
1.2 Methodik und Vorgehensweise. 2
2. Begriffsabgrenzung 3
2.1 Humankapital. 3
2.2 Migration 3
2.2.1 Migrationsformen. 4
2.2.2 Migrationsrichtung. 5
2.3 Brain Exchange. 6
2.3.1 Brain Drain. 6
2.3.2 Brain Gain/Return 8
2.3.3 Brain Circulation. 8
2.4 Diaspora. 8
3. Theoretische Grundlagen des BD 9
3.1 Geschlossene Modelle zu den Ursachen und Auswirkungen des BD 9
3.1.1 Neoklassische Modelle vs. Neue Wachstumstheorien. 9
3.1.2 Handelstheorie vs. Migrationstheorie 11
3.1.3 Endogenes Wachstumsmodell von Haque/Kim (1995) 12
3.2 Einzelaspekte der Migration von hochqualifizierten Arbeitskräften 16
3.2.1 Allgemeine Determinanten 16
3.2.2 Push-Faktoren 17
3.2.3 Pull-Faktoren. 20
3.2.4 Kritische Betrachtung und kurze Zusammenfassung 22
- II -
3.3 Auswirkungen des BD 23
3.3.1 Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung in den LDC 24
3.3.1.1 Positive Feedback-Effekte 25
3.3.1.2 Negative Feedback-Effekte. 29
3.3.1.3 Interdependenz zwischen Migration und Entwicklung. 29
3.3.2 Auswirkungen auf die HDC. 31
4. Allgemeine politische Maßnahmen. 32
4.1 BD-Ansätze. 34
4.1.1 Kompensatorische Politik 34
4.1.2 Regulierung durch internationale Normen. 35
4.1.3 Restriktive Politik 35
4.2 Brain Gain-Strategien. 36
4.2.1 Rückkehroption 37
4.2.2 Förderung der Diaspora. 37
4.3 Rolle und Maßnahmen der HDC 41
4.4 Rolle und Maßnahmen der LDC 41
4.5 Rolle von internationalen Organisationen. 44
5. Empirische Evidenz 45
5.1 Allgemeines Ausmaß des BD. 45
5.2 BD in den Ländern Lateinamerikas und der Karibik (LA)C 47
5.2.1 Allgemeine Situation. 47
5.2.2 Determinanten des BD 49
5.2.3 Ausmaß und Auswirkungen des BD 52
5.2.4 Politische Maßnahmen 54
5.3 BD in den Ländern Zentral- und Osteuropas (CEE) 56
6. Schlussbetrachtung 57
Anhang 61
Literaturverzeichnis 82
- III -
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: ’Normale' Migration.
Abb. 2a, 2b: Abwärtsbewegung der Reaktionskurve im Fall einer normalen
Gleichgewichtsdynamik sowie einer kritischen Masse
Abb. 3a, 3b: Kritische Massendynamik und ausgleichende Dynamik
Abb. 4: Partielle Migration.
Abb. 5: Das dynamische Ausmaß des BD
Abb. 6: Steuerertrag und Wohlfahrtsverlust
Abb. 7: Migration von und innerhalb LAC
Abb. 8: kumulativer Verlust der tertiär und sekundär ausgebildeten Bevölkerung nach
Herkunftsregion
Abb. 9: Anteil der selektiv ausgewählten Hochqualifizierten nach Herkunftsregionen
Abb 10: Migration von CEE nach Westeuropa seit 1989
- IV - Tabellenverzeichnis
Tab. 1: Emigration (absolut und relativ) von Hochqualifizierten aus ausgewählten
Ländern...............................................................................................................66 Tab. 2: Auswirkungen des BD für Herkunftsländer........................................................67 Tab. 3: Definitionen der ’Six R’s’ ...................................................................................67 Tab. 4: Diasporen in LAC und CEE ...............................................................................70 Tab. 5: prozentuale als auch absolute Veränderung des Bestandes an Hochqualifizierten in LAC und den USA im Zeitraum 1980 bis 1990................72 Tab. 6: absolute und relative Zahlen hochqualifizierter Immigranten aus LAC in die USA und in OECD-Staaten, 1990.......................................................................73 Tab. 7: Emigrationsraten in LAC und CEE - klassifiziert nach schulischer Bildung und Geburtsland (1990-2000) ...................................................................................74 Tab. 8: Offiziell erhaltene RÜ in 8 LAC-Ländern und gesamte Region LAC, 1981-2000
(in realen Mio. US-Dollar) .................................................................................76 Tab. 9: Vergleich BD in LAC und in CEE ......................................................................79
- V - Abkürzungsverzeichnis
ALAS Association Latinoaméricaine de Scientifiques (Lateinamerikanische Vereinigung von Wissenschaftlern) BD Brain Drain CEE Central and Eastern Europe (Zentral- und Osteuropa) CELADE Centro Latinoamericano de Demografía de las Naciones Unidas (lateinamerikanisches Demographiezentrum der UN) CEPAL Comisión Económica para América Latina (Wirtschaftskommission für Lateinamerika) CONICET National Council on Scientific and Technical Research EU Europäische Union F&E Forschung und Entwicklung FDI foreign direct investment (ausländische Direktinvestitionen) GTZ Gesellschaft für technische Zusammenarbeit HC human capital (Humankapital) HDC high developed countries (Industrieländer) IADB Inter-American Development Bank (Interamerikanische Entwicklungsbank) ILO International Labor Organization IMF International Monetary Fund IOM International Organization for Migration IT information technology (Informationstechnologie) IZA Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit LAC Latin America and the Caribbean (Lateinamerika und die Karibik) LDC less developed countries (Entwicklungsländer) OECD Organisation for Economic Co-operation and Development
- VI -RAICES Secretaria de Ciencia y Tecnología e Innovación Productiva de la República Argentinas TOKTEN Transfer of Knowledge through Expatriate Nationals (Wissenstransfer durch nationale Expatriates) UN United Nations (Vereinte Nationen) UNCTAD United Nations Commission on Trade and Development UNDP United Nations Development Program (Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen) UNESCO United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization
- 1 - 1.Einleitung
1.1 Einführung
“The flow of highly trained persons from poor countries to rich countries has aroused more interest and concern than has any other aspect of international migration with respect to the sending countries” (Simon 1999, S. 295). Seit den sechziger Jahren existieren Untersuchungen und Studien zum Brain Drain (BD), der als Süd-Nord-Phänomen bezeichnet wird, was darauf hinweist, dass die meisten Emigrationsströme von Entwicklungsländern (LDC) in Industrieländer (HDC) erfolgen. Allerdings existieren auch zahlreiche Abwanderungen von Hochqualifizierten aus HDC in LDC 1 . Weiterhin kommt es innerhalb eines Landes zu Wissensabflüssen, bei denen hochqualifiziertes Personal vom Land in die Stadt bzw. von weniger entwickelten in wirtschaftlich blühende Regionen zieht (Williams 2000, S. 5ff.). 2 Allerdings ist die internationale Migration von heute viel komplexer und weitreichender als noch vor einigen Jahrzehnten, als die Globalisierung noch keine bedeutende Rolle in unserer Gesellschaft eingenommen hatte. Durch die fortschreitende Internationalisierung haben sich u.a. die wirtschaftlichen Zusammenhänge sowie Funktionsweisen verändert und verlagert. So sind Ländergrenzen bei wirtschaftlichen Entscheidungen kaum noch relevant, da diese meist von transnationalen Kooperationen abhängen. In diesem Zusammenhang ist die internationale Migration ein sehr wichtiger Faktor, dem zu wenig Beachtung geschenkt wird. Jedoch trägt gerade die Mobilität von hochqualifiziertem Humankapital entscheidend zum Internationalisierungsprozess bei. Gerade im Sektor der Informations- und Kommunikationstechnologien ist die Mobilität von Wissensträgern gefragt. Der BD in LDC ist ein sehr präsentes Thema. Trotz der Vielzahl an wissenschaftlichen Untersuchungen konnte das Ausmaß bis dato nicht eingedämmt werden konnte. Beispiele wie Indien beweisen allerdings, dass dieses Phänomen bewältigt werden kann und das Herkunftsland sogar von der Migration seiner hochqualifizierten Arbeitskräfte profitiert. Das lässt vermuten, dass bei einer konsequenten und gut implementierten Politik auch andere Länder den BD zu ihrem Gunsten nutzen können.
1 In diesem Zusammenhang wird jedoch meist von ’international technical assistance’, ’overseas private investment’ oder ’military assistance mission’ gesprochen.
2 Zusätzlich stellte Williams (2000) fest, dass einige LDC zum internationalen Wissensexport ermutigen, da sie durch die von den Emigranten gesandten Rücküberweisungen ihre Wirtschaft finanzieren. Weiterhin entstehen durch freie Märkte mit freiem Ressourcenfluss (Humankapital inbegriffen) Spillover-Effekte, die zur Produktivitätssteigerung beitragen (Williams 2000, S. 5ff.).
- 2 - 1.2Methodik und Vorgehensweise
Der allgemein gewählte Titel ’Brain Drain’ lässt schwer auf den Kern der vorliegenden Arbeit schließen. Das Hauptaugenmerk liegt auf den Betrachtungen des Süd-Nord-Phänomens in den Herkunftsländern bzw. LDC, da zu den HDC bereits zahlreiche Studien existieren. Im Laufe der Arbeit stellt sich heraus, dass die Bedeutsamkeit des BD-Phänomens bzw. Problems in den LDC verankert ist. Ziel der vorliegenden Arbeit ist das Aufzeigen der BD-Problematik allgemein und mit einem speziellen Fokus auf die Region Lateinamerika und die Karibik (LAC). Ein kurzer Vergleich mit den Ländern Zentral- und Osteuropas (CEE) verdeutlicht die globale Bedeutung des BD. Im Zusammenhang damit sollen Einflussfaktoren sowie allgemeine und regionalspezifische Maßnahmen abgeleitet werden, welche für die betroffenen Länder einen positiven Nutzen bringen.
In Kapitel 2 erfolgt mit der Begriffsabgrenzung eine knappe Einführung in das Thema. Zunächst werden die mit dem BD zusammenhängenden Begriffe Humankapital (Kapitel 2.1), Migration und deren Erscheinungsformen (Kapitel 2.2), Brain Exchange (Kapitel 2.3) und Diaspora (Kapitel 2.4) näher erläutert. Daran anschließend wird das BD-Problem anhand von theoretischen Modellen erklärt (Kapitel 3.1), um dann konkrete Einzelaspekte, die zur Migration von Hochqualifizierten führen, zu beleuchten (Kapitel 3.2). Kapitel 3 endet mit der Analyse der Auswirkungen in LDC und HDC, wobei ein Zusammenhang zwischen Migration und Entwicklung in den LDC hergestellt wird (Kapitel 3.3). In Kapitel 4 werden daraufhin den BD betreffende Maßnahmen betrachtet, bei denen zwischen konservativen (Kapitel 4.1) und moderneren Ansätzen (Kapitel 4.2) unterschieden wird. Zusätzlich wird die jeweilige Rolle der beteiligten Interaktionspartner untersucht (Kapitel 4.3 bis 4.5). In Kapitel 5 wird zunächst das allgemeine Ausmaß des BD weltweit dargestellt (Kapitel 5.1) und schließlich wird der empirische Zusammenhang zu der Region LAC geschaffen, indem zuerst die allgemeine Situation (Kapitel 5.2.1) und die BD-Determinanten (Kapitel 5.2.2) geschildert werden. Außerdem verdeutlichen das Ausmaß und die Auswirkungen (Kapitel 5.2.3), dass der BD ein nicht zu unterschätzendes Phänomen in dieser Region ist. Die in der Region durchgeführten Maßnahmen (Kapitel 5.2.4) zeigen die allgemeinen Ansätze des vorangegangenen Kapitels. Zur Verdeutlichung der Aussagen erfolgt in Kapitel 5.3 ein kurzer Vergleich mit den Ländern CEEs. Kapitel 6 schließt mit einer kritischen Schlussbetrach- tung der aus der Arbeit gewonnenen Erkenntnisse ab.
- 3 - 2.Begriffsabgrenzung
Bei der Erörterung des BD-Phänomens, stehen auch Begriffe wie Humankapital und Migration im Mittelpunkt der Betrachtungen. Deshalb werden im Folgenden alle mit dem BD in Beziehung stehenden Begriffe kurz erklärt, um einen allgemeinen Überblick zu erhalten und die Zusammenhänge besser nachvollziehen zu können.
2.1 Humankapital
Humankapital 3 (HC) wird definiert als „Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wissen, das in Personen verkörpert ist sowie durch Ausbildung, Weiterbildung und Erfahrung erworben wird“ (Chancen für alle 2005a). Es besteht aus zwei Komponenten: Dem sichtbaren HC, wie z.B. Bildung und Ausbildung und dem nicht wahrnehmbaren HC, wie z.B. Fähigkeit, Unternehmertum sowie andere persönliche Eigenschaften. Dabei liegt die Qualität einer Arbeitskraft in der Verteilung des nicht wahrnehmbaren HCs (Rivera-Batiz/Oliva 2003, S. 157). Deshalb spielt HC insbesondere bei der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes eine große Rolle.
Für hochqualifiziertes HC gibt es keine einheitliche Definition. Salt (1997) erklärt in seinen Ausführungen, dass Hochqualifizierte keine homogene Gruppe bilden, sondern grob als professionelle, leitende und technische Spezialisten beschrieben werden können. Die gesamte Gruppe besteht aus einer Reihe von zum Großteil separaten und nicht in Konkurrenz zueinander stehenden Untergruppen (Salt 1997, S. 5).
2.2 Migration
Bei dem Begriff Migration wird zwischen Emigration und Immigration unterschieden. Meist wird in der Literatur die Migration als Oberbegriff für beide Situationen genannt, wobei in den weiteren Ausführungen die Migration zumeist Emigration bedeutet. Bei der Betrachtung von Migration muss zwischen Primär- (0 bis 8 Jahre schulische Ausbildung), Sekundär- (9 bis 12 Jahre) und Tertiärausbildung (mehr als 12 Jahre) differenziert werden. Die Mehrheit der Migranten aus LDC hat mindestens eine Sekundärausbildung absolviert, woraus geschlossen werden kann, dass Migranten im Vergleich zur restlichen Heimatbevölkerung besser (aus)gebildet sind. Eine andere Schlussfolgerung ist, dass sehr gut (aus)gebildete Individuen die am internationalsten beweglichste
3 Anmerkung: HC wurde 2004 zum Unwort des Jahres gewählt.
- 4 -Gruppierung darstellen. Dies impliziert, dass bei einer geringeren Ausbildung auch die Migrationsneigung umso geringer ist (Carrinton/Detragiache 1998, S. 6). Der Term Migration beinhaltet jedoch auch die Aspekte der Migrationsform und der Migrationsrichtung, die im Folgenden kurz erläutert werden und in engem Zusammen-hang mit dem näher zu betrachtenden BD stehen.
2.2.1 Migrationsformen
Um internationale Bevölkerungsströme unterscheiden zu können, werden in der Literatur häufig folgende Unterteilungen vorgenommen: Freiwillige vs. unfreiwillige Migration; legale vs. illegale Migration; temporäre vs. permanente Migration; geplante Migration vs. Fluchtmigration (Asyl, Zuflucht, ökologisch); sowie niederlassende Migration vs. Arbeitsmigration, um die Absicht bzw. Migrationsdauer zu verdeutlichen, da die Arbeitsmigration für einen kürzeren Zeitraum gedacht ist. Diese Abgrenzungen überschneiden sich teilweise, jedoch helfen sie bei der Untersuchung der Migrationsproblematik aus verschiedenen Blickwinkeln (Ramamurthy 2003, S. 3f.). Die Unterscheidung zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Migration wird häufig angewandt um ’Push’-Faktoren von den ’Pull’-Faktoren 4 abzugrenzen (Ramamurthy 2003, S. 3). Eine unfreiwillige Migration liegt vor, wenn sie durch Gewalt oder politische Unterdrückung hervorgerufen wird. Es werden drei gegensätzliche Arten unterschieden, die in der Praxis auch interdependent sein können: Die Vertreibung (’expulsi- on’), der’Ausweg aus dem Sozialismus’ (’exit-from-socialism’) und die ’Flucht vor Autoritarismus’ (’flight-from-authoritarianism’) (Bhagwati 1985, S. 307). Dem gegenüber steht die Migration aus ökonomischen oder arbeitsbedingten Gründen, die auf freiwilliger Basis erfolgt (Pellegrino 2001, S. 27ff.) und generell angenehmer ist als die ’exit’- und ’flight’-Variante (Bhagwati 1985, S. 307). Der in Kapitel 2.3.1 abzugrenzende Begriff BD wird eher der freiwilligen Migration zugeordnet, obwohl er durchaus auch von externen Einflüssen forciert werden kann.
Wenn sich ein Individuum zur Emigration entschlossen hat, gehört zu dieser Entscheidung auch die Überlegung über die Aufenthaltsdauer: Permanent oder temporär. Während bei der permanenten Migration eine Rückkehr fast völlig ausgeschlossen ist, kann sich die temporäre Aufenthaltsdauer kurz- bis langfristig gestalten, je nach persönlicher Absicht, Entscheidung oder beruflichen Aussichten (Pellegrino 2001, S. 28). Im
4 Auf diese Begriffe wird in Kapitel 3.2 näher eingegangen.
- 5 -Zusammenhang mit der temporären Migration wird oft der Begriff Mobilität verwendet, da er sich auf weniger permanente Formen bezieht. Zum einen die Ausreise mit an-schließender Rückkehr und zum anderen die Fernkommunikation, durch die ein perma-nenter Verlust relativiert bzw. stückweise abgebaut wird. Allerdings sollte auch die temporäre Migration nicht unterschätzt werden, da trotz alledem die LDC die Leidtra-genden sind (Meyer 2001, S. 47).
2.2.2 Migrationsrichtung
Die einstige Behauptung, dass die Migration Hochqualifizierter nur ein lokalbedingtes Phänomen sei, das sich meistens in einer Süd-Nord-Richtung äußert, kann nicht länger unterstützt werden, da auch Nord-Nord- und Süd-Süd-Beziehungen, sowie zusätzliche Bewegungen aus dem ehemaligen Ostblock vorzufinden sind (Meyer 2001, S. 47). Für das Verständnis der BD-Problematik spielen die zuletzt genannten Migrationsrichtungen jedoch keine Rolle. 5 Deshalb wird im Folgenden nur die Süd-Nord-Migrationsrichtung erläutert.
Eine Süd-Nord-Migration impliziert die Migration von verhältnismäßig unterentwickelten Regionen oder Ländern (’im Süden’), in denen die Entwicklung noch ein politisches Ziel darstellt, in relativ entwickelte Gebiete (’im Norden’). Die Gründe für Süd-Nord-Migration liegen vor allem in den großen wirtschaftlichen Unterschieden zwischen Herkunfts- und Zielland. 6 Dabei sind die aus der Migration resultierenden nachteiligen Effekte weder ein Bestandteil noch ein akzeptables Nebenprodukt der politisch angestrebten Ziele. Süd-Nord-Migration ist die Ursache für die mit der Migration zusammenhängenden Probleme der heutigen Zeit, sowohl in den Herkunfts- als auch in den Zielländern. Durch technischen Fortschritt und zunehmend bessere Kommunikationsbedingungen im Zeichen der Globalisierung, nehmen die Migrationsströme in Umfang und Geschwindigkeit zu (Ellermann 2003, S. 12). Auf die Frage, ob die Migration aus einer kritischen Massendynamik oder einer ausgleichenden Dynamik heraus resultiert, wird in Abb. 3a und 3b im Anhang S. 62f. näher eingegangen.
5 Diese beiden Migrationsrichtungen werden als Verständnishilfe in Erläuterung 1 im Anhang S. 61f. näher beleuchtet.
6 Die Determinanten der Migration werden in Kapitel 3.2 analysiert.
- 6 - 2.3Brain Exchange
’Brain Exchange’ ist eines von zwei Basiskonzepten 7 , das bei der Migration von Hochqualifizierten eine Rolle spielt. Im Wesentlichen beschreibt es den Aspekt, dass hochqualifiziertes Personal migriert, um einer seinen Kenntnissen und Qualifikationen angemessenen Arbeit an einem anderen Ort nachzugehen. Dabei handelt es sich um einen Zwei-Wege-Fluss (’two-way flow’) von Expertenwissen zwischen dem Herkunfts- und dem Zielort. Sobald der Nettofluss stark einseitig ist, werden, je nach Betrachtungsregion, die Begriffe ’Brain Drain’ oder ’Brain Gain’ verwendet. Ein ’Brain Exchange’ kann in allen Wirtschaftssystemen beobachtet werden, da er ein Bestandteil von Güterbewegungen zwischen fortschrittlichen Volkswirtschaften ist (Salt 1997, S. 5).
2.3.1 Brain Drain
Vom sog. ’Brain Drain’ wird gesprochen, wenn Individuen über eine Tertiärausbildung verfügen, d.h. wenn sie zwölf oder mehr Jahre an einer Bildungseinrichtung verbracht haben und sich zur Emigration entschließen. 8 Die Hochschulausbildung kann entweder im Heimat- oder im Zielland abgeschlossen worden sein (Carrington/Detragiache 1998, S. 5). Ursprünglich wurde der Begriff für die Migration von Europa nach Nordamerika in den sechziger Jahren verwendet, heutzutage wird damit der Nettoverlust hochqualifizierter Arbeitskräfte aus den Dritte-Welt-Ländern (Salt 1997, S. 5) sowie die Strömungen von Ost- nach Westeuropa beschrieben.
Eine notwendige Bedingung für einen BD liegt dann vor, wenn eine große Anzahl an hochqualifizierten Arbeitskräften tatsächlich für das Herkunftsland verloren ist. Es gibt zwei Möglichkeiten das Ausmaß des BD zu ermitteln: Zum einen der ’kumulative Verlust’, der sich auf die Emigranten bezieht, die nicht mehr im Ursprungsland leben und zum anderen die ’Bildungsselektivität’ der Emigrantenströme, die verdeutlicht, inwieweit Emigranten als hochqualifiziert einzuschätzen sind. 9 Diese beiden Varianten be-
7 Daszweite Konzept ’Brain Waste’ wird in der vorliegenden Arbeit nicht weiter untersucht. Es beschreibt die Situation, wenn Hochqualifizierte emigrieren um eine Arbeit anzunehmen, bei der sie ihre Fähigkeiten und Erfahrungen nicht anwenden (Salt 1997, S. 5). Dieses Phänomen kann dann beobachtet werden, wenn die Unterschiede in den Lebensbedingungen gravierend sind und eine Verbesserung der Lebensumstände angestrebt wird.
8 Salt (1997) gibt in seinen Ausführungen zu bedenken, dass einerseits viele Graduierte keine hochqualifizierte Tätigkeit ausüben und andererseits viele hochqualifizierte Arbeiter keinen universitären Abschluss haben (Näheres dazu siehe Salt 1997, S. 5ff.). Da eine solche Unterscheidung im Rahmen dieser Arbeit zu weit führt, wird in den weiteren Betrachtungen davon ausgegangen, dass eine Tertiärausbildung absolviert worden ist.
9 Anmerkungen zur Ermittlung des ’kumulativen Verlustes’ und der ’Bildungsselektivität’ siehe Erläuterung 2 im Anhang S. 63f..
- 7 -trachten unterschiedliche Blickwinkel, die jeweils beide von Forschern verwendet wer-den. Jedoch kann mit zuerst genannter Methode das Konzept des BD am besten konzep-tionalisiert werden, während die zweite Messvariante als Indikator für den relativen Verlust von ausgebildetem Personal genutzt wird (Lowell 2001a, S 5f.). Der Begriff BD 10 wird als Synonym für die Mobilität von hochqualifiziertem HC ver-wendet, wobei sich der Netto-Wissensabfluss stark in eine Richtung vollzieht (Giannoc-colo 2004, S. 2; Salt 1997, S. 5). ’Brain’ steht in diesem Falle für Fähigkeiten, Kompe-tenz oder potentielles Vermögen, während ’Drain’ eine größere Abwanderungsrate (’e- xitrate’) als ’normal’ bzw. gewünscht impliziert. Verbindet man diese beiden Begriffe ergibt sich ein Abfluss der Talentiertesten 11 zu einer merklichen Rate (Giannoccolo 2004, S. 2). Mit anderen Worten: ein BD bezieht sich auf die permanente oder lang-fristig angelegte internationale Emigration hochqualifizierter Arbeitskräfte, deren Ausbildung im Herkunftsland in großem Umfang unterstützt wurde (Wickramase-kara 2002, S. 3; Williams 2000, S. 3). Dabei handelt es sich um einen Wissens- und Fähigkeitstransfer aus dem Herkunftsland in das gewählte Zielland (Williams 2000, S. 3). Meist wird davon ausgegangen, dass hauptsächlich LDC von diesem Phänomen be-troffen sind, da diesen durch die Emigration von Hochqualifizierten in die HDC wert-volle HC-Ressourcen und damit auch wirtschaftliches Potential zumeist permanent ver-loren gehen (Dumont/Lemaître 2004, S. 3; Williams 2000, S. 3). Die meisten Forscher beziehen sich bei ihren Definitionen des BD auf die Migration bestimmter Berufsgrup-pen, wie bspw. von Ingenieuren, Studenten, Ärzten oder anderen hochqualifizierten Fachkräften. Adams (2003) verallgemeinert dies, indem er anmerkt, dass erst dann von einem BD gesprochen werden kann, wenn mehr als 10% der tertiär-ausgebildeten Be-völkerung eines bestimmten arbeitsexportierenden Landes auswandern. Meist stellen die Migranten eine Elite dar, da sie besser ausgebildet sind als die restliche Bevölkerung des Heimatlandes (Adams 2003, S. 1, 18).
10 In der Literatur beziehen sich die Definitionen des BD zumeist auf soziale, ethische sowie politische Aspekte und weniger auf wirtschaftliche. So verwendet z.B. Black (1997) in seinem ’A dictionary of Economics’ folgende Erklärung: “Brain Drain: a pejorative description of the tendency for talent people from poor countries to seek employment in richer ones. Sometimes this migration occurs because, while similar skills are needed in both poor and rich countries, the rich pay more for them. In other cases brain drain occurs because the technical and economic backwardness of poorer countries means that job opportunities there are limited or non existent. It is also possible that brain drain is encouraged because of tendencies in poorer countries to fill such good jobs as there are on a basis of family connections, political influence, and corruption, while on average richer countries, though subject to some of the same problems, tend to fill posts on a slightly more meritocratic basis” (v. Black 1997, zitiert nach: Giannoccolo 2004, S. 3f.).
11 Auch als „Abfluss von Intelligenz bzw. Verstand“ (Chancen für alle 2005b) bezeichnet.
- 8 - 2.3.2Brain Gain/Return
Im Zusammenhang mit dem BD wird oft ein Bezug zu einem ’Brain Gain’ oder ’Brain Return’ geschaffen. Meist ist gerade bei Hochqualifizierten oder Studenten die Bereitschaft zur Rückkehr in das Heimatland nach einem längeren Aufenthalt im Ausland sehr groß. Auch wenn sich die Aufenthaltsdauer der ursprünglich geplanten Zeit verlängert, kehren sie schließlich zurück. In der Fachsprache wird hierbei von ’Brain Return’ gesprochen (Giannoccolo 2004, S. 4). Damit einhergehend stehen dem Land die gesamten Kenntnisse und Fähigkeiten zur Verfügung, von denen es profitieren kann. Dieser Aspekt wird auch ’Brain Gain’ oder „Gewinn von Intelligenz bzw. Verstand“ (Chancen für alle 2005c) genannt.
2.3.3 Brain Circulation
Bei der ’Brain Circulation’ entscheiden sich Individuen für ein Studium im Ausland und im Anschluss daran nehmen sie einen Job an. Später pendeln sie zwischen Ausland und Heimatland hin- und her, um in der Heimat von den im Ausland erworbenen Fähigkeiten und Kenntnissen zu profitieren (Giannoccolo 2004, S. 4). Nach Meinung der Autoren Johnson/Regets (1998) wird diese Form der Migration in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen (v. Johnson/Regets, zitiert nach: Giannoccolo 2004, S. 4). Dadurch können zuvor entstandene Defizite ausgeglichen bzw. gemildert werden.
2.4 Diaspora
Diaspora ist die Präsenz einer beachtlichen Anzahl intellektueller Expatriates des Südens sowie Ostens, welche in sämtlichen OECD-Ländern verstreut sind, aber heute überwiegend über das Internet miteinander in Verbindung stehen. Dadurch sind Netzwerke entstanden, die daran arbeiten, die Entwicklung in ihren Heimatländern zu fördern (Meyer 2001, S. 48). Die International Organization of Migration (IOM) sieht in der Diaspora „the idea of trans-national populations, living in a place but still related to their homelands, being both ’here’ and ‘there’” (IOM 2005a, S. 1). Weltweit existieren mehr als 40 dieser Netzwerke, die mit 35 LDC zusammen arbeiten. Das von den Mitgliedern besessene Wissen wird dafür genutzt, einen nachhaltigen Beitrag bei gewinnbringenden Aktivitäten zu leisten. Dazu zählen gemeinsame Forschungsprojekte, Joint Ventures, Weiterbildungsmaßnahmen etc.. Die Diaspora-Option zeigt, dass nicht nur eine physische Rückkehr (’Remigration’) der hochqualifizierten Arbeitskräfte eine Alternative zum BD darstellt. Der Vorteil dieser Option liegt darin begründet, dass sie
- 9 -sich weder nachteilig auf die Interessen des Ziellandes noch auf die des Herkunftslandes auswirkt, da die Expatriates beiden Ländern zur Verfügung stehen, die Entwicklung fördern und konstruktive Verbindungen zwischen diesen schaffen (Meyer 2001, S. 48). Die Diaspora-Netzwerke sehen sich selbst als unabhängige und gemeinnützige Organi-sationen, die jedoch manchmal auf institutionelle Unterstützung zurückgreifen müssen um ihre Ziele zu erreichen (Brown 2000, S. 8).
3. Theoretische Grundlagen des BD
3.1 Geschlossene Modelle zu den Ursachen und Auswirkungen des BD
In der Literatur gibt es eine große Vielzahl an Modellen bzw. Theorien 12 , die den BD thematisieren. Es werden jeweils unterschiedliche Aspekte untersucht, die insbesondere die Ursachen des BD sowie daraus resultierende Konsequenzen analysieren. Die im Folgenden betrachteten Modelle werden herangezogen, da sie einen guten Zusammenhang zu der in Kapitel 5 erwähnten Empirie schaffen. Einzelne Aspekte, die in der Praxis zu erkennen sind, können anhand der ausgewählten Modelle besser erklärt werden. Zunächst werden die neoklassischen Modelle den Ansätzen der Neuen Wachstumstheorie sowie die Handelstheorie der Migrationstheorie gegenüber gestellt um dann im weiteren Verlauf ein endogenes Wachstumsmodell zu betrachten.
3.1.1 Neoklassische Modelle vs. Neue Wachstumstheorien
Neoklassische Ansätze der sechziger/siebziger Jahre sind statischer Natur und setzen den Fokus auf mikroökonomischer Ebene. HC wird hier als Produktionsfaktor deklariert, wobei vollkommener Wettbewerb, vollständige Informationen und vollkommene Einkommensflexibilität angenommen werden (Solimano/Pollack 2004, S. 11). Weiterhin gehen die Modelle davon aus, dass jedes Individuum durch die Möglichkeit einer Migration seinen persönlichen Nutzen maximiert. Die durch wirtschaftliche Anreize hervorgerufene Emigration hochqualifizierter Arbeitskräfte steigert das Welteinkommen, ohne dass die Wohlfahrt der Zurückgebliebenen reduziert wird. Obwohl sich die Wohlfahrt der emigrierten Individuen verbessert, hat dies keinen Einfluss auf die Wohlfahrt der
12 Eine Auswahl an Modellen, die sich auch mit der Entstehung des BD sowie dessen Auswirkungen beschäftigen, werden aus Kapazitätsgründen nicht erwähnt. Dazu zählen zum einen die neoklassischen Theorien, darunter das ’Nationalist’-Modell von Patinkin (1968), das ’Internationalist’-Modell von Johnson (1968), das Harris/Todaro-Modell (1970) sowie das Modell der asymmetrischen Information und Migration von Kwok/Leland (1982). Bei den neueren Wachstumsmodellen spielen u.a. die Modelle von Mountford (1997), Lundborg (2004) eine Rolle in der Literatur.
- 10 -Nicht-Emigrierten. 13 Wenn die mikroökonomischen Betrachtungen auf die makroöko-nomische Ebene übertragen werden, wird die Migration als Konsequenz von Einkom-mensunterschieden zwischen Ländern bzw. Regionen gesehen. Migration ist demzufol-ge die optimale Allokation des Faktors Arbeit in die Region mit der höchsten Produkti-vität, wodurch sich, bei Migrationskosten von Null, die Löhne angleichen (Rotte/Vogler 1998, S. 5f.). Erst Bhagwati/Hamada (1974) machten darauf aufmerksam, dass auch die Wohlfahrt der nicht-emigrierten Individuen vom BD betroffen ist, wodurch sie für die Einführung einer BD-Steuer plädierten, die bei den Maßnahmen in Kapitel 4.1 näher erläutert wird.
Nachteil aller neoklassischen Modelle ist der fehlende Bezug zu empirischen Daten sowie die hauptsächliche Betrachtung von Einkommensunterschieden zwischen Herkunfts- und Zielland (Commander et al. 2003, S. 8).
Die dynamischen Wachstumstheorien bzw. Endogenen Wachstumsmodelle vertreten die Grundaussage, dass sich jegliche Minderung des HC-Bestands eines Landes nachteilig auf die momentane und zukünftige Situation auswirkt. Im Rahmen der meisten endogenen Wachstumsmodelle (zumeist Selbstselektierungsmodelle) werden die negativen Effekte des BD hervorgehoben (Rapoport 2002, S. 3). Seit ein paar Jahren versuchen einige Forscher zu zeigen, dass der BD nicht nur negative Konsequenzen für das Her-kunftsland mit sich bringt, sondern durchaus auch ein Brain Gain erzielt werden kann. Die Wissenschaftler versuchen aufzuzeigen, wie die sonst untersuchten adversen Effekte verringert werden können (Solimano/Pollack 2004, S. 11).
Die oben erläuterten neoklassischen Theorien gehen davon aus, dass ein BD so gut wie keine bzw. wenige global negative Auswirkungen hat, während die Neuen Wachstums-theorien bedeutende negative Effekte feststellen. Währenddessen wird bei den zuletzt genannten Theorien festgestellt, dass die kumulierten Effekte von HC für die nationale Entwicklung bedeutend größer sind, als bei der Neoklassik angenommen (Lowell 2001a, S. 13; Solimano/Pollack 2004, S. 11). 14
In den folgenden Ausführungen wird zunächst die parsimonische Erweiterung des Heckscher-Ohlin-Theorems (Punkt 3.1.2) betrachtet und schließlich das Modell von Haque/Kim (1995) und dessen Erweiterung von Beine et al. (2001). Das Endogene
13 Haque/Kim 1995, S. 578; Commander et al. 2003, S. 6; Solimano/Pollack 2004, S. 11
14 Zum besseren Verständnis der Erkenntnisse siehe dazu die bereits genannten Quellen.
- 11 -Wachstumsmodell von Haque/Kim (1995) untersucht die Auswirkungen eines BD auf die wirtschaftliche Entwicklung des betroffenen Landes. Beine et al. (2001) bauen auf den Ergebnissen von Haque/Kim (1995) und Mountford (1997) auf und zeigen, dass durch einen BD auch positive Externalitäten entstehen können, wie der unter Punkt 3.1.3 beschriebene ’Beneficial Brain Drain’. In diesem Zusammenhang soll auf das Modell von Mountford (1997) hingewiesen werden, der auch, wie Beine et al. (2001), nutzensteigernde Wachstumseffekte (in Form einer Produktivitätssteigerung) des BD feststellt, wenn Entscheidungen bezüglich der Ausbildung endogen getroffen werden und eine gewisse Migrationsunsicherheit besteht (Lundborg 2004, S. 1). 15
3.1.2 Handelstheorie vs. Migrationstheorie
Das Heckscher-Ohlin-Theorem 16 , auch Faktorproportionen-Theorem genannt, erklärt zwar die Bedeutung von Ressourcendifferenzen im internationalen Handel (Krugman/Obstfeld 2003, S. 76), nicht jedoch die internationale Migration. Internationaler Handel und internationale Migration sind unterschiedliche Phänomene, da Handelsgewinne nicht mit einem Migrationsgewinn verglichen werden können. Hinsichtlich der internationalen Mobilität von Humanressourcen erlangen Konsumenten nicht denselben Nutzen wie bei einem länderübergreifenden Güteraustausch. Außerdem sind die Erklärungen für die Mobilität von HC und Güterbewegungen nicht identisch (Simon 1999, S. 17). Das Heckscher-Ohlin-Theorem ist ungeeignet um Migrationsströme von HC zu erklären, da HC keinen Produktionsfaktor an sich darstellt und weil es nicht zu einer Faktorpreisveränderung kommt. Die Handelstheorie erklärt nur, warum es nicht zur Migration kommen muss und nicht warum die stattfindende Migration auftritt (Simon 1999, S. 19f.).
Mit der parsimonischen Erweiterung des Heckscher-Ohlin-Modells von Schiff (2000) kann allerdings der Bezug zum BD geschaffen werden, da die Kritikpunkte und Grenzen des ursprünglichen Theorems beachtet werden. Zum einen werden Faktorbewegungen zwischen Süd und Nord gut erklärt und zum anderen werden schwerpunktmäßig die Auswirkungen auf das Sozialkapital (soziale Normen, Verhalten, Werte, Sprache und Kultur) betrachtet (Schiff 2000, S. 2f.). In seinen Untersuchungen geht Schiff (2000) von zwei Annahmen aus: Zum einen maximieren Emigranten ihren persönlichen Nut- 15 DieErkenntnisse des Mountford Modells werden der Vollständigkeit halber erwähnt und daher nicht ausführlich dargestellt.
16 Das Modell wird als bekannt vorausgesetzt.
- 12 -zen, ohne Rücksicht auf die restliche Wohlfahrt, wobei keine Internalisierung der Ex-ternalitäten statt findet. Zum anderen ist die Migration Bestandteil eines kollektiven Wohlfahrtsmaximierungsprozesses im Süden. Dabei werden alle Migrationsexternalitä-ten des Südens internalisiert (Schiff 2000, S. 4). Diese beiden Annahmen werden unter zwei Gesichtspunkten, der unbeschränkten Migration sowie bei optimalen Immigrati-onseinschränkungen, analysiert. Bei seinen Ausführungen macht er darauf aufmerksam, dass die Bewegung von Individuen nicht mit der Mobilität von Gütern oder Dienstleis-tungen vergleichbar ist, da Individuen aufgrund von Sozialkapital gebundener sind. Da-durch entstehen bei der Migration positive und negative Externalitäten. 17 Die Migrati-onsexternalitäten hängen von der Größe der Migrantengruppe im Vergleich zur Nicht-Migrantengruppe im Süden und im Vergleich zur Bevölkerung im Norden ab (Schiff 2000, S. 7). Aus der Sicht der Zielländer ist eine unbeschränkte Migration generell nicht optimal. Für den Süden ist eine uneingeschränkte Migration nur dann vorteilhaft, wenn die Externalitäten internalisiert werden. Unabhängig vom Internalisierungsgrad der Migrationsexternalitäten ergeben sich fünf stabile Ergebnisse: Erstens profitiert der Norden vom Einführen einer Immigrationssteuer. Zweitens stellt eine unbeschränkte Migration nie ein globales Optimum dar. Drittens ist für den Süden eine Handelslibera-lisierung gewinnbringend. Viertens kommt dem Süden ein bevorzugter Handelszugang zum Norden zugute. Und schließlich ist der Norden besser gestellt, wenn er eine Immig-rationssteuer erhebt, ohne dem Süden einen bevorzugten Handelszugang zu gewähren (Schiff 2000, S. 22).
3.1.3 Endogenes Wachstumsmodell von Haque/Kim (1995)
In ihrem dynamischen Modell betrachten Haque/Kim (1995) 18 zwei sich überlappende Generationen heterogener, hochqualifizierter Arbeitskräfte aus zwei identischen Ländern, die allerdings eine unterschiedliche Steuerpolitik (Einkommenssteuer, Ausbildungssubventionierungen, Immigrationspolitik) und Technologie aufweisen. Beide Länder verfügen über die gleiche Anzahl an heterogenen Wirtschaftssubjekten, da kein Bevölkerungswachstum und keine Arbeitsmobilität herrschen (Haque/Kim 1995, S. 581). Die Autoren gehen von der Annahme aus, dass Wachstum durch die Anhäufung von HC eines jeden Agenten generiert wird. Dabei ist die Funktion zur HC-Anhäufung
17 Für konkrete Beispiele siehe Schiff (2000).
18 Aus Kapazitätsgründen kann die analytische Vorgehensweise nicht dargestellt werden. Hierzu siehe Ha- que/Kim (1995).
Arbeit zitieren:
Diplom-Kauffrau Erika Otto, 2005, Brain Drain, München, GRIN Verlag GmbH
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