Inhaltsverzeichnis
1. Citizen Soldier und Staatsbürger in Uniform - 2
ein Vergleich soldatischer Leitbilder für Demokratien
2. Der Staatsbürger in Uniform 4
3. Der citizen soldier 9
4. Vergleich 16
5. Citizen soldier und Staatsbürger in Uniform - 19
Ausblicke in die Zukunft
6. Literatur 23
1
Als sich der Warschauer Pakt am 01. Juli 1991 auflöste, markierte dies nicht nur das Ende eines Systems, sondern auch einer militärischen Macht, die ihren Einflussbereich 46 Jahre durch den Vormarsch der Sowjetarmeen im 2. Weltkrieg über Mittel- und Osteuropa östlich der Elbe ausgedehnt hatte. Die Auflösung, die sich bereits in den Jahren 1989/90 abgezeichnet hatte, bedeutete das Ende des Kalten Krieges. 1
Sie bedeutete auch das Ende eines jahrzehntelangen Wettrüstens sowohl der konventionellen, als auch der nuklearen Arsenale des Ost- als auch des Westblocks. Abrüstung und Rüstungskontrollen sowie Vertrauensbildung auf den Grundlagen von Ausgewogenheit und gegenseitiger Nachprüfbarkeit ermöglichten einerseits einen politischen und militärischen Transformationsprozess, der das Ende sich gegenüberstehender
Bündnissarmeen bedeutete, andererseits entstanden durch den Wegfall des Antagonismus und die damit verbundenen Umwälzungen auch neue Konflikte und außenpolitische Risiken für die westlichen Industriestaaten. Bürgerkriegsszenarien (vgl. ehemaliges Jugoslawien seit 1991 2 ), humanitäre Katastrophen (vgl. Somalia 1993) und das Erstarken der Bedrohung durch international agierende nichtstaatliche Akteure, stellen neue Anforderungen an moderne Streitkräfte. 3 Entsprechende Reaktionen erfordern nun auch von europäischen Staaten wie Deutschland die Teilnahme an Einsätzen und Interventionen außerhalb des Landes- oder Bündnisterritoriums, so genannte „Out of Area“ -Einsätze. 4
1 Immisch 1995: S. 260
2 Buchbender 2000: S. 35
3 Ebenda: S. 319
4 Ebenda: S. 276
2
Für das Militär der Vereinigten Staaten von Amerika ist der Kampf nicht mehr um das eigene Territorium, sondern auf Grund des politischen Willens des Staates, seit dem Eintritt der USA in den 1. Weltkrieg im April 1917 nicht mehr fremd. Im Laufe der Zeit, nach dem 2. Weltkrieg und unter dem Eindruck des gescheiterten Vietnam- Engagement zeichnete sich eine gegenseitige Abgrenzung zwischen der amerikanischen Gesellschaft und ihrer Streitkräfte ab. Diese waren seit der amerikanischen Revolution durch das Bild des „citizen soldiers“, des Bürgersoldaten, stets eng verbunden gewesen. Scharfe politische Gegensätze großer Teile der Gesellschaft einerseits und der politischen und militärischen Führung andererseits während des Vietnamkrieges fügten der Figur des citizen soldiers großen Schaden zu. 5
In Deutschland ist die Figur des „Staatsbürgers in Uniform“, der in der Gesellschaft durch Erleben derselben verankerte Soldat, nach dem 2. Weltkrieg Leitbild der Integration in der Gesellschaft geworden. 6 Obwohl unter vollkommen unterschiedlichen Bedingungen entstanden, soll diese Konzeption, ähnlich der des „citizen soldiers“, die Rolle des Soldaten in der Gesellschaft integrativ bestimmen. Die Orientierung in der Gestaltung des militärischen Dienstes an den freiheitlichen Grundrechten eröffnet dem Soldaten eine Orientierung an gesellschaftlichen Werten und soll so eine moralische Sonderstellung des Militärs, wie in der Vergangenheit erlebt, verhindern. 7
Strategischer Hintergrund bei der Entstehung beider Bilder war die Erwartung eines Aggressors von außen in Form eines zeitgemäßen Kriegsbild.
Thema dieser Arbeit ist, die Leitfigur des Staatsbürgers in Uniform und das in der National Guard und den Reservisten weiter bestehende Prinzip des citizen soldiers, auf ihre militärische Angemessenheit einerseits, ihre historische und, in Ansätzen, auch ihre zukünftige Rolle in der Bestimmung zivil-militärischer Beziehungen andererseits im Rahmen der veränderten sicherheitspolitischen Lage und daraus resultierendem Aufgabenfeld zu untersuchen. Eine vom amerikanischen Militärsoziologen Morris Janowitz erneuerte Form des „citizen
5 von Bredow 1991:S. 320
6 Weißbuch 1970: S. 121
7 Linnenkamp/Lutz 1995: S. 27f
3
soldiers“ soll hierbei auch nicht ohne Betrachtung bleiben. Zu diesem Zweck werden in den ersten zwei Abschnitten beide Leitbilder umrissen und versuchsweise definiert. Im dritten Teil soll im direkten Vergleich die Ähnlichkeit und gleichzeitige Unterschiedlichkeit beider Systeme dargestellt werden. Der vierte und letzte Teil reißt die Zukunftsfähigkeit beider Soldatenbilder an, gerade im Hinblick auf die zu erwartenden Formen militärischer Auseinandersetzungen.
Der Staatsbürger in Uniform
Nach der militärischen Niederlage Deutschlands 1945 wurde die Einigkeit der Kriegskoalition von einer Konfrontation der Großmächte in West und Ost abgelöst. Vor dem Hintergrund des beginnenden Wettrüstens der Blöcke rückte das militärische Potenzial der Deutschen, die man in zwei Weltkriegen kennen gelernt hatte, in das Interesse der Weltmächte. Eingebunden in ein kollektives Sicherheitssystem sollte die junge Bundesrepublik Deutschland 8 einen Beitrag zur Abwehr der sowjetischen Machtausbreitung leisten. Dieses Vorhaben stieß allerdings zu Anfang auf Widerstand, sowohl auf europäischer, als auch auf innerdeutscher Ebene. Frankreich und England waren die Auswirkungen der militärischen Leistungen Deutschlands noch in schmerzlicher Erinnerung. Innerdeutsch war neben einer allgemeinen Militärmüdigkeit die Sorge groß um ein Widererstarken antidemokratischer Kräfte, ähnlich der Reichswehr in der Weimarer Republik. Ein weiteres Hauptargument war die Ansicht, mit der Wiederbewaffnung würde eine Westbindung der Bundesrepublik einhergehen, und damit ein Hindernis zur Wiedervereinigung werden. Trotzdem ließ Konrad Adenauer, erster Bundeskanzler der BRD, seit Mai 1950 verdeckt die Aufstellung deutscher Truppenkontingente vorbereiten.
8 Im weiteren BRD genannt
4
Am 5. Oktober trat im Kloster Himmerod in der Eifel eine 15-köpfige Expertengruppe, bestehend aus ehemaligen Wehrmachtsoffizieren zusammen, um sich mit der Aufstellung eines deutschen Kontingents zur Verteidigung Westeuropas zu befassen. Zu dieser Tagung war auch Major a. D. Wolf Graf von Baudissin eingeladen worden, um Fragen der ethnischen und moralischen Legitimität des zukünftigen deutschen Soldaten mit zu behandeln. Er machte zur Bedingung seiner Kooperation „…die 1819 stecken gebliebene Reform von Scharnhorst und Gneisenau wieder aufzunehmen.“ 9 Diese Grundlage steuerte einer Restaurierung von Korpsgeist und elitärer Besonderheit, wie in der deutschen Militärgeschichte immer geltend war, entgegen zugunsten einer Notwendigkeit grundgesetzkonformer Neuorientierung. Baudissin bezog sich auf die damals gescheiterten Teile der preußischen Heeresreform, welche „eine Unterwerfung des Militärs unter die Maximen des Zeitgeist […] eingebunden in ein repräsentatives Verfassungssystem“ und „der institutionalisierten Sicherung der Ehre auch des gemeinen Mannes“ 10 forderten. Hierbei interpretierte er die „Ehre des gemeinen Mannes“ als die Grundrechte, welche im noch jungen Grundgesetz beschrieben waren. 11 Obwohl vielen der Teilnehmer diese Grundlagen viel zu revolutionär waren, und sich Baudissin dadurch gerade unter jenen, welche als Traditionalisten eine Restaurierung des bewährten Systems der Vergangenheit anstrebten, 12 keine Freunde machte, trägt der fünfte Abschnitt, „Inneres Gefüge“ der Himmeroder Denkschrift seine Handschrift. 13 Die Notwendigkeit der Einbindung in das europäische System, der grundlegende Bruch mit der Wehrmacht und die Forderung, „das Deutsche Kontingent darf nicht ein ‚Staat im Staate’ werden. Das Ganze wie der Einzelne haben aus innerer Überzeugung die demokratische Staats- und Lebensform zu bejahen“ 14 als Ausdruck des noch abstrakten Begriffs des Primat der Politik finden sich hier als Grundlagen späterer Entwicklungen wieder.
9 Linnenkamp/Lutz 1995: S.22
10 Kister/Klein 1989: 15
11 Ebenda: S.15
12 Linnenkamp/Lutz 1995: S. 44
13 Heinemann: Die Denkschrift Abschnitt V
14 Ebenda: Die Denkschrift Abschnitt V
5
Die eigentliche Konzeptionsphase begann im Mai 1951, als Major a. D. Graf von Baudissin zum Referenten für das Innere Gefüge in der Dienststelle Blank ernannt wurde. Hier prägte man zwischen 1952 und 1953 die Begriffe der „Inneren Führung“ und des „Staatsbürgers in Uniform“, als Antwort auf die in Himmerod geforderte Möglichkeit eines Bündnisses „zwischen demokratischer Idee und soldatischer Notwendigkeit“ (General a.D. Graf Kielmansegg) 15 . Die Begrifflichkeit der „Inneren Führung“ setzte sich allerdings erst 1957 durch, als rechtlich die Grundlagen für den Aufbau der neuen Armee gelegt wurde und der „Staatsbürger in Uniform […] unmittelbar geltendes Recht“ 16 wurde. Dieses Gesamtkonzept war allerdings auch nicht an einem Tag zustande gekommen, sondern es resultierte aus der Zusammenfügung einer Vielzahl von Überlegungen, von denen viele dem Bemühen entsprangen, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Trotzdem ist es „erstaunlich stimmig“ 17 .
Diese zentrale Figur des Baudissinschen Konzepts, der Inneren Führung ist der Staatsbürger in Uniform. Als Soldat des Friedens sollte er das frühere Selbstverständnis des Soldaten, den Krieg als Existenzberechtigung, als ein im Nuklearwaffenzeitalter überholtes Modell ersetzen. Eine Verteidigungsarmee sollte nur noch friedenssicherndes und Aggressor abschreckendes Instrument sein. 18 Dadurch, dass der Bürger als Soldat in seiner Dienstzeit die gleichen Rechte und Werte, die er auch als ziviles Mitglied der Gesellschaft erfährt, erlebt, sollte er nicht in erster Linie in der Unterscheidung Soldat/Zivilist kategorisieren, sondern beides als „zwei Aggregatzustände des
Gleichen“ 19 ansehen. Durch diese Verwurzelung in der Gesellschaft solle eine Motivationsgrundlage gebildet werden und ein Verständnis der Notwendigkeit des Schutzes für dieses System schaffen. So sollte auch die Einsicht des sich Ein- und Unterordnen erleichtert werden. Man setzte auf ein Verständnis, auf ein „Dienen aus der Überzeugung, das Rechtmäßige zu tun“ 20 .
15 Wegweiser Traditionspflege 4.3
16 Meyer 1993: S. 975
17 von Bredow 1991: S. 321
18 Linnenkamp/Lutz 1995: 13
19 von Baudissin 1982: S. 166
20 Ilsemann 1971: S. 23
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Arbeit zitieren:
Kristof Trier, 2004, Citizen Soldier und Staatsbürger in Uniform - ein Vergleich soldatischer Leitbilder für Demokratien, München, GRIN Verlag GmbH
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