Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Anfänge von Militärgeschichte und Offiziersausbildung in der Vormoderne 4
3. Militärgeschichte in der preußisch-deutschen Offiziersausbildung zwischen Französischer
Revolution und Zweitem Weltkrieg. 7
3.1. Die Preußische Heeresreform. 7
3.2. Vom Wiener Kongress zum Ersten Weltkrieg. 9
3.3. Weimarer Republik und Drittes Reich 16
4. Militärgeschichte und Offiziersausbildung nach 1945. 17
5. Schlussbetrachtung. 21
Literatur. 23
Quellen 23
Literatur. 23
2
1. Einleitung
In den letzten Jahren hat die Geschichte von Krieg und Militär an den Universitäten verstärkt Beachtung gefunden. Dennoch war die Militärgeschichte lange Zeit fast ausschließlich den Militärs, namentlich den Offizieren vorbehalten. Die militärischen Führer hatten und haben ein fundamentales Interesse daran, aus den Erfahrungen vergangener Kriege die richtigen Schlüsse für zukünftige Auseinandersetzungen zu ziehen. Daher wird der Militärgeschichte in der Offiziersausbildung seit langem ein wichtiger Stellenwert beigemessen. Gleichzeitig stellt sich immer wieder die Frage nach der wirklichen Verwertbarkeit historischer Erfahrungen in der Zukunft.
In einem historischen Abriss soll aufgezeigt werden, wie sich die deutsche Militärgeschichte im Spannungsfeld von militärischen Anforderungen und Geschichtswissenschaft entwickelt hat. Dabei möchte ich einen weiten Bogen von der Vormoderne bis zur Gegenwart schlagen und auf die wesentlichen Strukturen und grundlegenden Umbrüche im neuzeitlichen Kriegswesen eingehen. Mit ihnen geht ein Wandel der Kriegswahrnehmung einher, der auch Folgen für die Militärgeschichte und die Offiziersausbildung hat. Im Mittelpunkt der Betrachtungen soll die amtliche, preußisch-deutsche Militärgeschichtsschreibung des 19. und 20. Jahrhunderts stehen. Auf Partikularentwicklungen in der Marine, den deutschen Einzelstaaten, wie auch in der DDR kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden und auch die akademische Militärhistoriographie kann nur am Rande Erwähnung finden 1 .
Die sich wandelnden Konzeptionen von Militärgeschichte zeigen sich auch in der Terminologie. Die Kriegsgeschichte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts begriff sich in einem eng gefassten Sinn als eine Erfahrungswissenschaft, welche primär angehenden Offizieren praktische Kenntnisse in der Kriegsführung vermitteln sollte. Um die enge Interpretation des Begriffs „Kriegsgeschichte“ zu überwinden, entstand in der Zwischenkriegszeit die Wehrgeschichte.
1 Zur akademischen Militärgeschichtsschreibung vgl. Nowosadtko, Jutta: Krieg, Gewalt und Ordnung.
Einführung in die Militärgeschichte. Tübingen, 2002 (= Historische Einführungen, Bd. 6), S. 75-130; zur
Entwicklung der Offiziersausbildung in der Marine vgl. Bald, Detlef: Der deutsch Offizier. Sozial- und
Bildungsgeschichte des deutschen Offizierskorps im 20. Jahrhundert. München, 1982, S. 65-71, 98-100; zur
Entwicklung in der DDR vgl. Nowosadtko 2002, S. 10 f., 72-74; zu Österreich vgl. ebd., S. 11; Kronenbitter,
Günther: Ein weites Feld. Anmerkungen zur (österreichischen) Militärgeschichtsschreibung. In: Zeitgeschichte
30 (2003), S. 185-191
3
Als Teil der Wehrwissenschaften wollte sie die gesamte Geschichte vom Gesichtspunkt der Wehr untersuchen. Unter Distanzierung von den früheren, ideologisierten und instrumentalisierten Konzepten setzte sich der Begriff „Militärgeschichte“ durch. Sie sieht sich als einen Teilbereich der Geschichtswissenschaft 2 .
2. Die Anfänge von Militärgeschichte und Offiziersausbildung in der Vormoderne Schon immer waren die Nachgeborenen von der Vergangenheit fasziniert und geneigt sie in ein positives Licht zu rücken. Auch Flavius Renatus Vegetius versuchte seine Zeitgenossen Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. mit einer Zusammenstellung älterer Quellen zu seiner fünfbändigen „Epitoma rei militaris“ zu einer Rückbesinnung auf die erfolgreiche römischen Militärorganisation der Vergangenheit zu bewegen. Sein Werk war im Mittelalter die einzige bekannte Quelle zum antiken Kriegswesen. Für die wenig formalisierten und differenzierten Ritterheere bot sich dieses zumindest als Anleitung für die technische Kriegsführung und Belagerungen an. Die Verwendung von Vegetius’ Werk als Lehrschrift für militärisches Handeln beschränkte sich allerdings auf wenige Einzelfälle, so dass sein Einfluss auf das mittelalterliche Kriegswesen nur minimal war. Das kriegstechnische Wissen des Mittelalters wurde vor allem mündlich vermittelt oder in der Praxis erworben 3 .
Im späten Mittelalter und der Frühen Neuzeit war das Kriegswesen einem fundamentalen Wandel unterworfen. Die feudalen Ritterheere wichen den größeren Armeen der Pikeniere und Musketiere. Mit dem zunehmenden Organisationsbedarf und einer differenzierteren Führungsstruktur entwickelte sich auch der Beruf des Offiziers in seiner heutigen Funktion. Er trug die Verantwortung, dass die Soldaten durch Disziplin und permanenten Drill und die daraus resultierende Aufstellung und Bewegung in Formation, ein Höchstmaß an Effizienz erreichten.
2 Wohlfeil, Rainer: Wehr-, Kriegs- oder Militärgeschichte? In: Geschichte und Militärgeschichte. Wege der
Forschung. Hrsg. von Ursula von Gersdorff. Frankfurt am Main, 1974, S. 165-175; Nowosadtko 2002, S. 20-24;
Heuser, Beatrice: Kriegswissenschaft, Friedensforschung oder Militärgeschichte? Unterschiedliche kulturelle
Einstellungen zum Erforschen des Krieges. In: Militärgeschichte - Erfahrung und Nutzen. Beiträge zum 80.
Geburtstag von Reinhard Brühl. Hrsg. von Detlef Nakath/ Lothar Schröter. Schkeuditz, 2005 (= Beiträge zur
Militärgeschichte und Militärpolitik, Bd. 6) , S. 119-146, bes. S. 131-133, 138-145; Unter Rückbesinnung auf
das zentrale Thema Krieg, plädiert Beatrice Heuser für eine Rehabilitierung der Kriegsgeschichte, ohne jedoch
zur eingeengten Perspektive der vorletzten Jahrhundertwende zurückzukehren. Vgl. ebd., S. 145; auch Wohlfeil
1974, S. 167 f.
3 Leng, Rainer: Ars belli. Deutsche taktische und kriegstechnische Bilderhandschriften und Traktate im 15. und
16. Jahrhundert. 2 Bde., Wiesbaden, 2002 (= Imagines Medii Aevi. Interdisziplinäre Beiträge zur
Mittelalterforschung, Bd. 12), S. 96 f. u. 100 f.; Vegetius’ Popularität, die sich in duzenden Abschriften zeigt,
resultierte in erster Linie aus seinem christlichen Bekenntnis und blieb oft auf gelehrte, klerikale Kreise
beschränkt. Vgl. ebd., S. 65-69
4
Ihre höchste Entfaltung erfuhr diese Kriegsmaschinerie im 18. Jahrhundert, als man die stehenden Heere mit mechanischen Uhrwerken verglich, deren Räder perfekt ineinander greifen sollten. Eine Schlacht löste sich nicht mehr in zahllose Einzelgefechte auf, so dass persönliche Tapferkeit und Wagemut von Soldaten und Offizieren in den Hintergrund traten. Wichtiger war es nun die Truppe und ihre Handlungen zu steuern und zu kontrollieren. Krieg und Kriegswesen waren mit der Systematisierung zugleich einer Verwissenschaftlichung unterworfen. Gerade auch aus der Geschichte und den vergangenen Kriegen versuchte man dabei Lehren für künftige Auseinandersetzungen zu ziehen 4 .
Schon im 16. Jahrhundert hatten Militärtheoretiker ganz im Geiste der Renaissance auf antike Vorbilder zurückgegriffen. Machiavellis Werk „Libro dell´ arte della guerra“ von 1521 stützte sich in besonderem Maße auf Vegetius 5 . Das stärkere Gewicht der Infanterie gegenüber der Kavallerie in der frühenneuzeitlichen Kriegsführung und die wachsende Bedeutung von Drill und Disziplin ließen einen Rückgriff auf griechisch-römische Vorbilder als durchaus sinnvoll erscheinen. In den Niederlanden versuchten Moritz von Oranien und Wilhelm von Nassau mit veränderten Exerziermethoden die Wirkung der Feuerkraft zu maximieren. Unter Anleihe bei der römischen Manipel- und Kohortentaktik wurden aus wenig disziplinierten Gewalthaufen relativ flach gestaffelte Treffen 6 . Auch wenn seit Machiavelli die Erfahrungen antiker Autoren in Militärhandbücher, Kriegsordnungen und technische Beschreibungen einflossen, so stellte die Adaption antiken Kriegswissens dennoch eine Ausnahme dar. Die Unterschiede zum frühneuzeitlichen Kriegswesen waren letztlich so gravierend, dass man antike Kriegstechniken nicht eins zu eins übernehmen konnte. Eine Orientierung an den gegenwärtigen Erfordernissen war unerlässlich und aus der Geschichte übernahm man vor allem das, was von direktem Nutzen schien; gegenteilige Meinungen wurden einfach verschwiegen 7 .
4 Burkhardt, Johannes: Der Dreißigjährige Krieg. Frankfurt am Main, 1992, S. 213-220; Kroener, Bernhard R.:
Der Offizier im Erziehungsprogramm der Aufklärung. In: Von der Friedenssicherung zur Friedensgestaltung.
Deutsche Streitkräfte im Wandel. Hrsg. von Heinrich Walle. Herford/ Bonn, 1991, S. 23-34, hier S. 24 f.;
Schulze, Hagen: Staat und Nation in der europäischen Geschichte. München 1999, S. 51-53, 69-73; Münkler,
Herfried: Die neuen Kriege. Berlin 2000, S. 95-118; Die Professionalisierung und Disziplinierung des Militärs
ging einher mit der politischen, administrativen und fiskalischen Ausweitung des Staates. Ein zentrales Ergebnis
dieses Prozesses ist die Entstehung eines staatlichen Gewaltmonopols.
5 Nowosadtko 2002, S. 32 f.
6 Hahlweg, Werner: Die Heeresreform der Oranier und die Antike. Studien zur Geschichte des Kriegswesens der
Niederlande, Deutschlands, Frankreichs, Englands, Italiens, Spanien und der Schweiz vom Jahre 1589 bis zum
Dreißigjährigen Krieg. Berlin, 1941 (= Schriften der Kriegsgeschichtlichen Abteilung im Historischen Seminar
der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin), S. 51 f., 111,118-122; Burkhardt 1992, S. 220 f.
7 Nowosadtko 2002, S. 33
5
Zugleich war die Antikenrezeption vornehmlich eine Angelegenheit gebildeter Theoretiker. So entstand die oranische Heeresreform, die selbst Einzelheiten bis hin zur römischen Kommandosprache übernahm, unter dem maßgeblichen Einfluss des Humanisten Justus Lipsius (1547-1606). Die Ausbildung der Offiziere blieb hingegen an der Praxis von Exerzierplatz und Krieg orientiert. Ihr Geschichtswissen umfasste hauptsächlich eine additive Sammlung von Schlachtberichten, die zuallererst ein Beispiel für die aristokratischen Tugenden geben sollten 8 .
Mit einer systematischen Auswertung von Kriegserfahrungen begann man im Verlauf des 18. Jahrhunderts. Absolutismus und Aufklärung wollten die zur „Kunst“ erhobene Kriegsführung rationalen Gesetzmäßigkeiten unterwerfen und durch das Studium vergangener Schlachten, auch künftige gewinnen. Zugleich trat die jüngere Militärgeschichte, im stärkeren Bewusstsein des Abstands zwischen Vergangenheit und Gegenwart, aus dem Schatten der antiken Kriegsgeschichte 9 . Umzusetzen versuchte man die neuen Ideen und Erkenntnisse an den zahlreichen neu gegründeten Kadettenschulen und Kriegsakademien. In die praktische Ausbildung der Offiziere sollten nun auch theoretische Elemente stärker einfließen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts setzten sich aufgeklärte und gebildete Offiziere in militärischen Lesegesellschaften oder Militärzeitschriften mit dem Wesen des Krieges, der Lage des einfachen Soldaten und mit der (Aus-)Bildung der Offiziere auseinander 10 .
8 Kroener 1991, S. 26; Parallelen zu antiken, biblischen und mythischen Helden sollten zudem die Taten der
frühneuzeitlicher Herrscher und Feldherren glorifiziert werden. Kaiser Karl V. wurde etwa mit Scipio Africanus,
Hannibal, Cäsar, Sulla, Justinian, Jupiter, Jason oder Herakles verglichen. Vgl. Nowosadtko 2002, S. 38 f.
9 So stieß die einstigen Begeisterung für Vegetius ein Jahrhundert später nur noch auf Unverständnis. Vgl.
Nowosadtko 2002, S. 30 f.
10 Kroener 1991, S. 32; Ostertag, Heiger: Bildung, Ausbildung und Erziehung des Offizierskorps im deutschen
Kaiserreich 1871-1918. Eliteideal, Anspruch und Wirklichkeit. Frankfurt am Main u.a., 1990 (= Europäische
Hochschulschriften, Reihe 3, Bd. 416; zugl. Freiburg im Breisgau, Univ., Diss., 1989), S. 164
6
3. Militärgeschichte in der preußisch-deutschen Offiziersausbildung zwischen Französischer Revolution und Zweitem Weltkrieg
3.1. Die Preußische Heeresreform
Die großen Veränderungen, welche die Französische Revolution nach 1789 auch im militärischen Bereich mit sich brachte, erschütterten bald ganz Europa. Mit Enthusiasmus, Risikofreude und Aggressivität fegten die massenhaft mobilisierten, französischen Volksheere die Armeen der Anciennes Régiemes hinweg 11 . Das Königreich Preußen sah sich nach der katastrophalen Niederlage von Jena und Auerstädt 1806 und dem Frieden von Tilsit 1807 zu Reformen genötigt. Die Militär-Reorganisationskommission sollte unter Vorsitz Gerhards von Scharnhorst (1755-1813) das Heer an die veränderten Bedingungen der Kriegsführung anpassen 12 . Die von den Ideen der Aufklärung geprägten, preußischen Reformer hatten sich schon vor 1806 dem Krieg als Wissenschaft gewidmet 13 . In Preußen sollte nach französischem Vorbild eine patriotische Wehrpflichtigenarmee entstehen. Besonderen Wert legte Scharnhorst auf die Einrichtung guter militärischer Bildungseinrichtungen. Offiziere sollten künftig auf Grund ihrer Leistung und nicht wegen ihres Dienstalters befördert werden. Die Offizierslaufbahn sollte letzten Endes allen Bevölkerungsschichten offen stehen 14 .
11 Kennedy, Paul: Aufstieg und Fall der großen Mächte. Ökonomischer Konflikt und militärischer Wandel von
1500 bis 2000. Frankfurt am Main 2000, S. 198-206
12 Neben Scharnhorst wurden am 25. Juli 1807- keine drei Wochen nach Unterzeichnung des Tilsiter
Friedensvertrags- auch Bronikowsky und Gneisenau zu Mitgliedern der Militär-Reorganisationskommission
berufen. Innerhalb der nächsten sechs Monate wurde diese um Grolman, Borstell, Goetzen und Boyen ergänzt.
Vgl. Die Reorganisation des Preussischen Staates unter Stein und Hardenberg. Teil II: Das Preussische Heer
vom Tilsiter Frieden bis zur Befreiung 1807-14. Bd. 1. Hrsg. von Rudolf Vaupel, Leipzig 1938 (= Publikationen
aus den Preussischen Staatsarchiven, Bd. 94, N. F.), S. 7 f.
13 So wurden in der Berliner „Militärischen Gesellschaft“, die ihre Hauptaufgabe in der Weiterbildung der
Offiziere sah, ab 1801 die aktuellen Veränderungen im Kriegswesen diskutiert. Vgl. Stübig, Heinz: Gerhard von
Scharnhorst. In: Klassiker der Pädagogik im deutschen Militär. Hrsg. von Detlef Bald/ Uwe Hartmann/ Claus
von Rosen. Baden-Baden, 1999 (= Forum Innere Führung, Bd. 5), S. 62-76, hier S. 63
14 Im Immediationsbericht der Militär-Reorganisationskommission vom 25. September 1807 heißt es: „Einen
Anspruch auf Offizierstellen können in Friedenszeiten nur Kenntnisse und Bildung gewähren, im Kriege
ausgezeichnete Tapferkeit, Tätigkeit und Überblick. Aus der ganzen Nation müssen daher alle Individuen, die
diese Eigenschaften besitzen, auf die höchsten militärischen Ehrenstellen Anspruch machen können“. Vgl.
Reorganisation, S. 101; auch Kollmer, Dieter H.: Wie viel Bildung braucht der deutsche Offizier?
Offiziersausbildung in Deutschland zwischen humanistischer Allgemeinbildung und beruflich-fachlicher
Qualifikation (1806-2003). In: S + F - Sicherheit und Frieden 22 (2004), S. 39-45, hier S. 40
7
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Jörg Hauptmann, 2006, Militärgeschichte in der Offiziersausbildung, München, GRIN Verlag GmbH
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