Synästhesie, abgeleitet von den altgriechischen Worten syn und aisthesis, heißt laut Duden: die "Miterregung eines Sinnesorgans bei Reizung eines anderen"(WERMKE:969). Synästhesie wird als ein zusätzlicher Kanal der Wahrnehmung verstanden, wobei unterschiedliche Kombination auftreten können, am häufigsten ist aber das farbige Hören, auch genannt audition colorée. Dabei führen Geräusche, Musik, Stimmen, ausgesprochene Buchstaben und Zahlen typischerweise zur Wahrnehmung bewegter Farben und Formen. Dennoch äußern sich Synästhesien bei jedem Betroffenen anders (MAHLING).
So wurde schon damals die Synästhesie in der Literatur bewusst als Stilmittel eingesetzt, weshalb einige Psychologen die Unterscheidung zwischen willkürlicher (bewusster) und unwillkürlicher (unbewusster) Synästhesie machen. Ich ziehe jedoch für die Analyse der „Synästhesie in der Kunst“ folgende Unterscheidung vor: Synästhesie in der Alltagssprache und poetische Synästhesie. Dies geschieht aus folgendem Grund: Synästhesien der Alltagssprache kommen ebenfalls so häufig in Literatur vor, wie poetische Synästhesien, jedoch vor allem in Romanen und Novellen, seltener in der Lyrik. Diese werden aber weniger als Synästhesien erkannt, da sie einen großen Teil unserer Alltagssprache ausmachen, und dennoch können sie als bewusstes/ unbewusstes Stilmittel genutzt werden: Adjektive und Attribute, wie süß, sauer, bitter, salzig oder deren Kombination: bittere Enttäuschung, süßen Worte etc., werden in der Regel eingesetzt um mehre Sinne anzuregen (Geschmacksinn/ Hörsinn). Auch die durch sprachlichen Ausdruck hervorgerufenen Verschmelzungen mehrerer Sinneseindrücke, wie z.B. schreiendes grün finden in der alltäglichen Umgangssprache ihren häufigen Gebrauch (WERMKE:969).
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In der poetischen Synästhesie wiederum wird die Vermischung der Sinne verstärkt auch als bewusstes Stilmittel engesetzt. So gab es zwei besondere Komplimentierung Ende des 18. Jahrhunderts in der Romantik und ab 1900 durch moderne Avantgardebewegung. 1. Synästhesie in der Romantik
Bis zur Romantik ging man davon aus, dass die Sinne einzeln für sich stehen und demnach auch die Künste einzeln stehen müssen, d.h. Musik wurde explizit als Hörkunst, Malerei als Sehkunst, Plastik als Fühl- und Tastkunst verstanden (KALISCH:59). Dies kann jedoch getrost verworfen werden, da man beispielsweise eine Plastik vor allem anschaut und auch Musik durchaus individuelle Emotionen auslösen kann.
In der Romantik kam demnach eine neue Betrachtungsweise auf, man begann zu realisieren, dass z.B. Musik zwar in erster Linie gehört wurde, aber auch subjektive Fantasien und Imaginationen auslösen kann, die nicht durch die Musik selbst gelenkt werden konnten. Diese Assoziationen und sinnliche Wahrnehmung (warm/ kaltes Gefühl, etc.) entstanden bei jedem individuell. Louis Bertrand Castel (1688-1757), französischer Jesuit und Mathematiker, konstruierte um 1722 neben anderen Farbeninstrumenten theoretisch ein Farbenklavier (Clavecin oculaire). Bei jedem Anschlag einer Taste sollten durchscheinende, von hinten beleuchtete Seidenbänder erscheinen. Aber erst nach dem Tode von Castel hat vermutlich der Engländer A. Morley 1757 in London die Konstruktion eines Augenklaviers, das Ocular harpsichord vorgestellt, das aus einem vorn auf ein Klavier aufgesetzten Kasten bestand, der hunderte Lämpchen enthielt, die durch mechanische Koppelung mit dem Anschlag der Taste zum Aufleuchten gebracht wurden.
Auch in der Literatur nutzte man nun Synästhesie fortan als Stilmittel und kreierte neuartige, originelle Sinnesverbindungen. Aus dem neu gewonnen Wissen darum, dass Wahrnehmung durchaus individuell war, bekam Subjektivität eine neue Bedeutung. Man kehrte sich von den festgelegten Formen und klaren Definitionen bewusst ab, um so Stimmungen und Verwirrungen zu kreieren. Man schuf eine „Diktion der Unschärfe“, um eine Verfremdung der gewohnten Dinge zu erreichen. Ungewohnte synästhetische Ausdrücke wie „lilienfarbige Stimme“ wurden als besondere künstlerische Ausdrucksform hervorgehoben, da bekannte und gewöhnliche Synästhesien, wie weiche Stimme, nicht weiter auffielen. Durch die betont gewisse Unklarheit, hoffte man nun etwas Verschwommenes schaffen zu können, das die
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Grenze des Textes sprengte und die Literatur auf die Musik und die bildenden Künste hin erweiterte und so die verschiedenen Sinne der Menschen anregte. Als Beispiel wäre Clemens BRENTANO anzuführen, der akustische Wahrnehmung beschreibt, indem er emotionale mit taktilen Ausdrücken verbindet:
Brentano beschreibt Fabiolas akustische Wahrnehmung, ihre anderen Sinne werden scheinbar hinten angestellt: Hör', es klagt die Flöte wieder, /Und die kühlen Brunnen rauschen, Gefühlswahrnehmungen werden mit Geschmacksattributen vermischt: mild Verlangen. Auch bei Piast sehen wir eine Vermischung von Farbe und Klang: Golden wehn die Töne nieder. Diese Art der Intermedialität ist für die Epoche der Romantik bedeutend und findet sich in zahlreichen anderen Gedichten der Zeit.
WAGNER und KANDINSKY der Weg in die Moderne
WAGNER entwickelte das Konzept des Gesamtkunstwerks, indem sich Gesehenes und Gehörtes zu einer Einheit verbinden sollten, indem die Akustik sich mit den Bildern verband. Diese synästhetischen Ideen waren Ausgangspunkt der Moderne und beeinflussten zahlreiche Künstler der Avantgarde, vor allem Maler, wie KANDINSKY, KLINGER und KLEE, deren Eindrücke der Wagner Aufführungen sie nachhaltig prägten. KANDINSKY schloss an die
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Arbeit zitieren:
2006, Synästhesie und Kunst , München, GRIN Verlag GmbH
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