1. Einleitung
Seit der Antike versuchten die Menschen durch den Austausch von Waren mit anderen Ländern die engen Grenzen ihrer Ökonomie zu erweitern und sich dadurch Konsum- und Produktivitätsalternativen zu ermöglichen. Charakteristisch bei diesem Handel war, dass er, bezogen auf die Region, den Gegenstand und den Handelspartner überwiegend freiwillig und selektiv stattfand.
Nach einer langen Zeit der Kolonialisierung begann mit dem Ende des 2. Weltkrieges eine Phase der grundsätzlich freien, aber durch vielfältige wirtschaftliche und politische Interessen dennoch protektionistischen Welthandels. Durch die wachsende Bedeutung des Fertigwarenhandels und damit des Warenaustauschs zwischen den Fertigwarenproduzenten sowie die rasch zunehmende Macht multinationaler Konzerne, begannen sich die Gewichte im Welthandel noch stärker als zuvor zu den klassischen Industrieländern hin zu verschieben. Ein Geflecht bi- und multilateraler Verträge und Abkommen, geprägt von Traditionen und Erfahrungen, bildet die Grundlage der heutigen Welthandels- und Weltwirtschaftsordnung. Das Konzept des freien Welthandels basiert auf der Annahme, dass sich dadurch die weltweite Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen verbessert. Meistens wird stillschweigend davon ausgegangen, dass von den Wohlfahrtsgewinnen alle am Handel beteiligten Nationen und eventuell sogar in gleichem Umfang profitieren. Die Praxis zeigt aber, dass unterschiedliche polit-ökonomische Ausgangsbedingungen und die damit im Zusammenhang stehende ungleiche Verteilung von Macht zu ungleichen Tauschbeziehungen führen. Bisher gibt es keinen theoretischen Ansatz, der dieses Phänomen vollständig erklärt. Allerdings wurden, vor allem zwischen 1960 und 1975, verschiedene Lösungsansätze veröffentlicht.
Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf den Thesen von Arghiri Emmanuel 1 , der mit seinem Werk „L’échange inégal“ die Öffentlichkeit erstmals auf dieses Thema aufmerksam machte.
1 Ein weiterer Ansatz stammt von Gunther Kohlmey (u.a. Kohlmey, Gunther, 1962: Karl Marx Theorie von den
internationalen Werten mit einigen Schlussfolgerungen für die Preisbildung im Außenhandel zwischen den
sozialistischen Staaten. S. 18-122 in Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Jahrbuch des Instituts für
Wirtschaftswissenschaften Band 5, Probleme der Politischen Ökonomie. Berlin.) dessen Aufarbeitung, den
Rahmen dieser Arbeit aber sprengen würde.
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Es wird zunächst erklärt, warum überhaupt internationaler Handel stattfindet. In diesem Zusammenhang wird das Theorem der komparativen Kosten erläutert. Im folgenden wird dargelegt, ob und warum Handel unfair sein kann. Wie bereits erwähnt, bietet Emmanuels Theorem hier einen Erklärungsversuch an.
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Nach verschiedenen Kritiken an diesem Modell, folgt die Problematik der Messung von Ungleichem Tausch und damit eine Betrachtung der Terms of Trade. Abschließende wird betrachtet, welche Rolle der Ungleiche Tausch im Welthandel spielt. In diesem Kontext wird ein Einblick in Samir Amins „Ungleiche Entwicklung“ gegeben.
2. Ricardo´s Theorem der komparativen Kosten
David Ricardo entwickelte sein Prinzip der komparativen Kosten bereits Anfang des 19. Jahrhunderts. Seine Theorie gilt als Grundstein für den Marxismus und die moderne konservative Wirtschaftslehre. (Ethier 1994: 7-8)
Das einfachste Ricaridianische Modell setzt voraus, dass es zwei Länder gibt, die jeweils zwei Güter produzieren. Es herrscht Vollbeschäftigung und jeder Arbeiter kann jedes Produkt herstellen. Für England und Portugal, die jeweils Wein und Tuch produzieren, bietet sich unter Berücksichtigung obiger Bedingungen das folgende Schema an.
Tabelle 1 zeigt die Arbeitsmenge, die in dem jeweiligen Land notwendig ist, um eine Einheit
des Produktes herzustellen. So erfordert jede Einheit in Portugal produzierter Wein 6 Arbeitseinheiten (z. B. Mannstunden). Aus der Tabelle wird des Weitern ersichtlich, dass England zur Produktion von Tuch und Wein weniger Arbeit benötigt als Portugal. D. h. England hat in der Tuch- und Weinproduktion den absoluten Vorteil. Mankiw definiert den absoluten Vorteil als Produktivitätsvorteil eines Produzenten bei der Erzeugung eines bestimmten Gutes. (1999: 58) Warum also sollte England mit Portugal Handel betreiben? Dies lässt sich aus Tabelle 2 ersehen.
Tabelle 2 zeigt die Gütereinheiten, die in einer Arbeitseinheit produziert werden können. Es
bedeutet also, dass in einer Arbeitseinheit in Portugal entweder 1/6 Einheiten Wein oder 1/4 Einheiten Tuch hergestellt werden können. Dies wiederum besagt, dass eine Einheit Wein 6/4 Einheiten Tuch entspricht. Tabelle 2 gibt diese Opportunitätskosten an. Laut Mankiw das,
„worauf man verzichten muss, um eine bestimmte Gütereinheit zu erlangen“. (1999: 58) Beim Vergleich der Opportunitätskosten fällt auf, dass Portugal bei Tuch (2/3 < 2) und England bei Wein (1/2 < 6/4) geringere Opportunitätskosten hat. Ökonomen sprechen im Fall eines Opportunitätskostenvorteils von einem komparativen Vorteil. (1999: 59) Ein komparativer Vorteil schafft Handelsgewinne, sofern sich jeder auf das Gut spezialisiert, bei dem er den komparativen Vorteil hat, weil dann die Weltproduktion steigt und diese Vergrößerung dazu verwendet werden kann, dass die Wohlfahrt aller höher wird. Solange zwei Länder unterschiedliche Opportunitätskosten haben, kann jede Nation vom Handel profitieren, da ein Gut zu einem niedrigeren Preis als den Opportunitätskosten erworben werden kann.
3. Emmanuel´s Theorie des Ungleichen Tauschs
1. Prämissen
Emmanuel nimmt folgende Prämissen an: Es gibt in seinem Modell nur zwei Produktionsfaktoren (Arbeit und Kapital). Steuern bleiben bei seiner Betrachtung ebenso außen vor, wie Zinsen und Transportkosten. Er geht also von einem „perfect system of free trade“ (1972: 37) aus, ohne dies näher zu spezifizieren.
Des Weiteren 1 geht er davon aus, dass die Menge den Preis bestimmt, dass es eine bestimmte Anzahl an unabhängigen Arbeitern in jeder Volkswirtschaft gibt und dass diese nur eine Qualität von Arbeit verrichten (Homogenität der Faktoren).
Außerdem hält er es für intuitiv und empirisch richtig, dass die Löhne und nicht die Preise die unabhängigen Variablen des Systems sind. (1972: 28)
Emmanuel hält darüber hinaus die Annahme für realistisch, dass der Faktor Kapital international mobil ist, während der Faktor Arbeit vollständig immobil ist.
2. Thesen
Emmanuel versucht durch zahlreiche Beispiele die zentrale Hypothese seines „Unequal Exchange“ empirisch nachzuweisen. Diese besagt dass es
1 Emmanuel stellt seiner Theorie über den internationalen Handel eine These über Binnenhandel voraus, für die
er die folgenden Annahmen trifft (1972: 1-10) und sie später für den internationalen Handel zulässt. (1972: 64)
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a) durch die Mobilität des Faktors Kapital tatsächlich zu einer internationalen Durchschnittsprofitrate kommt und dass
b) durch die Immobilität des Faktors Arbeit kein international gleiches Lohnniveau existiert. Zu a): Der Begriff der Profitrate kommt aus dem Marxismus und dient dort zur Kennzeichnung der Kapitalrentabilität. Diese wird berechnet als das Verhältnis von Zinsen zu eingesetztem Kapital oder (in diesem Fall) das Verhältnis von Profit zur Summe aus eingesetztem, konstanten Kapital und variablem Kapital. (Gabler 1996: 897) Kapitalrentabilität ist durch abnehmende Skalenerträge gekennzeichnet 1 , folglich „ist es für ein Land einfacher ein schnelles Wachstum zu erreichen, wenn es zunächst relativ arm ist“. (Mankiw 1999: 569) Das bedeutet, dass reiche Länder ihre Gewinne in arme Länder investieren, weil dort die Profitrate höher und damit die Verzinsung für ihr eingesetztes Kapital besser ist. Dies geht so lange bis die armen Länder mit Kapital annährend so gut ausgestattet sind, wie die reichen Länder und die Profitraten der beiden gleich sind 2 . So das letztendlich internationale Durchschnittsprofitraten existieren.
Zu b): Ein internationales Lohnniveau gäbe es dann, wenn der Wert der Arbeit nur durch das physiologische Minimum bestimmt wäre, d.h. durch die tatsächlich aufgebrachte, rein körperliche Kraft eines Arbeiters. Beispielsweise waren die Reallöhne bis in die ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts praktisch konstant und nicht von dem physiologischen Minimum abgewichen. (Emmanuel 1972: 51)
Emmanuel korrespondiert in diesem Zusammenhang mit Marx, in dessen Theorem der Wert der Arbeit nicht durch das physiologische Minimum, sondern durch international verschiedene moralische und historische Elemente bestimmt wird. (1972:xxxiv) Um zu seinem Modell des Ungleichen Tauschs hinzuführen, verwendet Emmanuel Marxs berühmtes Gesetz der Produktionspreisbildung. Allerdings verwendet er nicht Produktionszweige, sondern die Länder A und B, wobei A ein entwickeltes (kapitalistisches) Land darstellt und B ein unterentwickeltes.
1 D.h. der Nutzen einer zusätzlichen Einheit an Kapital nimmt mit zunehmender Menge an vorhandenem Kapital
ab.
2 Mankiw (1999: 569) bezeichnet dieses Phänomen als „Catch-up“-Effekt.
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Arbeit zitieren:
Dipl. Verwaltungswissenschaftler Ulrike Weh, 2002, Samir Amin, Der ungleiche Tausch, München, GRIN Verlag GmbH
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