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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Der Minister D (upin) 4
3. Fähigkeiten eines Doppelmörders 6
4. Dupin und der Erzähler 9
5. Informationspolitik der Vertuschung 12
6. Tat ohne Motiv 15
7. Eingebaute Fehler und Rätsel Poes 18
8. Bedeutung von Einleitungen und Beispielen 21
9. Das Vorbild Vidocq...........................................................................23
10. Fazit 24
11. Literaturverzeichnis 25
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1. Einleitung
Mit seinen Kurzgeschichten um den Hobbydetektiven C. Auguste Dupin, oder wie er sie selbst nennt „tales of ratiocination“, hat Edgar Allan Poe zweifellos den Beginn eines neuen Genres initiiert. Die Detektivgeschichte war geboren und fand viele Nachahmer. Wenngleich mehrere Kurzgeschichten Poes Charakteristika der Detektivgeschichte beinhalten, sind es doch nur drei Geschichten, die heute zu den „wahren“ ihrer Gattung zählen, The Murders in the Rue Morgue (1841), The Mystery of Marie Roget (1842) und The Purloined Letter (1844). Sie unterscheiden sich von ersten Versuchen, wie The Oblong Box (1844) und Thou Art the Man (1844), vor allem durch die Erzählperspektive. Während bei letzteren der Erzähler der Geschichten zugleich derjenige ist, der das Rätsel löst, gibt es bei den „wahren“ Detektivgeschichten einen Erzähler und einen Detektiven mit scheinbar übermenschlichen analytischen Fähigkeiten. Der Erzähler fungiert sozusagen als Vermittler zwischen diesem Detektiv und dem Leser. Anhand der drei genannten Kurzgeschichten ist deutlich Poes Entwicklung des Genres zu erkennen. The Purloined Letter schließt die Trilogie um den Detektiv Dupin ab und wird meist auch als ausgereiftestes Werk in dieser Reihe betrachtet. Poe hat mit vielen seiner Kurzgeschichten und Gedichte die Leser vor große Rätsel gestellt. Die Detektivgeschichten stechen jedoch in einer Eigenschaft besonders hervor; der Leser fühlt sich dem nahezu allmächtigen Protagonisten Dupin unweigerlich geistig unterlegen. Eben dieser besticht dazu noch durch seine fast schon narzisstische Arroganz, die ihn zwar einerseits zu einer faszinierenden literarischen Figur macht, andererseits aber nicht unbedingt Sympathien in jedem Leser weckt.
Zudem erscheinen viele Ereignisse und Situationen zu zufällig, gar verdächtig. Einige Autoren sind sogar der Meinung, Poe führe den Leser mit seinen Dupin-Geschichten gründlich an der Nase herum. Sie gehen sogar so weit zu behaupten, Dupin sei nicht nur einfach der harmlose Detektiv der Geschichten, sondern der wahre Täter und ein Mittel Poes, um als Leser auf unsere Leichtgläubigkeit aufmerksam zu machen. Diesen Thesen soll in der nachfolgenden Arbeit nachgegangen werden. Es soll gezeigt werden, an welcher Stelle die Vermutungen und Verdächtigungen begründet sind und an welcher nicht. Es sollen hierbei nur The Murders in the Rue Morgue und The Purloined Letter analysiert werden, da sich die meisten Thesen auf diese beiden Kurzgeschichten beziehen und die Auffälligkeiten hier besser ausgeprägt sind als in The Mystery of Marie Roget. Zudem wird im Zuge dieser Arbeit mit den deutschen Übersetzungen der beiden Geschichten gearbeitet, da es sich im Textfluss als einfacher erwiesen hat. The Murders in the Rue Morgue ist demnach Der Mord in der Rue Morgue, und The Purloined Letter ist Der gestohlene Brief.
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2. Der Minister D—(upin)?
Bei der Betrachtung der beiden Kurzgeschichten wird deutlich, dass Edgar Allan Poe seinen Protagonisten Dupin und dessen jeweiligen Antagonisten mit einerseits auffälligen, anderseits jedoch subtilen, gleichen Eigenschaften auf mehreren Ebenen ausgestattet hat. Diese Eigenschaften reichen von Namensähnlichkeiten über Charakterzüge bis hin zum Tagesrhythmus.
Der gestohlene Brief sticht besonders heraus, und man könnte fast behaupten, dass Poe den Leser eigentlich mit der Nase darauf stoßen will. Bei genauerem Hinsehen wird klar, dass der Minister und Dupin sich in allen Aspekten gleichen. Besonders auffällig ist, dass dem Minister D. und Dupin die gleichen Charaktereigenschaften zugesprochen werden. Dupin erklärt dem Erzähler, dass Minister D— sowohl die Fähigkeiten eines Mathematikers als auch eines Dichters besitzt. Genau diese Eigenschaften treffen laut GRELLA auch auf Dupin zu. Er selbst bestätigt dies zu Beginn der Geschichte in der Unterredung mit dem
Präfekten. Dieser behauptet, dass ein Dichter „nur einen Grad vom Narren entfernt ist.“ 1 Dupin entgegnet ihm daraufhin, er habe sich selbst schon an einigen Knittelversen versündigt. Ebenso kann man anhand Dupins mathematischer Ausführungen, im Zuge seiner Erläuterungen zur Lösung des Falles, davon ausgehen, dass er auch auf dem Gebiet der Mathematik bewandelt ist. Ein weiterer Anhaltspunkt für die Einheit Dupin - Minister D— ist die Tatsache, dass der Detektiv eben diese Kombination aus Dichter und Mathematiker in solch höchsten Tönen preist, dass die Vermutung nahe liegt, er möchte seine eigenen Charaktereigenschaften loben. Dupin stellt klar, dass ein reiner Mathematiker niemals zu so etwas in der Lage sei, ebenso wenig ein Dichter. Jedoch die Kombination beider Eigenschaften erschafft den wahren Analytiker.
Ebenso wie diese Charaktereigenschaften, stimmen auch bestimmte Gewohnheiten der beiden Personen überein. Während der Minister fast jede Nacht abwesend ist, was dem Präfekten die Möglichkeit bietet, nachts dessen Haus zu durchsuchen, ist Dupin nur nachts anzutreffen. „It is almost as if the two participate cooperatively in some sort of phased
existence and one half of the twosome ceases to exist after nightfall.“ 2 Man könnte also davon ausgehen, dass es zumindest zeitlich möglich ist, dass Dupin am Tage der Minister D— und nachts der Detektiv ist.
1 Poe, Edgar Allan: Der gestohlene Brief. In: Der Mord in der Rue Morgue. Geschichten zwischen
Tag, Traum und Tod. Hamburg, 1959. S. 71
2 Babener, Liahna Klenman: The Shadow’s Shadow: The Motif of the Double in Edgar Allan Poe’s
“The Purloined Letter”. In: The Purloined Poe. Lacan, Derrida & Psychoanalytical Reading. Hrsg. v.
John P. Muller and William Richardson. Maryland, 1988. S. 332
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Hinzu kommt, dass die gesamten Informationen über den Minister immer nur aus zweiter Hand stammen, also der Leser ihm sozusagen nie persönlich begegnet, bildlich gesprochen. Jegliche Information über den Minister wird narrativ durch einen der Beteiligten übermittelt. Zuerst wird der Minister vom Präfekten beschrieben, gefolgt von weiteren Ausführungen von Dupin und dem Erzähler im Dialog.
There is some implication that D— may not exist as a separate, independent being at all. D— figures immediately in only one episode of the plot, and that is
reported, after the fact, solely by Dupin. 3
Da sich dieser Aspekt stark auf die vom Leser erfahrene Informationspolitik bezieht, wird im Kapitel „Informationspolitik der Vertuschung“ genauer darauf eingegangen. Verdächtig erscheint zudem, dass Dupin erstaunlich gut über den Minister informiert ist, sogar besser als die Pariser Polizei, die ihn wochenlang observiert hat. Dupin kennt nicht nur die genauen Charaktereigenschaften D—s sondern auch dessen Gepflogenheiten und berufliche Aktivitäten. BABENER stellt hierzu fest, „that a close personal intimacy between
them is clearly alluded to several times.“ 4 Man weiß, dass Dupin und der Minister sich mindestens einmal getroffen haben. „D— hat mir einst in Wien einen bösen Streich gespielt,
und ich sagte ihm damals ganz ungemütlich, ich würde ihm das nicht vergessen.“ 5 Dupin hegt demnach eine lange Feindschaft mit dem Minister. BABENER sieht dies als einen weiteren Anhaltspunkt für die Vermutung, dass der Minister in Wirklichkeit nur ein Teil von
Dupins vielfältiger Persönlichkeit ist. 6 Sie räumt jedoch ein, dass es auch noch eine weitere Erklärung für die verdächtigen Unstimmigkeiten und Doppeldeutigkeiten in Der gestohlene Brief gibt. „Poe drops several clues that this strong affiliation between the two characters is
fraternal.“ 7 In der Tat deutet die Aussage des Erzählers, „ […] meines Wissens sind es zwei Brüder, die beide schriftstellerischen Ruf genießen“, darauf hin. 8 Der Minister D— hat demnach einen Bruder, der ihm sehr ähnlich ist. Die Tatsache, dass Dupin auf diese Aussage in keinster Weise eingeht und die Ähnlichkeit des Bruders mit dem Minister, lässt Babener zu dem Schluss kommen, dass es sich bei dem nicht identifizierten Bruder um
Dupin selbst handeln könnte. 9 Dies wird durch die Namensähnlichkeit verstärkt. Es stellt sich hier die Frage, wieso der Nachname des Ministers nie genannt wird, sondern immer nur mit D— abgekürzt wird. Und da beide Nachnamen mit demselben Buchstaben beginnen, liegt
BABENERS Vermutung nur allzu nahe.
3 Babener: Shadow, S. 332
4 ebd., S. 331 5 Poe: Brief, S. 82 6 Vgl. Babener: Shadow, S. 324 7 Babener: Shadow, S. 331 8 Poe: Brief, S. 77 9 Babener: Shadow, S. 332
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3. Fähigkeiten eines Doppelmörders?
Eben diese doppelte Persönlichkeit wird sogar schon zu Anfang in Der Mord in der Rue Morgue erwähnt. Der Erzähler selbst deutet auf diese Möglichkeit hin. Als Dupin die Gedanken des Erzählers liest, ändert sich seine Stimmung schlagartig.
Dabei war seine Art frostig gewesen und abwesend, [...]. Wenn ich ihn in solchen Stimmungen beobachtete, dachte ich oft an die alte Philosophie der
schöpferischen und eines zerlegenden. 10
Der Erzähler beschreibt dieses Verhalten sogar als „Folge[n] einer erregten oder sogar
gestörten Intelligenz.“ 11 Auf letztere soll im Kapitel über die möglichen Motive nochmals eingegangen werden.
Einen weiteren Anhaltspunkt biete GRELLA in Bezug auf Dupins spezifisches Wissen und dessen physische Konstitution. Dupin stellt bei seinen Untersuchungen zu den Morden fest:
„Ein Leitungsdraht ist leicht zu erklettern, zumal von einem Matrosen,[...].“ 12 GRELLA argumentiert, es wäre nicht nur dem Matrosen, sondern auch Dupin selbst möglich gewesen
den Blitzableiter zu erklimmen, um von dort über den Laden in das Zimmer zu gelangen. 13 Jedoch vergisst GRELLA an dieser Stelle davon Notiz zu nehmen, dass zwar der Leitungsdraht leicht zu erklimmen ist, die eigentliche Schwierigkeit aber darin besteht, von dort über den Laden in die Zimmer zu gelangen. Denn selbst dem trainierten Matrosen ist dies nicht gelungen. Er hat es auf dem Draht nur soweit gebracht, dass er durch das Fenster hineinsehen, nicht jedoch einsteigen konnte, da der Laden nicht weit genug aufgeschlagen war. Denn dafür bedarf es laut Dupin „einer ganz ungewöhnlichen Geschicklichkeit,[...], um
ein so gefährliches und schwieriges Kunststück auszuführen.“ 14 Hier stellt sich nun die Frage, ob Dupin über eine solche „fast übernatürliche Gewandtheit“ 15 verfügt. Betrachtet man die beschriebenen Ereignisse genauer, löst Dupin beziehungsweise Poe die Frage schon selbst. In Dupins Ausführungen gegen Ende der Geschichte sagt er, dass der Orang-Utan den ganz aufgeschlagenen Laden ergriff und sich mit dessen Hilfe direkt in das Zimmer schwang. „Der ganze Vorgang dauerte nicht länger als eine Minute. Der Laden wurde von
10 Poe, Edgar Allan: Der Mord in der Rue Morgue. In: Der Mord in der Rue Morgue. Geschichten zwischen Tag, Traum und Tod. Hamburg, 1959. S. 41.
11 Poe: Morgue, S. 41 12 ebd., S. 64 13 Grella, George: Narrator, Detective, Murderer: The Three Faces of Dupin. In: Readings on The Short Stories of Edgar Allan Poe – The Greenhaven Press Literary Companion to American Literature. San Diego, 2001. S. 73
14 Poe: Morgue, S. 56 15 ebd. , S. 56
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dem Orang-Utan wieder aufgeschlagen, als er in das Zimmer drang.“ 16 Demnach wäre es dem Matrosen möglich gewesen, in das Zimmer zu klettern. Da der Leser nichts über die vorhandene oder mangelnde physische Konstitution Dupins erfährt, könnte es zumindest möglich gewesen sein, dass Dupin auf dem beschriebenen Weg die Wohnung der Madame L’Espanaye erklommen hat. GRELLA weist hier darauf hin, the detective himself no doubt possesses the agility to climb the rod, and in fact his knowledge of the sailor’s knot “peculiar to the Maltese” suggests that Dupin
might have some experience of sailing and the physical skills it requires. 17
Bei einer weiteren Betrachtung des Tatherganges drängt sich nun die Frage auf, wie es dazu kam, dass mehrere unabhängige Ohrenzeugen berichten konnten, dass zwei Personen zu hören waren, einer davon eindeutig ein Franzose, der andere von unidentifizierter Nation. Geht man von Dupin als dem Täter aus, so ergeben sich zwei Möglichkeiten: es war nur Dupin zu hören oder aber es waren Dupin und ein Mittäter. In letzterem Falle ist davon auszugehen, dass es sich um den Erzähler handelt, da dieser den einzigen aufgeführten Protagonisten neben Dupin stellt. Diese Hypothese wird sich allerdings im weiteren Verlauf dieser Arbeit als umstritten herausstellen.
Wäre Dupin wirklich die einzige Person am Tatort gewesen, wie kam es dann zu den beiden Stimmen? Poe beantwortet auch diese Frage schon im Voraus. Die Ohrenzeugen sprechen wiederholt von einer barschen Stimme und einer schrilleren, sonderbaren Stimme, welche Dupin in seinen Erklärungen dem Orang-Utan zuordnet. Auch von Dupin selbst weiß man, dass er zwischen verschiedenen Stimmlagen wechselt. Der Erzähler beschreibt: „[...] während seine Stimme, sonst einen warmen Tenor, in einen Diskant stieg, der ausgelassen
geklungen hätte, ohne die vorsichtige und vollkommen klare Ausdrucksweise.“ 18 Ihm wäre es also ein Leichtes gewesen, die beiden Stimmen zu imitieren, um die Ohrenzeugen zu
täuschen. 19 Eine weitere Unstimmigkeit in Bezug auf die Stimmen ergibt sich, wenn man sich vor Augen beziehungsweise Ohren führt, wie sich die Laute eines Affen anhören. So sollte es einem Menschen doch möglich sein, die Stimme eines anderen Menschen von den Ruflauten eines Affen zu unterscheiden, in diesem Fall von der eines Orang-Utans. Inwieweit Affenlaute sich unterscheiden entzieht sich in diesem Fall der Kenntnis des Autors. Allerdings sollte unter Umständen berücksichtigt werden, dass Affen im 19. Jahrhundert eventuell noch derartige Raritäten waren, dass der Normalbürger auf Grund fehlender Erfahrungen die Laute nicht zuordnen konnte.
16 ebd., S. 64
17 Grella: Murderer, S. 73
18 Poe: Morgue, S. 41
19 Grella: Murderer, S. 73
Quote paper:
Kerstin Müller, 2005, Dupin als Täter - Analyse der Doppeldeutigkeiten in Poes 'Der Mord in der Rue Morgue' und 'Der gestohlene Brief', Munich, GRIN Publishing GmbH
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