Inhalt
Inhalt............................................................................................................................. 2
Einleitung 3
Historischer und biographischer Hintergrund 3
Gides Weg zum Kommunismus. 5
Gides Kommunismus 7
Die Reise in die Sowjetunion 9
Die Rückkehr aus der Sowjetunion. 11
Fazit. 14
Literatur. 15
2
Einleitung
Das Verhältnis von Freiheit und Individuum ist eines der zentralen Motive in Gides Werk. Der Einzelne, der sich von gesellschaftlichen Konventionen und ihm auferlegter Moral löst und sich auf seinen eigenen Geist, seine innere Weisheit besinnt - das ist André Gides Ideal des freien Menschen. Die politische die wirtschaftliche Organisation der Gesellschaft ist für ihn dabei nur von sekundärem Interesse, d.h. nur insofern sie auf das Individuum wirkt. Und doch schließt er sich der kommunistischen Bewegung an, die sich zwar die Freiheit als Endziel auf ihre Fahnen geschrieben hat, aber dort, wo sie die Staatsmacht innehat, den Grad der Unfreiheit des Einzelnen noch erhöht und wie jede organisierte Bewegung den Einzelnen der „Sache“, d.h. einem Ziel oder einem Zweck unterordnet. Dabei ergeben sich für Gide zwei Grundprobleme, die schließlich auch zu seinem Bruch mit dem organisierten Kommunismus führen: Erstens, der Gegensatz zwischen individueller Freiheit und der Unterordnung unter einen Zweck und eine (wenn auch neue) Moral, und zweitens, der Gegensatz zwischen den Idealen einer Utopie (der Vorstellung einer idealen Gesellschaft) und der Realität.
Historischer und biographischer Hintergrund
Als sich Gide 1932 im Alter von 62 Jahren als Anhänger des Kommunismus erklärt, hat die Sowjetunion, das Land in dem der Kommunismus auf dem Wege der Verwirklichung sein soll, schon einen langen Weg hinter sich. Ging der Kommunismus bis in die 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts noch als Gespenst in Europa um, so wurde er in den 30er-Jahren salonfähig. Ziel ist nicht mehr die Ausweitung der Revolution, sondern die außenpolitische Sicherung der UdSSR durch engere Beziehungen mit den westlichen Staaten. So tritt die Sowjetunion 1934 dem Völkerbund (dem Vorläufer der Vereinten Nationen, den Lenin noch als „imperialistische Räuberhöhle“ bezeichnet hatte) bei. In gleichem Maße sucht die sowjetische Führung nach Unterstützung bei den westlichen Intellektuellen, und da der Kommunismus kein „Bürgerschreck“ mehr war, findet sie diese auch in hohem Maße. Viele Schriftsteller und Künstler erklären öffentlich ihre Unterstützung für die Sowjetunion. Zu den „Freunden der Sowjetunion“ gehören der Brite George Bernard Shaw, Leon Feuchtwanger und Heinrich Mann aus Deutschland und aus Frankreich
3
Romain Rolland, Henri Barbusse und schließlich auch André Gide. Viele davon reisten auch wie Gide in die Sowjetunion. In anderen Teilen der Bevölkerung hat der Kommunismus ebenfalls viele Anhänger.
Auch die Krise der bürgerlichen Demokratien und des Kapitalismus seit dem Ersten Weltkrieg treiben dem Kommunismus viele Anhänger zu. Die bürgerliche Demokratie hat den gesellschaftlichen Auflösungserscheinungen, die der Weltkrieg mit sich gebracht hat, wenig entgegenzusetzen und die weltweite Wirtschaftskrise trägt seit dem Ende der 20er-Jahre ebenso zur ideologischen Schwächung des Systems bei. So ist Gide 1936 der Überzeugung, dass die nationalistischen und faschistischen Kräfte, die zu der Zeit in den westlichen Ländern immer weiter um sich greifen, die Kultur gefährden und dass das „sort de la culture est lié dans nos esprits au destin même de l’U.R.S.S.“ 1 , und er erwartet von der Sowjetunion „un immense progrès“ 2 , den der Kapitalismus nicht mehr zu bieten scheint. Für Gide ist die Sowjetunion wie für viele andere ein Leuchtfeuer einer neuen, besseren und freien Gesellschaft.
In der UdSSR selbst ist Stalin spätestens seit Anfang der 30er-Jahre unumschränkter Alleinherrscher. Die wechselnden politischen Bündnisse, die er in den 20er Jahren zur Absicherung seiner Position mit verschiedenen ranghohen Bolschewiki (z.B. Sinowjew und Kamenjew) eingegangen war, hat er nicht mehr nötig. Nun geht er daran, jede Opposition, jeden der auch nur im Verdacht steht, seine Herrschaft in Frage zu stellen, zu unterdrücken. Die Moskauer Schauprozesse 1936-38 gegen die alten Kader der Kommunistischen Partei stellen nur einen traurigen Höhepunkt dar. Die Säuberungen sind permanent und allumfassend.
Diese politische und gesellschaftliche Situation allein kann jedoch Gides Engagement nicht erklären. Die Ereignisse der Oktoberrevolution haben in seinem Tagebuch, dem Spiegel seiner Seele, kaum eine Rolle gespielt und wenn, dann keine positive. Gide war niemals ein politischer Mensch gewesen. Sein Interesse galt der menschlichen Psyche, ihrer Einengung durch gesellschaftliche Konventionen und der Emanzipation von diesen Konventionen, die für ihn individuelle Freiheit ausmachte.
1 André Gide: Souvenirs et Voyages. Éditions Gallimard (Bibliothèque de la Pléiade): Paris, 2001,
788.
2 Ebenda, 749.
4
In seinen Werken von den Nourritures Terrestres bis zu den Faux Monnayeurs hat Gide eine eigene Ethik entwickelt, „a personal moral code“ 3 , wie es Georges Brachfeld in seiner tiefgründigen Studie André Gide and the Communist Temptation formuliert. Danach fehlt ihm die Inspiration für weitere große fiktionale Texte. 4 Sein literarisches Hauptwerk scheint abgeschlossen. Und da ihm die Beschäftigung mit seinem Innern nicht mehr genügend (neuen) literarischen Stoff bietet, wendet sich sein Geist den Erscheinungen der Außenwelt, namentlich der sozialen Frage zu. Es scheint also auch eine literarische Schaffenskrise zu sein, die seine Hinwendung zum Kommunismus zumindest begünstigt, wenn sie nicht überhaupt die Voraussetzung dafür ist.
Gides Weg zum Kommunismus
Den Ausgangspunkt für Gides aktives politisches Engagement bildet seine Kongo-Reise vom Juli 1925 bis zum Mai 1926. Angetrieben vom Willen, Land und Leute kennen zu lernen, verlässt er schnell die ausgetretenen touristischen Pfade und erkundet das Land auf eigene Faust. Dadurch sieht er allerdings nicht nur die Unberührtheit und Authentizität des Wilden, die er gesucht hat, sondern auch die schreckliche Armut der Menschen, verursacht oder zumindest verschärft durch die rücksichtslose französische Kolonialverwaltung und die menschenverachtende Ausbeutung durch die westlichen Konzessions-Unternehmungen. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich hält er es für seine Pflicht, in Briefen, Artikeln und schließlich auch in seinem Buch Voyage au Congo öffentlich gegen die Ungerechtigkeit des Kolonialsystems Stellung zu beziehen. Dies ist das erste Mal, dass er sich mit Nachdruck zu einer gesellschaftlichen Frage äußert und markiert den Beginn seiner Hinwendung zu äußeren, d.h. gesellschaftlichen Fragen. Aber auch vor seinem aktiven politischen Engagement steht Gides Weltbild im Gegensatz zur Ideologie der Gesellschaft, in der er lebt. Sein gesamtes belletristisches Werk kann als Plädoyer für die Ablehnung der bürgerlichen Moral und bürgerlichen Werte gelesen werden, die das Individuum an der freien Entfaltung hindern. Der Mensch soll nicht den Werten folgen, die die Gesellschaft ihm
3 Georges I. Brachfeld: André Gide and the Communist Temptation. Librairie E. Droz: Genf und
Librairie Minard: Paris, 1959.
4 Vgl. Peter Schnyder: Vorwort zu André Gide: Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Band VI, 2.
Deutsche Verlags-Anstalt: Stuttgart, 1995, 23.
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Arbeit zitieren:
Jan Dreßler, 2004, André Gide und der Kommunismus, München, GRIN Verlag GmbH
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