PERSÖNLICHE DATEN:
Nicole Knuppertz
Hauptfach: Theater-, Film-, und Fernsehwissenschaften
Nebenfächer: Englische und Niederländische Philologie
17. Semester
II
INHALTSVERZEICHNIS
SEITE NA
Darstellungsverzeichnis VI
Abkürzungsverzeichnis VI
1. EINLEITUNG 1
1.1. Fragestellung 2
1.2. Vorgehensweise 3
2. DIE REALITÄT DER MASSENMEDIEN 4
2.1. Vorbemerkung 4
2.2. System und Umwelt 4
2.3. Das System der Massenmedien 5
2.4. Die Nachricht im System der Massenmedien 8
2.4.1. Die Struktur von Nachrichten 9
2.4.2. The unmarked space 12
2.4.3. Die Narrationstheorie in den Nachrichten 14
2.5. Realität im System der Massenmedien 16
3. UNTERSUCHUNGEN ZUR FRAGESTELLUNG 17
3.1. Vorbemerkung 18
3.2. Betrachteter Zeitraum 18
3.3. Art der Betrachtung 18
3.4. Gliederungskonzept 19
4. DER III IRAK-KRIEG BEI ARD tagesschau RTL Aktuell 20
4.1. Vorbemerkung 20
4.2. ARD tagesschau 21
III NA
4.2.1. Die Präsentation des Irak-Kriegs bei ARD tagesschau 22
4.3. Bilder des echten Krieges 24
4.4. Töne des Krieges 30
4.5. Worte des Krieges 31
4.5.1. Bilder Worte 32
4.6. RTL Aktuell 34
4.6.1. Die Präsentation des Irak-Kriegs bei RTL Aktuell 35
4.7. Bilder des echten Krieges 37
4.8. Töne des Krieges 40
4.9. Worte des Krieges 41
4.9.1. Bilder Worte 43
5. GEGENÜBERSTELLUNG VON ARD tagesschau RTL Aktuell 44
5.1. Vorbemerkung 44
5.2. Übereinstimmungen 45
5.2.1. Angriff auf Journalistenhotel 46
5.2.2. Gefangene US-Soldaten 48
5.2.3. Der Fall Bagdads 50
5.3. Unterschiede 51
5.3.1. Die UNO 52
5.3.2 Saving Private Lynch 53
5.3.3. Der Fall Ali Abbas 56
6. ZUSAMMENFASSUNG 57
6.1. Vorbemerkung 58
6.2. Resultate 58
6.3. Konstruktion von Realität bei ARD tagesschau RTL Aktuell 60
6.4. Perspektiven 61
IV NA
6.5. Fazit 62
7. QUELLENVERZEICHNIS 64
7.1. Primäre Quellen 64
7.2. Sekundär-Quellen Links 64
8. ANHANGVERZEICHNIS 66
8.1. Anhang A: Die Realität der Massenmedien 68
8.2. Anhang B: Bilder Tabellen bei ARD tagesschau 69
8.3. Anhang C: Bilder Tabellen bei RTL Aktuell 73
8.4. Anhang :D Bilder bei ARD tagesschau RTL Aktuell 75
8.5. Anhang E: Tabellen bei ARD tagesschau RTL Aktuell 80
V NA
DARSTELLUNGSVERZEICHNIS
Darst. 1: Unterbrochene Interaktion durch Zwischenschaltung von Massenmedien
Darst. 2: Sender–Empfänger Interaktion
Darst.3: Eröffnungsbild der ARD tageschau
Darst. 4: Nachtbild vom Angriff auf den Irak
Darst. 5: Eröffnungsbild von RTL Aktuell
Darst. 6: Sendezeit von RTL Aktuell vom 20.03.-26.03.2003 (in Minuten)
Darst. 7: Iraker beim Händeschütteln mit alliiertem Soldat
Darst. 8: Fall der Saddam Statue am 09.04.2003 50
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS
Abtl. Abteilung
Bsp. Beispiel
bspw. beispielsweise
bzgl. bezüglich
bzw. beziehungsweise
Darst. Darstellung
Def. Definition
Ebd. Ebenda
etc. et cetera
MEZ Mitteleuropäische Zeit
O-Ton Originalton
sic. so, auf diese Weise
UNO United Nations Organisation (dt. Vereinte Nationen)
vgl. vergleiche
VI
1. EINLEITUNG
"Das ist kein Reality-TV. Das ist Realität im Fernsehen. Das ist
Fernsehen, das die Welt zeigt, wie sie wirklich ist."
- Chris Cramer, Chef von CNN International 1
Chris Cramer sieht die Berichterstattung des III. Irak-Krieges 2 als Demonstration der neuen Möglichkeiten des Fernsehens reale Geschehnisse in „Echtzeit“ wiederzugeben um so dem Zuschauer den Eindruck zu vermitteln, er könne das Kriegsgeschehen im Irak nicht nur live beobachten, sondern auch die wirkliche Welt und folglich den echten Krieg „miterleben“. Zugleich reflektiert sein Statement das grundlegende Paradoxon von Fernsehen und Realität. Denn das, „[w]as wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien” 3 . Wie soll es also möglich sein, dass das Fernsehen, das ansich eine Realität konstruiert, nun eine wirkliche Welt in die Welt transportiert ohne sie zu konstruieren?
Das Paradoxon des Fernsehens besteht darin, dass reale Geschehnisse reflektiert werden, diese aber durch die Selektion von Informationen und Bildern eine bestimmte Perspektive auf die Welt erzeugen. Als die Amerikaner am 09. April 2003 Bagdad eroberten und als Beweis für die Einnahme der Stadt die Fernsehnachrichten den Fall der Saddam Statue übermittelten, wurde eine Gruppe euphorisch schreiender Iraker auf dem Paradise Platz im Zentrum Bagdads gezeigt, die den Fall der Saddam Statue als Befreiung bejubelten. Bilder des Kampfes um Bagdad wurden allerdings nicht übermittelt, da der Eindruck vermittelt werden sollte, dass die Iraker auf ihre Befreiung durch die USA widerstandslos gewartet hätten. Während die Nachrichten kolportierten, dass tausende Iraker die US-Soldaten erfreut willkommen hießen und bei dem Sturz der Saddam Statue amerikanische Hilfe in Anspruch nahmen, waren de facto nur einige hundert Menschen auf dem Platz zu sehen, von denen nicht klar war, ob sie Saddam-Anhänger waren oder nicht.
Diese Frage war für die Medien jedoch irrelevant, da es um die Übermittlung eines positiven Images für die USA ging. Aufgrund dessen wurde nur ein bestimmter Blickwinkel auf den Einmarsch der Amerikaner an den Zuschauer weitergegeben, denn „TV loves a good 1 Hanfeld, Michael: Das ist echter, purer Journalismus. Der Entwurf eines Fernsehens, das Geschichte macht: Chris Cramer, Chef von CNN International, über seine Reporter im Krieg. In: FAZ, 24.03.2003, Nr. 70, S. 46. 2 Die Bezeichnungen des letzten Irak-Krieges im Jahr 2003 variiert stark in den Medien. Um den Term: III.Irak- Krieg eindeutig bezeichnen zu können, wurde die folgende Definierung durchgeführt:
1. I. Irak-Krieg: 1980-1988 Irakisch-Iranischer Krieg (I. Golfkrieg),
2. II. Irak-Krieg: 1990-91 Irakisch-Kuwaitischer Krieg (II.Golfkrieg)
3. III. Irak-Krieg: 20.03.-01.05.2003 Irakisch-Amerikanischer Krieg (III. Golfkrieg) 3 Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1996. S.9.
1
topple. [..] Whether the Berlin Wall or a political statue, these historic crumbles are among the most memorable television images of our age.“ 4 Wenn also nun davon ausgegangen wird, dass es dem Fernsehen nicht möglich ist, die Welt zu zeigen, "wie sie wirklich ist", müssen auch die Ereignisse des III. Irak-Krieges im Jahr 2003 durch das Massenmedium Fernsehen auf eine spezifische Weise konstruiert worden sein. Es ist nun die Frage zu stellen, auf welche Weise vor allem das Massenmedium Fernsehen die Geschehnisse des III. Irak-Krieges konstruiertt um überhaupt über den Krieg berichten zu können.
1.1. Fragestellung
Der Ansatz, dass die Massenmedien eine eigene Realität konstruieren, wurde vor allem von Niklas Luhmanns Theorie über die Realität der Massenmedien 5 etabliert. Luhmanns Theorie geht davon aus, dass die Massenmedien in einem eigenen System operativ arbeiten und durch diese Operationen ein spezifisches System/Umwelt-Verhältis aufbauen, in dem Realität konstruiert wird. Die zentrale Frage, die im Laufe dieser Arbeit gestellt wird, reflektiert demnach das grundsätzliche Problem, dass Luhmann in der Fernsehberichterstattung erkennt:
• Wie soll eine Unterscheidung zwischen der “wirklichen Welt” und “Reality-TV” 6 aussehen, wenn dass, was gezeigt wird, einerseits die wirkliche Welt präsentiert, andererseits aber eine Realität konstruiert wird, von der der Zuschauer sein Wissen über die Welt bezieht?
Einerseits ist der Krieg als solcher ein reales Ereignis, andererseits wird durch die Übermittlung der Information über den Krieg ein spezifisches Bild des Krieges transportiert, dass nicht zwingend den realen Geschehnissen entsprechen muss. Im Laufe dieser Arbeit soll untersucht werden, auf welche Weise die Ereignisse des III. Irak-Krieges präsentiert werden und ob es möglich ist, Indikatoren für eine Konstruktion von Realität innerhalb der Präsentation des Irak-Kriegs zu finden. Demnach können die folgenden Fragen nicht ausser Acht gelassen werden: 1.) Ist ein Konstruktion von Realität durch den Vergleich von 4 Ostrow, Joanne: Lasting Images. Tumbling statue immediately burns into memory. In: Denver Post, 10.04.2003, S. A-05.
5 Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1996. 6 Vgl. Zitat: Chris Cramer. S.1.
2
Nachrichtensendungen feststellbar? 2.) Welche Informationen wurden bei welchem Sender übermittelt und welche Wirkung sollte mit der Übermittlung der Information erzielt werden?
1.2. Vorgehensweise
Zur Beantwortung der oben gestellten Fragen soll nun wie folgt vorgegangen werden: Im ersten Teil dieser Arbeit wird die Theorie Luhmanns in bezug auf die Realität der Massenmedien vorgestellt. Zusätzlich wird die Narrationstheorie 7 von Knut Hickethier in die Arbeit einbezogen, da sie einen Zugang zur Nachrichtenanalyse vereinfacht und mit wesentlichen Bestandteilen von Luhmanns Theorie kongruiert.
Im nächsten Schritt wird die These Luhmanns auf die Präsentation des III. Irak- Krieges bei der ARD tagesschau und RTL Aktuell im Zeitraum der aktiven Kriegshandlungen vom 20.März bis 01.Mai 2003 angewandt. Zusätzlich kommen die Texte von Knut Hickethier innerhalb der Gegenüberstellung von der ARD tagesschau und RTL Aktuell zum Tragen. Die zentrale Fragestellung bei der Analyse der Nachrichtensendungen konzentriert sich auf die folgenden Aspekte:
• Auf welche Weise divergieren oder konvergieren die Sendungen der ARD tagesschau und RTL Aktuell in Bild, Ton und Sprache?
• Wie wird Information vergeben?
• Gibt es unterschiedliche Schwerpunkte bei der Informationsvergabe bei der ARD tagesschau und bei RTL Aktuell?
Durch eine Gegenüberstellung der Haupt-Nachrichtensendungen von der ARD tagesschau und RTL Aktuell soll am Ende der Arbeit festgestellt werden, inwieweit die Geschehnisse des Krieges bei den jeweiligen Sendern präsentiert werden. Durch die Anwendung von der These Luhmanns soll am Ende der Analyse deutlich werden, ob die ARD tagesschau und RTL Aktuell jeweils eine eigene Realität des Krieg beschreiben oder ob sie tatsächlich im Stande sind „die Welt zu zeigen, wie sie wirklich ist.“ 8 7 Hickethier, Knut: Denn wie man sich bettet, so liegt man. Strategien der Fernsehberichterstattung. http://www.mediaculture-online.de/ fileadmin/ bibliothek/ hickethier_strategien/hickethier_strategien.pdf. Abgerufen am 28. Jan. 2006.
8 Vgl. Zitat Chris Cramer, S.1.
3
2. DIE REALITÄT DER MASSENMEDIEN
In einem Interview 9 vom 09. Oktober 1997 wird Niklas Luhmann gefragt, ob er es nicht "schrecklich" fände, dass es -seiner Theorie zufolge- unmöglich sei, die Welt zu erfahren, wie sie wirklich ist, sondern das der Mensch durch die Massenmedien immer nur mit der Konstruktion von Realität konfrontiert sei. Luhmann widerspricht dieser Auffassung, denn obwohl die Massenmedien seiner Meinung nach eine eigene Realität konstituieren, sorgt selbst die bewusste Wahrnehmung der Konstruktion nicht für eine Abwendung von den Massenmedien, denn sie bieten die einzige Möglichkeit, die Welt, die nicht im direkten Umfeld liegt, wahrzunehmen.
Dennoch liefert die Theorie Luhmanns über die Realität der Massenmedien in bezug auf die Geschehnisse des III. Irak-Krieges interessante Ansätze, die es zu beachten gilt. Im Folgenden werden die einzelnen Aspekte der Theorie genauer beleuchtet. Im nächsten Schritt wird dann der Versuch unternommen, die Theorie Luhmanns auf die Nachrichtensendungen von der ARD tagesschau und RTL Aktuell anzuwenden.
2.1. Vorbemerkung
Bevor die eigentliche Theorie über die Konstruktion der Realität der Massenmedien vorgestellt werden kann, werden zunächst die Begriffe von System und Umwelt erläutert. Der Bezug zu Luhmanns operativem Konstruktivismus wird hergestellt, um die Basis-Begriffe für die Anwendung in der Theorie über die Massenmedien und die Konstruktion von Realität zu schaffen. Durch die Zuordnung der Begriffe von System und Umwelt ist es dann möglich, die Perspektive auf die zentralen Aspekte der Theorie über die Realität der Massenmedien zu richten.
2.2. System und Umwelt
Das System ‚Mensch’ erkennt und bezeichnet sich durch die eigene Beobachtung als Individuum, wodurch es möglich wird, sich von seiner Umwelt abzugrenzen. 10 Daraus ergibt sich, dass die Beobachtung des eigenen Systems zugleich eine Erkenntnis über das Bestehen 9 Interview Radio Bremen: „Niklas Luhmann im Gespräch: Die Realität der Massenmedien“ http://www.radiobremen.de/online/luhmann/realitaet_der_massenmedien.pdf. Radio Bremen 1997, Sendung vom 09.10.1997. Abgerufen am: 24. April 2006.
10 Siehe Anhang A; Bild 1: System und Umwelt. S.68.
4
des eigenen Systems und seiner Umwelt beinhaltet. Luhmann zufolge sind die Begriffe von Erkenntnis und Beobachtung nicht trennbar, da Erkenntnis erst durch Beobachtung möglich ist, Beobachtung aber gleichzeitig Erkenntnis voraussetzt. Infolgedessen führt das System - in diesem Fall das Individuum- eine Unterscheidung zwischen sich und seiner Umwelt durch. Durch die durchgeführte Unterscheidung, die durch die Erkenntnis bzw. durch das Beobachten hervorgerufen wird, differenziert sich das System nicht nur von seiner Umwelt, sondern es finden auch systeminterne Unterscheidungen statt, die wiederum für Veränderungen im System selbst sorgen.
Die Begriffe von System und Umwelt lassen sich jedoch nicht nur auf das oben genannte Beispiel anwenden, denn „[w]endet man eine Unterscheidung System/Umwelt an, befaßt die Weiterarbeit sich mit einer Klärung der Frage, was das ins Auge gefaßte System ist, von dem aus anderes als Umwelt behandelt werden kann.“ 11 Luhmanns Erkenntnistheorie setzt voraus, dass das System sich als System erkennt, denn erst durch die Erkenntnis des eigenen Systems ist eine Beobachtung möglich, die es dem System erlaubt sich selbst zu definieren und von anderen zu differenzieren. Erkenntnis ist demnach gleichzeichtiges Beobachten, denn erst wenn eine Unterscheidung zwischen System und Umwelt durchgeführt
- also etwas anderes beschrieben und bezeichnet wird - im Unterschied zum System selbst, wird Umwelt erkannt und beobachtet. Gleichzeitig identifiziert sich das System durch den operativen Vorgang des Beobachtens und Erkennens selbst. Hierbei muss es sich jedoch um ein kognitives System, wie zum Beispiel den Menschen, handeln.
Nach Luhmann führt der Prozeß des Beobachtens führt zu einer Konstruktion von Realität, da Realität in der Umwelt, wie im System selbst erst durch die Beobachtung und Erkenntnis entsteht. Realität wird durch Bezeichnnungen, Beschreibungen und vor allem durch Unterscheidungen produziert. Das bedeutet, dass bereits die Unterscheidung zwischen System und Umwelt innerhalb des Systems eine weitere Unterscheidung hervorruft. Folglich kann aber Realität lediglich durch das System beschrieben werden.
2.3. System der Massenmedien
Wenn die Begriffe von System und Umwelt sich durch Erkennen und Beobachten definieren, sich aber vor allem durch den Prozess des Erkennens und Beobachtens überhaupt erst System und Umwelt bilden, muss nun das System der Massenmedien genauer untersucht werden, um feststellen zu können, ob und wie das System der Massenmedien nach Luhmann 11 Reese-Schäfer, Walter: Luhmann zur Einführung. 1992. S.28.
5
definiert ist und inwieweit Realität im System der Massenmedien konstruiert wird. Durch die Klärung auf welche Weise das System der Massenmedien funktioniert und welche Art von Umwelt es produziert, ist es dann möglich, die Definition von Luhmanns operativer Erkenntnistheorie in Zusammenhang mit dem Massenmedium Fernsehen zu stellen. Luhmann definiert „mit dem Begriff der Massenmedien [..] im folgenden alle Einrichtungen der Gesellschaft […], die sich zur Verbreitung von Kommunikation technischer Mittel der Vervielfältigung bedienen.“ 12 Massenmedien 13 werden hierbei als „Träger von Kommunikation“ betrachtet, wobei das Medium durch seine eigenen Operationen eine Form bildet, die wiederum Kommunikation ermöglicht. Voraussetzung für die Massenmedien ist jedoch, dass eine Interaktion wie bei einer direkten Kommunikation zwischen Sender und Empfänger nicht stattfinden kann, denn durch die Zwischenschaltung von Technik wird ein direkter Austausch von Informationen verhindert, da der Sender sendet und der Empfänger empfängt. 14
Darst.1: Unterbrochene Interaktion durch Zwischenschaltung von Massenmedien
Quelle: eigene Darstellung
Anders als bei einer direkten Kommunikation zweier Personen, in denen die Positionen von Sender (Sprecher) und Empfänger (Zuhörer) wechselseitig sind, bleiben die Positionen von Sender und Empfänger in den Massenmedien unverändert. Das heißt, während der Sprecher (Sender) „nur“ Informationen an den Zuhörer (Empfänger) übermittelt, hat der Empfänger bei der direkten Kommunikation die Möglichkeit, in die Position des Senders zu wechseln, so dass Informationen an den Sender zurückgesendet werden und dieser in die Position des Empfängers wechselt.
12 Ebd. Luhmann, Niklas. Die Realtiät der Massenmedien. S.10.
13 Hierbei sollte berücksichtigt werden, dass die Analyse des III. Irak-Krieges sich auf das Massenmedium Fernsehen bezieht- und andere Verbreitungsmedien, wie zum Beispiel Zeitung, Radio und Internet bei dem Gebrauch des Begriffs ausgeklammert sind.
14 Ebd. Luhmann, Niklas. Die Realtiät der Massenmedien. S.11.
6
Darst. 2: Sender – Empänger Interaktion
Quelle: eigene Darstellung
Wird nun Technik „zwischengeschaltet“, wird eine unbestimmte Anzahl von Empfängern adressiert, die durch ihr „Einschaltinteresse“ bereit sind die Informationen des Senders zu empfangen. Der Empfänger ist auf die Sendebereitschaft des Senders angewiesen, da er keinen Einfluss darauf hat, was der Sender übermittelt. Aufgrund dessen findet eine Standardisierung der Informationsübermittlung statt. Der Sender kann vermuten, was den Empfänger interessiert. Um das Interesse des Empfängers aber aufrecht zu erhalten muss zugleich eine Unterscheidung von anderen Sendern stattfinden. Das System kann sowohl sich selbst als auch seine Umwelt beobachten kann, wodurch eine Differenz zur Umwelt aufgebaut wird. Auf diese Weise kann das System „über etwas anderes oder über sich selbst“ 15 kommunzieren. Somit handelt es sich um ein System, dass zwischen sich (Selbstreferenz) und anderen (Fremdreferenz) unterscheidet. 16 Die oben genannten Aspekte, dass
• keine Interaktion zwischen Sender und Empfänger stattfindet,
• der Sender sich standardisiert,
• vom Einschaltinteresse agbängig ist,
• und über Selbst- und Fremdreferenz verfügt,
treffen in ihrer Definition vor allem auf das Massenmedium Fernsehen zu. Das Fernsehen sendet ein bestimmtes Programm, dass für den jeweiligen Sender einer gewissen Struktur entspricht. Es unterscheidet sich mit seinem Programm aber von anderen Sendern (Standardisierung). Der Sender richtet sein Programm an eine unbestimmte Zahl an Empfänger und ist darauf angewiesen, dass der Zuschauer das gesendete Programm einschaltet (Einschaltinteresse). Der Zuschauer hat keine Möglichkeit direkt auf das Programm des jeweiligen Senders Einfluss zu nehmen (keine Interaktion). Durch Selbst- und Fremdreferenz entsteht nach Luhmann eine Realitätsverdoppelung, die im System der Massenmedien stattfindet. Denn dadurch, dass über etwas oder über sich
15
Ebd.: Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. S. 15.
16 Ebd.: Siehe Anhang A; Bild 2. S.69.
7
selbst kommuniziert wird, werden verschiedene Positionen des Beobachtens eingenommen, die eine unterschiedliche Realität reflektieren. Durch die Beobachtungen, die das System innerhalb wie ausserhalb macht, muss schließlich die Frage gestellt werden, was für die Massenmedien der Realität entspricht oder durch was sie für andere eine Realität erscheinen läßt 17 . Inwieweit produzieren oder konstruieren die Massenmedien nun Realität, wenn davon ausgegangen wird, dass das System der Massenmedien für sich eine Realität entwickelt, die Realität aber durch die Massenmedien für andere anders erscheint?
Es muss festgehalten werden, dass Luhmann den Verdacht der Manipulation in den Massenmedien kategorisch ausschließt, da er ihn für nicht nachweisbar hält. Nicht jede Information kann auf ihre Richtigkeit überprüft werden, dennoch schließt Luhmann einen wichtigen Faktor in seiner Untersuchung hier aus, in dem er sich auf seine Basis-Theorie konzentriert, in der die Massenmedien eine andere Realität konstruieren müssen, weil sie sich selber nicht als Realität präsentieren können.
Wenn die Massenmedien eine spezifische, visuelle Wahrnehmung der Welt konstruieren, ist es nun notwendig genauer darauf einzugehen auf welche Weise Luhmann die Massenmedien definiert und welche Struktur und Funktion ihnen zukommen. Das Massenmedium Fernsehen erlangt hierbei besondere Aufmerksamkeit, da es durch die Übermittlung der Bilder nicht nur bestimmte Informationen visuell transportiert, sondern auch einen spezifischen Eindruck hinterlässt wie die Welt zu sein hat. Das System legt fest, was gewusst werden soll und was nicht. Spezifische Themen erfüllen eine bestimmte Funktion innerhalb des Systems. Aufgrund dessen ,."[..] kann [man] aber noch in einem zweiten Sinne von der Realität der Massenmedien sprechen, nämlich im Sinne dessen, was für sie oder durch sie für andere als Realität erscheint. [...] Die Massenmedien erzeugen eine transzendentale Illusion." 18
2.4. Die Nachricht im System der Massenmedien
Nachrichten erfüllen im System der Massenmedien eine bestimmte Aufgabe, denn sie müssen Informationen innerhalb einer festgelegten Struktur vermitteln. Die Struktur der Nachricht wird durch das Massenmedium Fernsehen festgelegt, so dass sie zum einen eine bestimmte Funktion innerhalb des Programms erfüllen, andererseits aber ein Bild von der Welt vermitteln müssen, wie sie zum aktuellen Zeitpunkt der Nachrichtenübermittlung erscheint.
17 Siehe Anhang: Bild 2; Selbstreferenz und Fremdreferenz im System der Massenmedien, S.69. 18 Ebd.: Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. S.14.
8
Wenn also durch die Nachrichtenübermittlung bereits davon ausgegangen wird, dass es immer etwas gibt, worüber es sich zu berichten lohnt, andererseits aber die Nachrichten im System der Massenmedien durch die Beobachtung von sich selbst und von den Geschehnissen eine Realität konstruieren, muss vorausgesetzt werden, dass die Geschehnisse des Irak- Krieges in den Nachrichten als ein Ereignis dienen, um beim Zuschauer dauerhaftes Interesse zu wecken.
"Im Fernsehen bildete sich nicht [sic!] das militärische Geschehen nicht ab, das Fernsehen konstruierte sich entlang der Vorgaben der Kriegsparteien einen eigenen Krieg." 19
Inwieweit trägt die Nachrichtenstruktur also dazu bei, dass ein bestimmtes Bild von Realität konstruiert wird, wenn davon auszugehen ist, dass die Nachrichten das Bild der Welt beeinflussen?
2.4.1. Die Struktur von Nachrichten
Nachrichten übermitteln, wie bereits erwähnt, Informationen, die dem Zuschauer deutlich machen sollen, was – wann - wo im Laufe des Tages geschehen ist. Gleichzeitig verfolgen Nachrichten das Ziel, dem Zuschauer das Gefühl zu vermitteln, er sei in das Geschehen involviert. Dieser Vorgang hat eine wechselseitige Wirkung: Während der Zuschauer glaubt, sich über das Tagesgeschehen zu informieren, indem er die Nachrichtensendung einschaltet, legt das Fernsehen fest, welche Nachrichten von belang sind und welche nicht.
Im folgenden wird nun untersucht, welche Merkmale die Nachricht im System der Massenmedien bei Luhmann erfüllen müssen:
1. Nachrichten müssen regelmäßig neue Informationen liefern
2. Nachrichten über Konflikte werden bevorzugt behandelt
3. Nachrichten referieren über Quantitäten
4. Nachrichten stellen einen lokalen Bezug her
5. Nachrichten decken Normverstöße auf
6. Nachrichten sind aktuell
7. Nachrichten operieren selektiv 19 Ebd. Hickethier, Knut: Denn wie man sich bettet, so liegt man. Strategien der Fernsehberichterstattung. S.7.
9
Die Untersuchung der Struktur der Nachricht wird bei der Analyse der Nachrichtensendungen von der ARD tagesschau und RTL Aktuell in Bild, Ton und Sprache zum Tragen kommen, um feststellen zu können, welche Schwerpunkte die Nachrichtensendungen haben und auf welche Weise sie divergieren bzw. konvergieren. Im Folgenden werden nun die einzelnen Aspekte der Nachricht diskutiert. Der Aspekt, dass Nachrichten selektiv operieren, wird allerdings gesondert behandelt, da es sich hierbei um einen wichtigen Gesichtspunkt in bezug auf die Kriegsberichterstattung handelt.
1. Nachrichten müssen regelmäßig neue Informationen liefern
Das System der Massenmedien setzt durch regelmäßige Übermittlung von Nachrichtensendungen voraus, dass es immer etwas gibt, worüber berichtet werden kann. Allerdings können Informationen nicht wiederholt werden, da sonst das Einschaltinteresse des Zuschauers sinkt und der Sender sein Publikum verlieren könnte. Aufgrund dessen müssen Nachrichten immer neue Informationen liefern, die zudem einen Überraschungswert beinhalten. Das heisst, das über etwas oder jemanden berichtet wird, von dem der Zuschauer noch nichts wusste. Auf diese Weise senkt sich "[j]eden Morgen und jeden Abend […] unausweichlich das Netz der Nachrichten auf die Erde nieder und legt fest, was gewesen ist und was man zu gegenwärtigen hat." 20 Neue Informationen können allerdings nur in einem vertrauten Kontext (wie zum Beispiel Erdbeben, Unfälle, etc.) übermittelt werden, der dem Zuschauer bekannt ist, da sonst die Nachricht ansich ihren Wert verliert.
2. Nachrichten über Konflikte werden bevorzugt behandelt
Die Präsentation von Konflikten innerhalb der Nachrichten liefert den Vorteil, dass Informationen über den Konflikt immer neu sind und je nach Entwicklung des Konfliktes Überraschungen wahrscheinlich werden. Der Konflikt ansich kann dauerhaft bestehen und liefert deshalb einen Kontext, in dem die neuen Informationen präsentiert werden können. Der Konflikt liefert noch keine Lösung, es besteht die Möglichkeit Partei zu beziehen, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Das Paradoxon des Konfliktes innerhalb der Nachrichten besteht zudem darin, dass Konflikte zwar neue Informationen liefern, zusätzlich aber erwartet werden, da […] Nachrichten als Mitteilungen des Unerwarteten, Außergewöhnlichen, ja Katastrophischen in den Fernsehprogrammen über regelmäßige Sendeplätze verfügen, […]." 21
20
Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997.S.1097.
21
Hickethier, Knut: Das Erzählen der Welt in den Fernsehnachrichten.
http://www.mediaculture-onlne.de/ fileadmin/ bibliothek/ hickethier _fernsehnachrichten/hickethier_fernsehnachrichten.pdf.
Abgerufen am 29. Jan. 2006.S.2.
10
3. Nachrichten referieren über Quantitäten Indem Nachrichten einen Vergleichswert schaffen, können sie den Wert einer Information steigern. Selbst wenn der Zuschauer die genauen Zahlen nicht kennt, kann er so eine Relation zu den Ereignissen aufbauen. Wenn beispielsweise darüber berichtet wird, dass im Jahr 2006 mehr Soldaten bei Anschlägen im Irak starben als im Jahr 2005, kann der Zuschauer sich durch den lediglichen Vergleich ein Bild von der Quantität der Verluste machen ohne genaue Zahlen kennen zu müssen.
4. Nachrichten stellen einen lokalen Bezug her
Durch die Bezeichnung, welche Ereignisse wo stattfinden, stellen Nachrichten einen Bezug zum Umfeld her. Lokale Bezüge involvieren so den Zuschauer, wenn Geschehnisse in der direkten Umgebung stattfinden. Wenn allerdings erneut Selbstmordanschläge im Irak stattfinden, kann die Relation hergestellt werden, dass solch ein Geschehen im eigenen Land eher unwahrscheinlich ist.
5. Nachrichten decken Normverstöße auf
Normverstöße reflektieren Verfehlungen gegen die jeweilige gesellschaftliche Form. Wenn die Nachrichten über Normverstöße berichten, wird zugleich eine Wertung durch die Massenmedien vorgenommen da ein Fehler, der bereits gegen die gesellschaftlichen Normen begangen wurde, präsentiert wird. Im Zuge dessen findet meistens eine moralische Bewertung statt. Das bedeutet, dass der Zuschauer sich explizit eine Meinung darüber bildet, dass es falsch ist, wenn US-Soldaten Plünderer zwingen, sich nackt auszuziehen, um diese dann durch die Strassen von Bagdad laufen zu lassen.
6. Nachrichten sind aktuell
Nachrichten müssen aktuell sein, obwohl sie schon geschehen sind, muss ein prinzipielles Interesse an der Sache vorliegen, so dass über ein Thema (wiederholt) berichtet wird. Themenbereiche können so neu produziert werden und zum Thema für den Zuschauer gemacht werden, oder sie werden durch neue Geschehnisse erneut aufgearbeitet. "Das System produziert dann erneut Informationen aus Informationen, indem es Berichtkontexte erzeugt, in denen längst abgelegte, vergessene Neuigkeiten wieder an Informationswert gewinnen." 22 22 Ebd.: Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. S.73.
11
7. Nachrichten operieren selektiv Nachrichten sind durch ihren beschränkten Zeitrahmen gezwungen, bestimmte Informationen zu selektieren und zu entscheiden, welche Information für die Nachrichtensendung relevant ist oder nicht. Der Aspekt der Selektion hängt in der Theorie von Luhmann eng mit der Konstruktion von Realität zusammen. Aufgrund dessen wird dieser Aspekt im folgenden Kapitel ausführlicher diskutiert.
2.4.2. The Unmarked Space
"Weil die Medien bestimmen, welche Themen auf die Agenda
gesetzt werden, geben Sie ein bestimmtes Bild von Welt, das durch die Produktion von Erzählungen geprägt ist." 23
Es stellt sich die Frage, warum bestimmte Informationen für die Nachrichtenübermittlung besonders relevant erscheinen, andere aber nicht. Denn durch die Selektion einer Information, wird nicht nur die Perspektive auf ein Geschehen vorgegeben, sondern zusätzlich ein anderer Blickwinkel ausgeschlossen. Luhmann bezeichnet die Selektion von Information und Nicht-Information als unmarked space und sieht gerade durch die Selektion von Informationen seine Theorie der Konstruktion der Realität bestätigt, da es zum einen beweist, dass es nicht möglich ist, alle Informationen wiederzugeben und zum anderen durch die Selektion - und den unmarked space- ein Teil der Information bewusst von den Massenmedien ausgeblendet wird.
‚The unmarked space’ entsteht demnach automatisch, sobald über einen Gegenstand oder Geschehnis berichtet wird, wobei kein direkter Zusammenhang zwischen den Geschehnissen bestehen muss.
„Die eigentliche Frage des Konstruktivismus ist ja letztlich nicht
so eine punktuelle, stimmt es oder stimmt es nicht, so eine Frage, wo wollen wir etwas unterscheiden, was ist eigentlich der Kontext, in dem irgendetwas profiliert wird. Und da glaube ich…, ist., wenn es um Rassenunruhen geht, völlig klar: Man könnte in Los Angeles ja ganz andere Sachen sehen als Rassenunruhen und könnte technische Wunderleistungen oder […] die Verkehrsströme oder das Klima […] beobachten, und die Hintergrundthese ist, daß also alles, was wir beobachten, bezeichnen, beschreiben, immer über Unterscheidung läuft. Es gibt immer eine Seite, die nicht berichtet wird. [Herv. durch Verf.]“ 24 23 Ebd. Hickethier, Knut: Das Erzählen der Welt in den Fernsehnachrichten. S.12. 24 Ebd. Interview Radio Bremen: „Niklas Luhmann im Gespräch: Die Realität der Massenmedien"
12
Es wäre möglich, zu argumentieren, dass die Selektion die wichtigsten Ereignisse des Tages ‚markiert’, so dass ein Bericht über die Verkehrsströme in Los Angeles kaum vergleichbar mit Rassenunruhen ist, die zum gleichen Zeitpunkt stattfinden. Dennoch eröffnet die Markierung von spezifischen Ereignissen durch die Massenmedien, dass es einen weiteren Bereich gibt, über den nicht berichtet wird.
Da das System der Massenmedien sowohl sich selbst als auch seine Umwelt beobachtet, erfolgt die Konstruktion von Realität nicht willkürlich. Da keine „Punkt-für- Punkt-Korrespondenz zwischen Information und Sachverhalt, zwischen der operativen und der repräsentierten Realität“ 25 möglich ist, legt das System sich selbst Beschränkungen auf, worüber berichtet wird und worüber nicht. Aufgrund dessen muss die Auswahl an Informationen bestimmte Kriterien erfüllen. Umso mehr die Informationen den Beschränkungen in den Nachrichtenstrukturen entsprechen, umso höher wird ihr Informationswert. In der Konsequenz bedeutet das, dass die Selektion von Information und Nicht-Information die Realitätskonstruktion unterstützt, da eine bestimmte Perspektive von Ereignissen wiedergegeben wird. Daher steigt der Informationswert einer Nachricht automatisch, wenn
• eine Information aktuell/ neu ist,
• ein Konflikt behandelt wird,
• ein lokaler Bezug hergestellt
• und einNormverstoß offengelegt wird.
Nachrichten werden jeden Tag erwartet. Neben der Regelmäßigkeit der Nachrichten entsteht eine Routine, wie die ankommenden Informationen im System verarbeitet werden. Neben dem Einpassen der Informationen in Rubriken (z. B. Sportnachrichten, Wetter & Aktuelles) spielen Zeit und Raum, die für die Nachrichtensendung ansich programmiert sind, eine auschlaggebende Rolle. Auf diesem Wege führt das System eine Unterscheidung zwischen Informationswerten der Nachrichten an sich durch und deren Anwendbarkeit innerhalb des vorgegebenen Rahmens.
Auf diese Weise erfolgt eine Produktion von Tagesnachrichten, die einen narrativen Kontext haben können, in denen Informationen aufgegriffen, verarbeitet wiedergegeben werden. Eine bereits gesendete Information kann durch neue Informationen angefüllt oder korrigiert werden. Wenn sich herausstellt, dass eine bereits gesendete Information fehlerhaft übermittelt wurde und diese korrigiert werden muss, gewinnt die ältere Information erneut an 25 Ebd. Reese-Schäfer, Walter: Luhmann zur Einführung. S.43.
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Wert. Ist es nicht möglich, Informationen zu expandieren, verlieren sie an Wert. Sie werden eventuell noch als Platzhalter in der Nachrichtensendung verwendet, bis sie schließlich im Laufe der Zeit gelöscht werden. Das bedeutet, dass ein Thema an Tag X noch relevant erscheint, an Tag Y aber bereits nicht mehr in den Top-Themen der Nachrichtensendung zu finden ist und schließlich an Tag Z zu einer Nicht-Information wird. Folglich wird sie aus den Nachrichten ausgeschlossen. Die Wiederholung und Redundanz von Informationen gibt vor, was für den Zuschauer von Belang sein soll und was wieder vergessen werden darf. Die Selektion der Nachrichten erweckt beim Zuschauer den Eindruck, dass alle wichtigen Informationen übermittelt wurden Der Zuschauer glaubt, darüber informiert zu sein, was in der Welt geschieht. Dennoch konstruiert das System der Massenmedien Realität, da es nur einen bestimmten Blickwinkel auf die Geschehnisse der Welt erlaubt. Die Beobachtung der Welt durch eine selektive Perspektive konstituieren die Massenmedien ein Bild, dass erst durch die Auswahl von bestimmten Informationen entsteht. Demnach ist festzustellen, dass "Nachrichten [..], auch wenn sie den Anspruch erheben, Realität 'unverstellt' abzubilden, nie die Realität selbst" 26 sind.
2.4.3. Die Narrationstheorie in den Nachrichten
Bezüglich der Nachrichtenstruktur werden nun zusätzlich Aspekte von Knut Hickethiers Narrationstheorie hinzugezogen, um die Funktion der Nachricht innerhalb des Systems der Massenmedien zu verdeutlichen. Wie auch Niklas Luhmann repräsentieren für Hickethier Nachrichten einen Inszenierungsrahmen, in denen Nachrichten immer nur Darstellung, nie aber Realität selbst sein können. 27 Die folgenden Merkmale der Struktur der Nachrichtensendung liefern somit die Basis für eine Konstruktion von Realität:
1. Nachrichten werden erzählt
2. Nachrichten folgen einem Erzählfluss
3. Bilder sind nicht von Sprache zu trennen
4. Nachrichten vermitteln den Eindruck von Aktualität
5. Nachrichten werden seriell produziert
26
Ebd. Hickethier, Knut: Das Erzählen der Welt in den Fernsehnachrichten. S.4.
27 Ebd. Hickethier, Knut: Das Erzählen der Welt in den Fernsehnachrichten. S.26.
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1. Nachrichten werden erzählt Die Struktur der Nachricht gleicht einer Erzählung. Demnach fungiert der Sprecher als Erzähler, während die Nachricht ansich eine Erzählung reflektiert. Durch die Betrachtung der Nachricht als Erzählung können Nachrichten mit narrativen und dramaturgischen Kontexten assoziiert werden. Wichtig hierbei ist, dass die Nachricht als audiovisuelle Erzählung erkannt werden muss, da immer ein Zusammenhang zwischen Wort und Bild bei der Nachrichtenübermittlung besteht. Innerhalb der Erzählung werden offene und geschlossene Nachrichten wiedergegeben, die das Tagesgeschehen zusammenfassen. Der Erzähler bringt eine Erzählung entweder zum Abschluss (geschlossene Erzählung) oder hält sich die Möglichkeit offen, eine Erzählung zu einem späteren Zeitpunkt erneut aufzugreifen (offene Erzählung), um sie weiter fortzusetzen. Konflikte werden demnach meist als offene Nachrichten wiedergegeben, da das inhaltliche und zeitliche Ende des Konfliktes unbekannt ist.
2. Nachrichten folgen einem Erzählfluss
Sobald neue Informationen zu einer offenen Erzählung hinzukommen steigt ihr Informationswert, so dass alte Erzählstränge neu aufgegriffen werden (Rewriting),so dass der Erzäher (Personalisierung) die Erzählung mit ihren neuen Wendungen und Ereignissen weiterführen kann (Dramatisierung). Auf diese Weise entsteht der Eindruck, dass das Berichtete auch wichtig sein muss. Automatisch entsteht so ein ‚unmarked space’- eine Seite, über die nicht berichtet wird.
3. Bilder sind nicht von Sprache zu trennen:
Sprache und Bilder sind innerhalb der Nachrichtenstruktur nicht trennbar. Bilderzählungen werden niemals ohne Kommentar gesendet. Die Versprachlichung der Bilder soll somit nicht nur Information übermitteln, der Erzähler gibt durch die Kommentierung der Bilder gleichzeitig eine bestimmte Perspektive auf das Geschehen wieder. Das Paradoxon der Wort- Bild Verflechtung besteht darin, dass keine Übereinstimmung zwischen Bild und Wort möglich ist, da „das Wort anders vermitteln [kann] als das Bild, beide werden jeweils eingesetzt, um spezifische Informationen zu einer Darstellung beizusteuern.“ 28 28 Ebd. Hickethier, Knut: Das Erzählen der Welt in den Fernsehnachrichten. S.20.
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4. Nachrichten vermitteln den Eindruck von Aktualität: Obwohl Nachrichten bereits geschehen sind müssen sie den Eindruck vermitteln, als seien sie ‚neu’, um den Charakter von Aktualität zu wahren. Nachrichten müssen demnach immer neu sein, „[h]äufig ist jedoch auch zu beobachten, daß bei einzelnen Meldungen in den Nachrichten nicht erkennbar ist, was denn das Neue der Meldung ausmacht. Kriegskorrespondenten, die per Liveschaltung vermelden, im Augenblick sei es bei ihnen ganz ruhig.“ 29 Trotzdem sichern sich Nachrichten ihren Anspruch auf Aktualität durch Liveschaltungen. Durch die Übertragung der Ereignisse in Realzeit soll der Eindruck des Ungestellten, des Spontanen kolportiert werden.
5. Nachrichten werden seriell produziert
Nachrichten werden täglich erwartet und können durch ‚Langzeiterzählungen’ aufeinander aufbauen. Dies sichert Kontinuität in den Nachrichten, liefert aber auch die Möglicheit, dass, wenn es nichts Neues gibt, eine Erzählung fortgesetzt wird ohne das es Neuigkeiten gibt.
2.5. Realität im System der Massenmedien
"[…] so arbeitet auch das System der Massenmedien in der
Annahme, dass die eigenen Kommunikationen in der nächsten Stunde oder am nächsten Tag fortgesetzt werden. Jede Sendung verspricht eine weitere Sendung. Nie geht es dabei um die Repräsentation der Welt, wie sie im Augenblick ist." 30
Für Luhmann wird die Konstruktion von Realität vor allem durch die folgenden Aspekte deutlich. Das System beobachtet sich selbst und seine Umwelt, es kann daher zwischen sich und anderen unterscheiden. Dadurch, dass das System selbst- und fremdreferentiell operieren kann, bezeichnet und unterscheidet sich das System nicht nur von seiner Umwelt - es beobachtet zudem eine Realität die für das System existiert und eine Realität, die durch das System für andere als Realität erscheint. Das System produziert Realität aber nicht im Allgemeinen und Absoluten, denn durch die Unterscheidung von System und Umwelt wird eine Grenze zwischen System und Umwelt geschaffen, die anerkennt, dass es ausserhalb des Systems eine Realität geben muss. Das System negiert also die Existenz von Realität nicht; sie bleibt aber unerreichbar, da das System nicht über seine Grenzen hinaus operieren kann.
29 Ebd. Hickethier, Knut: Das Erzählen der Welt in den Fernsehnachrichten. S.13.
30 Ebd.: Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. S.26.
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Durch die Selektion von Information und Nicht-Information entsteht ein ‚unmarked space’; während über eine Seite berichtet wird, wird eine andere augeblendet. Luhmann sieht gerade durch die Selektion von Information und Nicht-Information die Konstruktion von Realität bestätigt, da spezifische Aspekte bewusst ausgeblendet, andere hingegen kolportiert werden.
Hierbei geht es Luhmann lediglich um die Feststellung, ob und wie Realität innerhalb der Massenmedien konstruiert wird. Der Aspekt der Manipulation wird bei Luhmann wie auch innerhalb dieser Arbeit ausgeklammert, da die nötigen Mittel, um Beweise zu finden ob und wie die Medien manipuliert haben sollen, nicht vorhanden sind.
Abschliessend wird festgestellt, ob Luhmanns Theorie über die Konstruktion von Realität innerhalb der Massenmedien durch die Analyse der Nachrichtensendungen ARD tagesschau und RTL Aktuell belegt oder widerlegt werden kann. Mit Hilfe der Theorie Luhmanns soll festgestellt werden, ob ARD und RTL verschiedene Realitäten von dem Verlauf des Krieges wiedergeben. Denn nach Luhmanns Auffassung hat "[e]s […] wenig Sinn zu fragen, ob und wie Massenmedien eine vorhandene Realität verzerrt wiedergeben; sie erzeugen eine Beschreibung der Realität, eine Weltkonstruktion, und das ist die Realität, an der die Gesellschaft sich orientiert." 31
3. UNTERSUCHUNGEN ZUR FRAGESTELLUNG
„Fernsehjournalismus bedeutet seinem Wesen nach, daß man es
mit Bildern, Worten und Menschen zu tun hat. Was wir hier leisten, ist wirklich sehr wichtig für alle, die etwas über den Krieg wissen und verstehen wollen, was vor sich geht.“ – Chris Cramer, Chef von CNN International 32
Niklas Luhmann würde mit Chris Cramer in dem Punkt übereinstimmen, dass „man es mit Bildern, Worten und Menschen zu tun hat“, wenn es um die Übermittlung von Nachrichten geht. Dennoch würde womöglich ein direkter Widerspruch folgen, wenn es um Cramers Auffassung über das Verstehen-Wollen des Krieges ginge. Denn nach Luhmanns These trägt das Massenmedium Fernsehen nicht dazu bei, dass verstanden wird, was tatsächlich passiert, da eine Darstellung der ‚wirklichen Welt’ durch die Medien gar nicht möglich ist. Cramers Statement muss demnach in Frage gestellt werden, da ein Verständnis des Krieges nach Luhmann de facto ausgeschlossen ist, da der Zuschauer den Krieg über das Fernsehen - und demnach nur eine Konstruktion des Krieges - verfolgt.
31 Ebd.: Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. S.1102.
32 Ebd.: Hanfeld, Michael: Das ist echter, purer Journalismus.
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Quote paper:
Nicole Knuppertz, 2006, Der Irak-Krieg im Fernsehen: Eine Analyse der Fernsehberichterstattung des III. Irak-Krieges in Bild, Ton und Sprache, Munich, GRIN Publishing GmbH
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Infotainment - Perspektive für das Fernsehen?
Communications - Media and Politics, Politic Communications
Termpaper, 15 Pages
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