Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 1
II. Generationsdiskurs
1. Zum Verständnis des Generationsbegriffs
1.1. Terminologische Einführung 4
1.2. Generation als Abgrenzungsbegriff? 6
2. Generationstypen und ihr Umgang mit der Vergangenheit
2.1. Generation der Großeltern 9
2.2. Generation der Kinder 12
2.2.1. Väterliteratur 14
2.3. Enkelgeneration 17
2.3.1. Gegenwärtige Erinnerungsliteratur 20
III. Gedächtnis und Erinnerung
1. Einführung zum Erinnerungs- und Gedächtnisbegriff 26
2. Gedächtnishorizonte
2.1. Kulturelles Gedächtnis 27
2.2. Individuelles Gedächtnis 28
2.3. Kommunikatives Gedächtnis 29
2.3.1. Familiäres Gedächtnis 30
3. Konflikt zwischen öffentlichem Gedenken und persönlichem Erinnern 32
IV. Die schwierige Auseinandersetzung mit der eigenen
Familiengeschichte - Uwe Timms „Am Beispiel meines Bruders“
1. Zum Autor 38
2. Werksstruktur und Inhalt 38
3. Timms Annäherung an die eigene Familiengeschichte
3.1. Motive 41
3.2. Aufarbeitung der Vergangenheit mittels Erinnerung 43
4. Timms Suche nach Leerstellen im Familiengedächtnis
4.1. Auseinandersetzung mit dem Bruder 46
4.2. Elternschuld?
4.2.1. Sprachgebrauch 50
4.2.2. Verhaltensweisen und Denkmuster 52
4.3. Schlussfolgerung im Text 55
5. Fazit: Timms Werk im Vergleich zur Väterliteratur 59
V. Die Suche nach dem „Familiengeheimnis“ -Tanja Dückers’ „Himmelskörper“
1. Zur Autorin 61
2. Werksstruktur und Inhalt 61
3. Annäherung an die Geschichte der Familie Sandmann 3.1. Motiv für Freias Spurensuche 64
3.2. Rekonstruktion der Vergangenheit mittels Erinnerung 65
3.3. Annäherungsversuche durch gezieltes Nachfragen 3.3.1. Retrospektive 68 3.3.2. Gegenwart 70
4. Reflexionen der Enkelin über die Vergangenheit ihrer Familie
4.1. Auseinandersetzung mit dem Vorgefundenen 4.2. Verarbeitung ihrer Familiengeschichte
5. Fazit: Dückers’ Werk innerhalb der Erinnerungsliteratur 76
81 VI. Konklusion
VII. Bibliografie
1. Primärliteratur 91
2. Sekundärliteratur 92
3. Internetquellen 97
I. Einleitung
„In Deutschland ist der Holocaust Familiengeschichte.“ 1 (Raul Hilberg)
Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts wurde von keinem anderen historischen Ereignis so nachhaltig geprägt wie vom Ende des Zweiten Weltkrieges. Obgleich es weitere einschneidende Zäsuren gab, wie das Ende des Ersten Weltkrieges 1918, die Studentenbewegung 1968 und die Wiedervereinigung Deutschlands 1989, deren gesellschaftspolitischen Veränderungen bedeutsam für die Bildung einer gemeinsamen Identität waren und in ihrer Konsequenz die jeweils betroffenen Generationen formten, bleibt der Bruch, den die Epoche des Nationalsozialismus im kollektiven Bewusstsein der Deutschen hinterließ, einmalig. Die traumatischen Erfahrungen von faschistischer Diktatur, dem Kriegserleben selbst, der Trümmerzeit, aber vor allem der Vorwurf an Krieg und Holocaust eine Kollektivschuld zu tragen, belastet die deutsche Nachkriegsgesellschaft bis in die
Gegenwart. 2 Da die Angehörigen der Kriegsgeneration „die Möglichkeit einer kathartischen Bereinigung und der damit verbundenen Erleichterung und Befreiung“ 3 nicht zuließen und sich gegen ihre Schmerzen und Erinnerungen „mit einem Panzer der
Fühllosigkeit“ 4 wappneten, blieben sie die Aufarbeitung des Traumas den nachfolgenden Jahrgängen schuldig.
Diese Aufarbeitung bestimmt seither auch die deutsche Nachkriegsliteratur. Während diese sich anfänglich noch durch ihre Sprachlosigkeit gegenüber dem Erlebten auszeichnete, entwickelte sie sich in den 1950er und 60er Jahren zu einem moralisierenden und anklagenden Instrument der Schriftsteller, „den individuellen Zwang zur Erinnerung [zu] thematisieren und die gesellschaftlich dominante Neigung
zum Vergessen [zu] geißeln.“ 5
In der so genannten Väterliteratur der 70er Jahre kam es erstmals zur persönlichen Auseinandersetzung mit den Angehörigen der Kriegsgeneration. Doch verzeichnet die Nachkriegsliteratur erst mit der deutschen Wiedervereinigung „eine Tendenz zur
1 Zitiert nach Harald Welzer: Das ist unser Familienerbe. Gemeinsames Interview mit Aleida Assmann. In: Die Tageszeitung. 22.01.2005.
2 vgl. Jochen Vogt: Erinnerung ist unsere Aufgabe. Über Literatur, Moral und Politik 1945-1990. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1991. S. 178f.
3 Norbert Elias: Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1989. S. 549f.
4 Aleida Assmann: Geschichtsvergessenheit - Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945. Teil 1. Hrsg. von Aleida Assmann und Ute Frevert. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1999. S. 102.
5 Vogt: Erinnerung ist unsere Aufgabe. S. 179.
1
historischen Positionsbestimmung“ 6 , welche aus der Orientierungssuche in der veränderten Realität resultiert. 7 Abseits der einsetzenden Diskussionen um das Ende der Nachkriegszeit entstand „eine neue Nachkriegsliteratur, die stärker polarisiert ist und
damit eindeutigere Positionen zur deutschen Geschichte bezieht.“ 8 Den Anfang machte Bernhard Schlinks 1995 erschienener Roman „Der Vorleser“ 9 , der eine Liebesgeschichte „mit dem deutschen NS- und Holocaust-Diskurs“ 10 verwebt und erstmalig „die Problematik der vielfältigen - gerade emotionalen - Verstrickungen der
[...] ‘Zweiten Generation’, der 68er, in die Schuld der NS-Generation“ 11 thematisiert. Der Roman war sowohl national als auch international erfolgreich und markiert eine neue Art mit dem Thema der nationalsozialistischen Vergangenheit in der Literatur umzugehen.
Auffallend an dieser Form der Erinnerungsliteratur ist die Fokussierung der Autoren auf die eigene Familiengeschichte. Ihre Texte stellen einen Zusammenhang zwischen den jeweiligen Generationen der Familie her und beleuchten das Verhältnis dieser zueinander. In den so genannten Familien- und Generationsromanen wird die Suche nach der eigenen Vergangenheit mit der Geschichte der Eltern und Großeltern verknüpft.
Die italienische Literaturwissenschaftlerin Elena Agazzi sieht den Grund für die Popularität dieser Art von Erinnerungsliteratur im neuen Wissensdrang der dritten
Generation, der Enkelgeneration. 12 Ebenso hat der Germanist Joachim Garbe den Trend der gegenwärtigen Erinnerungsliteratur erkannt, die vom Nationalsozialismus belastete Vergangenheit aufzuarbeiten. Er bezeichnet die Familien- und Generationsromane jedoch als Zeitromane.
„Das Auffällige an vielen der in diesem letzten Jahrzehnt veröffentlichten Zeitromane ist die Präsenz der Vergangenheit in ihnen: Historisches wird Folie zum Verständnis der Gegenwart, Zeitkritik entsteht aus kritischer Betrachtung des Vergangenen.“ 13
6 Joachim Garbe: Deutsche Geschichte in deutschen Geschichten der neunziger Jahre. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2002. S. 222.
7 vgl. ebd.
8 ebd. S. 232.
9 Bernhard Schlink: Der Vorleser. Roman. Zürich: Diogenes, 1997. Bis auf Uwe Timms und Tanja Dückers’ Werke werden alle weiteren Texte, Erzählungen und Romane nachfolgend nicht gesondert im Fußnotentext erwähnt. Sie sind jedoch in der Bibliografie aufgeführt.
10 Lothar Bluhm: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Anmerkungen zu Bernhard Schlinks Roman Der Vorleser. in: Deutschsprachige Erzählprosa seit 1990 im europäischen Kontext. Interpretationen, Intertextualität, Rezeption. Hrsg. von Volker Wehdeking und Anne-Marie Corbin. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier, 2003. S. 149-161, hier S. 151.
11 ebd.
12 Elena Agazzi: Bericht zur Tagung Grenzen des Verstehens. Generationsidentitäten nach 1945 in Deutschland. 19.-20.01.2006 Universität Konstanz. Zitiert nach Lu Seegers. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichteid=1055 (22.02.2006).
13 Garbe: Deutsche Geschichte in deutschen Geschichten der neunziger Jahre. S. 13.
2
Da die gegenwärtige Erinnerungsliteratur bislang noch nicht unter einem konkreten wissenschaftlichen Begriff in die Literaturgeschichte eingegangen ist, wie zum Beispiel im Fall der Väterliteratur, wird in der Untersuchung der vorliegenden Arbeit der Oberbegriff Erinnerungsliteratur beibehalten, denn die Begrifflichkeiten Familien-oder Generationsroman erscheinen missverständlich. Die Darstellung von Familiengeschichte erfolgt nicht allein in der epischen Großform des Romans, sondern wird ebenfalls in Berichten, Erzählungen oder Novellen verarbeitet. Um Verständnisprobleme und eventuelle Überschneidungen im Hinblick auf die Väterliteratur zu vermeiden, werden diese Texte nachfolgend als Gegenwärtige Erinnerungsliteratur bezeichnet.
In dieser Arbeit soll der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in der gegenwärtigen deutschen Erinnerungsliteratur untersucht werden. Exemplarisch werden hierfür die Werke „Am Beispiel meines Bruders“ von Uwe Timm, Jahrgang 1940, und „Himmelskörper“ von Tanja Dückers, Jahrgang 1968, hinsichtlich soziologischer und literaturspezifischer Aspekte analysiert. Zum einen soll die Annäherung der Autoren an ihre eigene vom Nationalsozialismus geprägte Familiengeschichte beleuchtet und zum anderen deren literarische Verarbeitung berücksichtigt werden.
Zunächst müssen dafür die genealogischen Unterschiede, welche sowohl zwischen den beiden Autoren als auch zwischen den Literaturepochen der Väterliteratur und der aktuellen Erinnerungsliteratur bestehen, herausgearbeitet werden. Dazu soll der Generationsbegriff näher erklärt werden, um ihn anhand soziologischer Gesichtspunkte auf die sich im 20. Jahrhundert gebildeten Generationstypen zu übertragen. Im Weiteren sollen die Begriffe Erinnerung und Gedächtnis erläutert werden, welche bei der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit eine wichtige Rolle spielen. Hierbei kann allerdings nicht die gesamte Bandbreite der Gedächtnisforschung einbezogen werden. Hinsichtlich der Untersuchung von Timms und Dückers’ Werke erweisen sich die soziologischen und kulturwissenschaftlichen Ansätze am geeignetsten, denn die von beiden vergegenwärtigte Vergangenheit ist die einer sozialen Gruppe, ihrer Familie.
Um die Veränderungen und Unterschiede im Umgang mit dem Thema der nationalsozialistischen Vergangenheit aufzuzeigen, sollen „Am Beispiel meines Bruders“ und „Himmelskörper“ in der Konklusion miteinander verglichen, ausgewählten Werken der Väterliteratur gegenübergestellt und in einen Gesamtzusammenhang eingeordnet werden, welcher auch gesellschaftliche und historische Veränderungen einbezieht.
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II. Generationsdiskurs
1. ZUM VERSTÄNDNIS DES GENERATIONSBEGRIFFS
1.1. Terminologische Einführung
Eine einheitliche Definition für den Generationsbegriff zu finden, ist so schwierig wie „einen Pudding an die Wand zu nageln“ 14 .
Zu diesem Ergebnis kommen die Teilnehmer der Tagung „Grenzen des Verstehens. Generationsidentitäten nach 1945 in Deutschland“, welche im Januar 2006 an der Universität Konstanz stattfand. Im Mittelpunkt der Tagung stand die Generation der „68er“ und ihr Verhältnis zur Elterngeneration sowie zu ihren eigenen Kindern, die sowohl aus soziologischer und historischer Sicht, als auch aus sozialpsychologischer
und literaturwissenschaftlicher Sicht von den Referenten beleuchtet wurden. 15 Die vorliegende Arbeit verwendet den Generationsbegriff unter soziologischen Gesichtspunkten und untersucht den Einfluss der verschiedenen Generationen des vergangenen Jahrhunderts auf die aktuelle Erinnerungsliteratur.
Etymologisch ist Generation vom griechischen genos, Abkunft oder Geschlecht 16 , abgeleitet und bezeichnet
„[...] eine Größe, die den Fortgang der Geschichte, in der Figur der Entstehung von neuen Geschlechtern, garantiert und derart die Genealogie als Abkunft und Abfolge organisiert.“ 17
Hinter dem Begriff Generation verbirgt sich demnach ein komplexes Zusammenspiel von Natur und Kultur, denn er markiert die Schwelle zwischen Entstehung und Fortgang, Abstammung und Erbschaft, Herkunft und Gedächtnis. In der Bedeutung von „Schöpfung“, „Entstehung“ oder „(Er-) Zeugung“ ist der Terminus Generation, der vom lateinischen generatio abstammt, in den biowissenschaftlichen Begriff der Zeugung oder Entstehung von Organismen eingegangen, welcher für einen Prozess der
Ersetzung in der Dimension von Zeit steht. 18
14 Lu Seegers: Bericht zur Tagung Grenzen des Verstehens. Generationsidentitäten nach 1945 in Deutschland. 19.-20.01.2006 Universität Konstanz.
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichteid=1055 (22.02.2006).
15 vgl. ebd.
16 Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 4. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1999.
17 Sigrid Weigel: Familienbande, Phantome und die Vergangenheitspolitik des Generationsdiskurses. Abwehr von und Sehnsucht nach Herkunft. in: Generationen. Zur Relevanz eines wissenschaftlichen Grundbegriffs. Hrsg. von Ulrike Jureit und Michael Wildt. Hamburg: Hamburger Editionen, 2005. S. 108-126, hier S. 116f.
18 vgl. ebd.
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„Die jeweils neue Generation nimmt den Platz der älteren ein, wo immer Tod oder Entwertung diese aus dem Weg geräumt hat.“ 19
Für die soziale Sphäre der Familie kann diese rigide Form nicht gelten, denn die Ersetzung des Früheren durch das Spätere erfolgt nicht sofort und automatisch, sondern verzögert, dies führt zu Überlappungen.
In der Familie prägen sich Generationen von Großeltern, Eltern und Kindern durch die
Regeln der Verwandtschaft und die Abfolge von Geburt und Tod aus. 20 Generationen werden in der Familie als der Abstand zwischen den Geburtsjahren der Eltern und denen ihrer Kinder definiert. Statistisch liegt das Zeugungsalter zwischen 25 und 30
Jahren. Im Verlauf von 100 Jahren kommt es so zu einer vierfachen Generationsfolge. 21 Es überlappen sich somit mindestens zwei, meist jedoch drei Generationen.
„Innerhalb der Gesellschaft gibt es keine entsprechenden Eindeutigkeiten; die Abgrenzung und Markierung sozialer Generationen ist selbst ein sozialer Akt, Produkt sozialer Konstruktion und einer Grenzziehung, an der sowohl die Innensicht einer Gruppe als auch die Außensicht auf sie einen Anteil haben.“ 22
Der Soziologe Karl Mannheim erkannte die Bedeutung des Generationsbegriffs für die Gesellschaft schon 1928. In seinem Aufsatz „Das Problem der Generationen“ versteht er unter Generation eine Altersgruppe, deren Biographie in einer bestimmten Phase durch ein einschneidendes historisches Ereignis geprägt wurde. 23 Sie definiert sich folglich nicht allein durch den Geburtsjahrgang. Vielmehr spricht Mannheim von einer
verwandten Lagerung. 24 Eine Generationsgemeinschaft zeichnet sich demnach durch ähnliche Einstellungen, Lebensstile und Verhaltensweisen aus, welche man auf den gleichen Geburtsjahrgang und lebensgeschichtlich verbindende Erfahrungen
zurückführen kann. 25 Durch die dauerhafte und gleichartige Wirkung von Sozialisationsbedingungen in der jeweiligen Generation entwickelt sich unter den Angehörigen dieser Generation eine für sie charakteristische Art des Denkens, Fühlens und Handelns.
19 Aleida Assmann: Generationsidentitäten und Vorurteilsstrukturen in der neuen deutschen Erinnerungsliteratur. Hrsg. von Hubert Christian Ehalt. Wien: Picus, 2005 (= Wiener Vorlesungen im Rathaus. Bd. 117). S. 18.
20 vgl. ebd. S. 18ff.
21 vgl. Karl-Heinz Hillmann: Wörterbuch der Soziologie. Stuttgart: Körner, 1994. (Körners Taschenbuchausgabe; Bd. 410). S. 270.
22 Assmann: Generationsidentitäten. S. 24.
23 vgl. Weigel: Familienbande. S. 116.
24 vgl. Karl Mannheim: Das Problem der Generationen. in: Wissenssoziologie. Hrsg. von Kurt Wolff. Berlin: Luchterhand Verlag, 1965. S. 509-565, hier S. 526.
25 vgl. Weigel: Familienbande. S. 117.
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Diese Ausprägung wird auch als Identität bezeichnet. 26 Gleichzeitig dient diese Gruppenidentität der Abgrenzung und Differenzierung zu vorangegangenen Generationen.
„Generationen profilieren sich vor allem durch gegenseitige Reibung und Abgrenzung; sie verstehen und thematisieren sich stets als grundsätzlich ‚anders’ als die vorangehende, ältere Generation.“ 27
Als eines der häufigsten Probleme, welche sich aufgrund der Abgrenzungen der einzelnen Generationen voneinander ergeben, ist der Generationskonflikt zu nennen. Dieser entsteht aus den Interessen- und Idealunterschieden der Mitglieder der verschiedenen Generationen, die aus den politischen, religiösen und gesellschaftlichen Veränderungen in der Historie einer Gesellschaft resultieren. Wertvorstellungen einer Generation entsprechen meist nicht denen der Folgegeneration, sodass der Austausch
über konträre Lebensansätze Konfliktpotential birgt. 28 Deutlich trat dieser Konflikt unter anderem in der Studentenbewegung von 1968 zu Tage, die kurz darauf als 68er-Generation in die Nachkriegsgeschichte Deutschlands einging. Ganz offen kritisierte die Generation der 20 bis 30-Jährigen die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Sie wandte sich zum Beispiel gegen die weltanschaulichen Überzeugungen, den religiösen Glauben und die staatsbürgerlichen Pflichten und
Tugenden der Elterngeneration. 29
1.2. Generation als Abgrenzungsbegriff?
„Als tragfähig hat sich die Differenzierungskategorie Generation häufig erwiesen, wenn historische Großereignisse den Grenzwert bestimmen.“ 30
Das eine Generation auch einen Bruch im Fortgang der Geschichte markieren kann, kristallisierte sich erstmals nach dem Ersten Weltkrieg heraus. Im beginnenden 20. Jahrhundert stellte er die erste politische und gesellschaftliche Zäsur dar, an der sich neue Generationen herausbildeten. Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg waren
26 vgl. Ulrike Jureit, Michael Wildt: Generationen. in: Generationen. Zur Relevanz eines wissenschaftlichen Grundbegriffs. Hrsg. von Ulrike Jureit und Michael Wildt. Hamburg: Hamburger Editionen, 2005. S. 7-26, hier S. 9.
27 Assmann: Generationsidentitäten. S. 20.
28 vgl. Werner Fuchs (Hrsg.; u.a.): Lexikon zur Soziologie. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1988. S. 262.
29 vgl. Wolfgang Kraushaar: Denkmodelle der 68er-Bewegung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (2001) H. 22-23. S. 14-27, hier S. 14f.
30 Jureit; Wildt: Generationen. S. 11.
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„[...] davon geprägt, mittels des Begriffs der Generation die unterschiedlichen Erfahrungen von jüngeren und älteren Soldaten sowie jenen zu beschreiben, die zu jung waren, um eingezogen zu werden, den Krieg aber als Kinder und Jugendliche erlebt hatten.“ 31
Zum ersten Mal nahm man bewusst wahr, dass sich die Jahrgänge, welche vor und nach dem Ersten Weltkrieg geboren wurden, in ihren Erfahrungen unterschieden und ordnete sie differenten Generationen zu. Heute geht man davon aus, dass das Ereignis des Ersten Weltkrieges in Deutschland für die Unterscheidung in Generationen sehr
prägnant war. 32
Auch der Zweite Weltkrieg brachte eine neue Generation hervor, wenngleich er auf andere Weise, zum Beispiel durch die Erfahrungen der nationalsozialistischen Diktatur, generationsstiftend war als der Erste Weltkrieg. Dass es in Deutschland erst Ende der 1960er Jahre zu einem Generationswechsel kam, der zu einem gesellschaftlichen Umbruch führte, lag daran, dass die Demontage des nationalsozialistischen Systems nach 1945 so umfangreich war,
„[...] dass keine Generation im ersten Nachkriegsjahrzehnt in der Lage gewesen war, die politische Macht legitim für sich zu beanspruchen und mit einem eigenen Gesellschaftsmodell einen Neubeginn zu proklamieren.“ 33
Die Demokratie wurde in Deutschland nicht als Gemeinschaftsprojekt von einer Generation umgesetzt, sondern von außen installiert, weshalb die Anfangszeit nach dem Zweiten Weltkrieg eher als demokratischer Aneignungsprozess beschrieben werden
kann. 34 Die Veränderungen in der deutschen Gesellschaftsstruktur und Geschichte des vergangenen Jahrhunderts lassen sich anhand der verschiedenen Generationen nachvollziehen, welche sich aufgrund von unterschiedlichen Erfahrungen herausgebildet haben. Ausgehend vom Ersten Weltkrieg ergibt sich eine Abfolge von drei Generationen, wie eine Studie von Gabriele Rosenthal belegt. Sie hat dafür die Jahrgänge zwischen 1890 und 1978 in Deutschland untersucht und zwei Ablaufmuster
in der Generationsabfolge herausgearbeitet. 35
31 Jureit; Wildt: Generationen. S. 11.
32 vgl. Heinz Bude: Generation im Kontext. Von den Kriegs- zu den Wohlfahrtsstaatsgenerationen. in: Generationen. Zur Relevanz eines wissenschaftlichen Grundbegriffs. Hrsg. von Ulrike Jureit und Michael Wildt. Hamburg: Hamburger Editionen, 2005. S. 28-44, hier S. 31ff.
33 Jureit; Wildt: Generationen. S. 21.
34 vgl. ebd.
35 vgl. Gabriele Rosenthal: Zur interaktionellen Konstitution von Generationen. Generationenabfolgen in Familien von 1890 bis 1970 in Deutschland. in: Generationen-Beziehungen, Austausch und Tradierung. Hrsg. von Jürgen Mansel, Gabriele Rosenthal und Angelika Tölke. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1997. S. 57-73, hier S. 57ff.
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Jedoch betont sie, dass ihr Modell idealtypisch ist, da sich eine Generation zumeist aus mehreren Geburtsjahrgängen zusammensetzt.
Im ersten Muster hat die erste Generation, die so genannte Großelterngeneration, den Ersten Weltkrieg als Jugendliche erlebt, ihre Kinder waren meist in der Hitlerjugend organisiert und ihre Enkel wurden in den 1950er Jahren, zur Zeit des Wirtschaftswunders, geboren. Diese Generationsabfolge nennt Rosenthal „Erwachsenwerden im Krieg“. Das zweite Muster bezeichnet sie als „Kindheit im Krieg“. Die Großeltern, die erste Generation, erlebten hier den Ersten Weltkrieg als Kinder, ihre Kinder wurden meist im und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geboren und ihre Enkel gelten als die „Konsumkinder“, die in ihrer Jugend die soziale und
ökonomische Krise der 1970er Jahre erlebten. 36 Rosenthals Ergebnisse soll die folgende Abbildung veranschaulichen.
Abb. 1: Zwei idealtypische Muster zu Generationenabfolgen 37
Die vorliegende Arbeit orientiert sich im weiteren Verlauf am zweiten Muster („Kindheit im Krieg“) aus Rosenthals Modell, da es den Generationsabfolgen in den zu untersuchenden Werken von Uwe Timm und Tanja Dückers vorrangig entspricht.
36 vgl. Rosenthal: Generationenabfolgen. S. 63.
37 vgl. ebd. S. 64.
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2. GENERATIONSTYPEN UND IHR UMGANG MIT DER VERGANGENHEIT
2.1. Generation der Großeltern
Angelehnt an Gabriele Rosenthals Studie über die Generationsabfolge ist die erste der drei Generationen des vorangegangenen Jahrhunderts die der Weimarer Jugendgeneration, welche der Generation der Großeltern entspricht. Generationsbildend für die zwischen 1906 und 1920 Geborenen war ihre Lebenssituation im Krieg. Verbrachten sie ihre frühe Kindheit im Ersten Weltkrieg, erlebten sie in ihrer Jugend die ökonomischen Krisen wie Inflation (1923) und Weltwirtschaftskrise (1929) mit. Ihre Kindheit und
Jugend war somit von Krieg und wirtschaftlicher Unsicherheit bestimmt, 38 aber auch von der Erfahrung,
„[...] nach dem Kriege völlig entzaubert dazustehen. Nichts war geblieben von dem revolutionären Aufbruch in eine strahlende Zukunft als Zerstörung und Schuld.“ 39
Während des Zweiten Weltkrieges arbeiteten die Frauen dieser Generation meist in Berufen, welche für gewöhnlich Männern vorbehalten waren. Sie mussten den, durch die Kriegsauswirkungen erschwerten, Lebensalltag allein und oft mit während des Krieges geborenen Kindern bestreiten. Die Männer verbrachten jene Jahre ihrer Lebenszeit, die für biografisch relevante Entscheidungen und Prozesse im beruflichen und familiären Bereich wichtig sind, in militärischen Organisationen. Die jüngsten unter ihnen führten teilweise schon ab ihrem 19. Lebensjahr ein Leben im Krieg. Eine berufliche Identität konnten sie außerhalb der Wehrmacht kaum ausbilden. Für manche wurde das Soldatsein in ihrer Wahrnehmung zum Beruf, den sie pflichtbewusst zu
erfüllen hatten. 40
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges fiel dieser Generation die Wiederaufnahme ihres Alltagslebens sehr schwer. Die Männer mussten sich in ihrer Rolle aus der Vorkriegszeit zurechtfinden und die Frauen mussten ihre berufliche und familiäre Autonomie mit der Rückkehr ihrer Männer aus der Gefangenschaft aufgeben. Zudem wurde das Verhältnis zwischen den Müttern und ihren Kindern durch die Rückkehr der teils stark psychisch und physisch belasteten Väter empfindlich gestört. Auch fand das während der Trennungszeit herbeigesehnte gemeinsame Leben im Alltag kaum Entsprechung.
38 vgl. Rosenthal: Generationenabfolgen. S. 68.
39 Heinz Bude: Bilanz der Nachfolge. Die Bundesrepublik und der Nationalsozialismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1992. S. 85.
40 vgl. Rosenthal: Generationenabfolgen. S. 68f.
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In vielen Ehen blieben Krisen nicht aus und wirkten sich auf die Beziehung der Eltern,
speziell die der Väter zu ihren Kindern, aus. 41
Diese Generation wurde somit hauptsächlich durch die beiden Weltkriege sozialisiert. Die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges waren für diese Generation jedoch prägender, da sie an diesem Krieg bewusst teilnahm, ob an der Front oder in der Heimat. Besonders auf die Männer hatten die Kriegserlebnisse großen Einfluss, weswegen sie die Niederlage als eine persönliche empfanden, denn alles, woran diese Generation glaubte, wofür sie gekämpft hatte, galt nach dem Krieg nichts mehr. Und so stürzten sie in eine Identitätskrise.
„Die für jede Identität notwendige Selbstachtung der Betroffenen konnte nicht mehr ohne weiteres aus den kulturellen Ressourcen des traditionellen Nationalismus gespeist werden [...].“ 42
Die Folge war der Bruch mit der historischen Identität, welcher überbrückt und die sich auf alle Lebensbereiche auswirkende Krise überwunden werden musste. Damit die Generation eine neue Identität ausbilden konnte, berief sie sich auf Traditionen, die als Gegensatz zur nationalsozialistischen Ideologie verstanden werden konnte, und eliminierte den Nationalsozialismus und mit ihm den Holocaust aus ihrem
geschichtlichen Gedächtnis. 43
Häufig waren die Erzählungen jener Generation vom Krieg und der Nachkriegszeit von einem Thematisierungstabu für einschneidende Erlebnisse des Zweiten Weltkrieges geprägt. Das Belastende ihrer Erfahrungen wurde völlig ausgeblendet oder nur in allgemeinen Formulierungen angedeutet. Zur Ablenkung von den eigenen
schmerzhaften Erinnerungen dienten oft humoristische Kriegsanekdoten. 44 Um sich selbst von der Kollektivschuld zu entlasten, verfiel diese Generation in kollektives Schweigen. Sie waren sich stillschweigend darüber einig, welche Themen nicht zur
Sprache gebracht werden sollten. „Man wusste voneinander, worüber man schwieg.“ 45
„Es gab in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft einen stabilen Konsens, die Vergangenheit aus der Perspektive der biographisch existentiellen Erfahrung nicht zu thematisieren.“ 46
41 vgl. Rosenthal: Generationenabfolgen. S. 69.
42 Jörn Rüsen: Holocaust, Erinnerung, Identität. Drei Formen generationeller Praktiken des Erinnerns. in: Das soziale Gedächtnis. Geschichte, Erinnerung, Tradierung. Hrsg. von Harald Welzer. Hamburg: Hamburger Editionen, 2001. S. 243-259, hier S. 246.
43 vgl. ebd.
44 vgl. Gabriele Rosenthal (Hrsg.): Als der Krieg kam, hatte ich mit Hitler nichts mehr zu tun. Zur Gegenwärtigkeit des Dritten Reiches in Biographien. Opladen: Leske & Budrich, 1990. S. 9.
45 Bude: Bilanz der Nachfolge. S. 81.
46 Assmann: Geschichtsvergessenheit - Geschichtsversessenheit. S. 141.
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Dieses Schweigen ermöglichte die Integration der Eliten des Nazisystems in die neue Bundesrepublik. „Es verlängerte die Komplizenschaft der NS-Volksgemeinschaft in die neue Demokratie hinein und war der Kitt, der die bundesrepublikanische Gesellschaft in
ihrer Gründungsphase zusammenhielt.“ 47 Dass Nazigrößen problemlos Ämter in allen Führungsebenen einnehmen konnten, hing kausal damit zusammen,
„[...] daß die Verstrickungen dieser Eliten in die Naziherrschaft und ihre Verbrechen einfach als Tatsache hingenommen, also nicht geleugnet, aber auch nicht thematisiert, sondern eben beschwiegen wurde.“ 48
Wurden sie auf ihre eigenen Verflechtungen mit dem Nationalsozialismus angesprochen, zogen sie sich mit unterschiedlichsten Argumenten aus der Verantwortung. Eine der wesentlichen Strategien war die Entpolitisierung des Zweiten Weltkrieges. Durch das Leugnen nationalsozialistischer Kriegsziele und der Nichtthematisierung oder dem Abstreiten der Schuld der Deutschen am Kriegsbeginn,
wurde der Zweite Weltkrieg als „ein Krieg wie jeder andere“ 49 relativiert. Die Verbrechen des Nationalsozialismus verschwanden so unter dem Deckmantel des normalen Kriegsgeschehens. Ehemalige Soldaten flüchteten sich in den Mythos des unpolitischen Soldaten, um sich selbst und anderen zu versichern, dass sie mit ihrem Soldatsein nicht in den Nationalsozialismus verstrickt waren. Die mit ihrer militärischen Vergangenheit verbundenen Selbstwertgefühle konnten sie so aufrecht erhalten, ohne die eigene Vergangenheit zu problematisieren und sich dabei der Gefahr auszusetzen,
diese entwerten zu müssen. 50
Als weiterer Entlastungsmechanismus von der Kollektivschuld gilt der Prozess der Umdeutung. Dadurch dass die Soldaten allein dem Regime die Täter zuschrieben und im Volk die Opfer ausmachten, wurde sie für sich selbst zu Opfern, die vom Regime
„verführt“, „betrogen“, „geschunden“ und „entehrt“ wurden. 51
47 Hermann Lübbe: Der Nationalsozialismus im politischen Bewußtsein der Gegenwart. in: Deutschlands Weg in die Diktatur. Referate und Diskussionen. Ein Protokoll. Internationale Konferenz zur nationalsozialistischen Machtübernahme im Reichstagsgebäude zu Berlin. Hrsg. von Martin Broszat u.a. Berlin: Siedler, 1983. S. 329-349, hier S. 332.
48 Hermann Lübbe: Der Nationalsozialismus im deutschen Nachkriegsbewußtsein. In: Historische Zeitschrift 236 (1983). S. 579-599, hier S. 581.
49 Rosenthal: Als der Krieg kam. S. 9f.
50 vgl. ebd. S. 10.
51 vgl. Assmann: Geschichtsvergessenheit - Geschichtsversessenheit. S. 141.
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2.2. Generation der Kinder
Dieser Generationstyp sollte, da er in der Generationsabfolge das Bindeglied zwischen zwei Generationen (den Großeltern und den Enkeln) darstellt, genau definiert werden, um Missverständnisse zu vermeiden. Retrospektiv gesehen, müsste dieser Typ im Grunde als die Generation der Eltern bezeichnet werden, weil die Angehörigen dieser Generation aus heutiger Sicht die Eltern sind. Aus der Perspektive der Generation der Großeltern sind es indes die Kinder. Am Schema von Gabriele Rosenthal festhaltend, bezeichnen alle nachfolgenden Betrachtungen diesen Generationstyp als die Generation der Kinder.
Die Kinder der Großelterngeneration gehören demnach sowohl zur Generation der Kriegskinder, jenen, die zwischen 1939 und 1945 geboren wurden, als auch zur Generation der Nachkriegskinder. Diese Kinder kamen zwischen 1945 und 1950 zur
Welt. 52
Die Kriegskinder-Generation zeichnet das Kriegserleben in der frühen Kindheit, die Umkehrung des Generationsverhältnisses, indem die Mütter die Kinder zum Ersatz der fehlenden Ehemänner machten und die Konfrontation mit den entfremdeten und entmachteten Vätern nach deren Rückkehr aus der Gefangenschaft aus. An ihre Kriegserlebnisse können sie sich kaum erinnern. Häufig verfügen sie nur über isolierte Erinnerungsbilder an den Krieg, die sie selten in Erzählungen sprachlich ausdrücken können. Ihr Verhältnis zu den Vätern gestaltet sich, im Vergleich zu den Kindern der Nachkriegsgeneration, bis in die Gegenwart hinein als eher schwierig und distanziert,
während sie eine starke Bindung zur Mutter haben. 53
Die Nachkriegskinder tragen in der Familie eine andere Bedeutung als die Kriegskinder, da sie von ihren Vätern nie verlassen wurden. Einerseits wurden sie zum Symbol für den Neuanfang der Familie, andererseits konnten sie aber auch das Scheitern der Ehe ihrer Eltern symbolisieren, wenn deren Partnerschaft nach dem Krieg plötzlich nicht
mehr funktionierte. 54
Generationsbildend für die Kriegs- und Nachkriegskinder sind die Erfahrungen extrem schlechter Lebensbedingungen kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der materiellen Not in der frühen Kindheit. Begleitet werden ihre Erfahrungen von einer
innerfamiliären Schweigebarriere gegen das „Vorher“. 55
52 vgl. Rosenthal: Generationenabfolgen. S. 69.
53 vgl. ebd. S. 69f.
54 vgl. Bude: Bilanz der Nachfolge. S. 87f.
55 vgl. Jochen Vogt: Er fehlt, er fehlte, er hat gefehlt…. Ein Rückblick auf die sogenannten Vaterbücher. in: Deutsche Nachkriegsliteratur und der Holocaust. Hrsg. von Stephan Braese u.a. Frankfurt am Main: Campus, 1998. S. 385-398, hier S. 386.
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Anstatt sich ihre Schuld einzugestehen und ihre Trauer und Scham zuzulassen, hüllten sich ihre Eltern (Generation der Großeltern) in Schweigen und bürdeten der Generation
ihrer Kinder die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit auf. 56 Diese wollte jedoch nicht für die Versäumnisse ihrer Eltern aufkommen. In der Studentenbewegung, die sich seit Mitte der sechziger Jahre an den Universitäten formierte, fanden die Kinder eine Möglichkeit gegen das Schweigen der Elterngeneration zu protestieren. So warfen sie den Autoritäten in Familie, Schule, Universität
und Staat ihre „unbewältigte“ Vergangenheit vor. 57
„Das war nicht nur ein strategisches Argument; moralische Empörung und Enttäuschung über die Unwilligkeit der Älteren, die eigene Rolle im ‚Dritten Reich’ kritisch zu überdenken, saßen tief.“ 58
Indem die Kinder den Nationalsozialismus und den Holocaust bewusst zur Sprache brachten und als negatives Ereignis in der deutschen Geschichte einordneten, gelang es ihnen, von der Vergangenheit ihrer Eltern Abstand zu nehmen.
„Sie [Generation der Kinder] positionierte sich streng jenseits eines historischen Verhältnisses [...], das in das Zentrum des eigenen Selbst hineinreichen könnte. [...] Damit wurde die zweite Generation fähig, sich von der mentalen Erblast des Beschwiegenen zu befreien und sich zugleich von der Tätergeneration zu distanzieren.“ 59
Die moralische Verurteilung der Geschichte der Eltern und die Weigerung an diese anzuknüpfen, führte schließlich zum tiefen Bruch zwischen beiden Generationen, denn mit den pauschalen Anklagen gegen die Eltern machten die Kinder jede Aussprache unmöglich und verhinderten letztlich eine kritische Auseinandersetzung mit ihnen. Die angespannte Situation mündete schließlich in einem Generationskonflikt, der sich in der Folge der Ereignisse auch in der Literatur wiederfindet. In der so genannten Väterliteratur konfrontierten Vertreter der 68er-Generation ihre Väter explizit mit dem
Vorwurf der Täterschaft. 60
56 vgl. Jochen Vogt: Erinnerung ist unsere Aufgabe. S. 11.
57 vgl. Ute Frevert: Geschichtsvergessenheit - Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945. Teil 2. Hrsg. von Aleida Assmann und Ute Frevert. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1999. S. 226.
58 ebd.
59 Rüsen: Holocaust, Erinnerung, Identität. S. 252f.
60 vgl. Weigel: Familienbande. S. 123.
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2.2.1. Väterliteratur
Von Mitte der siebziger bis Anfang der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts erschienen in Westdeutschland unzählige Bücher, die das Thema Faschismus und Drittes Reich auf die private Ebene ausweiteten. Bei den Veröffentlichungen handelt es sich fast ausschließlich um Erzählungen, in denen sich die Generation der Kinder mit den persönlichen Verstrickungen ihrer Väter im Nationalsozialismus auseinander setzt. In
die Literaturgeschichte gingen sie deshalb unter dem Namen Vaterbücher ein. 61 Ihren Höhepunkt erreichte die Welle der Vaterbücher zwischen 1977 und 1981. In dieser Zeit entstanden mit Christoph Meckels „Suchbild. Über meinen Vater“ (1980), Sigfrid Gauchs „Vaterspuren“ (1979), Günter Seurens „Abschied von einem Mörder“ (1980), Peter Härtlings „Nachgetragene Liebe“ (1980) und Bernward Vespers „Die
Reise“ (1977) einige der bedeutendsten Vaterbücher. 62
Neben den Erzählungen der Söhne finden auch die Bücher, in denen sich die Töchter mit ihren Vätern auseinandersetzen, große Beachtung in der Literatur. Hierzu zählen Brigitte Schwaigers Prosawerk „Lange Abwesenheit“ (1980) Ruth Rehmanns Roman „Der Mann auf der Kanzel“ (1979) und der Roman „Mitteilung an den Adel“ (1976) von Elisabeth Plessen.
Identisch ist in allen Texten der Wunsch, das versäumte Gespräch mit dem Vater nachzuholen. Ungeachtet dessen formulieren die Kinder diesen Wunsch jedoch als Utopie, denn zu einem richtigen Gespräch kommt es auch in ihren Büchern nicht. Entweder wird die Aussprache mit dem Vater nach dessen Tod imaginiert, oder sie wird, dort wo der Vater noch existiert, aber keine Aussprache möglich scheint,
erfunden. 63 Für die Mehrzahl der Autoren stellt der Tod des Vaters den unmittelbaren Auslöser dar, sich mit ihm und der eigenen Vergangenheit auseinander zu setzen. Die im Leben gescheiterte, unmögliche, verdrängte, nicht versuchte oder erfolglos abgebrochene Verständigung wird erst in der Rückschau möglich. Dies liegt zum einen daran, dass die Autoren inzwischen alt genug sind, die meisten sind etwa Mitte 30, um mit genügend Abstand über ihre schmerzhaften Erfahrungen, die sie in der Familie während der Nachkriegszeit gemacht haben, sprechen zu können. Diese zeugen vom Spannungsverhältnis den Vater zu lieben, aber von ihm abgelehnt zu
werden. 64 Viele Autoren haben unterdessen selbst Kinder und der Generationskonflikt
61 vgl. Vogt: Er fehlt, er fehlte, er hat gefehlt…. S. 386.
62 vgl. Irmgard Scheitler: Deutschsprachige Gegenwartsprosa seit 1970. Tübingen: Francke, 2001. S. 235ff.
63 vgl. Garbe: Deutsche Geschichte in deutschen Geschichten der neunziger Jahre. S. 221.
64 vgl. Ralph Gehrke: Literarische Spurensuche. Elternbilder im Schatten der NS-Vergangenheit. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1992. S. 52.
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mit dem Vater schlägt plötzlich in einen Generationskonflikt mit den eigenen Kindern um. „Die Klärung der Beziehung zu den eigenen Eltern wird als notwendige
Vorleistung empfunden“ 65 , um einer Kommunikationsstörung zu ihren Kindern vorzubeugen. Zum anderen wird ihnen der Rückblick auf den Vater erleichtert,
„[...] weil nun, nach einer langen Kette von Thematisierungsschüben seit Kriegsende [...], die Thematik der faschistischen Vergangenheit im öffentlichen Diskurs definitiv durchgesetzt ist.“ 66
Bei ihrer literarischen Annäherung handelt es sich „in den meisten Fällen um eine negativ geprägte Abrechnung mit den Eltern, die verantwortlich gemacht werden für
verhinderte Identität, für verlorenes Glück.“ 67 Die Betroffenen sind jedoch zum Großteil bereits verstorben und haben gar nicht die Möglichkeit, die Vorwürfe ihrer Kinder auszuräumen. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass von Seiten der Kinder nur bedingt Interesse an einem ernsthaften Gespräch besteht. „Die Väterbücher sind keine Dialoge, sondern pseudo-dialogische Auslotungen eines nicht heilbaren Bruchs
zwischen zwei Generationen.“ 68
Der Konflikt mit der Elterngeneration wirft bei den Kindern vielmehr die Frage nach ihrer eigenen Identität auf. Die Antwort darauf vermuten sie in der Figur des ihnen teilweise unbekannt gebliebenen Vaters. Daher begeben sich die Töchter und Söhne in ihren Erzählungen auf die Suche nach dem Vater und schreiben damit ein literarisches Ur-Motiv fort, das sich quer durch die Kulturen und Epochen zieht. Von ihrer Suche nach dem wahren Ich des Vaters versprechen sie sich Klärung für ihr eigenes Leben, ihr
Selbstverständnis oder ihr Geschick. 69 Peter Henisch formuliert seine Intention in „Die kleine Gestalt meines Vaters“ (1975) folgendermaßen:
„Daß ich wissen möchte, wer er ist, um mir darüber klar zu werden, wer ich bin.“ 70
Demnach können die Vaterbücher als Varianten des biografischen beziehungsweise autobiografischen Schreibens gelesen werden. Bis auf wenige Ausnahmen, wie zum Beispiel Bernward Vespers Romanessay oder Elisabeth Plessens Roman, sind es Erzählungen, welche aus der Perspektive der Autoren wiedergegeben werden und einen
65 Georg Langenhorst: Vatersuche in deutschen Romanen der letzten 20 Jahre. Zur Renaissance eines literarischen Urmotivs. In: literatur für leser. 1 (1994). S. 23-35, hier S. 25f.
66 Vogt: Er fehlt, er fehlte, er hat gefehlt…. S. 388.
67 Scheitler: Deutschsprachige Gegenwartsprosa seit 1970. S. 236.
68 Vogt: Er fehlt, er fehlte, er hat gefehlt…. S. 387.
69 vgl. Langenhorst: Vatersuche. S. 23f.
70 Peter Henisch: Die kleine Figur meines Vaters. Frankfurt am Main: Fischer Verlag, 1975. S. 9.
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eher geringen Fiktionalisierungsgrad aufweisen. 71 Teilweise griffen die Autoren in ihren Werken auf dokumentarisches Quellenmaterial zurück, um die Biografie ihrer Väter zu veranschaulichen. So wurde im Lebensumfeld des Vaters recherchiert, die Heimatstadt oder das Kriegseinsatzgebiet besucht oder Verwandte befragt. Manche besaßen auch Dokumente ihrer Väter, wie Christoph Meckel, der dessen
Aufzeichnungen verarbeitete. 72 In den Notizen und Kriegstagebüchern seines Vaters findet er zum Beispiel die Verszeile „Hyänenopfer, selbst Hyäne“, die er als „vielleicht
die bitterste Auskunft über sich selbst“ 73 deutet. Meckels Auseinandersetzung mit dem Vater wird von seinen verletzten Gefühlen beherrscht, sodass sein Buch zu einer Abrechnung mit ihm wird.
„Ich hätte ihn gern als offenen Menschen gekannt [...]. Ich würde gern zu seinen Gunsten erfinden, sehr gerne für ihn schwindeln und für ihn zaubern.“ 74
Doch dafür wurde er zu sehr von ihm enttäuscht, denn in seiner Kindheit und Jugend fehlte
„[...] die Freude [...], die unbedachte Zärtlichkeit [...] das grenzenlose Verzeihen und also die Liebe.“ 75
Neben den Schlüssen, die sie für sich aus ihrer familiären Sozialisation ziehen, verfolgen die Autoren mit den Vaterbüchern das Ziel, den nationalsozialistisch verfärbten Hintergrund ihrer Väter aufzuhellen und fragen sich, inwieweit sie in das „Netz der kollektiven Schuld“ hineinverwoben waren. Obwohl die Väter über ihre in der Nazi-Diktatur gemachten Erfahrungen nicht sprachen, wissen die Kinder um ihre
biografischen Verknüpfungen mit dem Nationalsozialismus. 76 Waren Peter Henischs, Niklas Franks und Sigfrid Gauchs Väter unmittelbar in den Naziterror verstrickt, gelangten die Väter von Christoph Meckel und Bernward Vesper als nationalsozialistische Schriftsteller zu Berühmtheit. Ebenso wurden die Mitläufer des Naziregimes von den Autoren charakterisiert. Als Väter, die, „mitgezogen vom Zeitgeist, ohne eigene tiefverwurzelte politische Überzeugungen, aber dennoch zum
Mitmacher geworden“ 77 sind, beschreiben Brigitte Schwaiger, Ludwig Harig und
71 vgl. Vogt: Er fehlt, er fehlte, er hat gefehlt…. S. 388f.
72 vgl. Scheitler: Deutschsprachige Gegenwartsprosa seit 1970. S. 235.
73 Christoph Meckel: Suchbild. Über meinen Vater. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1983. S. 72.
74 ebd. S. 92.
75 ebd. S. 96f.
76 vgl. Langenhorst: Vatersuche. S. 26f.
77 ebd. S. 27.
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Hanns-Josef Ortheil ihre Väter. 78 Den inneren Grundkonflikt einer ganzen Generation von Täterkindern formuliert Sigfrid Gauch als die schizophrene Situation
„[...] den Vater als Person lieben und von seiner Persönlichkeit entsetzt zu sein.“ 79
Aus diesem Grund sind die Meinungen über die Werke der Väterliteratur geteilt. Wirft man den Autoren auf der einen Seite vor, mit ihren Vätern zu hart ins Gericht zu gehen und ihnen mit ihrer Verurteilung Unrecht zu tun, sehen andere Rezensenten die Gefahr, durch die lediglich marginalisierte Erwähnung, den Nationalsozialismus und damit auch
den Holocaust zu verharmlosen. 80
In den Vaterbüchern sehen sie den Versuch der Autoren, sich selbst von der Schuld ihrer Eltern freisprechen zu wollen. Weiterhin unterstellen sie ihnen zu glauben, dass sie, sobald sie mit der vom Nationalsozialismus befleckten Vergangenheit der Väter
fertig sind, auch persönlich mit dem Thema abgeschlossen haben. 81 Durch ihre emotionale Nähe, sowohl zum historischen Ereignis als auch zu den Vätern selbst, blieb den Autoren der Väterliteratur oftmals der kritische Blick auf die Generation der Väter verwehrt, der für eine ehrliche Auseinandersetzung unentbehrlich scheint.
2.3. Enkelgeneration
Orientiert man sich am zweiten Muster des Modells zur Generationenabfolge von Gabriele Rosenthal, wurden die Angehörigen der Generation der Enkel etwa zwischen 1962 und 1970 geboren. Diese Jahrgänge haben in ihrer Kindheit den Wohlstand als selbstverständlich erlebt, während ihre Eltern und Großeltern, bedingt durch zwei Weltkriege, jederzeit mit dem Verlust ihres Wohlstandes rechneten.
„Die wirtschaftliche Verunsicherung, die die nach 1960 Geborenen in ihrer Adoleszenz erlebten, und die damit verbundene Unsicherheit der Berufsaussichten, korrespondieren mit einer pessimistischen Grundhaltung in ihren Familien [...].“ 82
Die Wechselwirkungen zwischen der im intergenerationellen Dialog vermittelten Erfahrung von Krisen, ihr selbst erlebter Wohlstand in der Kindheit und die Angst in ihrer Jugendzeit, diesen Wohlstand auch aufrecht erhalten zu können, sind generations-
78 vgl.Langenhorst: Vatersuche. S. 27.
79 Sigfrid Gauch: Vaterspuren. Erzählung. Königstein: Athenäum, 1979. S. 135.
80 vgl. Vogt: Er fehlt, er fehlte, er hat gefehlt…. S. 395.
81 vgl. Adolf Höfer: Vater-Sohn-Konflikt in moderner Dichtung. Symptome einer Verharmlosung des Faschismus am Beispiel von Peter Schneiders Erzählung Vati. In: literatur für leser 1 (1994). S. 11-22, hier S. 14.
82 Rosenthal: Generationenabfolgen. S. 71.
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Arbeit zitieren:
Linda Schulze, 2006, Vom Umgang mit nationalsozialistischer Vergangenheit in der deutschen Gegenwartsliteratur - untersucht anhand von Uwe Timms "Am Beispiel meines Bruders" und Tanja Dückers' "Himmelskörper", München, GRIN Verlag GmbH
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