Inhaltsverzeichnis
1. Programm der MAN
2. Verwendung des Substanzbegriff in Kants Theorie
der Natur
3. Das doppelte Begründungsanliegen der MAN
4. Zur Semantik des Massenbegriffs
2
Brigitte Falkenburg: Der Substanzbegriff in Kants MAN und die
Mit den MAN will Kant nichts geringeres versuchen als der Physik den Status einer apodiktischen Wissenschaft zu verleihen.
Ziel ist es, den physikalischen Begriffen eine vor-theoretische Gewissheit zu verleihen, indem diese auf nicht physikalische Begriffe zurückgeführt werden.
Anders ausgedrückt sollen die physikalischen Begriffe durch eine Metaphysik, die vor der Beobachtung der Bewegung, also vor jeder Physik und Empirie steht, auf eine Grundlage gestellt werden, welche aus der reinen Vernunft abgeleitet werden kann. Diese Grundlage soll der Physik Newtons schließlich apodiktische Gewissheit verleihen, da sie sich, nach Kant, auf Begriffe a priori berufen kann, also eine externe und nicht nur eine interne Semantik beinhaltet.
Hierbei sollen die Axiome der newtonschen Mechanik, namentlich die physikalischen Größen Masse und Kraft, als Modell dienen. Zum gleichen Zweck führt Kant in den „Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaften“ einen Substanzbegriff ein, der mit Newtons Konzept der Masse korreliert. Dieser Substanzbegriff als einer Substanz in der Erfahrung, verbindet ontologische und epistemische Aspekte. 1
3
2. Verwendung des Substanzbegriffs in Kants Theorie der Natur
Im Gegensatz dazu verwendet Kant in der KrV den Substanzbegriff in dreierlei Hinsicht: ontologisch, epistemisch und logisch. Im Weiteren wird dargestellt, wie sich diese drei Substanzkonzepte darstellen, zusammenhängen und schließlich in die MAN eingehen.
„Das logische Konzept einer Substanz als eines ersten Subjekts der Prädikation, das an die Subjekt-Prädikat-Urteile der traditionellen, aristotelischen Logik geknüpft ist, liegt dem Substanzbegriff der KrV […] zugrunde. […]. Die Substanzkategorie ist nach der KrV eine bloße Gedankenform, die wie die anderen Kategorien einer Schematisierung in der Zeit bedarf, um auf reale Gegenstände in Raum und Zeit anwendbar zu sein.“ 2
Diese Schematisierung, die die Anwendbarkeit der gerade beschriebenen bloßen Form auf empirische Dinge ermöglicht, entspricht dem epistemischen Substanzkonzept.
Denn damit Erkenntnis von Dingen in der Erfahrung überhaupt möglich ist, muss die Bedingung der Wiedererkennbarkeit bzw. Reidentifizierbarkeit erfüllt sein. Genau darauf beruft sich der epistemische Substanzbegriff, der Substanz als Beharrliches in Raum und Zeit definiert.
„Er dient dazu, die Regel zu bilden, nach der man dauerhafte Eigenschaften sucht, an denen sich Erkenntnisgegenstände als continuants, […] d.h. als Dinge mit zeitlicher Kontinuität identifizieren lassen.“ 3
Somit zielt dieser „Substanzbegriff […] auf die empirischen Rekognitationseigenschaften von Erkenntnisobjekten ab, seien es nun die Objekte der Alltagserfahrung oder die Gegenstände physikalischer Theorienbildung.“ 4
2 S. 83f
3 ebd.
4 ebd.
4
Aus diesen beiden Substanzbegriffen, dem logischen und dem epistemischen, kann schließlich ein ontologisches Konzept abgeleitet werden.
Denn es ist nun möglich entweder „eine Entität zu konzipieren, deren Bezeichnung in einem Urteil immer die Stelle des Satzsubjekts einnimmt und sich in keinem Urteil zum Prädikat umfunktionieren lässt […]. Oder man kann ein beharrliches Substrat der primären und sekundären Qualitäten von Einzeldingen postulieren, das als der unerkennbare Träger der durch uns wahrgenommenen, konstant zusammen auftretenden Eigenschaften dieser Dinge fungiert.“ 5
Ersteres taten sowohl Descartes mit seinem Konzept vom unhintergebaren Subjekt als auch Leibniz mit seiner Monadentheorie. Zweiteres Locke mit seinem Postulat der Substanz im Allgemeinen.
Beide Wege führen schließlich „zum Konzept einer Substanz, die ein ens per se ist, d.h. etwas für sich Bestehendes, das durch primäre Eigenschaften charakterisiert und Träger primärer und sekundärer Qualitäten ist.“ 6
Eine solche Konzeption, die die Existenz eines an-sich-Seienden beinhaltet und in der vorkantischen Metaphysik vielfach vorkam, sich aber einer genauen inhaltlichen Definition entzog, wird in Kants Erkenntnistheorie der KrV kritisiert.
In den MAN hingegen wird ein Substanzbegriff gebildet, welcher alle drei oben beschriebenen Konzepte beinhaltet: „Der logische Begriff eines ersten Subjekts der Prädikation, der epistemische Begriff einer permanenten Eigenschaft, anhand deren man Erfahrungsobjekte reidentifizieren kann, und der ontologische Begriff einer Entität, die als erstes Subjekt der Prädikation sowie als Substrat permanenter Eigenschaften fungiert, sind in den MAN miteinander verschmolzen.“ 7
Bereits in der Vorrede der MAN findet man nun eine Bestimmung bzw. Definition der materiellen Substanz, in die alle drei Aspekte eingehen:
5 ebd.
6 S. 84f
7 S. 85
5
Arbeit zitieren:
Christian Aichner, 2006, Brigitte Falkenburg: Der Substanzbegriff in Kants MAN und die Semantik des newtonschen Massenbegriffs, München, GRIN Verlag GmbH
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