Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Germanistisches Institut, HS „Wissenskommunikation“
Sommersemester 2005
Wissenstransfer mit der Maus
von: Clara Maria Schreiber
I. Inhalt
1. Einleitung Seite 3
2. Voraussetzungen für den Wissenstransfer „mit der Maus“
2.1 Adressatenspezifische Voraussetzungen Seite 4
2.2 Mediale Möglichkeiten der Produzenten Seite 5
3. Die Sachgeschichten als Teil eines Sendungskonzepts Seite 6
4. Ergebnisse der exemplarischen Untersuchungen zur sprachlichen Gestaltung und den Text-Bild-Beziehungen innerhalb der Sachgeschichten
4.1 Prolegomena Seite 8
4.2 Untersuchungsergebnisse
4.2.1 „Das Gleiche und dasselbe“ Seite 11
4.2.2 „Stangenei“ Seite 12
4.2.3 „Dauerwelle“ Seite 13
4.2.4 „Teebeutel“ Seite 15
4.2.5 „Löcher im Käse“ Seite 16
5. Zusammenfassung, Fazit und Ausblick Seite 18
II. Anhang
1. Transkriptionen der untersuchten Sachgeschichten
1.1 „Das Gleiche und dasselbe“ Seite 23
1.2 „Stangenei“ Seite 24
1.3 „Dauerwelle“ Seite 28
1.4 „Teebeutel“ Seite 32
1.5 „Löcher im Käse“ Seite 36
2. Quellen- und Literaturverzeichnis Seite 43
„Gedanken ohne Inhalt sind leer,
Anschauungen ohne Begriffe sind blind.
Daher ist es ebenso notwendig, seine
Begriffe sinnlich zu machen ( d.i. ihnen
den Gegenstand in der Anschauung
beizufügen), als seine Anschauungen sich
verständlich zu machen ( d.i. sie unter
Begriffe zu bringen). Beide Vermögen,
oder Fähigkeiten, können auch ihre
Funktionen nicht vertauschen. Der
Verstand vermag nichts anzuschauen, und
die Sinne nichts zu denken. Nur daraus,
dass sie sich vereinigen, kann Erkenntnis
entspringen.“
I. Kant (Kritik der reinen Vernunft (B 76))
„Kinderfernsehen ist, wenn Kinder fernsehen!“1
1. Einleitung
In welchem Zusammenhang könnte der Begriff Wissenstransfer eine größere Rolle spielen, als im Kontext der frühkindlichen Wissensvermittlung. Sich einzulassen auf einen Transfer bestimmter Wissensinhalte auf eine völlig andere kognitive Ebene als die eigene, nämlich die, auf der sich kindliche Rezipienten befinden, kann sicherlich als Herausforderung angesehen werden. Die Macher der „Sendung mit der Maus“ 2, die seit Beginn der 70er Jahre den Weg für ein gezielt an Kinder im Alter von vier bis sieben Jahren gerichtetes deutsches Fernsehprogramm überhaupt geebnet haben, versuchten sich dieser Herausforderung, nicht immer zugegebenermaßen3, zu stellen und das mit Blick auf die lange Sendetradition offenbar recht erfolgreich. Der Untertitel „Lach- und Sachgeschichten“ ist Programm: Wissenswertes wird mit Unterhaltsamem gepaart und gerade hierin scheint das Erfolgsrezept zu liegen. In dieser Arbeit werden exemplarisch einige von Armin Maiwald und seiner Filmproduktionsfirma „Flash Film“ für die SmdM produzierte und vom WDR ausgestrahlte Sachgeschichten auf ihre sprachliche Gestaltung hin untersucht. Dies kann natürlich nicht ohne nähere Beleuchtung des Kontextes geschehen: Zum einen sind der Produktions- und Rezeptionskontext und die Einbettung der Sachgeschichten in das Sendungskonzept zu beleuchten. Wichtig erscheint hier die Frage nach den eigentlichen Voraussetzungen für den Wissenstransfer „mit der Maus“ und nach den Relationen zwischen den Sachgeschichten und den sonstigen Beiträgen.
Neben der im Zentrum stehenden Untersuchung der sprachlichen Gestaltung der Sachgeschichten darf die Betrachtung der Text-Bild-Beziehung auf Grund des audiovisuellen Charakters des Untersuchungsmaterials nicht außen vor gelassen werden, darum wird auch hier ein Schwerpunkt gesetzt. Welche Schlüsse lassen sich auf Grundlage der Untersuchungen für den Wissenstransfer für Kleinkinder ziehen? Welche Strategien der Sachgeschichten-Produzenten ließen sich als vorbildlich charakterisieren und wären auch in anderen Kontexten fruchtbar zu machen? Und vor allem: Welche Rolle kommt der Sprache in dieser speziellen Form des Wissenstransfers zu?
2. Voraussetzungen für den Wissenstransfer „mit der Maus“
2.1 Adressatenspezifische Voraussetzungen
Zunächst stellt sich die Frage, wer denn die eigentlichen Adressaten der SmdM sind. Diese Frage ist grundsätzlich von der Frage nach den Rezipienten zu unterscheiden, denn das Publikum einer Sendung muss durchaus nicht mit dem Adressatenkreis, das heißt den von den Machern intendierten Rezipienten, übereinstimmen. Wenn also zu den Rezipienten der SmdM so viele erwachsene Zuschauer zählen, dass man geradezu von einem heimlichen Erwachsenenprogramm sprechen könnte, heißt das, abgesehen davon, dass sich die Beantwortung der Frage nach den Gründen hierfür sicherlich als interessant erweisen würde, nicht, dass sich die SmdM an Erwachsene richtet. Die SmdM ist vorwiegend an Kinder im Alter von 4 bis 7 Jahren gerichtet. Kinder dieser Altersstufe haben nicht nur einen noch dürftigen Wortschatz wie Sprachstil, sondern befinden sich nach Piaget4 kognitionspsychologisch in der präoperationalen Entwicklungsphase (auch Phase des intuitiv-anschaulichen Denkens genannt). Macht man Kindern ein Wissensangebot, wie es in der SmdM geschieht, so müssen für eine erfolgreiche Wissensvermittlung die kognitiven Strukturen und somit die Fähigkeiten zur Wissensaufnahme bei den Kindern beachtet werden.
Die präoperationale Entwicklungsphase zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass das Denken in stärkerem Maße von der Anschauung als von Begriffen und Regeln abhängt. Das bedeutet zwar einerseits, dass bestimmte Denkoperationen noch nicht möglich sind, andererseits können die Kinder auf Grund der erkannten Objektpermanenz bereits Gegenstände innerlich repräsentieren, das heißt sich vorstellen, auch wenn sie sie nicht mehr tatsächlich wahrnehmen. Diese Fähigkeit macht Symbolhandlungen möglich, vor allem natürlich sprachliche Symbolisierung als Referenz auf Gegenstände und Prozesse aber auch Symbolisierungen in Graphiken und Modellen. Eine zweite wichtige Konstituente dieser Entwicklungsstufe ist das zunehmende Gewahrwerden qualitativer Invarianzen, das heißt, dass ein Gegenstand trotz veränderter Anschauung mit sich identisch bleiben kann. Diese Erfahrungserkenntnisse sind allerdings erst bei etwa 7-Jährigen wirklich abgeschlossen.
Drittens darf der in aktuellerer Forschung5 umstrittene (Ego-) Zentrismus der Kinder nicht außer Acht gelassen werden. Kindern dieses Alters kann unterstellt werden, dass sie nicht mehr als einen Wahrnehmungsgesichtspunkt gleichzeitig berücksichtigen können. Das bedeutet vor allem, dass nicht erkannt werden kann, dass es Unterschiede in der perspektivischen Betrachtung eines Gegenstandes gibt. Die eigene (An-)Sicht wird absolut gesetzt. Zudem konzentriert sich das Kind auf nur einzelne wenige Aspekte oder Merkmale eines wahrgenommenen Gegenstandes, andere werden übersehen. Dem Kind fehlt eine Gesamtkonzeption. Das gilt auch für zeitliche Abläufe. Das Augenmerk liegt noch auf Zuständen, nicht auf Veränderungen und Transformationen, die zu diesen Zuständen führen. Insofern könnte man sagen, dass die Sachgeschichten, in denen häufig gerade Produktions- und somit Transformationsprozesse dargestellt werden, die Kinder schon per se herausfordern, den Horizont zu weiten, andererseits würde es die Kinder überfordern, die Produktionsprozesse ohne Erläuterungen einfach nur dargeboten zu bekommen.6 Für ein Qualitätsurteil über den an Kinder gerichteten Wissenstransfer der SmdM spielt die von Antos formulierte „Maxime der Adressatenspezifik“ eine besondere Rolle: „Jeder Wissenstransfer sollte an den Wissensvoraussetzungen ansetzen, die kognitiven Grenzen des Partners, also Wissensverarbeitungsmöglichkeiten berücksichtigen und dabei entsprechende Werte, Interessen und Motivationen der Adressaten systematisch in Rechnung stellen.“7 Die Art der Umsetzung eben dieser Maxime muss in der Untersuchung Beachtung finden.
2.2 Mediale Möglichkeiten der Produzenten
Den genannten wichtigen Aspekten der kognitiven Entwicklung der Adressaten muss im Wissenstransfer Rechnung getragen werden, damit ein Zugang gewährleistet ist. Die Kinder dürfen weder über- noch unterfordert werden. Das Medium Fernsehen erscheint auf Grund des visuellen Charakters, der dem Anschauungsanspruch in besonderer Weise entgegen kommt, grundsätzlich geeignet. Die Vermittlung über mehrere Wahrnehmungskanäle, die zu einer Redundanz führt, kommt den Rezipienten entgegen. Die Macher können den Anschauungsbegriff also einerseits konkret durch die Lieferung von Bildern umsetzen, sind andererseits aber in der Lage durch Sprache die Aufmerksamkeit der Kinder auf bestimmte Merkmale, Aspekte und Sichtweisen auf das Dargestellte zu lenken, im Hinblick auf das fehlende Gesamtkonzept in der Wahrnehmung des Kindes und seines Zentrismus kommt der Sprache also eine wichtige Rolle zur Aufmerksamkeitslenkung zu. Besonders in der vielfachen Darstellung von Produktionsprozessen wird Erläuterung durch Sprache zur notwendigen Voraussetzung für das Verständnis der Abläufe, denn die Wahrnehmung qualitativer Invarianzen der sich optisch verändernden Gegenstände ist bei der Zielgruppe erst bedingt vorhanden.
3. Die Sachgeschichten als Teil eines Sendungskonzepts
[...]
1 Zit. nach Müntefering, Gert (1984): Seite 69.
2 Im Folgenden abgekürzt: SmdM.
3 Eine Diskussion der ursprünglichen Negierung eines Bildungsanspruchs überhaupt durch die Macher der SmdM soll hier mit Verweis auf Stötzel (1990: Seite 20ff) weitestgehend außen vor gelassen werden.
4 Vgl. zum Beispiel Piaget, Jean: Das Weltbild des Kindes. Frankfurt/Wien/Berlin: 1980, ders.: Die Entwicklung der elementaren logischen Strukturen. Düsseldorf: 1973 oder zusammenfassend Zimbardo (1996): Seite 462ff.
5 Vgl. zum Beispiel Piaget, Jean und Bärbel Inhelder: Die Entwicklung des räumlichen Denkens beim Kinde. Stuttgart. 1975. Hier wird die bedingte Fähigkeit zum Perspektivenwechsel schon bei 3- bis 4-jährigen Kindern nachgewiesen.
6 Dieses geschah zu Beginn der SmdM aus heutiger Sicht in zu hohem Maße.
7 Antos (Manuskript Halle): Seite 22.
Arbeit zitieren:
Clara Maria Schreiber, 2005, Wissenstransfer mit der Maus, München, GRIN Verlag GmbH
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