Inhaltsverzeichnis I
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis I
Abk ürzungen V
Abbildungsnachweis VI
Tabellennachweis VII
1 Einleitung 1
2 Freundschaft 3
2.1 Grundlagen der Freundschaftsforschung 3
2.1.1 Der Aufbau sozialer Beziehungen als lebenslanger Prozess 3
2.1.2 Die Bedeutung der Peerbeziehungen in der Adoleszenz 3
2.1.3 Freundschaftsforschung, ein historischer Abriss 4
2.2 Definitionen von Freundschaft 5
2.3 Freundschaftstheorien 9
2.3.1 Inhaltsorientierte Ansätze 9
a.) Die Stadientheorie von Bigelow und LaGaipa 10
2.3.2 Strukturelle Ansätze 11
a.) Das fünfstufige Entwicklungsmodell von Selman 12
b.) Die Theorie von Youniss 14
2.3.3 Zusammenfassung der Theorien 15
2.4 Bedingungen und Korrelate von Freundschaft 17
2.4.1 Individuelle Korrelate und Bedingungen 17
a.) Alter 17
b.) Geschlecht 19
c.) Persönlichkeit 20
2.4.2 Beziehungskorrelate und -bedingungen 21
a.) Räumliche Nähe und Distanz 21
b.) Dimensionen und Faktoren von Freundschaft 22
c.) Prozess und Entwicklung einer Freundschaft 23
d.) Altershomogenität und Altersheterogenität 24
e.) Geschlechtshomogenität und Geschlechtsheterogenität 24
2.4.3 Zusammenfassung der Korrelate und Bedingungen 25
Inhaltsverzeichnis II
3 Spezifische Formen von Freundschaft 26
3.1 Freundschaften in unterschiedlichen Kontexten 29
3.2 Die technische Entwicklung des Kommunikationswesens: neue
M öglichkeiten durch immer neuere Technik 29
3.3 Die Entwicklung des Internets 31
3.4 Das Internet und seine wichtigsten Anwendungen 34
3.5 Grundlagen der computervermittelten Kommunikation 37
3.6 Onlinefreundschaften: zwei gegensätzliche Sichtweisen 42
3.6.1 Die Unmöglichkeit sozialer Beziehung im Internet 42
3.6.2 Die Vermeintlichkeit der Unmöglichkeit sozialer Beziehung im
Internet......................................................................................... 44
3.6.3 Konsens der Debatte 46
3.7 Bedingungen und Korrelate von Internetfreundschaft 46
3.7.1 Individuelle Korrelate und Bedingungen 47
a.) Alter 47
b.) Geschlecht 48
c.) Persönlichkeit 48
3.7.2 Soziale Korrelate und Bedingungen 49
a.) Räumliche Nähe und Distanz 49
b.) Prozess der Entwicklung von Freundschaft 50
c.) Altershomogenität und Altersheterogenität 50
d.) Geschlechtshomogenität und Geschlechtsheterogenität 50
e.) Anonymität und Identität 50
3.8 Unterscheidungen von Onlinefreundschaft und realer Freund-
schaft 51
3.9 Kinder und Jugendliche und das Internet 52
4 Forschungsfragen und Hypothesen 53
4.1 Vergleich von Realfreundschaft und Onlinefreundschaft 53
4.2 Alterseinflüsse 55
4.3 Geschlechtseinflüsse 58
Inhaltsverzeichnis III
5 Methode 60
5.1 Stichprobe 60
5.2 Material 61
5.3 Durchführung 65
6 Ergebnisse 66
6.1 Teil A: Allgemeine Fragen 66
6.1.1 Freizeitverhalten 66
6.1.2 Persönliche Eigenschaften 68
6.2 Teil A: Computer, Internet, Telefon 69
6.2.1 Computernutzung 69
6.2.2 Internetnutzung 70
6.2.3 Telefonnutzung 74
6.3 Teil B: Freundschaften 75
6.3.1 Freundschaft allgemein 75
6.3.2 Reale Freundschaften 76
6.3.2.1 Realfreundschaft allgemein 76
6.3.2.2 Der beste Freund/ die beste Freundin 79
6.3.3 Onlinefreundschaften 82
6.3.3.1 Onlinefreundschaft allgemein 82
6.3.3.2 Der beste Internetfreund/ die beste Internetfreundin 85
6.3.4 Vergleich von realer Freundschaft und Onlinefreundschaft 88
6.3.4.1 Eigenschaften der Freundschaften 88
6.3.4.2 Direkter Vergleich der Freunde 90
6.3.4.3 Vergleich der Freundschaften anhand quantitativer und
qualitativer Merkmale 91
6.3.5 Zusammenfassung 98
6.4 Exkurs: Zusammenhänge zwischen Schultyp und Freundschaft 100
6.5 Exkurs: Zusammenhänge zwischen Freizeitgestaltung, Persönlich-
keit und Freundschaft 102
Inhaltsverzeichnis IV
7 Diskussion 105
7.1 Teil A: Allgemeine Fragen 105
7.1.1 Freizeitverhalten 105
7.1.2 Computer, Internet und Telefon 106
7.2 Teil B: Freundschaft 110
7.2.1 Einstellung zu Freundschaft und Freundschaftsverständnis 110
7.2.2 Reale und Internetfreundschaft 112
7.2.3 Die Bedeutung der Onlinefreundschaft für Kinder und Jugend-
liche 120
7.3 Ausblick 120
8 Zusammenfassung 123
9 Literaturverzeichnis 125
10 Glossar 137
11 Anhang 139
Verzeichnis der Abkürzungen der wichtigsten Theorien und Fachbegriffe
CMC computer mediated communication FtF Face-to-Face ICQ „I seek you“ MOO multi-user-dungeon, object oriented MUD multi-user-dungeon/dimension OFS Onlinefreundschaft RFS Realfreundschaft RSC reduces social cues theory SIP social information processing perspective SPT social presence theory
Abbildungsnachweis
Abbildung 1 Freizeitpräferenzen der Probanden (Antwortkategorien zusammengefasst) in Prozent (N=452).
Abbildung 2 Selbsteinschätzung der Fertigkeiten im Umgang mit dem Computer differenziert nach Alter und Geschlecht (N=452).
Abbildung 3 Häufigkeit der Internetnutzung, differenziert nach Alter und Geschlecht (N=398).
Abbildung 4 Häufigkeit der Nutzung von Internetdiensten in Prozent (N=398).
Abbildung 5a Altershomogenität und Heterogenität in RFS in Prozent (N=452).
Abbildung 5b Altershomogenität und Heterogenität in OFS in Prozent (N=452).
Abbildung 6a Geschlechtshomogenität und Heterogenität in RFS ("Hast Du mehr Jungen oder mehr Mädchen als Freunde?") in Prozent (N=452).
Abbildung 6b Geschlechtshomogenität und Heterogenität in RFS ("Hast Du mehr
Tabellennachweis
Tabelle 1 Onlinenutzer in Deutschland nach Bevölkerungsgruppen 1997 bis 2002, Anteil in Prozent der Gesamtbevölkerung. Tabelle 2 Onlineanwendungen 2002; mindestens einmal wöchentlich genutzt, in Prozent. Tabelle 3 Stichprobenbeschreibung: Alter, Geschlecht, Schultyp; Angaben absolut und in Prozent (N = 452). Tabelle 4 Die wichtigste Eigenschaft eines Freundes in Kategorien gefasst, Häufigkeiten absolut und in Prozent (N = 452). Tabelle 5 Eigenschaften von Freundschaft („Wenn jemand mein Freund
Tabelle 6 Übersicht über die Hypothesen und deren Test- und Signifikanzwerte. Tabelle 7 Testwerte für den Zusammenhang verschiedener Variablen von Realfreundschaft und Onlinefreundschaft mit Schultyp. Tabelle 8 Korrelationen zwischen dem sozial-kommunikativen und nicht
1 Einleitung
Die kommunikative Nutzung des Internets wurde durch provokative Studien in der psychologischen und soziologischen Forschungslandschaft, aber auch in der populärwissenschaftlichen Presse vielfach diskutiert. Die Frage nach den negativen Auswirkungen dieser „neuen Art“ der Kommunikation auf das Individuum und seine sozialen Beziehungen stand dabei meist im Mittelpunkt. Es besteht jedoch eine weit über diese Frage hinausgehende Forschungstradition, die sich mit den Charakteristika und Auswirkungen von computervermittelter Kommunikation auf soziale Beziehungen beschäftigt. Wie viele andere Technologien und Entwicklungen der Psychologie nahm auch die CMC (computer mediated communication) ihren Anfang auf militärischem Terrain. Um im Kriegsfall Daten zwischen einzelnen Stützpunkten austauschen zu können, wurden einzelne Computer miteinander verbunden. Dieses Mikronetzwerk wurde vergrößert und ausgeweitet und entwickelte sich schließlich zu dem Internet, das wir heute kennen. Die Bedeutsamkeit dieses neuen Mediums ist groß. Die ARD/ZDF-Onlinestudie 2002 berichtet von einem Anstieg von Internetnutzern um das Siebenfache seit 1997. Für das Jahr 2002 entspricht dies einer Anzahl an Internetnutzern von 44.1% der deutschen Bevölkerung über 14 Jahren.
Aus psychologischer Sicht wurde und wird diesem Phänomen in einer nahezu unerschöpflichen Anzahl von Studien Rechnung getragen. Allerdings mit einer Ausnahme: Kinder und Jugendliche wurden in den wenigsten Studien berücksichtigt oder gar als eigene Probandengruppe behandelt. Da sie aber ebenfalls steigende Nutzungszahlen aufweisen und der Computer mit all seinen Nutzungsmöglichkeiten sowohl in der Schule als auch in der Freizeit eine wachsende Rolle spielt, sollten diese neuen Einflüsse und Auswirkungen auch in der psychologischen Forschung ihren Stellenwert einnehmen.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die kommunikative Computer- und Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen zu beschreiben und ihre sozialen Beziehungen aus der realen Welt und aus dem Internet zu vergleichen. Zu diesem Zweck wurde 556 Kindern und Jugendlichen im Alter von 10 bis 12 und 15 bis 17 Jahren ein Fragebogen vorgelegt, der sowohl das Mediennutzungsverhalten als auch Freundschaft thematisierte. Spezielles Interesse galt dabei den Beschreibungen des besten realen Freundes und des besten Internetfreundes, sowie dem Vergleich dieser beiden.
Kapitel 2 beschäftigt sich zunächst mit dem theoretischen Hintergrund der traditionellen Freundschaftsforschung und stellt einige Definitionen sowie Modelle und Merkmale von Freundschaft dar. In Kapitel 3 wird der Einfluss von verschiedenen Kontexten, wie z.B. dem Internet, auf Freundschaften diskutiert. Die Grundlagen der computervermittelten Kommunikation und ihre Bedeutung für die Bedingungen von Freundschaft im Onlinesetting werden beschrieben. Schließlich wird die Bedeutung des Internets für Kinder und Jugendliche thematisiert. Es schließen sich Implikationen an, die in den Forschungsfragen und Hypothesen in Kapitel 4 erläutert werden. Kapitel 5 beschäftigt sich mit der Methode der zugrundeliegenden Untersuchung, gefolgt von der Darstellung der Ergebnisse (Kapitel 6) und einer Diskussion (Kapitel 7).
2 Freundschaft
2.1 Grundlagen der Freundschaftsforschung
Soziale Beziehungen sind ein entscheidender Bestandteil menschlichen Lebens. Cohen und Wills (1985) behaupten, dass eine Person um so glücklicher und gesünder ist, je mehr soziale Kontakte sie unterhält. Doch kann diese Aussage in ihrer Universalität akzeptiert werden? Gibt es nicht qualitative und quantitative Unterschiede verschiedener sozialer Beziehungen?
2.1.1 Der Aufbau sozialer Beziehungen als lebenslanger Prozess
Von Geburt an ist der Mensch von anderen Personen umgeben. Ein Kind erlebt den sozialen Kontakt mit Eltern und Pflegepersonen, den es später in der Interaktion mit Gleichaltrigen weiterentwickelt. Die Interaktion mit Mitgliedern der peer group befähigt zum Erlernen fundamentaler sozio-kognitiver Fähigkeiten, wie z.B. Perspektivenübernahme, Kooperationsfähigkeit, Lösen von Konflikten etc. Diese Konzepte werden in der Interaktion mit Gleichaltrigen entdeckt, erarbeitet und ausdifferenziert. Soziale Beziehungen bieten dem Individuum darüber hinaus soziale Unterstützung und Sicherheit, welche Voraussetzungen für eine gesunde Entwicklung und Selbstsicherheit sind. Bei der Interaktion mit Peers gilt es, zwei Beziehungstypen zu unterscheiden. Die spezifische Gruppe Gleichaltriger, in die ein Kind eingebunden ist, z.B. die Schulklasse, ist von der dyadisch angelegten Freundschaft zu unterscheiden. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit liegt der Schwerpunkt auf letzterer Form der sozialen Bindung. Freundschaft wird als spezifische, bilaterale Dyade zweier Individuen, die auf gegenseitige Zuneigung aufbaut, untersucht.
2.1.2 Die Bedeutung der Peerbeziehungen in der Adoleszenz
Besonders in der späten Kindheit und der frühen Adoleszenz spielen Freundschaftsbe- ziehungen eine entscheidende Rolle für die Entwicklung und das Wohlbefinden der
Kinder und Jugendlichen (Kolip, 1992). In dieser Phase beginnt die Loslösung von den Eltern und der Aufbau eines eigenständigen sozialen Netzwerkes. An die Stelle der Eltern als Vertrauenspersonen rücken zunehmend Gleichaltrige, denen Geheimnisse und Probleme anvertraut werden und von denen Rat erfragt wird. Außerdem treten während der Pubertät immer häufiger Schwierigkeiten und Meinungsverschiedenheiten mit den Eltern auf, so dass Jugendliche mit ihren Problemen und Sorgen oft nur noch Gleichaltrige als ihre Vertraute ansehen. In diesem Alter dienen Freundschaften als „Medium der Selbstoffenbarung. Die wechselseitige Rückmeldung von Verständnis, Vertrauen und Verlässlichkeit stabilisiert zudem die Identität, so dass Freundschaften aus dieser Perspektive nahezu unentbehrlich für die gesunde Entwicklung im Jugendalter erscheinen.“ (Schmidt-Denter, 1996; S.376).
Kolip (1992) bezeichnet den Aufbau von Freundschaftsbeziehungen als eine wichtige Aufgabe des Jugendalters. Die Wichtigkeit der Peerbeziehungen wird ebenfalls durch eine Schlussfolgerung von Dworetzky (1999) unterstrichen, der interpersonale Fähigkeiten, Selbstsicherheit und soziale Kompetenz von Peerbeziehungen beeinflusst sieht. Freundschaften ist in dieser Phase der Entwicklung aus psychologischer Sicht also ein entscheidender Stellenwert beizumessen.
2.1.3 Freundschaftsforschung, ein historischer Abriss
Soziale Beziehungen standen schon früh im Interesse der psychologischen Forschung. Populär wurden sie mit der freudschen Betrachtung der Eltern-Kind-Beziehung, in der zum ersten Mal ein soziales Beziehungsgefüge detailliert untersucht und beschrieben wurde. Allerdings maß Freud der Peerbeziehung nur eine untergeordnete Bedeutung zu. Bald rückte aber das Thema Freundschaft in den Blickwinkel der psychologischen Forschung. Schon Alfred Adler (1930) sprach der Freundschaft entscheidende Bedeutung für die Persönlichkeitsentwicklung zu (nach Mannarino, 1980). Sullivan (1952, 1965; nach Mannarino, 1980) war der Erste, der eine umfassende Theorie zum Entwicklungsverlauf freundschaftlicher Beziehungen erstellte. Zur selben Zeit veröffentlichte Gesell (1949, 1956; nach Mannarino, 1980) bereits Forschungsergebnisse zum Thema Freundschaft, die auf empirisch begründeten Untersuchungen basierten. Auf der Basis von Verhaltensbeobachtungen und Interviews im Rahmen einer Längsschnittuntersuchung
erstellte er ein Phasenmodell der Entwicklung freundschaftlicher Beziehungen. In den folgenden Jahrzehnten entstanden immer neue Ansätze der Beschreibung zwischenmenschlicher Beziehungen. Neben Teiltheorien finden sich auch umfassende Modelle der sozialen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, bei denen Freundschaft als ein Bereich der Sozialisation beschrieben wird.
Die heutige Forschung basiert zwar auf den Grundlagen der Modelle und Theorien der letzten Jahrzehnte, lässt aber neuere gesellschaftliche und technologische Entwicklungen keinesfalls außer Acht. Ein wichtiges Moment der aktuellen Freundschafts-forschung stellt z.B. der Kontext dar, in dem Freundschaft entsteht und unterhalten wird. In einer Zeit zunehmender Globalisierung (Ferguson, 1992), Individualisierung (Beck, 2000) und Vernetzung scheint es daher ein logischer (Fort-) Schritt zu sein, Freundschaft mit den neuen Möglichkeiten, die sowohl die Gesellschaft als auch die technische Entwicklungen bieten, auf moderne Art und Weise zu leben. Daher sollte es auch ein Anliegen der Wissenschaft sein, Freundschaft in ihrem neuen Kontext zu untersuchen.
Im Folgenden werden Freundschaft und damit verbundene Begriffe definitorisch einge-ordnet und anhand der bedeutendsten Freundschaftstheorien in den wesentlichen Facetten vorgestellt.
2.2 Definitionen von Freundschaft
Eine Definition von Freundschaft aufzustellen, fällt im Alltag meist nicht schwer. Menschen unterschiedlichen Alters haben klare Vorstellungen darüber, wen sie als Freund bezeichnen. Deshalb können Freundschaften relativ leicht von anderen Sozialbeziehungen abgegrenzt werden.
Um so schwerer fällt eine wissenschaftliche Definition von Freundschaft. Zum einen besteht ein entscheidender Einfluss der jeweiligen Fachrichtung. So werden z.B. von der Soziologie, der Philosophie oder etwa der Sozialpsychologie unterschiedliche Definitionen gebraucht. Zum anderen wird in vielen Publikationen der Versuch einer Definition ausgespart, wie Winstead und Derlega (1986) anmahnen. In einer Analyse von Ar- beiten verschiedener Autoren erarbeiteten sie drei scheinbar wichtige Faktoren für
Freundschaft: Gleichaltrigkeit, keine Verwandtschaft der Partner, die keine sexuelle Beziehung miteinander eingegangen sind. Allerdings üben sie Kritik an diesen Kriterien, da sowohl Personen unterschiedlichen Alters, verwandte Personen oder Personen, die eine sexuelle Beziehung miteinander eingegangen sind, sich als Freunde bezeichnen. Zum Beispiel wird von Verheirateten berichtet, die sich gegenseitig als besten Freund und beste Freundin bezeichnen (Rubin, 1985).
Auch Auhagen (1992) übt Kritik an der fehlenden und z.T. widersprüchlichen Definition von Freundschaft. Ihrer Meinung nach besteht die Gefahr eines Zirkelschlusses, wenn die Freundschaftsdefinition auf subjektiven Äußerungen zu Funktion und Inhalt von Freundschaften beruht. Deshalb stellt sie den bisherigen Versuchen einer Definition ihre eigene gegenüber, um so wesentliche Kriterien der Freundschaft zu benennen und die Abgrenzung zu anderen Sozialbeziehungen zu ermöglichen: Freundschaft ist eine dyadische, persönliche, informelle Sozialbeziehung. Die beiden daran beteiligten Menschen werden als Freundinnen/Freunde bezeichnet. Die Existenz der Freundschaft beruht auf Gegenseitigkeit; sie besitzt für jede(n) der Freundinnen/Freunde einen Wert, welcher unterschiedliches Gewicht hat und aus verschiedenen inhaltlichen Elementen zusammengesetzt sein kann. Freundschaft wird zudem durch vier weitere Kriterien charakterisiert: 1. Freiwilligkeit: bezüglich der Wahl, der Gestaltung, des Fortbestandes der Beziehung. 2. Zeitliche Ausdehnung: Freundschaft beinhaltet einen Vergangenheits- und einen Zukunftsaspekt. 3. Positiver Charakter: unabdingbarer Bestandteil von Freundschaft ist das subjektive Element des Positiven. 4. Keine offene Sexualität. (Auhagen, 1992, S.17) Problematisch an diesem Ansatz ist, dass er sich ausdrücklich auf Erwachsene bezieht und formelle Beziehungen, wie Ehe- und Familienbeziehungen ausschließt. Wie bereits erwähnt, benennen aber Verheiratete und unter ihnen v.a. Männer ihre Ehefrau als beste Freundin, so dass dieses Kriterium fraglich erscheint. In einer Sichtweise, die auf die Entwicklung sozialer Beziehungen ausgerichtet ist, wird Freundschaft durch ihren Verlauf charakterisiert. Adams und Allan (1998) definieren Freundschaft als dynamischen, sozialen Prozess, der von Individuen gestaltet wird, die eine Freundschaft aufbauen, entwickeln, verändern, erhalten und beenden. Nach Furman (1982) ist Freundschaft charakterisiert durch folgende Faktoren: eine Be- ziehung von Gleichen, nicht (eng) miteinander verwandten, gleichaltrigen Personen, die
durch spontanes, freiwilliges Aufsuchen des anderen, helfend-unterstützendes, nichtsexuelles Verhalten geprägt ist und auf Reziprozität beruht. Es handelt sich dabei um eine dyadische Beziehung; Gefühle werden anders empfunden als auf Gruppenebene; reife Freundschaft ist reziprok, freiwillig und kann jederzeit beendet werden. Howes bezeichnet Freundschaft wie folgt: „A stable affective, dyadic relationship marked by preference, reciprocity, and shared positive affect.“ (Howes, 1987, S.253). Ebenso wird Freundschaft definiert als „eine andauernde Beziehung zwischen zwei Individuen, charakterisiert durch Loyalität, Intimität und gegenseitige Zuneigung.“ (Vasta, Haith & Miller, 1999, S.637)
Unter all diesen Definitionen findet sich allerdings keine, die sich ausdrücklich auf die Freundschaft von Kindern bezieht. Es kann aber nicht davon ausgegangen werden, dass Freundschaft im Kindesalter von den gleichen Merkmalen geprägt ist wie im Erwachsenenalter. Denn ein Kind sieht sich im Laufe seiner sozialen Entwicklung vor viele anspruchsvolle Aufgaben gestellt. Eine entscheidende Aufgaben ist es, soziale Kognitionen zu entwickeln. Unter sozialen Kognitionen versteht Schuster (1994) Prozesse der Informationsaufnahme und Informationsverarbeitung, welche die soziale Umwelt zum Gegenstand haben. Daraus entsteht die Fähigkeit, soziales Verständnis zu entwickeln und Sozialbeziehungen aufzubauen. Sowohl die sozialen Fähigkeiten eines Kindes als auch seine Bedürfnisse wandeln sich im Laufe der Entwicklung, so dass eine allumfassende Definition von Kinderfreundschaften und darauf folgenden Jugendfreundschaften schwer, wenn nicht gar unmöglich erscheint. Deshalb muss die Definition von Freundschaften in der Kindheit und dem Jugendalter schlicht bleiben und sich auf die wesentlichen Attribute beziehen. Ein einsamer, jedoch sinnvoller Versuch stammt in diesem Zusammenhang von Rubin (1980), der Kinderfreundschaften als außerfamiliäre Beziehungen definiert, welche sich durch Gefühle von Zugehörigkeit und Identität auszeichnen.
Betrachtet man die Definitionen, welche die Freundschaftsforschung hervorgebracht hat, so scheinen v.a. die Aspekte der Freiwilligkeit, Wechselseitigkeit und emotionalen Verbundenheit von Bedeutung zu sein. Zudem wird wiederholt das Konzept einer Ideal-form von Freundschaft behandelt, die in der Bezeichnung „bester Freund“ zum Aus- druck kommt.
In Anlehnung an die dargestellten Definitionen wird der Begriff Freundschaft in der vorliegenden Arbeit eingegrenzt auf freiwillige, enge dyadische Beziehungen zwischen Personen gleichen Geschlechts, die auf wechselseitiger Zuneigung und emotionaler Verbundenheit basieren.
Auch wenn in allen Altersklassen zumeist von relativ altershomogen Freundschaften berichtet wird (z.B. Booth, 1972; Evans & Wilson, 1949; Furfey, 1927; Lowenthal, Thurnher & Chiraboga, 1975; Riley & Foner, 1968; nach Brown, 1990), beschränkt sich die vorliegende Arbeit nicht auf Freundschaften unter Personen gleichen Alters, sondern bezieht auch solche mit größeren Altersabständen ein. Unter altershomogenen Freundschaften wird bei Jugendlichen einen Altersunterschied der Freunde von bis zu 12 Monaten verstanden (Hartup, 1976). Ansonsten wird von altersheterogenen sozialen Beziehungen gesprochen. Durch soziale Normen und gesellschaftliche Strukturen wird ein Kontakt zu unterschiedlichen Altersklassen häufig erschwert und ist deshalb selten zu finden. Wird allerdings die Erweiterung sozialer Grenzen durch die mediale Vernetzung im Internet berücksichtigt, erscheint es sinnvoll, im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht grundlegend eine Altershomogenität der untersuchten Beziehungen anzunehmen.
Eine Einschränkung auf gleichgeschlechtliche Dyaden ist naheliegend. In der Literatur wird fast ausschließlich berichtet, dass diese v.a. bei Kindern und Jugendlichen den größten Teil der sozialen Beziehungen ausmachen (z.B. Hartup, 1993; Tesch, 1983; siehe Kap 1.4.2). Trotz der neuen Bedingungen, die das Internet mit sich bringt, erscheint die Beibehaltung der Beschränkung auf gleichgeschlechtliche Freundschaften auch im Rahmen der vorliegenden Arbeit sinnvoll, da für die Zielsetzung der Untersuchung eine Unterscheidung zwischen Freundschafts- und Liebesbeziehung gewährleis- tet werden sollte.
2.3 Freundschaftstheorien
Verschiedene Theorien beschreiben einen Phasenverlauf bei der Entwicklung von Freundschaften und eine Veränderung über die Lebensspanne hinweg. Das bedeutet, dass Freundschaften dynamische soziale Prozesse darstellen. Sie werden aufgrund verschiedener Motive gegründet, aufrechterhalten und beendet. Sie erfüllen unterschiedliche soziale Bedürfnisse, bewirken unterschiedliches Handeln und haben unterschiedliche Ausprägungen in Faktoren wie gegenseitige Abhängigkeit, Ausmaß und Intensität der Interaktion, gegenseitiges Verständnis, Ähnlichkeit der Kommunikation, gegenseitige Verbundenheit und Verpflichtung und Ähnlichkeit der sozialen Netzwerke von Freunden (Parks & Floyd, 1996; Parks & Roberts, 1998).
Nachfolgend werden die wichtigsten Freundschaftstheorien in ihren Grundzügen dargestellt. Dabei wird zwischen inhaltsorientierten und strukturellen Ansätzen unterschieden.
2.3.1 Inhaltsorientierte Ansätze
Diese Ansätze basieren hauptsächlich auf der Forschung der Personwahrnehmung und untersuchen, wie Kinder sich selbst und ihre Freunde sehen und beschreiben. Es geht darum, Aussagen darüber treffen zu können, was generell unter dem Begriff „Freund“ verstanden wird und welche Erwartungen an ihn gestellt werden. Sowohl der konkreten Freund eines Kindes, als auch der Freundschaftsbegriff, den ein Kind entwickelt stehen im Interesse dieser Ansätze.
Die inhaltsorientierten Ansätze verfolgen verschiedene Forschungsfragen, so z.B. das Alter der Kinder, ab dem sie fähig sind, Kameradschaft von persönlich eingegangenen Freundschaften zu unterscheiden oder die Frage nach den Freundschaftsmotiven, also den Gründen weswegen eine Freundschaft eingegangen und aufrechterhalten wird. Im Interesse der inhaltsorientierten Forschung steht ebenso die Frage nach Charakteristika von Freundschaft, deren Häufigkeiten in verschiedenen Altersstufen und deren quantitative Veränderung während der Entwicklung. Altersspezifische Verände- rungen von Freundschaftskonzepten konnten z.B. dadurch dargestellt werden, dass man
Freundschaft 10
die Erwartungen der Kinder an ihre Freunde untersuchte. Einen entscheidenden Beitrag
auf diesem Gebiet leisteten Bigelow und LaGaipa (1995)
Inhaltsorientierte Ansätze legten den wissenschaftlichen Grundstein für die Ent-
wicklung von Freundschaftstheorien. Sie sind allerdings mit methodischen Mängeln
behaftet und sollten daher nur als Modelle mit heuristischem Wert angesehen werden.
Deshalb bieten sie Anstöße für weitere Forschung und können in einem rückschließen-
den Prozess auf der Grundlage empirisch gut fundierter Ergebnisse neu bewertet wer-
den.
a.) Die Stadientheorie von Bigelow und LaGaipa
Als Beispiel für die inhaltsorientierten Ansätze wird die Stadientheorie von Bigelow
und LaGaipa dargestellt. Die empirische Grundlage des Modells bilden Aufsätze, wel-
che die Probanden, Schüler im Alter von 6 bis 14 Jahren, im Rahmen einer Klassenar-
beit schrieben. Bigelow und LaGaipa baten die Schüler ihre Erwartungen an den besten
gleichgeschlechtlichen Freund zu beschreiben und den Begriff „Freundschaft“ zu defi-
nieren. Die Aufsätze wurden inhaltsanalytisch ausgewertet. Nach Überarbeitungen und
kultur übergreifenden Validierungsstudien entstand 1977 ein Modell, das drei Stadien
umfasst , denen neun Dimensionen zugeordnet sind. Die Stadien sind dabei abhängig
vom Alter und beschreiben einen Entwicklungsverlauf mit einem Wechsel von einem
egozentrischen über ein soziozentrisches bis hin zu einem empathischen Freundschafts-
verständnis. Die Stadien bauen kumulativ aufeinander auf, d.h. Entwicklungsschritte
fr üherer Stufen werden nicht von höheren abgelöst, sondern stehen gleichzeitig zur Ver-
f ügung.
Das erste Stadium wird von den Autoren als situationales Stadium bezeichnet,
bei dem gemeinsame Aktivitäten, eine positive Bewertung des anderen („sich mögen“)
und räumliche Nähe die entscheidenden Momente der Freundschaft darstellen. Die Er-
wartungen an einen Freund sind an konkrete Situationen gebunden, relativ oberflächlich
und auf egozentrische Kosten-Nutzen-Gedanken gestützt. Dieses Stadium wird in einem
Alter von sieben bis acht Jahren angesiedelt. Im zweiten Stadium, dem Vertrauenssta-
dium , spielt die gegenseitige Bewunderung von Verhaltensweisen und Charaktermerk-
malen die Hauptrolle. Die Freundschaft ist auf dieser Ebene bereits als zeitlich andau-
ernd zu bewerten Dieses Stadium erreichen Kinder etwa ab dem neunten Lebensjahr
Das dritte Stadium der Freundschaftsentwicklung wird als internal-psychologisches Stadium bezeichnet. Es ist geprägt von gegenseitiger Akzeptanz, Loyalität und Verpflichtung, Aufrichtigkeit und Echtheit, gemeinsamen Interessen und Intimität. Der Freund wird zu einer einzigartigen, nicht einfach austauschbaren Bezugsperson. Dieses Stadium wird zwischen zehn und dreizehn Jahren erreicht. In Frage gestellt werden müssen die Ergebnisse von Bigelow und LaGaipa allerdings insofern, als ihre empirischen Ergebnisse nicht immer eindeutig sind und sie eine relativ freie Interpretation der Aufsatzdaten vornehmen. Das Kategoriensystem und die Gewichtung der Aussagen erscheint zuweilen willkürlich (Schuster, 1994). Außerdem können im Rahmen einer Klassenarbeit keine validen Aussagen erwartet werden, da die Kinder unter Leistungsdruck stehen und persönliche Angaben gegenüber dem bewertenden Lehrer eventuell nicht äußern wollen. Verzerrungen durch soziale Erwünschtheit sind daher sehr wahrscheinlich. Das Stadienmodell von Bigelow und LaGaipa kann in Anbetracht der methodischen Mängel nicht als gut validiertes Stufenmodell herangezogen, sondern sollte eher als Pioniermodell angesehen werden, das weitere Studien fordert und diesen einen Ansatzpunkt zur Forschung offeriert.
2.3.2 Strukturelle Ansätze
Die strukturellen Ansätze betrachten Entwicklung von Freundschaftskonzepten im Zusammenhang mit der Entwicklung kognitiver Strukturen im Sinne Piagets. Eine wichtige Gemeinsamkeit der Theorien ist der Stufencharakter. Freundschaft entwickelt sich im Laufe der Kindheit und Jugend bezüglich verschiedener Aspekte. Diese Aspekte werden von den Theorien aufgegriffen, untersucht und beschrieben. Dadurch lassen die strukturellen Ansätze der Freundschaftsforschung ein sukzessive aufsteigendes Niveau von Freundschaft im Laufe der Entwicklung erkennen. Die Basis für die strukturellen Ansätze bilden die Ideen von Piaget, Kohlberg und Mead. Strukturelle Freundschafts-theorien stammen unter anderem von Sullivan, Damon, Selman und Youniss. Im Fol- genden werden exemplarisch zwei theoretische Modelle dargestellt.
a.) Das fünfstufige Entwicklungsmodell von Selman
Selmans Hauptinteresse galt der Frage nach der Bildung, Aufrechterhaltung und Beendigung von Freundschaften. Piagets Einfluss bestand durch das Postulat der entwicklungsbedingten Veränderung interpersonaler Beziehungen. Zudem spielt die von Mead thematisierte Fähigkeit der Perspektivenübernahme bei Selman eine entscheidende Rolle.
Im Rahmen eines breit angelegten Forschungsprogramms zur Entwicklung sozialen Denkens entstanden die Arbeiten zum Thema Freundschaft. Freundschaft ist für Selman nur einer von mehreren Bereichen des interpersonalen Verstehens. Dazu gehören das Individuum, die peer group und die Eltern-Kind-Beziehung. Jeder dieser Bereiche untergliedert sich in verschiedene Themen. Für Freundschaft nennt Selman die Themen Zustandekommen der Freundschaft, Enge und Intimität, Vertrauen, Eifersucht, Konflikt und Konfliktbewältigung und Beendigung der Freundschaft. Seine Erkenntnisse gewann Selman aus sog. Dilemma-Interviews. Dazu gab er den Probanden hypothetische „Freunde-Dilemmas“ nach Piagets Vorbild, der „méthode clinique“. Er befragte mit dieser Methode 93 männliche und weibliche Versuchspersonen im Alter zwischen 3 und 32 Jahren. Mit den Ergebnissen stellte Selman ein fünfstufiges Entwicklungsmodell des Freundschaftskonzeptes mit diskreten, sequentiell invarianten Stufen auf:
Stufe 0 bezeichnet Freundschaft als momentane physische Interaktion. Diese ist angesiedelt im Alter zwischen drei und sieben Jahren (vorherrschend im Kindergarten). Äußere Merkmale wie Ähnlichkeit und Nähe sind von entscheidender Bedeutung. Das Kind kann den eigenen Standpunkt nicht von dem eines anderen unterschieden. Freundschaft ist auf dieser Stufe noch sehr instabil und bezieht sich häufig nur auf die aktuelle Interaktion. Enge Freunde sind diejenigen, mit denen das Kind momentan spielt. Wenn Konflikte auftreten, wird dabei meist um Spielsachen gestritten. Unstimmigkeiten werden nicht als Wettkampf angesehen, der persönliche Gefühle widerspiegelt. Die darauf folgende Stufe 1 bezeichnet Selman als die der einseitigen Unterstützung. Diese Stufe durchlaufen Kinder im Alter von vier bis neun Jahren (vorherrschend in der Grundschule). Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass das Kind fähig ist, die eigene Perspektive von der anderer zu unterscheiden. Als Freund wird die Person angesehen, welche die eigenen Ziele fördert und Bedürfnisse befriedigt oder sich dem eigenen
Standard anpasst. Allerdings sind sich die Partner der persönlichen Vorlieben und Abneigungen des anderen bewusst.
Auf Stufe 2 herrscht die sog. „Schönwetterkooperation“ vor. Kinder befinden sich zwischen dem sechsten und zwölften Lebensjahr in dieser Phase. Das Kind ist nun in der Lage, die Perspektive des anderen in seine Handlungen einzubeziehen. Selman bezeichnet dies als reziproke Beziehung, die Kooperation und Annäherung durch wechselseitige Anpassung schafft. Wünsche des anderen werden berücksichtigt. Eine Schönwetterbeziehung ist auf dieser Stufe gegeben, da sie noch sehr instabil ist und Freundschaft als Möglichkeit zur Erfüllung vieler Einzelbedürfnisse angesehen wird, nicht jedoch zur Erfüllung gemeinsamer Interessen.
Stufe 3 bezeichnet eine Freundschaft, die auf Intimität und gegenseitiger Unterstützung basiert. Kinder auf dieser Stufe sind zwischen 9 und 15 Jahren alt (vorwiegend in der Pubertät). Die Fähigkeit, sowohl die eigene Perspektive, als auch die des Freundes und die eines hypothetischen Dritten einzunehmen, ist ausgebildet. Gemeinsame Interessen beider Partner stehen im Vordergrund. Es besteht nun eine dauerhafte affektive Bindung der Partner, die meist exklusiven und teilweise sogar besitzergreifenden Charakter besitzt. Auf dieser Stufe ist es möglich, geringere Konflikte zu bewältigen und wechselseitige Intimität und Unterstützung zu erfahren. Stufe 4 beschreibt Selman als autonome Interdependenz. Diese Stufe tritt etwa ab dem zwölften Lebensjahr ein. Die nun sehr enge Freundschaft dient der gegenseitigen sozialen Unterstützung und Weiterentwicklung der Identität durch die Identifikation mit dem anderen. Allerdings können nicht alle Bedürfnisse einer Person in der Freundschaft erfüllt werden. Um gegensätzliche Bedürfnisse zu befriedigen und die eigene Selbstverwirklichung zu fördern, gehen die Partner andere Freundschaften ein. Auf beiden Seiten entsteht im Idealfall eine Toleranz für andere Bindungen. Die Freundschaft ist ein Teil des sozialen Kontextes beider Personen. An Selmans Modell muss allerdings kritisiert werden, dass es kaum durch adäquate Validierungsstudien gestützt wurde. Zudem wird den Autoren ein undifferenzierter Umgang mit den Interviewdaten vorgeworfen, bei dem v.a. die Zusammenfassung und Mitteilung der Ergebnisse der Interviews Mängel aufweist (Schuster, 1994).
b.) Die Theorie von Youniss
Ausgehend von den Arbeiten Piagets und Sullivans erstellte Youniss eine Freund-schaftstheorie, die sich wie die Modellvorstellung Sullivans mit dem Entwicklungsverlauf von Freundschaftsbeziehungen zu Gleichaltrigen und deren Bedeutung befasst. Sullivan war Pionier auf dem Gebiet der strukturellen Freundschaftsforschung, da er sich von der damals vorherrschenden psychoanalytischen Tradition abwandte. Youniss’ Theorie basiert auf der Vorstellung der aktiven Rolle des Kindes bei der Konstruktion der sozialen Wirklichkeit. Diese Konstruktion geschieht in sozialen Interaktionen. Youniss unterscheidet zwei Stufen von Interaktionsverhalten. Zum einen gibt es das Interaktionsverhalten der komplementären Reziprozität. Dieses ist von unilateralem Charakter wie z.B. die Eltern-Kind-Beziehung, d.h. es besteht kein gleichberechtigtes Handeln, sondern ein Autoritätsgefälle, welches das Handeln beeinflusst. Die Kinder adaptieren Normen und Werte der Eltern. Demgegenüber steht das Interaktionsverhalten der symmetrischen Reziprozität, das bilateral angelegt ist, also auf Wechselseitigkeit beruht. Dies entspricht den gleichberechtigten Beziehungen der Kinder unter-einander. Bei dieser Art der Interaktion ist es den Kindern möglich, wichtige Strategien zur Konfliktbewältigung zu erlernen. Die Kinder sind aktiv an der Konstruktion ihrer Werte und Normen beteiligt. Die Reziprozitätsthese untermauerte Youniss mit empirischen Befunden. So fand er heraus, dass Kinder mit sechs Jahren bereits zwischen der Beziehung zu den Eltern und der zu Gleichaltrigen unterscheiden. Kindliche Freundschaftsdefinitionen erfahren qualitative Veränderungen. Für Kinder im Alter von sechs bis acht Jahren sind Freunde Spielkameraden, die sich durch freundliches Verhalten auszeichnen. Die Freundschaft ist dem Hier und Jetzt verpflichtet. Etwa mit neun Jahren entwickelt ein Kind Sensibilität für die Bedürfnisse des Freundes. Physische, materielle, schulische und emotionale Aspekte wie das Wohlbefinden des Freundes werden mit einbezogen. Im Alter von 12 bis 14 Jahren verstärkt sich der symmetrische Charakter der Beziehung. Freunde handeln nach dem Prinzip der kooperativen Reziprozität. Sie vertrauen einander und verlassen sich aufeinander. Im Laufe der Entwicklung verändert sich die Beziehung also qualitativ. Handlungen sind nicht mehr nur auf den Moment bezogen, sondern werden in einer erweiterten Zeitperspektive gesehen, die für die Beziehung wichtig ist. Freundschaft wird zum stabilen sozialen Konstrukt.
Ein weiteres Merkmal für das Entwicklungsniveau einer Freundschaft ist im Konfliktverhalten angesiedelt. Jüngere Kinder reagieren auf Konflikte meist mit aggressivem Verhalten, wohingegen ältere Kinder ein Fehlverhalten des anderen mit Ausschluss, Ärgern und Schikanen beantworten.
Die Art und Weise, wie Freundschaften entstehen, ist laut Youniss ebenfalls an ein gewisses Entwicklungsniveau gebunden. Im Alter von sechs bis sieben Jahren entsteht eine Freundschaft durch gemeinsame Aktivitäten, im Alter von neun bis zehn Jahren durch Helfen, Teilen und das gemeinsame Tun besonderer Dinge. Im Alter von 12 bis 13 Jahren entsteht Freundschaft, wenn sich die zwei Partner kennen lernen und feststellen, dass sie einander ähnlich sind.
Die Pflichten, die Freunde dem anderen gegenüber empfinden, sind ebenso stark vom Entwicklungsniveau der Freundschaft und damit auch vom Alter der Beteiligten abhängig. Zehn- bis Elfjährige empfinden es als Pflicht, dem Freund gegenüber nett zu sein. Für Dreizehn- bis Vierzehnjährige hingegen ist die wichtigste Pflicht eines Freundes protektives Verhalten. Und Jugendliche im Alter von 16 bis 17 Jahren nennen emotionale Unterstützung als erste Pflicht eines Freundes. Youniss’ Theorie zur Freundschaftsentwicklung basiert also auf dem Entwicklungsgedanken von Freundschaft und steht in den wesentlichen Punkten im Einklang mit den Theorien von Selman, sowie Bigelow und LaGaipa. Betrachtet man allerdings die Altersangaben der Autoren Selman und Youniss, so fällt auf, dass bei letzterem eine deutliche Altersverschiebung nach oben hin zu bemerken ist. Kritisch an Youniss’ Theorie erscheint hauptsächlich sein methodisches Vorgehen. Seine Aussagen stützen sich einzig und alleine auf kindliche Berichte. Auf dieser Grundlage valide, theoretische Konstrukte zu erarbeiten, erscheint relativ schwierig und ist oft auf vage Interpretationen angewiesen. Zudem sind die Aussagen der Probanden von Youniss teilweise unzutreffend generalisiert worden (Wagner, 1991).
2.3.3 Zusammenfassung der Theorien
Vergleicht man die Theorien zu Freundschaft, fallen verschiedene Aspekte ins Auge, die den Theorien gemein sind. Alle Theorien - gehören sie nun dem inhaltsorientierten oder strukturellen Ausrichtung an - beschreiben hierarchisch aufeinander aufbauende
Stufen, Phasen oder Stadien der Freundschaft. Diese Stadien sind in den meisten Fällen an das Alter der Probanden geknüpft. Zumindest wird für die unterschiedlichen Stufen eine Altersangabe gemacht, die sich bei der jeweiligen Stichprobe ergab. Des Weiteren beschreiben die Theorien übereinstimmend die Inversibilität der Stufen mit kumulativer Höherentwicklung. D.h. eine Entwicklung findet immer hin zu einer höheren Stufe statt, ohne auf die zuvor erworbenen Einstellungen und Verhaltensweisen verzichten zu müssen. Einmal erworbene Fähigkeiten und Fertigkeiten stehen weiterhin zur Verfügung. Zudem schreiben die Theorien frühen Freundschaften von Kindern gleiche Charakteristiken zu. Der erste Kontakt von Kindern entsteht den Theoretikern zufolge über das Bedürfnis nach gemeinsamem Spiel. Dabei kommt räumlicher Nähe, physischen Interaktionen und gemeinsamen Aktivitäten eine unabdingbare Bedeutung zu. Freundschaft entsteht, wenn sich Kinder nett finden. Sie ist auf den Moment bezogen, also situational, und wird meist als egozentrisch, oberflächlich und instabil beschrieben. Doch auch für die nächsten Entwicklungsschritte von Freundschaft wird in den Theorien von übereinstimmenden Erkenntnissen berichtet. Mit zunehmendem Alter werden Kinder fähig, die Perspektive des Freundes mit einzubeziehen, die Bedürfnisse des anderen sensibel wahrzunehmen und egozentrisches Verhalten durch sozial orientiertes zu ersetzten. Nicht mehr der eigene Nutzen steht im Vordergrund, sondern auch das Bedürfnis, den Freund zu beschützen. Freundschaften werden zunehmend konfliktbeständiger und stabiler.
Eine weitere wichtige Entwicklung von Freundschaft in einem fortgeschrittenen Stadium, die ebenfalls in allen vorgestellten Theorien zum Ausdruck kommt, ist die Zunahme an Loyalität, Intimität und Vertrauen der Partner. Gemeinsame Interessen sind wichtiger als physische Nähe. Die Konfliktbewältigung und die damit einhergehende Stabilität der Beziehung wächst.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass alle Theorien eine qualitative Veränderung von personzentrierter zu reziproker Freundschaft, wachsende Stabilität und eine Veränderung der Zeitperspektive vom „Hier und Jetzt“ zu einer situationsunabhän- gigen Perspektive hin beschreiben.
2.4 Bedingungen und Korrelate von Freundschaft
Freundschaft als soziale Kategorie steht immer in Zusammenhang mit individuellen Merkmalen derjenigen, die eine Freundschaft miteinander eingehen, sowie zu Merkmalen der Freundschaft als soziale Beziehung. Freundschaft kann nicht losgelöst von diesen Faktoren untersucht werden. Denn diese Aspekte sind die Grundsteine der Beziehung und charakterisieren ihre jeweilige Gestaltung. Unterschiedliche persönliche Aspekte wirken sich auf Interessen, Bedürfnisse und Einstellungen aus. Diese individuellen Merkmale beeinflussen wiederum die Art des Verhaltens, die Interaktion und Kommunikation in einer Freundschaft.
Im Anschluss an die Darstellung umfassender Theorien über Freundschaft, werden nachfolgend einige wichtige und interessante Ergebnisse verschiedener Studien vorgestellt, die individuelle und Beziehungsaspekte von Freundschaften untersucht haben. Diese ausgewählten Korrelate und Bedingungen von Freundschaft spiegeln Ansatzpunkte für eine empirisch-psychologische Freundschaftsforschung wider und haben also auch für die vorliegende Untersuchung entscheidende Bedeutung.
2.4.1 Individuelle Korrelate und Bedingungen
a.) Alter
Ein wichtiges Korrelat von Freundschaft ist das individuelle Alter der Kinder. Ab wann gehen Kinder z.B. eine Freundschaft ein, bezeichnen ein anderes Kind als besten Freund, unterscheiden Freundschaft von anderen Sozialbeziehungen und bewerten ihre eigenen Freundschaften auf unterschiedliche Art und Weise? Die große Anzahl der Publikationen brachte ein sehr heterogenes Bild zum individuellen Alter von Kindern in Bezug auf Freundschaft hervor. Nachfolgend seien einige Beispiele gegeben, die allerdings keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben können. Je nach Lebensalter haben Freundschaften für das Kind eine besondere Bedeutung. Die Aufgaben von Freundschaft wandeln sich also mit der Entwicklung des Kindes. Parker und Gottman (1989) nennen für Freundschaft in der frühen Kindheit die Unterhaltung und das Spiel als Aufgabe, für die mittlere Kindheit die Selbstdarstellung
und für das Jugendalter schließlich die Selbsterforschung und Selbstdefinition. Diese Aufgaben und Ziele stehen in Einklang mit Aussagen der Freundschaftstheorien. Ähnliche Beschreibungen stellen Rubin und Ross (1982) dar. Im zehnten und elften Lebensjahr dient Freundschaft demnach gemeinsamen Aktivitäten, für Vierzehn- bis Sechzehnjährige dazu, Dinge zu besprechen, die beide interessieren und in der Adoleszenz zur intimen Diskussion persönlicher Probleme und Gefühle. Ebenso ändert sich im Laufe der Entwicklung die Einstellung zu Pflichten, die ein Freund zu erfüllen hat. Mit 10 bis 11 Jahren soll ein Freund nett sein, mit 13 bis 14 Jahren soll er Schutz sein und für Jugendliche im Alter von 16 bis 17 Jahren soll er emotionale Unterstützung bieten, berichten Rubin und Ross (1982). Ein umfassender Ansatz zur Beschreibung des individuellen Alters im Bezug auf Freundschaften stammt von Brown (1990). Seiner Meinung nach hängen Entwicklungsveränderungen und Freundschaftsveränderungen eng zusammen. Veränderungen in Freundschaften reflektieren Entwicklungsveränderungen der sozialen und physischen Fähigkeiten. Freundschaft muss sich den altersabhängigen Gegebenheiten anpassen. Der Autor beschreibt deshalb einen „Lebensspannen“-Ansatz, nach dem jedem größeren Lebensabschnitt verschiedene Aufgaben der Freundschaft zugeordnet werden können.
In der frühen Kindheit bestehen aufgrund noch unausgereifter kognitiver und sozialer Fähigkeiten keine Freundschaften. Diese Phase gilt allerdings als Orientierungsphase für spätere Freundschaften. In der Kindheit ist nun die Fähigkeit vorhanden, Freundschaften einzugehen. Freundschaften dienen der Sozialisation und können als vereinfachte Form von Erwachsenenfreundschaften beschrieben werden. Die Erwartung an Freundschaften gewinnt zunehmend an Komplexität und die Stabilität nimmt zu. Die Adoleszenz bezeichnen die Autoren wegen der Loslösung von der Familie als ideale Phase, enge Freundschaften zu knüpfen. Da die Primärfamilie verlassen aber noch keine neu Familie gegründet wird, gewinnen Freunde an Bedeutung. Dabei übernimmt Freundschaft die wichtige Aufgabe der sozialen und emotionalen Hilfe und Unterstützung, fördert aber auch ein stabiles Selbstkonzept. In weiteren Lebensabschnitten dient Freundschaft der Anpassung (junges Erwachsenenalter), der selektiven Aufrechterhaltung von Kontakten (mittleres Erwachsenenalter) und der Einschränkung (Alter) 1 .
1 An dieser Stelle sei - ergänzend zu den hier angeführten Ergebnissen - auf die Ausführungen in den
Theorien hingewiesen, die ebenfalls auf das individuelle Alter von Freunden eingehen (Kap. 1.3).
b.) Geschlecht
Bei der Betrachtung gleichgeschlechtlicher Freundschaften im Kindes- und Jugendalter lassen sich einige Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen erkennen. Sie gehen offensichtlich unterschiedliche Typen von Interaktionen mit ihren Freunden und Freundinnen ein (Brendgen, 1996) und setzen unterschiedliche Akzente in der Freundschaft. Mädchen unterhalten hauptsächlich dyadische soziale Beziehungen, wohingegen befreundete Jungen sich vorwiegend an Gruppenaktivitäten beteiligen und sich „Cliquen“ zugehörig fühlen (Blyth & Traeger, 1988). Entsprechende Ergebnisse fand auch Savin-Williams in einer neueren Studie (1994). Des Weiteren verbringen Mädchen mehr Zeit mit ihren Freundinnen als Jungen mit ihren Freunden (Blyth & Traeger, 1988; Wong & Czikszentmihalyi, 1991). In Jungenfreundschaften stehen gemeinsame Aktivitäten, z.B. Sport treiben oder spielen, im Vordergrund (Schmidt-Denter, 1996), wohingegen Mädchen schon früh den Austausch von Vertraulichkeiten betonen (Smollar & Youniss, 1982) und sich in größerem Maße als Jungen der Freundin mitteilen (Furman & Buhrmester, 1985; Hunter & Youniss, 1982). Reisman (1990) spricht in diesem Zusammenhang von einer größeren Selbstenthüllung („self-disclosure“). Mädchen empfinden die Hilfe, die sie der Freundin entgegenbringen und von dieser erhalten als äußerst wichtig (Bigelow & LaGaipa, 1995). In Einklang damit berichten Rubin und Ross (1982), dass Mädchen im Gegensatz zu Jungen emotionale Unterstützung als wichtigen Aspekt der Freundschaft nennen.
Sehr oft wird von Unterschieden in der erwarteten und tatsächlichen Vertrautheit oder Intimität der Freunde zueinander berichtet. Intimität wird dabei häufiger von weiblichen Probanden betont (Blyth & Traeger, 1988). Die Unterschiede bezüglich der Erwartung „Intimität“ wurden von Bigelow und LaGaipa (1995) bestätigt. Die Autoren betonen dabei aber die vorrangige Bedeutung der Unterschiede im Jugendalter. Vor und nach der Adoleszenz sind sie weniger gering. Buhrmester (1990) sowie Jones und Dembo (1989) berichten ebenfalls von stärkerer Betonung der Intimität bei Mädchen. Die Unterschiede treten dabei zum ersten Mal in der mittleren Kindheit auf und verstärken sich in der Adoleszenz.
Wright (1982) fasst den Geschlechtsunterschied in Freundschaften folgendermaßen zusammen: Freundschaften von männlichen Personen sind eine „Seite an Seite“- Beziehung („side by side“), bei der gemeinsame Aktivitäten im Vordergrund stehen.
Freundschaften von weiblichen Personen entsprechen einer „Beziehung von Angesicht zu Angesicht“ („face to face“), die von gegenseitiger Kenntnis und Fürsorge geprägt sind.
c.) Persönlichkeit
Neben dem Alter und dem Geschlecht haben auch Persönlichkeitsmerkmale Einfluss auf Freundschaften. Für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Freundschaft scheint Ähnlichkeit im Verhalten und in den Interessen der Personen sehr wichtig zu sein. Vasta, Haith und Miller (1999) bezeichnen diese Ähnlichkeit mit dem Begriff „behavioural homophyly“. Sie bezieht sich z.B. auf die von Berndt (1989) gefundene Ähnlichkeit in der „Orientierung bezüglich einer Kinderkultur“, d.h. darauf, was die Kinder gerne tun, welche Musik sie hören, welche Spiele sie spielen etc. Doch nicht nur in ihren Interessen ähneln sich Freunde, auch in Persönlichkeitsmerkmalen finden sich Übereinstimmungen. So konnte beispielsweise Ähnlichkeit von Freunden bezüglich der Schüchternheit oder dem Aggressionsverhalten empirisch belegt werden (Kuperschmidt, DeRosier & Patterson, 1995; Poulin et al., 1997). Derartige Ähnlichkeiten unter Freunden konnten bereits in der frühen Kindheit nachgewiesen werden (Rubin, 1994). Generell wird allerdings davon ausgegangen, dass der Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen und Verhaltensmustern auf Freundschaft erst in der mittleren bis späten Kindheit zum Tragen kommt.
Dem Zusammenhang von Persönlichkeit und Freundschaft kommt noch eine andere Bedeutung zu. Faktoren wie soziale Kompetenz, Stress, Ängstlichkeit, Schüchternheit, Selbstsicherheit und Selbstwertgefühl, Einsamkeit und ähnliche Aspekte sind im Bezug auf Freundschaften untersucht worden und zeigen korrelative Zusammenhänge. So berichtet Hartup (1993) von positiven Korrelationen zwischen Freundschaft und Kooperation, Selbstsicherheit und altruistischem Verhalten, wohingegen Einsamkeit negativ korreliert. Ähnliche Ergebnisse fanden Newcomb & Bagwell (1996). Kinder führen weniger Freundschaften, wenn sie an emotionalen Störungen leiden, Lernbehinderungen aufweisen (Bryan, Werner & Pearl, 1982), bei ihren Klassenkameraden unbeliebt sind (Ladd, 1983), Kommunikationsschwierigkeiten haben, schüchtern oder herrschsüchtig sind (Newson & Newson, 1978). Dabei ist zu beachten, dass es sich bei den Ergebnissen lediglich um korrelative, nicht kausale Zusammenhänge handelt. Ob also
Persönlichkeitsfaktoren das Freundschaftsverhalten beeinflussen oder Freundschaften sich auf die Persönlichkeit von Kindern auswirken, bleibt ungeklärt.
2.4.2 Beziehungskorrelate und Bedingungen
a.) Räumliche Nähe und Distanz
Bereits 1950 machten sich Festinger, Schacter und Back Gedanken über den Einfluss räumlicher Nähe und Distanz auf soziale Beziehungen. Sie untersuchten, mit welcher Wahrscheinlichkeit Freundschaften zwischen Personen geschlossen wurden, die weit voneinander entfernt, oder nahe beisammen wohnten. Die Ergebnisse bestätigen die Hypothese, dass Freundschaften zu dieser Zeit eher geschlossen wurden, wenn die Beteiligten nahe beieinander wohnten. Sie begründeten die Befunde wie folgt: Der Auf-wand für die Aufrechterhaltung der Beziehung war bei „long-distance“ Freundschaften für die Beteiligten sehr hoch. Dadurch fehlten Motive wie emotionale Unterstützung und persönlicher Nutzen, die eine Beziehung stärken. Freundschaften mit räumlicher Nähe bedeuten demnach geringeren Aufwand bei größerem Nutzen. Schnell wurde in der Wissenschaft aus dieser Studie der Schluss gezogen, dass Freundschaft auf physischer Nähe beruht und nur in Ausnahmen über weite Distanzen funktioniert. Es lag daher nahe, in der Freundschaftsforschung einen Fokus auf Beziehungen zu legen, in denen die Partner nahe beieinander leben. Doch die Debatte um räumliche Nähe und Distanz spielt auch in der heutigen Forschung eine wichtige Rolle (Adams & Blieszner, 1993). Unter neuen gesellschaftlichen Vorzeichen, nämlich der zunehmenden Globalisierung (Ferguson, 1992) und Individualisierung (Beck, 2000), wird eine immer größere Flexibilität erwartet. Oft werden für die Aufrechterhaltung der sozio-ökonomischen Bedingungen von Personen und deren Familien Opfer gebracht. Umzüge, wenig Freizeit und ähnliche Bedingungen wirken sich auf das soziale Umfeld und Verhalten aus und haben damit unweigerlich Einfluss auf Sozialbeziehungen, besonders auf Freundschaften. Daher scheint es eine natürliche Folge moderner Gesellschaften zu sein, dass die Zahl der Freundschaften mit räumlicher Distanz zunimmt. Trotz einiger Studien, die Beziehungen auf Distanz einbeziehen, ist die Forschung auf diesem Gebiet jedoch noch recht jung und unvollständig. Da aber das Phänomen der Freundschaften auf Distanz,
die z.T. ohne vorherigen „face to face“-Kontakt entsteht, immer mehr zunimmt, wird sich auch diese Lücke in der Studienlandschaft zum Thema soziale Beziehungen weiter schließen.
b.) Dimensionen und Faktoren von Freundschaft
Viele Studien beschäftigen sich mit Dimensionen oder Faktoren von Freundschaft. Es hat sich herausgestellt, dass diese Themen ebenfalls vom Alter und dem sozialkognitiven Entwicklungsstand der Beteiligten abhängig sind. Deshalb erscheint eine Einteilung in Altersgruppen sinnvoll.
Für Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren sind nach Hayes (1978) die Dimensionen „räumliche Nähe“, „gemeinsame Aktivitäten“, „Spiel allgemein“, die „Bewertung des anderen“ und „materieller Besitz“, z.B. von Spielsachen und Süßigkeiten von entscheidender Bedeutung. Furman und Bierman (1983) stimmen einer Einteilung in diese Dimensionen zu und fügen ihr zudem „körperliche Eigenschaften“ hinzu. Ebenso fanden Selman und Selman (1979) die Dimensionen „körperliche Eigenschaften und Besitz“ sowie „räumliche Nähe“ als entscheidende Themen der Freundschaft drei- bis siebenjähriger Kinder.
Hunter und Youniss (1982) konnten eine stetige Zunahme der Bedeutung von „Intimität“ bis hin zum neunzehnten Lebensjahr feststellen. Für Kinder nach dem Grundschulalter bis hin etwa zum sechzehnten Lebensjahr fanden Bigelow und LaGaipa (1995) sog. „reifere“ Dimensionen der Freundschaft. Sie sprechen von „Loyalität“, „Intimität“ und „Authentizität“ als wesentliche Erscheinungen. Allerdings berichten die Autoren, neben der stetigen Zunahme der genannten Faktoren, von einer nahezu gleichbleibenden Bedeutung der Themen „gemeinsame Aktivität“, „Helfen“ und „Ähnlichkeit mit dem Freund“. Die Dimensionen „Bewertung des anderen“ und „Bewunderung“ nehmen mit steigendem Alter an Bedeutung ab.
Die meisten Studien, die sich mit Dimensionen von Freundschaft befassen, bedienen sich einer faktorenanalytischen Auswertung von Interview- und Fragebogendaten. Dabei entstanden unterschiedlichste Ergebnisse bezüglich Inhalt und Anzahl der Faktoren von Freundschaft. Laut Brendgen (1996) nennen Furman und Robin (1985) 12 Faktoren, Berndt und Perry (1986) beschränken sich auf sechs Faktoren, ebenso Parker und Asher (1993) und Oswald und Krappmann (1995). Bei Bukouski, Hoza und Boivin
(1993) ergaben sich fünf Faktoren. Trotz der unterschiedlichen Anzahl von Faktoren sind allen Ansätzen die Faktoren „Intimität“ und „Konflikt“ gemein. Nach Epstein (1989) bestimmen drei Faktoren die Wahl einer Person zum Freund. Diese sind von unterschiedlicher Wichtigkeit. Die Ähnlichkeit (in Bezug auf Interessen und Werthaltungen) der Personen wird von der Autorin als Tiefenmerkmal bezeichnet. Die Altershomogenität bzw. Altersheterogenität wird als Oberflächenmerkmal beschrieben und die räumliche Nähe schließlich als sozial-ökologisches Merkmal. Diese drei Merkmale unterliegen unterschiedlichen Entwicklungsverläufen. Mit zunehmendem Alter wird die Ähnlichkeit der Partner immer wichtiger (Höhepunkt mit 12 Jahren erreicht), wohingegen die Altershomogenität und räumliche Nähe an Bedeutung verlieren (Höhepunkt bei 8 bis 10 Jahren). Epstein spricht generell von einer altersbedingten Entwicklung von Freundschaft durch zunehmende Stabilität, größere Differenziertheit des Verhaltens der Freunde untereinander und Vermeidung von Wettbewerb und damit von Konflikten.
c.) Prozess und Entwicklung einer Freundschaft
Zu Beginn des Forschungsinteresses stand eine statische Konzeption von Freundschaft, die allerdings bald von einem dynamischen Verständnis abgelöst wurde. Freundschaft wird kontinuierlich aufgebaut, entwickelt, verändert, erhalten und beendet, besitzt also einen Prozesscharakter (Adams & Allan, 1998; Brown, 1990). Brown (1990) stellt hierzu ein Freundschaftsverlaufsmodell vor. Dieses beinhaltet drei Phasen. Zuerst versuchen Partner eine oberflächliche Ähnlichkeit zu schaffen. Ist dieser Grundstein gelegt, gewinnt die Wechselseitigkeit im Verhalten und Erleben der Freunde einen bedeutenden Stellenwert. Die dritte Phase einer Freundschaft ist geprägt von zunehmender Reziprozität, die sich mehr und mehr auf die Gesamtheit der anderen Person bezieht. Der Entwicklungsprozess einer Freundschaft mit den differenzierten Phasen gestaltet sich zudem unterschiedlich entsprechend dem Lebensalter der Freunde. Er ist abhängig von den sozialen und kognitiven Fähigkeiten, den situativen Bedingungen und Bedürfnissen der Freunde (vgl. 2.3).
d.) Altershomogenität und Altersheterogenität
Die Altershomogenität oder Altersheterogenität innerhalb einer Freundschaft ist ein weiterer Aspekt, dem das Forschungsinteresse gilt. D.h. es wird untersucht, ob Freunde gleich alt sind und wenn nicht, welche Differenz sie bezüglich ihres Lebensalters aufweisen. Normalerweise gehören Freunde der gleichen Altersgruppe an. Die Altershomogenität von Freundschaften entspricht der sozialen Alltagserwartung und wurde in unzähligen wissenschaftlichen Studien belegt (Booth, 1972; Evans & Wilson, 1949; Furfey, 1927; Lowenthal, Thurnher & Chiraboga, 1975; Riley & Foner, 1968; nach Brown, 1990). Brown (1990) konstatiert: „Most friendships, at all life stages, are ‘agehomogeneous’, that is, they involve partners who are virtually the same age“ (S. 26). Altershomogenität ist nach Meinung des Autors insofern unumgänglich, als soziale Normen, gesellschaftliche Strukturen und mangelnde Kontaktmöglichkeiten von Personen unterschiedlichen Alters heterogene Freundschaften erschweren. Berndt (1989) untersuchte Altershomogenität speziell im Kindesalter und fand ebenfalls, dass die meisten Kinder sich Freunde suchen, die ihrem Alter entsprechen. Bis zum Alter von ca. 18 Jahren hat der Großteil der Freunde einer Person zu dieser einen Altersabstand von weniger als einem Jahr (Brown, 1990). Gerade für Kinder und Jugendliche ist daher eine Altershomogenität ihrer Freundschaften anzunehmen. Allerdings, und das ist im Bezug auf Online-Freundschaften zu bedenken, ist Altershomogenität keine Voraussetzung für Freundschaft, sondern lediglich ein sozialstrukturell bedingtes Korrelat. Auch wenn in den meisten Fällen Freundschaft eine Altershomogenität aufweist, besteht doch ebenso die Möglichkeit, in einer Freundschaft eine Altersheterogenität vorzufinden.
e.) Geschlechtshomogenität und Geschlechtsheterogenität
Kinder nennen als besten Freund und beste Freundin meist eine gleichgeschlechtliche Person (Tesch, 1983). Bei Jugendlichen ändert sich das Verhältnis zwar, doch weichen dann die Grenzen zwischen Freundschaft und Liebesbeziehungen auf (Shulman & Collins, 1997). Auch bei Adoleszenten ist die dominierende Art der Freundschaft, die mit einer Person gleichen Geschlechts (Hartup, 1993). Weitere Autoren, die sich mit Kin- der- und Jugendfreundschaften befassten, fanden in erster Linie geschlechtlich getrennte
Freundschaften (Eder & Hallinan, 1978; Maccoby, 1988; Oswald, Krappmann, Chowdhuri & von Salisch, 1986; Petillon, 1993, nach Brendgen, 1996; Feiring & Lewis, 1989). Laut Schmidt-Denter (1996) liegt der Anteil der gleichgeschlechtlichen Freundschaften zwischen 62 und 81%. Des Weiteren ist dieses Phänomen kulturübergreifend und laut Autor ein universaler Faktor menschlichen Sozialverhaltens. Doch ebenso wie die Altershomogenität nicht unbedingt ein genuines Merkmal von Freundschaften ist, verhält es sich auch mit der Geschlechtshomogenität. Eine Beeinflussung durch soziale Normen, gesellschaftliche Strukturen und mangelnde Kontaktmöglichkeiten von Personen unterschiedlichen Geschlechts ist denkbar, so dass geschlechtsheterogene Freundschaften durch genannte Faktoren unterbunden werden. Prinzipiell ist also auch Geschlechtsheterogenität in Freundschaften in gleichem Maße denkbar, wenn sich die sozialen Bedingungen ändern.
2.4.3 Zusammenfassung der Korrelate und Bedingungen
Freundschaft ist abhängig von verschiedenen Korrelaten und Rahmenbedingungen. Zu diesen zählen personbezogene Aspekte wie Alter, Geschlecht, Merkmale der Persönlichkeit, aber auch Beziehungsmerkmale wie räumliche Konstellation, Dimensionen und Faktoren, der Phasenverlauf der Freundschaft, sowie die Homogenität bzw. Heterogenität von Alter und Geschlecht. Zusätzlich zu den genannten Korrelaten sind noch andere denkbar, so z.B. individuelle Korrelate wie Familiensituation, Statuseigenschaften, kulturelle Einflüsse etc. Da die vorliegende Arbeit sich allerdings aus Gründen der Vergleichbarkeit auf bereits empirisch untersuchte Korrelate beschränkt, werden weitere Bedingungen der Freundschaft an dieser Stelle vernachlässigt.
Soll Freundschaft in ihrer ganzen Fülle betrachtet werden, müssen die wesentlichen Bedingungen und Korrelate integriert sein. Sowohl die individuellen Aspekte als auch die Beziehungsaspekte sind abhängig voneinander. Es ergibt sich dadurch ein sehr komplexes Netz von Einflüssen auf eine Freundschaft, das in seiner ganzen Vielfalt nicht erfassbar ist. Trotzdem sollte die Forschung bemüht sein, die Teilaspekte und de- ren Verknüpfung so weit wie möglich zu erfassen und zu beschreiben.
3 Spezifische Formen von Freundschaft
3.1 Freundschaften in unterschiedlichen Kontexten
Über soziale Beziehungen sagen Adams und Allan (1998) Folgendes: „they develop and endure within a wider complex of interacting influences which help to give each relationship its shape and structure“ (S. 2). Sie betonen damit die Rolle des Kontextes von Beziehungen. Nach Duck (1993) wird gerade dieser weiter gefasste Kontext, in den Beziehungen eingebettet sind, in der Forschung vernachlässigt. Das wiederum bedeutet, dass u.a. die Berücksichtigung des Kontextes „Internet“ für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Beziehungen äußerst wichtig ist. In Einklang mit Ducks Forderungen steht die Feststellung Castells (2000), wonach sich soziale Beziehungen unterschiedlich gestalten, je nach technologischem Kontext, in dem sie geformt und aufrechterhalten werden. In den letzten 150 Jahren fand eine Entwicklung moderner Kommunikationstechnologien statt, die entscheidende Veränderungen für die Möglichkeiten der zwischenmenschlichen Kommunikation mit sich brachte, indem sie den Kontext von Beziehungen erweiterte und veränderte. Während der letzten Jahrzehnte hat diese Entwicklung mit forcierter Geschwindigkeit Einzug in die Kommunikationswelt gehalten. Eine interessante Frage stellt sich hiermit für die Wissenschaft: Wie wirkt sich die Entwicklung der Kommunikations- und Transporttechnologien auf soziale Beziehungen und insbesondere auf Freundschaften aus?
Angestoßen wurde dieser wissenschaftliche Diskurs durch folgende These Homans’ (1950): „Increased interaction leads to increased liking“ (zitiert nach Adams & Allan, 1998, S. 153). Demnach schafft jede Veränderung der Technik, welche die Aufrechterhaltung des Kontakts zwischen den Partnern vereinfacht, einen stärkeren Zusammenhalt in deren Freundschaft. Nicht nur Freunde, die weit voneinander entfernt leben, sondern auch relativ nahe beieinander wohnende Personen profitieren von den einfacheren, schnelleren und billigeren Kommunikationsmöglichkeiten. Hays (1984, 1985) konnte diese These belegen. Es besteht jedoch ein großes Defizit an Untersuchungen zu den Auswirkungen der neuesten Entwicklungen der elektronischen Kom- munikationsmöglichkeiten auf Freundschaften und soziale Beziehungen.
Freundschaften funktionieren nicht in einer abstrakten, dekontextualisierten Welt. Sie werden vielmehr von Individuen, die in einem spezifischen, kontextabhängigen Setting handeln, konstruiert, d.h. initiiert, entwickelt, modifiziert, aufrechterhalten und beendet, (Adams & Allan, 1998). Zunächst muss also geklärt werden, in welcher Weise der Begriff „Kontext“ im Hinblick auf soziale Beziehungen benutzt wird. Der Kontext einer Freundschaft bezieht sich auf diejenigen äußeren Bedingungen, die Auswirkungen auf die Entwicklung und Aufrechterhaltung der Freundschaft haben, Bedingungen, welche die Freundschaft sozusagen umgeben. Welche Elemente letztendlich als bedeutend für den Kontext angesehen werden, liegt zu einem großen Teil in der Intention und der Fragestellung einer Studie oder eines Projektes begründet. Die Berücksichtigung des Kontextes in der Untersuchung sozialer Beziehungen ist von großer Bedeutung. In der bisherigen Forschung zu sozialen Beziehungen im Internet spiegelt sich jedoch eine Kontroverse diesbezüglich ab, ob der Kontext „Internet“ hemmend (z.B. Kraut et al., 1998) oder förderlich (z.B. Utz, 2000) für die Entwicklung von Beziehungen und Freundschaften ist. Der Fokus liegt dabei auf der Frage, ob der Effekt des neuen Kontextes der Freundschaft darin liegt, soziale Isolation zu verstärken, oder ob er eine erhöhte soziale Integration bewirkt. Ebenso stellt sich die Frage, inwieweit technologische Veränderungen die räumlichen und zeitlichen Begrenzungen von Freundschaften aufheben (vgl. 3.6).
Wie bereits erwähnt, konnte in der frühen Phase der Freundschaftsforschung gezeigt werden, dass sich Freundschaften eher entwickeln, wenn die Beteiligten nahe bei-einander wohnen, da unter diesen Umständen die Kosten für den Aufbau und die Pflege der Freundschaft relativ gering sind. Bei Freundschaften auf Distanz hingegen sind die Kosten hoch und die emotionale Unterstützung der Partner gegenseitig relativ gering (Festinger, Schacter & Back, 1950). Zusätzlich gewann die Untersuchung non-verbaler Kommunikation an Bedeutung, die auf dem Prinzip physischer Nähe beruht. Nonverbales Verhalten wurde als wichtiger Teilaspekt menschlicher Kommunikation betont und ist daher auch für die Freundschaftsforschung wichtig. Im Rahmen der kommunikationstechnologischen Möglichkeiten der damaligen Zeit war es sinnvoll, Theorien zu sozialen Beziehungen zu entwickeln, die auf physische Nähe gründeten. Freundschaften entstanden durch „face to face“-Kontakt und konnten über längere Distanzen zwar unter großem Aufwand aufrechterhalten werden, hatten aber wenig Spielraum, sich weiter zu entwickeln, da eine Kommunikation der
Arbeit zitieren:
Carina Dambacher, 2003, Freundschaften im Kindes- und Jugendalter: Ein Vergleich von realen Freundschaften und Onlinefreundschaften, München, GRIN Verlag GmbH
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