Inhaltsverzeichnis
1 Sein ist Bewegung
2 Die allgemeine Definition der Sinneswahrnehmung
2.1 Das Wahrnehmungsvermögen ist bloße Möglichkeit
2.2 Der Wahrnehmungsvorgang ist reine Energie
2.3 Bewegtwerden ist Leiden
2.3.1 Die Theorie vom Wirken und Leiden
2.3.2 Das Leiden beim Wahrnehmen
3 Die Nähe zum common sense Realismus
Literatur
1 Sein ist Bewegung
Der gängigen Lehrmeinung zufolge ist die Schrift „Über die Seele" ein Spätwerk des Aristoteles. Da zudem seine Aufzeichnungen für Vorlesungen an der Akademie vorgesehen waren, so ist damit zu rechnen, daß der Autor Gedanken aus anderen, früheren Werken immer wieder voraussetzen wird, auch ohne explizit auf diese hinzuweisen.
Es scheint mir daher unerläßlich, der Untersuchung über die allgemeine Definition der Wahrnehmung den Grundgedanken der aristotelischen Philosophie vorauszuschicken.
Stark vereinfacht läßt sich die Philosophie des Aristoteles in der Formel „Sein ist werden" bzw. „Sein ist Bewegung" zusammenfassen. Damit ist gemeint, daß alle natürlichen Dinge nach der Verwirklichung (energeia) ihres Wesens (ousia) streben. Dabei ist das Wesen der Dinge in der Materie zunächst nur der Möglichkeit (dynamis) nach angelegt; im Laufe der Entwicklung manifestiert sich das Wesen allmählich in der Form (eidos), die zugleich das Ziel (telos) der Entwicklung ist.
An allem Seiendem (Werdenden) lassen sich also drei Strukturmomente finden, nämlich Beraubung, Materie und Form. Dies sei an einem Beispiel verdeutlicht: Wenn aus einem ungebildeten Menschen durch Lernen ein gebildeter Mensch wird, so lassen sich unterscheiden:
• der Mensch, der als potentieller (Materie) Träger von Formen über alle Entwicklungsphasen hinweg diesen zugrunde liegt.
• das Gebildetsein als Form und Ziel, wonach der Mensch strebt und schließlich
• das Ungebildetsein als das dem Ziel Entgegenliegende, das Aristoteles Beraubung nennt.
Werden heißt bei Aristoteles also immer etwas werden, nämlich eine Veränderung (Umschlag) bezüglich Qualität, Quantität, Ort und Substanz. Ein Umschlag der Substanz vom potentiell zum wirklich Seienden meint das Werden im engeren Sinne.
Alles Seiende (Werdende, Bewegte) wird bewegt von etwas, das immer etwas anderes ist als das Bewegte und dieses kann außerhalb oder innerhalb des Bewegten liegen. So trägt das Natürliche den Ursprung seiner Bewegung in sich selbst; wie die Ruder das Schiff, so bewegt die Seele den Körper. Anders verhält es sich bei künstlichen Dingen: der Handwerker wirkt als äußere Ursache auf den Stoff ein, um ihm zu einem bestimmten Zweck eine bestimmte Form zu verleihen.
3
Aristoteles' Aufgabe ist es nun, die artspezifische Differenz „Bewegung und
Wenn das Wahrnehmungsvermögen wirklich wäre (p), dann würde es selbst auch wahrnehmbar sein (q) und der Wahrneh-mungsvorgang würde auch ohne externe Dinge stattfinden (r). Nun ist dies nicht der Fall (2). Deshalb kann das Wahrnehmungsvermögen nicht wirklich sein (3).
Als nächsten Schritt führt Aristoteles eine Analogie an, mittels derer er das
1. Zunächst wird die bereits erwiesene These, daß das Wahrnehmungsvermögen bloß der Möglichkeit nach existiere, erhärtet und metaphorisch veranschaulicht: wäre das
Wahrnehmungsvermögen aktuell, so würde es sich selbst verzehren, gleich dem Brennstoff, der des Zündstoffes nicht bedürfe (wenn es einen solchen gäbe).
Zum anderen illustriert Aristoteles die These, daß das Wahrnehmungsvermögen sich gar nicht selbst aktivieren kann, sondern daß es dazu eines anderen. bedarf, nämlich seines Gegenstandes. Es stehen sich also zwei ontologisch differente Entitäten gegenüber, wobei das ens in actu (der Gegenstand der Wahrnehmung bzw. der Zündstoff) notwendige Bedingung für die Realisierung des ens in potentia (das Wahrnehmungsvermögen bzw. das Brennbare) ist (vgl. dazu die Theorie vom Wirken und Erleiden). Aristoteles führt den Gedanken der Doppelnatur alles Seienden konsequent weiter: nicht nur beim Wahrnehmungsvermögen sondern auch bei der Wahrnehmungstätigkeit und sogar bei den Wahrnehmungsgegenständen müsse man die Möglichkeit von der Wirklichkeit unterscheiden (De an. 417 a 10 f.). Dieser Textabschnitt legt zwei Fragen nahe: 1. Warum differenziert Aristoteles zwischen diesen drei Begriffen
und
2. warum betont er, daß man diese hinsichtlich der Seinsmodi Möglichkeit und Aktualität (Erfüllung) betrachten müsse? Die Erklärung der ersten Frage ergibt sich aus seiner teleologischen
Naturauffassung: Demnach gibt es in der Natur keinen Zufall; alles ist um eines bestimmten Zweckes willen da. So ist auch das Wahrnehmungsvermögen für seine Tätigkeit, das Wahrnehmen, da. Und auch dieses ist wiederum nur sinnvoll, wenn es Gegenstände gibt, die wahrnehmbar sind. Wie sich die natürliche Zweckordnung im Begrifflichen widerspiegelt, geht deutlich aus einer Passage über das Ernährungsvermögen vor (De an. 415 a 16 f.):
„Wenn man nun sagen soll, was jedes von ihnen ist, z.B. was das Denkvermögen oder das Wahrnehmungsvermögen oder das Ernährungsvermögen, ist vorher noch zu sagen, was das Denken oder Wahrnehmen ist. Denn früher als die Vermögen sind dem Begriffe nach die Betätigungen und Ausübungen. Steht es so und muß man noch früher als sie die Objekte betrachten-, dann muß man zuerst über diese handeln, so über Nahrung, Wahrnehmbares und Denkbares."
Es ist ersichtlich, daß die Definition des Wahrnehmungsvermögens die des Wahrnehmens und diese wiederum die der Wahrnehmungsgegen- stände voraussetzt.
Arbeit zitieren:
Werner Müller, 1995, Die allgemeine Definition der Sinneswahrnehmung bei Aristoteles, München, GRIN Verlag GmbH
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